Reise durch 3 WeltenDeutschland-Litauen-Russland: |
![]() Der Mühlenteich in Kretinga |
Vieles hatte sich geändert seit der ersten Fahrt von 1996, das Ziel ist das gleiche geblieben: inzwischen zu guten Freunden gewordene Menschen zu besuchen und die Diakoniestation "Sandora" mit ihren Partnern zu unterstützen. Dabei können wir jedes Mal an Vergangenes anknüpfen. |
So besuchten wir diesmal wieder die Schule in Kretinga, die im letzten Sommer unsere amerikanische Jugendgruppe aus Littleton aufgenommen hatte. Dort waren inzwischen die Duschen der Sporthalle durch Hilfe aus Saarbrücken und Denver im wahrsten Sinne des Worten von Grund auf erneuert worden. Dank sehr guter schuleigener Handwerker konnte unser Spendenbeitrag ausschließlich für das Material verwendet werden.
Im kleinen Kinderheim in Laukzeme funktionierte das nicht so reibungslos. Wie wir es schon von unseren früheren Besuchen kannten, war das Haus sauber und liebevoll mit dem wenigen Hab und Gut für die Kinder eingerichtet, doch immer noch in einem schlechten baulichen Zustand.
In diesem Jahr gingen die Kontakte sogar über Litauen hinaus, denn wir erprobten einen neuen Heimweg: Statt der zwar schönen, aber doch langen Fahrt über die masurische Seenplatte, versuchten wir diesmal den direkten Weg über die "Neringa" - die Kurische Nehrung und die russische Exklave Kaliningrad, das ehemalige ostpreussische Königsberg. Es war die traditionelle alte Poststraße, die im 19. Jahrhundert St. Petersburg mit Mitteleuropa verband. Bis Kaliningrad über die Kurische Nehrung brauchten wir länger als geplant ein Grund dafür war ein ausgiebiger Stop in Nida (Nidden) mit Strandbummel und Ersteigung der Hohen Düne und der Besuch in dem völlig heruntergekommenen alten Ostseebad Cranz.
Kaliningrad sorgte in mancherlei Hinsicht für Überraschungen. In einem nagelneuen evangelischen Gemeindezentrum, das eher einem Märchenschloss als einer Kirche glich, trafen wir zuerst auf die Frau des Probstes, Luise Wolfram. Die pensionierte Lehrerin aus Sulingen, in Königsberg geboren, bereitete unserer kleinen Delegation einen herzlichen Empfang. Sie sprühte vor Energie und Organisationstalent unverzichtbare Eigenschaften, wenn man als West-Bürger den russischen Alltag bewältigen will.
Die Gemeinde leistet Pionierarbeit. Drei Pfarrer und das restliche Personal werden vorerst von Deutschland bezahlt. Probst Erhard Wolfram ließ sich für die letzten 3 Jahre seines Arbeitslebens an diesen entlegenen Ort versetzen, die anderen Pfarrer arbeiten im Sonderdienst.
Der Kontakt zu den 800 Familien der Stadtgemeinde und den 35 Landgemeinden ist ohne Dolmetscher kaum möglich. Viele Gemeindemitglieder sind deutschstämmige Russen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion, die mehrere Kulturbrüche durchmachen mussten und eine neue Heimat suchen.
Unsere Nähmaschinen und die paar Kleiderkisten, die wir als Geschenke mitbrachten, waren hoch willkommen. Es gibt eine Kleiderkammer und eine Nähstube, in der sich Frauen treffen, Altkleider reparieren und allerlei nützliche Dinge für Basare herstellen. Luise Wolfram und ihr Mann kämpfen unermüdlich an vielen Fronten.
Eine Stadtrundfahrt zeigte uns: Kaliningrad ist nicht mehr Königsberg. Dort, wo einst die historische Altstadt stand, erheben sich hässliche graue Betonburgen. Vom historischen Stadtkern ist nur noch der Dom übrig geblieben, der jetzt in einer Art Prestige-Projekt nach und nach restauriert wird. Alte Bürgerhäuser und Villen sind dem Zerfall überlassen.
Am Abend zeigte sich uns dann ein anderes Bild des jungen Russland. Wir waren unterwegs mit Igor, einem alten Freund des Blankenfeldeners Thomas Zastrow, und seiner Frau Olga. Igor und Olga zeigten uns nicht ohne den typisch russischen Stolz ihre Stadt und führten uns in einen ganz neuen Biergarten auf dem Mira-Boulevard. Groß und einladend, die Kellner in schicker Uniform, entsprechend riesig war an diesem lauen Frühsommerabend der Andrang. Wir vergaßen fast, dass 40% der Bevölkerung am Rand der Armutsgrenze leben und mit umgerechnet 30 Mark im Monat auskommen müssen. Doch wir sahen auch, dass Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten und wir betrachtete mit Erstaunen den Trubel und die gepflegten jungen Leute, die sich um deutsches Bier und Bockwurst mit Pommes reißen. Die Preise waren für russische Verhältnisse mehr als stattlich im west-Vergleich war alles billig.
In dieser russisch-orthodoxen Osternacht war die Stadt voller Menschen. In den wenigen Kirchen gab es traditionelle orthodoxe Gottesdienste mit einem erstaunlichen Andrang. Um zwei Uhr nachts gesellten wir uns zu den Hunderten, die sich vor einer kleinen hölzernen Notkirche versammelt hatten, um wenigsten den Gesängen im Inneren zu lauschen. Hunderte von Kerzen brannten. Eine wunderbare feierliche Stimmung.
Uli Möhler, Mai 2000
| Evangelisch St. Johann - Kretinga/Litauen 02/2004 Uli Möhler |