Jahresberichtartikel 2003 des Schulpsychologischen Dienstes
Umgang mit Computerspielen
Wissen Sie eigentlich, was ihr Kind
am Computer spielt? Sind Sie sicher? Die statistische Wahrscheinlichkeit,
dass Sie vollständig über
die Computerspiele Ihres Kindes Bescheid wissen, liegt bei etwa einem
Drittel. Zumindest hat eine Studie der Universität Bochum Ende 2000
ergeben, dass zwei Drittel der 8- bis 14-Jährigen Computerspiele
spielen, von denen ihre Eltern nichts wissen. Und es ist nicht schwer
zu erraten, dass dies zu einem nicht geringen Teil Action- und Ballerspiele
sein dürften, von denen die Eltern eigentlich nicht wollen, dass
ihre Kinder sie spielen.
Das Gymnasium mag in vielem ein Schonraum sein - was die Computererfahrungen
von Fünft- und Sechstklässlern angeht, scheint dies jedoch
nur bedingt zuzutreffen. Ich mache mir regelmäßig ein Bild
davon, was Schülerinnen und Schüler dieser Jahrgangsstufen
am Computer zu Hause spielen. Was ich auf den anonymen Zetteln zu lesen
bekomme, erstaunt mich immer wieder. Natürlich gehören zu den
angegebenen Spielen auch CD-ROMs wie Löwenzahn und Willy Werkel,
Schachprogramme und andere sinnvolle bis harmlose Kinderspiele. Jedoch
gibt es in fast jeder Klasse auch zwei bis drei Kinder (meist Jungen),
die angeben, im letzten Jahr mehrmals Spiele wie Half-life, Counter-Strike
oder Unreal Tournament gespielt zu haben - und diese drei sind nur die
bekanntesten Ballerspiele, die da genannt werden...
Vielleicht fragen Sie sich spätestens an dieser Stelle, was denn
das Thema Computerspiele mit der Schulpsychologie zu tun hat... Zum einen
gibt es viele Fragen, die im Zusammenhang mit Computerspielen auftauchen
und die man von psychologischer Seite zu beantworten versuchen kann:
Welche Verbindung gibt es zum Beispiel zwischen der spielerischen Gewalt
und der Gewalt in der Realität? Sind Jugendliche, die regelmäßig
Gewaltspiele spielen, gewalttätiger als andere Jugendliche? Warum
greifen viele Kinder (und es sind fast ausschließlich Jungen) regelmäßig
zu solchen Spielen? Zum anderen ist das, was Kinder und ihre Entwicklung
prägt, für Psychologen interessant - und Computerspiele sind
inzwischen bei vielen Kindern und Jugendlichen ein häufig genutztes
Freizeitangebot, das Kinder durchaus beeinflussen und prägen kann.
Auswirkungen von gewalthaltigen Computerspielen
Die Diskussion, ob das
regelmäßige Spielen von Ballerspielen
auch in der Realität zu einer erhöhten Aggressivität führt,
ist zwar ein vielfach von der psychologischen Wirkungsforschung aufgegriffenes
Thema, jedoch gibt es bisher keine einheitlichen Ergebnisse. Ein Teil
der Studien lässt solche negativen Auswirkungen erahnen, andere
dagegen kommen zu gegenteiligen Schlussfolgerungen. Gesichert ist dagegen,
dass Gewaltspiele allein nicht dazu führen, dass ein Jugendlicher
gewalttätig wird. Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Jugendkriminalität
weisen eindeutig darauf hin, dass mehrere auslösende Faktoren vorliegen
müssen, damit Jugendliche gewalttätig oder delinquent werden.
Als mögliche Gewalt begünstigende Faktoren werden u.a. genannt:
aggressive und gewalttätige Vorbilder (vor allem in der Familie);
persönliche Probleme wie Einsamkeit oder Isoliertheit; eine ausweglose
eigene Lebenssituation; eigene Erfahrungen, Gewaltopfer zu sein, usw.
Dass Jugendliche mit solchen Erfahrungen bei Computerspielen besonders
häufig zu gewalthaltigen Spielen greifen, liegt auf der Hand - aber
daraus zu folgern, Robert Steinhäuser wäre in Erfurt Amok gelaufen,
weil er Heavy Metal gehört und Counter-Strike gespielt hat, kann
als Begründung nicht ausreichen. Zehntausende von Jugendlichen spielen
schließlich das gleiche Spiel und hören die gleiche Musik,
ohne je gewalttätig geworden zu sein.
Die gegenteilige Aussage: Gewaltspiele haben keine negativen Auswirkungen,
kann jedoch ebenso wenig stehen gelassen werden. Gerade jüngere
Kinder, die noch mehr Schwierigkeiten haben, Spielwelt und Realität
auseinander zu halten, sollten nicht ständig an mediale Gewalt herangeführt
werden - dies gilt aber für Fernsehen und Video genauso wie für
Computerspiele. Die Folge kann sein, dass Kinder, die noch nicht in ihrer
Persönlichkeit gefestigt sind, in Ansätzen auch in der Realität
Verhaltensweisen aus Gewaltspielen nachahmen. Außerdem werden die
Medienbilder im Gedächtnis abgespeichert und liefern eine Schablone
dafür, wie man die Welt sieht. Wenn jedoch schon für Kinder
Gewalt, die das Töten von Menschen (wenn auch nur medial) zeigt,
zur Normalität wird, führt das zu einer gewissen Abstumpfung.
Gewalt gilt dann u.U. als akzeptables und legitimes Mittel, Interessen
durchzusetzen. Hinzu kommt, dass gerade sensiblere Kinder unter der im
Spiel erlebten Gewalt leiden, aus einem gewissen Gruppendruck heraus
(z.B. um mitreden zu können) aber trotzdem weiter Gewaltspiele spielen.
Was
können Eltern tun?
Für mich heißt die Schlussfolgerung
aus dem zuvor Gesagten ganz klar: Kindern von 10 bis 12 Jahren sollte
verboten werden, Ballerspiele
zu spielen - das gilt vor allem für die so genannten Ego-Shooter,
bei denen man als Spieler eine Waffe in der Hand hat und damit auf andere
zielt und schießt. Strategiespiele wie Age of Empire oder Anno
1603, in denen auch Krieg geführt wird, wo dieser aber nie personalisiert
ist, sind eher vertretbar. Dass ein Verbot solcher Spiele (wie jedes
andere Verbot auch) begründet werden sollte, ist klar.
Auch bei harmlosen Spielen halte ich es im Übrigen für sinnvoll,
dass gerade bei Kindern, die viel vor dem Computer sitzen, feste Zeiten
für das Spielen vereinbart werden. Das heißt zum Beispiel,
dass Regeln wie „erst nach dem Erledigen der Hausaufgaben und auch
dann nur pro Tag eine halbe Stunde“ (am Wochenende auch mal mehr)
vereinbart werden. Gegen einzelne Ausnahmen ist ja auch nichts einzuwenden.
Von Forschern wird immer wieder als wichtigste vorbeugende Maßnahme
beschrieben, dass man sich mit den Computerspielen der eigenen Kinder
beschäftigen soll, indem man sich z.B. mal dazu setzt oder sogar
mitspielt. Das ist sicherlich für manche Eltern zunächst einmal
eine Zumutung, zugleich eröffnen sich jedoch auch viele Chancen,
mit den eigenen Kinder in Kontakt zu kommen. Gerade ältere Schüler
berichten mir immer wieder, dass ihre Eltern kopfschüttelnd mit
einer abfälligen Bemerkung den Raum verlassen, wenn der Sohn Counter-Strike
spielt. Sich als Eltern verantwortlich zu verhalten heißt aber
eher: zu verstehen versuchen, warum die eigenen Kinder zu solchen Computerspielen
greifen, und mit ihnen über die Spiele zu diskutieren (und zwar
ohne den moralischen Zeigefinger). Über Computerspiele sprechen
könnte z.B. auch heißen, Kindern das Muster des Schwarz-Weiß-Malens
(hier der gute Retter, dort der böse Feind), auf dem Spiele häufig
basieren, zu verdeutlichen.
Wer im Übrigen an den Spielerfahrungen der eigenen Kinder teilhat,
wird vielleicht auch verstehen können, warum Kinder und Jugendliche
so häufig zu Action- und Ballerspielen greifen. Sie bieten einen
Nervenkitzel und eine Spannung, die im Alltag nicht zu finden ist. Auch
das Bedürfnis, sich mit anderen in einer Art virtuellem Wettkampf
zu messen, ist ein Motiv für solche Spiele. Etwas ohne Folgen ausprobieren
zu können, mag ein weiterer Grund sein.
Sinnvoll ist es außerdem, den Computer, auf dem Kinder und Jugendliche
spielen, an einem allen zugänglichen Ort (z.B. im Flur) aufzustellen
- und eben nicht im Zimmer des Kindes. So können Sie als Eltern
immer wieder sehen, was ihr Kind gerade spielt. Sind kleinere Kinder
im Haus, so muss eben der große Bruder Rücksicht nehmen und
kann nur dann „ballern“, wenn der kleine Bruder oder die
kleine Schwester mal nicht da ist. Und gegen die Lautstärke der
Spiele, die bei einem Computer an einem „öffentlichen Ort“ oft
stören mag, gibt es ja Kopfhörer, die man an den Soundausgang
des Computers anschließen kann.
Resümée
Einerseits sollte man Computerspiele nicht verharmlosen - Ego-Shooter
gehören nicht in die Hände von Kindern, die die ersten Jahre
im Gymnasium sind (auf den Spielepackungen steht im Übrigen immer,
ab welchem Alter die Spiele zugelassen sind - daran sollte man sich auch
halten!). Andererseits machen solche Spiele aus Jugendlichen nicht kriminelle
und gewalttätige Menschen. Jugendlichen gelingt es eigentlich ganz
gut, zwischen Spielwelt und Realität zu unterscheiden. Zum Problem
werden Ballerspiele erst,
•
wenn sie zur Sucht werden, sodass Jugendliche täglich mehrere Stunden
damit verbringen
•
wenn zur gleichen Zeit kaum noch andere soziale Kontakte gepflegt werden
•
und wenn zu dem exzessiven Computerspielen weitere Probleme hinzukommen.
Ulf Cronenberg, staatlicher Schulpsychologe
(Eine umfangreiche kommentierte Linkliste zu Artikeln und Berichten über Computerspiele im Internet, die ich die letzten Jahre zusammengetragen habe, finden Sie auf dieser Seite des Schulpsychologischen Dienstes.
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