Vertrauensvolles Desinteresse
taz -
16.10.2003
William Forsythe
und der Sparzwang: Wie Frankfurt am Main gerade ein mögliches
kulturpolitisches Modell vergeigt
Fast. Immerhin. Fast ein Wunder. Nachdem die Stadt
Frankfurt im Frühling vergangenen Jahres ihrem bekanntesten
Kulturaushängeschild, dem Choreografen William Forsythe, erst den Stuhl vor
die Türe stellte, dann - überrascht vom weltweiten Aufschrei - doch
erst mal mit ihm reden wollte, Forsythe aber inzwischen selbst die Schnauze voll
hatte. Über Geld hätte man reden können, aber nicht über den
Vertrauensbruch der Politiker aller Parteien des Frankfurter
"Viererbündnisses" mit Ausnahme der Grünen.
Abgetaucht waren sie allesamt, die sonst
so stolz-vertraut "Billy" sagen. Zehn Tage stand die Abschaffung des Balletts im
Raum, zehn Tage kein Wort von CDU, SPD und FDP. Und nicht vom Kulturdezernenten.
Zehn Tage, die der Grund dafür waren, dass Forsythe an die Möglichkeit
einer vertrauensvollen Zusammenarbeit nicht mehr glaubte.
Und dann schien das Unwahrscheinliche zu
passieren: Forsythe signalisierte das Interesse an einer eigenen,
selbstständigen Kompanie, machte Andeutungen, er könne sich
vorstellen, zumindest teilweise auch in Frankfurt zu bleiben. Eine Initiative
aus der Wirtschaft wurde gestartet, die Stadt Dresden und das Land Sachsen
wollten den Choreografen unbedingt ans Festspielhaus Hellerau holen, der neue
hessische Minister für Wissenschaft und Kunst Udo Corts (CDU) engagierte
sich. Und alle waren bereit, dafür richtig Geld zu investieren. In Zeiten
des Sparens ein Modell: eine freie Kompanie, finanziert aus verschiedenen
öffentlichen Töpfen. Schlank, kostengünstig, beweglich. Nun war
Frankfurt am Zuge. Die Oberbürgermeisterin in ihrem Hang zu großen
repräsentativen Gesten gab ihr Jawort. Nur: zu was?
200.000 Euro soll die Stadt
jährlich geben, dazu käme unter anderem die Nutzung des Bockenheimer
Depots. Alles in allem an die 600.000 Euro. Wie das in den Haushalt passen
könnte, ist allerdings ein Problem. Ein noch größeres ist die
Rechtssituation: Eine Beteiligung an der Kompanie könnte arbeitsrechtliche
Schwierigkeiten mit sich bringen. Dann wären ungefähr weitere
anderthalb Millionen jährlich fällig.
Schwerwiegende Probleme, allerdings.
Lösbare? Allerdings. Doch der autistisch agierende Kulturdezernent Berhard
Nordhoff (SPD) hat längst alle Hausmacht verspielt. Und die OB Petra Roth,
die zwar gerne die Kulturpolitik vollmundig an sich reißt, hat letztlich
weder Zeit noch Lust sich ausreichend zu kümmern. So wurde das
Rechtsgutachten viel zu spät eingeholt : Erst einen Tag vor der geplanten
Unterzeichnung des Vorvertags sah das Viererbündnis so viele ungelöste
Probleme, dass es kurzerhand den Mut verlor und die Beteiligung zurückzog.
Aber so richtig interessiert war man
wohl ohnehin nicht. Eine bemerkenswerte Initiative aus Sachsen, Dresden und
Hessen - und ein bemerkenswertes Desinteresse in Frankfurt. Ein Vertreter aus
Frankfurt reiste zur Verkündung der Absichtserklärung der anderen
Partner am Dienstag in Dresden gar nicht erst an. Eine offizielle Stellungnahme
blieb aus.
FLORIAN MALZACHER
taz Nr. 7183 vom 16.10.2003, Seite
17, 102 TAZ-Bericht FLORIAN MALZACHER
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Posted: Do - Oktober 16, 2003 at 12:31 nachm.