Eine juristische Lücke als willkommene Krücke
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16.10.2003
Aus für
Forsythes geplante Kompanie? – Die Stadt Frankfurt lässt den
Ballettchef und ihre drei Partner hängen
„Betriebsübergang“ heißt der
Begriff, der ein schönes Konstrukt zum Einsturz gebracht hat. Das so
genannte Römerbündnis, also das Parlament der Stadt Frankfurt am Main,
bestehend aus CDU, SPD, Grünen und FDP hat am Montag Abend aus rechtlichen
und haushälterischen Gründen beschlossen, eine neue Ballettkompanie
unter der Direktion von William Forsythe nach Auflösung des Balletts
Frankfurt zum Ende der Spielzeit 2004 nicht zu unterstützen.
„Die Gefahr, dass das Ballett dann
weiter als Sparte existiert, sei zu groß“, sagt Kirsten Grothe-Beer
vom Dezernat Kultur und Freizeit in Frankfurt. Da Forsythes von bisher 36 dann
auf mindestens 14 Tänzer verkleinerte Kompanie Mitglieder aus seinem
bisherigen Ensemble beschäftigen würde und außerdem die Proben-
und Spielstätte die selbe, nämlich das Bockenheimer Depot wäre,
sei die oben genannte Betriebsübertragung nicht ausgeschlossen. Das
hieße im Klartext: Forsythes neue Kompanie würde der Stadt über
die veranschlagten Subventionen von 200 000 Euro hinaus möglicherweise
zusätzlich 500 000 Euro an jährlichen Folgekosten verursachen, Geld,
das nicht vorhanden ist. Man wäre gezwungen, den Etat zu überziehen,
wozu es wiederum einer Ausnahmegenehmigung des Landes Hessen bedürfte.
Für die Zeit nach dem Ballett
Frankfurt hatte sich eine Arbeitsgruppe der Länder Hessen und Sachsen sowie
der Städte Frankfurt und Dresden eine praktikable Konstruktion ausgedacht.
Man wollte eine gemeinsame Ballettkompanie unter der Leitung William Forsythes
unterhalten, die je 25 bis 30 Vorstellungen pro Jahr in Dresden-Hellerau und im
TAT geben sollte. Die Länder gedachten, jährlich jeweils 1,3 Millionen
Euro, die Städte jeweils 200 000 Euro zuzuschießen. Am Dienstag haben
sich Vertreter der Länder und der Stadt Dresden in Dresden – aus
Frankfurt war bemerkenswerterweise niemand abkömmlich – getroffen, um
das Projekt voranzutreiben und wurden von der Hiobsbotschaft des Vorabends
überrascht.
Im Hessischen
Ministerium für Wissenschaft und Kunst bedauert man, dass Frankfurt
abgesprungen ist und kann die juristische Begründung nicht nachvollziehen.
„Wir haben das Projekt von Anfang an bejaht und gefördert“, so
Adrienne Lochte, Pressesprecherin des Kulturministeriums. Sie sei neugierig und
gespannt, wie Frankfurt die Entscheidung begründen würde. Denn da gibt
es offenbar verschiedene Versionen. Ebenso neugierig ist man im Ballett
Frankfurt. Forsythe aber will momentan gar nichts sagen.
Laut Grothe-Beer sei die einzige Chance,
die neue Kompanie doch noch auf den Weg zu bringen, ein reiner Gastspielvertrag.
Man wolle ja gern ein Ballett haben – nur kosten darf es nichts. Und
überhaupt würden doch in anderen Städten auch Tanzkompanien
abgeschafft. Solche Argumente von offizieller Seite, die sich zynisch auf
Gewohnheitsrecht beruft, stimmen nicht eben optimistisch. Und die Zeit
drängt, bis Ende des Jahres muss entschieden sein. Die Welt guckt nach
Frankfurt – nicht nur die Ballettwelt.
EVA-ELISABETH FISCHER
Posted: Do - Oktober 16, 2003 at 12:26 nachm.