Der ineffiziente Markt
Frankfurter Rundschau -
16.10.2003
Kollektive
Güter müssen vor Staatsabbau geschützt werden
Von Julian
Nida-Rümelin
Staatsabbau und Kultur
Am morgigen Freitag findet im
Deutschen Bundestag die mit Spannung erwartete Abstimmung über die Reformen
zum Sozialstaatssystem statt. Auch wenn es dabei nicht ausdrücklich um
kulturelle Güter oder Institutionen geht, die auf dem Spiel stehen, so
steht doch unbestreitbar auch eine künftige Staatskultur zur Disposition.
Julian Nida-Rümelin
tritt im folgenden Beitrag für
ordnungspolitisch gezogene Grenzen beim Staatsabbau ein, um kulturelle
Güter zu sichern und zu schützen. Julian Nida-Rümelin ist
Professor für Philosophie an der Universität Göttingen und war
von 2001 bis 2002 Staatsminister für Kultur der Bundesrepublik Deutschland.
Die Zeit der kapitalistischen
Expansion, der Gründerjahre und der ersten Globalisierung der
Wirtschaftsräume war zugleich eine Epoche des Staatsabbaus. Erst als die
kapitalistische Expansion in den humanen, politischen und wirtschaftlichen
Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts endete - Erster Weltkrieg,
Weltwirtschaftskrise, Stalinismus und Nazismus, Zweiter Weltkrieg -, kam es zu
einer Renaissance der Staatstätigkeit in Gestalt einer aktiven Konjunktur-
und Sozialpolitik. Wir leben erneut in einer Phase rasanten Staatsabbaus. Die
Globalisierung ist nicht so weit vorangeschritten wie Anfang des 20.
Jahrhunderts, die sozialstaatlichen Strukturen sind stabiler als in der
Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre, auch die deutsche Demokratie kann
heute als gefestigt gelten. Dennoch: Die Konkurrenz um private Investitionen
schnürt im Wettbewerb um niedrige Kapitalbesteuerungen und Arbeitskosten
den staatlichen Haushalten die Luft ab. Eine Krise des Sozialstaats und der
Politik ist die Folge.
Drei
Sorten öffentlicher Güter
In dieser Situation herrscht
Verwirrung über die Aufgaben des Staates. Die Ideologie des
Marktradikalismus propagiert einen unbegrenzten Staatsabbau. Nur der Markt ist
effizient, der Staat dagegen ineffizient. Dieser einseitigen Perspektive ist
entgegenzuhalten, dass der Markt äußerst ineffizient ist, wenn es um
die Bereitstellung kollektiver oder öffentlicher Güter geht. Dies aber
ist die eigentliche Aufgabe des Staates. Es gibt ganz unterschiedliche Arten
kollektiver Güter, darunter Umweltgüter, Kulturgüter und soziale
Güter. Das Gemeinsame ist, dass sie auf dem freien Markt nur unzureichend
zur Verfügung gestellt werden. Dies ist weder in der ökonomischen noch
in der politischen Theorie umstritten. Umstritten ist, welche Schlussfolgerungen
daraus in der Politik gezogen werden sollten.
Der Nobelpreisträger für
Ökonomie, James Buchanan, der für das, was als Reagan-Revolution
gerühmt und bekämpft wurde, eine wichtige Rolle spielte, spricht von
einem constitutional
und einem
post-constitutional contract
, auf dem demokratische Gesellschaften beruhen.
Der constitutional contract
sichert diejenigen individuellen Rechte, die
für eine freiheitliche Gesellschaft unerlässlich sind, der
post-constitutional contract
dagegen sichert Kooperation: Er trägt dem
politischen System die Aufgabe auf, dafür zu sorgen, dass diejenigen
Güter zur Verfügung stehen, die durch individuelle Vertragsfreiheit
und Markt-Beziehungen allein nicht gesichert werden können.
Ein Beispiel dafür sind
Umweltgüter. Jeder hat ein Interesse an sauberer Luft. Daraus zu
schließen, dass jeder einzelne Haushalt und jede einzelne Unternehmung ein
Interesse daran hat, die Luft rein zu halten, ist jedoch ein Trugschluss. Der
eigene Beitrag zur Luftverschmutzung ist jeweils so gering, dass derjenige, der
diese Luftverschmutzung verursacht, dadurch keine oder nur vernachlässigbar
geringe Nachteile in Kauf nehmen muss, während die Vorteile in finanzieller
Hinsicht oder an Bequemlichkeit sehr groß sein können.
Auch wenn Menschen oder Unternehmen von
moralischen Motiven geleitet werden (in diesem Fall im Interesse die Luft rein
zu halten), so kann sich doch ein geordnetes Staatswesen auf moralische
Sensibilität und Opferbereitschaft allein nicht verlassen. Wenn
individuelles Verhalten der Akteure, wenn der freie Markt allein nicht in der
Lage ist, dieses wertvolle Gut reine Luft herzustellen, dann muss der Staat
tätig werden. Er tut das in Form von Grenzwerten zulässiger
Emissionen, finanziellen Anreizen für umweltschonende Produktion etc.
Staatsabbau in diesem Bereich heißt Verlust an Lebensqualität. Das
Beispiel zeigt, dass eine verbreitete Begrifflichkeit, die kollektive Güter
mit dem "produzierenden Staat" in Verbindung bringt in die Irre führt. Es
ist nicht notwendig, dass der Staat selber als Produzent kollektiver Güter
auftritt. Es genügt in vielen Fällen, dass er die Rahmenbedingungen
des Handelns von Bürgern, Haushalten und Unternehmen zielgerichtet und
konsequent gestaltet. Soziale Leistungen kann man zu einem Teil als individuelle
Güter ansehen. Wo keine staatliche Versicherung existiert oder wo diese
nicht ausreicht, bieten Versicherungsunternehmen Leistungen bei Krankheit oder
im Alter an. Die Leistung des Sozialstaates insgesamt ist jedoch ein kollektives
Gut. Die Tatsache z. B., dass Deutschland zu den Ländern der Welt mit der
niedrigsten Armutsquote gehört, ist ein wesentliches Element einer
insgesamt zivilen, befriedeten Gesellschaft. In den oft verspotteten
Mittelschichtgesellschaften Skandinaviens oder auch Deutschlands waren und sind
die sozialen Spannungen weniger ausgeprägt. Marxisten galt dies in der
Regel als eine trickreiche Verschleierung des Klassengegensatzes, die das System
zwar stabilisiere, aber nicht wirklich humanisiere.
Diese Kritik übersah, in welchem
Umfang staatliche Transferleistungen zu einer ganz realen, praktizierten
Humanität beitragen. Bei ihrem Abbau steht mehr auf dem Spiel als eine
Verschleierungstaktik des Kapitalismus, nämlich die mühsame Balance
zwischen wirtschaftlicher Effizienz und Konkurrenzfähigkeit auf der einen
und sozialer Stabilität auf der anderen. Von sozialer Stabilität
profitieren nicht nur die Empfänger von Sozialleistungen, sondern die
Gesellschaft insgesamt. Wenn in der wohl ökonomisch stärksten Region
der Welt, in Kalifornien, der Staat mehr Geld für Gefängnisse als
für Schulen ausgeben muss, da die Kriminalitätsrate um ein Vielfaches
höher ist als in Deutschland, dann leiden darunter nicht nur die
unmittelbaren Opfer kriminellen Verhaltens, sondern in Gestalt von
Verunsicherung, eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Sorge um die Kinder,
hohen Aufwendungen für Sicherheitsmaßnahmen, Leben in gated
communities etc. so gut wie alle.
Kultur- und Bildungsgüter haben
einen individuellen, aber auch kollektiven Charakter. Die kulturelle
Verfasstheit ist mehr als die Addition individuellen Kulturkonsums.
Künstlerische Kreativitätspotenziale sind für die gesamte
Gesellschaft von Bedeutung, nicht nur für die Besucher von Museen und
Galerien. Die Grundlagenforschung mit ihrer langen zeitlichen Perspektive und
unsicherer ökonomischer Nutzbarmachung wird von den einzelnen Akteuren auf
dem Markt nicht oder nur in geringem Umfange nachgefragt. Leistungen in der
Grundlagenforschung sind schon deswegen ein kollektives Gut, weil diese durch
Publikationen in öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen
Zeitschriften zu Allgemeinbesitz werden. Der "Kommunismus des Wissens" ist
für eine dynamische Wissensgesellschaft unverzichtbar.
Die urbane Qualität unserer
Städte ist ein kollektives Gut, dessen Qualität in hohem Maße
davon abhängt, wie öffentliche Räume gestaltet sind und welche
Rolle sie im städtischen Leben spielen. Privatisierung, Kommerzialisierung
und verkehrliche Nut-zung sind die drei Totengräber öffentlicher
Räume und damit der urbanen Qualität. Museen, Theater,
Volkshochschulen und Stadtbibliotheken sind, auch wenn diese Gebühren
erheben, kollektive Güter: Niemand wird von ihrer Nutzung ausgeschlossen,
und die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran, dass diese Einrichtungen
florieren.
Überbewertung
individueller Kräfte
Der
Staatsabbau muss dort seine Grenzen haben, wo es an die Substanz kollektiver
Güter geht, von denen hier nur drei Typen Umwelt, soziale Sicherheit und
Urbanität genannt wurden. Die Marktgesellschaft tendiert zu einer
Überbewertung individueller Kaufkraft und zu einer Unterbewertung
kollektiver Güter. Demokratische Politik legitimiert sich durch die direkte
und indirekte Bereitstellung kollektiver Güter. Kollektive Güter
können durch staatliche Aktivitäten, in denen der Staat als Produzent
auftritt, sichergestellt werden oder durch eine Gestaltung der
Rahmenbedingungen, die die marktliche Konkurrenz dazu zwingt, kollektive
Güter zu sichern oder bereitzustellen. Während im traditionellen
Politikverständ-nis die erste Aufgabe im Vordergrund stand, sollte eine
moderne Politik die ordnungspolitische Strategie einschlagen, nachdem sich
herausgestellt hat, dass in weiten Bereichen die Effizienz des Staates als
Produzent zu wünschen übrig lässt.
Öffentliche Armut bei privatem
Reichtum, der nun auch in Deutschland zunehmend ungleich verteilt ist,
heißt eben nicht nur, dass die staatlichen Institutionen an Auszehrung
leiden, sondern dass die allgemeine Zugänglichkeit kollektiver Güter
beschnitten wird. Eine humane Gesellschaft verlangt eine Einhegung des Marktes
und seine ordnungspolitische Strukturierung. Die allgemeine Zugänglichkeit
öffentlicher Güter schafft einen kulturellen und sozialen
Zusammenhalt, der für eine vitale Demokratie unverzichtbar ist.
Öffentliche Güter setzen der
Kommerzialisierung Grenzen. Öffentliche Güter nehmen die
Bürgerinnen und Bürger nicht nur als Konsumenten, sondern als
Kooperationspartner wahr. Öffentliche Güter verlangen nach einer
dynamischen Zivilgesellschaft, in der staatliche Institutionen das
Kooperationsgefüge der Bürgerschaft stützen und dieses nicht
ersetzen. Öffentliche Güter verlangen nach einem normativen
Grundkonsens, der ihren Wert und die Kriterien ihrer Förderung beistimmt.
Öffentliche Güter sind Ausdruck einer Demokratie, in der Freiheit,
Gleichheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Kooperation einen hohen
Stellenwert haben.
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Dokument erstellt am
15.10.2003 um 18:16:18 Uhr
Erscheinungsdatum
16.10.2003
Posted: Do - Oktober 16, 2003 at 12:36 nachm.