Eichel verzichtet auf Steuern
Märkische Allgemeine -
14.10.2003
Versicherungsbranche
darf Verluste aus Aktienverkäufen wieder absetzen
ANDREAS STREIM
BERLIN
- Die deutsche Versicherungsbranche kann noch in
diesem Jahr auf steuerliche Entlastung hoffen. Bundesfinanzminister Hans Eichel
(SPD) will angesichts der Probleme zahlreicher Lebensversicherer durch die
Börsenkrise das Steuerrecht für die Branche so ändern, dass
künftig Kursverluste aus Aktiengeschäften mit anderen Gewinnen
verrechnet werden können - und so die Steuerschuld reduzieren. Das sagte
Eichels Sprecher Jörg Müller gestern in Berlin. An den Börsen
legten die Aktien von Versicherungen daraufhin kräftig zu.
Ein Gesetzentwurf werde im Laufe der
Woche von den Koalitionsfraktionen beraten und solle bereits am Freitag im
Bundestag beschlossen werden, sagte Müller. Der Gesamtverband der Deutschen
Versicherungswirtschaft (GDV) begrüßte die Pläne. Bereits im
Frühjahr hatte der Verband vor "katastrophalen Folgen" gewarnt, sollten die
Steuerregeln nicht verändert werden. Im Sommer war mit der
Mannheimer-Versicherung der erste Lebensversicherer in eine existenzbedrohende
Krise gerutscht und von der Auffanggesellschaft Protektor übernommen
worden.
Sollten Eichels Pläne
Gesetz werden, würde der Finanzminister damit einen Teil seiner eigenen
Reform, die Anfang 2001 in Kraft trat, wieder zurücknehmen. Damals wurde
das so genannte Halbeinkünfteverfahren eingeführt. Für
Kapitalgesellschaften wurden Gewinne aus Aktienverkäufen steuerfrei -
gleichzeitig konnten Kursverluste nicht mehr steuermindernd geltend gemacht
werden. Damit sollte der Finanzplatz Deutschland gestärkt und Aktienbesitz
für Konzerne attraktiver werden.
Bei der Versicherungsbranche kam es
durch deren Ausschüttung der Aktiengewinne an ihre Versicherten zu einem
unerwarteten Effekt: Boomen die Börsen, machen die Versicherer einen guten
Schnitt, weil Erlöse aus Aktienverkäufen dann steuerfrei sind.
Gleichzeitig wird der größte Teil der Einnahmen an die Kunden
ausgeschüttet und damit steuerlich als Ausgabe behandelt, was die
Steuerschuld weiter drückt. Wenn jedoch die Aktienkurse über einen
langen Zeitraum fallen, werden die Assekuranzen doppelt belastet. Zum einen
können sie ihre Verluste aus Aktiengeschäften nicht steuerlich geltend
machen, zum anderen sinken ihre Erlöse und damit die Ausschüttungen an
die Kunden. In schlechten Jahren steigt also der zu versteuernde Gewinn der
Unternehmen.
Ein gefährlicher
Unsinn sei das, heißt es beim GDV. "Versicherern, denen es bereits
schlecht geht, werden so zusätzlich bestraft", sagte Verbands-Sprecherin
Gabriele Hoffmann der MAZ. Die Regierung habe damals übersehen, dass es an
den Börsen auch mal abwärts gehe. Bei der Einführung des
Halbeinkünfteverfahren hatten allerdings auch zahlreiche Konzerne das neue
System begrüßt, weil sie sich geringere Steuern erhofften.
Was den Finanzminister sein
Entgegenkommen kostet, ist noch unklar. Branchenexperten erwarten nach Angaben
der "Financial Times Deutschland", dass die Unternehmen in diesem Jahr um bis zu
zehn Milliarden Euro entlastet würden. Dagegen heißt es im
Bundesfinanzministerium, dieser Betrag sei "völlig überhöht".
Dauerhaft werde sich das Steueraufkommen nicht verändern. Das erwartet auch
Hoffmann vom GDV: Zwar würden Versicherer, denen es schlecht geht,
entlastet, aber künftig müssten sie auch wieder Steuern auf
Aktiengewinne bezahlen.
Posted: Di - Oktober 14, 2003 at 08:14 nachm.