Streik macht Pause
Jungle World 42 - 08. Oktober
2003
Während die
Protestbewegungen nachlassen, erhöht die Regierung Raffarin den Druck auf
die Beschäftigten.
von
bernhard schmid, paris
Auch so kann Widerstand aussehen. Der sozialliberale
Gewerkschaftsbund CFDT steht vor einer enormen Austrittswelle. Damit erhält
der Gewerkschaftsverband die Quittung für seine Unterstützung der
konservativen Regierung von Jean-Pierre Raffarin. Die Führung des
Dachverbandes orientiert sich am Vorbild der deutschen Gewerkschaften und der
Sozialpartnerschaft. Während im Frühjahr eine große Streikwelle
das Land überzog, unterstützte die CFDT die Regierungspläne zur
Rentenkürzung und stellte sich damit gegen die soziale Bewegung. Für
die Mehrheit der Linksopposition in der CFDT ist damit der Zeitpunkt gekommen,
zu gehen. Gerechnet wird damit, dass 100 000 der rund 600 000 Mitglieder die
CFDT verlassen werden.
Wie groß
die Bereitschaft zum Austritt ist, wurde auf einer außerordentlichen
Delegiertenkonferenz der Eisenbahner- und Transportarbeitergewerkschaft
innerhalb der CFDT vor zwei Wochen deutlich. Die Branchengewerkschaft FGTE ist
eine der Hochburgen der innergewerkschaftlichen Opposition. Im Gegensatz zum
Dachverband nahm sie an den Streikbewegungen sowohl im Frühjahr als auch
bereits im Herbst 1995 teil. Beraten wurde nun unter anderem ein kollektiver
Austritt des Branchenverbands aus dem Gewerkschaftsbund. Das Risisiko, an der
dafür nötigen Dreiviertelmehrheit zu scheitern, wollten die
Transportgewerkschafter allerdings nicht eingehen. Nun soll jede der 118
Einzelgewerkschaften, aus der sich die FGTE zusammensetzt, für sich
über den Austritt entscheiden. Viele Mitglieder kehren dem Verband aber
bereits individuell den Rücken.
Zwar erlebt Frankreich derzeit eine
Umgruppierung der gewerkschaftlichen Landschaft, bei der vor allem der
sozialpartnerschaftlich orientierte Flügel der Gewerkschaften
geschwächt wird. Doch ein Anwachsen der sozialen Kämpfe und Konflikte
geht damit nicht einher. Vielmehr fällt die Austrittswelle bei den
Gewerkschaften zeitlich in die Flaute, die nun auf die starken sozialen
Bewegungen vom Frühsommer folgt.
Hingegen geht der Protest der
prekär beschäftigten Kulturschaffenden weiter. Die intermittents,
denen die Arbeitslosenhilfe drastisch reduziert werden soll, mobilisieren nach
wie vor zu Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern oder stören
Theater- und Konzertaufführungen. Auch phantasievolle Aktionen kommen nicht
zu kurz: Mitte September erkletterten einige die Fassade vom neuen Hauptsitz des
Arbeitgeberverbands Medef. Die Hausherren hatten alle Mühe, die mit
Transparenten ausgestatteten Gäste wieder loszuwerden. Vergangene Woche
gelang es einer Hand voll intermittents, sich unerkannt in ein Kolloquium in
Toulouse mit dem Medef-Vorsitzenden einzuschleichen. Eine junge Frau stellte die
unschuldige Frage, ob der Medef nicht »eine Gesellschaft ohne jede
Solidarität, mit einem Höchstmaß an Prekarität«
anstrebe. Das folgende brutale Eingreifen des Ordnungsdienstes sorgte für
unerwartete Solidarisierungseffekte im Publikum.
Doch der Ausstand der intermittents ist
mittlerweile gesamtgesellschaftlich weitgehend isoliert. Während des
Sommers bestanden noch Verbindungen zu den sozialen Bewegungen in vielen anderen
Bereichen. Dadurch sollte eine korporatistische Verengung auf reine
Berufsgruppeninteressen vermieden werden. Eine übergreifende Bewegung ist
derzeit noch nicht in Sicht.
Gründe
dafür gibt es viele. So werden die Lehrer und Lehrerinnen, die sich im
Frühsommer besonders stark in der Streikbewegung engagierten, inzwischen
von der Verwaltung finanziell unter Druck gesetzt. Da es in Frankreich zumeist
keine Streikkassen gibt, bedeutet eine Arbeitsniederlegung für die
Beschäftigten meist den Verlust von Lohn oder Gehalt. Viele Lehrer
müssen nach den Streiks im Frühjahr auf bis zu zwei
Monatsgehälter verzichten. Traditionell wurden solche Gehaltsabzüge im
öffentlichen Dienst bisher über einen längeren Zeitraum
gestreckt. Die jetzige Regierung aber hat sich im Sommer entschieden, keinerlei
Konzessionen zu machen, sondern »das Gesetz in seinem Wortlaut
anzuwenden«. Seit Juli oder August sind daher viele Lehrer mit Abzügen
bis 1 500 Euro konfrontiert, und zumindest wer eine Familie ernähren muss,
hat daran schwer zu schlucken.
Auch die
Beschäftigten der Privatwirtschaft lassen sich derzeit kaum mobilisieren.
Immer wieder appellierten im Frühjahr die streikenden Angestellten aus dem
öffentlichen Dienst an die Beschäftigten, sich den Streiks
anzuschließen. Tatsächlich bildete sich auch in der Privatindustrie
ein harter Kern von Streikbereiten. So nahmen etwa in Paris auch Abordnungen aus
den Automobilwerken von Renault, Peugeot oder Citroen an den Demonstrationen
teil. Beim Reifenhersteller Michelin in Clermont-Ferrand verließen im Juni
400 Arbeiter während der Schicht ihre Arbeitsplätze und versammelten
sich zu einer eigenen Demonstration – ein großer Schritt angesichts
der besonders harten Repressionspraxis in dem paternalistisch geführten
Unternehmen.
Doch gerade in der
Privatindustrie setzt der Anstieg der Arbeitslosigkeit diejenigen, die noch
einen Job haben, unter Druck. Für Ende des Jahres wird erwartet, dass die
Erwerbslosenrate die Zehnprozentmarke überschreitet, wie zuletzt 1999.
Hinzu kommt, dass sich der Umgang mit Erwerbslosen in den letzten Monaten
drastisch verschärft hat. So werden 800 000 bis 850 000 Arbeitslose in den
nächsten Monaten aus der Arbeitslosenkasse Unedic herausfallen. Das ist die
Folge eines Abkommen, das ein Teil der Gewerkschaften, darunter die CFDT, im
Dezember vergangenen Jahres fast unbemerkt von der Öffentlichkeit
unterzeichnete.
Wer von der
Arbeitslosenhilfe ausgeschlossen wurde, erhielt bisher die so genannte
»Spezifische Solidaritätsleistung« (ASS), eine staatliche
Stütze mit fester Bezugshöhe. Doch die Regierung Raffarin entschied im
Spätsommer, dass sie für die erwarteten zusätzlichen
Anspruchsberechtigten nicht aufkommen wolle. »Man kann nicht ewig die
Arbeitslosigkeit bezahlen«, bemerkte Sozialminister François Fillon
im Interview mit der Sonntagszeitung JDD trocken. Die ASS wurde auf zwei bzw.
drei Jahre Bezugsanspruch begrenzt. Hunderttausende werden damit in die
Sozialhilfe abrutschen.
Und auch die ist
nicht mehr, was sie einmal war. Vom kommendem Jahr an heißt sie RMA,
»Mindestaktivitätsbezug«. Sozialhilfeempfänger sollen
gezwungen werden, gemeinnützige Arbeit zu leisten. Der Verdienst von ca.
zwei Euro pro Stunde soll mit der Sozialhilfe verrechnet werden.
Immerhin haben inzwischen die
Arbeitslosen begonnen, sich zu wehren. Ihre Aktionen werden wie schon bei den
Arbeitslosenprotesten im Winter 1997/98 von einer kleinen selbst organisierten
Minderheit getragen. In den vergangenen Wochen besetzten sie eine Reihe von
örtlichen Arbeitslosengeld-Kassen. Und es sieht ganz danach aus, dass sich
diese Proteste ausweiten werden.
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Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 03:07 nachm.