Abkehr vom Vater Staat
SZ -
20.10.2003
Deutschland im
Reformherbst / Von Hans-Peter Müller
Ist das „Modell Deutschland“, jene
gelungene Balancierung von ökonomischer Dynamik und sozialem Ausgleich am
Ende? Wird es eine rot-grüne Regierung sein, die den sozialdemokratischen
Grundkonsensus aufkündigt?
Das käme einer Revolution
gleich, wie sich im Rückblick auf die Entstehung des Sozialstaates zeigt.
„Ich bin entschlossen, zur Verbesserung der Lage der deutschen Arbeiter
die Hand zu bieten, soweit die Grenzen es gestatten, welcher meiner
Fürsorge durch die Notwendigkeit gezogen werden, die deutsche Industrie auf
dem Weltmarkte konkurrenzfähig zu erhalten und dadurch ihre und der
Arbeiter Existenz zu sichern.“ So dekretierte Kaiser Wilhelm II. im Jahre
1890 und begründete wie selbstverständlich den engen Zusammenhang
zwischen ausgreifender Weltmarktorientierung und interner sozialpolitischer
Absicherung.
Nicht Markt oder
Staat, wie uns der neoliberale Diskurs heute suggerieren möchte, sondern
Globalisierung und Sozialstaat machen von Beginn an den deutschen Sonderweg aus.
Ein Spätzünder nicht nur in der nationalstaatlichen Einigung, sondern
auch in der Industrialisierung legte das deutsche Kaiserreich ungeachtet
heftiger interner Konflikte wie dem Kulturkampf und den Sozialistengesetzen ein
rasantes Entwicklungstempo bis zum Ersten Weltkrieg vor, um sich seinen
„Platz an der Sonne“ zu erobern. Diese erste Welle der
Globalisierung wurde abgefedert durch die Fundamente des Sozialstaates, die
parallel zur Weltmarktorientierung gelegt wurden: 1883 die Krankenversicherung,
1884 die Unfallversicherung und 1889 die Alters- und Invalidenversicherung.
Wer füllt die Lücke?
Adolph Wagner, spiritus rector der
Kathedersozialisten neben Gustav Schmoller im Verein für Socialpolitik,
sollte mit seinem Gesetz der wachsenden Staatsaufgaben und -ausgaben recht
behalten, als er den Wandel vom „Rechtsstaat zum Cultur- und
Wohlfahrtsstaat“ bereits 1893 weitsichtig voraussagte. Genauso ist es
gekommen, denn dieser konservative Typus des Sozialstaates, in Abgrenzung zum
liberalen anglo-amerikanischen und sozialdemokratisch-nordischen Typus ist bis
auf den heutigen Tag, wenn auch in ausgebauter Form, die maßgebliche
Institution der Sozialpolitik und der sozialen Sicherheit geblieben.
Seit 1989 ist der Sozialismus tot,
der Kapitalismus als Wirtschafts-, Gesellschafts- und Lebensform hat auf ganzer
Linie gesiegt. Muss jetzt auch mit zeitlicher Verzögerung das
Herzstück des Sozialdemokratismus, der „umfassende
Daseinsfürsorgestaat“ (Ernst Forsthoff) daran glauben?
In CDU und SPD, die
„christlich“ und „gerecht“ durch immer neue
„soziale Wohltaten“ seinen Ausbau in den vergangenen fünfzig
Jahren gemeinsam vorangetrieben hatten, hört man heute entschieden neue
Töne: Friedrich Merz begrüßt das Ende der Sozialdemokratisierung
der CDU, während Olaf Scholz das Ziel des „demokratischen
Sozialismus“ aus dem Parteiprogramm streichen und den Begriff der
„sozialen Gerechtigkeit“ mit neuem Inhalt füllen will.
Schrittmacher dieser Endbeschleunigung der Transformation sind Kommissionen wie
jene von Herzog und Rürup.
Nicht nur für Kirchen und
Gewerkschaften ist damit der definitive Ausstieg aus dem staatlich organisierten
Solidarsystem eingeleitet. In dieser Sicht bedeuten der Abbau der sozialen
Errungenschaften, dass die Politik eine wachsende soziale Kälte und Armut
in Deutschland vorsätzlich in Kauf nimmt. Für
Wirtschaftsverbände, neoliberale Ökonomen und Journalisten hingegen
werden nur die Stellschrauben am Räderwerk des Sozialstaates neu justiert.
Das alles sei bloße Kosmetik, die chronischen Finanzierungsprobleme
würden bleiben.
Beide
Positionen sind einseitig und verfehlen den Clou der Entwicklung. Neben dem
anstehenden Reformpaket, das in der Tat nur den ersten Schritt im Umbau des
Sozialstaates markiert, wird der „dritte Weg“ zwischen Abbau und
Systemkosmetik in einem neuen Selbstverständnis sozialer Sicherheit
bestehen müssen. In dem vielfältigen Problemwirrwarr und den
Einzelmaßnahmen zu ihrer Lösung fehlt – und das ist das
erstaunliche Vakuum inmitten des epochalen Prozesses – die Diskussion
über Ziele und Werte der Sozialpolitik im Zeitalter von Globalisierung,
Europäisierung und Individualisierung vor dem Hintergrund einer alternden
Bevölkerung. Dabei läge es schon im strategische Eigeninteresse der
Parteien, diese historischen Ziele zum Thema zu machen, um ihre Klientel in der
Wahlbevölkerung mitzuziehen. Im Augenblick mutet die Politik ihren
Wählern zu, einem eingeschlagenen Weg zu folgen, der buchstäblich in
eine „terra incognita“ mündet. Unpolitischer kann man eine
politische Weichenstellung nicht bewerkstelligen.
Wer aus der Sozialnation eine
Bürgernation machen will und aus dem Sozialversicherungsstaat einen
Sozialinvestionsstaat, der muss diese neue „Ideologie“ zur
sozialverträglichen Austarierung von Globalisierung und Sozialpolitik
ausarbeiten und beherzt vertreten. Welche Gestalt auch immer dieses neue
Leitbild haben wird, es geht von einer auf sich selbst gestellten
Bürgerschaft aus, die gut gebildet ist, hinreichend motiviert, Arbeit und
Beruf als materielle Sicherungsform autonom zu organisieren, und generell
fähig, ihr Leben durch die meisten Risiken hindurch selbstbestimmt zu
führen.
Das Versprechen einer
dauerhaften Sozialstaatsexistenz als Lebensform gehört nicht mehr dazu. Der
Sozialstaat konzentriert sich auf sein „Kerngeschäft“ und kehrt
in gewisser Weise zu seinen Ursprüngen zurück: das schiere
Überleben angesichts existentieller Wechselfälle wie schwerer
Krankheit, Unfall oder Alter zu garantieren, die Vorstellungen vom „guten
Leben“ aber der Gesellschaft und ihren Bürgern zu überlassen.
Der Prozess der Umstellung wird
mit Härten einhergehen. Vielleicht ist diese Erfahrung aber sogar
notwendig, wenn die neuen Orientierungen sich auf ganzer Breite gegen das Credo
des „Weiter so“ durchsetzen sollen. Es ist ein Lernprozess für
Geber und Empfänger: die Politiker und Parteien, die nur zu gern mit
medialem Nachhall soziale Leistungen verteilen und durch diese
„Geschenke“ auf Kosten der Steuerzahler ihre oberste Priorität,
Wiederwahl und Machterhalt, sichern. Und für die Sozialstaatsklientel, die
an die bisherigen, nicht mehr haltbaren Maßstäbe der Fürsorge
gewöhnt ist. Die Reziprozitätsbalance dieses Arrangements lautete
uneingestanden: Elementare Versorgung gegen politischen Quietismus und
gesellschaftliche Untätigkeit.
Es ist ein alter Streitpunkt, ob
eine so verstandene Bürgergesellschaft nicht – entgegen ihren
wohlmeinenden Intentionen – die Arbeits- und Leistungsgesellschaft am
unteren Spektrum der sozialen Skala systematisch aushöhlt, soziale
Mobilität auf Dauer verhindert, aber auch mit einer anspruchsvollen
Vorstellung von Demokratie unvereinbar ist, die tatkräftiges
gesellschaftliches und politisches Engagement voraussetzt.
Jedenfalls wird in dem neuen
Arrangement von Staat, Gesellschaft und Bürgern den Mitgliedern der
Gesellschaft mehr Freiheit zur Selbstgestaltung gegeben – und wer
weiß, ob nicht die gesellschaftlichen Solidarsysteme nach kurzer Zeit in
die Bresche springen, die der Rückzug des Sozialstaates geöffnet
hatte. Für Optimisten würde sich eine völlig neue Vision am
Horizont auftun: Zumindest der, der Arbeit hat, müsste die erste
Hälfte des Jahres nicht mehr für den Staat arbeiten, er könnte
sich mit 20% seines Einkommens eine Jahrhundertrente aufbauen, und er brauchte
nicht 14% für Gesundheitsvorsorge ausgeben. Und ließe die Sorge
für die eigene Zukunft und die der Seinen nicht womöglich den
Zusammenhalt von Familie und Verwandtschaft ansteigen, die Scheidungsrate sinken
und die Geburtenrate mit zeitlicher Verzögerung wachsen? Statt „Vater
Staat“ und seiner Bürokratie würden die Gesellschaft und ihre
Gruppen erstarken und eine neue Reziprozitätsbalance etablieren.
Von all diesen Konsequenzen liegen
bislang nur die strukturellen Erfordernisse für einen neuen
„Sozialdemokratismus“ auf der Hand: Die Entlastung der Arbeit von
sozialstaatlich erzwungenen hohen Lohnnebenkosten, die Schaffung eines
transparenten Steuersystems und die Förderung von Bildung und Erziehung.
Was das letztere betrifft, müssen deutsche Sozialpolitiker ihre Lektion
erst noch lernen und endlich die Binsenweisheit, dass Bildung die beste
Sozialpolitik ist, in die Tat umsetzen.
Der Verfasser lehrt Soziologie an
der Humboldt-Universität und ist geschäftsführender Herausgeber
des „Berliner Journal für Soziologie“.
Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 02:59 nachm.