Prometheus in der Hölle


Albert Camus

Albert Camus
Prometheus in der Hölle


Es schien mir, daß etwas dem
Göttlichen mangelte, solange man ihm
nichts gegenüberzustellen hatte.
Lukian, Prometheus im Kaukasus


Was bedeutet uns heutigen Menschen Prometheus? Man könnte zweifellos sagen, daß dieser gegen die Götter sich aufbäumende Rebell das Vorbild des heutigen Menschen sei, und daß dieser Protest, der sich vor Tausenden von Jahren in den Einöden Skythiens erhob, heute in einer geschichtlichen Umwälzung zu Ende geht, die ohnegleichen ist. Doch gleichzeitig mahnt uns etwas, daß dieser Verfolgte in uns weiterwirkt und wir noch taub sind für den großen Schrei der menschlichen Revolte, für die er das einsame Signal gegeben hat.
Der heutige Mensch teilt sein Leiden auf der engen Erdober­fläche mit einer erstaunlichen Menschenmenge; er entbehrt des Feuers und der Nahrung, und die Freiheit ist ein Luxus, der noch in weiter Ferne liegt; diesem Menschen bleibt nur übrig, immer noch etwas mehr zu leiden, wie der Freiheit und ihren letzten Zeugen nur übrigbleibt, immer mehr zu verschwinden. Prome­theus war jener Heros, der die Menschen genügend liebte, um ihnen zugleich Feuer und Freiheit, Technik und Kunst zu schenken. Die heutige Menschheit glaubt einzig an die Technik. In ihren Maschinen entdeckt sie ihre Stärke und hält die Kunst und deren Ansprüche für ein Hemmnis und ein Zeichen der Knechtschaft. Hingegen ist es für Prometheus kennzeichnend, daß er die Maschine nicht von der Kunst trennen kann. Er glaubt an eine gleichzeitige Befreiung des Körpers und der Seele. Der heutige Mensch glaubt, zuerst den Körper befreien zu müssen selbst wenn der Geist - vorübergehend - zugrunde ginge. Doch - kann der Geist nur vorübergehend sterben? Kehrte Prometheus wieder, würden die Menschen heute wie die Götter damals handeln: Sie würden ihn an den Felsen schmieden im Namen eben jener Menschlichkeit, deren erstes Symbol er ist. Und die feindlichen Stimmen, die jetzt den Besiegten schmähen würden, wären wieder die der äschyleischen Tragödie: die Stimmen der Macht und der Gewalt.
Lasse ich mich von der harten Gegenwart, den kahlen Bäu­men, dem Winter der Welt beeinflussen? Gerade diese Sehn­sucht nach Licht rechtfertigt mich: Sie redet von einer andern Welt, meiner wahren Heimat. Ist sie noch für einige wenige Menschen sinnvoll? Im selben Jahr, da der Krieg entbrannte, sollte ich aufbrechen, um den Irrfahrten des Odysseus wieder zu folgen. Zu jener Zeit konnte sogar ein unbemittelter junger Mann den kostspieligen Plan fassen, ein Meer auf der Suche nach dem Licht zu überqueren. Doch dann tat ich wie alle andern. Ich habe mich nicht eingeschifft. Ich habe mich in die Reihe eingefügt, die vor den offenen Höllentoren aufmarschierte. Nach und nach sind wir eingetreten. Und beim ersten Schrei der gemordeten Unschuld schlugen die Tore hinter uns zu. Wir waren in der Hölle und sind nie mehr herausgekommen. Seit sechs Jahren suchen wir uns damit abzufinden. Die lebenswarmen Bilder der glücklichen Inseln erscheinen uns nur noch hinter weiteren kommenden Jahren ohne Feuer und ohne Sonne.
Wie soll man in diesem feuchten und schwarzen Europa nicht mit einem zitternden Bedauern und mit schwer zu tragender Mitschuld die Worte des alten Chateaubriand vernehmen, die er dem nach Griechenland aufbrechenden Ampère zurief: »Sie werden kein Blatt der Olivenbäume, keine Traubenbeere wie­derfinden, die ich in Attika sah. Ich traure selbst dem Gras meiner Zeit nach. Ich hatte keine Kraft, ein Heidekraut wieder zum Leben zu erwecken.« Und wir, unserm jungen Blut zum Trotz in das gräßliche Alter des Jahrhunderts gesunken, wir trauern manchmal den Grashalmen aller Zeiten nach, den Olivenzweigen, die wir für uns nicht mehr sehen werden, und den Trauben der Freiheit. Der Mensch ist überall, überall sein Schrei, sein Schmerz und sein Drohen. Inmitten so vieler zusammengedrängter Kreaturen bleibt kein Ort für das Zirpen der Grillen. Die Geschichte ist unfruchtbarer Boden, wo kein Heidekraut wächst. Und doch: Der heutige Mensch hat seine Geschichte gewählt, und er konnte und sollte sich nicht von ihr abwenden. Aber statt sie sich untertan zu machen, läßt er sich Tag für Tag von ihr mehr in die Knechtschaft drängen. Hier verrät er Prometheus, diesen Sohn »mit den kühnen Gedanken und dem leichten Herzen«. Hier kehrt er zurück zum menschli­chen Elend, daraus Prometheus ihn retten wollte. «Sie sahen, ohne zu sehen, sie hörten, ohne zu hören, den Gestalten des Traumes gleich . . . «
Ja, ein Abend in der Provence, die vollkommene Linie eines Hügels, der Geschmack von Salz genügt, um zu erkennen, daß alles neu zu schaffen ist. Wir haben das Feuer neu zu erfinden, die Werkstätten neu zu erbauen, um den Hunger des Körpers zu beschwichtigen. Attika, die Freiheit und ihre Ernten, das Brot der Seele, sind für später. Was bleibt uns mehr, als uns zuzurufen: »Sie werden nie mehr sein, oder dann für andere«, und nun alles daranzusetzen, daß wenigstens jene andern nicht beraubt sein werden. Wir, die wir dies mit Schmerzen fühlen und es dennoch mit einem Herzen ohne Bitterkeit anzunehmen versu­chen, sind wir denn zu spät oder zu früh, und werden wir die Kraft haben, das Heidekraut zum Blühen zu bringen?
Auf diese Frage, die sich in unserm Jahrhundert erhebt, glaubt man die Antwort des Prometheus zu hören. Wahrlich, er hat es schon gesagt: »Ich verspreche euch die Erneuerung und die Versöhnung, o Sterbliche, wenn ihr genügend geschickt, genü­gend rechtschaffen und genügend stark seid, sie mit euren Händen zu vollbringen.« Wenn es wahr ist, daß das Heil in unsern Händen liegt, so werde ich die aufgeworfene Frage dieses Jahrhunderts bejahen, wegen dieser überlegten Kraft, dieses eingeweihten, wissenden Mutes, den ich immer wieder in einigen meiner Freunde erkenne. »O Gerechtigkeit, o meine Mutter«, ruft Prometheus, »du siehst, wie sie mir Leid zufügen.« Und Hermes spottet über den Helden: »Ich bin erstaunt, da du doch Seher bist, daß du diese Leiden nicht vorausgesehen hast.« - »Ich wußte es«, antwortet der Rebell. Die Männer, von denen ich spreche, sind ebenfalls Söhne der Gerechtigkeit. Auch sie leiden in ihrer Bewußtheit um alle. Sie wissen, daß es keine blinde Gerechtigkeit gibt, daß die Geschichte nicht vorhersehen kann, und daß man folglich ihre Gerechtigkeit zurückweisen muß, um sie, soweit möglich, durch die Gerechtigkeit des Geistes zu ersetzen. In diesem Sinne kehrt Prometheus in unserm Jahrhundert wieder.
Die Mythen leben nicht aus sich selbst. Sie warten darauf, daß wir sie verkörpern. Ein einziger Mensch auf der Welt antwortet ihrem Ruf, und sie bringen uns ihre unberührten Lebenssäfte dar. Diesen einen müssen wir bewahren und müssen wachen, daß sein Schlaf nicht tödlich ist, damit die Wiedergeburt mög­lich werde. Manchmal zweifle ich, ob es erlaubt ist, den heutigen Menschen zu retten. Doch die Kinder dieses Menschen kann man retten in ihrem Körper und in ihrem Geist. Man schenke ihnen gleichzeitig die Möglichkeiten des Glückes und die der Schönheit. Wenn wir uns damit abfinden müssen, ohne die Schönheit und die Freiheit, die sie bedeutet, zu leben, so erinnert der Mythos des Prometheus daran, daß jede Einschränkung des Menschen nur vorübergehend sein kann, und daß man dem Menschen nur dient, wenn man ihm ganz dient. Hungert er nach Brot und nach Heidekraut, und ist es wahr, daß das Brot notwendiger ist, lehren wir ihn die Erinnerung an das Heidekraut bewahren. Im dunkelsten Herzen der Geschichte werden die Geschöpfe des Prometheus, ohne ihr hartes Werk zu unterbrechen, auf die Erde blicken und auf das unermüdliche Gras. Der gefesselte Held bewahrt inmitten von Blitzen und göttlichem Donner seinen ruhigen Glauben an den Menschen. Und so ist er härter als der Fels und geduldiger als der Geier. Mehr als seine Revolte gegen die Götter hat diese lange, geduldete Beharrlichkeit Wert für uns. Und es ist dieser bewundernswerte Wille, nichts zu trennen noch abzusondern, der immer wieder das leidende Herz der Menschen versöhnt hat.

in: Albert Camus, Hochzeit des Lichts, Heimkehr nach Tipasa, München 1994, S.74ff

Posted: So - Oktober 19, 2003 at 04:25 nachm.      


©