Ein genialer Verkäufer
SZ -
24.10.2003
Das System
Berlusconi funktioniert in Italien perfekt – und ist nur mit den eigenen
Waffen zu schlagen / Von Umberto Eco
Was spielt sich zur Zeit in Italien ab? Jeden Tag
hört man von energischen Protesten (zum Glück auch in anderen
europäischen Ländern) gegen den schleichenden Staatsstreich, den
Berlusconi betreibt. Wir alle haben inzwischen gemerkt, dass die Diskussion, ob
Berlusconi ein „Regime“ zu installieren versucht, missriet, solange
wir bei dem Wort „Regime“ automatisch an das faschistische Regime
dachten, denn ehrlicherweise musste man zugeben, dass Berlusconi keine
Dissidenten in die Verbannung schickte, keine jungen Männer in
Schwarzhemden steckte, keine Gleichschaltung des Parlaments betrieb und so
weiter.
Aber auch wenn man unter
„Regime“ nur allgemein eine Regierungsform verstand, war nicht
gleich klar, dass Berlusconi dabei ist, eine autoritäre Regierungsform zu
installieren, die auf der Gleichsetzung seiner Partei und des Landes mit seinen
Geschäftsinteressen beruht. Er macht das nicht mit Polizeioperationen,
Verhaftung von Deputierten und gewaltsamer Abschaffung der Pressefreiheit,
sondern indem er Zug um Zug die wichtigsten Medien besetzt und einen Konsens auf
populistischer Basis schafft.
Inzwischen haben sich einige Dinge
bestätigt, nämlich: 1. Berlusconi ist mit dem vorrangigen Ziel in die
Politik gegangen, Prozesse abzublocken oder abzuwenden, die ihn ins
Gefängnis bringen konnten. 2. Berlusconi ist dabei, ein autoritäres
System nach Konzernherrenart zu errichten. 3. Berlusconi betreibt sein Projekt,
indem er sich auf eine unbestreitbare Wählerzustimmung stützt, wodurch
er seinen Gegnern die Waffe des Tyrannenmordes nimmt, da sie bei aller
Gegnerschaft den Willen der Mehrheit respektieren müssen und nichts anderes
tun können, als einen Teil dieser Mehrheit dazu zu bringen,
Überlegungen wie die vorliegende zu akzeptieren. 4. Gestützt auf die
Wählerzustimmung lässt Berlusconi Gesetze verabschieden, die allein in
seinem persönlichen Interesse liegen und nicht in dem des Landes. 5. Aus
all diesen Gründen verhält sich Berlusconi nicht wie ein Staatsmann,
ja nicht einmal wie ein traditioneller Politiker, sondern benutzt andere
Methoden – und gerade deshalb ist er gefährlicher als ein Caudillo
früherer Zeiten, denn diese Methoden scheinen auf den ersten Blick mit den
Prinzipien eines demokratischen Regimes vereinbar. 6. Ergebnis all dessen:
Berlusconi hat die Phase des Interessenkonflikts überwunden, um jeden Tag
der absoluten Interessenkonvergenz ein Stück näher zu kommen, soll
heißen, dem Land den Gedanken akzeptabel zu machen, dass seine
persönlichen Interessen mit denen der ganzen Nation zusammenfallen.
Dies ist nun gewiss ein neues
Regime, und es macht so rasante Fortschritte, dass die Besorgnis der
europäischen Presse nicht auf Mitleid und Liebe zu Italien
zurückzuführen sind, sondern schlicht auf die Befürchtung, dass
Italien, wie in einer anderen unseligen Zeit, womöglich das Labor für
Experimente ist, die auf ganz Europa übergreifen könnten.
Das Problem ist, dass die
Opposition gegen Berlusconi, auch im Ausland, sich von einer siebten
Überzeugung leiten lässt, die falsch ist. Nämlich vom Glauben,
dass Berlusconi, weil er kein Staatsmann sei, sondern ein Geschäftsmann,
dem es nur um das Wohlergehen seines Ladens geht, nicht merke, dass er heute
dies und morgen das Gegenteil sagt, dass er aus Mangel an politischer und
diplomatischer Erfahrung zu Grobheiten neige, in alle möglichen
Fettnäpfchen trete und so weiter. So gesehen bietet sich die Figur
Berlusconi zur Satire an, und seine Gegner trösten sich manchmal mit dem
Gedanken, er habe den Sinn für die Proportionen verloren und werde, ohne es
zu bemerken, in sein Verderben laufen.
Kunst der Provokation
Dabei ist Berlusconi ein Politiker
ganz neuer Art, der gerade durch seine unbegreiflichsten Gesten eine komplexe,
kalkulierte und subtile Strategie befolgt, an der sich zeigt, dass er seine
Nerven voll unter Kontrolle hat und über eine hohe operative Intelligenz
verfügt (und wenn nicht über einen hohen analytischen Verstand, so
doch über einen phantastischen Verkäuferinstinkt).
Was bei Berlusconi ja in der Tat
frappiert (und leider auch amüsiert), ist sein Exzess an
Verkäufertechnik. Man braucht nicht an den billigen Jakob zu denken, die
Karikatur dieser Technik. Sehen wir uns die Methoden eines Autoverkäufers
an. Zuerst behauptet er, dass der Wagen, den er anbietet, praktisch ein Bolide
sei, dass Sie das Gaspedal nur anzutippen brauchen, um ihn auf hundertachtzig zu
bringen, und dass der Renner genau der richtige für eine sportliche
Fahrweise sei. Aber sobald er bemerkt, dass Sie fünf Kinder und eine
invalide Schwiegermutter haben, geht er umstandslos dazu über, Ihnen zu
beweisen, dass der Wagen ideal für eine sichere Fahrweise sei, dass er
absolut ruhig liege und sich bestens für eine Familie eigne. Dem
Verkäufer ist es egal, ob Sie seine Rede in ihrer Gesamtheit als
kohärent empfinden, ihm liegt nur daran, dass in dem, was er sagt, etwas
vorkommt, wofür Sie sich interessieren, worauf Sie anspringen, und dass Sie
dann alles andere vergessen werden. Daher benutzt er alle Argumente
gleichzeitig, wie ein Trommelfeuer, ohne sich um eventuelle Widersprüche zu
kümmern.
Berlusconis
Verkaufstechnik ist offensichtlich von derselben Art (ich erhöhe die
Renten, ich senke die Steuern), aber unendlich viel komplexer. Er muss Konsens
verkaufen, aber er spricht nicht nur Auge in Auge mit seinen Kunden. Er muss die
Rechnung mit der Opposition machen, mit der öffentlichen Meinung, auch im
Ausland, und mit den Medien (die noch nicht alle ihm gehören), und er hat
entdeckt, wie er deren Kritik zu seinen Gunsten wenden kann.
Darum muss er Versprechungen
machen, die, gleich wie seine Anhänger sie finden, in den Augen seiner
Kritiker als Provokationen erscheinen. Und er muss jeden Tag eine Provokation
vorbringen, am besten eine ganz unglaubliche und völlig inakzeptable. So
besetzt er die Hauptnachrichten der Medien und steht immer im Zentrum der
Aufmerksamkeit.
Zu dieser
Strategie gehört auch, dass man, um Provokationen am laufenden Band zu
erzeugen, nicht nur allein reden darf, sondern den Unbesonnensten unter den
eigenen Leuten freie Hand lassen muss. Es ist nicht nötig, ihnen Weisungen
zu erteilen; wenn man sie gut ausgesucht hat, werden sie von alleine losgehen,
und je mehr Unsinn sie reden, desto besser. Die Unannehmbarkeit der Provokation
erlaubt überdies, zwei weitere Ziele zu erreichen.
Das erste besteht darin, dass jede
Provokation letztlich einen Versuchsballon darstellt. Reagiert die
Öffentlichkeit nicht energisch genug, bedeutet dies, dass sogar das
Undenkbarste denkbar werden könnte.
Das zweite Ziel, das erreicht
wird, würde ich als Bombentrick-Effekt definieren. Wenn ich ein Machthaber
wäre, der in viele dunkle Geschäfte verwickelt ist, und erführe,
dass in zwei Tagen eine Enthüllung in den Zeitungen stehen wird, die meine
Machenschaften ans Licht bringen könnte, dann wüsste ich nur eine
Lösung: Ich würde dafür sorgen, dass eine Bombe im Bahnhof oder
in einer Bank oder auf der Piazza nach der Sonntagsmesse hochgeht. Dann
wäre ich sicher, dass für mindestens vierzehn Tage die Titelseiten der
Zeitungen und die Hauptmeldungen der Tagesschauen mit dem Attentat
beschäftigt wären und die mich betreffende Nachricht, auch wenn sie
erschiene, so gut wie unbemerkt bliebe.
Ein typischer Fall von Bombentrick
war Berlusconis Vergleich des deutschen EU-Parlamentariers mit einem KZ-Kapo,
gefolgt von der als Flankenschutz gedachten Äußerung des Lega-Mannes
Stefani über die rülpsenden und pöbelnden deutschen Touristen.
Ein unerklärlicher Ausrutscher, über den man nur den Kopf
schütteln kann, zumal er internationale Empörung hervorgerufen hat,
und das ausgerechnet zu Beginn der italienischen EU-Präsidentschaft?
Keineswegs. Nicht nur, weil er den latenten Chauvinismus eines Großteils
der öffentlichen Meinung hervorgekitzelt hat (das war nur ein Nebeneffekt),
sondern weil genau zu dieser Zeit im Parlament über die Gesetzesvorlage
„Gasparri“ diskutiert wurde, deren Verabschiedung das
öffentlich-rechtliche Fernsehen endgültig begraben und die Dividenden
von Berlusconis Mediaset vervielfacht hat. Aber das ist mir nur klar geworden,
als ich zufällig, unterwegs auf der Autobahn, in Radio Radicale eine
Direktübertragung aus dem Parlament hörte. Die Zeitungen brachten
Seiten um Seiten über Berlusconi als Rüpel und
Fettnäpfchentreter, über die Tatsache, dass die Deutschen trotzdem
weiter nach Italien reisen würden, und über die brennende Frage, ob
Berlusconi sich bei Schröder wirklich entschuldigt hatte oder nicht. Der
Bombentrick hatte perfekt funktioniert.
Tamtam im Internet
Wir könnten die Titelseiten
der Zeitungen aus den letzten zwei Jahren durchsehen, um zu berechnen, wie viele
Bombentricks dieser Art produziert worden sind. Angesichts von ungeheuerlichen
Behauptungen wie der, dass die Richter allesamt in die Psychiatrie
gehörten, stellt sich die Frage, welche andere Initiative diese Bombe in
den Hintergrund drängen sollte.
In diesem Sinne kontrolliert und
dirigiert Berlusconi in Konzernchefmanier die Reaktionen seiner Gegner, verwirrt
sie, hetzt sie gegeneinander auf und benutzt sie, um zu beweisen, dass sie
seinen Ruin wollen und dass jeder Appell an die öffentliche Meinung ein
heimtückischer Angriff auf seine Person sei. Wenn dies seine Strategie ist,
hat sie sich bisher als siegreich erwiesen. Wenn diese Analyse zutrifft, hat
Berlusconi seinen Gegnern noch einiges voraus.
Wie kann man dieser Strategie
entgegentreten? Da die Opposition nun einmal, solange Berlusconi das Spiel in
der Hand hat, seine Regeln befolgen muss, kann sie die Initiative nur ergreifen,
indem sie Berlusconis Regeln – positiv gewendet – übernimmt.
Wenn es wahr ist, dass die noch
nicht von Berlusconi kontrollierten Medien nur die sowieso schon
Überzeugten erreichen und der größte Teil der
Öffentlichkeit den ihm hörigen Medien ausgesetzt ist, bleibt nichts
anderes übrig, als diese Medien zu ignorieren. Auf ihre Art waren die
girotondi bereits ein Element einer neuen Strategie, aber wenn ein oder zwei
Umkreisungen von Parlaments- oder Gerichtsgebäuden Aufsehen erregen, wecken
tausend Demonstrationen dieser Art nur noch Überdruss. Wenn ich sagen soll,
dass die Tagesschau eine Nachricht unterdrückt hat, kann ich das nicht in
der Tagesschau sagen. Ich muss auf Taktiken wie das Verteilen von
Flugblättern oder Videokassetten zurückgreifen, auf
Straßentheater, Tamtam im Internet, Kommunikation über mobile
Bildschirme, die an verschiedenen Punkten der Stadt aufgestellt werden, und was
sonst noch alles die neue Phantasie des Virtuellen ersinnen mag. Da man die
desinformierten Wähler nicht durch die herkömmlichen Medien ansprechen
kann, muss man eben neue erfinden.
Gleichzeitig, auf der eher
traditionellen Ebene der Parteien, der Interviews und Auftritte in den
Talkshows, muss die Opposition ihre eigenen Provokationen vorbringen. Um nur ein
einziges Beispiel zu bringen: Ein Plan zur Kontrolle der Teuerung durch den Euro
würde auch jene sehr interessiert aufhorchen lassen, die sich von
Berlusconis Interessenkonflikt nicht betroffen fühlen. Es würde darum
gehen, kontinuierlich und positiv Vorschläge zu machen, die eine andere Art
des Regierens durchblicken ließen und die regierende Mehrheit zwingen
würden, sich für oder gegen sie auszusprechen – wobei sie in
letzterem Fall gezwungen wäre, ihre eigenen Projekte darzulegen oder ihre
eigene Untätigkeit zu rechtfertigen, ohne sich auf allgemeine Anklagen
einer ewig bloß lärmenden Opposition zurückziehen zu
können. Wenn ich den Leuten sage, dass die Regierung dies oder das falsch
gemacht hat, können sie nicht wissen, ob ich Recht oder Unrecht habe. Wenn
ich aber sage, dass ich dies oder das tun würde, könnte die Idee viele
aufhorchen lassen, ihre Phantasie entzünden und sie auf die Frage bringen,
wieso die Regierung das nicht tut.
Freilich müsste, um eine
solche Strategie zu entwickeln, die Opposition einig sein, denn man entwickelt
keine akzeptablen und phantasieanregenden Projekte, wenn man sich zwölf
Stunden täglich in inneren Kämpfen verzehrt. Aber hier betreten wir
ein anderes Universum, und das größte Hindernis scheint die nunmehr
über hundertjährige Tradition zu sein, nach der sich die Linken der
ganzen Welt immer nur im Zerstören ihrer eigenen inneren Häresien
üben und die Erfordernisse dieses Bruderkampfes dringlicher finden als die
frontale Auseinandersetzung mit dem Gegner.
Von Umberto Eco ist zuletzt der
Essayband „Die Bücher und das Paradies: Über Literatur“
(bei Hanser) erschienen.
Deutsch von
Burkhart Kroeber
Posted: Fr - Oktober 24, 2003 at 09:43 vorm.