Schützt den Oruro-Karneval!


SZ - 22.10.2003

Die Unesco will Feste, Rituale und Sprachen retten

Wie schützt man Volkstänze, mündlich überlieferte Märchen oder archaische Handwerkstechniken, die kaum jemand noch beherrscht? Wie bewahrt man regionale Sprachen vor dem Aussterben? Dies sind einige der Fragen, mit denen sich die Weltkulturorganisation Unesco in nächster Zeit wird beschäftigen müssen. Denn auf der unlängst in Paris zu Ende gegangenen Vollversammlung beschlossen die Mitglieder, fortan nicht nur kulturelle Gegenstände wie Statuen, literarische Werke, Gemälde oder Gebäude zu schützen, sondern auch immaterielle Kulturgüter in ihre Obhut zu nehmen. Sobald mindestens dreißig Mitgliedstaaten den Vorschlag ratifizieren, gelten mündliche Überlieferungen, Sprachen als Träger kultureller Identitäten, soziale Gebräuche, Rituale, Aufführungskünste und Feste als schützenswert. Auch das traditionelle Handwerk soll dann zum Kulturgut zählen.

Dieser Beschluss wird die Unesco vor grundsätzliche Fragen stellen. Was gehört zur mündlichen Überlieferung? Märchen, Kinderlieder, Abzählreime? Und wie sind etwa „Rituale“ und „soziale Gebräuche“ zu definieren? Welche Feste sollen als schützenswert gelten? Regionale Formen der Fasnacht, Weihnachtsmärkte oder gar Volksfeste wie das Oktoberfest? Immerhin gibt es bereits erste Anhaltspunkte, was man bei der Unesco für protektionswürdig erachtet. Schon vor zwei Jahren erarbeitete eine internationale Expertengruppe um den spanischen Schriftsteller Juan Goytisolo im Auftrag der Organisation eine Liste mit neunzehn immateriellen Kulturgütern, die sie für schützenswert hält. Darunter fallen unter anderem die mündliche Tradition Benins, volkstümlicher Tanz und Musik aus Belize, der bolivianische Oruro-Karneval, die chinesische Kunqu Oper, georgischer polyphoner Gesang, litauische Kreuzschnitzkunst, aber auch das traditionelle sizilianische Puppentheater.

Allein diese Auflistung aber zeigt bereits, dass das Problem solcher Listen in ihrer Willkürlichkeit liegt. Nach welchen Gesichtspunkten will man entscheiden, welche Traditionen vom Aussterben bedroht sind? Auch die Kriterien, nach denen sich soziale Gebräuche oder Rituale für den Status des Weltkulturerbes qualifizieren, sind schwer zu bestimmen. Es dürfte eine interessante Debatte werden, die da – leider wohl abseits der Öffentlichkeit – geführt werden wird. In ihrem Zentrum wird nichts anderes stehen als die Frage, was eigentlich Kultur ist. Indem die Unesco ihre Konvention zum Schutz des Weltkulturerbes von 1972 nun um die Pflege nicht-gegenständlicher Errungenschaftenerweitert, begreift sie „immaterielles Kulturgut als Schlüssel zur Annäherung an die kulturelle Identität der Völker“, wie es der algerische Richter Mohammed Bedjaoui formuliert, der die Ausarbeitung der neuen Konvention leitete. Damit will die Unesco einem gewandelten Kulturverständnis Rechnung tragen, das nicht allein Objekten kulturellen Rang zubilligt – wie dieses genau aussieht, wird sie allerdings erst noch bestimmen müssen.

Am 7. November soll nun eine erweiterte Version der Goytisolo-Liste vorgestellt werden. Außerdem soll ein zweites Papier erstellt werden, das jene immateriellen Kulturgüter aufführt, deren Protektion als besonders dringlich erscheint. Finanzieren will man ihren Schutz aus Beiträgen der Mitgliedstaaten; außerdem rechnet man mit Spenden von Organisationen und Privatpersonen. Bedjaoui hofft jetzt darauf, dass sich bald schon dreißig Mitgliedstaaten finden, die den Beschluss ratifizieren, damit er schnell in die Tat umgesetzt werden kann.

RALF HERTEL

Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 03:07 nachm.      


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