Der Zweifler
Frankfurter Rundschau -
16.10.2003
DAS GANZE DRAMA
Die Zeiten werden schneller, die
Räume werden enger, die Dramen häufen sich. Die FR trägt der
Entwicklung mit einer kleinen Serie von kurzen Stücken Rechnung.
von Maxim Biller
Bundeskanzleramt. Kanzlerwohnung.
Der Kanzler und die Frau des Kanzlers
liegen im Bett. Es ist Nacht.
Schröder:
Ich will hier raus, Doris.
Doris:
Was?
Schröder:
Ich will hier raus.
Doris:
Sollen wir ein bisschen spazieren gehen,
Kuschel?
Schröder:
Und dann wieder hier rein? Niemals.
Doris:
Ach, Kuschel, du hast es dir doch immer so
gewünscht.
Schröder:
Aber da wusste ich nicht, wie es ist, hier drin
zu sein.
Doris
(kuschelt sich an ihn
): Manchmal sehr schön.
Schröder
(dreht
sich weg ): Heute wieder. Ich mach Sachen, die
würd ich sonst nie machen. Hast du schon mal Telefonterror beim
Präsidenten der Elfenbeinkünste gemacht?
Doris:
Nein, Kuschel.
Schröder:
Siehst du. Ich hab ihn angerufen, "Uga, Uga" ins
Telefon gebrüllt und wieder aufgelegt.
Doris:
Das ist wirklich witzig, Kuschel.
Schröder:
Findest du? Danach haben Steinmayer und ich
Joschka auf dem Klo eingesperrt und vor der Tür laut Vertriebenenlieder
gesungen. Und dann hab ich eine E-Mail nach Paris geschickt.
Doris
(kichert
): Und, sag schon. Sag, was stand drin?
Schröder:
Tausche drei Millionen Türken gegen
fünf Millionen Marokkaner. ( Er
bricht in schallendes Gelächter aus.
)
Doris:
(lacht
auch ): Oh Gott, ist das komisch! Kuschel, das
ist ja wirklich so komisch!
Schröder:
Naja, man tut was man kann.
Doris:
(wieder
ernst ): Und das alles willst du aufgeben?
Schröder:
Meinst du, es wär ein Fehler, Puschel?
Doris:
Ja, Kuschel.
Schröder:
Gut. Ich denk drüber nach.
Doris:
Gute Nacht, mein Held.
Schröder:
Gute Nacht.
(Pause.
)
Schröder:
Puschel?
Doris:
Ja, Kuschel?
Schröder:
Soll ich morgen dem Bush eine anonyme
Morddrohung schicken? Die Buchstaben könnte ich aus dem "Vorwärts" und
aus Horst Mahlers Memoiren ausschneiden.
Doris:
(lacht
schallend ): Also, ich fände das echt
lustig! Aber red vorher mit Otto drüber.
Schröder:
Mach ich. (
Er umarmt und küsst sie.
) Ach, wenn ich dich nicht hätte, Puschel.
Dann wär ich immer noch ein ganz kleines Licht.
(Vorhang.
)
Von
Maxim Biller erschien zuletzt das Lesebuch "Der perfekte Roman" bei dtv.
URL:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=322303
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Dokument erstellt am 15.10.2003 um
18:16:27 Uhr
Erscheinungsdatum
16.10.2003
Posted: Do - Oktober 16, 2003 at 12:46 nachm.