Silvio mit den zwei Gehirnen


SZ - 22.10.2003

Henning Klüver teilt mit , dass Dario Fo nicht mehr ins heutige Italien passt und deswegen in Mailand nicht gespielt wird.

Das kann eigentlich nur einem Komödianten wie Dario Fo passieren. Sein neues Stück „L’anomalo bicefalo“ – frei übersetzt „Der unregelmäßige Doppelkopf“ – ist noch gar nicht fertig geschrieben. Erste Proben für die Uraufführung, die Ende November in Bologna geplant ist, beginnen nächste Woche. Und vom Inhalt weiß man nicht viel mehr, als dass es in Anlehnung an ein älteres Stück über eine erdachte Entführung des christdemokratischen Politikers Amintore Fanfani („Il Fanfani rapito“, 1975) diesmal um eine Entführung von Silvio Berlusconi geht. Dem armen Silvio wird im neuen Stück aus Versehen eine Gehirnhälfte des russischen Präsidenten Putin implantiert – Rettung für den doppelköpfigen Berlusconi (und Italien) bringt erst seine (demokratische) Ehehälfte Veronica. Ob die Farce wirklich hält, was sich Dario Fo und Franca Rame von ihr versprechen, werden die Aufführungen zeigen.

Derweil bewegt ein anderes Stück die Öffentlichkeit: Sergio Escobar, Intendant des Mailänder Piccolo-Theaters, berichtet in einem Brief an den Corriere della Sera von Forderungen, das Fo-Stück nicht, wie geplant, im Januar im Piccolo zu spielen. Das Stück, so sei ihm von verschiedenen Seiten „in Freundschaft“ nahe gelegt worden, passe irgendwie nicht in die Zeit, und Escobar solle doch an die öffentliche Finanzierung des unter Geldmangel leidenden Piccolo denken. Aus dem Aufsichtsrat des Theaters, der inzwischen mit Berlusconi-treuen Mitgliedern besetzt ist, hört man Stimmen, die eine „Prüfung des Textes“ anregen – was Dario Fo empört als „Zensur“ ablehnt.

Bricht in Mailand, der Hauptstadt der Berlusconi-Bewegung, nun offen das Regime aus? Zwar erklärte Escobar, dass der Druck nicht „von der wirklichen Macht“ kam, was wirklich ein Skandal gewesen wäre. Zudem hat der Aufsichtsrat den Spielplan bereits bewilligt und gar keine Entscheidungsmacht über einzelne Stücke. Doch die Farce um ein renommiertes Theater, wo Inszenierungen von Peter Brook, Lev Dodin oder Guido Ceronetti gezeigt werden können, ist ein Signal. Eine populistische Politik, so zeigt der Fall, schlägt in Italien Breschen in die Institutionen öffentlich geförderter Kultur – nicht für die Moderne sondern für den Kleingeist.

klüv

Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 03:07 nachm.      


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