Pyramide aus Schotter


www.fr-aktuell.de - 20.10.2003

Einar Schleefs "Gertrud" in Düsseldorf uraufgeführt
VON STEFAN KEIM

Der abrupte Musikeinsatz knallt in die Gespräche des Premierenpublikums. FM Einheits brachiale Rockklänge zwingen den Blick auf die Bühne, ein rot und grün beleuchteter gekachelter Raum, der wie eine Bahnhofstoilette aussieht, aus der jemand die Klos, Türen und Waschschüsseln entfernt hat. Ute Kala zeigt eine kalte, nackt wirkende Szenerie, in der zwei Frauen Einar Schleefs Gertrud - Ein Totenfest sprechen. Zwei Schauspielerinnen sind es, kein Chor, wie ihn der vor zwei Jahren verstorbene Autor und Regisseur Einar Schleef für die Theaterfassung des riesigen Romans über seine Mutter Gertrud vorgesehen hat.

"Den Lauf muss ich gewinnen", sagt eine der beiden "Stimmen", wie Regisseur Thomas Bischoff die Figuren bezeichnet. "Steh oben unterm Totenkopp. Richtung Schacht. Das grinst. Wer bist du. Kehr dir den Rücken. Mächtig liegt das Vieh." Obwohl die erste Textpassage mehrmals wiederholt wird - ein Stilmittel, das auch Schleef oft anwandte -, stellt sich kein klares Bild ein. Erst beim Blättern im Programmheft entdeckt man, worauf sich der "Totenkopp" bezieht. Das ist eine Steinplastik am Rathaus der Kleinstadt Sangerhausen in Thüringen, wo Schleefs Mutter Gertrud lebte und wie ihr Sohn begraben ist.

Fast scheint es, als wäre der Text gar nicht für einen fremden Leser geschrieben. Schleef verweigert jede Erläuterung. Personen werden einfach mit dem Vornamen eingeführt, die Gedanken springen unchronologisch durch die Zeiten, viele Sätze sind Ellipsen. Es geht nicht um eine lineare Aufarbeitung persönlicher Geschichte, die von der Nazidiktatur durch die DDR in die Wendezeit reicht, sondern um das Wesen der Erinnerung selbst. Spontan fließt der Gedankenstrom, und Schleef lässt auch in der stark gekürzten Bühnenversion keinen Strudel, keine Welle, nicht einmal eine Schaumkrone, aus. Es ist schwere Arbeit, sich durch die Textflut hindurchzuwühlen und Inhalte herauszuarbeiten. Wie bei Elfriede Jelinek, die Schleef zutiefst verehrte, stellt sich die Frage, ob solche sich dem Verständnis entziehenden Stücke überhaupt theatertauglich sind.

Thomas Bischoff und die beiden großartigen Schauspielerinnen treten den Beweis an. Knapp zwei Stunden lang zeigen sie mit nie nachlassender Konzentration, wie Gertrud ihr Leben zu packen versucht und trotz gewaltiger Anstrengung immer wieder abgleitet. Die Prügel durch den Vater, der eklige Alltag in der Familienbäckerei, Krankheit und Alter, das Versagen des Körpers, Angst, Hass und der Tod beherrschen die mal plastischen, mal im Rätselhaften verharrenden Erinnerungen. Oft glaubt man beim Lesen schon die typisch Schleefschen, wuchtigen Chöre, wie er sie zum Beispiel in Jelineks Sportstück eingesetzt hat, zu hören.

Bischoff erreicht mit seinen zwei "Stimmen" ebenfalls eine Entindividualisierung, durch die Reduktion werden die Leidensgeschichten jedoch konkreter mit Gesichtern verbunden. Anke Hartwig brodelt oft vor Wut und spuckt die Verlorenheit ihrer Gertrud der Welt ins Gesicht, die jüngere Catherine Janke implodiert eher, bleibt auch in der größten Aggression beherrscht und legt allen Ekel in die Sprache. Kompromisslos verweigern Schleef und Bischoff jede Andeutung von Hoffnung und Schönheit, aufkommende Sehnsucht trägt sofort die Vergeblichkeit in sich. Der hohe Grad an Stilisierung vermeidet jeden Anflug sozialrealistischen Gesinnungskitsches. Wenn Bischoff Klassiker inszeniert, ist es oft ärgerlich, dass er sie zu einem Ritual des angewandten Pessimismus reduziert. Zu Schleefs Totenfest passt Bischoffs distanziert-dunkler Stil perfekt, ebenso die unversöhnliche Bühnenmusik FM Einheits, die brutale Momente mit sensiblen Untermalungen verbindet.

Es ist eine interessante Konstellation, dass Düsseldorf parallel zur in Schleefs Gertrud gespiegelten DDR-Nachkriegsgeschichte im großen Haus einen Blick auf die Historie der Bundesrepublik wirft. Adaptionsspezialist Burkhard C. Kosminski hat das großartige Drehbuch zum Fassbinder-Film Die Ehe der Maria Braun - Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich erreichten damit wahrhaftig Horváth-Niveau - für die Bühne bearbeitet. Seine Inszenierung rutscht allerdings in die Oberflächlichkeit einer Unterhaltungsrevue. Bei Fassbinder ist der Einsatz von Schlagern bittere Ironie, in Düsseldorf nur Schauspielerfutter. Der Versuch, durch Pausen ein Gefühl von Fremdheit und Leere zu erzeugen, führt im riesigen Raum ohne die Möglichkeit von Nahaufnahmen bloß zur Langeweile. Kosminski macht es sich und dem Publikum zu leicht, Einar Schleef und Thomas Bischoff legen den Zuschauern schwere Brocken auf die Bühne. "Ich habe meiner Mutter eine Pyramide gebaut", schrieb Schleef. "Einfach Schotter übereinander für eine deutsche Familientragödie." Es lohnt sich, in diesem Schotter nach schmerzhaften Erinnerungen zu graben.

Düsseldorfer Schauspiel, kleines Haus: 29. Oktober, 9., 18. und 21. November.

URL: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=324472

[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2003
Dokument erstellt am 19.10.2003 um 17:40:11 Uhr
Erscheinungsdatum 20.10.2003

Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 03:04 nachm.      


©