Offener Brief Gerhard Zwerenz an das Theater Erlangen
Per FAX am 6.10.03
Frau Intendantin Dhein - Theater Erlangen
Sehr geehrte Frau Dhein,
mehrfach und dringlich wurden Sie gebeten, von
der geplanten Aufführung des Kriegstheaterstücks "Die Wölfe" -
Autor Hans Rehberg - an Ihrem Theater in Erlangen Abstand zu nehmen.
Wie Sie wissen, dienten Stück und
Premiere im April 1944 am Schauspielhaus Breslau den Nazi-Durchhalteparolen. Sie
kennen die Besprechung in der DAZ vom 19.4. 1944, in der es heißt: "Das
Wort Horaz', süß ist und ehrenvoll für's Vaterland zu sterben,
findet seine Bestätigung in dem Heldentum der U-Bootfahrer ..." Das schrieb
ein Nazirezensent über ein Nazistück, das an einem Nazitheater
für Nazikriegsziele inszeniert worden ist. Vielleicht hoffen Sie, und ich
hoffe es für Sie, das Seekriegs-Drama antinazistisch spielen zu
können. Warum dann Rehberg und nicht Goebbels, von dem es ja auch ein
Bühnenwerk gibt. Aber vielleicht wollen Sie mit Ihrem Plan wie Erika
Steinbach gegen die Vertreibung protestieren, deren deutsche Opfer gerade in
aller Munde sind, schließlich wurden die guten Breslauer, die im April 44
dem Stück stürmisch applaudierten, anschließend leider auch
vertrieben.
Um Ihnen in dem gewiß
schweren künstlerischen Konflikt beizustehen, darf ich mir erlauben, Ihnen
folgenden Vorschlag zu unterbreiten: Ein Teil der Prominenz, die den
Wiederaufbau des Berliner Hohenzollernschlosses fordert und fördert, ist
identisch mit den Damen und Herren, die im selben Berlin ein Zentrum gegen
Vertreibung errichten wollen. Was läge näher, als dieses Zentrum
direkt ins Schloß zu verlegen, von wo ja 1772 die erste polnische Teilung
in die Wege geleitet wurde. Vielleicht wäre die Eröffnung des Zentrums
im Schloß der beste Zeitpunkt, dort unter Ihrer künstlerischen
Verantwortung das U-Boot-Helden-Drama vor die Augen der Weltöffentlichkeit
zu bringen.
In der Hoffnung, Sie wissen
diesen meinen Hinweis zu schätzen und mit den besten Wünschen
Ihr ergebener
Gerhard Zwerenz
Posted: Mo - Oktober 13, 2003 at 11:03 vorm.