Wieder viel Beifall um Nichts
www.taz-ruhr.de - Ausgabe Nr. 153 vom
2003-10-09
Das Bochumer
Schauspielhaus eröffnete die neue Spielzeit mit zwei Premieren an einem
Abend. Karin Beier inszeniert „Minna von Barnhelm“, Matthias
Hartmann geistert durch „Electronic City“
von PETER ORTMANN
Mit zwei Premieren an einem Abend eröffnet
Matthias Hartmann in Bochum die Spielzeit. 100 Minuten Gotthold Ephraim Lessing,
90 Minuten Falk Richter. Karin Beier inszeniert im Großen Haus den
Soldaten-Klassiker „Minna von Barnhelm“, Matthias Hartmann in den
Kammerspielen die Uraufführung von „Electronic City“. In beiden
Stücken spielt Geld eine wichtige Rolle, eine ermäßigte
Kombikarte gab` s im Schauspielhaus deshalb auch nicht.
Schmunzeln konnte der Besucher bei der
Soldatenglück-Geschichte um den verabschiedeten Major Tellheim, der um sein
Vermögen und seine Ehre kämpft, die Minna erst zur Minna macht und am
Ende doch gewinnt. Nicht neu, nicht außergewöhnlich und fürs
große Haus eigentlich nicht geeignet. Sei es drum, bei der zweiten
Vorstellung am Sonntag waren die Reihen schon merklich gelichtet, aber das
könnte Hartmann mit Dieter Bohlen in der Rolle des Paul Werner ja locker
verändern.
Dann ist es 22.00 Uhr in den
Kammerspielen. Hightech-Video-Spektakel. Ein angeblich hochmusikalischer neuer
Text von Falk Richter über das Leben im Zeitalter von Simulation und
Flexibilisierung. Spannung. Da tritt der Intendant selbst vors Publikum. Das
Hightech-Mischpult sei ausgefallen und der elektronische Hilfsdienst, ja, der
wäre nicht zu erreichen gewesen. Und so fehlt eben ein bißchen im
Videomix, rote Blutspritzer oder andere wichtige Dinge, die der Besucher ja beim
nächsten Besuch mit neuer Eintrittskarte... Hartmanns Inszenierungskunst
ist eben ausgefeilt, stromtechnisch gesehen. Einzige Gefahr, jemand zieht den
Stecker raus, weil das Wasser kocht. Was dann als gequält
zeitgenössisch auf die Bühne kommt, erzeugt gähnende Langeweile
und hat mit Theater nichts mehr zu tun. Hier wird allerhöchstens eine
zweitklassige Videoinstallation angeboten, in der Schauspieler, und es sind ein
paar wirklich gute darunter, zu Sprechpuppen degradiert werden. Der Text
beschreibt das armselige Leben der Jetset-Manager zwischen Konzernübernahme
und Flughafenwirrwarr. Ach Gott, und diese Diener des Globalisierungsmolochs
wollen auch noch bedauert sein. Es fehlt ihnen an Liebe, Kontakt und
Lebens-Orientierung. Ein guter Rat für sie wäre, sich einfach aus dem
Flieger zu stürzen. Die Menschheit wäre ihnen dafür sicher
dankbar.
Als SciFi- Hörspiel in
Kunstkopftechnik der 70er Jahre wär das Stück vielleicht ein Hammer
gewesen. Aber 2003 auf der NRW Vorzeige-Bühne?
Posted: Do - Oktober 16, 2003 at 01:50 nachm.