Besatzung schürt Widerstand
Socialist Worker / ZNet 20.10.2003
Ein Interview mit Tariq
Ali
von Tariq Ali und Anthony
Arnove
Arnove: In Ihrem neuen Buch „Bush in
Babylon“ schreiben Sie, dass der Krieg gegen Irak auf Täuschung
basierte. Wenn es bei der Invasion nicht um Massenvernichtungswaffen und Iraks
Verbindung zu terroristischen Gruppen wie al-Qaida ging, worum ging es dann?
Ali: WENN DIE
Massenvernichtungswaffen in Irak existierten und nicht eingebildet wären,
wären die USA nie einmarschiert. Und es ist wert, noch einmal zu
wiederholen, dass außerhalb der Vereinigten Staaten niemand daran glaubt,
dass es irgendwelche Verbindungen zwischen den Irakern und al-Qaida gibt.
Der Zustand der Unwissenheit in der
US-Bevölkerung ist wohl ein Tribut an die drei Affen der Information
– die Sendenetze und Fox TV – deren Motto anscheinend ist: keine
Wahrheit sehen, keine Wahrheit hören, keine Wahrheit verbreiten. Wie kann
es unter diesen Bedingungen einer offiziell inspirierten Unwissenheit eine
wachsame und aufmerksame Bürgerschaft geben (sicherlich eine
Grundvoraussetzung selbst für kapitalistische Demokratien)?
Meiner Meinung nach war die
Demonstration imperialer Macht der Hauptgrund für den Krieg, – der
Region und der Welt zeigen, dass das amerikanische Imperium entschlossen ist,
seine Vorherrschaft mit allen Mitteln zu erhalten. Wo der Krieg mit
ökonomischen Mitteln ineffektiv war, konnte eine militärische
Offensive entfesselt werden. Es war ein Schuss gegen den Bug der
fernöstlichen Staaten und der Westeuropäer. Die Botschaft war klar:
Wir haben die Kapazität und die Macht, nach Belieben militärisch zu
intervenieren. Ein nebengeordneter Grund war dabei, das israelische Regime
zufrieden zu stellen, das Irak und Syrien als die einzigen Regime der Region
sieht, die sich der Pax Israeliana widersetzen.
Mithilfe einer Marionettenregierung in
Irak sollten die syrischen Baathisten gestürzt werden. Wie [der britische
Premierminister] Tony Blair in einer inoffiziellen Besprechung drei leitenden
liberalen Journalisten anvertraute, sollte [der Krieg in] Irak Kriege gegen
Syrien und Iran überflüssig machen. Der Erfolg in Irak bedeutete, dass
nun Druckmittel, Einschüchterung und Drohungen genügen würden.
Der irakische Widerstand hat diese bestimmte Illusion zunichte gemacht.
WAS HALTEN Sie von der
Behauptung, dass der Widerstand gegen die Besetzung von Irak von
“ausländischen Terroristen” und
“Saddam-Hussein-Loyalisten” kommt?
EINER DER komischeren Anblicke in
den letzten Monaten war Paul Wolfowitz, wie er in einer Pressekonferenz in
Bagdad sagte, das „Hauptproblem sei, dass es zu viele Ausländer in
Irak gäbe“. Die Tatsache, dass die meisten der anwesenden westlichen
Journalisten nicht lauthals loslachten, zeigt, wie eingebettet sie in der
Zwischenzeit sind. In Wirklichkeit sehen die Leute die Besatzungarmeen als die
wirklichen „ausländischen Terroristen“. Und wenn man einmal ein
Land besetzt, muss man sich wie eine Kolonialmacht verhalten. Das Modell ist
eine Mischung aus Gaza und Guantanamo. In Irak gibt es über 40
verschiedene Widerstandsorganisationen, kleine und große. Sie umfassen
Baathisten, dissidente Kommunisten, die vom Verrat der irakischen
kommunistischen Partei, die die Besetzung unterstützt, angewidert sind,
Nationalisten, Gruppen irakischer Soldaten und Offiziere, die durch die
Besatzung aufgelöst wurden, und sunnitische und shiitische religiöse
Gruppen – obwohl letztere noch sehr unscheinbar sind.
Mit anderen Worten, – der
Widerstand ist ein irakischer Widerstand – obwohl es mich nicht
überraschen würde, wenn andere Araber über die Grenzen zu Hilfe
kämen. Warum sollten sie auch nicht? Wenn es in Nadjaf Polen und Ukrainer
gibt, warum sollten Araber nicht kommen, ihre arabischen Brüdern in Irak zu
verteidigen?
Aber die wichtigste
Tatsache in Bezug auf den Widerstand ist heute, dass er dezentral ist –
das klassische erste Stadium eines Guerillakrieges gegen eine Besatzungsarmee.
Ob diese Gruppen das zweite Stadium erreichen und eine irakische nationale
Befreiungsarmee bilden werden, muss man noch sehen.
Ich habe erfahren, dass das Pentagon
spezielle Vorführungen des Films „Der Kampf um Algier“
organisiert hat. Das ist ein antikolonialer Klassiker, nur war Gillo Pontecorvos
Film darauf ausgelegt, der anderen Seite zu helfen.
WIE SIND die Bedingungen heute
in Irak im Vergleich zu dem, was Bush und Blair versprachen?
ALLE MEINE irakischen Kontakte im
Land bestätigen, was in der europäischen Presse zu lesen ist. Das Land
befindet sich in einem heillosen Chaos. Die Situation ist viel schlimmer als
unter Saddam. Es gibt keinen Wiederaufbau. Es herrscht Massenarbeitslosigkeit.
Die USA vertrauen den Irakis noch nicht einmal als Reinigungspersonal, statt
dessen werden Migranten aus Südasien und den Philippinen eingesetzt. Das
ist also Kolonialismus im Zeitalter des neoliberalen Kapitalismus, und so werden
US- und „freundliche“ Firmen bevorzugt. Unter der Besatzung wird
Irak zu einer Oligarchie der Spießgesellen werden. Das tägliche
Leben ist eine Qual. Die Besatzung und ihre Marionetten sind nicht einmal im
Stande, die grundlegenden Bedürfnisse des Lebens erfüllen. Das
schürt den Widerstand und ermutigt viele junge Leute zu kämpfen. Nur
wenige sind bereit, die Kämpfer zu verraten. Und das ist wichtig, da ohne
die passive Unterstützung durch die Bevölkerung Widerstand sehr
schwierig wird. WIE SEHEN Sie die
Entwicklung der Dinge? Zum Beispiel, dass Bush die Vereinten Nationen (UN) um
Unterstützung für die Besatzung gebeten hat. Versucht er, eine
multilaterale Fassade für die US-Kontrolle zu bekommen?
DER UN-Sicherheitsrat hat sich
wieder einmal selbst blamiert. Er sollte in Rat der Satrapen umbenannt werden.
Hier sind sie, auf den Knien vor dem Imperium. Die Deutschen, Franzosen und
Russen (wie einige US-Liberale), die gegen den Krieg waren, sagen nun, dass es
keine andere Möglichkeit gäbe, als die Besatzung zu unterstützen.
Sie werden weder Truppen noch Geld zur Verfügung stellen, aber sie werden
sie “moralisch” unterstützen. Die Japaner hatten vorher gesagt,
dass sie keine Truppen schicken könnten, bevor ihre Soldaten nicht Arabisch
könnten (d. h. nie), aber falls sie den Vereinten Nationen von Amerika
nachgeben, kann man nur hoffen, dass in diesem Land eine Antikriegsbewegung
entstehen wird.
Die Türken sind
immer noch am Verhandeln, welchen Teil Iraks sie kontrollieren werden. Sie
wollen die kurdischen Gebiete besetzen und einige alte Rechnungen begleichen,
während die USA sie in der Region Bagdad ein paar Schläge einstecken
lassen möchte. Falls und wann die türkischen Truppen ankommen, kann
das einige der kurdischen Gruppen zu Gegnern der Besatzung machen.
Der Multilateralismus der UN wird sich
in nichts von dem unterscheiden, was jetzt schon existiert. Man sollte nie
vergessen, wie verhasst die UN in Irak als Verwalter der tödlichen
Sanktionen und Unterstützer der wöchentlichen anglo-amerikanischen
Bombenangriffe sind.
WAS, DENKEN
Sie, sind die Auswirkungen dieser Besatzung auf die Palästinenser? Glauben
Sie, dass Syrien und Iran als nächste drankommen werden?
FALLS DIE Palästinenser zu
Beginn durch den Fall von Bagdad demoralisiert wurden, hat sie die Entstehung
eines Widerstand ermutigt. Nachdem Bagdad fiel, sagte der israelische
Kriegsverbrecher Ariel Sharon den Palästinensern, “sie sollten nun,
da ihr Beschützer gegangen sei, Vernunft annehmen“. Als ob der Kampf
der Palästinenser von Saddam abhängig sei! Nun, er hat seine Antwort
bekommen.
Die Menschen in den USA
müssen verstehen, dass in der arabischen Welt und anderswo die
Selbstmordattentate nicht von der Besatzung getrennt werden können. Selbst
führende Zionisten wie Avraham Burg haben das in den letzten Wochen gesagt.
Es stimmt auch nicht, dass nur
Palästinenser oder Moslems dazu bereit sind, ihr Leben zu opfern. Die
Vietnamese haben in den Cafes in Saigon, die von US-Soldaten besucht wurden,
eine ähnliche Taktik angewendet.
Der Mittlere Osten ist nun zweimal
besetzt – die US-israelische Besetzung von Palästina und von Irak.
Sollten sie so verrückt sein und auch noch Syrien und Iran besetzen, werden
sie sich militärisch und politisch übernehmen. Meiner Meinung nach hat
der irakische Widerstand alle Pläne in Bezug auf Syrien und Iran
vorübergehend gestoppt.
WAS
SOLLTEN Kriegs- und Besatzungsgegner nun tun?
DIE BREITESTE, umfassendste
Antikriegsbewegung aufbauen, die nur möglich ist.
Einige Aussagen von Soldaten und ihren
Familien waren sehr bewegend. Diese US-Soldaten lernen schnell – und
realisieren, dass ihnen da lauter Lügen aufgetischt wurden. Die Bewegung
wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie die unentschlossenen Bürger auf
ihre Seite ziehen kann. Das heißt, dass einige der Anführer der
Antikriegsbewegung die Angewohnheit ablegen müssen, zu sich selbst zu
sprechen und eine neue Sprache lernen müssen.
TARIQ ALI ist ein erfahrener politischer
Aktivist seit den 1960er Jahren. Er ist Filmemacher, Romancier und Autor
zahlreicher Bücher einschließlich „Fundamentalismus im Kampf um
die Weltordnung“ und, das neueste, „Bush in Babylon: Die
Re-Kolonisierung des Irak“. Weitere Artikel zur Besatzung Iraks:
http://www.zmag.org/CrisesCurEvts/Iraq/occupation.htm
Weitere Artikel von Anthony Arnove:
http://www.zmag.org/CrisesCurEvts/Iraq/anthony_arnove.htm
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Übersetzt von: Eva-Maria Bach
Orginalartikel: " Occupation Fuels
Resistance"
Posted: Fr - Oktober 24, 2003 at 09:35 vorm.