Krieg im All hat für die USA längst begonnen
www.netzeitung.de - 18.10.2003 -
08:32
China betreibe
Raumfahrt, weil es glaube, die USA seien im All verwundbar – sagen
amerikanische Falken. Ob es stimmt oder nicht, es ist eine gute Rechtfertigung
für die eigenen Weltraum-Pläne.
«Um die Überlegenheit im Weltraum zu
erhalten, müssen wir die Fähigkeit besitzen, die Sphären des
Weltalls zu kontrollieren. Um das zu tun, muss es uns möglich sein, uns
frei im All zu bewegen, unseren Gegnern den Zugang dazu zu verwehren, uns selbst
vor Angriffen im und aus dem All zu schützen, und wir müssen eine
nationale Raketenabwehr aufbauen.»
Dies ist das Ziel des im Jahr 2001
formulierten Strategy Master Plan (SMP) des Air Force Space Command der USA.
Am 15. Oktober 2003 startete China die
erste bemannte Rakete ins All, 21 Stunden später kehrte sie zurück und
bescherte dem Land einen enormen Propaganda-Erfolg. Die Mission sei für das
Land genau so wichtig wie die Entwicklung der ersten chinesischen Nuklearwaffe
im Jahr 1967, sagte der chinesische Wissenschaftsminister Xu Guanghua der
Agentur Xinhua. China habe in einem Hochtechnologie-Bereich eine «wichtige
Rolle» eingenommen.
Amerikanische
Militär-Analysten sehen das ähnlich und betrachten China bereits als
Gegner auf einem völlig neuen Schlachtfeld, im Weltraum.
Pearl Harbour im Weltraum
«Obwohl die stärkste und
direkteste Motivation für dieses Programm das politische Prestige ist,
leisten Chinas bemannte Weltraum-Missionen in einem Zeitrahmen zwischen 2010 bis
2020 zweifellos einen Beitrag zu besseren militärischen
Weltraum-Systemen.» Dieser Ansicht sind die Autoren einer im Juli
veröffentlichten Pentagon-Studie über die Bedrohungen durch die
chinesische Armee (People's Liberation Army – PLA).
Mitarbeiter in konservativen
Denkfabriken gehen noch weiter. Sie glauben, dass China ein neues Pearl Harbour
plane, einen Angriff auf die verwundbarste Stelle der USA, ihre Systeme im
Weltraum. Denn nahezu alle Daten, auf denen amerikanische Militäraktionen
beruhen, stammen inzwischen entweder direkt von Satelliten im All, oder werden
über sie weitergeleitet.
«Die
Chinesen glauben, dass die USA aufgrund ihrer Abhängigkeit von
Weltraum-Systemen verwundbar sind», zitiert die «South China Morning
Post» den US-Experten für Chinas Rüstung Paul Godwin, der
früher auch für das National War College gearbeitet habe. «Sie
glauben, wenn sie unsere Satelliten schwächen, können sie uns wirklich
verwunden.»
Kriegsgrund
Taiwan
Der Pentagon-Bericht kommt zu
dem Schluss, dass China versuche, ein großes Arsenal von
Spionagesatelliten, Anti-Satelliten-Lasern und neuen Radaranlagen zum Blockieren
von Satellitensignalen aufzubauen.
Die
«Washington Post» zitiert daraus, dass eine große Zahl
offensiver regionaler Raketenbatterien, unterstützt durch
Weltraum-gestützte Spionagesysteme der «Eckpfeiler der PLA im
frühen 21. Jahrhundert» sein werden.
Das nächstliegende Szenario
für eine direkte Konfrontation bietet aus Sicht der USA die Insel Taiwan.
Im Januar 2001 hat das Space Warfare Centre in Colorado diesen Krieg schon
einmal durchgespielt: Ein Feind, genannt «Rot», griff mit starken
Kräften eine benachbarte Insel «Braun» an – einen Staat,
dem die USA militärische Hilfe zugesagt hatten. Binnen Stunden, so das im
Jahr 2017 angesiedelte Kriegsspiel, war der amerikanische Gegenschlag mit Hilfe
von Hacker-Angriffen auf amerikanische Computer zum Erliegen gekommen. Fünf
Tage lang tobte daraufhin die Schlacht im Weltraum, mit Mikro-Satelliten,
Lasern, bemannten Kampfschiffen, ballistischen Raketen.
Für die USA ist dies längst
keine Fiktion mehr. Das bemannte Raumfahrtprogramm der Chinesen hat solche
Pläne nach Ansicht des Pentagons real werden lassen. Eine militärische
Nutzung der auf zivilem Wege im Weltraum erworbenen Raketen- und
Satellitentechnik ist nicht abwegig, Beweise dafür gibt es bisher keine.
Die zivile Weltraumbehörde Nasa
gratulierte vorsichtig zu der chinesischen Mission. Sie sei ein «wichtiger
Erfolg in der Geschichte der Forschung» so Nasa-Chef Sean O'Keefe.
Realer Nutzen der fernen
Bedrohung
Das
Verteidigungsministerium sieht das anders. Noch bevor Donald Rumsfeld
Verteidigungsminister wurde, hatte er im Jahr 2001 davor gewarnt, die USA
könnten sich einem «Weltraum-Pearl-Harbour» gegenüber sehen.
Seine Forderung: eine stärker auf das Weltall ausgerichtete
Verteidigungsstrategie. Rumsfeld nannte damals keinen direkten Gegner, doch war
China schon damals das Ziel. Mit dem Strategic Master Plan wurde diese Bedrohung
dann formuliert.
Die USA hatten 1961 den
ersten Menschen ins All befördert. Heute, nach mehr als 40 Jahren, besitzen
sie keine funktionierende Technologie, um Satelliten oder aus dem All
anfliegende Raketen zu zerstören.
Das ferne Bedrohungsszenario hat jedoch
schon jetzt einen ganz realen Nutzen, vor allem für das Pentagon. Es bietet
nach dem Verschwinden des alten Feindes Sowjetunion Argumente, um die enorm
teure Forschung an solchen Technologien finanzieren und vorantreiben zu
können.
«Die Weltraum-Falken
benutzen die Bedrohung durch das kommunistische China, um mehr Geld für
ihre Programme zu bekommen», so John Pike vom Think-Tank Globalsecurity.
«Sie glauben, man könne gar nicht genug Überlegenheit
besitzen.»
Und die Bedrohung bietet
auch Argumente für politische und wirtschaftliche Blockaden. China ist auf
Betreiben der USA nicht an der Internationalen Raumstation ISS beteiligt und
wird es auch nie sein. Gary Schmitt arbeitet für einen konservativen
Think-Tank namens Project for the New American Century. Die «South China
Morning Post» zitiert ihn mit den Worten, jede Kooperation der USA mit
China im Bereich Weltraumtechnik würde direkt der Armee zu Gute kommen.
«Wir sollten den Chinesen unter dem Deckmantel der friedlichen Kooperation
keinen Aufschwung verschaffen. Das hieße den Trottel zu spielen.»
Für das Web ediert von Kai Biermann
URL dieses Artikels:
http://www.netzeitung.de/ausland/258441.html
MEHR IM INTERNET
Strategic Master Plan des Air Force
Space Command (PDF-Datei)
http://www.thememoryhole.org/mil/space-command-plan-fy2004.pdf
Pentagon-Bericht über die
Stärke der chinesischen Armee (PDF-Datei)
http://www.fas.org/nuke/guide/china/dod-2003.pdf
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Posted: Sa
- Oktober 18, 2003 at 10:37 vorm.