Verhüllte Wahrheit, lautloses Licht
DIE ZEIT 16.10.2003
Nr.43
Eine Ausstellung in
Bochum fragt nach den jüdischen Perspektiven in der
Kunst
Von Thomas
Assheuer
Auf den ersten Blick zeigt das Gemälde nichts
anderes als die Sehnsucht des Bürgers nach heiler Welt und alter Zeit. Zu
sehen sind die berühmtesten Außenseiter der bürgerlichen
Literatur, Mignon und Harfner aus Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre.
Mignons Blick geht ins Leere, der Harfner ist nur noch ein Schatten seiner
selbst. Der Maler der Szene ist Moritz Daniel Oppenheim (1799 bis 1882), der
erste Künstler im 19. Jahrhundert, der sich offen zu seiner jüdischen
Herkunft bekennt. Und doch hat das Bild etwas Verzweifeltes. Oppenheim erweist
Goethe, dem Heros des deutschen Bürgertums, alle Ehre und bekundet seinen
sehnlichen Wunsch, dieser Kultur als ein gleichberechtigtes Mitglied
anzugehören. Aber mit der Wahl des Motivs identifiziert er sich zugleich
mit den Marginalisierten, jenen Unzugehörigen, für die in der
bürgerlichen Gesellschaft kein Platz ist.
Das Recht des Bildes –
Jüdische Perspektiven in der modernen Kunst
heißt eine Ausstellung, die im Museum
Bochum zu sehen ist. Aber die Ausstellung erschöpft sich nicht in dem, was
dem Zuschauer ins Auge fällt. Denn insgeheim besteht sie aus zwei Teilen,
aus einem Stück sozialer Aufklärung – und einer verborgenen und
brisanten Frage nach den Wirkungen des jüdischen Bilderverbots.
Zunächst zeigt die Ausstellung ganz unaufdringlich, was jüdischen
Künstlern seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf ihrer Gratwanderung zwischen
Selbstverleugnung und Selbstausdruck, zwischen Akkulturation und Treue zum
Glauben ihrer Väter widerfahren ist.
Die Auswirkungen des
jüdischen Bilderverbots
Während Philipp Veit (1793 bis
1877), Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn, alles abstreift, was an seine
jüdische Herkunft erinnert, und sich in Rom den katholischen Nazarenern
anschließt, weil er auf eine Erneuerung der Kunst durch den Geist des
Christentums hofft, bekennt sich Max Liebermann (1847 bis 1935) selbstbewusst
sowohl zu seinem Judentum wie auch zur Mehrheitskultur. Die Epoche der
Annäherung endet 1933. Wie viele andere hat der in Auschwitz ermordete
Maler Felix Nussbaum den „Sturm über Europa“ heraufziehen
sehen. Von dem Versuch, als jüdischer Künstler im christlichen
Deutschland Anerkennung zu finden, bleiben Porträtskizzen aus den
Vernichtungslagern, heimlich und mit primitivsten Mitteln angefertigt. Mit
diesen Bildern hält die Ausstellung inne, der Bruch ist absolut, der Riss
im Ästhetischen total. Von hier aus gibt es keine Verbindung zu den
übrigen Bildern der Ausstellung, und alles andere ist alles andere. Der
Besucher muss das Stockwerk wechseln, vorbei an einer Installation von Ira
Marom. Die Gesichter, die sie zeigt, sind in den Sand projiziert und liegen
wehrlos vor den Füßen des Betrachters. Daneben ein Kehrbesen.
Gleichwohl wird die Ausstellung von
einer Frage zusammengehalten, die sie wie einen roten Faden durchzieht,
nämlich davon, welche Spannung zwischen dem Bilderverbot und den Werken
jüdischer Künstler besteht. Wie verhalten sich jüdische
Künstler gegenüber dem göttlichen Gebot, vom Absoluten dürfe
es kein Bild geben? Für Immanuel Kant gab es keine erhabenere Stelle im
Gesetzbuch der Juden als dieses Gebot; für den kulturellen Antisemitismus
hingegen ist es die Quelle für den heimlichen Ikonoklasmus in der modernen
Kunst. Tatsächlich geht es beim Bilderverbot nicht um ein Kunstverbot,
sondern um das Verbot des Götzendienstes, also darum, ein endliches Bild
nicht mit dem Unendlichen zu verwechseln. Einem reichen künstlerischen
Schaffen stand es nicht im Wege, im Gegenteil. Jüdische Zeremonialkunst hat
es immer gegeben, auch das spätantike Judentum war keineswegs
bilderfeindlich. Gemalte Fresken und bildliche Darstellungen gehörten bis
zum 6. Jahrhundert zur Symbolwelt der Synagogen, und in wunderbaren Kalligrafien
entfalten mittelalterliche Bibelhandschriften die ornamentale Kraft der
hebräischen Schrift.
Auch die
Behauptung, Bildskeptiker seien samt und sonders wütende
Bilderstürmer, erweist sich hier als Gerücht über die Juden.
Anlässlich der Karlsruher Ausstellung
Iconoclash
hatte der französische
Wissenschaftstheoretiker Bruno Latour in einer gleichnamigen Abrechnung (Merve
Verlag) behauptet, das zweieinhalbtausend Jahre alte jüdische Bilderverbot
sei bis heute die Ursache von Gewalt und Intoleranz. Angesichts solcher
Kraftmeiereien wollen die Bochumer Ausstellungsmacher zeigen, wie verschlungen
und kompliziert die Geschichte des Bilderverbots in Wirklichkeit war. So
veränderte sich das Verhältnis zum Abbildverbot – und damit auch
dessen ikonoklastische Tendenz – mit dem Grad von Repression und
Verfolgung, denen die jüdischen Gemeinden ausgesetzt waren. Je
bedrängter ihr Leben war, desto stärker wandten sie sich vom Bild ab
und dem Wort zu.
Wieder anders war die
Reaktion auf den Schock, den die Judenfeindlichkeit der bürgerlichen Eliten
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auslöste. Richard Wagners
niederträchtiges Pamphlet über das
Judentum in der Musik
(1850) machte den kulturellen Antisemitismus
endgültig salonfähig und damit das Vorurteil von der jüdischen
Kunstunfähigkeit. Nach Wagners Denunziation bezogen sich jüdische
Künstler nicht mehr, wie vordem Oppenheim, ganz selbstverständlich auf
die deutsche Kultur. Sie ändern die Perspektive und beschwören nun die
übergeschichtliche Schönheit der Kunst, das schöpferische Genie
oder den jüdischen Boden, auf dem allein jüdische Kunst möglich
sei. Doch in dem Maße, wie sich die Kunst zur ästhetischen Moderne
internationalisiert, verblassen auch die Spuren jüdischer Künstler. Es
scheint, so Arnold Zweig, nun „müßig, angesichts der Gesetze
der Mischung zu untersuchen, was jüdische Besonderheit ist und was nicht.
Wir haben nichts zurückzunehmen vom Beitrag der Juden.“
Auschwitz war die historische
Zäsur. Nach der Ermordung der europäischen Juden scheinen alle
symbolischen Mittel zerstört, und wo sie es nicht sind, herrscht ein
extremer Zweifel an der Darstellung des Unfassbaren. Das Bilderverbot verwandelt
sich in die Überzeugung von der Unmöglichkeit des Bildes. Nicht
länger geht es um die verborgenen Spuren jüdischen
Denkens,
sondern um jüdische
Erfahrung.
Darum wäre es nicht nur vergeblich, die
Werke von Helen Frankenthaler, Barnett Newman oder Nancy Spero auf das
Bilderverbot zurückzuführen; es wäre eine gezielte
Täuschung. Hier ist die Verweigerung des Bildes nämlich nichts, was
eigens verhängt werden müsste; die Ikonografie von Leere und Schrecken
folgt nicht einer theologischen Spekulation, sondern sie ist der Stempel, den
das Entsetzen den Werken aufgedrückt hat. Alles symbolische Weltvertrauen
ist verloren, es existiert keine stabile Beziehung mehr zwischen den Zeichen und
seinen alten Verweisungen. Das Bild, so die iranische Künstlerin Chohreh
Feyzdjou, hat „als Abbild sein Recht verloren. Es gibt nur den leeren
Raum, die hintereinander gestellten Keilrahmen, die zeigen, was zwischen den
Dingen ist.“
Jeder Versuch, dem
Leid Ausdruck zu geben, trägt seine Unmöglichkeit schon in sich, und
sogar der Kern der jüdischen Überlieferung wird vom Misstrauen gegen
das Symbolische erfasst. Barnett Newman will alle konfessionellen Grenzen
sprengen und sucht die mystische Inspiration, das Erhabene und Visionäre in
den unkörperlichen Bildern von Kreuzweg, Tod und Auferstehung. Ron B. Kitaj
unterwirft Wort und Schrift einer unerbittlichen Prüfung; bei dem
israelischen Künstler Michael Sgan-Cohen ist es nicht Gott, sondern Moses
selbst, der, von düsteren Allegorien verschattet, dem Publikum den
Rücken zuwendet. Nur Michal Na’aman lässt Text und Bild noch
einmal ineinander übergehen, in eine gebrochene Spiegelschrift des
Unendlichen, in der die Farbe der Welt den Hintergrund bildet, auf dem das Wort
noch einmal zur Erscheinung kommt, als sei es das letzte Mal. Eine Ausnahme
scheint Marc Chagall gewesen zu sein. Er benutzte die christliche Bildersprache
– aber nur, um in einer damals als skandalös empfundenen
ikonografischen Verkehrung Jesus Christus als den leidenden, in Auschwitz
ermordeten Juden darzustellen. Seht her, so ruft Chagall den
abendländischen Bilderfreunden zu, ihr habt die jüdischen Wurzeln des
Christentums verraten und den Juden ans Kreuz geschlagen.
Das Eis der Gefühle brechen
und religiöse Erfahrung erneuern
Es ist Mark Rothko, der den
Fluchtpunkt der Ausstellung bildet, ganz so, als käme in seinem Werk die
ästhetische Moderne als grandiose metaphysische Anspielung zu sich selbst.
Rothko fordert nichts als die getreue Lektüre seiner Bilder, er will
„Berührung“, das Eis brechen und religiöse Gefühle
„zum Schwingen“ bringen. „Ich interessiere mich nicht für
Farben und Formen, sondern für Grundgefühle der Menschen,
Erschütterung, Ekstase, Verhängnis.“ Das sind seine Sätze,
aber sein Bild, die Feier von Farbe und Intensität, weist alle
außerkünstlerische Deutung zurück, sogar jene, die die Bochumer
Ausstellung mit großer Behutsamkeit an das Werk heranträgt. Das macht
die Frage, ob es ein spezifisch jüdisches Kunstverstehen gibt, das in den
Bildern erkennbar einen Niederschlag findet, nicht überflüssig. Aber
die Überlegungen zum Bilderverbot treten ganz hinter das Sichtbare
zurück, hinter seine „unendliche Meditation“, sein
„lautloses Licht“. Deshalb gebührt Rothko der überragende
Platz zu Recht. Er steht für den zutiefst paradoxen Wunsch, dem
Bilderverbot strikt Tribut zu zollen, um es im Ästhetischen feierlich zu
verwandeln. Rothko ist der Mann vor Kafkas
Gesetz.
Seine Kunst besteht darin, sich vom
Türhüter, dem Bilderverbot, nicht abweisen zu lassen. Er tritt ein und
hebt das Gesetz auf, indem er ihm strikt Folge leistet.
Museum Bochum bis zum 4.
Januar 2004; Katalog 35,– Euro
Posted: Do - Oktober 16, 2003 at 12:20 nachm.