Ästhetik des Basislagers


www.sueddeutsche.de - 02.09.2003 - Feuilleton

Die Münchner Pinakothek der Moderne zeigt die „Architektur der Obdachlosigkeit“

Obdach. Ein Wort, das niemand benutzt, ein Wort aus dem Althochdeutschen, das man als Überdach übersetzen kann. Aber was bedeutet es heute? Ein indischer Eunuch, der auf einem Friedhof in einem Verschlag Unterschlupf findet; ein alter Mann, der seit fünfzig Jahren an einer Hongkonger Schnellstraße Zeitungen verkauft, auf denen er nachts schläft; ein Kambodschaner, der sich aus Plastikplanen und Bambus eine windschiefe Hütte zimmert – sind die drei mit ihrem improvisierten „Überdach“ nicht mehr obdachlos? Andersrum gefragt: Würde man einem Eigenheimbesitzer, der einen durch seine Räume führt, sagen: Sie haben aber ein schönes Obdach? Man spricht von den „eigenen vier Wänden“, voraussetzend, dass darüber ein schützendes Dach ist. Für jeden Mieter ist das Zuhause aber immer auch Provisorium: Wer seine Miete nicht zahlt, fliegt raus. „Zum Obdach“, so schrieb die Journalistin Gabriele Goettle einmal, „wird das Zuhause erst im Moment seines Verlustes, in Form der Obdachlosigkeit ihres ehemaligen Bewohners.“


Die meisten Obdachlosen sind in irgendeiner Art „sesshaft“, bewohnen also einen Ort. Wie aber tun sie das? Die Straßenzeitung Biss, die seit 1993 Bürgern in sozialen Schwierigkeiten hilft, hatte anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens die Idee zu einer Ausstellung, die heute in der Münchner Pinakothek der Moderne eröffnet wird. Sieben Fotografen wurden gebeten, die „Architektur der Obdachlosigkeit“ in den Blick zu nehmen. Die Ausstellung ist deshalb so gelungen, weil sie nicht mitleidheischend stereotype Bilder vom armen Bettler in der Fußgängerzone zeigt, sondern einfach Formen des improvisierten Wohnens im öffentlichen Raum untersucht. Ob man nun die Bilder von Dayanita Singh betrachtet, die die Geschichte des oben erwähnten Eunuchen erzählt, oder die Serie des Belgiers John Vink, der einige riesige Umsiedlungsprojekte in Kambodscha begleitet – das Bestürzende an vielen der Bilder ist, wie sehr aus diesen so unterschiedlichen Formen improvisierter Architektur die gleiche Sehnsucht nach dem ordentlichen Obdach spricht.

Tolstoj schrieb gegen Ende seines Lebens, alles, was ein Mensch brauche, sei ein Stück Acker, so groß, dass sein Sarg hineinpasse. Was aber braucht der Mensch zu Lebzeiten? Was braucht derjenige, der sich dazu gezwungen sieht, umsonst und draußen zu leben? Der Berliner Fotograf Wolfgang Bellwinkel hat sich für seine Installation „Heimat“ mit dem paradox klingendem Titel der Ausstellung auseinandergesetzt: „Dem Duden zufolge ist Architektur der nach den Regeln der Baukunst gestaltete Aufbau eines Gebäudes. Danach wäre selbst die improvisierte Hütte aus Brettern und Abfällen Architektur“, schreibt er im Katalog. „Solche Unterkünfte sind mir nicht begegnet. Was ist dann Architektur? Umbauter Raum? Auch diese Deutung war unzureichend, eine Parkbank ist kein umbauter Raum. Reduziert man allerdings Architektur auf das ,den Menschen von der Umwelt Trennende‘, erhält man eine funktionierende Definition.“

Bellwinkel hat das Basismaterial jedes Obdachlosen fotografiert, Matratzen, Isomatten, Schlafsäcke. Sechs hochformatige Fotografien, angeordnet zu zwei Triptycha, bilden einen verschmutzten Spiegel der bürgerlichen Welt. Der verschlissene Steppschlafsack, der mit seinem biedermeierlichen Blümchenmuster in der Großaufnahme an eine Tapete erinnert; der eingerissene Matratzenbezug mit seiner bunten Musterung: Die Gegenstände zeigen Spuren der augenblicklichen Nutzer, den Dreck der Straße, Schweiß und Tränen, erinnern in den verschossenen Mustern und Farben aber auch an das verblichene (klein-)bürgerliche Vorleben der Obdachlosen.

Auf Kante gefaltet

Obdachlosigkeit wird hier nicht als Randerscheinung, sondern als Kehrseite der wirtschaftlichen Prosperität und weltweiter Globalisierung gezeigt: In Tokio waren Anfang der neunziger Jahre 1000 Menschen als obdachlos gemeldet, nach Jahren der Rezession sind es inzwischen 20000. Die Bilder, die das Münchner Fotografenpaaar Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch in asiatischen Großstädten aufgenommen hat, bezeugen immer wieder den Versuch, in architektonischen Zwischenräumen eine ordentlichen Bleibe aufzuschlagen: Unter Brückenpfeilern, auf Bürgersteigen und Hausdächern haben sich die Obdachlosen, die oftmals tagsüber einem Bürojob nachgehen, aber zu wenig für einen „nach den Regeln der Baukunst gestalteten Aufbau eines Gebäudes“ verdienen, eine improvisierte Privatsphäre geschaffen. Eine Plane, Pappe, dünnes Sperrholz – viel ist es nicht, was die Menschen auf diesen Bildern „von der Umwelt trennt“. Und doch wird das Material immer wieder zu akkuratem Wohnraum angeordnet: Ein Tokioter hat sich in einer Betonnische ein hundehüttengroßes Haus gebaut, die Plane darüber ist minutiös auf Kante gefaltet, vor dem Eingang hängen Handschuhe auf einer Wäscheleine, daneben steht auf einem Handwägelchen der Computer, den er aus seinem bisherigen Leben retten konnte, Handfeger und Schaufel lehnen an seinen sonstigen, in Tüten abgepackten Habseligkeiten.

Der Straftatbestand der „Landstreicherei“ wurde vor dreißig Jahren aus dem BGB gestrichen. Dennoch versuchen Städte immer wieder, die „Nichtsesshaften“, wie die Obdachlosen im Amtsdeutsch heißen, aus den Innenstädten zu vertreiben: Polizisten in Frankfurt haben über Jahre Obdachlose aus der Innenstadt abtransportiert und weit hinter dem Flughafen abgesetzt, der Berliner Innensenat bedauerte vor zwei Jahren, dass solche „Verbringung von Nichtansässigen an den Stadtrand aus rechtlichen Gründen wohl nicht mehr möglich sei“. Aber es gibt ja andere, langfristig viel effektivere Möglichkeiten: Die sogenannte „Behinderungsmöblierung“ – Schalensitze in Bahnhöfen, Absperrgitter an Einkaufspassagen – zählen zu den beliebtesten Verdrängungsmaßnahmen von Kommunalpolitikern und Tourismusstrategen, die um das Image ihrer schönen Stadt fürchten. Wolfgang Tillmans nimmt in seinen Bildern die Stadt als Lebensraum des Obdachlosen in den Blick. „Anti-Homeless Device“ zeigt den Bürgersteig vor einem Flughafen, der auf perfide Weise aufgerüstet wurde: Flache Zacken verhindern, dass sich hier jemand hinsetzt. Der Bürgersteig in Zeiten des Wettbewerbs: Bürger dürfen ihn selbstverständlich gerne weiterhin besteigen, wer aber aus der bürgerlichen Welt herausgefallen ist, der wird sich auf diesen unauffälligen Stacheln die Stirn blutig reiben.

ALEX RÜHLE


Bis 21. September. Der Katalog kostet 27Euro. Siehe auch Münchner Kultur

Posted: Di - September 2, 2003 at 10:41 vorm.      


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