Der Mann ohne Partei
taz -
20.10.2003
Der Vize
rückt auf. Mit dem Historiker Carlos Mesa wird ein namhafter
Parteienkritiker neuer bolivianischer Präsident
BUENOS AIRES taz
Vielleicht hatte er schon eine Ahnung davon, was
auf Bolivien zukommen würde, als er im September vor der Vollversammlung
der Vereinten Nationen sprach. "Wir können nicht Wirtschaftswachstum und
Wohlstand für einige wenige schaffen und erwarten, dass die davon
ausgeschlossene Mehrheit stumm und geduldig zusieht", sagte Carlos Mesa als
stellvertretender Präsident Boliviens in New York. Kaum einen Monat
später ist es soweit. Die vom Reichtum des Landes ausgeschlossene Mehrheit
hat am Freitag den Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada
gestürzt - und seinen Vize Mesa damit zum neuen Staatschef gemacht. Laut
Verfassung kann Mesa das Mandat seines Vorgängers zu Ende führen, das
erst im Jahr 2007 zu Ende geht.
Mesa ist
ein Neuling in der bolivianischen Politik. Erst vor 14 Monaten ist er als
Stellvertreter von Sánchez de Lozada in das politische Geschäft
eingestiegen. Er erhielt den Auftrag, den Kampf gegen die Korruption zu
führen. Doch weit kam er dabei nicht. Als Mesa vor einigen Monaten
aufdeckte, dass 400 Kadetten der Militärakademie zum Ernteeinsatz auf der
Hacienda der Exfrau von Außenminister Carlos Saavedra Bruno verdonnert
worden waren, wurde er gleich doppelt ausgebremst. Zuerst vom inzwischen
abgetretenen Verteidigungsminister Freddy Teodovich und dann auch noch von
Sánchez de Lozada selbst.
Schon
damals rumorte es zwischen dem Präsidenten und seinem Vize, doch Mesa hielt
still. Auch als sich vor einem Monat die ersten Proteste gegen die Regierung
regten, blieb er ein treuer Diener seines Chefs. Erst als Sánchez de
Lozada das Militär auf unbewaffnete Demonstranten schießen
ließ, kam es zum Bruch. Vergangenen Montag versagte ihm Mesa die
Gefolgschaft. Damit hatte der Staatschef einen seiner engsten Verbündeten
und politischen Freunde verloren. Und Mesa hatte einen ersten Schritt Richtung
Präsidentenpalast getan. Denn trotz seiner Kritik an Sánchez de
Lozada lehnte er es ab, von seinem Amt zurückzutreten - der Historiker Mesa
witterte seine Chance, selbst Geschichte zu schreiben.
Ohne eigenes Parteibuch gefällt
sich Mesa darin, das Parteiensystem Boliviens zu kritisieren. Erst kürzlich
sagte er: "Die politischen Parteien haben zur Machterhaltung ein geschlossenes
und korruptes System aufgebaut, das sehr große Teile der Bevölkerung
ausschließt." Dabei stand er als Vizepräsident selbst mitten drin im
bolivianischen Parteiensumpf und war Mitglied einer Regierung der traditionellen
bolivianischen Oligarchie. Und als Politiker hatte er sich an Sánchez de
Lozadas Partei Nationalistische Revolutionäre Bewegung (MNR) angelehnt.
Aber auch ohne politisches Amt hat es
Mesa zu großem Einfluss in Bolivien gebracht. Der heute 50-Jährige
war stellvertretender Chefredakteur einer Tageszeitung und leitete mehrere
Fernsehkanäle. Inzwischen ist er Mehrheitseigner eines TV-Senders. Als
Journalist machte er sich vor allem als Kommentator einen Namen. 1994 wurde ihm
dafür der Journalistenpreis des spanischen Königs überreicht. Zu
den publizistischen Arbeiten Mesas gehören auch zahlreiche Bücher zur
Geschichte Boliviens. Eines davon ist ein Bestseller geworden. Das Thema: die
bolivianischen Präsidenten. "INGO
MALCHER
taz Nr. 7186 vom 20.10.2003,
Seite 6, 89 Portrait INGO MALCHER
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Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 03:17 nachm.