Die Auswirkungen von Cancun


ZNet 23.09.2003

von Walden Bello
Das Scheitern der 5. Ministerrunde der Welthandelsorganisation (WTO) letzten Sonntag, 14. September, war ein Ereignis von historischer Bedeutung.

Cancun hat einige massive Auswirkungen.

Erstens, für Menschen überall auf der Welt ist das Scheitern ein Sieg und keine “verpasste Chance” für einen globalen Deal zwischen dem Norden und dem Süden. Doha war nie eine “Entwicklungsrunde”. Und das bisschen, was an Entwicklung versprochen wurde, war lange vor Cancun verraten worden. Nicht einmal das optimistischste der Entwicklungsländer kam mit der Erwartung nach Cancun, von den mächtigen reichen Ländern ein paar Zusagen im Interesse einer Entwicklung zu erhalten. Die meisten Regierungen von Entwicklungsländern kamen in einer Verteidigungshaltung nach Cancun. Die große Herausforderung war nicht, einen historischen New Deal zu erreichen, sondern die USA und die EU davon abzuhalten, den Entwicklungsländern neue Forderungen aufzudrücken, während sie selbst jegliche multilateralen Disziplinierungsmaßnahmen für ihren Handel verweigern.

In dieser Hinsicht waren nicht die Entwicklungsländer schuld am Scheitern, wie es der US-amerikanische Handelsbeauftragte Robert Zoellick in seiner letzten Pressekonferenz andeutete. Diese Verantwortung liegt ganz klar bei den Vereinigten Staaten und Europa. Als am frühen Samstag, den 13. September, die zweite überarbeitete Version des Textes der Ministerrunde erschien, war klar, dass weder die USA noch die Europäische Union willens waren, ihre hohen Subventionen für den Agrarsektor bedeutend zu kürzen, obwohl sie weiterhin unnachgiebig forderten, dass die Entwicklungsländer ihre Zölle senkten. Es war auch klar, dass EU und USA auf keinen Fall die Auflage der Erklärung von Doha beachten würden, die die ausdrückliche Zustimmung aller Mitgliedsländer zum Beginn der Verhandlungen über die „Singapur-Themen“ erforderlich macht.

Entweder es wird zu unseren Bedingungen verhandelt oder gar nicht, das war die Botschaft des zweiten überarbeiteten Vorschlags. Selbstverständlich konnten die Entwicklungsländer nicht einem Rahmenwerk zustimmen, der ihren Interessen so abträglich war.

Zweitens, die WTO hat ernsthaft Schaden erlitten. Zwei abgebrochene Ministerrunden und eine, die es gerade so über die Bühne geschafft hat – Doha –, sind keine Empfehlung für diese Institution. Für die großen Handelsmächte ist sie kein brauchbares Instrument mehr, um anderen ihren Willen aufzuzwingen. Den Entwicklungsländern hat die Mitgliedschaft keinen Schutz vor Missbrauch durch die mächtigen Ökonomien gewährt, geschweige denn als Mechanismus für Entwicklung gedient. Das bedeutet nicht, dass die WTO tot ist. Es wird Anstrengungen geben, die WTO zu retten, wie sie die USA und EU in Doha unternahmen. Wahrscheinlich wird sich aber die Maschinerie wegen des fehlenden Schwungs durch eine erfolgreiche Ministerrunde bedeutend verlangsamen. Zoellick hatte recht mit seinen Zweifeln, dass die Doha-Runde zum festgesetzten Termin, Januar 2005, beendet sein würde und der EU-Handelskommissar Pascal Lamy versuchte mit seiner Bemerkung, die WTO hätte 30 Prozent der Doha-Runde verwirklicht, ganz einfach die schlechte Situation zu beschönigen.

Außer der wachsenden Verlangsamung und der Beeinträchtigung der wichtigsten Funktionen des Apparats der Organisation schaffen der wachsende Protektionismus in den reichen Ländern, eine unter einer lang andauernden Stagnation leidende Weltwirtschaft und das Auseinanderbrechen der Atlantischen Allianz aufgrund politischer Unstimmigkeiten nicht gerade ein günstiges Klima für die WTO als Hauptmechanismus für die Liberalisierung und Globalisierung des Handels. Am Ende wird die WTO vielleicht das gleiche wie das mit ihrer Hilfe der UNCTAD (Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen) zugefügte Schicksal erleiden: zu überleben, aber nur als zunehmend ineffektive und unbedeutende Organisation.

Hier stellt sich die Frage, ob wir, obwohl wir uns über das Misslingen einer Ministerrunde freuen, die gegen der Interessen der Entwicklungsländer gerichtet war, die Schwächung der WTO willkommen heißen sollen. Schließlich ist die WTO, wie einige argumentieren, eine Sammlung von Regeln und Mechanismen, auf man sich, mit dem geeigneten Gleichgewicht der Kräfte, berufen könnte, um die Interessen der Entwicklungsländer zu schützen. Anhänger dieser Meinung sagen, dass die WTO besser sei als die bilateralen Handelsverträge, die nun, wie der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick in seiner Abschlusspressekonferenz ankündigte, nach dem Scheitern von Cancun in Washington Priorität hätten.

In Wahrheit ist das keine richtige Alternative. Die WTO ist keine Sammlung neutraler Regeln, Verfahren und Institutionen, die man defensiv zum Schutz der schwächeren Spieler einsetzen kann. Die Regeln selbst – die Hauptregeln sind die Vormachtstellung des Prinzips des Freihandels, die Meistbegünstigungsklausel und das Prinzip der Inländerbehandlung – institutionalisieren das gegenwärtige System globaler wirtschaftlicher Ungleichheit. Den schwachen Länder stehen nur wenige Waffen zur Verfügung. Das Prinzip der Spezial- und unterschiedlichen Behandlung für Entwicklungsländer hat innerhalb der WTO einen sehr schwachen Status. Tatsächlich verbannten USA und EU dieses Thema, das die Doha-Erklärung vorgeschrieben hatte, vollkommen von der Tagesordnung. Die WTO ist keine wirklich multilaterale Organisation. Sie ist ein Mechanismus, der dazu dient, die Herrschaft der US und EU in der Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten.

Drittens, die Weltzivilgesellschaft spielte in Cancun eine wichtige Rolle. Seit Seattle hat sich die Interaktion zwischen Zivilgesellschaft und Regierungen in Bezug auf Handelsthemen verstärkt. Nichtregierungsorganisationen unterstützen Entwicklungsländer bei den politischen und technischen Aspekten der Verhandlungen. Sie haben die internationale öffentliche Meinung gegen die rückschrittlichen Standpunkte der Regierungen reicher Länder mobilisiert, wie zum Beispiel bei den Pharmapatenten und im öffentlichen Gesundheitswesen. Sie haben sich als starke Koalitionen zuhause entpuppt, die ihren Regierungen einheizen, um sie für weitere Konzessionen an die reichen Länder unnachgiebig zu machen. Wenn viele Entwicklungsländer in Cancun dem Druck der USA und EU widerstanden, so war es deshalb, weil sie von den Gruppen der Zivilgesellschaft zuhause politische Vergeltung fürchteten.

Die Basisorganisationen, die im Stadtzentrum demonstrierten und die NROs, die mit Beginn der Eröffnungssitzung stündlich inner- und außerhalb des Tagungsorts demonstrierten, machten Cancun zu einem Mikrokosmos der Macht weltweiter Dynamik von Staaten und Zivilgesellschaft. Der Selbstmord des koreanischen Bauern Lee Kyung Hae vor den Absperrungen der Polizei wies alle Teilnehmer am Tagungsort darauf hin, dass sie die Misere der Kleinbauern in der ganzen Welt nicht mehr als normal hinnehmen konnten, was die Regierungen durch die Schweigeminute ihm zu Ehren eingestanden. Das Scheitern der Ministerrunde in Cancun war tatsächlich eine weitere Bestätigung für die Äußerung der New York Times, dass die weltweite Zivilgesellschaft die zweite Supermacht der Welt sei.

Viertens, die Bildung der Gruppe der 21 ist eine bedeutende neue Entwicklung, die das globale Gleichgewicht der Kräfte verändern könnte. Angeführt von Brasilien, Indien, China und Südafrika, brachte die neue Gruppierung die Bemühungen der EU und USA, Cancun zu einer weiteren traurigen Episode in der der Geschichte der Unterentwicklung zu machen, zum Stillstand. Celso Amorin, der brasilianische Handelsminister, der als Sprecher der Gruppe hervortrat, deutete in seiner Rede das Potential der Gruppe an, in dem er darauf hinwies, dass die Gruppe über die Hälfte der Weltbevölkerung und mehr als Zweidrittel aller Bauern repräsentierte. Die Unterhändler der USA erkannten ganz richtig, dass die Gruppe der 21 eine Wiederaufnahme der Aktionen des Südens in den 1970er Jahren für eine “neue internationale Wirtschaftsordnung“ darstellten.

Aber vieles davon ist Zukunftsmusik und das Potential dieser neuen Gruppierung darf nicht überschätzt werden. Im Moment ist dies hauptsächlich eine Allianz, deren Hauptaugenmerk auf einer radikalen Reduzierung der Agrarsubventionen des Nordens liegt. Und auf den Wunsch nach einem umfassenden Schutz der Kleinbauern in den kleineren Ländern, deren Produktion hauptsächlich auf den heimischen Markt ausgerichtet ist, sie muss erst noch eine sinnvolle Antwort finden. Was begreiflich ist, da die lautstärksten Mitglieder der Gruppe der 21 große Agroexporteure sind, obwohl die meisten auch eine am heimischen Markt orientierte, bäuerliche Produktion haben.

Dennoch, es gibt keinen Grund, dass nicht eine tatsächlich an Kleinbauern orientierte nachhaltige Landwirtschaft im Mittelpunkt der Bemühungen der Gruppe stehen kann. Ebenso wie es keinen Grund gibt, dass die Gruppe ihr Mandat nicht auf den Aufbau eines gemeinsamen Programms bezüglich Industrie und Dienstleistungen ausdehnen kann. Was noch spannender ist, ist die Möglichkeit, dass die Gruppe der 21 als Zugpferd für eine Zusammenarbeit der Länder des Südens dienen könnte, die sich über den Handel hinaus auf eine Zusammenarbeit in Bezug auf Investitionspolitik, Kapitalfluss, Industrie-, Sozial- und Umweltpolitik erstreckt. Solche Bündnisse zur Zusammenarbeit der Länder des Südens, bei denen Entwicklung vor Handel und Märkten kommt, bieten die Alternative sowohl zur WTO als auch zur Politik bilateraler Freihandelsverträge, wie sie nun von den USA und der EU verfolgt wird.

Durch die Formulierung ihrer Forderungen wird die Gruppe der 21 wird in der Zivilgesellschaft der Welt einen natürlichen Verbündeten finden. Da die USA und EU entschlossen sind, den Status quo zu verteidigen, muss diese Allianz so bald wie möglich von einer potentiellen zu einer wirklichen Kraft werden. Das wird natürlich nicht einfach sein. Fortschrittliche Gruppen der Zivilgesellschaft mögen sich zwar im Umgang mit der von der Arbeiterpartei angeführten brasilianischen Regierung sicher fühlen, aber nicht mit der, fundamentalistischen und neoliberalen, indischen oder, autoritären und neoliberalen, chinesischen Regierung. Nichtsdestotrotz, Allianzen werden in der Praxis geschlossen und keine Regierung darf automatisch als eine kategorisiert werden, die nicht von der Sache einer an den Menschen orientierten nachhaltigen Entwicklung überzeugt werden kann.

Um zum Schluss zu kommen, kurz nach dem Ministertreffen in Doha sagten einige Organisationen der Zivilgesellschaft, dass den Interessen der Entwicklungsländer am besten gedient sei, wenn man die kommende Ministerrunde in Cancun zum Scheitern brächte, statt zu versuchen, sie in ein Forum für die Reform der WTO zu verwandeln. Als Cancun näher rückte, brachte die Unnachgiebigkeit der mächtigen Länder die Diskussionen mit dem Süden an fast allen Fronten zum Stillstand. Als Cancun dann vor der Tür stand, wurde nicht mehr von Reform geredet. Alles war völlig klar geworden. Da die USA und EU entschlossen waren, ihren Willen durchzusetzen, war kein Abkommen besser als ein schlechtes, eine gescheiterte Ministerrunde besser als eine erfolgreiche, die nur ein Nagel mehr zum Sarg der Unterwicklung ist.

Nach Cancun muss die Zivilgesellschaft ihre Anstrengungen verstärken und die Strukturen der Ungleichheit bloß legen und auf eine alternative globale wirtschaftliche Zusammenarbeit drängen, die wirklich die Interessen der Armen, der Marginalisierten, der Ohnmächtigen (disempowered) fördert.

*Professor für Soziologie und Öffentliche Verwaltung an der University of the Philippines und Direktor der in Bangkok sitzenden Nichtregierungsorganisation Focus on the Global South

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Übersetzt von: Eva-Maria Bach
Orginalartikel: " Implications of Cancun"

Posted: Do - Oktober 23, 2003 at 08:50 vorm.      


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