Arbeitsplätze sind nicht so wichtig
taz -
20.10.2003
Attac will seine
Sozial-Kampagne nicht im Schatten der Gewerkschaften führen. Soziale Rechte
sollten unabhängig vom Wirtschaftswachstum gelten
aus Aachen DIRK
ECKERT
Auf zu neuen Ufern: Die Globalisierungskritiker von
Attac haben auf ihrem Ratschlag in Aachen Schröder und seinen Reformen den
Kampf angesagt. Der Attac-Rat, das höchste Gremium zwischen den
Bundesversammlungen, hatte schon vorher beschlossen, das Thema "Soziale
Zukunft", so der offizielle Titel, als neuen Schwerpunkt der Organisation
aufzubauen. Die Basis folgte dem am Wochenende und machte den Abbau des
Sozialstaats neben Kritik der Weltwirtschaft zu einem der beiden zentralen
Themen für das Jahr 2004. Pazifismus, letztes Jahr wegen des Irakkriegs
noch ganz oben auf der Agenda, wurde nur noch am Rande thematisiert.
Attac hat sich die neue
Schwerpunktsetzung gründlich überlegt, schließlich war der erste
Versuch im letzten Jahr, die klassischen Globalisierungsthemen zu verlassen und
mit der Kampagne "Gesundheit ist keine Ware" zu punkten, kläglich
gescheitert. Doch das sieht Attac mittlerweile nicht mehr als Problem. Die
Gesundheitskampagne sei einfach ein Jahr zu früh gekommen, erklärte
Werner Rätz, Mitglied im Koordinierungskreis und einer der Protagonisten
des neuen Schwerpunkts, das Scheitern. Da inzwischen deutlich sei, dass die
politische Klasse die kapitalistische Krise mit einer Strategie der
Kostensenkung beantworte - also Abbau sozialer Leistungen -, müsse Attac
darauf auch eine Antwort finden.
Und die
heißt: soziale Rechte für alle, unabhängig von Arbeit. "Jeder
Mensch hat ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum", formulierte
Rätz. Dabei wollen die Globalisierungskritiker gar nicht erst als die
besseren Reformer auftreten. "Es kann nicht Absicht des Schwerpunkts sein, Hartz
IV zu verändern", so Rätz. Stattdessen gelte es, die "Hegemonie des
neoliberalen Denkens" anzugreifen. Selbst der nicht gerade zum linken
Flügel der Organisation zählende Sven Giegold will "Gegenhegemonie
aufbauen".
Allerdings betritt Attac mit
Sozialabbau ein Territorium, das schon von den ungleich größeren und
mächtigeren Gewerkschaften besetzt ist. Die Globalisierungskritiker sind
sich des Problems wohl bewusst und setzen auf eigenes Profil: "Nicht im
Windschatten der Gewerkschaften und Sozialverbände bewegen", mahnte Peter
Wahl, für die Organisation "Weed" Mitglied im Koordinierungskreis. Auch er
rät, sich nicht mit den Einzelheiten von Hartz und Beitragsquoten
herumzuschlagen, sondern eher "grundlegende Orientierung" zu bieten. Rätz
sieht Attac gar als "Agenda-Setter", der Ideen auf die Tagesordnung bringen
könne. Viele Menschen würden geradezu darauf warten, dass Protest
gegen Sozialabbau in Gang kommt, es fehle nur einer, der den Anfang macht.
"Dieser Akteur muss Attac sein."
Solche
Worte kamen bei den Attac-Mitgliedern gut an, und so wurde der Schwerpunkt ohne
größere Diskussion beschlossen. Mit dem Thema Soziales könnten
Attac aber noch einige inhaltliche Konflikte ins Haus stehen. Wenn ein
Attac-Mitglied argumentierte, die Globalisierungskritiker würden nur Erfolg
gegen die Agenda 2010 haben, "wenn wir deutlich machen, dass diese Politik keine
Arbeitsplätze schafft", dann ist damit genau die Bruchstelle umschrieben.
Für manche ist das nichts anderes als "Propagierung keynesianischer
Wirtschaftsmodelle", so etwa der Gats-Experte von Attac, Thomas Fritz. Es
müsse doch gerade darum gehen, soziale Rechte unabhängig von
Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen einzufordern.
Eckhard Stratmann-Mertens kritisierte in
Aachen den vermeintlichen Konsens gegen Sozialabbau als oberflächlich. Wer
zur Lösung der Probleme den EU-Stabilitätspakt aufkündigen wolle,
wie in Attac-Zusammenhängen schon mal gefordert, wolle lediglich
keynesianische Politik. In einem rechtzeitig zum Ratschlag in der
Frankfurter Rundschau
veröffentlichten Strategiepapier forderte
der Exgrüne, sich vom "Mythos des Wirtschaftswachstums im reichen Norden"
zu verabschieden und "gegen die weitere kapitalistische Globalisierung - sei sie
neoliberal oder neokeynesianisch" - zu kämpfen. Damit stellt sich aber die
Frage, welche Alternativen Attac zu bieten hat. Die Lösung soll wie so oft
eine Arbeitsgruppe bringen, die "Wege zu einer alternativen
Weltwirtschaftsordnung" ausarbeiten soll. Doch auch das stößt bei
manchen auf Skepsis. Daraus dürfe kein Parteiprogramm werden, warnte
Claudia Meyer vom DGB gegenüber der taz.
taz Nr. 7186 vom 20.10.2003, Seite 4,
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Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 03:17 nachm.