"Die soziale Fantasie von jungen Leuten ist unterentwickelt"
taz -
20.10.2003
Attac muss den
Sozialabbau im Kontext der Globalisierung kritisieren, sagt der Soziologe Roth.
Dafür ist es nötig, sich mit den Formen von Armut in Deutschland zu
beschäftigen
taz: Herr Roth, versinkt Attac wieder in der
Bedeutungslosigkeit?
Roland
Roth: Nein. Bei den Globalisierungsthemen
genießt Attac hohes Ansehen und zieht immer noch mehr Erwartungen auf sich
als andere. Aber das Problem ist, ob die Umsetzung der Globalthemen auf die
nationale und lokale Ebene gelingt. Hier sind andere Interessengruppen schon
länger unterwegs.
Wo ist
das Problem?
Nun, man kann auf
nationaler Ebene nicht so leicht punkten. Auf transnationaler Ebene erregte
Attac schon mit einer relativ bescheidenen Forderung wie der nach einer
Besteuerung von Finanztransaktionen Aufsehen, weil es eine Akteursschwäche
gibt. Aber vor Ort halten Gewerkschaften, Parteien und Wohlfahrtsverbände
die Themen besetzt - ein über Jahrzehnte gewachsenes System, in dem Attac,
auch wenn es brüchiger geworden ist, nur schwer Gehör findet.
Das soll nun mit einer
Belagerung von SPD-Büros gelingen?
Na ja, Protest ist allemal
berechtigt. Will man nicht den Mond anbellen, braucht es jedoch kritische
Analysen. Von Attac ist meiner Meinung nach zu erwarten, dass der Ab- und Umbau
der Sozialsysteme in den Kontext neoliberaler Globalisierung gestellt wird.
Nur verstehen ja viele junge
Leute nicht einmal, wie das Sozialsytem im eigenen Land funktioniert.
Ja, die soziale Fantasie von
Nichtbetroffenen und jungen Leuten ist unterentwickelt - die haben keinen
persönliche Bezug zum Thema. Viele haben sich schon damit abgefunden, dass
die soziale Sicherung ihrer Eltern für sie nicht mehr bereit stehen wird.
Es fällt auch schwer, sich die asoziale Gesellschaft der Agenda 2010
vorzustellen. Hunger- und Kriegsbilder aus der Dritten Welt sind moralisch
anstößiger und machen es leichter, sich für weltweite
Gerechtigkeit einzusetzen.
Liegt
es vielleicht daran, dass es in Deutschland keine echte Armut gibt?
Nein. Es gibt hier separate Welten.
Die Mittelschichten sehen nicht, wo das Elend wohnt.
Oder erweckt das, was in
Deutschland Elend heißt, einfach kein Mitgefühl?
Die bürokratische
Armutsverwaltung macht praktische Solidarität scheinbar
überflüssig. Dennoch zeigen alle Studien, dass satte Mehrheiten
für den Erhalt oder Ausbau des Sozialstaats sind - nur die Eliten sind
für den Abbau.
Wie schafft
Attac Solidarität?
Attac sollte
Foren schaffen, wo sich neue Mittelschichten und die von den
Agenda-2010-Reformen Betroffenen austauschen und Erfahrungen
veröffentlichen. Wunderbar wäre, wenn es gelänge, die
Europäische Sozialforen auszubauen. Dazu braucht es junge, ressourcenstarke
Akteure, also Menschen mit Zeit, Wissen und Nerven, die außerdem eine
Verklüngelung verhindern.
Und was machen die dann?
Demonstrieren?
Nein, sie müssen
Not und Ausgrenzung sichtbar machen. Mich hat an den Arbeitslosenprotesten in
Frankreich beeindruckt, dass die Menschen in großen Lettern auf ihre
Fensterläden schrieben: "Hier wohnt ein Arbeitsloser". Was gelingen muss,
ist: Skandalisierung. INTERVIEW: ULRIKE
WINKELMANN
taz Nr. 7186 vom
20.10.2003, Seite 4, 87 Interview ULRIKE WINKELMANN
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Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 03:15 nachm.