Yankees Heimkehr wird gefeiert
taz -
20.10.2003
Landarbeiter und
Mittelschichten erreichen gemeinsam den Rücktritt von Präsident
Sánchez de Lozada. Doch nur die einen sind damit schon am Ziel
aus La Paz TOM
GEBHARDT
Detonationen erschüttern die ganze Stadt. Die
Bergleute feiern mit Dynamit. Gonzalo Sánchez de Lozada ist
zurückgetreten. Roberto Chávez, Bergmann aus Huanuni, hört das
vertraute Krachen von weitem. Er campiert mit vielen anderen seit Tagen in La
Paz, der Hauptstadt Boliviens, um den verhassten Präsidenten mit dem
Yankeeakzent zum Rücktritt zu zwingen. Jetzt ist es geschafft. Doch
Chávez beobachtet still, wie nach und nach seine Kumpels in den Innenhof
der Universität zurückkehren, die seit ein paar Tagen tausende von
Minenarbeitern beherbergt. Echte Freude will trotz allen Triumphgefühls
nicht bei ihm aufkommen.
Roberto gehen
die Erlebnisse der vergangenen drei Wochen noch einmal durch den Kopf: Fast 300
Kilometer hat er hinter sich, teilweise auf dem Lastwagen, meist zu Fuß.
Sein derbes Schuhwerk erzählt davon. Dann das erste Aufeinandertreffen mit
dem Militär, sein Kollege José Luis wird erschossen, es folgen harte
Kämpfe, vier weitere Tote bei der Ankunft in El Alto, viele Festnahmen, die
Wut, die Entscheidung weiter zu kämpfen, bis die Regierung abtritt. "Es war
klar, dass es nichts mehr zu verhandeln gibt. Gonzalo Sánchez de Lozada
musste zurücktreten", erklärt der Bergmann. Der Präsident habe
weder für Arbeit noch für Lohn oder Gesundheit gesorgt.
"Außerdem hat er unser Land, unsere Bodenschätze verkauft. Das
Gleiche wollte er jetzt mit dem Erdgas machen."
In den Wohnvierteln der Mittelschicht
ist die Stimmung heiterer. In Sopocachi, im Gemeindehaus der Carmelitas,
löst die Nachricht vom Rücktritt des Präsidenten spontane
Freudentänze aus. Auch Ana María Campero, eine in Bolivien hoch
angesehene Journalistin, ist mit dabei. Nachdem sich die Regierung für alle
Forderungen des Volkes taub gestellt und schließlich demonstrierende
Landarbeiter zu dutzenden erschossen hatte, waren auf ihre Initiative hin viele
Bolivianer in Hungerstreik getreten. Zunächst einige wenige wie der
prominente Liedermacher Luis Rico, dann Menschenrechtler, Künstler,
Studierende. Dann immer mehr, nicht nur in der Hauptstadt, im ganzen Land,
schließlich auch im Ausland. "In den letzten drei Tagen müssen etwa
tausend Menschen in Hungerstreik getreten sein, damit Sánchez de Lozada
endlich zurücktritt", sagt Campero zufrieden.
Jetzt verfolgt sie über den
Fernseher, wie die beiden Kammern des Kongresses den Rücktrittsgesuch des
Präsidenten mehrheitlich annehmen. Der Bildschirm ist geteilt. Die eine
Hälfte zeigt den Kongress, die andere den Flughafen von Santa Cruz. Eine
Maschine von Lloyd Aero Boliviano rollt über die Startbahn. Darin sitzt
der, über den im Parlament gerade abgestimmt wird: Gonzalo Sánchez
de Lozada verlässt das Land in Richtung Miami.
Für die meisten Bolivianer ist das
keine Überraschung. Sie sahen in dem Präsidenten gar keinen echten
Landsmann. Sánchez de Lozada wuchs in den Vereinigten Staaten auf. Und
sein starker Akzent galt auch als typisch für seine Wirtschaftspolitik: das
Bedienen ausländischer Interessen.
1985 arbeitete er für die Regierung
von Víctor Paz Estenssoro, der auf Druck von Weltbank und
Währungsfonds das Strukturanpassungsprogramm für Bolivien durchsetzte.
Die von Sánchez de Lozada als Planungsminister mit ausgearbeitete
Verordnung 21060 ist seither das verhasste Symbol für Massenentlassungen
und Neoliberalismus. Nun auch Parteichef der Nationalrevolutionären
Bewegung (MNR) setzte Sánchez de Lozada in seiner ersten Amtszeit als
Präsident bis 1997 ein Reformprogramm durch, das im Ausland mehr gefeiert
wurde als im eigenen Land. Neben Maßnahmen zu mehr Demokratisierung und
einer Bildungsreform wurde die Staatswirtschaft privatisiert, unter anderem die
profitablen Erdölraffinerien Bolivens. Seitdem sieht der Staat kaum mehr
etwas von deren Einnahmen.
Im
vergangenen Jahr wurde Sánchez de Lozada erneut zum Präsidenten
gewählt. Von Anfang an sah er sich einer starken Opposition gegenüber.
Doch die verschiedenen Protestgruppen des Landes stritten zunächst jede
einzeln und ließen sich - wie auch in den Jahren zuvor - häufig
gegeneinander ausspielen.
Wie aus der
Opposition eine nationale Bewegung wurde, beschreibt der Politikwissenschaftler
Álvaro García Linera als Prozess mit drei Phasen: "Erst gab es
isolierte Forderungen. Dann stellten sich alle hinter die Forderung, das Gas
nicht unveredelt und ohne Gewinn zu exportieren. Schließlich war es der
Tod - über 70 Menschen wurden im Auftrag der Regierung erschossen -, der
die Menschen unter einem Motto vereinte: Weg mit der Regierung!"
Der Protest begann mit dem Hungerstreik
einiger Altiplanobewohner, die gegen die Inhaftierung eines Dorfvorstehers
protestierten. Gleichzeitig wurde in El Alto, der Nachbarstadt von La Paz, gegen
die Erhebung von Steuern auf neu besiedeltes Land gestreikt. Nach und nach
verbanden sich die verschiedenen Forderungen - höhere Gehälter
für Lehrer, sofortiger Stopp der Vernichtung der Kokafelder etc. - unter
einem gemeinsamen Slogan: Industrialisierung des Erdgases. Denn die Regierung
von Sánchez de Lozada wollte nun auch das in den vergangenen Jahren
entdeckte Erdgas unveredelt verkaufen und den Export über einen
chilenischen Hafen abgewickeln. Ausgerechnet Chile, das Bolivien vor rund 120
Jahren im so genannten Salpeterkrieg den Meereszugang geraubt hatte.
Immer mehr Ortschaften im Hochland, dem
Altiplano, schlossen sich dem Protest an und blockierten die Straßen.
Viele Menschen wurden von der Außenwelt abgeschnitten. Der
Verteidigungsminister gab den Befehl, Touristen mit Gewalt aus dem
eingeschlossenen Ort Sorata zu evakuieren. Als sich die Blockierer in Warisata
wehren, werden die ersten vier Campesinos erschossen.
Von diesem Moment an beginnen Blockaden
im ganzen Land. Bergleute, Landarbeiter und Kokabauern verabreden sich zum
Marsch auf La Paz. Die Hauptstadt wird komplett isoliert. Nach wenigen Tagen
geht das Benzin aus, die Stadt steht still. Das Militär schießt den
Weg für zwei Tanklastwagen frei. Als die Marschierer das Zentrum erreichen,
haben 26 Menschen ihr Leben verloren. "Das war der Moment, in dem sich auch die
Mittelschichten dem Protest anschloßen", sagt der Politologe García
Linera. "Tod und Trauer haben die Mauern zwischen den Schichten eingerissen."
Für die Journalistin Campero ist
das Ziel erreicht. Sie verfolgt im Fernsehen, wie der bisherige Vize Carlos D.
Mesa Gisbert das Präsidentenamt übernimmt: "Ich möchte dem Staat
dienen und nicht - wie andere - mich des Staates bedienen", verspricht Mesa in
seiner Antrittsrede. Roberto Chávez, der Bergmann, ist noch skeptisch:
"Wichtig ist nicht, dass ein Kopf ersetzt wird. Die Politik muss sich
verändern." Dann geht er, um seine Sachen zu packen.
taz Nr. 7186 vom 20.10.2003, Seite 6,
199 TAZ-Bericht TOM GEBHARDT
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Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 03:17 nachm.