Bolivien: Aymara Rebellion und Demokratische Diktatur
ZNet Deutschland 13.10.2003
von Forrest
Hylton
Während in der politischen Schicht Gerüchte
über einen bevorstehenden Ausnahmezustand und/oder eines versuchten
Regierungssturzes die Runde machten, zogen die Bürger Boliviens am 10.
Oktober, 21 Jahre nach Ende der letzten Militärdiktatur, die Bilanz
zwischen Diktatur und Demokratie. Nach dem Massaker vom 12. Oktober in El Alto,
einer Aymara Stadt mit 800.000 Einwohner oberhalb von La Paz, das mindestens 25
Tote und 100 Verwundete forderte, kamen Millionen Bolivianer zu dem Schluss,
dass Diktatur und Demokratie sich gegenseitig nicht notwendigerweise
ausschließen, sondern ergänzen. Die Opposition fordert eine neue
Demokratie, in der Form einer Ständigen Versammlung, in der die Mehrheit
eine politische/kulturelle Gleichstellung genießt, und das Schicksal ihrer
natürlichen Ressourcen - insbesondere des Erdgases - entscheidet. Das
Zeitalter der Herrschaft multinationaler Konzerne und des
Pseudo-Multikulturalismus der neoliberalen Demokratie, ringt mit dem Tode. Der
Ausnahmezustand wurde nur deshalb noch nicht ausgerufen, weil das hohe
Militär eine Revolte in den Baracken befürchtet. Die Lage der
Polizeistreitkräfte ist genauso unstabil: am Abend des 10. Oktober zum
Beispiel, wurden sechs Polizeibeamte festgenommen; man warf ihnen vor eine
Rebellion planen zu wollen, unter der Leitung eines ehemaligen Polizisten namens
David Vargas, der die Polizeirevolte anführte, die am 12/13 Februar den
städtischen Aufstand ausgelöst hatte.
Wieder einmal, dieses Mal ironisch,
fasste der bolivianische Präsident Gonzalo Sánchez, die Situation
knapp zusammen: eine winzige Minorität versuche das Land zu spalten.
Sánchez de Lozada - dessen Befürworter nach Umfragen bei 8% liegen -
und sein innerer Kreis, haben sich aufgerichtet, ihre Stimmen verachtungsvoll
erhoben, und kriegerische Posturen eingenommen. Die US-Botschaft, die Medien und
die oberen Rängen von Militär und Polizei sind die einzigen, die das
Regime noch unterstützen. Die Oppositionssektoren bestehen auf den
Rücktritt von Sánchez de Lozada und seine drakonischen Minister,
Carlos Sánchez Berzain und Yerko Kudoc, sowie eine Änderung des
Gesetzes zur Regulierung der multinationalen Erdölkonzerne (D.S. 24806),
Am Nachmittag des 10. Oktobers, bei der
Bestattungsfeier des 22-jährigen Aymara Ziegellegers Ramiro Vargas, auf der
Allee "6 de Marzo" in Ventilla, am Außenrand von El Alto, skandierten die
Trauergäste "Jetzt bestimmt! Bürgerkrieg! Jetzt bestimmt!
Bürgerkrieg!" Vargas wurde am 9. Oktober von der Polizei erschossen, aus
dem einzigen Grund, dass mehr als 500 Bergarbeiter aus Huanuni eingetroffen
waren, um sich dem Bürgerstreik in El Alto anzuschließen, dass sich
gegen die FTAA und dem Export bolivianischen Erdgases an die US über Chile
richtete. Nach der Ermordung von Ramiro Vargas, gaben die Bürgerkomitees
von El Alto der Polizei 24 Stunden um ihre Häuser zu verlassen, und riefen
sie auf sich dem Aufstand anzuschließen. Andernfalls würden sie der
Gerechtigkeit des Volkes zum Opfer fallen. Am 11. Oktober wurde ein Polizist von
Einwohner eines Stadtviertels von El Alto gefasst, und sieben Stunden lang
gefangengehalten, bevor seine Kollegen ihn befreiten. Andere Polizisten und
Polizistinnen tauchten entweder unter, oder blieben zu Hause; niemand wagt es
durch die Strassen von El Alto zu patrouillieren. Am Abend des 11. Oktobers war
ein Teil von El Alto ohne Strom, infolge eines Angriffes auf Electropaz, eine
multinationale Firma, die von den Rebellen am 12/13 Februar anvisiert worden
war, und weil Soldaten die Straßenlaternen abgeschossen hatten, um
für die Erdgastransporter Platz zu machen, die nach La Paz unterwegs waren.
Früher am Tag tötete die Armee zwei Zivilisten - den 27-Jährigen
Walter Huanca Choque und den Fünf-Jährigen Alex Mollericona -
während einer Operation, um die Transporter nach La Paz zu bringen (das zu
der Zeit unter einer schweren Knappheit von Treibstoff und Herdgas zu leiden
hatte). Die Operation misslang, und La Paz blieb bis zum 12. Oktober ohne Gas,
als, infolge des Massakers im Viertel von Senkata, Gastransporter unter
Militärbewachung die Hauptstadt mit 32.000 Liter erreichten (5% des
täglichen Bedarfes). Am 13. Oktober wird La Paz ohne Brot oder Fleisch
dastehen, da die Bäcker und Fleischer beschlossen haben sich dem Protest
gegen den beabsichtigten Export bolivianischen Erdgases anzuschließen; es
wird auch ohne öffentliche Transportmittel bleiben, da ein Transportstreik
ausgerufen wurde, in Solidarität mit den Bürger und Märtyrer von
El Alto.
Trotz der ziellosen Angriffe
von Tanks, Flugzeuge, Soldaten, und Hubschrauber, verbleiben mehr als 90% von El
Alto, am fünften Tag eines ungebrochenen Zivilstreiks, in der Hand von
Bürgervereinigungen, Straßenhändler, Studenten öffentlicher
Universitäten, und der Regionalen Arbeiterzentrale (COR), unter der Leitung
von Roberto de la Cruz, einem Aymara Militanten der Indigenen
Revolutionären Bewegung (MIP), und Anhänger von Felipe Quispe,
Anführer der Handelsgewerkschaft der Aymara Landarbeiter (CSUTCB), Quispe
und die Handelsgewerkschaft der Aymara Landarbeiter setzen ihren Hungerstreik
beim Radiosender San Gabriel in El Alto fort, und die Blockaden gehen im Norden
von La Paz ebenfalls weiter; zum ersten Mal ist das aufständische Altiplano
- Huarina, Warisata, Acacahi und Sorata - mit der Oberschicht des nationalen
Kapitals in dem bedeutendsten Aymara-Aufstand seit 1899 politisch verbunden. Die
"Belagerung von La Paz" (el cerco a La Paz), eine Taktik, die seit 1781 nicht
mehr effektiv angewendet wurde, ist zu einer greifbaren Möglichkeit
geworden, statt einer leeren Phrase radikaler Rhetorik.
Die Medien behaupten, das COR und de la
Cruz würden Leute zwingen sich an den Blockaden zu beteiligen, was auf
einer gewissen Weise stimmt: in der Aymara Gemeindepolitik ist die Minderheit
gezwungen Mehrheitsentscheidungen unter Androhung des Ausschlusses aus der
Gemeinde zu akzeptieren. Niemand sollte überrascht sein, dass dieses
nicht-liberale Muster in El Alto wiederholt wird, das überwiegend Aymara
ist. Der Ausmaß des Zwanges sollte jedoch nicht übertrieben werden:
angesichts des Massakers vom 12. Oktober beteiligen sich auch Personen
freiwillig, die ursprünglich gegen den Zivilstreik waren.
Obwohl die Achse der Revolte die
westliche Hochlandregion umklammert hält, war die subtropische Yungas
Region, nordöstlich von La Paz, die Evo Morales und der führenden
Oppositionspartei Bewegung für den Sozialismus (MAS) anhängt, in der
Woche vom 6.-13. Oktober vollständig blockiert. Hunderte Fahrzeuge und
Tausende Personen steckten im Verkehr fest, aber da sich keine Ausländer
darunter befanden, fanden in der Yungas Region keine Rettungsmissionen statt -
und, bislang auch keine Massaker, wie am 20. September in Warisata, bei dem
sechs Aymara Bauern/Arbeiter und ein Polizeibeamter getötet wurden, damit
Touristen nach La Paz zurückkehren konnten. Im südlichen Hochland und
den Tälern von Sucre und Potosi, waren die Blockaden nicht beständig,
sollten sich aber nach dem 13. Oktober intensivieren.
In Yapacaní, Santa Cruz, gab es
sporadische Blockaden, aber der östliche Teil des Gebietes befindet sich
unter der Kontrolle der Regierung. Das Tiefland von Chapare - Evo Morales'
Festung - sind tagsüber völlig militarisiert, aber in der Nacht sind
die Strassen von brennenden Autoreifen und Baumstämme blockiert, und nach
dem Treffen von 500 Delegierten der Handelsgewerkschaften der Cocabauern in
Cochabamba am 11. Oktober, wurde für den 13. Oktober eine massive Blockade
angekündigt, in Koordination mit einem Aufmarsch in Cochabamba, im Gedenken
an die Nationalisierung des bolivianischen Erdöls während der
Nationalen Revolution von 1952. Die Cocabauern, wie die Bürger von El Alto
und den Aymara Hochland-Gemeinden, fordern den Rücktritt von Sánchez
de Lozada, die Abschaffung der Gesetze zur Regulierung der multinationalen
Ausbeutung der Erdölressourcen, und die Nationalisierung des bolivianischen
Erdgases. Zusätzlich fordern die Cocabauern die Einstellung der erzwungenen
Vernichtung der Cocafelder.
Es bleibt
abzusehen, ob es der Oppositionsbewegungen unter Führung der Hochland
Aymara, gelingen wird, Sánchez de Lozada zu stürzen, eine
Ständige Versammlung zu implementieren, und ein neues Bolivien zu
schmieden, oder ob der rechtsgerichtete Autoritarismus a la Uribe mit der Hilfe
der US Botschaft durchgesetzt werden wird. Die Situation entfaltet sich mit
einer solchen Geschwindigkeit, dass Voraussagen nur von marginalen Nutzen sind,
aber eins ist sicher: die Aymara Arbeiter und Bauern des westlichen Hochlandes;
die Cocabauer des östlichen Tieflandes; die Quechua-sprechenden indigenen
Bauern der südlichen Hochlandes und Täler; die Arbeiter von La Paz und
Cochabamba; kurzum, die Menschen, die den Reichtum von Bolivien produzieren,
fordern das Ende von 500 Jahren Plünderung, Ausbeutung und politischer
Bevormundung. Sie fordern zu Nutznießer ihrer Arbeit zu werden, die
politischen Entscheidungen, die ihr Leben beeinflussen zu treffen, und die
Souveränität über ihre natürlichen Ressourcen
auszuüben. Aber nicht für sich selbst: wie die Anführer der
Bürgerkomitees in Santa Rosa, El Alto, es am Abend des 12. Oktobers
ausdrückte, "Herr Journalist, wir werden nicht wegrücken, bis der
Gringo weg ist. Er ist hier in El Alto nicht länger Präsident. Wir
regieren hier. Wir werden niemanden erlauben unser Erdgas zu exportieren, und
schon gar nicht in die Vereinigten Staaten über Chile. Das Gas gehört
uns, und wir wollen es für unsere Kinder und Enkel, damit sie nicht so
leben müssen wie wir es tun. Unser Gas ist für ihre Zukunft."
--
Übersetzt von: Dana
Orginalartikel: " Bolivia: Aymara Rebellion
And Democratic Dictatorship"
Posted: Mo - Oktober 13, 2003 at 01:04 nachm.