Rettet Grace
SZ -
22.10.2003Die weltbesten
Drehbücher kommen aus Dänemark: Lars von Triers Film
„Dogville“
Dies ist die traurige Geschichte von Dogville, einem
Marktflecken droben in den Felsigen Bergen, wo die Straße am Steilhang
endet, nahe dem Tor der verlassenen Silbermine. Die Bürger,
gottesfürchtige, rechtschaffene Leute, blickten voll Wohlgefallen auf ihr
Städtchen. Mitten unter ihnen lebte Tom, ein Dichter, der die Stunde, da er
wahrhaft zur Feder greifen würde, Tag um Tag hinausschob – alldieweil
er seine Mitbürger anhielt, in abendlichen Zusammenkünften ihr
moralisches Rüstzeug zu stärken. Wäre man in ihn gedrungen, das
Ziel seiner Anstrengungen zu erläutern, ein einziges Wort hätte ihm
genügt: Illustration.
Ein
neuer Film, ein neues Experiment, eine neue Provokation aus dem Hause von Trier
– und wieder einmal ist es verblüffend, wie schnell es dem
dänischen Meister gelingt, einen unnachahmlichen Ton zu etablieren.
„Dogville“ spielt in einem unbestimmten Land, das nur
äußerlich an die USA erinnert, in einer unbestimmten Zeit, die nur
oberflächlich die Zeichen der Depressionsära trägt. Der
Erzähler verbreitet Gemütlichkeit, seine Sprache ist voll romantischer
Ornamente. Aber natürlich ist klar, dass man ihm keinesfalls trauen kann,
schon in den ersten Sätzen blitzt sardonischer Humor auf. Die Felsigen
Berge heißen in Wahrheit Rocky Mountains, ein durchaus realer und
geläufiger Name, über den man normalerweise nie nachdenkt. Nimmt man
ihn aber beim Wort und erklärt ihn zum Schauplatz einer Parabel, bekommt
alles sofort einen märchenhaften Touch. Und natürlich spielt es nicht
die geringste Rolle, dass Lars von Trier die Rocky Mountains nie besucht hat;
dass er, wie er gern bestätigt, Amerika bisher ferngeblieben ist. Berge
können überall felsig sein, scheint er zu sagen – aber es
gehört schon eine besondere Mentalität dazu, sie tatsächlich so
zu taufen.
Um diese
Mentalität geht es in „Dogville“ – die Reduktion auf das
Unzweideutige. Der ganze Film spielt auf einer leeren schwarzen Bühne, wo
klare Benennung fast alle Kulissen ersetzt. Man sieht die Dorfstraße
nicht, man sieht nur riesige Lettern auf dem Boden, die von ihrer Existenz
künden. Genauso fehlen die Häuser, aber ihre Grundrisse sind
eingezeichnet und mit den Namen ihrer Besitzer versehen. Die alte Mine wird
durch das Wort „Alte Mine“ vertreten, der Hund durch
„Hund“. Man hört ihn immerhin bellen. Wenn die Schauspieler
durch unsichtbare Türen gehen, knarzen diese auch – der Rest ist
Pantomime. Andere Requisiten sind jedoch erlaubt: Betten und Sessel zum
Beispiel, die Holzwand, an die später ein Fahndungsplakat genagelt wird.
Die Herstellung von Illusion, doziert Lars von Trier, ist im Kino inzwischen zu
einfach geworden – nicht zuletzt dank der ganzen neuen Computertechnik.
Das Perfekte macht keinen Spaß mehr, bewegt niemanden, also: Weg damit.
Eine filmische Selbstkasteiung, über die man die ersten dreißig
Minuten noch staunt – dann aber hat man sie komplett vergessen.
Denn längst kündigt sich
da ein Triumph des Geschichtenerzählens an, der wieder einmal beweist, dass
die weltbesten Drehbücher derzeit, warum auch immer, in Dänemark
geschrieben werden. Hinter seinem schrulligen Ton versteckt Lars von Trier eine
Story von dramatischer Präzision und gnadenloser Ökonomie: Die
Geschichte von Grace Margaret Mulligan (Nicole Kidman), die auf der Flucht ist
vor ihrer Vergangenheit und in Dogville Unterschlupf findet. Sie wird von Tom
(Paul Bettany) aufgenommen und in die Dorfgemeinschaft eingeführt, wo er
sie als Prüfung für die Moral der Bürger vorstellt: Ein
schutzloses Wesen, auf Großherzigkeit angewiesen – und bereit,
für diese Hilfe hart zu arbeiten. Zunächst herrscht pietistische
Scham, sich derart offensichtlicher Vorteile zu bedienen. Wie dieselben
Bürger dann aber beginnen, die gefügige, unschuldige Grace
auszunutzen, zu erpressen, schließlich viehisch zu schänden und zu
versklaven– - das hat eine so sorgsam entwickelte, zwingende Logik, dass
es dem Betrachter manchmal den Atem raubt.
Sie wird rot sehen
Man hofft ständig, dass
wenigstens eine der Figuren aus dieser Logik ausbrechen, so etwas wie Herz
zeigen möge – und je länger man vergeblich darauf wartet, desto
unkontrollierter spürt man Hassgefühle in sich aufsteigen. Ein Held
darf es niemals leichter haben, als die Ökonomie seiner Situation es
nahelegt – dieser uralten Regel des Erzählens folgt Lars von Trier
bis zum bitteren Ende. Er legt sie wie einen Würgegriff um den Hals des
Zuschauers. Der strenge Rahmen dieses Experiments dient letztlich nur dazu, im
Bewusstsein des Betrachters zu verschwinden – um die Meisterschaft des
Regisseurs umso klarer hervortreten zu lassen. Er ist selbst, wie der alberne
junge Dichter, den er in den Mittelpunkt stellt, auf eine Parabel aus, im
klassischsten Sinn, es geht um Moral. Dass er sich über solcherlei
dichterischen Größenwahn lustig macht, den Dichter von allen
fleischlichen Lüsten ausschließt, heißt keinesfalls, dass er
selbst von solchen Ambitionen lassen könnte.
Dass hier eine Frau bis zum
Äußersten erniedrigt und gequält wird, wirft weitere Fragen auf.
Nach Filmen wie „Breaking the Waves“, wo Emily Watson am Ende zu
einem tödlichen Opfergang schreiten musste, und „Dancer in the
Dark“, wo die blinde Björk am Strang starb, ist Lars von Trier auf
Fragen nach seinem Sadismus natürlich gefasst. Er gibt die Antwort, dass er
letztlich weder Frauen noch Männer quälen will, sondern nur sich
selbst – alle diese Figuren seien Teile von ihm, die aus rätselhaften
Gründen am besten von Frauen verkörpert würden. Dies ist insofern
glaubwürdig, als Grace, wunderbar zum Leben erweckt von Nicole Kidman,
tatsächlich so wirkt, als sei sie mit großer Liebe geschaffen worden.
Ginge es nur um Sadismus, könnte die Geschichte auch längst nicht
solche Wucht entfalten. Und schließlich: Auch die Entwicklung am Ende geht
über die bisherigen Passionsspiele des Regisseurs hinaus. Die neue Heldin
bleibt nämlich nicht in ihrer Opferrolle stecken – sie wird Rache
nehmen in Hollywood-Manier: Eine Frau sieht rot. Mehr darf noch nicht verraten
werden, aber der Schluss wirft neue bedrohliche Fragen auf.
In der traurigen Geschichte von
Dogville, dem Marktflecken droben in den Felsigen Bergen, sieht man am Ende
jedenfalls nur noch Moses, den Hund. Die gottesfürchtigen, rechtschaffenen
Leute sind verschwunden, ebenso ihre bescheidenen, sauberen Häuser. Niemand
blickt mehr voller Wohlgefallen auf dieses Städtchen, nur noch Lars von
Trier, der rächende Schreiber und Verseschmied – und er blickt aus
der Perspektive Gottes. Würde man in ihn dringen, das Ziel seiner
Anstrengungen zu erläutern, ein einziges Wort könnte ihm genügen:
Illustration.
TOBIAS KNIEBE
DOGVILLE, DK 2003 – Regie
und Buch: Lars von Trier. Kamera: Anthony Dod Mantle. Ausstattung: Peter
Grant.
Mit: Nicole Kidman, Paul Bettany, Lauren
Bacall, Ben Gazzara, John Hurt, Chloë Sevigny, Jeremy Davies, James Caan.
Concorde, 177 Minuten.
Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 03:07 nachm.