Lasst Frauen leiden
SZ -
22.10.2003Interview mit Lars von
Trier: Marcus Rothe stellt dämliche
Fragen!
Gute Kritiken beunruhigen! War Wagner ein Nazi?
Braucht die Menschheit Mitleid? Lars von Trier im Gespräch über das
Leben und sein Werk
Berufsbezeichnung: enfant
terrible. Anders kann man den Filmregisseur, Dogma-Veteran, Pornoproduzenten und
Bayreuth-Regisseur in spe Lars von Trier nicht beschreiben.
SZ: Wie sah die
ursprüngliche Idee zu dem Film „Dogville“ aus ?
von Trier : Eines Tages hörte
ich beim Autofahren mit dem Schauspieler Jens Albinus die dänische Version
der Seeräuber-Jenny aus der „Dreigroschenoper“ und war
begeistert. Dann hat mir Albinus später beim Angeln viel über Brecht
erzählt. Der rachelustige Refrain ging mir nicht aus dem Kopf, und so
wollte ich einen Film über die Rache machen.
SZ: Können Sie
sich erinnern, was Sie an diesem Tag geangelt haben ?
von Trier: Nein, ich bekomme
eigentlich nie einen Fisch an die Angel.
SZ: Ihr Film ist in den
USA als antiamerikanisch kritisiert worden. Ist er als Parabel auf
Machtmissbrauch, durch George Bush, gedacht?
von Trier: Ich kann diese Parallele
mittlerweile erkennen, aber der Film ist entstanden, bevor Bush überhaupt
zu seiner wahren Rolle gefunden hatte. Sicher könnte diese Geschichte auch
anderswo spielen. Die Menschen sind auch in meinen anderen Filmen reichlich
bösartig. Ich liebe den Roman „Amerika“ von Franz Kafka –
und der war nie in den USA. Ich selber bin einer der wenigen, die es bisher noch
nicht nach Amerika verschlagen hat. Aus der Ferne betrachtet werden die USA zu
einer seltsamen Mischung aus Spielfilmen, Fernsehnachrichten, Fakten und
Meinungen.
SZ: Nicole
Kidman wird nun nicht in der Fortsetzung zu „Dogville“ spielen.
von Trier: Nicole ist sehr
emotional, sie hat einen großen Tross von Menschen um sich herum, der
teuer ist und sich auf einem ganz anderen Niveau bewegt als meine Produktionen.
Wer ständig im Privatjet herumfliegt, passt eben nicht so recht in einen
Lars-von-Trier-Film.
SZ:
Sie haben gestanden, dass Sie mit dem Theater nichts anfangen können.
von Trier: Ich gehe nur selten ins
Theater. Da habe ich immer das Gefühl, die Schauspieler starren mich an,
wollen mich am Ende der Vorführung bestürmen. Aber nun werde ich eine
Oper inszenieren, 2006, den „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth. Ich
hatte mal in einem Interview gesagt, wenn ich jemals eine Oper inszenieren
würde, dann nur Wagners „Ring“. Und schon klingelte das
Telefon, der Chef von Bayreuth war dran . . . Dabei hassten meine Eltern Wagner,
für sie war er ein hundertprozentiger Nazi!
SZ: Freuen Sie sich,
wenn die Kritiker Ihre Filme bejubeln ?
von Trier: Gute Kritiken
beunruhigen mich. Gehöre ich nun zum Mainstream? Dabei genoss ich es, das
schwarze Schaf zu sein, der Regisseur, den jeder hasst . . .
SZ: . . . und den
Trotzkopf zu spielen. Wollen Sie nicht erwachsen werden?
von Trier: Nicht unbedingt. Am
liebsten wäre ich so wie früher.
SZ: Warum machten Sie
sich mit Ihrer Firma Zentropa für Pornos stark?
von Trier: Um die Pornos
kümmerte sich eher mein Partner Peter Aalbæk Jensen. Er hatte die
Idee, Pornos von Frauen drehen und produzieren zu lassen. Das Geschäft ist
normalerweise eine reine Männersache. Wir haben dann ein paar Filme
produziert, aber ohne Erfolg.
SZ: Welcher Figur in
„Dogville“ fühlen Sie sich am nächsten?
von Trier: Mir geht es da wie einem
befreundeten dänischen Autor. Anstatt die Menschen zu beobachten und daraus
Figuren zu entwickeln, spalte ich meine Persönlichkeit in verschiedene
fiktive Figuren. In diesem Film finde ich mich in Tom wie in Grace . . .
SZ: In jedem Menschen
steckt gleichzeitig der Täter und das Opfer . . .
von Trier: Ja, aber hier bleibt
unklar, wer Täter und wer Opfer ist. Beide Haltungen gehen ineinander
über.
SZ: Sie
haben ein sichtliches Vergnügen, Frauen beim Leiden zuzusehen?
von Trier: Leiden ist Teil des
Lebens. Was soll ich dazu sagen . . .
SZ: Aber sexuelle
Erniedrigungen sind eine Art Steckenpferd für Sie?
von Trier: Aber sicher!
Darüber muss ich mal ernsthaft mit meinem Psychologen reden. Aber schauen
Sie sich mal die Filme von Buñuel an. Der hatte ein ernstes Problem! Das
gilt auch für Bergman.
SZ: Handelt
„Dogville“ von Hobbes – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf?
von Trier: Ich bin sicher, dass in
uns allen ein Tier verborgen ist. Aber andererseits war die menschliche Rasse so
erfolgreich, weil sie auch fähig zum Mitgefühl ist. Da bin ich mir
ganz sicher. Mitgefühl ist nichts Logisches, und nur dadurch konnten wir
uns so sensationell auf der Erde verbreiten. Das ist eine echte
Erfolgsgeschichte.
SZ:
Sie schwärmen von einer Mischung aus Film, Theater, Literatur und Musik
– einer Art wagnerianischem Gesamtkunstwerk?
von Trier: Ja, ich bin mir sicher,
dass Wagner Kino gemacht hätte.
Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 03:07 nachm.