Trüb ist die Ostsee


SZ - 20.10.2003

Dämonische Agenten, sadistische Söldner: Reuben Leders Katastrophenfilm „Baltic Storm“ über den Untergang der Estonia

Bilderfetzen einer Katastrophe, mit verwackelter Kamera aufgenommen. Bilder von Fernsehnachrichtensprechern, die in unterschiedlichsten Sprachen dasselbe Schreckliche berichten. Der Kinozuschauer, der den Spielfilm „Baltic Storm“ des amerikanischen Regisseurs und Autors Reuben Leder verfolgt, soll glauben, dass er den Beginn einer authentischen Geschichte erlebt.


Authentisch ist in der Tat, dass sich im September 1994 die größte Schiffskatastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg ereignete. Die Autofähre „Estonia“, einst auf einer deutschen Werft gebaut, versank wie ein Stein in der nächtlichen Ostsee. Von den 989 Passagieren, die von der estnischen Hafenstadt Tallinn in RichtungStockholm unterwegs waren, überlebten nur 137. 852 Menschen liegen heute noch in einem nassen Grab am Meeresgrund. Die meisten der Passagiere kamen aus Schweden, Finnland, Estland. Die Regierungen der drei Länder bildeten eine Untersuchungskommission, die schlampig arbeitete, wichtige Hinweise auf die möglichen Ursachen ignorierte, Zeugenaussagen unterdrückte. Die Wahrheit vertuschte. Davon ist zumindest die deutsche Fernsehjournalistin Jutta Rabe überzeugt, die behauptet, die Fähre sei von Ex- Agenten des sowjetischen Geheimdiensts KGB durch einen Sprengstoffanschlag versenkt worden, denn man habe verhindern wollen, dass die amerikanische CIA in den Besitz von militärischen Forschungsergebnissen und -material gelangte. Solange die Hintergründe der „Estonia“-Katastrophe unklar bleiben, widersprüchliche Gutachten durch die Weltpresse gehen, Ungereimtheiten und Lücken im offiziellen Report verbleiben – und dem ist offensichtlich so – sind natürlich Spekulationen und wilden Verschwörungstheorien Tür und Tor geöffnet.


Das war in solchen Fällen schon immer so – vom Mord an John F. Kennedy bis zum Anschlag vom 11. September. Die italienische, französische oder amerikanische Filmindustrie hat Ereignisse solcher Natur schon immer für das Genre des Polit-Thrillers genutzt. Ein oder zwei tapfere Einzelkämpfer fördern Unglaubliches zu Tage. Der Zuschauer darf sich seine eigenen Gedanken machen. Neu ist, dass sich eine deutsche Produktion auf dieses Terrain begibt – sieht man von Einzelfällen wie Bernhard Sinkels „Kaltgestellt“ (1980) oder Reinhard Hauffs „Messer im Kopf“ (1978) ab.


Für 6 Millionen Euro hat Jutta Rabe, die in Schweden wegen Störung der Totenruhe verurteilt und gegen die ein Einreiseverbot verhängt wurde, die Verfilmung ihrer Story selbst produziert. Die Produzentin als Lichtgestalt, verkörpert vom Filmstar Greta Scacchi, der ein solides Ensemble zur Seite steht: Jürgen Prochnow als der Vater eines Unglückopfers, Dieter Laser als zwielichtiger Ex-Agent, Axel Milberg als Vertuschungsexperte, Donald Sutherland als CIA-Boss.


Gleich einen ganzen Lkw mit Prototypen modernster Bio-Waffen will im Film ein ehemaliger sowjetischer Experte an die CIA verscherbeln. Sowjetische Überzeugungstäter verhindern das durch einen Sprengstoffanschlag auf die „Estonia“. Scacchi und Prochnow ermitteln.


Reuben Leder, Bruder der Regisseurin Mimi Leder, bisher eher als TV-Autor („Flipper“, „Baywatch“) tätig denn als Kinofilmmacher, rührt aus Fakten, Spekulationen und vielen Klischees einen Brei, den man im ersten Drittel des Films noch gerne schluckt. Doch bald geben sich dämonische Agenten, korrupte Regierungsbeamte und sadistische Söldner die Klinke in die Hand. Die Inszenierung wird zunehmend ungeschickt und holzschnittartig, verliert das hier Wichtigste: ihre Glaubwürdigkeit. Vor diesem Werk muss niemand zittern.


BODO FRÜNDT


BALTIC STORM, D 2003– Regie und Buch: Reuben Leder. Kamera: Robert Nordström. Mit: Greta Scacchi, Jürgen Prochnow, Donald Sutherland, Barbara Schöne. Buena Vista, 116 Minuten.

Posted: Mo - Oktober 20, 2003 at 03:01 nachm.      


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