Brechter als Brecht


www.fr-aktuell.de - 22.10.2003

Herr von Trier und seine Knechte: Die Anti-Amerika-Tirade "Dogville" mit Lauren Bacall und der erstaunlichen Nicole Kidman, die einen Rest Freiheit rettet
VON DANIEL KOTHENSCHULTE

Lange her, dass im Theater Bretter noch die Welt bedeuteten. Dass ein Kreidegrundriss auf dem Bühnenboden noch ein Haus ersetzte und ein Schild mit der Aufschrift "Baum" einen Baum. Wäre es nicht so lange her, man könnte das Ganze herrlich parodieren. Man könnte mit bescheidenem Dressuraufwand eine echte Katze diesen falschen Baum hoch jagen, nur um sie dann den Abend über dort zu vergessen wie auf dem heißen Blechdach. Und sie hätte noch Glück gehabt, denn im gleichnamigen Stück käme sie sonst gar nicht vor. Leider ist diese Theatermode, wie gesagt, lange vorbei. So lange, dass jeder Parodist damit älter aussähe als mit einer Willy-Brandt-Nummer mit rollendem "rrr".

Wenn die Kamera also zu Beginn von Lars von Triers Dogville über dem nackten Grundriss der titelgebenden Stadt einschwebt, deren gemalte Häuser trockenen Kreidestaub in die abgefilmte Theaterluft abgeben, wenn selbst das Hundegebell nur auf eine Zeichnung des Köters am Fußboden verweist, dann macht es artig Klick im Zuschauerraum: Die Zitat-Erkennungsmaschinen leisten ganze Arbeit und rasten ein bei B wie Brecht und V wie V-Effekt.

Dass die Jüngeren die Glanzzeit des antinaturalistischen Theaters der 50er Jahre nicht erlebt haben, tut wenig zur Sache. Auch Lars von Trier hat das Vorbild für seine Camouflage ja nie kennen lernen können. Aber so ist es nun einmal mit den Retro-Phänomenen: Sie meinen nie die Originale, sondern ihre medialen Nachbilder - das, was sich zufällig eingenistet hat in der kollektiven Vorstellung einer untergegangenen Ästhetik. Wer besaß schon echte Verner-Panton-Möbel in den 70ern, aber wenn das eben unsere heutige Vorstellung von dieser Zeit ist, gehören sie in jede Filmkulisse.

So ist es auch gar nicht der Brecht des Berliner Ensembles, der das Model für Lars von Triers Camouflage abgibt, sondern die kunstgewerbliche Anwendung seiner Methode in den europäischen Fernsehinszenierungen der 60er und 70er Jahre. Wenn also etwas wohlig anspringt im kollektiven Gedächtnis, ist das die Erinnerung an jene wackligen Videoaufzeichnungen, die die Deutschlehrer in den Schularchiven fanden, aufgezeichnet mit den ersten VCR-Maschinen. Sie waren eine Qual, aber immer noch besser als der Unterricht.

Lars von Trier ist beides: ein Quälgeist und ein Oberlehrer, und so muss er diese Fernsehtheater-Konvention lieben. War sie doch in ihrer Zeit ein ebensolches Dogma wie das von ihm 1995 verkündete Manifest des Videorealismus. Ein ungeschriebenes Regelwerk gegen die Verführerkräfte von Spektakel, Illusion und Unterhaltung; eng gebunden an die Geschmacksdoktrin eines asketischen Modernismus und ein hübscher Dämpfer gegen allzu hervorstechende kreative Einzelleistungen - außer denen des Regisseurs. Auch das muss dem autoritären Regie-Monomanen Lars von Trier nicht schlecht gefallen, der stets auf einen gesunden Wissensvorsprung gegenüber seinem Ensemble Wert legt.

Was könnte besser passen in dieses karge Ambiente als ein Lehrstück, das mit seinem Adressatenkreis hart ins Gericht geht. Der allerdings sind nicht wir, sondern die USA: Wie im vorausgegangenen Todesstrafenmusical Dancer in the Dark wird der amerikanischen Gesellschaft in einem Planspiel um Schuld und Sühne der Spiegel vorgehalten. Dass die Spielzeit noch in eine Periode sozialistischer Emphase gelegt wird, die New-Deal-Ära der 30er Jahre, macht die Anklage noch polemischer.

Grace, der fromme Gruß des amerikanischen Kleinbürgertums, ist Nicole Kidmans Name in diesem Film. Wer auf den Namen Gnade hört, kann sich im väterlichen Gangstermilieu nicht heimisch fühlen. So flieht Grace nach Dogville, ein Elendsnest in den Rocky Mountains, das aus einer Straße und einer Hand voll ärmlicher Hütten besteht. Eine davon gehört Tom, einem Möchtegern-Schriftsteller, der sich zum moralischen Schrittmacher seines Ortes aufgeschwungen hat. Ihm gefällt der attraktive Flüchtling, und es gelingt ihm, ein befristetes Asylrecht zu erstreiten. Als Dank für die Obhut soll Grace, so sein Vorschlag zur Befriedung möglichen Unmuts, den Dörflern bei ihrem Tagewerk zur Hand gehen. Die Abhängigkeit der Asylantin wird dabei mehr und mehr als Legitimation eines Sklavendaseins verstanden - was in den nächsten zweieinhalb Stunden akribisch ausgebreitet wird.

Calvinistische Werkgerechtigkeit

In jedem der von einem unsichtbaren Märchenonkel anmoderierten Kapitel dieser Passionsgeschichte kommt eine neue Despotie dazu. Bald zieht Grace einen schweren Eisenklotz hinter sich her und muss der männlichen Bevölkerung als Sexsklavin dienen. Lediglich Freund Tom bleibt ihr Körper verwehrt - hatte sich der moralistische Wortführer des degenerierten Systems aus Geben und Nehmen auf die Selbstlosigkeit seiner Liebe berufen. "Eine Hand wäscht die andere" und "Von nichts kommt nichts" ließe sich die radikal-calvinistische Werkgerechtigkeit in deutsche Spruchweisheit übertragen, nach der in Dogville gelebt wird.

Dass die Herde dabei ohne geistlichen Hirten auskommt und die Kirche nur als Gemeindesaal fungiert, steht der theologischen Lesart nicht im Wege, die an die radikalprotestantische Enklave von Triers Breaking the Waves anknüpft. Wie sähe eine Gesellschaft aus, die ihr Gerechtigkeitsempfinden aus einem moralisch legitimierten Gewinnstreben entwickelt? Lars von Trier hat sie in den USA gefunden, und er macht keine Gefangenen. Wenn vor dem Abspann David Bowies "Young Americans" erklingt, schneidet der Regisseur dazu einen Musikclip aus den New-Deal-Fotografien von Walker Evans und seinen Zeitgenossen. Amerika, das soll man in diesen gegen den Strich gebürsteten Bildern humanistischer Anteilnahme lesen, ist für sein soziales Ungleichgewicht selbst verantwortlich.

Das freilich ist nur eine Ebene; die zweite behandelt ein theologisches Problem. Grace verkörpert die vom Calvinismus unberührte, urchristliche Position: Die Märtyrerin muss die Peinigungen dem Leben in Sünde, das sie bei den Gangstern gelebt hätte, allemal vorziehen. So viel moralische Integrität ist schwer erträglich, selbst für diejenigen, die sich an Grace versündigen. Und so wird sie doch an ihren Vater verraten, der sich bei seiner Ankunft weniger wie ein Teufel gebärdet denn als zorniger Gott aus dem Alten Testament. Lars von Trier wäre nicht Lars von Trier, wenn es nicht noch eine Instanz darüber gäbe. Und so gehört das letzte Wort dem deus ex machina , dem Filmautor, der sich noch einen grausigen Paukenschlag vorbehalten hat und Grace einen radikalen Sinneswandel vollziehen lässt.

Verführt vom Unterhaltungsteufel

Lars von Trier hat nicht nur das Dogma, er hat auch den Quälrealismus erfunden. Wer am Ende Mitleid fühlte für die Björk-Figur in Dancer in the Dark , der war in die Brechtsche Falle getappt, hatte sich verführbar gezeigt für wohlfeile Anteilnahme und war einem fragwürdigen Affekt- und Effektkino anheim gefallen. Der diabolische Moralismus des Katholiken Lars von Trier folgt dabei der Methode des Ablassgeschäfts: Wer sich vom Unterhaltungsteufel verführen lässt - selbst wenn es keine angenehme Art von Unterhaltung ist -, der bezahlt am Ende seine Schuld in Scham und gelobt Besserung. Nun, kann man sich mit Blick auf die vorgebrachte Kapitalismuskritik fragen, wo liegt der Unterschied? Grace muss für ihr Asylrecht zahlen und der Zuschauer eben für sein Vergnügen.

Erwartet man diese Rechnung, die am Ende eines jeden Lars-von-Trier-Films aufgemacht wird, dann lässt sich Dogville genießen. Kennt man das Konzept, dann sind die Schauwerte, die gerade die theatrale Inszenierung bereithält, ausgesprochen überraschend. Trier hat auch die kleinste Rolle hochkarätig besetzt. Die große Lauren Bacall spielt eine despotische Ladenbesitzerin, und konnte bei der Premiere in Cannes nur klagen über ihre Beanspruchung. Das Ensemble, dem unter anderen noch Ben Gazarra, Stellan Skarsgård und Chloe Sevigny angehören, ist in nahezu jeder Szene präsent - es gibt keine Wände in der Kulisse. So musste Bacall, die nur wenige Dialogsätze spricht, tagelang ihren unsichtbaren Laden fegen. Auch dies ein Akt Trierscher Despotie, der zu ungesehenen Bildwirkungen führt - selbst für das Theater.

Nicht anders als das Objekt inhaltlicher Abarbeitung - die nüchterne Grundformel des American Dream - wird auch ein ästhetisches Konzept, die Brechtmethode, durch stumpfes Durchdeklinieren ins Unmenschliche verzerrt. Die Frage, ob das Ergebnis nun filmisch sei oder nicht, wäre ein sturer Akademismus. In der Filmgeschichte gehört Dogville trotz seines begrenzten Spielorts zu den imponierenden und stets befremdlichen Zeugnissen eines ästhetischen Kontrollzwangs. Diese Synchronisation des gesamten Apparats rückt von Triers Anti-Amerika-Tirade in die Gesellschaft der großen Kino-Propagandisten - Griffith, Eisenstein, Vidor, Riefenstahl - wie auch immer sich das Ergebnis qualitativ dazu verhält.

Das Groteske, aber auch Amüsante daran ist die Vereinnahmung der antinaturalistischen Theaterkonventionen für eine absolut autoritäre Inszenierung. Kennt man das zu Grunde liegende Drehbuch, ist man angenehm überrascht, dass sich wenigstens ein Glied der Kontrolle entziehen konnte. Anders als Emily Watson in Breaking the Waves und Björk in Dancer in the Dark wusste Nicole Kidman sehr wohl der Zurschaustellung Grenzen zu setzen. Es sind diese Freiräume, die Dogville einen Rest von Menschlichkeit belassen.

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Dokument erstellt am 21.10.2003 um 16:56:02 Uhr
Erscheinungsdatum 22.10.2003

Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 03:07 nachm.      


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