Die Ironie der Nation
taz -
23.10.2003
Mit einem Jahr
Verspätung wird "Divine Intervention" des Palästinensers Elia Suleiman
für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert
Ist es nicht ironisch? Vor einem Jahr lehnte es die
Academy for Motion Picture Arts and Sciences ab, den Film "Divine Intervention"
in der Kategorie "best foreign-language film" anzunehmen. Der Regisseur, Elia
Suleiman, komme aus Palästina, was, so ließ man verlauten, keine von
der UN anerkannte Nation sei.
Erstaunlich an dieser Begründung
war nicht nur die Tatsache, dass eine amerikanische Film-Akademie die Statuten
der UN als für sich verbindlich erklärt - bekannterweise nicht
für alle Ebenen der amerikanischen Gesellschaft selbstverständlich -,
sondern dass für Filme aus den ebenfalls nicht anerkannten Hongkong und
Taiwan in dieser Beziehung stets eine Ausnahme gemacht wurde. Aber so ist das
mit der Ironie: Man meint nicht ganz das, was man sagt.
Zusammen mit 54 weiteren Bewerbern
(darunter Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin!") darf "Divine Intervention" sich
mit einem Jahr Verspätung um die Stimmen der Akademie-Mitglieder
bemühen. Ausnahmsweise, wie es in der Vorabliste heißt. Umgekehrt
hatte die europäische Filmakademie keine Probleme damit, "Divine
Intervention" letztes Jahr als besten außereuropäischen Film
auszuzeichnen. Hat sich in Zeiten der Koproduktionen nicht sowieso das Kriterium
der Nation in der Filmindustrie überlebt? Was sollte den Ausschlag geben?
Die Nationalität des Regisseurs? Oder die Sprache, in der der Film gedreht
wird? Die Herkunft des Geldes? Demnach könnte "Divine Intervention" als
französisch, marokkanisch oder deutsch gelten.
Das Ganze macht deutlich, dass
Formalitäten nicht nur das sind, was sie zu sein behaupten, nämlich
Ausschlussverfahren nach festen Regeln, sondern dass sie meist raffinierte
Ausweichmanöver darstellen, durch die sich Konflikte verlagern lassen. Denn
die Auseinandersetzung darüber, ob Suleimans Film nun palästinensisch
und Palästina als Nation für den Oscar zugelassen ist, drängt
unweigerlich in den Hintergrund, worum es gehen sollte - den künstlerischen
Wert des Films.
Vielleicht besteht die
eigentliche Ironie nämlich darin, dass "Divine Intervention" genau davon
handelt: von jenem seltsamen Status der Palästinenser, eine unsichtbare,
weil nicht anerkannte, andererseits aber von anderen als ungeheuer bedrohlich
empfundene Existenz zu führen. In einer der Episoden des Films gibt es
diesen Mann, der Woche für Woche seine Mülltüten einfach in
Nachbars Garten entsorgt. Als eine Frau von dort eines Tages die Säcke
zurückwirft, stellt er sie zur Rede. Ihr Verhalten als Reaktion auf seines
zu verstehen, lehnt er als absurd ab. Sie hätte mit ihm sprechen
müssen, wozu habe Gott den Menschen eine Zunge gegeben? Wirklich ironisch
wird Ironie dann, wenn etwas gesagt wird, damit das Gegenüber denkt, es sei
das Gegenteil gemeint, während der Sprecher genießt, etwas
ausgesprochen zu haben. Insofern hat das Prozedere eine Strategie: Im
vergangenen Jahr hätte man bei der Frage um die Oscar-Nominierung über
den Film reden müssen; in diesem Jahr ist man dagegen schon mit der
Teilnahme zufrieden.
BARBARA
SCHWEIZERHOF
taz Nr. 7189 vom
23.10.2003, Seite 19, 102 TAZ-Bericht BARBARA SCHWEIZERHOF, in taz-Ffm:
S.17
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Posted: Fr - Oktober 24, 2003 at 10:02 vorm.