Das Leben, ein Brettspiel
DIE ZEIT -
44/2003
Das Kino als
hundsgemeine Versuchsanordnung: Lars von Triers neuer Film
„Dogville“ ist ein großartiger Appell an die Vorstellungskraft
des Zuschauers
Von Katja Nicodemus
Er ist der Mephisto des Kinos, ein
Egoist, Narziss und Neurotiker, der stets zerstören will und doch das Neue
schafft. Am liebsten erzählt er von der Verkommenheit der menschlichen
Natur, vom Bösen, das er mit unverhohlenem Zynismus triumphieren
lässt. Für Lars von Trier ist das Kino ein Gesellschaftsspiel, in dem
die Zivilisation verlieren muss. Die Regeln und Formen dieses Spiels bestimmt er
allein und für jeden Film anders, arrogant, autoritär, mit der
Ungeduld eines verzogenen Wunderkindes. Von Trier respektiert nichts und
zweifelt an allem. Er ist ein Ketzer ohne Glauben, ein Revolutionär ohne
Utopie, ein Regisseur, der das Kino ins Kreuzverhör nimmt. Er mokiert sich
über das Gute, für das er die Märtyrerinnen seiner Filme Breaking
the Waves und Dancer in the Dark auf die Schlachtbank schickt, er kommentiert
heute mit offenem Hohn, was er gestern noch von seiner Kinokanzel
verkündete, und selbst das von ihm mit erfundene, zur weltweiten
Filmbewegung avancierte Dogma-Manifest ist ihm inzwischen völlig schnuppe.
Ein Dorf aus Kreidestrichen: Lars von Triers zeichenhafte Kleinbürgerwelt
Foto [M]: Rolf Konow
Mag sein, dass Lars
von Trier der zurzeit einflussreichste Regisseur ist, weil er das Kino hasst.
Gerne zersägt er es dort, wo es sich am sichersten glaubt: an den
Grundfesten der Illusion. Inzwischen scheinen all jene Konventionen, die den
routinierten Betrieb des Mediums sichern, nur noch darauf zu warten, von ihm
beiseite geräumt zu werden.
Dogville
ist von Triers bisher größte und
radikalste Entrümpelungsaktion auf der Leinwand. Bis aufs letzte
Schräubchen hat er die Bildermaschine in seinem neuen Film abmontiert und
auf einen spartanischen Urgrund reduziert: eine schwarze Bühne, knirschende
Bretter, die die Welt bedeuten. Von Triers theaterhafte Erdenscheibe ist ein
ptolemäisches Universum, das allein aus dem Dörfchen Dogville besteht.
Es liegt irgendwo am Fuße der Rocky Mountains, wie die betont sonore
Märchenonkelstimme des Erzählers verrät. Die Häuser der
15-Seelen-Gemeinde bestehen aus Kreidestrichen und ein paar zeichenhaft
hingestellten Möbeln, spärlichen Insignien einer amerikanischen
Kleinbürgersiedlung der dreißiger Jahre, einer Welt aus
Rechtschaffenheit, protestantischer Arbeitsmoral und frisch gebackenen Keksen.
Zunächst mag es noch ein wenig seltsam erscheinen, wenn Lauren Bacall als
Dorfkrämerin Ma Ginger auf dem schwarzen Bühnenboden herumkratzt, doch
schon nach wenigen Sekunden meinen auch wir die Stachelbeerbüsche auf ihrem
kleinen Feld zu sehen. Eine Hausfrau schüttelt imaginäre Federbetten
aus, ein nur in Umrissen auf den Boden gezeichneter Hund bellt.
Wieviele Zeichen braucht die
Welt?
In sich selbst versunken und
geschäftig, bildet die kleine Gemeinschaft von Dogville ein geschlossenes
System. Fehlende Wände und Türen, die absolute Durchlässigkeit
des Raums lassen die emsig vor sich hin wurschtelnden Bewohner zu einem
einzigen, gut funktionierenden Kleinbürgerorgansimus werden. Hier hat alles
seine Ordnung. Fremdenangst kann es in Dogville nicht geben, denn das Fremde ist
in dieser Sackgasse am Ende der Welt nicht vorgesehen. Wie aus dem Nichts taucht
es dennoch auf, in Gestalt einer schönen jungen Frau. Tom, ein junger
Nichtsnutz und selbst ernannter Dorfpoet, spielt sich als Beschützer und
Verbündeter auf, überzeugt die Dorfbewohner, die offenbar von
Gangstern verfolgte Grace aufzunehmen. Als Gegenleistung soll sie der
Gemeinschaft ein wenig zur Hand gehen. Also sehen wir Nicole Kidman, wie sie
nicht vorhandene Türen öffnet, die dennoch knirschen, wie sie
pantomimisch Unkraut jätet und an Kreidestrichen entlang ihr Tagewerk
verrichtet.
Wie viele Signifikanten
braucht die Welt? Ein Garten ist ein Garten, auch wenn er nicht zu sehen ist.
Eine Straße ist eine Straße, weil ihr Name auf dem Bühnenboden
steht. Dogville
ist ein brechtianisches Spiel mit dem Kino als
Reich der Zeichen, eine semiotische Fastenkur der Leinwand. Von Trier gelingt
eine einzigartige formale Vermählung von Film und Bühne, indem er die
Abstraktionskraft des Theaters mit der realistischen Körperlichkeit des
Kinos verbindet. Er inszeniert seine Darsteller für die bewegliche Kamera
einer ungemein filmischen Erzählung und unterwirft das fortwährend in
kollektiver Spannung verharrende Ensemble dennoch der Einheit von Ort, Zeit und
Raum. Sein Film ist ein Appell an die Vorstellungskraft des Zuschauers, eine
Projektion, die da beginnt, wo die Bilder aufhören.
Wie auch in anderen Filmen
unterfüttert Lars von Trier sein formales Experiment mit einer
durchtriebenen moralischen Versuchsanordnung. Wir sehen das Spiel eines
gottgleichen Schöpfer-Regisseurs, der sich mit der Kamera immer wieder in
die Vogelperspektive schwingt. Von oben erinnern die Dorfbewohner an
fleißige Ameisen, während die schwarze Bühne mit ihren
weißen Kreidestrichen dem Kinderhüpfspiel
Himmel und Hölle
gleicht. Tatsächlich veranstaltet von Trier
mit diesem Film eine moralphilosophische Wette, bei der er selbst den Einsatz
bestimmt, die Würfel wirft und das Ergebnis manipuliert: Die Anwesenheit
der schutzlosen Fremden soll Prüfstein für die Moral der Einwohner von
Dogville sein. Und natürlich wäre von Trier nicht von Trier, wenn sich
dieses Dörfchen nicht als hündischster aller Hundsorte entpuppte.
Sehr bald weicht die
kleinbürgerliche Gastfreundschaft umfassender Verrohung. Als die Polizei
mit Steckbriefen nach der schönen Fremden sucht, beginnt die Stimmung zu
kippen. Grace muss sich ihr Aufenthaltsrecht immer härter erschuften, wird
zum Mädchen für alles und schließlich zum sexuellen Freiwild der
männlichen Bewohner. Auch im Umgang mit seiner Hauptdarstellerin erweist
sich von Trier als dialektisch handelnder Mephisto: Er muss das Bild des
unnahbaren Stars zerstören, damit sein misanthropisches Experiment gelingen
kann. Mit dem Sadismus, der all seine Filme prägt, wird er Kidman zum
armseligen, gepeinigten Menschlein degradieren, sie buchstäblich an die
Kette legen und in eine grausame Passionsgeschichte schicken.
Nicole Kidmans eisernes Halsband
Erniedrigung, Vergewaltigung,
Versklavung – Kidman spielt die Ausgebeutete mit der
unerschütterlichen Gutgläubigkeit und Opferbereitschaft, die auch die
anderen Heldinnen in von Triers Universum auszeichnen. Selbst als die
Dorfbewohner sie an ein eisernes Wagenrad schmieden, weigert sie sich noch, der
Vergebung und Nächstenliebe abzuschwören. In den Film hinein geht
Kidman als blasser, verfolgter Unschuldsengel mit elegantem Abendkleid und
Pelzkragen. Sie verlässt ihn als mehrfach vergewaltigte Frau, die dem
Grauen trotzt, indem sie innerlich zu Stahl wird. Anders als gewohnt,
mündet die Passion der Grace nicht in himmlisches Glockenläuten oder
in das jenseitige Glaubenslied eines erhängten Engels. Am Ende von
Dogville
steht eine Vergeltung von alttestamentarischer
Wucht.
Kidman, die sich hier völlig
einem bis in die kleinste Nebenrolle ebenbürtigem Ensemble unterordnet,
legt in der Rolle der Grace die wohl beeindruckendste Leistung ihrer Karriere
hin. In ihrem Gesicht wird die permanente Angst vor dem Ausgestoßenwerden
zu verzweifelter Verletzlichkeit. Über fast drei Stunden hinweg gelingt ihr
die atemberaubende Balance zwischen anrührendem Leiden und der
Müdigkeit einer griechischen Schicksalsgöttin, die ein allerletztes
Mal herabgestiegen ist, um den Menschen eine Chance zu geben. Dennoch hat die
Schauspielerin alle weiteren, bereits geplanten Projekte mit Lars von Trier
abgesagt. Für einen Star ihres Kalibers mag es eine merkwürdige
Erfahrung gewesen sein, über Wochen hinweg mit einem schweren eisernen
Halsband zu spielen, das zynische Menschenbild eines obsessiven
Regie-Apokalyptikers gewissermaßen in den eigenen Körper
eingeschrieben zu bekommen.
Dogville,
die bisher düsterste aller
Lars-von-Trier-Visionen, ist der Beginn einer Amerika-Trilogie. Der Film endet
mit einem bitteren Blick auf die Epoche, in der er spielt. Zu David Bowies
Young Americans
rollt im Abspann eine Galerie der amerikanischen
Depressionszeit ab: Walker Evans’ Porträts der verelendeten
Südstaaten-Bauern, Ausgestoßene, Obdachlose, zahnlos Grinsende
– legendäre Fotografien des um seine Würde gebrachten
Lumpenproletariats einer Weltmacht. Mit einer Mischung aus Respekt und
lustvollem Chauvinismus bedient sich von Trier zudem bei den Mythen der
amerikanischen Populärkultur, um dem Publikum eine wahre Ausgeburt
europäischen Ideenkinos vor den Kopf zu knallen. Sein Dogville ist ein
zutiefst verkommener Ableger von Thornton Wilders amerikanischem Jedermann-Dorf
in Our Town.
Dogvilles Hauptstraße heißt Elm
Street und rückt den Ort damit in die Nähe von Wes Cravens
Horrorklassiker Nightmare on Elm Street,
der die verdrängten Albträume und
Lynchmorde einer spießigen Vorstadtwelt in Gestalt eines irren
Teeniekillers wiederkehren lässt. Auch bei der Wahl der Schauspieler bewegt
sich von Trier auf dem schmalen Grat zwischen Hommage und symbolischem
Unterwerfungsakt. Mit seinen Darstellern ziehen ganze Epochen des amerikanischen
Kinos in die Kreidestrichhäuser am Fuße der Rocky Mountains: Lauren
Bacall, die Ladenbesitzerin, holt im Schlepptau den Film noir nach Dogville, und
Ben Gazzara, der blinde Eigenbrötler, das amerikanische Autorenkino der
siebziger Jahre. James Caan schließt als Gangsterboss an seine Rolle in
Der Pate
an, und die Undergroundqueen Chloé
Sevigny bringt als Dorfschönheit einen Hauch der hippen New Yorker
Filmszene in die Kleinbürgerödnis. Über ihnen thront grinsend
Lars von Trier, der europäische Zampano und Marionettenmeister.
Auch wenn von Trier sein hundsgemeines
Dorf in den Vereinigten Staaten verortet, entspringt sein Antiamerikanismus eher
der streitlustigen Attitüde des ewigen Provokateurs.
Dogville
ist universeller als sein krakeelender
Schöpfer zugeben mag, eine mit Bachs Musik über allen Zeitläuften
schwebende Allegorie in neun Kapiteln. Ihr Thema ist die Unmöglichkeit des
Guten in einer verderbten Welt, ist der Mensch an sich, seine Ordnungssucht und
Niedertracht, seine Angst vor dem Fremden. Dogville, dieses winzige Dorf
irgendwo zwischen dem Kaukasus, den Alpen und den Rocky Mountains, ist ein ganz
realer Unort. Und natürlich weiß auch der Herrgott im Regiestuhl,
dass er nicht nur von Amerikanern bewohnt wird.
Posted: Do - Oktober 23, 2003 at 09:48 vorm.