Schuld und Bühne
taz -
23.10.2003
Für seinen
neuen Film "Dogville" hat Lars von Trier die Welt als Guckkasten nachgebaut. Wie
in einem Lehrstück verwandelt sich dort der US-amerikanische
Community-Glaube in Fremdenhass. Kann man sich mit Nicole Kidman brechtisch
amüsieren?
von TOM
HOLERT
Der Film beginnt mit einer Aufsicht auf eine
Landkarte. Im Maßstab 1:1 sind die Wege und die Grundstücke, die
Gärten und sogar manche Lebewesen der kleinen Ortschaft mit weißer
Farbe auf dem Boden einer Studiobühne verzeichnet. Die leibhaftigen
Menschen dort unten bewegen sich zwischen diesen Markierungen wie die Ratten in
einem übergroßen Skinnerschen Kasten. Der Kamerablick von oben
repräsentiert das allwissende Auge des Experimentators. Vom ersten Bild an
ist klar: Hier wird etwas ausprobiert, getestet, modelliert.
Dann befindet sich die Kamera
plötzlich am Boden, inmitten der Bewohner dieser Versuchsanordnung. In
zitternden Schwenks und gezoomten Nahaufnahmen verfolgt sie, wie die
Schauspieler imaginäre Türen öffnen und an imaginären
Wänden lehnen, wie sie schweigen, grübeln, reden und den stummen
Appellen der Zeichen Folge leisten. Nur ein paar Möbel, die Fassade eines
Ladengeschäfts, eine Kirchturmspitze und das eine oder andere Automobil
bereichern als Requisiten diese Diagrammwelt.
Die Modellstadt, eingerichtet in einem
ehemaligen Hangar im schwedischen Trollhättan, heißt Dogville und
soll in den Rocky Mountains liegen, ein Pappmachéfelsen und das
Holzgerüst eines Minentunnels deuten es an. Die Bewohner tragen die
einfachen Kleider der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts, der USA der
Depressionszeit. Sie besitzen nicht viel außer ihrem nackten Leben, was
durch die lagerartige Kulissenabstraktion unterstrichen wird.
Eine weise-wohlwollende
Erzählerstimme aus dem Off (im Original: John Hurt) beschreibt nicht nur
die Gemütslage, sondern auch die äußeren Bedingungen und
Handlungen der Protagonisten, als wären die Zuschauer blind und ein wenig
schwach von Begriff dazu. Wie in einem Roman des 18. Jahrhunderts wird die
Geschichte in (neun) Kapitel eingeteilt, deren lange Überschriften das
jeweils folgende Geschehen zusammenfassen - so steht der Erbauung und der
Belehrung nichts im Wege. Zunächst werden die armen Leute von Dogville
vorgestellt. Brave Hinterwäldler, die sich in der Entbehrung eingerichtet
haben. Sie leben fernab von den Verführungen der Stadt, in die sich nur der
Fuhrunternehmer begibt, um dort die wenigen Güter, die der Ort
hervorbringt, auf dem Markt zu verkaufen - und ins Bordell zu gehen.
Kamera und Erzählerstimme lenken
das Interesse auf Tom Edison jr. (Paul Bettany), einen angehenden Literaten und
Moralisten, der keine Zeile zu Papier bringt, aber im Missionshaus hochtrabende
philosophische Predigten über das menschliche Problem des "Entgegennehmens"
hält. Überzeugen will er bei diesen Gelegenheiten unter anderem die
Ladenbesitzerin (Lauren Bacall), die Tochter der Hensons, die ihr Geld mit dem
Abschleifen billiger Gläser verdient (Chloë Sevigny), die
bildungsbesessene Vera (Patricia Clarkson), Frau des wortkargen Apfelbauern
(Stellan Skarsgård), und seinen Vater, Tom Edison sr. (Philip Baker Hall).
Das in Jahren der Abgeschiedenheit
gewachsene psychosoziale Gleichgewicht dieser Gemeinschaft wird auf die Probe
gestellt, als die junge, urbane und vor reiner Schönheit strahlende Grace
(Nicole Kidman) auftaucht. Die Anmutige behauptet, auf der Flucht zu sein, will
sich aber dem Ort nicht aufdrängen. Ihre Ankunft zieht den Besuch von
bedrohlichen Gangstern nach sich, die eine Visitenkarte hinterlassen. Auch ein
Polizist kommt vorbei und hängt eine Vermisstenanzeige auf.
Mit einer seiner "Veranschaulichungen"
vor versammelter Gemeinde gelingt es dem Selfmade-Philosophen, die Bewohner von
Dogville davon zu überzeugen, dass die Ankunft von Grace eine Prüfung
darstellt. Kann die Gemeinschaft eine Gabe entgegennehmen, das Geschenk einer
Fremden, die sich ausliefert? Und die Gemeinschaft ringt sich durch, der Frau
Unterschlupf zu gewähren. So "gibt" sich Grace der Stadt, versieht kleine
Dienste in den Haushalten und Geschäften, macht sich allenthalben
nützlich.
Bald wird Grace zur
"amazing grace". Ihre Schönheit bringt ein luxuriöses, helles Licht in
den Alltag. Die Herzen fliegen der Außenseiterin zu. Sie wird nicht nur
akzeptiert, sondern geliebt. Die Zeit vergeht, der Sommer kommt, und die kleine
moralische Tauschökonomie scheint tadellos zu funktionieren. Am
Unabhängigkeitstag gipfelt das Integrationsidyll. In Feierstimmung bedankt
sich Dogville bei Grace dafür, dass sie sich so zeigt, wie sie ist. Man
schätzt an der Fremden das Eigene.
Mehr geht nicht. Und schon ändert
sich das Blatt. Die Vermisstenanzeige wird durch einen Steckbrief ersetzt, eine
Belohnung ausgelobt, die Flüchtige nicht nur als vermisst, sondern als
gefährlich bezeichnet. Darauf verschärfen sich die Bedingungen ihres
Asyls. Weil die Gemeinschaft geschützt werden muss, wie die Leute von
Dogville sagen. Man findet nun Geschmack an der Ausbeutung der Fremden, deren
Unbekümmertheit und Freundlichkeit auf einmal als aufdringlich und
überheblich betrachtet werden. Deshalb muss sie immer härter schuften,
und schließlich nimmt sich der erste Mann das Recht heraus, sie zu
vergewaltigen. Hinter verschlossener Tür, für alle einsehbar, denn das
Innen der häuslichen Gewalt ist vom Außen der Straße nur durch
einen Strich getrennt.
Die
Demütigung der Fremden schweißt die Gemeinschaft noch enger zusammen.
Auch Tom Edison jr., ihr Fürsprecher, der von Liebe rhapsodiert, aber sich
unter dem Druck des Gemeinschaftssinns als Phrasen dreschender Schwächling
erweist, wird Grace verraten. Ein Fluchtversuch scheitert, weil man ihr eine
Falle gestellt hat. Man legt ihr einen Eisenring mit Glocke um den Hals und
kettet sie an ein Wagenrad. Aus der willkommenen Asylantin wird die geschundene
Gefangene, an der sich jeder schadlos halten kann, und Grace darf dies nicht
einmal als Strafe ansehen. Sie steht jetzt außerhalb des moralischen
Systems der Gemeinschaft, die der Fremden ein Ein-Personen-Ghetto als
rechtsfreien Raum zuweist.
So ist nach
acht Kapiteln und mehr als zweieinhalb Stunden die Zeit reif für das
Strafgericht. Die Erlösung naht in Gestalt der Gangster. Im Fonds eines
Cadillacs hat James Caan einen skurrilen Auftritt als Moralist in eigener Sache.
Überheblichkeit und Arroganz sind Stichworte, die gegen Barmherzigkeit und
Vergebung in Position gebracht werden. Am Ende obsiegt die Politik der Tabula
rasa: Von Dogville bleibt nicht mehr als das Bild eines bellenden Hundes, der
während des ganzen Films nur als Zeichnung am Boden des Tatorts existierte.
Als wäre dieses Schlussbild mit
seinen Hobbes-Konnotationen nicht Kommentar genug, folgt mit dem Abspann eine
weitere Bedeutungsebene, die Lars von Trier endgültig den Ruf eines
Antiamerikanisten einträgt. Zu "Young Americans", David Bowies
Bestandsaufnahme eines durch und durch kaputten Amerikas aus den
Siebzigerjahren, werden berühmte Fotografien aus den Dreißiger- bis
Sechzigerjahren gezeigt, die Armut und Obdachlosigkeit in den USA dokumentieren.
Mit diesen historischen dokumentarischen Bildern, die zum Teil, wie etwa in der
New-Deal-Ära, auf staatliche Förderprogramme zurückgehen, gibt
sich das Projekt "Dogville" den Anstrich von Gesellschaftskritik mit
Geschichtsbewusstsein.
Dabei ist sehr
fraglich, welches die gesellschaftskritischen Aspekte in diesem Drama über
Sündenböcke, Unschuld, Doppelmoral und Tierhaftigkeit des Menschen
sein könnten. Auch Lars von Triers Kritik an der Einwanderungspolitik
seines Heimatlandes Dänemark hilft wenig. Denn die wirklich
berührenden und betörenden Momente von "Dogville" basieren alle auf
jener experimentellen Struktur, die mit universalisierenden Erklärungen der
menschlichen Taten auch die Kontrolle über diese Taten gewährleistet
soll. Die Auf- und Übersicht, mit der sich Lars von Trier seine
Autorität bestätigt, entzieht zugleich jeder politisch brauchbaren
Aussage den Boden. Stattdessen verschmelzen die Heterotopien von Laboratorium,
Panoptikum und Theaterbühne und die visuelle Sprache des Dokumentarismus
(Video, Handkamera usw.) mit dem Apparat des Films (Studio, Stars) zu einer
Lars-von-Trier-Maschine allgemeiner Gültigkeit.
Insbesondere die Mittel des Theaters
versucht "Dogville" für diese Produktion von idiosynkratischen Gewissheiten
zu nutzen. Für sein Kino als moralische Anstalt holte sich der Regisseur
Anregungen bei minimalistischen Theaterproduktionen, etwa bei der
neunstündigen Fernsehfassung einer aufs Äußerste reduzierten
Inszenierung von Charles Dickens' Roman "Nicholas Nickleby" durch die Royal
Shakespeare Company aus dem Jahr 1982. Vor allem aber macht sich der anhaltende
Einfluss Brechts bemerkbar. Ein insistierender V-Effekt prägt diese
dreistündige Kinoerfahrung, nur dass die Erklärungen und
Schlussfolgerungen nicht wie bei Brecht materialistisch, sondern anthropologisch
ausfallen und dazu mit penetranten religiösen Tönen durchsetzt sind.
Neben formalen Elementen hat sich Lars
von Trier auch bei der Rachefantasie der "Ballade von der Seeräuber-Jenny"
aus Brechts "Dreigroschenoper" bedient. Dieser Vergeltungstraum eines
Küchenmädchens bildet die unmittelbare Vorlage für die
Auflösung seiner Geschichte. Hier wie dort ist die Gedemütigte im
Besitz eines tödlichen Wissens, hier wie dort zahlt ein menschlicher
Fußabtreter mit vielfacher Münze zurück.
Spätestens seit der "Golden Hearts
Trilogy" aus "Breaking the Waves" (1996), "Idioten" (1998) und "Dancer in the
Dark" (2000) mit ihren Geschichten unschuldiger, vom Schicksal und ihren
Mitmenschen geknechteter und getöteter Frauen, steht Lars von Trier in dem
Ruf, nicht unbedingt Vertreter einer Ästhetik feministischer
Ermächtigungsstrategien zu sein. Jetzt kehrt er dem Typus der
Märtyrerin, der ihn mit seinem Vorbild Carl Theodor Dreyer verbindet,
vorläufig den Rücken und reiht sich neben Quentin Tarantino oder
Christian Petzold ein, die ihre aktuellen Filmen ebenfalls rächenden Frauen
widmen.
Als die Entscheidung gefallen
war, dass "Dogville" in Cannes keine Goldene Palme erringen würde,
äußerte sich Nicole Kidman etwas besorgt darüber, wie der
Regisseur wohl auf diese Nachricht reagieren würde. Passend zu dieser, wie
ernst auch immer gemeinten, Besorgnis zeigt der Trailer zu "Dogville" die
Schauspieler in engen Beichtkabinen, Zeugnis ablegend über die
unerträglichen Bedingungen der Dreharbeiten mit diesem Wahnsinnigen. Am
Ende der Bekenntnisse seines Ensembles steht das Bild des Regisseurs, der das
katholische Ritual der Beichte schätzt. Er sagt ausnahmsweise kein Wort.
Dafür grinst er vielsagend und etwas schuldbewusst, als hätte man ihn
bei einem gelungenen Streich ertappt. Der Film-als-Sühne folgt bestimmt.
"Dogville". Regie: Lars von Trier. Mit
Nicole Kidman, Lauren Bacall, Ben Gazzara u. a., Dänemark/Schweden 2003,
177 Min.
taz Nr. 7189 vom 23.10.2003,
Seite 17, 360 TAZ-Bericht TOM HOLERT, Rezension * in taz-Ffm: S.15
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Posted: Do - Oktober 23, 2003 at 09:54 vorm.