In Widerspruch zum göttlichen Recht


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2003, Nr. 238, S. 48 - Feuilleton

Neue Quellen zeigen: Kardinal Pacelli lehnte 1938 jeden Kompromiß mit dem Nationalsozialismus ab / Von Thomas Brechenmacher

Nicht allein aus den Quellen der vatikanischen Archive läßt sich die Geschichte des Verhältnisses zwischen Heiligem Stuhl und Nationalsozialismus erforschen. Wenn auch in Rom zweifellos der Hauptüberlieferungsstrang zu suchen ist, der zum Teil - bis 1939 - jetzt freigegeben ist, zum anderen Teil der Freigabe aber noch harrt, dürfen weltweit verstreute Nebenüberlieferungen auch in kleinen und kleinsten Sammlungen nicht außer acht bleiben. Systematischer Zugriff fällt hier mitunter schwer, so daß es immer wieder Zufallsfunde sind, die dem Mosaik neue, größere wie kleinere Steine hinzufügen. Sicherlich um einen größeren, wenn freilich auch nicht um einen ganz großen Stein handelt es sich bei dem Memorandum Eugenio Pacellis vom April 1938, das der Jesuitenpater Charles R. Gallagher in der John F. Kennedy Library in Boston entdeckt hat. Die Aufzeichnung bestätigt, was auch aus den vatikanischen Akten mit zunehmender Deutlichkeit hervorgeht: der Kardinalstaatssekretär und spätere Papst Pius XII. war ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus.

Gallagher fand das Memorandum Pacellis im Nachlaß Joseph P. Kennedys. Zwischen 1938 und 1940 amerikanischer Botschafter in Großbritannien, war Kennedy im April 1938 mit Pacelli in Rom zusammengetroffen. Bei dieser Gelegenheit hatte ihm der Kardinalstaatssekretär die in englischer Sprache abgefaßte Aufzeichnung überreicht. Obgleich sie nur "persönliche, private Ansichten" vermittele, ermächtigte Pacelli den Botschafter ausdrücklich, sie "seinem Freund zu Hause", also dem Präsidenten, zu übergeben. Am 19. April 1938 sandte Kennedy das Memorandum an das Weiße Haus. Gallagher hat über seinen Fund im Septemberheft der Zeitschrift "America" berichtet; der Wortlaut des Memorandums ist im Internet zugänglich unter http://www.americamagazine.org/pacelli.cfm .

Pacellis Ausführungen stehen vor dem Hintergrund des "Anschlusses" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich und spiegeln die Empörung im Vatikan über die "Knochenerweichung" des österreichischen Episkopats, der am 18. März 1938 ein Hitler gegenüber nachgerade unterwürfiges Hirtenschreiben publiziert hatte. Aus anderen Quellen ist seit langem bekannt, daß der Wiener Erzbischof Innitzer unmittelbar nach Erscheinen der Loyalitätsadresse an die neuen Herren in Wien "ad audiendum verbum" nach Rom zitiert und von einem aufgebrachten Pius XI. gezwungen wurde, eine zusätzliche Erklärung abzugeben, die von den Nationalsozialisten forderte, sämtliche kirchenfeindlichen Maßnahmen sofort einzustellen und die Bestimmungen des österreichischen Konkordats von 1933 penibel zu beachten. Enthält das Pacelli-Memorandum sachlich wenig Neues über diese einzigartige Disziplinierung des hohen österreichischen Klerus durch Rom, so stellt es - dem Politiker Pacelli ganz angemessen - diese Episode doch in einen übergeordneten Zusammenhang und öffnet eine über den Augenblick hinausgehende strategische Perspektive.

Ausführlich antwortet der Kardinalstaatssekretär auf die besorgte Frage des Botschafters, ob sich hinter der Loyalitätsadresse der österreichischen Bischöfe eine Annäherung zwischen Heiligem Stuhl und Nationalsozialisten verberge. Davon könne keine Rede sein; weder vorher noch nachher habe die "unerwartete Erklärung" Bestätigung höchsten Ortes gefunden. "Der Heilige Stuhl wird keine Zustimmung welchen Bischofs auch immer zu Maßnahmen welcher Regierung auch immer jemals billigen, wenn diese Maßnahmen in Widerspruch zum göttlichen Recht sowie zur Freiheit und den Rechten der Kirche stehen." Dem österreichischen Episkopat wirft Pacelli schwerwiegende Versäumnisse, Pflichtverletzungen vor. Auch wenn die Erklärung vom 18. März möglicherweise auf starken politischen Druck hin entstanden sei, hätten die Bischöfe doch wenigstens versuchen sollen, die Verletzung fundamentaler Freiheitsrechte der Kirche, die Verfolgungen in Deutschland anzusprechen und die Nationalsozialisten aufzufordern, einen Kulturkampf in Österreich zu unterlassen sowie den Kulturkampf in Deutschland zu beenden.

Allerdings habe die Geschichte des zum Schutz der Kirche in Deutschland abgeschlossenen Reichskonkordats gezeigt, daß die nationalsozialistische Regierung, allen Vorwänden zum Trotz, keine einzige der dort vereinbarten Verpflichtungen eingehalten habe. Pacelli gibt an dieser Stelle eine völlig realistische, illusionslose Einschätzung des Nationalsozialismus als eines verbrecherischen Regimes, das andere als opportunistische Werthaltungen nicht kenne. Aus einem nicht ohne Bitterkeit formulierten Gefühl eigener Machtlosigkeit entwickelt er den Vorschlag, eine Gegenkoalition der Moralität zu bilden. Angesichts der "besorgniserregenden Wirren der Gegenwart" steige die Notwendigkeit, in enger Verbindung "mit den höchsten moralischen Mächten der Welt" zu bleiben, "die sich zu Zeiten machtlos und isoliert fühlen in ihrem täglichen Kampf gegen alle Arten politischer Exzesse aus den Reihen der Bolschewiken und der neuen, den jungen ,arischen' Generationen entwachsenden Heiden".

Den Vereinigten Staaten schreibt Pacelli die Schlüsselrolle in einer künftigen friedensichernden Politik zu, und er läßt keinen Zweifel daran, daß der Heilige Stuhl in dieser gegen die totalitären Ideologien gerichteten Friedenspolitik auf der Seite der Vereinigten Staaten zu stehen gedenke. Der Leiter der Politik des Heiligen Stuhls entwarf in dem Memorandum für Kennedy eine Art Außenpolitik in pectore. Inoffiziell zwar, aber eindeutig verständlich signalisierte er dem amerikanischen Präsidenten Bündnisbereitschaft. Im State Department wurde dieses Signal richtig empfangen. Pacelli, formulierte eine ebenfalls von Gallagher benutzte amerikanische Analyse der Situation in Europa im Jahr 1939, betrachte Hitler als einen "vertrauensunwürdigen Schurken" (untrustworthy scoundrel) von zutiefst "niederträchtigem Charakter" (a fundamentally wicked person). Nationalsozialismus war für den späteren Papst Pius XII. Neuheidentum, dessen Ziele zu unterstützen außerhalb jeder Möglichkeit lag. Die Erfahrungen mit dem Reichskonkordat konnten ihn in dieser Auffassung nur bestärken.

Der Begriff "Neuheidentum" fällt auch in einer anderen, bisher unbekannten Quelle, die sich dem von Gallagher publizierten Memorandum für Joseph Kennedy chronologisch zur Seite stellt und seinen Inhalt bestätigt. Das Zionistische Zentralarchiv in Jerusalem bewahrt den Bericht des Delegierten der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft in Palästina, Mosche Waldmann, auf, der im Mai 1938, nur wenige Wochen nach Botschafter Joseph Kennedy, Rom besuchte, um politische Gespräche zu führen (Central Zionist Archives, Jerusalem, S 25 3759, 26. 5. 1938; die Publikation dieser Quelle steht bevor). Zwar empfing Pacelli Waldmann nicht persönlich; wertvolle Informationen aus erster Hand erhielt der jüdische Politiker gleichwohl: vom römischen Oberrabbiner Prato.

Der Oberrabbiner hatte - wie Waldmann berichtet worden war - "in den letzten Monaten ein mehr als erträgliches Verhältnis" zum Kardinalstaatssekretär hergestellt. Bei einem persönlichen Treffen informierte Prato Waldmann über seine jüngsten Gespräche mit Pacelli. "Die Gegnerschaft des Vatikans", so Prato, "gegen das Neuheidentum des Nationalsozialismus ist fundamental. Durch diese Tatsache hat sich ein psychologisch eigentümlicher Zustand entwickelt, nämlich eine größere Aufgeschlossenheit in Beziehung auf jüdische Forderungen." Sowohl Pacelli als auch Papst Pius XI. persönlich seien bereit, sich für jüdische Belange einzusetzen; der Papst habe etwa deutlich gemacht, "daß er es ungerne sehe, wenn sich die polnische Kirche in ein antisemitisches Fahrwasser mit polnisch-faschistischen Elementen begebe". Die katholische Kirche müsse sich davor hüten, in für Juden wichtigen Angelegenheiten "Hilfe zu leisten, daß auf die Juden ein Gewissenszwang ausgeübt werde". Kardinalstaatssekretär Pacelli schließlich habe ihm, Prato, zugesichert, während des Eucharistischen Kongresses in Budapest auf die ungarischen Katholiken in dem Sinne einzuwirken, "daß das Judengesetz im Oberhause in Budapest Ablehnung oder zumindest wesentliche Änderungen erfahre". Wenn auch dahinstehe, inwieweit diese Bemühungen von Erfolg begleitet seien, sei doch die "Bereitwilligkeit Pacellis, das heißt der Kurie", charakteristisch, "in dieser Sache für die Juden einzutreten".

Dem Zionisten Waldmann erschien nach den Berichten Oberrabbiner Pratos die Aufgeschlossenheit des Heiligen Stuhls den Juden gegenüber so groß, daß er es für möglich hielt, der Kurie auch konkretere Zusagen über eine zustimmende vatikanische Haltung zum Projekt eines jüdischen Staates in Palästina zu entlocken. Diese Hoffnung verwirklichte sich nicht; immerhin jedoch konnte Waldmann die bemerkenswerte Nachricht nach Jerusalem übermitteln, daß der Heilige Stuhl nicht nur die eigene Klientel, nämlich die Katholiken, im Auge hatte, sondern auch für andere und besonders jüdische Opfer der vom Nationalsozialismus angezettelten Verfolgungen eintrat.

Beide Quellen, das Pacelli-Memorandum für Joseph Kennedy vom April und das Waldmann-Memorandum für die zionistischen Politiker in Palästina vom Mai 1938, werden das zukünftige Urteil der Geschichtswissenschaft über Kardinal Pacelli, über Papst Pius XII. beeinflussen. Sicher, sie werfen auch Fragen auf: Warum entschied sich Papst Pius XII. bei Kriegsbeginn 1939 offiziell für den Kurs der Unparteilichkeit, während er doch eineinhalb Jahre zuvor den amerikanischen Präsidenten inoffiziell zu einem Bündnis der moralischen Weltmächte aufgefordert hatte? Mußten die europäischen Juden wirklich erst entrechtet und verfolgt werden, ehe der Heilige Stuhl dazu überging, sich mit gesteigerter Aktivität für die "älteren Brüder" einzusetzen? Von solchen und anderen Fragen abgesehen: die beiden voneinander völlig unabhängigen Schriftstücke ergänzen sich in ihrer zentralen Botschaft und sichern diese Botschaft dadurch auch dem kritischen Blick des Historikers gegenüber hinreichend ab. Der Heilige Stuhl, sein maßgeblicher Politiker, der Papst des Zweiten Weltkrieges, stand dem Nationalsozialismus kompromißlos ablehnend gegenüber und trat für die verfolgten Juden ein. Das macht Pacelli noch längst nicht zum "Papst der Juden", wie ein italienischer Journalist jüngst euphorisch schrieb; allerdings dürfte es an der Zeit sein, sich vom Zerrbild des "Hitlerpapstes" und Antisemiten Pacelli endgültig zu verabschieden.

Der Verfasser, Historiker an der Universität der Bundeswehr München, forscht zur Zeit im Auftrag der Kommission für Zeitgeschichte, Bonn, und des Deutschen Historischen Instituts Rom in den Vatikanischen Archiven über den Pontifikat Pius' XI.
 
 
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Posted: Di - Oktober 14, 2003 at 10:43 vorm.      


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