»Über einen kürzlich erhobenen apokalyptischen
Ton«
http://www.weiseworte.de/
Ȇber
einen kürzlich erhobenen apokalyptischen Ton«
Ein Beitrag von Erich Hörl -
über die entfesselte Sprache der Krise
[Quelle: Süddeutsche Zeitung
vom 19. November 2002]
Einige Worte vorab:
Es geht bergab.
Deutschland am Abgrund
- echot es quer durchs ganze Land. Warum
Deutschland am Abgrund
steht, ist weithin bekannt - weil es
ständig wiederholt wird: Das Volk hat sich bei der Bundestagswahl
verkreuzt.
Hättet ihr uns
gewählt, dann wäre alles anders, und vor allem viel besser.
Nun. Erich Hörl, der nach Angaben der
Süddeutschen Zeitung als Philosoph und Kulturwissenschaftler in Berlin lebt
(nähere Angaben nicht feststellbar), hat sich mit der
Sprache des Untergangs
beschäftigt.
Als ich seinen Text las, dachte ich
immer nur: Endlich, endlich - sagt das mal
jemand laut. Ein Highlight - auf das ich hier an
dieser Stelle unbedingt hinweisen will.
Auszüge aus dem
Hörl-Text:
»Deutschland,
ein verwüstetes Land. Ein verantwortungsloses Reden hat eingesetzt, es
treibt die Krise in die Köpfe hinein und zeigt dabei Züge
demokratischer Verwahrlosung. Jene, die mit dem kalkulierten Zungenschlag eines
Krisendiskurses alles auf die Wende mit normalen demokratischen Mitteln setzten,
haben sich nach der Enttäuschung durch das Votum des Souveräns der
rhetorischen Hemmungslosigkeit ergeben. Nun wird mittels ungezügelten
Krisengeredes der Souverän einer größeren Gehirnwäsche
unterzogen. Unter Öffnung aller zur Verfügung stehenden Kanäle
soll ihm beigebracht werden, wie sehr er irrte.
Der wirklich vorhandene,
rechtmäßige Wille des Volkes, so will es die rhetorische
Mobilmachung, soll gegen die durch die Wahl erzeugte normative Fiktion eines
Willens angehen. Weil auf dem Boden der Legalität die Mühlen zu
langsam mahlen, geht man dazu über, der Regierung die Legitimität
abzugraben. Wo, wie üblich in diesem Legalitätssystem namens
Bundesrepublik, unter normalen Umständen ihre Abdankung nicht vor Ablauf
von vier Jahren herbeigeführt werden kann, soll sie von einer Rhetorik des
Ausnahmezustands am besten noch in den ersten hundert Tagen aus dem Amt gejagt
werden.
(...)
Der Verlierer hat noch am Wahlabend
erklärt, er sei jederzeit bereit, das Amt zu übernehmen. Wer damals
glaubte, dies sei eine Floskel, mit der einer in der Stunde der Niederlage
seinen Rückzug als Vormarsch tarnt, kann heute darin den Offenbarungseid
eines Geistes erkennen, der die Legitimität vor die Legalität stellt
und auf die Stärke des wirklichen Volkswillens gegen die Schwäche
einer normativen Entscheidungsfindung setzt.
(...)
Der Schlag gegen die Legitimität
trifft am Ende die Legalität.
Wer
sich diesem wilden Sprechen verweigert, gilt als einer, der kleinredet, was
nicht groß genug gesprochen werden kann. Er übt Verrat am
Überlebensinstinkt einer untergehenden Nation, weil er nicht mit anfasst
bei der krisenhaften Bündelung dessen, was sich noch im Zustand der
gleichgültigen parlamentarischen Zerstreuung befindet. Aber längst hat
die Klugheit, die die polemische Schlagkraft zügelt, weil sie mehr kennt
als die angebliche politische Hauptunterscheidung von Freund und Feind, der
Lautstärke das Feld geräumt. Eine Krisenrhetorik überzieht das
Land und lähmt die Geister. Die Sprache des Politischen hat zugunsten einer
Kriminalsprache abgedankt. Weil es in der Krise ums Ganze geht, dessen
Niedergang einem klaren Schuldigen angelastet werden soll, spricht man von
Wortbruch, ja von Betrug und vom Verbrechen am eigenen Volk. Der
Verantwortungsdiskurs ist der tribunalen Anklage gewichen.
Selbst das Feuilleton des
Qualitätsjournalismus, einstmals die Heimat des
Unterscheidungsvermögens und Zuflucht für alle, die der flammenden
Rede das gedrechselte Wort vorziehen, scheint von der Sprache der Krise erfasst
zu werden und jede Contenance zu verlieren. Ein politischer Kampfdiskurs in
jener scharfmachenden Tonlage, wie sie einst im Kalten Krieg als
psychoakustischer Nachhall der realen Weltenteilung zu hören war, ist
zurückgekehrt.
(...)
Wie, fragt sich einer nach der
Lektüre so manches Aufmachers, so mancher Glosse, wie kann man eigentlich
noch leben in so schwerer Stunde? Selbst einem Harald Schmidt wird nunmehr das
Recht auf satirische Einsicht in die bundesrepublikanische Befindlichkeit
abgesprochen, obwohl der Mann offensichtlich mehr kritischen Geist hat als alle
übrigen Köpfe der magischen Kanäle zusammen.
(...)«
Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 08:24 nachm.