Entsinnlichung des Wissens
taz -
16.8.2003
Wenn
"Humankapital", also menschliche Fähigkeiten und nicht formalisierbares
Wissen, wichtiger wird als Sachkapital, im spätkapitalistischen System aber
auch Humankapital nur in privatisierter Form verwertet werden kann, ergeben sich
Widersprüche zwischen materieller Form und immateriellen Wissensinhalten.
Der Sozialphilosoph André Gorz geht diesen Widersprüchen in seinen
jüngsten Untersuchungen nach
Interview THOMAS
SCHAFFROTH
"Was für ein Unterschied zu den wendigen Pariser
Modephilosophen, die auch schon mal vor den Trümmern Sarajevos posieren!
Gorz hat kleinere Auflagen, nachhaltigeren Einfluss - und keine Illusionen",
charakterisiert SPD-Politiker und Medienwissenschaftler Peter Glotz André
Gorz.
1923 in Wien als Sohn eines
jüdischen Holzhändlers geboren, verbrachte Gorz die Kriegsjahre in der
Schweiz und ließ sich nach Kriegsende in Paris nieder, wo er mit Sartre an
dessen Zeitschrift Les Temps modernes
und später als Redakteur bei den
Zeitschriften LExpress
und Le
Nouvel Observateur arbeitete. Der undogmatische
Marxist Gorz trug zur Verbreitung der Theorien von Herbert Marcuse und Ivan
Illich bei. Seine eigenen Schriften wie "Abschied vom Proletariat"
(dt. 1980) und "Wege ins Paradies - Thesen zur Krise, Automation und
Zukunft der Arbeit" (dt. 1984) sollten für ökologische Linke
Kultbücher werden. Gorz, der heute mit seiner Frau im Burgund lebt, setzt
sich in seinen Studien mit der Verwandlung der Arbeit in Ware auseinander
("Arbeit zwischen Misere und Utopie", dt. 2000) und kritisiert die herrschende
Klassengesellschaft, die alle Materie in Ware umzuformen trachtet
("LImmatériel. Connaissance, valeur et capital", Editions Galilée,
Paris 2003).
taz.mag: In Ihrem
neu erschienen Buch "LImmatériel" stellen Sie die Frage, ob es eine
kapitalistische Wissensgesellschaft überhaupt geben kann. Sie sind aber der
Meinung, dass Wissensökonomie und Kapitalismus nicht vereinbar sind. Warum?
André Gorz:
Weil in der so genannten Wissensökonomie
die Maßstäbe der herkömmlichen Ökonomie nicht länger
gelten. Die wichtigste Produktivkraft, Wissen, ist nicht mehr quantifizierbar,
die auf Wissen gegründete Arbeitsleistung ist nicht mehr in Arbeitsstunden
messbar. Und die Umwandlung von Wissen in Kapital - in Geldkapital -
stößt trotz aller Kunststücke auf unlösbare
Schwierigkeiten. Kurz: Die drei fundamentalen Kategorien der politischen
Ökonomie, Arbeit, Wert und Kapital, können nicht mehr rechnerisch
erfasst werden. Das macht auch Begriffe wie Mehrwert, Mehrarbeit, Tauschwert,
Bruttosozialprodukt immer schwerer anwendbar. Die Makroökonomen tasten im
Dunkeln, wenn sie versuchen, die wirtschaftliche Leistung und Entwicklung mit
herkömmlichen Kategorien zu messen. Die Wissensökonomie ist im Grunde
eine tiefgreifende Krise des Kapitalismus und weist auf eine andere, neu zu
gründende Ökonomie hin. Das begründet auch die weltweite
Diskussion über die Frage, was Reichtum eigentlich ist, welchen Kriterien
er entsprechen soll.
Jeremy
Rifkin hat in seinem Buch "Access" gezeigt, dass immaterielles Wissenskapital
bei der Wertschöpfung eine überwiegende Rolle spielt und den
wichtigsten Teil des Firmenkapitals darstellt. Firmen lagern ihr Sachkapital aus
und verkaufen nur noch Wissen und Dienstleistungen.
Dem ist so. Als "Wissen" bezeichnet
man aber sehr unterschiedliche Sachen. Es gibt keinen einheitlichen
Maßstab. Da haben wir die künstlerischen Fertigkeiten, die Fantasie
und die Kreativität, die in der Werbung, dem Marketing, dem Design, der
Innovation beansprucht werden, um den Waren, auch den ordinärsten, einen
künstlerischen, symbolischen, unvergleichbaren Wert zu verleihen. Werbung
und Marketing sind wahrscheinlich die größte Wissensindustrie. Indem
sie die Waren mit einzigartigen, unvergleichbaren Qualitäten versehen,
können die Firmen ihre Ware eine Zeit lang zu überhöhten Preisen
verkaufen. Sie verfügen über eine Art von Monopol, verschaffen sich
eine Monopolrente und umgehen momentan das Wertgesetz.
Wie ist bei diesem Prozess das
Verhältnis von Wissen und Kenntnissen?
Wissen im Sinne von technischen und
wissenschaftlichen Verfahren und Kenntnissen mag eine ähnliche Rolle
spielen, doch hat seine Wirkungsbreite und sein Gebrauchswert eine viel
direktere Wichtigkeit. Im Unterschied zu künstlerischen und innovativen
Fertigkeiten können Kenntnisse und Verfahren von ihren BenützerInnen
getrennt weitergegeben, formalisiert, digital umgeschrieben und in Computern
ohne menschliches Zutun produktiv eingesetzt werden. Unter diesem Gesichtspunkt
ist Wissen fixes Kapital, Produktionsmittel. Aber es weist gegenüber
früheren Produktionsmitteln einen entscheidenden Unterschied auf: Man kann
es praktisch kostenlos in grenzenlosen Mengen verfielfältigen. Wie
aufwändig seine ursprüngliche Erarbeitung auch sein mag, tendiert
digitalisierbares Wissen dazu, kostenlos zugänglich und verwendbar zu
werden. Denn wenn es millionen- oder milliardenfach vervielfältigt und
genützt wird, schlagen seine ursprünglichen Kosten kaum noch zu Buch.
Das gilt für alle Softwareprogramme wie auch für den Wissensinhalt von
Medikamenten.
Wenn es als fixes Kapital
funktionieren und zur Mehrwertabschöpfung dienen soll, so muss Wissen
folglich ein patentiertes Monopoleigentum sein, welches seinem Inhaber eine
Monopolrente einbringt. Von der Höhe der Rente, die man erwarten kann,
hängt der Kurs ab, den das Wissenskapital an der Börse erreicht. Auf
dieser Grundlage lassen sich gigantische Finanzblasen aufblähen, die eines
Tages jedoch jäh zerbersten. Der seit Mitte der Neunzigerjahre
voraussehbare Börsenkrach beweist, wie schwierig es ist, Wissen in
Geldkapital umzuwandeln und als Wissenskapital funktionieren zu lassen.
Sie weisen nun wiederholt darauf
hin, dass die Wissensökonomie auf die Notwendigkeit einer "anderen
Ökonomie" und einer anderen Gesellschaft hinweist, deren Möglichkeiten
sich auch praktisch abzeichnen.
Ja,
das Wissen ist keine ordinäre Ware. Es eignet sich nicht dazu, als
Privateigentum behandelt zu werden. Seine Inhaber verlieren es nicht, wenn sie
es weitergeben; je weiter es verbreitet ist, umso reicher ist die Gesellschaft.
Es verlangt, als Gemeingut behandelt und von vorne herein als Resultat
gesamtgesellschaftlicher Arbeit betrachtet zu werden. Denn seine Privatisierung
beschränkt seinen gesellschaftlichen Nutzwert. Das ist in den letzten zehn
oder zwanzig Jahren so offensichtlich geworden, dass sich weltweit eine
antikapitalistische Front im Kampf gegen die Wissensindustrie gebildet hat;
gegen die Chemie- und Pharma-Industrie, aber auch gegen die Software-Industrie,
namentlich Microsoft.
Der
Wissenskapitalismus eignet sich ja nicht allein das von ihm geschröpfte
Wissen an. Er privatisiert auch ausgesprochene Gemeingüter wie das Genom
von Pflanzen, Tieren und Menschen und greift kostenlos auf kulturelles Gemeingut
zu, um es als kulturelles Kapital, als "Humankapital", zu verwerten. Darunter
verstehen sich hauptsächlich die menschlichen Fähigkeiten und nicht
formalisierbare Formen von Wissen, welche die Individuen im täglichen
Verkehr mit ihren Mitmenschen entwickeln. Instrumentalisiert und ausgebeutet
wird also im "capitalisme cognitif" - wie ihn Theoretiker in Frankreich, die
Toni Negri nahe stehen, nennen - nicht nur die geleistete Arbeitszeit, sondern
auch die in der Nichtarbeitszeit vollzogene unsichtbare Selbstentfaltungs- und
Bildungszeit. Letztere wird eine der wichtigsten Quellen von Produktivität
und Wertschöpfung. Eine wirkliche Wissensgesellschaft würde erfordern,
dass die Wirtschaft in den Dienst von Bildung und Selbstentfaltung gestellt
wird, und nicht umgekehrt, wie heute. Diese Einsicht finden wir schon bei Marx,
der schrieb, eigentlicher Reichtum sei "die Entwicklung aller menschlichen
Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorgegebenen Maßstab".
Die Forderung nach garantiertem Existenzgeld hat hier eine Grundlage.
Wie gestaltet sich die "andere
Ökonomie", jenseits vom Kapitalismus?
Beispielsweise in den Free Nets und
in der Kultur der freien Software mit offenem Quellcode für
Internet-Benutzer. Die meisten Unternehmen arbeiten bereits in Netzwerken. Sie
stimmen ihre Entscheidungen auf- und miteinander ab. Selbstorganisierung und
Selbstkoordinierung und freier Austausch sind heute Grundlagen der
gesellschaftlichen Produktion. Letztere können folglich ohne zentrale
Planung und ohne Vermittlung des Marktes erfolgen. Die vernetzten Produzenten
würden sich von vorneherein gezielt auf die den Bedürfnissen
entsprechenden Produktionen verständigen und diese "von vorneherein als
gemeinsame Tätigkeiten" unternehmen, indem sie Güter und
Dienstleistungen tauschen, ohne ihnen vorerst den Warencharakter zu geben. Das
Geld würde so überflüssig gemacht und dem Kapital die Grundlage
entzogen, eine Theorie, die vor allem Wolf Göring in seinen Studien
über Informations- und Kommunikationstechnik entwickelt hat.
Eine Wissensgesellschaft in
dieser von Ihnen umrissenen Form wäre eine kommunistische Gesellschaft.
Genau.
Den Vorreitern der
künstlichen Intelligenz und des künstlichen Lebens werfen Sie vor,
eine posthumane Zivilisation vorzubereiten.
Das ist mir ganz wichtig. Der
Berliner Philosoph Erich Hörl zeigt beispielsweise in seiner meisterhaften
Dissertation auf, wie die Wissenschaft sich im Laufe der letzten 150 Jahren mehr
und mehr von der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit losgelöst und durch
mathematisierendes Denken nur mehr mathematisch erfassbare Strukturen des Realen
aufgedeckt hat. Die beispielsweise in Computern schaltbare mathematische
Kalkülsprache hat der Wissenschaft, aber auch dem Kapitalismus, dazu
verholfen, sich gegenüber Sinnfragen und gesellschaftlichen
Zusammenhängen zu verselbstständigen und nicht Kalkulierbares als
nicht real auszuklammern. Die mathematische Entsinnlichung der Denkprozesse hat
allmählich zu einer Lebensumwelt und Lebensweise geführt, der die
Menschen körperlich und geistig nicht mehr gewachsen sind. Daraus
schließen die waltenden Mächte, dass man leistungsfähigere
Menschen schaffen muss. Militärischer und ökonomischer Leistungs- und
Machtwahn fordern künstliche Intelligenz und künstliche
Menschmaschinen. Von einer Wissensgesellschaft wird erst die Rede sein
können, wenn sich Wissenschaft und Ökonomie nach
gesellschaftspolitischen, ökologischen und kulturellen Zielen richten und
nicht nach dem Imperativ der Kapitalverwertung. Dafür gibt es eine noch
kleine, aber steigende Anzahl von Befürwortern in den Wissenschaften
selbst.
THOMAS SCHAFFROTH,
Jahrgang 1952, ist Historiker und Journalist. Er lebt in Marseille
taz Magazin Nr. 7132 vom 16.8.2003,
Seite IV, 289 TAZ-Bericht THOMAS SCHAFFROTH
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Posted: Mi - Oktober 22, 2003 at 08:25 nachm.