Rote Revolution


Gernot Langes-Swarovski will in China Spitzenwein keltern

Von Lukas Lessing (Text) und Natalie Behring (Fotos)

Der grösste Luxus in einem Land wie China, in dem überall gedrängelt, gewartet und gestaut wird, ist Platz. Den kann der Managing Director der Bodega Langes, Ren Jing, 49, seinen Gästen im Überfluss anbieten: Schon die bäumchengesäumte Auffahrt ist einen knappen Kilometer lang, Flure und Treppen des Besucherzentrums haben die Ausmasse eines grösseren Opernhauses, fussballfeldgrosse Rasenflächen mit künstlichen Bächen darin sorgen für Erbauung zwischen den Verkostungen, Mahlzeiten und dem Übernachten im hauseigenen Hotel. Selbst die 1200 Barriques können nicht über Enge klagen: In grosszügig voneinander abgesetzten Reihen lagern sie unter der Erde, auf mehreren Etagen in tief in den Fels gesprengten Kellern. Über ihnen tönt aus japanischen Qualitätslautsprechern Mozarts «Kleine Nachtmusik».

Für die Besucher? Kellermeister Cui verneint lächelnd, genauso wie der Managing Director. «Das ist für den Wein. Das entspannt ihn.» Kühe gäben auch mehr Milch unter akustischer Berieselung. «Warum soll das für Wein nicht gelten? Der ist auch ein Lebewesen!» Nur nachts herrscht Ruhe über den Reifekellern der Bodega Langes in der chinesischen Provinz Hebei. «Dann muss der Wein schlafen», sagt Kellermeister Cui mit fürsorglichem Unterton.

In China haben Arbeiter erst nach fünf Jahren einen Ferienanspruch

Wir verkosten den Cabernet Sauvignon, Jahrgang 2003, sortenrein, aus dem Fass, der künftige Spitzenwein des Guts, 110 Dollar die Flasche, ab Hof. Ein mächtiger, breiter, fast gewaltiger Wein. Erdtöne, Nüsse, Salz, Gerbstoffe. Geboren unter den «Drei S» des Weinbaus, wie Ren Jing sagt: Sun, Sand, Sea - Sonne, Sand, Meer. Dazu noch unter den starken Witterungsschwankungen des fast subtropischen chinesischen Küstenlands: brandheisse Tage, kühle Nächte. Taifunnasse Sommer, trockene Herbste, schneereiche Winter. Dann wird jeder Stock von Hand mit Erde überhäuft, um ihn vor den eisigen Winden zu schützen. Der Wein ist noch brutal jung, er beisst Gaumen und Zunge. Er wird 18 Monate in den Barriques liegen und erst nächsten Sommer auf die Flasche gefüllt.

Die musikalische Reifeunterstützung ist eine Idee des Gutsbesitzers Gernot Langes-Swarovski. Der 61-jährige österreichische Seniorchef hat die Geschicke seiner überaus erfolgreichen, in Tirol ansässigen Kristallproduktion unter dem Namen Swarovski an die nächste Generation übergeben und kümmert sich um seine Weingüter (etwa die Bodega Norton in Argentinien), seine Biofarmen, Jachten und Flugzeuge. Die Bodega Langes, 270 Kilometer von Peking und nur zwölf Kilometer vom Gelben Meer entfernt, ist allerdings seine ehrgeizigste Unternehmung: 200 Hektar Rebfläche, ausschliesslich biologisch bewirtschaftet, 29,7 Millionen Dollar Anfangsinvestition, ein klares Statement: «Wir wollen die besten Weine Chinas produzieren.»

Also gilt auf der Bodega Langes eine simple Regel: «Von allem das Beste», oder zumindest das Teuerste. «Qualität, Qualität, hat mir Herr Langes immer gesagt», sagt Ren Jing, «das musste ich allen eintrichtern, was sehr schwierig war. Qualität war bis jetzt im Weinbau nicht üblich. Wir mussten komplett umdenken.» Für den studierten Germanisten nichts Neues: Früher hatte er für die chinesische Staatsspitze gedolmetscht, bei VW in Hannover gearbeitet, in China zuerst Schweizer Heizkörper, dann Swarovski-Kristall verkauft. Jetzt eben Wein. Seit sechs Jahren, mit Volldampf, ohne einen Urlaubstag. «Wenn ich weg bin, kann ich nicht sicher sein, ob alle alles richtig machen», sagt Ren Jing. Ausserdem haben Arbeiter in China ohnehin erst nach fünf Jahren Ferienanspruch. Kann man Wein genauso lernen wie Heizkörper? - «Ich habe Bücher gelesen», sagt er, «ich bin viel gereist, habe viel gekostet. Wein fasziniert mich.» Man kann.

Für den letzten Schliff kommt einmal pro Jahr der Winzer Markowitsch

China hat zwar eine jahrtausendealte Weinbautradition (siehe Kasten), doch mit europäischen Weinstandards hat das nicht viel zu tun. Kein Problem: In chinesischen Augen lässt sich Fremdes lernen: Die beiden Architektinnen, die die Anlage planten, hatten vorher noch nie ein Weingut gesehen, geschweige denn gebaut - also schickte sie der Chef für ein paar Wochen durch die Toscana, um sich mal welche anzusehen. Kellermeister Cui und Chefönologe Guo kannten bis vor vier Jahren nur minderwertige Massenproduktion - also mussten sie sich bei einem der besten österreichischen Winzer, Gerhard Markowitsch aus Carnuntum, einem Crashkurs unterziehen.

Der kehrte ihre Tätigkeit um 180 Grad, önologisch gesehen: Qualität statt Masse (400 000 Flaschen werden dieses Jahr abgefüllt - der Nachbar, die Great Wall Vinery, verkorkt 40 Millionen Flaschen). Traubenreduktion (auf 4500 bis 5500 Kilo pro Hektar) statt Fülle. Eigensüsse statt Zuckern. Temperaturgesteuerte Gärung statt Zufall. Schwerkraftbeförderung in die Fermentierungstanks statt durch Schläuche gequälte Maische. Barriques statt Plastikbehälter. Lagerfähigkeit statt schnelle Reife. Und einmal jährlich fliegt Markowitsch in China ein, um der Jahresproduktion im Keller den letzten Schliff zu geben. Gernot Langes liess für fünf Millionen Dollar die beste französische und italienische Kellertechnik heranschaffen, die modernsten Edelstahltanks samt Tankaufzügen, die den Wein schonend wie gemächlich von Etage zu Etage transportieren.

Kontrolle ist das chinesische Zauberwort - ohne sie geht nichts

Vieles hört sich so einfach an, wenn man in China ist. Dabei ist es das gar nicht: Privater Besitz landwirtschaftlicher Fläche ist verboten, wir sind schliesslich noch immer im Kommunismus. Also pachtete Langes das Land von Hunderten Bauern, die es wiederum vom Staat gepachtet haben. Andere Weingüter importieren den Wein aus Chile oder kaufen von den chinesischen Bauern bloss die Trauben. Das hat Nachteile: Die produzieren auf Teufel komm raus, denn sie verdienen nach Gewicht. Die schlechten Trauben legen sie nach unten und wässern noch kurz vor der Lese heftig, um das Erntegewicht zu erhöhen. Die Gutsverwalter wissen, dass sie betrogen werden, also betrügen sie auch: Sie lassen die Bauern mit ihrer Ware zwei Tage vor den Toren warten, damit die Trauben wieder leichter werden. Doch besser werden sie davon nicht. «Bei uns ist das anders», sagt Ren Jing, «wir zahlen den Bauern nur für ihr Land und ihre Arbeit. Dafür haben wir die volle Kontrolle.»

Kontrolle ist das chinesische Zauberwort - ohne sie geht nichts. Die Lese hat gerade begonnen, Ende September, beim Merlot. Drei Flaggen knattern im Wind: Die chinesische, die österreichische und die mit dem Wappen der Bodega. Chinesische Bauersfrauen hocken in einer Mischung aus Küstennebel und einer Staubwolke aus unzähligen Öfen, Kleinbetrieben und Baustellen vor den hoch erzogenen Stöcken und schneiden Trauben. Die schlechten Beeren sortieren sie aus, die guten kippen sie aus kleinen Eimern auf Bretter. Dort stehen ihre Männer und sortieren die Ernte nochmals.

Jede Brigade besteht aus 20 Leuten, die von einem Vorarbeiter kontrolliert werden. Die gehen schweigend auf und ab und notieren unablässig chinesische Schriftzeichen auf kleine Blöcke. Am Rande des Weingartens liegen die Fahrräder der Bauern. Die Aufseher, die die Vorarbeiter beaufsichtigen, sind mit Mopeds da. Deren Chef sitzt rauchend im Geländewagen.

Gearbeitet wird in drei Schichten, sieben Tage die Woche

«Wir arbeiten im Prinzip wie eine kleine Armee», sagt Ren Jing, «mit Hierarchie und Disziplin. Nur so klappt es.» Die Wein-Armee hat 400 Soldaten, von denen jeder 1.50 Dollar pro Achtstundentag verdient. Gearbeitet wird in drei Schichten, sieben Tage die Woche: tagsüber im Weingarten, nachts im Keller. Die Trauben dürfen zwischen Lese und Verarbeitung höchstens zehn Stunden lagern, denn Qualität hat Priorität. Die Aufseher übernachten während der Lese in kleinen Strohhütten zwischen den Weinstöcken, damit keine Trauben gestohlen werden.

In China gibt es keine Gewerkschaften, die kritteln könnten. Zufrieden sind die Bauern ohnehin, weil sie mehr verdienen als bei der Konkurrenz. Wein haben fast alle in ihrem ganzen Leben noch nicht getrunken. Die billigste Flasche von der Bodega würde sie einen vollen Monatslohn kosten, da bleiben sie lieber bei ihrem Reisschnaps.

Abends dinieren wir im hauseigenen Restaurant. In einem der zahlreichen Privat-Speiseräume mit damastbespannten Wänden und Kristallleuchtern. Nebenan speist ein gutes Dutzend Angestellte einer Pekinger Erdölfirma auf Wochenendtrip: Am Morgen hatten sie eine Kellerführung absolviert, am Vormittag halfen sie bei der Lese, am Nachmittag pressten sie kichernd und in Gummistiefeln im Eichenbottich Weintrauben aus, und nach dem Galadiner werden die Damen in ihre Verjüngungsbäder aus Traubenkernöl steigen, um nachts fit für die Karaoke-Bar zu sein - das volle Programm zum günstigen Packagepreis.

Vor der Abreise werden sie noch Wein kaufen, oder die Firma kauft für sie. Manche Firmen bestellen gleich ein paar Tausend Flaschen, als Geschenke. Firmen und Privatleute können in der Bodega Kellerabteile mieten und den gekauften Wein gleich dort lagern, ab 300 Flaschen, denn niemand verfügt zu Hause über einen Weinkeller. Kommt der Durst, liefert das Gut die entsprechenden Flaschen in die Stadt. Langes-Wein ist nur ab Hof zu kaufen, oder per Telefonorder. Nicht in Supermärkten, Geschäften und so gut wie nicht in der Gastronomie. «Wir wollen Qualität», spult Ren Jing seinen Stan- dardsatz ab, «und fast nur wir verfügen über die richtigen Lagermöglichkeiten.»

Es gibt Fisch, tausendjährige Eier, Rindermagen und Schweinefüsse

Nebenan steht ein Bösendorfer-Flügel, der eigens aus Wien eingeflogen wurde, weil der damalige chinesische Präsident Jiang Zemin das erste Gläschen der Bodega Langes selbst verkosten wollte - vor Ort. Und dazu ein Liedchen am Klavier vortragen. Fotos des Ereignisses hängen an den Wänden. Solche Beziehungen können nicht schaden. Zwei Räume weiter speist der Bürgermeister der nahen Stadt Changli in einer grossen Runde Besucher. Auch er ist ein guter Freund des Hauses - Langes-Swarovski schenkte der Stadt ein grosszügiges Ausbildungszentrum für Jugendliche samt riesigem Versammlungshaus.

Es gibt Fisch, tausendjährige Eier, Ente, Huhn in würziger Sauce, Rindermagen und Schweinefüsse. Obst und Gemüse stammen aus hauseigenem biologischem Anbau. Neben jedem Tisch stehen zwei Kellner. Wir trinken zuerst den Rosé, Jahrgang 2002, eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Nett, frisch, aber unerheblich. Dann die rote Cuvée aus denselben Sorten, derselbe Jahrgang, aus Spiegelau-Gläsern, sorgfältig in der Kristallkaraffe dekantiert, bei 18 Grad. Schön, aber früh gealtert. «Unser Kellermeister lernt noch, da ist ihm ein Fehler passiert», entschuldigt sich Ren Jing. Zur Krönung wird der reinsortige Cabernet Sauvignon 2001 kredenzt. Hier geht uns der Knopf auf: Okay, der Wein ist noch zu jung, er trampelt noch ein bisschen auf dem Gaumen rum. Aber er hat Tiefe, Eleganz. Dunkelrot ist er, fast braun, wie die sandige Erde draussen. Aromen von Beeren, Nüssen, Holz. Etwas Raues ist da drin wie Pech. Neue, wilde Welt. Dickflüssig zeichnet er schmale Fenster auf die Glasinnenseiten. «Wir sind zufrieden», sagt Ren Jing. Und lächelt.



Schlange und Stutenzitze

Erste Dokumente über chinesischen Wein stammen aus der Tang-Dynastie im 7. Jh. und betreffen die aus Russland eingeführten Sorten Schlange, Stutenzitze und Drachenperle. Marco Polo berichtet von ausgezeichneten Weinen in der Region Taiyuan. Doch im 14. Jh. fand der chinesische Weinbau ein abruptes Ende: Auf kaiserlichen Befehl rodeten Bauern alle Weinberge, um Getreide anzubauen. Erst 500 Jahre später kam der Wein zurück: Im April 1892 gründete der Kaufmann Chang Bishi die Channgyu Pioneer Wine Company. Nach der Kulturrevolution nahmen die Kommunisten Wein in die Fünfjahrespläne auf, Ende der Siebzigerjahre öffneten sie den Markt für Joint Ventures mit französischen Unternehmen: Rémy Martin beteiligte sich an der Kellerei Dynasty in Tianjin, Pernod Ricard entwickelte mit einem chinesischen Partner in der Beijing Friendship Winery die Marke Dragon Seal.

In China gilt: «Wer Wein kauft, trinkt ihn nicht» - und umgekehrt

Alkohol ist für die meisten Chinesen gleichbedeutend mit Bier oder Reisschnaps. Wein macht in diesem Markt nur ein Prozent aus. Der jährliche Pro-Kopf-Konsum von Wein liegt bei etwas weniger als einem halben Liter (im Gegensatz zum Weltdurchschnitt von 7,5 und dem westeuropäischen Schnitt von 24 Litern - kaum auszudenken, was passierte, wenn sich die 1,3 Milliarden Chinesen diesem Limit annäherten. Noch gilt in China ein alter Spruch: «Wer Wein kauft, trinkt ihn nicht. Wer Wein trinkt, kauft ihn nicht.» Wein ist ein beliebter Geschenkartikel für wichtige Festivitäten.

Doch der Weinkonsum steigt sprunghaft - bis 2006 sind jährliche Zuwachsraten von 16 Prozent prophezeit. Der Weinimport legt jährlich zweistellig zu (2003: 50 Prozent), die einheimische Weinerzeugung boomt: 2001 produzierte China 300 000 Tonnen Wein - 20 Prozent mehr als im Vorjahr (China Alcoholic Drinks Industry Association). Für 2005 werden 500 000 Tonnen erwartet. Momentan liegen 260 000 Hektare unter Rebstöcken.

Importierter Wein ist wegen Zoll- und Handelsbeschränkungen normalerweise viel teurer als inländischer (mehr als 10 Dollar gegenüber 1bis 5 Dollar für chinesische Kreszenzen). Die Chinesen geben Rotwein klar den Vorzug gegenüber Weisswein (70:30 Prozent). Im chinesischen Anbautrend liegen beim Rotwein die Sorten Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon, Gamay, Merlot, Carignan und Malbec, bei Weissweinen dominieren Chardonnay, Riesling, Gewürztraminer und Müller-Thurgau. Die klassischen chinesischen Rebsorten mit klingenden Namen wie Drachenauge (Longyan) oder Schwarzes Hühnerherz (Heljixiu) geraten immer mehr ins Hintertreffen. Sie werden meist nicht mehr zur Weinerzeugung, sondern als Tafeltrauben oder für die Rosinenproduktion verwendet.



Barriques Made in China

Als Gernot Langes-Swarovski, der österreichische Doyen der Kristallbranche, erfuhr, dass auch in China Eichen wachsen, gründete er ein paar Kilometer von seiner Winery entfernt eine eigene Barrique-Produktionsstätte. In deren weiter Fabrikhalle bauen zwanzig Chinesen täglich ein Dutzend Eichenfässer. An deutschen Maschinen hobeln sie mandschurische, drei Jahre lang luftgetrocknete Eichenplanken und toasten die Innenseiten der Fässer über hell lodernden, mit Eichenholz beheizten Essen in drei verschiedenen Dunkelheitsgraden ganz so, als hätten sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht.

Alles eine Frage des Trainings - und der Aufsicht: «Die Arbeit ist schwer und muss sorgfältig getan werden», erklärt Winery-Chef Ren Jing sachlich, «deshalb lassen wir die Arbeiter die ganze Woche in der Fabrik schlafen.» Anderenfalls gingen sie abends ins Dorf, tränken viel und schliefen kurz - die Qualität würde darunter leiden.

Ein Fass kostet 400 Dollar, nicht mal die Hälfte einer Barrique aus französischer Eiche. Bald wird die Fabrik in drei Schichten arbeiten, rund um die Uhr, und 10 000 Fässer pro Jahr herstellen. Da werden sicherlich nicht nur chinesische Abnehmer Schlange stehen. Dann wird mit den chinesischen Barriques gehandelt und Geld verdient.


Quelle: Sonntagszeitung

Posted: Do - Mai 26, 2005 at 09:15 vorm.          


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