Aufhebung des Embargos
Menschenrechtler geißeln Schröders
China-Politik
Dissidenten und Menschenrechtler haben die
China-Politik von Kanzler Gerhard Schröder heftig kritisiert. Dessen
Forderung nach einer Aufhebung des EU-Waffenembargos sei "moralisch falsch und
intellektuell absurd".
Peking - Die Haltung Schröders sei
"eine Ermutigung der Militärs und ein Anschlag auf alle diejenigen, die
sich für Menschenrechte und Frieden in China einsetzen", sagte der für
den Friedensnobelpreis 2005 nominierte Menschenrechtler Wei Jingsheng der
Nachrichtenagentur ddp.
Wu'er Kaixi,
einer der prominentesten Führer der blutig niedergeschlagenen Proteste auf
dem Platz des Himmlischen Frieden (Tiananmen) im Jahr 1989, kritisierte
Schröders Eintreten für eine Aufhebung des Embargos als "moralisch
falsch und intellektuell absurd". Auch Sharon Hom von der
Menschenrechtsorganisation "Human Rights in China" warnte den Kanzler vor einem
"falschen, einem schrecklichen Signal an
Peking".
Schröder begründet
seinen Vorstoß vor allem mit dem Hinweis, dass sich in China seit 1989
einiges geändert habe. Davon wollen die Menschenrechtler nichts wissen. Die
Menschenrechtslage in China habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert:
"Die Meinungs- und die Medienfreiheit sind weiter eingeschränkt worden. Die
Zensur nimmt zu. Selbst Reporter offizieller Staatsmedien sind für
unliebsame Artikel verhaftet worden." In Chinas Gefängnissen würden
weiterhin Hunderte politischer Gefangener dahin vegetieren, die wegen der
Teilnahme an den Protesten von 1989 verurteilt wurden.
Auch an der Unterdrückung der
Tibeter habe sich wenig geändert. "Dort ist die chinesische
Militärpräsenz sogar stärker geworden. Das gleiche gilt für
die Autonome Region Xinjiang, in der Peking auch Aufstände blutig
unterdrückt hat", sagte Hom. Dies solle jeder Politiker bedenken, der
Waffenlieferungen nach China erleichtern wolle: "Das Embargo gegen China wurde
1989 nicht nur wegen der Niederschlagung der Proteste verhängt. Es sollte
auch ein Signal mit Blick auf die Menschenrechte
sein."
Hinweise auf Veränderungen in
China seit 1989 gebe es nicht, sagt Hom: "Wenn es um Politik geht, um Religion
oder um das Tiananmen-Massaker, dann gibt es keinerlei Freiheit. Da schlägt
Peking gegen Kritiker sofort zu." Lediglich bei den Themen Frauen, Umwelt und
Gesundheit hätten Nicht-Regierungsorganisationen minimale Spielräume.
David Chu vom China Support Network betont, dass in China bis heute
Demonstrationen mit Gewalt niedergeschlagen würden: "Darüber gibt es
aber kaum Berichte, weil Peking die betroffenen Gebiete sofort
absperrt."
Wei kritisierte auch andere
SPD-Politiker. "In der Vergangenheit habe ich viele SPD-Politiker getroffen.
Solange sie nicht an der Macht waren, waren sie sehr interessiert an diesen
sensiblen Fragen zur Lage in China. Doch seit sie die Regierung stellen, haben
sie nichts getan, um Menschenrechte oder die Demokratie in China zu
stärken."
Menschenrechtler:
Auch die Uiguren werden
unterdrückt
Die
Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Human Rights werfen Chinas
Behörden unterdessen auch eine systematische Unterdrückung der
muslimischen Uiguren in Nordwestchina vor. Unter dem Vorwand, gegen Terroristen
und Separatisten vorzugehen, werde der Minderheit die freie Ausübung der
Religion verweigert und ihre kulturelle Identität beschnitten.
Religiöse Vorschriften in Xinjiang
seien so rigoros, dass die Behörden jeden festnehmen können, den sie
wollen. Kontrollen bezögen sich etwa auf religiöse Aktivitäten,
Schulen und selbst das Aussehen und Verhalten von Uiguren. Jede Unzufriedenheit
mit der Politik Peking werde mit Separatismus gleichgesetzt, der unter Strafe
stehe.
Seit langem zählt die Region
Xinjiang im zentralasiatischen Teil der Volksrepublik als ethnischer
Konfliktherd. Von den 17,5 Millionen Bewohnern sind knapp die Hälfte
turkstämmige Uiguren. Nach der Gründung der Volksrepublik 1949 haben
sich die Kommunisten die Region einverleibt, doch kämpfen Uiguren gegen die
Fremdherrscher und für ein unabhängiges Ostturkestan.
SPIEGEL
ONLINE -
12. April 2005, 12:09
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Posted: Fr - April 15, 2005 at 08:41 vorm.