Angebliches Mordopfer lebt noch


Elf Jahre saß ein Chinese als Mörder seiner Ehefrau im Gefängnis - jetzt tauchte sie wieder auf

von Johnny Erling

Peking - Der 39jährige She Xianglin saß seit elf Jahren wegen Mordes an seiner Frau im Shanyang-Gefängnis in Zentralchinas Provinz Hubei. Vergangenen Freitag holte ihn ein Polizeiwagen ab. Er habe sich gedacht, "jetzt erschießen sie mich doch", sagte er der Zeitung "Nanfang Dushibao". She aber kam nur vor den Haftdirektor. Der teilte ihm mit, daß seine Frau noch lebt. Ende März sei sie bei ihm in der Gegend aufgetaucht. Er sei frei und könne gehen. "Ich starrte ihn nur verständnislos an."

Ein neuer Justizirrtum macht Schlagzeilen. Seit dem Wochenende erregen sich offizielle Medien ebenso wie Internet-Portale über das Schicksal des jungen Hilfspolizisten. Ihm war im Januar 1994 nach sieben Jahren Ehe die Frau weggelaufen. Die Nervenkranke glaubte, von ihrem Mann betrogen worden zu sein. Sie ließ ihm ihre sechsjährige Tochter zurück und rannte ziellos drei Monate durch die Gegend. In der Nachbarprovinz Shandong heiratete sie dann einen Bauern, der sie aufgenommen hatte.

She Xianglin aber fand keine Spur mehr von ihr. Er wurde zum Hauptverdächtigen, als andere Bauern drei Monate später auf eine nicht mehr identifizierbare Frauenleiche mit Kopfverletzungen stießen. 20 Polizisten nahmen She in die Mangel, recherchierten chinesische Zeitungsjournalisten. Er wurde zehn Tage und Nächte und danach weitere fünf Tage verhört, geschlagen und an den Fingern verkrüppelt. Einer der Ermittler drohte ihm mit der Pistole. "Ich kann dich erschießen, wann ich will."

Zhang gestand unter der Folter, seine Frau erschlagen zu haben. Obwohl er später widerrief, verurteilte ihn im Oktober 1994 im Schnellverfahren das Jingzhou-Gericht in erster Instanz zum Tod. Die nächste Instanz kassierte das Urteil, weil ihr die Indizien zu fragwürdig schienen. She wurde schließlich zu 15 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt.

Er hatte noch Glück angesichts der vielen Fehlurteile, die derzeit aufgedeckt werden. Chinas Presse ruft nach weniger Todesstrafen, nach dem sofortigen Ende von mit Gewalt erzwungenen Geständnissen und nach Entschädigung für die Opfer. Entsetzen löste der Fall des Bauers Nie Shubin aus Nordchina aus, der auch im Herbst 1994 wegen angeblicher Vergewaltigung mit Todesfolge verurteilt wurde. Er wurde ein halbes Jahr später am 27. April 1995 erschossen. Seine Mutter durfte ihn in der Haft nur einmal für zwei Minuten sehen. Der 20jährige war innerhalb einer Woche mit Gewalt zum Geständnis gezwungen worden. Als sein Vater ihm am 28. April Sachen für die Haft bringen wollte, wiesen Wärter ihn mit den Worten ab: "Du brauchst nicht mehr zu kommen. Dein Sohn ist gestern erschossen worden." Im Januar 2005 wurde der wahre Täter Wang Shujin in Henan wegen einer anderen Straftat verhaftet. Er gestand die damalige Vergewaltigung.

She Xianglin dagegen hatte Glück. Seine davongelaufene Frau erinnerte sich am 25. März plötzlich an ihr erstes Leben. Nach elf Jahren kam sie wieder nach Hause, ohne jede Ahnung, daß ihr erster Mann im Gefängnis saß.

Artikel erschienen am Di, 5. April 2005

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Posted: Mi - April 13, 2005 at 09:47 vorm.          


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