Peking - Kommentar von Johnny Erling


Kommentar von Johnny Erling

Peking

Chinas Regierung heuchelt Unschuld: Nachdem Tokio gefordert hat, Peking solle sich für die antijapanischen Demonstrationen entschuldigen, erklärte die chinesische Staatsführung, die Massenproteste gegen das Nachbarland seien "spontan" gewesen und kaum zu beeinflussen. Überaus milde rief das Außenministerium die Demonstranten zur Mäßigung auf und signalisierte ihnen im übrigen viel Verständnis: "Ein Teil der Massen" sei halt unzufrieden mit Tokios Einstellung zur japanischen Schuld im Zweiten Weltkrieg - als seien spontane Demonstrationen in China nicht verboten, als würden sie nicht regelmäßig unterdrückt, wenn sie der Regierung nicht passen. Mithin ermutigt Pekings gegenwärtige Toleranz die Proteste und schafft einen Präzedenzfall für weitere antijapanische Aktionen. Die Folgen nimmt Chinas Führung offenbar in Kauf: Ihre ohnehin unterkühlten Beziehungen zu Tokio, immerhin einer der größten Wirtschaftspartner, beginnen frostig zu werden.

Schuld daran ist auch Japan, das sich 60 Jahre nach Kriegsende unfähig zu ehrlicher Reue zeigt und dadurch auch Südkorea brüskiert. Doch geht es um mehr als um Vergangenheit: Japan streitet mit beiden Ländern um den Besitz von ölreichen Meeresgebieten, es reizt China, indem es den Dalai Lama einlädt und zusammen mit den USA den Status quo für Taiwan garantieren will. Aus chinesischer Sicht bedeutet dies: Japan darf keinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhalten - was bitter für Berlin ist, dessen UN-Hoffungen an Japans Sitz gebunden sind.

Sollte aber Peking auf die Protestwelle setzen, um Tokio kompromißbereiter zu machen, spielt es ein gefährliches Blatt. Nur zu oft sind in China antijapanische Demonstrationen plötzlich in innenpolitische Revolten gegen die eigene Regierung umgeschlagen. Dann würde Peking am Pranger stehen und nicht Tokio.

Artikel erschienen am Mo, 11. April 2005

© WELT.de 1995 - 2005

Posted: Mo - April 11, 2005 at 09:51 vorm.          


©