Fahrradreise, das Tagebuch


Mit der Fähre von Tokio nach Nachi-Katsuura in Wakayama ken

3. September

Die Abfahrt mit der Fähre aus Tokio war ein einmaliges Erlebnis. Zuerst mit der Monorail über die Regenbogenbrücke, an den architektonischen Luxusbauwerken vorbei. Als die Fähre ablegte, war ganz Tokio in seinem Glitzer und Glanz zu bewundern, Riesenrad, Tokio Tower, ganz Odaiba erleuchtet.

Mein Abschiedsessen habe ich mir bei Red Lobsters gegönnt. Auf die Frage an den Empfangschef, wohin mit dem Rad, war er so freundlich, mich mit Rad in das Restaurant zu lassen, zwar in die hinterste Ecke, aber immer noch mit Blick auf Odaiba.

Die Schiffahrt war wenig spektakulär, wenn auch sehr schön. Einmal wie gesagt, sind wir an der Glitzerwelt Tokios, Yokohamas und Kawasakis vorbeigeglitten. Außerdem bin ich immer noch der Meinung, die Entscheidung, mit dem Schiff wegzufahren, war die Richtige. Einfach das Gefühl, zu einem neuen Abschnitt des Praktikums mit dem Schiff aufzubrechen, an der Reling zu stehen, war etwas besonderes. Und sich so die Luft der großen weiten Welt um die Nase streichen zu lassen, an dem Häusermeer vorbeizugleiten, war ein sehr schönes Erlebnis.

Die Unterkunft in dem Schlafsaal war sehr beengt, aber da nicht alle Plätze belegt waren nicht weiter schlimm. Es waren 28 Plätze vorhanden, Schlafplätze auf Tatami, bestehend aus einem Futon, Kissen, Decke. Weiter gab es mehrere Schränke, einen Fernseher. Überraschenderweise wurden Männlein und Weiblein nicht getrennt. Das Bad war sehr schön, groß, nicht überlaufen, die Wassertemperatur angenehm heiß. Ob die tätowierten jungen Männer wirklich Yakuzas waren, wer will das sagen. Nur weil man etwas arrogant und tätowiert ist, macht das noch kein Yakuza aus einem, oder?

Was mich dagegen überrascht hat, waren die moderaten Preise für ein sehr leckeres Buffet. Es gab ein Abendessen im japanischen Stil, d.h. Reis, Fisch, verschiedene Gemüsesorten und man konnte nachfüllen, soviel man lustig war. Leider war ich schon satt.

Außer mir als einzigem Ausländer war das Publikum eigentlich sehr gemischt. Es waren wohl mehrere Reisegruppen älterer Leute, und zwei Schülergruppen an Bord. Und ich war nicht der einzige Radfahrer. Aber der einzige, der das Rad mit "an Bord" genommen hat. Die anderen haben ihre Räder bei den Autostellplätzen gelassen.


Über Shingu nach Yunomine Onsen

4. September

Die ersten bewunderten Blicke habe ich auf mich gezogen, als ich in voller Montur, mit Fahrrad über der Schulter und Rucksack zusammen mit den anderen Fahrgästen darauf gewartet habe, die Fähre zu verlassen. Zum einen fiel ich als einziger Gaijin sowieso auf, aber dann noch in Radlerkluft, und als dann mein Vorhaben die Runde machte, wollten die "Oh`s" und "Ah`s" erst einmal kein Ende nehmen. Ich wurde konsequent in Englisch angeredet und habe ebenso konsequent in Japanisch geantwortet.

Nachdem dann das Fahrrad in der Wartehalle seinen Endzustand wieder erhalten hat, konnte es auch losgehen. Auch bei dem Zusammenbau hatte ich meine Bewunderer. Zwei Angestellte der Fährgesellschaft schauten interessiert zu und wollten wissen, wo es hingeht, ebenso wie eine Schülerin.

Das Wetter war mir an diesem ersten Tag leider nicht wohlgesonnen. Es hat genieselt, der später in einen leichten Regen überging.

Der erste Abschnitt von dem Anleger weg war sehr einsam. Wenn man bedenkt, daß man mit einer großen Fähre aus einer der größten Städte der Welt aufbricht und dann der erste Halt nur aus dem Fähranleger besteht und sich weiter keine Ortschaften in der näheren Umgebung befinden, ist das schon sehr verwunderlich. Dafür war die Küstenlandschaft mit den zerklüfteten Klippen einfach prächtig.

Das eigentliche Ziel des heutigen Tages stand noch nicht fest. Da ich vorher nicht genau abschätzen konnte, wie weit bzw. wie gut ich vorrankommen würde, habe ich mir zwar verschiedene Orte ausgesucht, aber entschieden war noch gar nichts.

Die Straße nach Shingu führte an der Küste entlang, steile Felsen, kleine Buchten, bis es in das Hinterland ging. Nach einem kleinen Tunnel kurz nach Shingu änderte sich die Landschaft, es ging zwischen Bergen, an einem Fluß entlang.

Ca. 20 km nach Shingu kam es aus mir noch ungeklärten Umständen auf freier Strecke zu meinen einzigen Unfall. Gleich am ersten Tag. Und nach einem ersten Blick auf mein Rad habe ich schon gemeint, die Reise wäre nach 3 Stunden vorbei. Beide Reifen platt, das Vorderrad verbogen, das vordere Schaltkabel abgerissen. Das der vordere Schlauch den Aufprall auf ein Betonring nicht überstanden hat, ist verständlich, wieso aber auch der hintere Reifen platt war, ist mir ein Rätsel. Die Theorie über den Hergang: der hintere neue! Schlauch oder Mantel ist gerissen, wobei ich auf der glatten Straße in den Graben abgerutscht bin und glücklicherweise durch den Ring aufgehalten wurde. Zum Glück ist mir bis auf ein paar Schrammen nichts passiert.

Ich habe also meine sieben Sachen genommen (mich, Rad, Rucksack, Tasche 1 und 2, Helm, Vorderrad) und bin zum nächsten Haus gegangen. Ein älterer Herr hat mein Rufen erhört und einem zufällig vorbeikommenden Bekannten mein Mißgeschick erläutert. Dieser ist mit mir nicht nur zur nächsten Tankstelle gefahren, sondern mit deren Mitarbeitern über die weitere Vorgehensweise beraten und ein Fahrradgeschäft in Shingu ausfindig gemacht, er hat mich auch dorthin gefahren. Was mich dabei am meisten irritiert hat, war die Frage, ob ich Autofahren könne. Diese hilfsbereiten Menschen wollten mir tatsächlich nach einem Unfall einen Kleinlaster anvertrauen, damit ich alleine die 40 km Hin-und Rückfahrt zurücklegen konnte!

Das Fahrradgeschäft stellte sich als "Dorfladen" heraus, offener Boden, das Werkzeug munter verstreut und die Reparaturtechnik, mit Holzkasten, munterer Ansammlung von Flicken, großem Topf Vulkanisierpaste und Handfön, inklusive altem Mann, der alle möglichen meist alten Modelle verkauft. Aber der mir auch mein Rad wieder herrichten konnte.

Ich mußte letztenendes die Strecke von Shingo aus zweimal fahren, so daß das heutige Ziel Yunomine Onsen wurde. Kurz nach dem Unfall hat auch der Regen aufgehört, so daß die weitere Fahrt kein Problem darstellte. Da im Prinzip nur die Reifen neu justiert wurden, das abgerissene Kabel aber nicht ersetzt wurde, mußte ich während der folgenden Tage in den Bergen nur mit der hinteren Gangschaltung auskommen. Einen Vorgeschmack auf die kommenden Steigungen habe ich dabei schon heute erhalten. Entlang an einem Fluß schraubte sich die Straße gemütlich immer weiter in die Höhe.

Zudem habe ich heute schon meine erste Wegbeschreibung hinter mir. Da ich nicht nur die Unterkünfte nicht geplant habe, sondern auch keine ausreichend genauen Karten dabei hatte, habe ich einen Mann nach dem Weg der letzten 5 Kilometern gefragt. Er bestand darauf, alles in Englisch zu erklären, zur Sicherheit gleich dreimal und mir eine Skizze mitzugeben.

Der Weg, den er mir gezeigt hat, war wunderschön, an mehreren Campingplätzen vorbei, schöne, weitgeschwungene Kurven.

Ich konnte dann in einem schönen Onsen eines Minshuku meine Wunden, die Mentalen pflegen. Das Minshuku war eigentlich nicht die "erste Wahl", wenn auch eine sehr Gute. Zuerst hatte ich bei der Jugendherberge in der Gegend angerufen. Da ich dem Mann auf der Gegenseite aber nicht klar machen konnte, das ich zwar kein Paß habe, aber eine Gästekarte und sowieso einen Paß erwerben wollte, ist diesem schlicht der Kragen geplatzt. Er wurde zum Schluß richtig unwirsch und hat nach der Behauptung "kein Bett frei" einfach aufgelegt. So habe ich dann im "Lonely Planet" ein Minshuku herausgesucht und angerufen. Die waren aber mit meinem Vorhaben, nur eine Nacht bleiben zu wollen, nicht einverstanden, wieder "kein Bett frei". Jedoch haben sie mir auf Anfrage die Telehonnummer "meines" Minshuku genannt und die Übernachtung war gesichert.

Es gab ein sehr leckeres Essen und viel Tee. Das Zimmer war zwar recht klein, die Größe von meinen Tatami Zimmer in Tokio, aber sehr schön eingerichtet und hell. Außer mir war noch ein Großfamilie, 3 Generationen da, sowie zwei Ehepaare.

Das Wasser in Yunomine Onsen ist übrigens Schwefelhaltig. Und, in der offenen Quelle in der Ortsmitte darf man sogar Eier kochen. Ansonsten ist es ein sehr verschlafenes Örtchen. Ich habe die verbliebene Zeit des Tages genutzt, meine Sachen neu zu ordnen. Ich hatte ja meine sämtlichen restlichen Besitztümer bei mir, von denen einige Angesichts des Gewichtsproblemes nun ausrangiert wurden. Und so unglaublich es klingen mag, erst nach dem heutigen Abend, als ich den Unfall nochmal Revue passieren lassen und mich im Bad entspannt habe, erst dann habe ich die wirkliche Ruhe und Gelassenheit für diesen Urlaub gefunden. Als ich gerade das Schiff verlassen hatte und die ersten Kilometer zurückgelegte, war ich noch viel zu unausgeglichen, aufgedreht und wohl auch nicht ganz bei der Sache. So habe ich meinen Fokus gefunden.


Mt.Koya, über die Bundesstraße 168

5. September

Dieser Abschnitt war aber nicht nur mit die Schönste, sondern auch eine der längeren Strecken. Nachdem ich heute die 85 km zurückgelegt hatte, konnte ich die Reaktion des Busfahrers gestern sehr gut verstehen. Bevor ich mich um die Mittagszeit nach meinem Unfall für Yunomine als Ziel entschieden hatte, wollte ich nach Koya fahren. So habe ich einen Busfahrer gefragt, wie weit es wäre. Er hat mich groß angekuckt, mein Fahrrad betrachtet und gesagt:"unmöglich".

Bei strahlendem Wetter, ohne jegliche Gegenwinde oder anderer widriger Umstände war die Fahrt nach Koya san mit die beeindruckenste Strecke während der ganzen Zeit. Die Straße führte die ganze Zeit über an einem kristallklaren Fluß entlang, inmitten der Berge. Die Farben waren so wunderschön, klar und beeindruckend, einmalig. Beeindruckend war aber auch die Straßenführung, anfänglich noch in der Ebene, ging es später in die Berge. Es folgten unzählige An- und Abstiege und ein größerer Umweg. Ein Ehepaar hat mich einen Teil der Strecke zurückgeschickt. Bemerkenswerterweise "dippte" die Straße vor einer Ortschaft in eine Art Senke, nur um danach wieder anzusteigen. Die größte Hürde war der letzte Paß. Ich bin schließlich abgestiegen und habe das Fahrrad die letzte Strecke geschoben. Die Straße war einfach zu steil und meine Kräfte am Ende. Die Abfahrt war dann wieder in Ordnung.

Noch am Morgen in der Ebene in der Nähe von Hongu war ein sehr schöner Tempel, zudem aber eine lange Treppe führte, wahrscheinlich ein Omen. Es waren erstaunlich viele Leute unterwegs, zum Sightseeing in Bussen oder mit Anglerausrüstung unterwegs. Im ersten Teil habe ich noch versucht, einen Fahrradladen zu finden. Jedoch waren meine Ansätze wenig erfolgreich. Es gab eine Reihe von Geschäften, die aber alle geschlossen waren, so daß ich immer eine Treppe runtergehen, in den meisten Fällen einen Mann aus seiner Ruhe bringen mußte, bis ich ihm mein Anliegen darlegen konnte. Alle diese Männer mußten sich erst mal richtig anziehen, wie übrigens mein "Retter" von vor zwei Tagen auch in langen Unterhosen auf der offenen Veranda gesessen hatte. In einem Fall konnte mir eine Frau nur mitteilen, ihr Mann würde am Abend zurückkommen, alle anderen Antworten gingen in die Richtung, "das Teil haben wir nicht". Da ich jedesmal die Hauptstraße verlassen mußte, um im Ort nach dem Fahrradgeschäft zu fragen, habe ich das nach einigen Versuchen einfach aufgegeben. Mir war die Alternative, vor und nach jedem Pass mit dem Schraubenzieher den vorderen Zahnkranz zu wechseln, lieber als in kleinen Orten herumzuirren.

6. September

Die Ankunft in Koya war auch etwas besonderes. Aus den Bergen und der Einsamkeit führte die Straße erst an Wohnhäusern und schließlich an dem alten Stadtteil Koyas vorbei. Völlig erschöpft bin ich dann in einer wunderschönen Jugendherberge angekommen. Das Gebäude selber war in dem "traditionellen japanischen Stil" errichtet (zumindest meinem Verständnis nach): ganz aus Holz, mit vielen Schnitzereien, großem Eingangsbereich, Veranda um die Räume, Innengarten, Shojii und mit Tatami ausgelegten Räumen. Aus einem großem Raum wurde durch Zuschieben mehrerer Trennwände mein eigener Bereich abgetrennt, aus einem Wandschrank konnte ich mir Futon und Decken entnehmen.

In Koya habe ich einen 2. Übernachtungsstop eingelegt um mir die Gegend anzusehen. Eigentlich hatte die Jugendherberge am folgenden Tag geschlossen, da die Herbergseltern einen Ausflug geplant hatten. Aber auf Zuspruch seiner Ehefrau (wohl hatten alle anderen günstigeren Herbergen volles Haus, laut Fernsehen war Regen vorhergesagt) hat mir der Herbergsvater erlaubt, alleine im Haus zu bleiben. Mir wurde der Hintereingang gezeigt, ebenso wie alle wichtigen Dinge. So konnte ich in Ruhe die Tempel, den Friedhof besuchen, eine Bergtour machen und am Abend in meine eigene Herberge zurückkehren.

Das ich alleine in dem Haus war, ist dem Nachbar offensichtlich nicht verborgen geblieben. Als ich in seinem Geschäft einkaufen wollte, hat er mich ausgefragt, ob ich alleine wäre, ist mit mir rübergekommen und hat den Eingang betreten, um sich kurz umzusehen. Ansonsten war er nicht ernsthaft überrascht oder besorgt, zumindest hat er nicht die Polizei gerufen.

Koya san ist zum einen berühmt für seine Tempel und zum anderen für seinen großen Friedhof. Am Morgen, bei leichtem Nieselwetter, bin ich erst zum Friedhof gegangen. Überall Grün, Moose auf den Grabsteinen, kleinen Steinen, großen Anlagen. Es gab zwei große Kegel bestehen aus kleinen, rotbewandeten Steinfiguren, natürlich einer großen Tempelanlage. Das besondere an den Grabsteinen, abgesehen das ein Teil des Friedhofes nun wirklich sehr alt ist und auch so ausschaut, es gibt auf dem neueren Teil Raketen, Fernseher und anderen Kuriositäten als Grabstein. Je nachdem ob der Mensch bei Hitatchi, Sony oder wo auch immer gearbeitet hat. Aber mir hat der alte Teil besser gefallen, auch wenn die Mauern meist schief standen, die Balken kurz vor dem Zerfall waren. Kurz before ich dann weitergegangen bin, sind dann vielleicht 100 oder mehr Mönche in ihren Gewändern und auf Geta aus dem Tempel gekommen. Sie sind nacheinander zu mehreren Schreinen gegangen, nach einem bestimmten Zeremoniell gebetet. Das Außergewöhnliche aber waren die Geta, bzw. das Geräusch was mehr als 100 Mönche mit Geta im beinah Gleichschritt erzeugen. Es war ein munteres Geklappere.

Da der Nieselregen dann glücklicherweise vor Mittag noch aufgehört hatte, konnte es weitergehen. Die riesigen Zedern waren nur ein bedingt guter Schutz da ich nun keinen Regenschirm mitgenommen hatte. Ich bin in Koya unhergelaufen, habe die verschiedenen Tempel besucht, zwei riesige Pagoden gesehen, in der Sonne ein kleines Mittagsschläfchen gemacht und mich auf eine kleine Bergtour begeben. Die Tempel, die ebenso Unterkunft anbieten, machen eher den Eindruck eines Ryokans, die Preise sind dementsprechend hoch, viel sieht man allerdings nicht. Die Bergtour hat ganz harmlos angefangen. Außerhalb des Ortes befindet sich ein altes Tor, von da aus ging ein kleiner, mit Tori besetzter Weg hügelaufwärts. Aus Neugierde, wohin diese Tori nun führen, bin ich also den Weg entlang gegangen. Das Ende war ein kleiner alter Schrein oben auf dem Berg.

Auf der Rückseite des Berges ging es in den Ort zurück. Ein den Frauen gewidmeten Tempel gab über das Eintrittsverbot von Frauen in den Tempelbezirk Auskunft. Diese mußten dann in Stätten wie dieser auf die Rückkehr ihrer Männer warten.


Über Wakayama, mit der Fähre nach Tokushima nach Komatsujima

7. September

Der Eindruck des Tages, "es geht nur bergab" (Koyasan liegt auf 990m ü.NN), es gab keine größeren Anstiege. Den Anfang und insgesamt die steilste Strecke, machten die Serpentinen direkt aus Koyasan heraus. Bei wunderschönem Wetter und sehr engen Kurven sah man bei diesem Abschnitt nur grün.

In den kleinen Orten habe ich kaum Leute gesehen, nur auf den umliegenden Feldern herum war ab und zu jemand am arbeiten. Alles aber meist ältere, gebückte Frauen. Der Straßenverkehr war vernachlässigbar gering. Was mich allerdings erstaunt hat, das Fehlen von Geschäften. Ich wollte ja noch frühstücken und meinen Proviant einkaufen, es gab aber nichteinmal Getränkeautomaten. Ganz unauffällig, ohne jegliche Werbung oder irgendwelchen Schildern habe ich dann einen Laden gefunden. Zum Glück waren Obst und Gemüse in der Auslage, ansonsten wäre ich glatt vorbeigerauscht.

Der Zauber der Abfahrt, kleine Täler, saubere Luft und die Schönheit der Landschaft nahm später ein abruptes Ende. Zwar tauchten auch die ersten Palmen auf, aber auch Baustellen, wilde Müllhalden, meist Autos und größere Ortschaften beendeten das Idyll der Berglandschaft. Der Übergang wurde durch einen Weg durch eine Art Tunnel markiert. Eine von Bäumen überdachte enge Straße, die um einen Berg herumführte. Als es zwischen den Bäumen herausging, schien man in einer anderen Welt zu sein. Zwar sah man die ersten Palmen, aber auch Wellblech und Rost an den Häusern, Autos in den Straßengräben, Dreck, Baustellen und große Lastwagen.

Mit Eintritt in die Zivilisation habe ich mich auch wieder auf die Suchen nach einem Fahrradladen gemacht, die Schaltung herrichten lassen, das Korkband des Lenkers austauschen und die Bremsen überprüfen lassen. Das erste Geschäft war ein Tip eines Motorrollergeschäftes, allerdings eher etwas für die normalen Einkaufsräder. Auch war das Personal nicht gerade sehr agil. Der Eindruck war ungefähr der gleiche wie in Shingu, nur war der Laden viel größer. Der zweite Versuch war zugegebenermaßen ein Motorradgeschäft, allerdings mit einem sehr teuren Mountainbike im Schaufenster, weshalb ich die Hoffnung hatte, Erfolg zu haben. Bei dem 3. Laden hat es dann geklappt. Es war zwar die Konkurrenz von Bridgestone und nicht Panasonic, dafür ein sehr kompetenter Mann. Und als Neukundengeschenk bekam ich eine Eieruhr!

Das nächste Ziel war der Hafen und die Fähre nach Tokushima. Im Prinzip kein Problem, den Hafen zu finden, allerdings das Terminal, das war etwas schwierig. Nachdem ich ein Schild falsch interpretiert hatte, bin ich erst nach einem 200 Meter Umweg zum Terminal gelangt. Und, es schien mein glücklicher Tag zu sein, keine Anstiege, schönes Wetter solange ich auf Strecke war, mein Fahrrad wieder fast wie neu und sobald ich das Terminal betreten hatte, fing es draußen an zu schütten.

Die Fähre war natürlich kein so ein gut ausgestattetes Schiff wie die aus Tokio, das Fahrrad ging in den Laderaum zu den Autos, oben bei den Passagierräumen waren Teppichböden und Kissen ausgelegt, so daß man es sich gemütlich machen konnte. Die Überfahrt habe ich verschlafen, da es draußen regnete, habe ich auch nicht viel verpaßt.

Die letzte Strecke nach Komatsujima war dann auch sehr schnell zurückgelegt. Ich hatte noch überlegt mir einige Dinge in Tokushima anzusehen, aber das Wetter war nicht sehr günstig. Auf einer vierspurigen Straße führte der Weg schließlich nach Komatsujima, einem eher unauffälligen Ort und einer noch unauffälligeren Jugendherberge. Sehr heruntergekommen, von einem alten Ehepaar betreut. Zusammen mit einem Motorradfahrer, der ebenfalls mit der Fähre übergesetzte, hatten wir die ganze Herberge für uns.

Wir sind zusammen Sushi Essen gegangen. Später wurde ich noch kurz ausgeschlossen. Ich war Wäsche waschen, währenddessen wurde die Tür zur Herberge abgeschlossen.


Entlang des Pilderpfades nach Hiwasa

8. September

Entgegen des Wetterberichtes war es heute sehr sonnig, mit Folgen: der erste Sonnenbrand. Es sollte sowieso ein ziemlich chaotischer Tag werden. Von der Strecke hatte ich mir heute eher ein kurzes Stück ausgesucht. Jenseits des heutiges Zieles, Hiwasa wäre die Strecke zu der nächsten Jugendherberge zu weit gewesen, um an einem Tag ohne wirkliche Überanstrengung zu bewältigen. Das soll heißen, ich wäre den ganzen Tag im Sattel gesessen. Wie sich herausstellen sollte, ist mir das nicht erspart geblieben, das lag aber an.... anderen Umständen.

Zuerst ging es zurück auf die 4 spurige Straße, bis es mir nach ca. 20 Minuten zuviel wurde. So habe ich mich entschlossen, schon jetzt auf den Pilgerpfad abzubiegen, der zwar laut Karte etwas länger sein sollte, aber nur aus kleinen Wegen besteht und viel ruhiger ist. Womit ich dabei nicht gerechnet hatte, die Karte war eher eine "wohlwollende" Orientierungshilfe als ein Mittel, die Länge und den Straßenverlauf ordentlich wiederzugeben. So wand sich dieser Weg durch die Landschaft, die Strecke nahm einen ganz anderen Verlauf als ich mir das vorgestellt habe. Immerhin, der Pilgerweg war sehr gut ausgezeichnet. Steinpfosten am Wegrand zeigten immer den Namen, die Nummer und Richtung der nächsten beiden Tempelabschnitte an. An großen Kreuzungen waren, meist, Schilder.

So ging es erst über eine weite Ebene bestehend aus Reisfeldern in das hügelige Hinterland. Ich habe hier auch die ersten Pilger gesehen, alte Männer mit Sandalen, Strohhut und Pilgerumhang, das ist ein einfache mit Kanji beschriebene weiße Kittel, die ihr Gepäck in einem kleinen Wägelchen hinter sich hergezogen haben.

Einer falschen Kartenlesung habe ich dann einen 10 km Umweg zu verdanken. Als ich nach weiteren Irrungen durch das Land wieder an der Hauptstraße ankam und diese immer noch groß und stark befahren war, wollte ich an der Küste entlang weiterziehen. Dieser Weg stellte sich als wahre Plackerei heraus, dreimal mußte ich Pässe überqueren, der Schweiss lief nur so an mir herunter und meine Kräfte ließen so langsam nach. Ein wahrer Segen war dann eine Quelle entlang des Pilgerweges. (Ja, eigentlich immer noch dieser Pilgerweg, obwohl ich auf diesem Stück niemanden gesehen habe). Jemand war so klug, aus einem Bach eine Rohrleitung an die Straße zu legen. Da konnte ich mich dann erst mal abkühlen. Das war wirklich ein Segen. Etwas gefährlicher, aber ebenso willkommen war dann der Nieselregen. Zum Glück war kein Verkehr, so konnte ich dann in der einen Stunde Regen ungestört fahren. Auch eine Entschädigung für die Strapazen des Aufstiegen war der Ausblick auf die zerklüftete Küste und das Meer.

Ich war dann etwa 2 Stunden vor Öffnung der Jugendherberge angekommen. "vor Öffnung" ist nicht ganz richtig, denn die Tür war nicht verschlossen, so daß ich meine Sachen in der Eingangshalle liegen lassen konnte, um mich nach einem Restaurant umzusuchen. Hisawa ist ein kleines verschlafenes Fischereinest, mit einem der Tempel der Pilgerroute und einem Schloß, aber ohne Gastronomie. Mir schwebte eigentlich ein Sushi Restaurant vor, da ich glaubte: Fischereiort = Fische = gutes Sushi. Mittlerweile hat es wieder angefangen zu nieseln, so daß ich mich im Regen auf die Suche gemacht habe. Leider habe ich nichts gefunden. Gegenüber der Jugendherberge gab es ein japanisches Restaurant, mit einem dürftigen Angebot und Preisen wie in Tokio, um den Bahnhof herum verschiedene Geschäfte mit westlichen Gerichten und einem japanischen Restaurant, was aber meinen Vorstellungen nicht entsprach. Als ich bei einem Gemüsehändler nachfragte, wollte mich dieser wieder zum Bahnhof schicken, so daß ich an einen Fischhändler um Rat wandte. Aber dieser wollte mich an das Restaurant gegenüber der Jugendherberge verweisen.

Also machte ich mich zum nächsten Supermarkt auf, deckte mich da mit den Fertiggerichten ein, panierte Fische, Tempura und Getränken.

Bei meiner Rückkehr war die Jugendherberge auch schon offiziell geöffnet. Die Herbergseltern etwas schroff: uns Übernächtigenden wurde erklärt, es gebe kein Essen, nur Unterkunft. Außer mir waren noch anwesend: ein Motorradfahrer, und mehrere Pilger: 2 ältere Männer und zwei junge Frauen.

Am Abend habe ich mich dann noch bei dem Tempel umgesehen, als alle Pilger abgezogen waren und nur noch unzählige Krabben herumwuselten. Sogar um dem Tempel herum, der Blankenese mäßig über steile Stufen zu erreichen war. Was mich aber dann auch nicht gewundert hat, als ich im (heißen) Badewasser eine Krabbe entdeckt habe.


Entlang der Küste nach Kap Muroto

9. September

Obwohl ich meiner Meinung nach früh losgezogen bin, während der ganzen Reise war ich spätestens um halb acht auf der Piste, habe ich doch nach 20 und 30 min. jeweils Pilger aus Hiwasa angetroffen. Die müssen wohl 1 Stunde oder so vorher aufgestanden sein. Kein Wunder, daß alle so früh zu Bett sind und es so ruhig war.

Mit eine der schnellsten, weil flachen, Strecken führte nach Muroto, bis auf den letzten Anstieg von 10 Prozent bei 1.2 km zur Jugendherberge war alles im Prinzip eben.

Nach den ersten 3 Stunden habe ich mich abseits der Straße in eine Bucht abgesetzt, das Wasser war so schön klar, da mußte ich unbedingt rein. Eine passende Bucht, die mir gefällt, zu finden war gar nicht so einfach. Sobald diese in irgendeinerweise zugänglich sind, stehen auch schon die ersten Hotels in der Nähe, das Ufer ist in der Regel zugebaut.

So wechselte sich ein Badeort nach dem anderen ab, ins Land hinein war es anfangs noch sehr weit bis zu den ersten Bergen, die Küste war mit Felsen und kleinen Inseln übersät. Später reichten die Berge bis an die Küste heran, das heißt, Berge, Straße, Felsstrand und das Meer. Und das Wetter wurde diesiger. Die Straße wand sich am Berg entlang und entschwand in einem leichten Nebel.

Mit der Landschaft wechselte auch das Publikum. Als das Land noch flacher war, und sich die Badeorte abwechselte, konnte man oft junge Leute an den Campingplätzen sehen. Später mit der engen Küstenstraße kam der Nebel und das Publikum verschwand, es gab keine Arbeiter an der Straße, es wurde leer. Nur die Pilger mit ihren weißen Umhängen tauchten ab und zu auf, man grüßte sich, ich entschwand um die nächste Straßenbiegung.

Und da ich so schnell fuhr, war ich schon um die Mittagszeit in Muroto angekommen. Da es so schnell ging, hatte ich schon das erste Mal bei einer Tankstelle nach dem Weg gefragt, bin aber weitergeschickt worden. Das Kap selber ist für Touristen ausgebaut, man kann auf Stegen um und über die Felsen gehen. Da es mittlerweile wieder schön hell, und heiß war, konnte man die Farben genießen. Rötlicher Fels, weiße Gischt, blaues Wasser und Himmel. Wieder besseren Wissens bin ich das erste Mal an der richtigen Abfahrt vorbeigefahren. Die Straße führte schnurstracks in die Berge und zu einer Straße, die an der Bergkante nach oben führte. Eine zweite Nachfrage bei einer weiteren Tankstelle ergab dann auch noch, ich müsse weiterfahren. Vorher bin ich aber in ein Restaurant Tendon (Sushi auf Reis in einer Schüssel serviert) essen gegangen. Bei der Gelegenheit beschied mir die Bedienung, ich müsse zurück. Also die zweite falsche Wegbeschreibung der zweiten Tankstelle.

Es ging wirklich auf der steilen Straße in die Berge. Diese ist auf Stelzen außerhalb des Berghanges gebaut und führt mit 10 Prozent Steigung auf 1.2 Kilometer nach oben, bei 4 Kehren. Obwohl sehr kurz, war es die schwerste Steigung überhaupt, so daß ich schon nach 100 Metern über die Straße hin und her gependelt bin um weniger Steigung zu haben, was allerdings die Strecke erheblich verlängert hat.

Ziel, d.h. die Jugendherberge, war ein sehr idyllisch gelegener Tempel, inmitten schattigem Grün. Trotz Mittagspause zu früh angekommen, habe ich mich vor dem Tempel ausgeruht, bin daraufhin weiter auf den Berg gefahren. Dort gab es einen Aussichtspunkt und sogar eine Wetterstation. Allerdings konnte ich dem Meteorologen keine Reaktion über die Tatsache entlocken, daß ich auch Meteorologe bin. Er hat mich zwar ein bißchen herumgeführt, aber wirklich verstanden hat er mich nicht.


Über Kochi nach Susaki

10. September

Obwohl der Tag so vielversprechend angefangen hatte, sollte es, nach einem dramatischen Mittelteil, ein gutes Ende nehmen.

Beim Auschecken hat mich einer der Pilgerinnen vom Vortag wiedererkannt und angesprochen. Wie sie mich allerdings eingeholt hat, ist mir ein Rätsel, auch wenn wir ungefähr gleich alt sind, ist sie doch zu Fuß unterwegs gewesen und ich mit 30 km/h über die Straßen gehetzt. Aber vielleicht lag das an diesen Energieriegeln, die sie schon zum Frühstück gegessen hat. Das Kleingedruckte der Inhaltstoffe an diesen Komplettnährstoffriegeln geht über die ganze Seite, nicht bloß ein paar Zeilen.

Es ging auf ebener Strecke weiter, wieder mit gut zu fahrender und vor allem zu haltender Geschwindigkeit. Die Straße schmiegte sich zuerst immer noch an die Felsen an, führte dann später in einem großen Bogen in eine Bucht, das Land wurde breiter. Ein sehr großer Damm trennte den Strand von dem Hinterland ab. Später erstreckte sich dann zwischen diesem Strand und der Hauptstraße ein "wilder" Streifen, der etwas "autonomes" an sich hatte. Er hat mich irgendwie an Altona erinnert. In alten Hütten, umgeben von Schrottplätzen, alten hölzernen Fischerbooten leben dort alte Leute, die in ihrem kleinen Gärten arbeiten, es gab Fischgeschäfte, bzw. weiterverarbeitende Betriebe. Dies alles war von der Hauptstraße durch eine Hochtrasse abgegrenzt. Und mittendurch führte der Radwanderweg.

Später bin ich dann irgendwie in ein Flußdelta abgekommen. Nicht verfahren, einfach nur einen interessanter aussehenden Weg genommen. Er führte wie gesagt in ein Flußdelta, in dem alle möglichen Dinge schwammen, z.B. Autos, Sperrmüll und alte Boote, nur keine Fische. Die Häuser sahen aus wie DDR Plattenbau, alles war trist und grau. Aus diesem Gebiet führte der Weg über Reisfelder, großen Bauerhäusern hinaus, allerdings grassierte auch hier der Verfall, die Straße, Grundstücksmauern, alles hatte schon bessere Zeiten gesehen.

Heutiges Ziel war eigentlich Kochi, die Provinzhauptstadt. Ich hatte mir dort ein Businesshotel ausgesucht. Das eben beschriebene Gebiet war das erste Anzeichen des städtischen Einflußes, die Straße wurde breiter, die Pachinko Hallen nahmen zu, Einkaufshallen, Industrie. Im Zentrum schließlich angekommen, habe ich erst einmal eine Stunde nach dem Business Hotel gesucht. Das Gebiet, in dem es lag war sehr verwinkelt, zudem stimmte die Karte im Reiseführer nicht mit der Realität überein. Der Grund, dies Hotel zu wählen, nun, es war sehr günstig und die Jugendherberge hatte aufgegeben. Allerdings hatte ich nicht mit dem Schmutz und Dreck gerechnet. Abgewetzte Teppiche sind ja nicht so schlimm, aber der Dreck an den Wänden, im Zimmer, unglaublich. Ich habe mich dreimal im Zimmer umgedreht, sogar meine Sachen abgestellt, aber dann bin ich wieder gegangen. Das ich mir das anders überlegt habe war kein Problem. Die Empfangsfrau hat sofort verstanden, daß ich nicht bleiben wollte, mir mein Geld gegeben und ich bin gegangen.

Auf einer der seltenen Banken sitzend, habe ich mich dann mit mir beraten, ob die Sehenswürdigkeiten es wert wären, nach einer weiteren Bleibe zu suchen. Allerdings habe ich mich dagegen entschieden, und nun geplant, die Nacht im Freien zu verbringen. Schließlich habe ich genug Campingplätze gesehen. Ich war immer noch geschockt von dem Anblick des Hotels. Zuerst brauchte ich allerdings einen Schlafsack und ein Geschäft wo man diesen kaufen kann. Im Stadtzentrum habe ich mehrere Geschäfte abgeklappert, bis mich eine Angestellte mit dem Hinweis "weit weg" ein Geschäft genannt hat. Es war wirklich auf halben Weg aus der Stadt hinaus, allerdings auf dem Weg, den ich hergefahren war. Mit Schlafsack aus einem Outdoor Laden, vollbepackt mit Lebensmitteln, ging es wieder zurück Richtung Zentrum und aus Kochi heraus.

Entlang einem langen, berühmten Strand, immer mit einem Auge nach Ausschau einer geeigneten Stätte sind mir an allen potentiellen Stellen die blauen Planen der Obdachlosen aufgefallen. Zudem wurde das Wetter immer dunkler, die ersten Regenwolken waren auf dem Anmarsch. Wieder auf einer Küstenstraße hatte ich später die Wahl zwischen einer Straße in die Berge, was laut Karte kürzer war als eine andere Straße, die mehr in das Hinterland wies. Ich wählte Erstere, die über eine schöne Hängebrücke führte wonach ein Rastplatz auftauchte und ich mich schon am Ende meiner Suche wähnte. Ein Zelt, mit dem Pilgergewand übergeworfen, war schon da und ich wollte es mir schon in der Nähe bequem machen, als ich mich dagegen entschied. Irgendwas hat mir nicht gepaßt, die dunklen Wolken? Nun hatte ich zwar einen neuen Schlafsack, allerdings kein Zelt! Wie gesagt, der Schock, mangels einer besseren Ausrede.

Es ging weiter, die Straße entlang, an Pilgern vorbei, die eisern in die Dämmerung wanderten. Die Straße führte schnurstracks in die Berge, es sollte mit einer der schlimmsten Strecken werden, zahlreiche, unmittelbar aufeinanderfolgende Steigungen, Senkungen, Steigungen. Es wurde dunkel und es fing an zu regnen. Zudem zog noch ein Gewitter auf und mir ging die Energie aus. Ich habe auf der Strecke eine verlassene Raststätte gefunden und mehrere einsame Häuser, alles verschlossen und verriegelt. Schließlich beschloß ich, nach Hilfe zu suchen. Bei Dunkelheit im Regen mit dünnen Reifen zu fahren, nicht sehen wo es hingeht und der Donner grummelt, war dann doch zu gefährlich. Ich habe also an die

  1. Wohnung angeklopft, worauf hin nach mehrere Wiederholungen endlich ein alter Mann aufmachte und nach meinem Begehren fragte. Da stand ich im Eingang, fragte nach der nächsten Möglichkeit eines Hotels und der nächsten Stadt. Irgendwie still hoffend, ein Platz angeboten zu bekommen, verwies er an den Ort im Tal.Das
  2. Haus, ein Familienhaus, war meine letzte Hoffnung. Nach langem Rufen am offenen Eingang, kam mir eine junge Frau mit der englischen Frage entgegen:"what is your problem?". Ich war in das Abendessen geplatzt, was mir allerdings erst später klarwerden sollte. So verschwand sie erstmal wieder und kam mit ihrer Mutter zurück. Ich erklärte mein Anliegen. Mit Hinweis auf mein Fahrrad und dem Wetter die Suche nach einem Hotel, einer Unterkunft. Auf japanisch und ohne Probleme.

Ich wurde zuerst nach nebenan begleitet, in das Geschäft. Beide entschwanden, nachdem sie gefragt hatten, ob ich japanisches Essen möge und schon gegessen hätte. Sie kehrten mit Tempura, Reis und Tee zurück. Nach dem Essen setzten sich Mutter und Tochter zu mir, wir unterhielten uns über Gott und die Welt, meine Reise und das Recyclebewußtsein der Deutschen. Während ich aß, hatte die Mutter nach einer Bleibe für mich erkundigt. Ergebis, Bekannte besitzen eine Businesshotel. So warteten wir auf den Herr des Hauses. Zudem hat die Tochter meine Buchung für Kubokawa sicher gemacht. Da ich ja nun früher ankommen würde und außerdem geplant hatte, länger zu bleiben. Mein Fahrrad in einen Kleinlaster geladen ging es los. Während der Fahrt haben wir und über Holzschnitzereien, dem Geschäft unterhalten.

Das Business Hotel war klein, ruhig, gemütlich, beruhigend. Nach einem heißen Bad und dem Film "Pretty Woman" bin ich erschöpft eingeschlafen.


Kubokawa

11.September

Ich bin heute recht spät aufgestanden und habe im Business Hotel gefrühstückt. Als ich weggehen wollte, hat einer der Angestellten einen Schreck bekommen und vermutlich gemeint, ich wolle ohne zu bezahlen abhauen, bis ihn die Empfangsfrau zurechtgewiesen hat.

Der heutige Anstieg war wieder sehr schwer, lang und steil. Als ich auf der Strecke eine Pause eingelegt hatte, ist mir der Vorderreifen geplatzt, im Stillstand! Mehr Glück hatte ich mit dem Wetter, es hat erst angefangen zu regnen, als ich das Hochplateau erreicht hatte.

In einem Kaffee "Kerun", zu Deutsch "Köln", habe ich dann einen Kaffee und eine Pizza gegessen. Es waren aber bis auf den Namen keine weiteren ausländischen Einflüße zu merken, auch nicht an der Pizza. Bei einem Gemüsehändler habe ich dann Weintrauben gekauft. Zum Teil ist es hier wie im Alten Land, an den Straßen stehen die überwiegend alten Frauen und verkaufen Gemüse, Maronen, Kaki (das ist eine japanische Frucht) und ähnliches. Es war ein wahrer Genuß die Trauben auf einer der leicht abschüssigen Straßen während des Fahrens zu essen.

Völlig erschöpft und durchnäßt bin ich dann in Kubokawa angekommen, auch hier war die Jugendherberge Teil eines Tempel. Wieder zu früh angekommen, konnte ich mich doch umziehen und in einem der Vorräume ausruhen. Als ich mich wieder einigermaßen fit fühlte, habe ich mich nach draußen gesetzt. Unter einem Dach relativ trocken konnte man dem Treiben der ankommenden Pilger sehr schön zusehen. Die sich abhetztenden Buspilger, der Mönch, den Businessman, die Familie und normalen Pilger.

Nach einem wunderbaren Bad habe ich bis zum Essen Manga gelesen. Wie schon in Hiwasa gab es auch hier eine ersehnliche Ansammlung an Comics, bei einem Tempel eher unerwartet. Das Essen war einfach wunderbar. Bei small talk mit den anderen Gästen habe ich dann erfahren, wieso einige auf diese Tour gingen. Es waren ganz "normale" Gründe wie Genesung einer schweren Krankheit, weil man gerade vor dem Studium steht und Zeit hat, in seinem Urlaub einen kleinen Teil abwandern, als "langes Gebet" für Glück und Erfolg.

Anfangs war ich noch alleine im Zimmer bis mir ein weiterer Gast zugeteilt wurde. Wir haben uns dann eine Weile unterhalten, bei Bier und Kracker.

12. September

Angeblich der letzte saubere Fluß Japans, habe ich heute im Shimantogawa gebadet. Er war wirklich kristall klar, eiskalt und mit einer angenehmen Strömung. Es war gar nicht so einfach, ein stillen Ort zu finden, viele Angler, unzugängliche Uferabschnitte machten die Suche etwas schwer. Inmitten der Idylle erschallte dann um 10 Uhr morgens aus einer nahegelegenen Fabrik Morgengymnastikanweisungen per Lautsprecher! Allerdings war dies die einzige Unterbrechung einen entspannten Tages.

Wie gestern klang der Tag mit einem angenehmen Bad, sehr leckerem Essen und einem Gespräch mit einer Mitreisenden aus. Es war sehr interessant mit der Motorradfahrerin zu reden, inwieweit sich die Erfahrungen eines Rad- und Motorradreisenden entsprechen.


Ashizuri

13. September

Die heutige Abfahrt hatte sich etwas verzögert. Wir, eine Schulklasse und ich, wurden zu einem Kaffee und Keksen eingeladen. Im Keller des Tempels, der eher wie eine gemütliche Bar aussah als vermuten lassen würde, daß man sich in einem Tempel aufhält.

Der erste Teil des heutigen Weges ging nur Bergab, ähnlich wie von Koyasan ging es heute zurück auf Normalnull, so daß ich über weite Strecken Serpentinen und eine einmalige Aussicht genießen konnte, zumal kein Verkehr war. Aus den Bergen heraus führte die Straße in eine weite Ebene, später ging es an dem Shimanto Fluß entlang an die Küste. Kilometerlange, weiße Strände mit Namen wie "großer Strand", scharenweise Surfer, Camper, 4 Radfahrer!

Irgendwo habe ich dann eine Abbiegung verpaßt und insgesamt einen 30 km Umweg gefahren. Die Idylle einer schönen Landschaft wurde nur durch die Faschos getrübt, die wie in Tokio in ihren schwarzen Bussen durch die Lande fahren und über Lautsprecher kaisertreue und kriegsverherrlichende Musik abspielen. Der letzte Abschnitt zur Jugendherberge und zum zweiten Kap auf Shikoku führte über eine sehr einsame Straße, wie durch einen grünen Tunnel von Wald umgeben. Auf der einen Seite erhebte sich wieder einmal ein Berg, wären auf der anderen Seite das Meer gegen eine zerklüftete Felsenküste brandete.

Der Ort selber war sehr touristisch erschlossen, mehr als das andere Kap. Gemeinsam war ein Tempel mit Jugendherberge, Wege um das Kap, unterschiedlich war die große Anzahl an Hotels mit Onsen, die vielen Touristen, 200m zum Meer abfallende Klippen, keine Lebensmittelläden. Und eine zweite Jugendherberge wo ich übernachten wollte. Zusammen mit einem Motorradfahrer, der übrigens den gleichen Umweg gefahren ist, haben wir fast 3 Stunden auf die Herbergsleitung warten müssen. In der Zwischenzeit habe ich mich im Ort und am Kap umgesehen, versucht, bei der zweiten Jugendherberge unterzukommen, mich mit dem Motorradfahrer unterhalten.


Sukumo

14. September

Wie der Wetterbericht vorhergesagt hatte, Sturm, Regen, Gewitter. Ich habe mich dann trotzdem für die Weiterfahrt entschieden. Bei starkem Regen, in kürze klatschnaß, langsam in Richtung Sukumo. So schlecht wie die Sicht und das Wetter waren, so beeindruckend war doch das Spektakel. Bei Blitz und Donner, Regen immer an der Küste entlang, die weiße Gischt brandete an die Küste und das Meer toste. Unglaublich. Die Straße führte durch Tunnels immer an der Felsküste entlang, stieg langsam über das Meer an. Glück im Unglück: Japaner sind vorsichtige Fahrer, es gab kaum Verkehr und ich hatte den ganzen Tag Rückenwind.

Als ich im Hinterland bei einer Bootswerft! eine kleine Pause eingelegt hatte, kamen mir zwei besorgte ältere Frauen aus dem Gebäude entgegen, fragten nach meinem Wohlbefinden, boten mir einen Stuhl an, was zu trinken und haben mir ein Handtuch geschenkt. Nach einer Pause, in der wir uns unterhalten haben, ging es weiter, bergauf.

Obwohl die Jugendherberge Sukumo zugeordnet wird, liegt sie doch ziemlich weit außerhalb. Die Annäherung an Sukumo, die Schilder haben immer die gleiche Entfernung angezeigt, hier 4 Kilometer, dann nochmal 8 Kilometer, wieder 5 Kilometer, bis ich die Stadt selber erreicht hatte. Jenseits der Stadt ging es genauso weiter, ich habe 3 mal nach dem Weg gefragt, es hieß immer, ja weiter, ca. 5 Minuten, dann 10 Minuten. Später gab es sogar von der Jugendherberge aufgestellte Schilder, 10 km, 5 km, 300 m links abbiegen, 300 m rechts abbiegen und das letzte Schild lautete:"gleich hast du es geschafft", sehr originell.

Dafür war der Empfang sehr herzlich, mir wurde erst ein Handtuch gereicht, dann ging es unter die Dusche, ich durfte mich ausruhen und dann kam der Papierkram. Der Rest des Tages, es regnete immer noch, die nassen Sachen aus dem Rucksack, total durchnäßt, aufhängen, essen, Manga lesen, schlafen.

Die Überraschung des Tages, eine Japanerin von der letzten Jugendherbe in Ashizuri kam am Abend an.

15. - 17. September

Es war mittlerweile die halbe Zeit meiner Reise und der Strecke verstrichen, so daß ich mich entschloß, ein paar Tage hier zu bleiben. Die Leute waren sehr nett, das Essen sehr gut, das Wetter sehr schlecht (bis auf einen Tag), die Gegend sehr schön und die ganze Jugendherberge ideal zum entspannen und ausruhen.

Den ersten Tag über war nur schönes Wetter. Den ganzen Tag bin ich angeln gegangen, sogar Fische gefangen und am Abend zubereitet bekommen. Im Fluß konnte man leider nicht baden, da die Strömung wegen des Regens zu stark war.

Der zweite Tag, halb Regen halb Trocken, wieder angeln gewesen, das Abendessen gefangen und ansonsten Manga gelesen. Hier gab es die bisher größte Mangasammlung. Am Abend kamen zwei weitere Gäste an, wobei ich das erste Mal den berüchtigten Osaka Dialekt gehört habe. Gehört, denn ich habe fast kein einziges Wort verstanden.

Der dritte Tag war total verregnet. Ich habe japanisch gelernt und Manga gelesen.


Uwajima

18. September

Der Niesel heute hat sich bis zur ersten Bergkette gehalten, danach war wieder schön trockenes Wetter. Die Straßenführung d.h. die Steigungen, war sehr angenehm, die Landschaft wunderschön. Immer neben meinem Angelfluß entlang, umgeben von bewaldeten Hängen. Später, auf einem Hochplateau, gab es einen Canyon, vom Fluß ausgewaschene, verformte Felsen, in den sanften Berghang gelegte Felder, kleine Orte, alles war Umgeben von einer Ruhe, traumhaft.

In Uwajima habe ich bei einem Tempel nach dem weiteren Weg gefragt und wurde gleich von einem freundlichen Mönch zu einem Saft eingeladen, er wollte mir auch noch etwas zu Essen bringen. Nachdem noch eine Angestellte dazukam, haben beide mir in einem englisch japanisch Gemisch den weiteren Weg erklärt. Jedoch genauso freundlich wie ich aufgenommen wurde, genauso bestimmend und entschlossen war die Unterredung bei einem Ende angelangt und es ging weiter.

Wieder war ich zu früh da, habe meine Sachen in der offenen Jugendherberge gelassen und mich in die Stadt aufgemacht. In einer Einkaufsstraße habe ich nach geeigneten Schuhen gesucht, habe endlich einen Panasonic Fahrradladen gefunden, in einem Sportgeschäft einen begeisterten Radfahrer kennengelernt und mich am Fischereihafen umgesehen. Das Schloß konnte ich leider nicht besuchen, es führte keine Straße hinauf.


Matsuyama

19. September

Mit 95 Kilometern ist dies heute die längste geplante Strecke gewesen.

Kurz nach Aufbruch habe ich bei einem Obststand mit Getränkeautomaten wieder mit Getränken und Obst versorgen wollen. Die Verkäuferin hat mich zu einer Pause eingeladen, mir Apfelsinen zum Essen gegeben und Small Talk angefangen. Woher, wohin, wie alt (ich), schon verheiratet, die wichtigen Fragen halt. Als es weiterging, schenkte sie mir noch ein paar Apfelsinen für die Weiterfahrt.

Die Fahrt selber war sehr angenehm, die Steigungen sanft, der Verkehr war das erste mal wirklich lebhaft. Als ich Nachmittags längere Zeit neben einem Fluß hergefahren bin, wollte ich unbedingt in das kühle Wasser eintauchen. Es war sehr heiß, der Fluß schien mir sehr verlockend zu sein. Es hat sich nur keine Gelegenheit ergeben. Bis ich eine neuangelegte Ufertreppe, abgesperrt, entdeckt habe. Dies hat mich nicht aufgehalten und so konnte ich das kühle Naß genießen und meine Füße und Seele baumeln lassen. Erst 100m weiter habe ich dann den offiziellen Rastplatz entdeckt.

Kurze Zeit später kam ein riesiger Parkplatz, Obst- und Gemüsestände, eine lange Schlange vor dem Eisverkauf, das als Spezialität verkauft wurde. Ich habe mich zu den Mengen gesetzt, meinen Joghurd getrunken und bemerkt wie ich angestarrt wurde. Bisher eigentlich das erste Mal.

Inmitten eines "Niemandslandes" tauchte an diesem Tag dann noch ein riesiger Kirchturm auf, wohl keine geweihte Kirche sondern vielmehr bestandteil eines Hochzeitshotels. Weiteres Highlight im "Niemandsland" war ein Schuhsupermarkt in der Nähe. Ich war immer noch auf der Suche nach Schuhen, konnte aber auch inmitten dieses riesigen Angebotes nichts finden.

Eine weitere Kuriosität heute, ein Marktplatz für Früchte, Obst und Gemüse. So ähnlich wie sonst immer durchgestylte Betonhäuser als Raststätten entlang den Bundesstraßen auftauchen, gab es hier mehrere Gebäude, einen großen Parkplatz und viel Andrang von Obstkaufwiligen. Aber es gab keine Sitzgelegenheit, um einem deutschen Radfahrer Rast zu geben. So mußte ich auf eine Bushaltestelle ausweichen und die rare Bank belegen.

Für eine 95 km Strecke war das Timing heute besser, 10min vor Toröffnung war ich bei der Jugendherberge angekommen. Heute war nicht nur der erste Tag mit Nennenswertem Verkehrsaufkommen, auch war es der erste Tag, das ich weitere Ausländer getroffen habe, einen Schweizer und eine Deutsche. Wir haben zusammen ein bißchen Klönschnack gehalten.

20. September

Die Jugendherberge in Matsuyama ist in dem Onsenstadtteil gelegen. Um die Jugendherberge gibt es viele große Hotels mit eigenen Onsen, aber die eigentliche Attraktion ist das alte Holzbad. Es gibt 3 verschiedene Kategorien, Bad, Bad und Tee, Bad und Tee und Essen. Ich hatte mich mit der Deutschen für die Bad und Tee Version entschieden. Man betritt das schöne alte Gebäude, nimmt seinen Yukata in Empfang und geht, getrennt, baden. Das Bad selber ist mit sehr schönem Marmor ausgekleidet, das Wasser nicht zu heiß und leicht mineralisiert, sehr angenehm. Der Umkleideraum, mit Tatami ausgelegt, das ganze Haus, sieht aus, als ob er aus einem Samuraifilm entsprungen ist. Altes, schwarz geschliffenes/poliertes Holz, sehr glatt und angenehm, große Flächen, einfach eine angenehme Atmosphäre. Nach dem Bad zieht man sich, bei der Tee Version, in das zweite Stockwerk zurück. In einem großen Tatami Raum wird einem der Tee und Gebäck gereicht. Man setzt sich in seinem Yukata gegenüber auf die Matten und unterhält sich. Oder läßt den angenehm kühlenden Wind vorbeistreichen. Die Außenwand, Shojii/Schiebetüren, waren aufgeschoben, so daß man freien Blick nach draußen hatte. Wenn nur nicht die modernen Hotelbauten die Sicht versperrt hätten. Aber auch so war es sehr angenehm, nach dem Bad langsam auszukühlen, seinen Tee zu trinken.

Die beiden anderen Highlights des Tages, die Burgbesichtigung und eine aufklappbare Uhr. Ich habe mir aber versprochen, das es die letzte besichtigte Burg war, denn irgendwie sehen sie doch alle gleich aus. Die Uhr hingegen war ganz lustig. Eigentlich ist es ein Turm, der hydraulisch in mehrere Ebenen und Stufen ausgefahren wird. Dann tanzen Puppen in diesen Ebenen und zufälligerweise gibt es noch eine Uhr, so daß man sehen kann, wann das nächste Ereignis eintritt.


Mit der Fähre nach Beppu, Yufuin

21. September

Ich mußte heute um 5 Uhr aufstehen, da es nur eine Fähre nach Beppu gibt, von Shikoku zur südlichsten der Hauptinseln, Kyushu. Der Fährhafen liegt ein gutes Stück außerhalb der Stadt und bei der dürftigen Ausschilderung hatte ich schon die Befürchtung falsch zu fahren. Wie sich zeigen sollte, war ich eine Stunde zu früh da und habe mich in die Wartehalle gesetzt. Da ich mit Fahrrad unterwegs war, mußte ich aus dem einen Gebäude wieder raus, ein Stück weiterfahren, in einem anderen Gebäude das Ticket kaufen und mich draußen anstellen. Zuerst habe ich auch noch am falschen Pier gewartet, bis ich zur Sicherheit nochmal nachgefragt habe.

Wie das letzte Mal nach Tokushima habe ich die meiste Zeit geschlafen. Nur um in Beppu bei Regenwetter aufzuwachen. Beppu hat seit dem ersten Japanbesuch eh schon schlechte Karten bei mir, und heute, bei Regenwetter, steilen Straßen in der Stadt wie in San Francisco, ist mein Eindruck auch nicht besser geworden.

Es ging von Meerenspiegel an aufwärts in die Berge, bei Regen und Gewitter, wieder einmal. Mittlerweile ist es auch kalt geworden. Auf der Hochebene angekommen, ging es zwischen weitläufigen Weiden weiter, lange, rollende Hügel auf beiden Seiten. Es soll Deutsche geben, die diese Landschaft mit dem Allgäu vergleichen. Allerdings ist es mir ein Rätsel, wie die auf die Idee kommen. Es läßt sich eine gewissen Ähnlichkeit feststellen, weitlaufende Weiden. Aber hier liegen einfach zu viele Felsen auf der Weide, die Büsche und das Gras wachsen zu hoch, und irgendwie stört der Vulkan in der Mitte. Yufuin selber liegt in einem Krater, zu dem wieder eine Serpentinenstraße hinabführte. Wegen des Regens konnte ich das Rad aber nicht laufen lassen, leider.

In Yufuin bin ich wieder an der richtigen Abzweigung vorbeigefahren. Die Straße war nicht ausgeschildert. Als ich dann doch bei der Jugendherberge angekommen war, war niemand anwesend. Wieder habe ich meine Sachen, diesmal in die Waschküche, abgestellt, umgezogen und bin in den Ort selber gegangen. Mittlerweile war es zum Glück trocken. Um den Bahnhof herum gab es eine Reihe von Souvenirläden, eine neuangelegte Einkaufstraße, aber von Onsen keine Spur.

In der Jugendherberge war inzwischen offen; anmelden, Sachen waschen, baden und relaxen. Es gab wieder Manga zu lesen, sogar die Fortsetzung einer Reihe aus Uwajima. Später kamen die anderen Gäste, ein Mönch, ein Mann (ca. 45-50) mit seiner Mutter, offensichtlich war er nicht verheiratet, mehrere Japanerinnen. Ich habe mich längere Zeit mit dem Mann unterhalten.

22. September

Onsentag, Badetag.

Nach Beratung mit der Herbergsmutter über die richtige Wahl des Onsen, habe ich mich entschlossen, einfach so viele wie möglich anzulaufen. Der Mönch hat mich zum ersten Onsen mitgenommen. Es ist ein einem Kunstmuseum angegliedertes Rotenburo, d.h. ein Onsen im Freien. Da es zu Beginn immer noch geregnet hat, habe ich mir erst das Museum angesehen, im Museumkaffee Kaffee getrunken. Man mußte sich selbst bedienen, es gab kein Personal, dafür konnte man sich aber Papier und Malstifte ausleihen und eigene Skizzen anfertigen oder Postkarten malen.

Zum Onsen mußte man sich beim Empfang wieder melden, dann wurde man zum Bad geführt. Es wurde einem erklärt, auf welcher Seite das ganz heiße Wasser in das Becken strömt und man wurde alleine gelassen. Das ganze Museum ist in Holz gebaut und macht einen "Öko/ Alternativ" Eindruck. Und so war auch das Onsen selber von Hand gebaut, aus besonderem Lehm, ein rundes Becken. Das Wasser war sehr angenehm. Umgezogen hat man sich in einem kleinen Holzhaus, ähnlich wie eine finnische Sauna und umgeben war das ganze von einem Bambussichtschutz.

Nach dem erfrischendsten Museumsbesuch ging es in das Onsengebiet weiter. Zum einen gehören die meisten, meist teuren Onsen noch teureren Ryokans an, aber es gab noch eine Reihe freier und öffentlicher Onsen. Und es gab eine Anzahl von Geschäften wie ich sie bisher nur in Tokio erlebt habe, wo man Plüschtiere, Teddys, Kitsch und allen möglichen Kram kaufen konnte. Das Publikum war entsprechend jung, alle sahen aus, als ob sie gerade Harajuku oder Setagaya entkommen wären. Natürlich gab es auch teure Kaffees, die lagen aber versteckt idyllisch in einem kleinen Wäldchen, während diese Geschäfte, wie eine Reihe von Galerien und Schmuckläden offen zugänglich waren.

An einem See mit ganz vielen Fischen und erstaunlicherweise keinen Anglern war ein weiteres Onsen. Es ist in einem kleinen Reetdachhaus gelegen. Was mich zuerst stutzig gemacht hat, es gab nur einen Eingang, seinen Obolus hat man in eine Blechstange entrichtet, aber nur einen Eingang? Ich wußte nicht, ob ich da einfach reingehen durfte, zumal Stimmen, männlich wie weiblich aus dem Inneren drangen. Erst als ein Japaner ankam, reinschaute und meinte alles sei o.k. bin auch ich eingetreten. Die Stimmen kamen von einem Ehepaar, was sich dann bei Erscheinen zweier weiterer männlicher Wesen auf den Weg gemacht hat. Es war tatsächlich ein gemischtes Bad, erstaunlich.

Es war zu einer Seite, der Seeseite hin offen, mit einem großen Becken im Innenraum und einem wirklich heißen Becken außerhalb.

Der Weg zum nächsten Onsen führte durch kleine Gärten, dem Busparkplatz und war weniger ein Onsen als Sento, ein öffentliches Bad. Das Abendessen versammelte schließlich wieder alle an einem Tisch, es wurde geklönt, ich habe ein neues Kartenspiel gelernt.


Entlang des Yamami Highway nach Mt.Aso

23. September

Am Morgen mußte ich erst eine Weile auf eine kurze Regenpause warten, bis ich losziehen konnte. Der Regen gehörte zu dem Taifunausläufer, der in den nächsten Tagen Kyushu erreichen sollte.

Da die Unterbrechung trotz allem nicht lange anhielt, ging es bei Regen und Gegenwind los. Die erste Auskunft nach dem weiteren Weg gestaltete sich etwas schwierig. Ich hatte jemanden angesprochen, der gerade mit seinen Kolleginnen einen Witz gerissen hatte. Jedenfalls konnte er sich nicht auf eine Antwort konzentrieren. Ein weiterer Mitarbeiter ist mir nachgegangen und hat mir die richtige Abbiegung gewiesen.

Wegen des Dauerniesels konnte ich von der Traumaussicht nicht viel sehen, die Sichtweite betrug schätzungsweise nur Hundert Meter. Aber auch so war die Strecke im ersten, verregneten Teil sehr schön. Yamami heißt "Bergsehen", ich konnte die Aussicht leider nur erahnen. Nach der ersten Bergkette hat dann der Regen auch schon aufgehört, es wurde nicht nur trocken, sondern wunderschön. Doch der nächste Anstieg kam, entlang einen Vulkanes, andauernd Schwefeldämpfe in der Nase, dachte ich schon, Mt. Aso erreicht zu haben. Weit gefehlt, es gibt in Kyushu mehrere Vulkane, dieser heißt Mt. Kuju. Die Abfahrt von dem Berg war Wahnsinn, wieder an einer Serpentinenstrecke, freie Sicht auf das flache Land davor und da es trocken war, habe ich das Rad laufen lassen.

Es war die zweite Übernachtung in der Jugendherberge bei Aso, ich habe die Zeit zwischen Ankunft und mit Einkaufen verbracht, Schreibzeug. Am nächsten Tag sollte der Taifun durchziehen und ich wollte die Gelegenheit der Zwangspause nutzen, einen Teil meiner Korrespondenz zu erledigen. Da es im Gegensatz zum ersten Mal, diesmal kein Essen gab, wurden wir zu einem Restaurant chauffiert. Es war teuer und nicht unbedingt gut. Da war der Obento Laden, wo wir uns anschließend für den nächsten Tag verpflegen konnten, viel besser. Und, ich war wieder unter Ausländern, ein Deutscher, eine Chinesin und eine schrecklich aufdringliche Canadierin. Ein weiterer Japaner war ebenfalls mit Fahrrad unterwegs, er hatte sich vorgenommen, ganz Japan mit dem Fahrrad abzufahren!


Kumamoto

24. September

Den Vormittag haben wir auf das Sturmende gewartet. Meine Mittouristen haben gegen Mittag etwas Panik bekommen, wann sie wie wohin wegkommen würden. Im Fernsehen häuften sich die Schadensmeldungen, Todesfälle mit Namen und Altersangaben, verwüstete Häuser, stehender Verkehr auf Straße und Schiene. Schließlich haben sie das Angebot der Wirtin angenommen, einen Teil des Weges nach Kumamoto mit dem Auto mitgenommen zu werden und von da aus weiter zu planen. Ich habe wie gesagt während des Vormittages Briefe geschrieben und mich gegen Mittag aufgemacht.

Eigentlich war die Strecke sehr angenehm, leicht abschüssig. Allerdings mußte ich wegen des vielen Mülls auf der Straße ungeheuer aufpassen. Und es gab wirklich viel Schaden zu sehen, umgewehte Bäume, offene, z.T. umgewehte Häuser, Scherben auf der Straße. Besonders nachher in Kumamoto war die Straße von Scherben übersät. Die Ampeln waren generell ausgefallen, die Polizei regelte den Verkehr.

Nach dem Einchecken habe ich mich nochmal in der Innenstadt von Kumamoto umgesehen. Wir waren ja mit dem DAAD während unserer letzten Exkursion schon mal hier, eigentlich nur am Schloß und im berühmten Garten. Ein neues Tor hat es im Sturm umgeworfen. Es war einfach zur Seite gekippt und am Boden zerschellt.


Mit der Fähre nach Shimabara, Takeo Onsen

25. September

Die Fahrt war länger als gedacht. Zuerst zum Fährterminal, aus der Stadt an die Küste. Erstaunlicherweise war der größte Müll von den Straßen geräumt. Zwar hatte ich gestern meist in der Innenstadt die Menschen mit dem Besen in der Hand gesehen, aber es hat mich doch überrascht das es so schnell ging.

Die Gegend in Richtung des Terminals erinnert sehr stark an die Niederlande, weites flaches Land und eine große Anzahl an Kanälen.

Während der Überfahrt, diesmal nicht mit dem Tragflächenboot sondern mit einer normalen Fähre, habe ich mich mit einer Motorradfahrerin unterhalten. Die Straße führte an der Küste in einem langen Bogen entlang. Man konnte andauernd das Zwischenziel erkennen, die Stadt am Ende, trotzdem schien der Weg nicht aufhören zu wollen. In einem Park habe ich dann ein erstes Schlümmerchen gemacht.

Auf der Weiterfahrt gab es noch einen dramatischen Augenblick. Ich mußte unbedingt aufs Klo und konnte absolut keine Gelegenheit finden. Schließlich habe ich mich noch in ein Örtchen eines Restaurant retten können, aber es war wirklich sehr knapp.

Nach der Stille von Shikoku und der Strecke bis nach Aso war es heute sehr geschäftig. Lange Baustellen, entlang des Binnensees ein Ort nach dem anderen, Hinweisschilder auf Flughäfen (Nagasaki), Autobahnen, es gab keine Ruhe. Es mußte erst wieder in die Berge gehen, um stiller zu werden. Ein weiterer langer Aufstieg inmitten von grünen Bergen, aber die Beschaulichkeit und Ruhe der vergangenen Tage habe ich vermißt.

In Takeo Onsen habe ich dann die Bikerin aus Uwajima wieder getroffen, diesmal in Begleitung. Ich habe sie zuerst nicht wiedererkannt. Und es waren 3 Deutsche Touristen da.


Dazaifu

26. September

Die Strecke nach Dazaifu war ein Klacks, ich bin zwar früher als die Biker aufgebrochen, aber trotz allem früher angekommen. Und was sich während des letzten Tages schon angedeutet hat, die Idylle war zuende, das japanische Stadtbild hatte mich wieder eingeholt. Weitläufige Häusermeere, ausgebaute, mehrspurige Straßen.

Dazaifu selber ist wunderschön. Die Tempelanlagen und in der Nähe angesiedelten Sehenswürdigkeiten sind alle im Grünen gelegen. Aber trotz allem, Touristen wuselten, es gab die obligatorischen Geschäfte für Souvenire, religiösen Gegenständen, Keramik, Stadtverkehr.

Ich habe einen Teil des berühmten Mongolenwalles besucht, allerdings kann es sich nur um einen Nebenarm gehandelt haben, der Wall wurde als Plantage genutzt. Der Mongolenwall war das Ende eines Wanderweges, der an Ausgrabungsstätten, Museen und alten Tempeln vorbeiführte.


Kokura

28.September

Ich wollte noch ein letztes Mal der "Zivilisation" entfliehen und habe meinen Weg so gelegt, daß ich nicht über Fukuoka auf der Bundesstraße nach Kokura gefahren bin, sondern, über die Berge und einer Reihe kleinerer Straßen, bis sich das Unvermeidbare nicht mehr umgehen läßt und ich Kitakyushu erreicht habe.

Der erste Eindruck von Kitakyushu war eine Autoverliebtheit. Ich hatte noch nie so viele aufgemotzte Autos gesehen wie hier. Die dichter werdenden Häusermeere haben mich da weniger gestört, aber der dichte Autoverkehr, den war ich nicht mehr gewohnt.