Wo ist Japan. Von Kagohima nach Fukuoka.
Wo ist Japan?
Die diesjährige Exkursion führte uns nach Kyushu. In Kagoshima beginnend ging es eine Woche lang mit dem Bus nach Hakata. Ein sehr ausgewogenes Programm aus Kultur und Firmenbesuchen, jeden Tag Station in einer anderen Stadt, einem anderen Ryokan, Hotel. Kultur heißt Schreine, Mount Aso, z.B. der Besuch eines excellenten japanischen Restaurants, des Suizenjii-Koen, der Burg von Shimabara, Töpfereimanufakturen. Die Firmen waren ein ebenso gesunder Schnitt, Schiffbau (Mitsubishi), Industriekeramikhersteller (Kyocera), Chemieunternehmen (Dojindo Laboratories) um nur einige zu nennen.
Aber ich wollte weniger die einzelnen Stationen beschreiben, als vielmehr von einer Reise anderer Art berichten. Man bekommt oft zu hören, Tokio ist nicht Japan, was ist also naheliegender, bei einer Reise mit dem Bus durch die Provinz "Japan" entdecken zu wollen? Da die Schwierigkeit natürlich darin besteht, Japan zu definieren, habe ich mir erlaubt, exemplarisch einige Beobachtungen dieser Reise herauszugreifen.
Zu Beginn der Blick aus dem Bus. Was wir zu sehen bekommen haben war in gewissem Maße sehr erschrekkend und zum Teil ernüchternd. Denn sobald wir in den Umkreis eine größeren Ortschaft gekommen sind, war das Straßenbild gleich, "amerikanisch" anmutend. Es bestand aus vielen quadratischen funktional angelegten Pashinkohallen, Hotels, Malls, Einfallstraßen. Große Industriegebiete zerstörten unsere Illusion von den kleinen beschaulichen Orten. Teilweise sah es genauso aus wie Tokio.
Es gibt die kleinen beschaulichen Bauernhäuser noch, aber auch die Neubauten auf dem Land gleichen immer mehr dem Einheitsmuster aus den Vorstädten. Hingegen sammelten sich an exponierten Naturschauplätzen wie der Mt. Aso Krater die Touristen Busladungsweise, so daß man immer von Menschen zu umgeben scheint, in der Stadt wie auf dem Land.
Überhaupt scheint sich die Natur in Japan auf die steilen Flächen zu konzentrieren, an denen kein Gebäude stehen kann. Wiederum die Ebenen mit ihren Anbauflächen, aufgereihten Gewächshäusern, den brennenden Müllhaufen kaum das Auge entzücken konnten.
Findet man Japan in Hotels? Vielleicht, in den Ryokans eher als in den westlichen Hotels. In ersteren gab es japanische Menüs, Sento zum entspannen, Futons zum wohlfühlen. Von der Straße, den Besuchen, der Gegenwart von Terminen einzutauchen in die Stille der Ryokans, bei dem den Augen gefällig angerichteten Delikatessen jeden Abend, schienen wir in eine andere Welt zu betreten. Das Sento, Bad, ist eine wunderbare Einrichtung, man unterwirft sich dem Ritual des Waschens, des sich in das warme Wasser Eintauchen und Entspannens, um sich dann, in Yukata gekleidet, den Gaumenfreunden hinzugeben. Ich weiß zwar nicht, wieviele Japaner dies noch so zelebrieren, mir erschien es aber sehr japanisch.
Findet man Japan in den Firmen? In gewisser Weise. Sicherlich haben wir mit den Besuchen nur einen oberflächlichen Einblick in die jeweilige Firma erhalten. Was aber aufschlußreich war, der Umgang mit uns als Besuchern. Das Programm, typisch Japanisch wohl, die Begrüßung, ein Firmenvideo, evtl. ein Rundgang, Fragen und Antworten. Die Videos haben wiederholt eine "Verbundenheit" mit der Natur hergestellt, die nur in einem Fall beeindruckend demonstriert wurde. Wir wurden in der Regel von einem Mann/Frau Team begleitet, der Kaffee oder Tee während der Videosessions wurde immer von Paaren von uniformierten Schönheiten unter großer Rücksichtnahme ausgeteilt.
Der Unterschied der einzelnen Firmen war trotz allem groß. Er zeigte sich in der Sprache, Keigo oder nicht, der Ausführlichkeit der Antworten, der Herzlichkeit des Umganges. Dabei war die Übergabe einer wunderbaren Keramikarbeit als Gastgeschenk die überraschende Ausnahme.
Findet man Japan in den Menschen? Auf jeden Fall. Während des Besuches des kleinen japanischen Restaurants in Kumamoto, war es eine Freude der Zusammenarbeit der Frauen zuzusehen, mit welcher Umsicht, Rücksicht und Höflichkeit umgegangen wurde. Ein außergewöhnliches Beispiel an Einsatz zeigte ein Gastwirt, der nach Feierabend in einem kleinen Ort Torte und Kerzen hervorzauberte, als er erfuhr, das an dem Tag einer von uns Geburtstag hat. Und wo außer in Japan wird man winkend von den Firmenangestellten verabschiedet?
Weiter wurde uns während unserer abendlichen Ausflügen noch nie so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie auf Kyushu, das schließt größere Städte wie Nagasaki sogar ein.Wenig Rückhaltung hat z.B. die Sicherheitsfrau einer kleinen Baustelle (die, die Fahnen schwingen und den Verkehr lenken) gezeigt, die ob des Anblicks eines Busses voller Gajin/In fahnenschwenkend Luftsprünge vollführt und gelacht hat!
Um noch einmal tief in die Vorurteilkiste zu greifen, wenn man an Japan denkt fallen einem unweigerlich die Samuraifilme ein, Burgen, edle Kämpfer und elegante Schwertkämpfer. Man denkt an Kalligraphie, Teezeremonie, Karate und Judo. Besteht Japan nur aus seiner Geschichte, trinken alle Japaner Tee? Die Geschichte Japans scheint nur aus der Edo Zeit zu bestehen, die Samuraihäuser in Shimabara spiegelten einen Teil dieser Zeit wieder, ebenso wie die Ausstellungstücke des nahegelegenen Museums. Sind die Japaner die hartarbeitenden Perfektionisten? Nun zumindest das Bild der Perfektionisten hat einen Kratzer erhalten, als wie die falschherum aufgehängte Deutschlandfahne entdeckt hatten.
Vielleicht sollte man daher nicht Fragen, "Wo ist Japan", sondern vielmehr, "Was ist Japan". Japan ist das, was man aus seinen persönlichen Erfahrungen, Wissen und auch Vorurteilen hineininterpretiert. Mein Japan findet man in den kleinen Details, im alltäglichen, den Gesten, mein Japan Ist, es ist das Gelebte, das man Erfährt.
Man braucht nur einen kleines Stück Abseits der Touristenorte zu gehen und es tut sich einem eine ganz andere Welt auf. Spielende Kinder, die kleinen Geschäfte, Szenen des alltäglichen Lebens. Es ist, als wenn man hinter eine Fassade blickt, ähnlich wie an den großen Straßen, die erste Häuserreihe spiegelt einem ein westliches Bild vor, aber schon ein Straßenzug weiter eröffnet sich der Blick auf die "typisch japanischen Häuser" oder ganz unvermutet auf eine schöne Küstenlandschaft. Dann findet man auch abseits der Hauptstraßen alte Zentempel oder einen unter einem kleinen Wasserfall in einer wunderschönen Waldlandschaft angelegten Schrein, nahe der Straße in einer Kurve gelegen, der von dem Reisenden, so er aus dem Auto steigt, genossen werden kann.
Vielleicht sollte man mal eine Reise durch Japan nicht entlang der Oberfläche machen, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, sondern vertikal. Man sucht sich einen Punkt aus und fängt an zu schälen, eine Schicht nach der anderen, man entdeckt immer wieder etwas Neues. Aber sind wir nicht dazu da, die Schichten Tokios zu entdecken, einen Teil des erlebten ländlichen Kyushus in dem "Hektikschatten" der Großstadt, wenn die Kinder zur Schule gebracht werden und sich die Abiturientinnen stolz in ihrer Festkleidung den Freundinnen und Eltern präsentieren, wenn zur Pflaumenblüte ganze Parkanlagen bevölkert sind, in den kleinen Geschäften abseits der Hauptstraßen Tatamimatten geflochten oder in Handarbeit Möbel gefertigt werden, man sieht in Kimono gekleidete Schönheiten Neujahr zum Tempel gehen, im Schatten von Hochhäusern im grünen stehende, von Vogelgezwitscher umgebene Tempel dem überraschten Fremden Einblick in eine andere Welt bieten.
Was mich wieder zu der Ausgangsfrage bringt, ist Tokio Japan? Vielleicht doch nicht ganz, aber man findet Japan in Tokio, man muß nur suchen.