Traue keiner Studie...

Im Rahmen meines Studiums muss ich mich auch mit Statistik beschäftigen. Schon nach kurzer Zeit fängt man automatisch damit an, jeder in irgendwelchen Zeitungen veröffentlichten Studie grundsätzlich zu misstrauen. Oft zu recht.

Dabei ist die Studie an sich meistens völlig in Ordnung, nur werden ihre Ergebnisse von den Journalisten durch seltsame Grafiken (sog. "chart junk"), unklare Tabellen, verdrehte Aussagen, Auslassen von Informationen oder einfach durch schlichte Fehler (oder Vorsatz) so umgemodelt, dass die Schlüsse daraus im besten Fall völlig unsinnig, im schlimmsten mit negativen Folgen behaftet sind.

Eigentlich müsste jeder, der Zeitung liest, einen Grundkurs Statistik belegen, aber ich bin ja auch für selektives Wahlrecht und einen Elternführerschein... einfach hoffnungslos optimistisch.

Wie ich gerade jetzt auf das Thema komme?

Im Moment geistert eine
Theratalkstudie durch die deutschen Medien.
Dank
B.Z., Abendzeitung, Berliner Kurier, Augsburger Allgemeine, Oe24.at, Men's Health und natürlich auch BILD online dürfen wir uns alle über die Ergebnisse empören: 55 % aller Frauen und 49 % aller Männer gehen fremd! Das ist ja wirklich unglaublich, und oha: Die Frauen sind ja schlimmer als die Männer!

Ich hatte zwei der Artikel gelesen und mich sehr gewundert, konnte bisher allerdings die Originalstudie noch nirgendwo finden. Aber jede zweite Frau? Also neee...

Dankenswerterweise brachte der von mir sehr geschätzte
BILDblog schließlich Licht ins Dunkle. Er verweist auf sueddeutsche.de, wo in einem Interview mit einem Theratalkvertreter nämlich nachzulesen ist, was wirklich dran ist am deutschen Sodom und Gomorrha:


sueddeutsche.de: Eine Tageszeitung titelte kürzlich: "Jede zweite Ehefrau geht fremd" ...
Beer: Woher wissen die das?
sueddeutsche.de: Die berufen sich auf Ihre Theratalk-Studie.
Beer: Dann haben die wohl etwas falsch verstanden.
sueddeutsche.de: Moment, in dem Artikel steht, dass 55 Prozent der Frauen und 49 Prozent der Männer schon einmal eine Affäre hatten.
Beer: An unserer Studie nahmen aussschließlich Untreue teil. Davon sind 55 Prozent Frauen, 45 Prozent Männer. Mit dem Anteil der Untreuen in der Gesamtbevölkerung hat das nichts zu tun.


Ich weiß es. Und ihr wisst es auch. Und auch die Leser von sueddeutsche.de und BILDblog. Aber das ist leider eine Minderheit. Ich bin mir sicher, es gibt genug Leute, die jetzt mit dieser "Erkenntnis" durch die Gegend laufen und ihre Ehefrau misstrauisch beäugen.

Volksverdummung ist ja so einfach...