Ingrid Lange
HERZ(ch)EN
1
Nur wenige Zentimeter vor seinen Augen wippten die roten
Locken. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber er kannte es genau. Seine
Erinnerung projizierte blaue Augen unter blonden Brauen, eine ein wenig zu
breite, von Sommersprossen überpuderte Nase. Auch der Mund war zu breit -
nun ja, ein wenig nur -, aber wie verführerisch lockten die Lippen!
Er träumte seinen Lieblingstraum: Er lief mit ihr
durch die Wiesen und Wäldchen vor der Tür, er hielt ihre Hand, sie
lächelte ihn an, lehnte sich an einen Baum, wartete, lächelte. Er kam
näher, näher, näher. Er streichelte ihre Arme, ihre Brust,
küßte sie. Ihre weit ausgeschnittene Bluse ließ sich leicht
von den Schultern streifen. Er...
„Peter!“
Er fand sich in der Wirklichkeit wieder. Zusammen mit
achtzehn anderen Schülerinnen und Schülern hockte er in der elften
Klasse des Internatsgymnasiums Scheeßel in der Deutschstunde. Seine
Angebetete saß immer noch vor ihm, war aber in unerreichbare Fernen gerückt.
„Warum bleibt Möbius freiwillig im
Irrenhaus?“
Ja, warum nur? Möbius - das war einer der drei
Physiker in Dürrenmatts Komödie. Soviel immerhin hatte er
mitbekommen, obwohl er das Stück natürlich nicht gelesen hatte. Er
hatte noch nie eine Deutschlektüre gelesen, das wäre gegen seine Ehre
gegangen. Warum blieb jemand freiwillig im Irrenhaus? Warum blieb er in diesem
Internat? Papa hatte es sich leicht gemacht: Sohn versagt auf einem
„ordentlichen“ Gymnasium, ist zu Hause etwas schwierig - schon wird
er ins teure ferne Internat abgeschoben. Luxusknast. Was sollte er hier? Warum
blieb er freiwillig im Irrenhaus? Um darüber nachzudenken, warum ein
anderer, den er nicht kannte und der ihn nicht interessierte, freiwillig im
Irrenhaus blieb? Das war ja eine Geschichte aus dem Irrenhaus...
Unwillkürlich mußte er lachen.
„Peter!“ In der ärgerlichen Anrede schwang kaum hörbar ein
besorgter Unterton mit. „Lustig finde ich das überhaupt nicht. Weder
kann ich darüber lachen, daß Sie wieder einmal Ihre Hausaufgaben
nicht gemacht haben, noch sind Möbius‘ Motive komischer Natur. Ich
möchte nach der Stunde mit Ihnen reden. Und jetzt“ - die
Lehrerinnenstimme machte eine Pause, die Lehrerinnenaugen suchten einen guten
Schüler, mit dessen Hilfe der Stunde noch zum Erfolg verholfen werden
konnte -“kann uns hoffentlich Sark weiterhelfen: Warum bleibt Möbius
freiwillig im Irrenhaus?“
Felix Sark, der Musterschüler, wußte
natürlich alles: „Möbius ist der beste Physiker der Welt. Er
hat Naturgesetze entdeckt, mit deren Hilfe die Welt völlig revolutioniert
werden könnte. Möbius befürchtet, daß seine Entdeckungen
mißbraucht werden, wenn er sie veröffentlicht. Er denkt, die
Menschheit sei noch nicht so weit, mit neuen, riesigen Machtmitteln
verantwortungsvoll umzugehen. Deshalb will er, wie er sagt, ‚sein Denken
zurücknehmen‘, und zieht sich als scheinbar Irrer aus der Welt
zurück.“
„Sehr gut!“ sagte die Lehrerin.
„Arschloch!“ dachte Peter Schrader. Zweifellos meinte er
Felix Sark, zum Teil aber auch Möbius und die Lehrerin. Der rote
Lockenschopf vor ihm schwenkte zur Seite, ihr Profil erschien. Ihr
wunderschönes Profil! Ihr Gesicht, so fand er, war am schönsten, wenn
sie lächelte. Jetzt lächelte sie. Sie lächelte an ihm vorbei.
Ihr strahlender Blick traf Felix Sark.
„Arschloch!“ dachte Peter Schrader zum zweiten
Mal. Und noch etwas schoß ihm durch den Kopf: „Ich muß hier
weg!“
2
Meinhard Schrader fürchtete sich. Er haßte
dieses Gefühl. Glücklicherweise brauchte er es nur selten zu
ertragen. Angst war eine Reaktion auf bevorstehende Situationen, bei denen er möglicherweise
nicht alles unter Kontrolle haben würde. Bei der Hauptversammlung der
Volkswagen AG bestand diese Möglichkeit, das wußte er nur allzu gut.
Der Name ‚Volkswagen AG‘ war ein
Anachronismus. Korrekt hätte der Konzern
‚Volkswagen-Audi-Porsche-Rolls Royce-Nissan-KIA AG‘ heißen
müssen, aber dieses Namensmonstrum hatte sich nie durchgesetzt. In anderer
Beziehung war alles beim alten geblieben: Der Firmensitz war nach wie vor in
Wolfsburg, und immer noch wurden die Autos von Verbrennungsmotoren angetrieben.
Schrader lehnte sich zurück und versuchte sich zu
entspannen. Er machte es auf seine Weise. Seine zweite Frau hatte versucht, ihn
zu autogenem Training zu überreden, und seine dritte hatte ihn gar
für Yoga begeistern wollen. Da er damals verliebt gewesen war, hatte er
sich darauf eingelassen; bald aber fand er es lächerlich. Alle Wärme
und Energie im Solarplexus zu versammeln oder gar wie in der Turnhalle die
Beine ineinander zu verwickeln beziehungsweise auf dem Kopf zu stehen war unter
seiner Würde.
Er atmete tief ein und stoßweise wieder aus. Das
entspannte und fiel nicht weiter auf - noch nicht einmal Wulfert vorne am
Steuer würde es bemerken können. Dabei ging er im Kopf sein
selbstgebasteltes Drei-Punkte-Programm durch. Drei positive Aspekte pflegte er
sich vor brenzligen Situationen deutlich zu machen, möglichst der
jeweiligen Lage angemessen. Er hatte damit gute Erfahrungen gemacht.
Punkt eins: Das Humankapital Meinhard Schrader. Nicht
umsonst stand er immer noch täglich vor dem Spiegel und übte Gestik
und Mimik für große Auftritte. Das hatte er auf dem
Personality-Beratungskurs gelernt, den er vor mehr als zwanzig Jahren besucht
hatte. Gutes Geld hatte das gekostet; es hatte sich aber auch gelohnt. Er
wußte jetzt, wie er sich am besten verkaufte, und er machte es sich immer
wieder bewußt. Offener, direkter Blick. Langsame, aber durchaus
raumgreifende Bewegungen.
Aufrechte und zugleich entspannt wirkende Haltung. Und einen Vorrat von
Reaktionsmustern, mit deren Hilfe er immer den Eindruck erwecken konnte, Herr
der Situation zu sein, weil er durch sie Zeit zum Überlegen gewann.
Punkt zwei: Die wirkliche Selbstsicherheit. Vor ein paar
Jahren, nach seiner zweiten Scheidung, hatte er sich in Bad Soden durch die
Checkmühle drehen lassen. Es war ein anstrengendes verlängertes
Wochenende gewesen: Basisdiagnostik, EEG, Belastungs-EKG, Ultraschall
überall und ein komplettes Laborscreening. Danach wußte er Bescheid:
Das Ergebnis war gar nicht so schlecht für einen Mann seines Alters - und
seiner Lebensweise. Aber das Herz war der Schwachpunkt.
Zuerst war er erschrocken, als er die Resultate
hörte und auch gesagt bekam, was das vermutlich für seine Zukunft
bedeutete. Bald aber lernte er das Lachen wieder. Er erfuhr eine Menge
über die Relief AG und deren Service. Er schloß einen Vertrag ab und
fühlte sich seitdem sicher.
Punkt drei: Das akute Problem. Trotz aller
Schwierigkeiten hatte die Autoindustrie die Qualitäten eines
Stehaufmännchens. Natürlich wußte jeder, daß es zur
Normalität gehörte, auf den Straßen zu stehen, anstatt zu
fahren. Daß der CO2-Ausstoß
des Individualverkehrs den Treibhauseffekt beschleunigte, lernte zu seinem
Leidwesen jedes Kind in der Schule. Trotzdem: Der Absatz stieg weiterhin und
hielt sich im Rahmen normaler konjunktureller Schwankungen.
Seine eigentliche Sorge galt nicht dem
durchschnittlichen Autofahrer, sondern den Politikern. Ständig lebte die
Autoproduktion unter dem Damoklesschwert irgendwelcher Einschränkungen,
schlimmstenfalls eines Verbots. Mit Schaudern erinnerte er sich an das
Schicksal der Tabakindustrie vor einigen Jahren. Erst Einschränkung der
Werbung, dann Werbeverbot, dann zunehmende Rauchverbote bis zur völligen
Prohibition.
Vor vier Wochen hatte ihn ein Gespräch mit
Innenminister Hinkel jedoch beruhigt. Natürlich hatte er dabei für
das passende Ambiente gesorgt.
Hinkel war Feinschmecker wie Schrader auch, und er hatte sich in Paris
im „Tour d‘argent“ nicht lumpen lassen. Hummer, Lamm und und
ein 2000er Beaujolais hatten sie schnell eine gemeinsame Basis finden lassen.
Die Bundesregierung steht fest hinter der deutschen Autoindustrie. Sie wird
irgendwelche Einschränkungen nicht zulassen. Das hatte er zwar nicht
schwarz auf weiß, aber Hinkel hatte am Ende dieses erfolgreichen Abends
einen Scheck eingesteckt, der zumindest eine gewisse Sicherheit garantierte.
Schrader war zufrieden. Den Gedanken, daß
letztlich nicht die Bundesregierung über das Schicksal der Autoindustrie
entschied, ließ er jetzt nicht aufkommen. Er hatte Selbstzensur gelernt.
Es konnte losgehen.
„Es ist offensichtlich, meine Damen und Herren,
daß die Ertragslage unseres Unternehmens sich sehen lassen kann. Die
Absatzflaute und der Gewinneinbruch der letzten beiden Jahre sind
überwunden. Dazu haben unsere Modellneuentwicklungen zweifelsfrei
beigetragen. Der „More“ verkauft sich auf den europäischen wie
auf den internationalen Märkten blendend. Mit diesem Modell haben wir
bewiesen, daß unser Werbeslogan „More is less“ keine leere
Versprechung enthält: Dieses Auto bietet bei weniger Verbrauch mehr passive
Sicherheit, mehr Platz, mehr Komfort. Wir sind damit der internationalen
Konkurrenz, auch der chinesischen, die uns in den letzten Jahren den
größten Kummer bereitet hat, wieder eine wichtige Nasenlänge
voraus.“
Beifall rauschte auf. Meinhard Schrader nutzte die
Gelegenheit für einen Schluck Wasser, bevor er weitersprach.
„Auch für die Zukunft macht sich die
Volkswagen AG keine Sorgen. Die fünfte Runde des
Lopez-Memorial-Rationalisierungsprogramms, an dem sich die Belegschaft aktiv
beteiligt, ist vor wenigen Tagen eingeläutet worden. An ihrem Ende werden
wir in der Lage sein, 15 000, vielleicht auch 20 000 Arbeitskräfte
freizusetzen. Das wird die Gewinnentwicklung weiter verbessern.“
Der Beifall, der jetzt aufbrandete, hätte Zeit
genug gegeben, mindestens zwei Gläser Wasser zu leeren, aber Schrader
begnügte sich damit, im Applaus zu baden. Gleichzeitig bereitete er sich
auf die schwierige Passage vor, die er jetzt bewältigen mußte.
„Meine Damen und Herren, wie Sie wissen, ist unser
Konzern auch in bezug auf die Rahmenbedingungen des Individualverkehrs
innovativ. Ein gesamteuropäisches Verkehrsleitsystem, das wir in
Zusammenarbeit mit Siemens-IBM entwickeln, ist der Laborphase entwachsen und
kann demnächst regional erprobt werden. Dieser Regionaltest dürfte beweisen,
daß die sich in letzter Zeit häufenden Störfälle im Reise-
und Transportverkehr beherrschbar sind. Wir gehen davon aus, daß nach der
Installation der neuen Technologie jeder Verkehrsteilnehmer sein Ziel wieder im
Rahmen der Parameter erreichen kann, die das inzwischen Jahrzehnte alte, aber
dennoch immer noch bewährte Programm ‚Route 66‘ vorgibt.
Ich danke Ihnen. Für Fragen stehe ich Ihnen
selbstverständlich zur Verfügung.“
Oh nein. Keineswegs stand er selbstverständlich zur
Verfügung. Am liebsten wäre er weggelaufen. Am zweitliebsten
hätte er gewünscht, beten zu können: ‚Oh Gott, laß
niemanden Fragen stellen.‘ Aber beten konnte er schon lange nicht mehr.
„Herr Schrader, ich habe eine Frage. Ich
würde gerne wissen, welches Gewicht die Volkswagen AG der Initiative der
Gruppe 178 in der UNO beimißt.“
Nun war es also passiert.
„Wie Sie alle wissen, stellt die Gruppe 178 nur
etwa ein Drittel der
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Ich möchte keine Wertung
vornehmen, erlaube mir aber doch die Bemerkung, daß die Mitglieder dieses
übrigens äußerst losen Zusammenschlusses nicht gerade zu den
entwickelten Staaten dieser Erde gehören. Wenn die Malediven, Bangladesh
und ähnlich unbedeutende Staaten ein weltweites Verbot des individuellen
Autoverkehrs fordern, messe ich dem keine Bedeutung bei. Ich frage Sie: Wer in
diesen Staaten fährt denn schon Auto?“
Selbst für das dünne Gelächter, das sich
aufgrund dieses mageren Scherzes erhob, war er dankbar.
„Es gibt keinen Grund für die UNO, am Status
der Volkswagen AG und anderer Autoproduzenten auch nur das Geringste zu
ändern. Nicht die Autofahrer ändern das Weltklima, im Gegenteil.
Denken Sie daran: ‚More is less‘! Wir leisten unseren Beitrag dazu,
daß die Welt lebenswert bleibt - für Bangladeshis wie für
deutsche Autofahrer!“
Jetzt war der Beifall wieder dicker. Der Frager gab auf.
Niemand wollte mehr wissen. Alle hatten zu hören bekommen, was sie
hören wollten. Der Geruch von heißen Würstchen zog durch den
Raum. Es war die Zeit für Hot Dogs und Diskussionen über die beste
Kapitalanlage.
„Meine Damen und Herren, das Buffet wartet auf
Sie!“
Der Saal leerte sich. Schrader klammerte sich ans
Rednerpult und spürte sein Herz.
3
Gesa Pupfishs Finger zitterten. Das normalerweise
sorgfältig frisierte silberne Haar mit dem in Amerika immer noch beliebten
Blaustich hing ihr in die Stirn, in die sich die Altersfalten tiefer als sonst
einkerbten. Quasi zum Ausgleich traten die Tränensäcke unter ihren
Augen, die sie sonst sorgfältig wegschminkte, deutlich hervor. Gesa Pupfish war 55 Jahre alt, und die
schlaflose Nacht steckte ihr in den Knochen. Und die Angst. Daran hatte auch
der Whisky nichts ändern können, den sie entgegen ihrer Gewohnheit
schon am Vormittag getrunken hatte.
Seit einer halben Stunde starrte sie auf das Telefon.
Sie hatte keinen Mut. Aber es mußte sein.
1-800-800-800.
Die Verbindung kam sofort zustande.
„Relief AG, guten Tag. Mein Name ist Jill Klein.
Wir machen alles für Sie möglich. Womit kann ich Ihnen dienen?“
„Ich...ja...guten Tag. Ich...ich rufe wegen meines
Mannes an. Ich habe hier Ihren...Ihren Katalog vor mir. Das klingt ja alles
ganz schön und gut, was Sie da schreiben, aber es stehen keine Preise
drin.“
Die Stimme versagte ihr.
„Wir behandeln unsere Klienten ganz individuell.
Preisangaben wären deshalb nutzlos. Am besten sagen Sie mir einfach, woran
Sie interessiert sind.“
„Ihr Produkt Nr. 1 - mein Mann hätte
Interesse daran. Er ist 59 Jahre alt, fast 60. Und er bräuchte es
bald.“
„Ein Dringlichkeitsfall - kein Problem. Relief hat
immer frische Ware, aber natürlich erhöhen sich unsere Kosten, wenn
wir die Lieferung eines Produktes nicht mit den anderen Waren verbinden
können, die sich jeweils zusammen in einer Funktionseinheit befinden.
Warten Sie - ich schaue gerade im Computer nach. Produkt Nr. 1 - morgen
geliefert - das wären 1.5 Millionen $. In drei Tagen kommt Sie die
Angelegenheit günstiger: Nur noch 1.2 Millionen $. Ach ja, und hier sehe
ich etwas ganz Interessantes: Wenn Sie vier Wochen warten können, wird
Relief Sie für 750000 $ bedienen. Selbstverständlich sind das
Komplettpreise: Stationäre Behandlung, Transplantation und Nachsorge
eingeschlossen.“
Die freundliche Telefonstimme verstummte. Auch Gesa
schwieg. Die Summen, die sie gerade gehört hatte, verschlugen ihr den
Atem. Sie übertrafen ihre schlimmsten Befürchtungen.
„Hallo, sind Sie noch da?“ Jill Klein.
„Ja...nein“, stammelte sie. „Das ist
ziemlich viel Geld. Geht es denn nicht billiger?“
„Relief“, flötete Jill,
„orientiert sich an höchsten Qualitätsstandards. Wir
garantieren Ihnen absolute Organverträglichkeit ohne jegliche
Abstoßungsprobleme. Bei angemessener Lebensweise des Klienten garantieren
wir eine Produkthaltbarkeit von fünfzehn Jahren. Hunderttausende von
zufriedenen Klienten bestätigen uns, daß das seinen Preis wert
ist.“
„Vielleicht haben Sie recht“, sagte Gesa.
„Aber darüber muß ich denn doch noch einmal nachdenken.
Erstmal vielen Dank.“
Sie beendete die Verbindung und schloß die Augen.
Eine sechsstellige Zahl tanzte in ihrem Kopf. 750000 $. Das war alles, was sie
hatten. Die Ersparnis eines langen gemeinsamen Lebens. John und sie hatten das
Geld ihren beiden Töchtern vererben wollen. Und selbst wenn - wenn sie das
Geld für John ausgaben, um ihn zu retten: Hatten sie noch vier Wochen
Zeit?
„Gesa?“ Schwach drang die Stimme aus dem
Nebenzimmer. Sie riß sich zusammen und ging hinüber zu ihm. Er
saß aufrecht im Bett, gestützt von drei Kissen, die sich hinter
seinem Rücken bauschten. Auf seiner Stirn glänzte ein
Schweißfilm.
„Ja, John?“
„Mit wem hast du telefoniert?“
Er durfte sich auf keinen Fall aufregen. „Mit der
Werkstatt“, antwortete sie. Ihre Stimme klang ganz ruhig. „Die
nächste Inspektion ist überfällig. Ich habe gefragt, was es
kosten wird. Unverschämte Preise haben die.“
„Mach dir nichts draus“, sagte er.
„Alles wird eben teurer. Und Geld haben wir schließlich.“
Für ein Auto schon, schoß es ihr durch den
Kopf. Aber nicht für ein Herz.
„Recht hast du!“ bestätigte sie und
streichelte seine Hand. „Wie wär‘s - möchtest du jetzt
etwas essen?“
4
Jill Klein in der Hauptniederlassung des Konzerns in
Chicago ließ sich ihre gute Laune nicht dadurch verderben, daß ihr
letztes Verkaufsgespräch nicht zum Erfolg geführt hatte. Die meisten
Kunden waren zunächst verschreckt von den Summen, die sie ihnen nannte,
aber ungefähr jeder vierte meldete sich wieder und schloß einen
Vertrag mit der Relief AG ab. Jill interessierte nicht, woher sie das Geld
hatten. Wichtig war nur, daß für sie jedesmal eine dicke Provision
abfiel.
Jetzt wollte sie ihre Mittagspause genießen.
Natürlich nutzte sie dafür die Angebote der Firma. Warum sollte sie
auch die riesigen Unternehmensgebäude verlassen und sich der schlechten
Außenluft aussetzen, wenn sie drinnen alles an Komfort und Unterhaltung
haben konnte, wonach sie begehrte?
Nach einem leichten Lunch - sie hatte den Salade
Niçoise gewählt, alles treibhausgewachsen aus garantiert
genmanipuliertem Anbau - schwankte sie einen Augenblick.
Sollte sie ein halbes Stündchen im Naturcenter auf
der Herbstwiese unter der Septembersonne relaxen? Natürlich war auch in der
Realität September. Relief paßte die firmeneigenen
Erlebnislandschaften immer der jeweiligen Jahreszeit an. Aber draußen
jagte eine Staffel nicht enden wollender Tiefs Regenschauer durch die
Straßen. Relief machte die Wirklichkeit einfach schöner.
Sie entschied sich gegen diese Möglichkeit. Obwohl
sie schon zwei Jahre bei Relief arbeitete, faszinierte sie das PR-Programm noch
immer. ‚See and live Relief‘. Verglaste Korridore führten
durch alle Bereiche - nun ja, durch fast alle Bereiche - des riesigen Gebäudekomplexes.
Jedermann und jedefrau konnten sie zu jeder Zeit betreten (nach einem kurzen
Body- und Psychocheck, versteht sich) und sich ein Bild von der Arbeit der
Firma machen.
Immer wieder hatte Jill Spaß am Bummel durch die
Guckkastengänge. Zunächst passierte sie verständnislos wie stets
die Bronzetafel, die am Eingang des Besucherparcours hing:
‚Und Gott sprach:
Lasset uns Menschen machen,
ein Bild, das uns gleich sei,
die da herrschen über
die Fische im Meer
und über die Vögel
unter dem Himmel
und über das Vieh
und über die ganze Erde
und über alles
Gewürm, das auf Erden kriecht.‘
Ebensowenig würde sie die Tafel am Ende des
Rundgangs verstehen:
‚Und Gott sah an
alles,
was er gemacht hatte,
und siehe da,
es war sehr gut.‘
Wer war Gott? Aber eigentlich war ihr das egal - wichtig
war, der Produktion von Menschen zuzusehen. Niemand konnte das besser als
Relief, fand sie.
Durch die Brutsäle ging sie schnellen Schrittes.
Als sie sie zum ersten Mal gesehen hatte, war sie enttäuscht gewesen. Das
purpurrote Licht, die Feten in ihren langsam rotierenden Flaschen, die
Laborassistentinnen, die hier und da Injektionen verabreichten - das alles
kannte sie. Sie hatte davon schon in der Schule gelesen. Wäre jetzt noch
der Brut- und Normdirektor mit einem Schwarm von Erstsemestern im Schlepptau
erschienen, der den wißbegierigen Studenten das Einmaleins der
Menschenzucht erklärte, hätte sie wirklich geglaubt, in Huxleys Roman
von der schönen neuen Welt gelandet zu sein.
In ihren Tagträumen versetzte sie sich manchmal in
die Rolle des Guide-girls.
„Meine Damen und Herren! Vielleicht kommt Ihnen
das Ambiente hier bekannt vor. Embryonen in Flaschen hat Huxley schon in den
zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben. Aber der
äußere Schein trügt: Hier ist alles ganz anders! Huxley hat
sich das Bokanovskyverfahren ausgedacht - welch abstruse Idee! Welche
Unvollkommenheit! Eine befruchtete Eizelle sollte zur Spontanteilung
veranlaßt werden, damit bis zu 96 identische Mehrlinge entstehen konnten.
Schön und gut. Aber Huxleys Mehrlinge waren immer noch das Produkt des
evolutionären Spiels, des Zufalls. Erst nach der Befruchtung der Eizelle
konnten Huxleys Brutingenieure versuchen, die Natur zu beeinflussen. Sie gaben
Alkohol ins Blutsurrogat zur Senkung der Intelligenz, oder sie organisierten
ein Hitze- oder Kältetraining.
Relief dagegen garantiert Reinheit: Beim Kloning kommt
nur raus, was auch drin ist. Jede Erbinformation ist vor der Produktion bekannt
und wird bei Bedarf den gewünschten Eigenschaften angepaßt.
Relief produziert Perfektion, keine Gammas, Deltas oder
gar Epsilons. Jede Relief-Einheit beherbergt perfekte Produkte: Herzen, Lebern,
Nieren, Gallenblasen, Lungen, Hüftgelenke, Oberschenkelknochen, Ellen,
Speichen, Augen, Innenohrorgane, Knie und und und. Jedes menschliche Organ, das
Sie wünschen.“
Das war ihr Einführungsvortrag bei der
Geburtsstation. Den nächsten Stop würde sie bei den Dreijährigen
machen.
„Diese Kinder sind gerade drei Jahre alt geworden.
Sie brauchen nicht zu zählen: Es sind genau 1000. Es gibt noch neunzehn
weitere Säle. Relief verfügt also über 20000 Dreijährige -
das wird nach den Berechnungen unserer Firmencomputer den US-Bedarf in siebzehn
Jahren decken.
Fällt Ihnen auf, daß jedes Kind einen
großen Gummiball bei sich hat? Ja? Dieser Ball ist seine Mutter. Um der
psychischen Verkümmerung vorzubeugen, hat Relief dem menschlichen Genom
ein Hühnergen hinzugefügt. Die Kleinen reagieren deshalb wie
Vögel: Das erste, was sie bewußt wahrnehmen, wird zu ihrer Bezugsperson.
Jedes Kind hat also seine Mutter und ist deshalb glücklich.
Wie bitte?
Sie meinen, die Mutter sei stumm? Ja, natürlich ist sie das. Aber unsere
Produktionseinheiten müssen schließlich auch nicht sprechen lernen.
Sie müssen ihre Muskeln trainieren, damit sie funktionsfähig sind. Im
weiteren Verlauf unseres Rundganges werden sie bemerken, daß Relief viel
in die körperliche Fitneß seiner Produkte investiert. Unsere
Sportprogramme sind vorbildlich. Lassen Sie uns weitergehen - wir haben noch
viel zu sehen!“
Jill als Fremdenführerin sah ebenso auf die Uhr wie
Jill als Jill. Die echte Jill entdeckte, daß ihre Mittagspause vorbei
war.
Schade - also kein Stop bei den Zehnjährigen, die
um diese Tageszeit Volleyball spielten, oder bei den Siebzehnjährigen, die
ihr Masturbationstraining erhielten. Die Relief-Psychophysiologen hatten
festgestellt, daß dieses Training sowohl den Allgemeinzustand der
Probanden verbesserte als auch deren Neigung zu Widerstand deutlich reduzierte.
Weiter hätte sie leider sowieso nicht führen
können, selbst wenn sie Zeit gehabt hätte. Die ältesten der
massenhaft produzierten Funktionseinheiten von Relief waren 17 Jahre alt, also
noch drei Jahre von der Organreife entfernt. Jill seufzte. Im Moment
mußte die Firma bei ihren Lieferungen noch auf aufwendig produzierte
Einzelexemplare zurückgreifen, die ihren Preis hatten.
Sie kehrte um und wanderte wieder in Richtung ihres
Telefons. Macht nichts, tröstete sie sich. Als Fremdenführer bei
Relief bekommt man keine fette Provision, sondern höchstens ein mageres Trinkgeld.
5
John Pupfish lenkte seinen Chrysler Benz Desert Blaster
durch Pahrump. Das Thermometer zeigte am späten Vormittag 78° Fahrenheit, und eine aus der
Wüste kommende frische Brise ließ Tumbleweeds über die breiten,
leeren Straßen tanzen. Für September war die Temperatur kühl
und nach dem vergangenen Sommer ein wahres Labsal. Seit Jahren wurde es
kontinuierlich wärmer, und in den letzten Monaten hatte die Sonne aus dem
Süden Nevadas einen glühenden Backofen gemacht.
Trotz der angstbesetzten Nacht fühlte er sich gut.
Die Herzbeschwerden waren wie weggeblasen. Er konnte wieder an etwas anderes
denken als an sich und sein kostbares Leben. Er führte sogar ein
kindisches Selbstgespräch:
„Warum heißt du Pupfish, Pupfish? Weil
Pupfische im Death Valley überleben können in einer Lake, die zehnmal
salzhaltiger ist als der Ozean. Ein Pupfish ist nicht umzubringen!“
Er warf einen Blick in den Rückspiegel und grinste
sich zu. Wie ein Fisch sah er gerade nicht aus. Fische mit Halbglatze gab es
nicht, soweit er wußte. Wohl aber Fische mit kantigem Schädel und
faltigen Hängebacken - das paßte wieder. Aber existierten Fische mit
Übergewicht?
Er gab das Spiel auf und konzentrierte sich auf die
Umgebung. Er liebte Pahrump. Er war hier aufgewachsen, hatte immer hier gelebt.
In seiner Kindheit war die Stadt natürlich viel kleiner gewesen, und auch
die Selbstschußanlagen zur Abwehr unerwünschter Eindringlinge waren
noch nicht installiert. Kurz nachdem er sein Geschäft gegründet
hatte, erlebte der Ort einen Boom, der Pupfish zu Wohlstand verhalf, leider
aber nicht lange anhielt. Danach versank die Stadt wieder in Schlummer.
In keiner Stadt der Welt, dachte er beim Fahren, kann
man so billig Reklame machen wie hier. Riesige Stelltafeln für Werbung
säumten die Straßen. Die meisten warben dafür, daß man
auf ihnen werben konnte.
Pahrump war groß. Natürlich war es nicht Los
Angeles, aber seine Häuser bedeckten eine beeindruckende Fläche. Die meisten davon standen
leer. Es waren Mobilhomes, die verkauft werden wollten.
In Pahrump, so scherzte er gerne, kann jeder zwei
Häuser bewohnen. Und es ist verdammt unwahrscheinlich, daß er je aus
einem hinausgeworfen wird, fluchte er heimlich weiter. Denn die großen
Straßen schlugen einen weiten Bogen um Pahrump, in dem sich aus unerfindlichen
Gründen Dutzende von Mobilhomeverkäufern angesiedelt hatten.
Ähnlich zahlreich waren die Kirchen in dem Ort.
Es hätte dem Ansehen des Baptisten und
Mobilhomehändlers John Pupfish entschieden geschadet, wenn man ihn
öffentlich hätte fluchen hören. Auch für das Ansehen des
Mitglieds des Lions Clubs John Pupfish wäre ein solches Verhalten sehr
rufschädigend gewesen.
Nach einer kurzen Visite in seinem Büro -
natürlich war niemand dagewesen, der sich für den Erwerb eines
Mobilhomes interessierte - steuerte
er das Saddle West Hotel and Casino an. Auch gastronomisch hatte Pahrump wenig
zu bieten. Der Lions Club hatte sich zusammen mit den Rotariern das erste Haus
am Platze - insgesamt gab es drei Restaurants - für seine
wöchentlichen Zusammenkünfte auserkoren. Die Lions trafen sich jeden
Dienstag um 11.45 a. m. Die Rotarier mittwochs um 1.15 p.m. Heute war Dienstag.
Er parkte, stieg aus und betrat den Clubraum. Bis auf
Bill Faulkner war noch niemand da. Kein Wunder - er war zu früh gekommen.
Aber das störte ihn nicht. Er mochte Bill.
„Hallo, alter Junge, schön, dich zu sehen!
Leistest du mir Gesellschaft?“ Einladend schwenkte Bill sein Whiskyglas.
Bedauernd verzog John sein Bulldoggengesicht. Die
Tränensäcke über den schlaffen Wangen hatten in den letzten Monaten
zugenommen und gaben ihm mehr denn je das Aussehen eines sowohl
beißwütigen als auch traurigen Hundes.
„Danke, nein!“ sagte er. „Laß es
dir schmecken. Ich vertrage das Zeug nicht mehr so gut wie früher. Vor
allem nicht tagsüber. Mein Herz meldet sich manchmal. Ich hole mir ein
Mineralwasser.“
Als er von der Bar zurückkam, war Bill noch immer
allein. John setzte sich zu ihm und prostete ihm zu, aber Bill erwiderte die
Geste nicht. Stattdessen sah er John nachdenklich an.
„John, alter Junge“, begann er. „Wir
kennen uns schon lange. Deshalb, denke ich, kann ich offen zu dir sein. Du
siehst nicht gut aus, wenn ich das mal vorsichtig formulieren darf. Was ist los
mir dir?“
John zuckte die Schultern. „Die Pumpe muckt halt
ab und zu. Ich schlafe dann schlecht, habe manchmal Atemnot. Das macht mir wohl
zu schaffen.“
John war ein echter amerikanischer Mann. Er hatte also
gelernt, daß Männer ihre Gefühle nicht zeigen und schon gar
nicht weinen. Aber jetzt war ihm zum Heulen zumute. Die gute Laune war
verflogen. Gesa konnte er seine Schmerzen und seine Angst nicht gestehen. Er
wußte, welche Sorgen sie sich um ihn machte, obwohl er so viel wie
möglich von seinem Zustand vor ihr zu verbergen versuchte. Am liebsten
hätte er sich Bill anvertraut, aber er hatte noch nie einem Menschen
wirklich von sich erzählt und wußte gar nicht, wie er das anstellen
sollte.
In unbewußter Verzweiflung krallten sich seine
Finger um sein Wasserglas. Scheinbar beiläufig streifte Bills Blick seine
Hand.
„Warst du schon beim Doc?“ fragte er im
Plauderton.
Vor einem halben Jahr hatte John Pupfish wegen seiner
Beschwerden einen Arzt konsultiert, allerdings nicht in Pahrump. Er kannte
dieses Nest und wollte allem Gerede vorbeugen - ärztliche Schweigepflicht
hin oder her. Er war die 70 Meilen nach Las Vegas gefahren und hatte sich
durchchecken lassen - mit deprimierendem Ergebnis.
Am liebsten hätte ihn der Arzt, der ihn für
dringend behandlungsbedürftig erklärt hatte, gleich dabehalten.
Bettruhe hatte er ihm verordnen wollen, und keine Aufregung. Das sei die
zweitbeste Lösung und für John billig - seine private
Krankenversicherung würde die Kosten übernehmen. Die beste
Lösung aber sei eindeutig ein neues Herz.
John hatte den Kopf geschüttelt, aber der Arzt
hatte ihm trotzdem einen Werbeprospekt der Relief AG in die Hand gedrückt.
Ungelesen landete die Reklame im erstbesten Papierkorb, den John nach dem
Verlassen des Sprechzimmers erblickte. Zwar wußte er nichts Genaues, aber
er hatte schon viel von den Preisen der Relief gehört. Wenn er Gesa den Lebensabend
sichern und seinen Kindern etwas vererben wollte, konnte er sich die nicht
leisten.
Mechanisch antwortete er: „Klar. Ich soll mich
schonen, hat der Doc gesagt. Nicht so viel arbeiten. Also werde ich in Zukunft
nicht mehr zwanzig Mobilhomes am Tag in der prosperierenden Geschäftsstadt
Pahrump verkaufen.“ Selbst der müde Scherz kostete ihn Mühe und
verursachte in seiner Brust einen sanften, aber spürbaren Stich.
Kaum merklich schüttelte Bill den Kopf. Er
fühlte die Lüge, aber er war ebenso gefühlsfeindlich erzogen
worden wie John.
„Das dürfte also kein Problem sein“,
meinte er betont heiter. „Du wirst dich hier bestimmt nicht
überarbeiten. Gut, daß du keine neue Pumpe brauchst“, fuhr er
beiläufig fort. „Das könnte teuer werden!“
„Ja?“ Auch John bemühte sich,
gleichgültig zu erscheinen. „Wie teuer denn?“
„Ich weiß nichts Genaues.“ Bill
räkelte und streckte sich. Unter dem T-Shirt zeichnete sich sein
durchtrainierter Oberkörper ab.
Kein Wunder, dachte John. Der braucht kein neues Herz.
Warum sollte er sich um die Preise dafür kümmern?
„Aber die Mafia macht es erheblich billiger als
Relief.“
John hatte Mühe, weiterhin uninteressiert zu tun.
„Die Mafia?“
„Ja, die Organmafia. Hast du noch nie davon
gehört? Na, du bist aber naiv! Glaubst du, Camorra und Cosa Nostra haben sich aufgelöst,
bloß weil seit zwanzig Jahren alle Drogen legalisiert sind? Die verdienen
weiterhin ihr Geld! Jetzt verkaufen sie eben Ersatzteile. Sie züchten
keine Organbanken, weil das viele Investitionen erfordert. Sie stehlen sie und brauchen
sie danach nur noch zu verwerten. Das senkt die Kosten - auch für die
Käufer.“
„Gut, ich bin naiv. Davon wußte ich wirklich
nichts. Und - stehen die im Telefonbuch?“
„Alter Junge, ich habe den Whisky getrunken, nicht
du. Wie stellst du dir das vor? Mafia Inc., Pahrump, als Eintrag?“
„Wie kommt man dann an sie ran?“
„Keine Ahnung. Vielleicht riechen sie potentielle
Kunden und nehmen ihrerseits Kontakt auf. Ich habe jedenfalls mit denen noch
nichts zu tun gehabt.“
Du Glücklicher, dachte John. „Ich brauche sie
auch nicht“, sagte er laut.
Lüge, Lüge, Lüge, gellte sein Hirn.
Die Tür öffnete sich, die übrigen Lions
strömten geschlossen herein.
Es war Zeit zum Lunch.
6
In den angerosteten Öltonnen glosten die Feuer,
genährt von abgelaufenen Schuhsohlen, die ehemals Autoreifen gewesen waren
und jetzt endgültig zu nichts mehr taugten. Das stank zwar, aber sie
hatten sich ohne Probleme daran gewöhnt. Schließlich entließen
die Müllkippe und der Slum gleich daneben, aus dem die meisten von ihnen
stammten, auch nicht gerade Wohlgerüche. Die anderen waren noch nicht
dahinter gekommen, daß sie sich abends bei den Gummifeuern trafen. Die
dachten wohl, sie würden den Gestank nicht aushalten.
Aber sie hielten viel aus. Sehr viel.
Vor drei Tagen hatte Pablo festgestellt, daß der
Gummigestank die Wirkung des Leims verstärkte. Sie schnüffelten
Klebstoff, wann immer sie sich ihn leisten konnten. Seit Pablos Entdeckung
hockten sie sich mitten in den Rauch.
Pablo war der Jüngste in der Bande. Für seine
acht Jahre war er viel zu klein. Er sah aus wie fünf oder sechs, und seine
großen grünen Augen schienen die Hälfte seines Gesichts
auszufüllen. Das verlieh ihm den Anschein völliger Hilflosigkeit.
Vielleicht hatte Marco deshalb beschlossen, ihn zu
adoptieren.
Marco war der Chef der Gang. Niemand wagte es, ihm zu
widersprechen. Hier draußen auf der Straße war kein Platz für
Demokratie. Also hatte es auch in Pablos Fall keine Widerworte gegeben, obwohl
der Kleine wirklich nicht zu ihnen zu passen schien. Zehn Große waren
sie, alle zwischen vierzehn und siebzehn Jahren alt. Sie waren stark, denn
Körperkraft war eine notwendige Bedingung ihres Überlebens. Manchmal
klappte es auch mit List, aber das war weniger sicher. Am besten war beides.
Pablo war nicht kräftig, das war klar, und listig,
so wie sie es verstanden, war er auch nicht. Er war nicht einfach nur schlau.
Der Kleine konnte sich nicht nur aus brenzligen Situationen herauswinden, er
konnte auch Situationen so vorplanen, daß sie erst gar nicht brenzlig
werden konnten. Zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Pablo war
wirklich intelligent, und das machte ihn zu einem wertvollen Mitglied der Gang.
Die Großen hatten gelernt, ihn als Gleichberechtigten zu akzeptieren.
Heute Abend war es beinahe gemütlich. Sie nannten
das: „Es ist okay.“ Die Streifzüge des Tages hatten dafür
gesorgt. Es gab ein Abendessen aus Joghurt, Bananen und Bratenresten, alles
frisch aus dem „Mülltonnensupermarkt“, wie sie das nannten.
Tonio, genannt Ben Johnson, weil er so schnell rennen konnte, hatte zwei gar
nicht schlecht gefüllte Geldbörsen abgegriffen und mit deren Inhalt
Leim, Zigaretten und Tequila gekauft.
Alle hockten sich um den reich gedeckten Tisch und
schlangen ihren Anteil hinunter. Auch wenn sie sich hier und heute abend
relativ sicher fühlten und wußten, daß sie einander vertrauen
konnten - sie hatten es nie gelernt, etwas zu genießen. Gefahren lauerten
überall: in Gestalt der blutrünstigen Wachhunde, die sich die reichen
Villenbesitzer hielten, oder in Gestalt der Polizei, von der sie Verhaftung,
Prügel und Vergewaltigung zu
befürchten hatten. Dabei war es gleichgültig, ob sie ins
Gefängnis oder ins sogenannte Erziehungsheim transportiert wurden - beides
war gleich schlimm. Die
größte Gefahr aber drohte von den Todesschwadronen. Das waren Mörderbanden, die
Straßenkinder jagten. Alle zusammen waren sie „die anderen“.
Es war besser, etwas im Magen zu haben vor der
nächsten Überraschung.
Nachdem Marco seine Verdauungszigarette gepafft hatte,
streckte er seine langen Beine wohlig von sich und griff nach einer der
bereitstehenden Tüten. Die anderen taten es ihm nach. Sie hatten nur auf
sein Signal gewartet.
„Leute, dröhnt euch nicht völlig
zu!“ mahnte Marco. „Sniffen oder saufen - entscheidet euch! Die
anderen schlafen nicht, die warten nur auf leichte Beute.“
Paco stellte daraufhin seine Tüte wieder
zurück. Er hatte auf einen Vollrausch gehofft, aber wenn er sich
entscheiden mußte, nahm er den Tequila. Der Lösungsmittelrausch
verflog zu schnell. Heute nacht wollte er vergessen. Der Typ, dem er nur
angeboten hatte, ihm den Schwanz zu lutschen, hatte Dinge von ihm verlangt...Er
hätte immer noch kotzen können. Bevor Marco ihm die Tequilaflasche
aus der Hand schlagen konnte, war sie halb leer.
„Du sollst dich nicht volldröhnen, habe ich
gesagt!“ fauchte er. Paco duckte sich, als erwarte er Schläge. Aber
Marco hatte sich schon wieder beruhigt.
„Was war denn los?“ fragte er.
„Ach, nichts.“ Paco schluckte. „Nur so
ein Typ...“
Marco legte den Arm um ihn. „Ist schon gut. Komm,
schlaf heute bei mir. Wir sollten jetzt alle schlafen,“ fuhr er lauter
fort. „Morgen wartet ein neuer wunderschöner Tag in der Stadt der
guten Lüfte auf uns. Dafür müssen wir fit sein!“
Der Kreis zerfiel in Gruppen von zweien, dreien oder
vieren. Aus obskuren Winkeln wurden Pappkartonreste gezerrt, die den Dienst von
Matratzen tun sollten. Sie kuschelten sich aneinander. In der warmen
Subtropennacht bestand nicht die Gefahr zu frieren, aber es war gut, die
Tröstung der anderen Körper zu spüren.
Als sie die Augen geschlossen hatten, sahen sie aus wie
verletzliche Kinder.
7
Er war stolz darauf, sich nicht zum Affen gemacht zu
haben. ‚Ich möchte nach der Stunde mit Ihnen reden!‘ Was
bildete diese Ziege sich eigentlich ein? Es war sein gutes Recht, ein
schlechter Schüler zu sein. Schließlich zahlte sein Vater ziemlich
viel Geld an Scheeßel. Wovon wurde die Tussi denn bezahlt, wenn nicht
davon?
Zusammen mit den anderen hatte er den Klassenraum nach
der Stunde verlassen und war in sein Zimmer gegangen. „Eigenarbeit“
war nach dem Internatsplan zu dieser frühen Nachmittagsstunde vorgesehen.
Das hätten die wohl gerne - wenn er jetzt in der Bibliothek
säße, „Die Physiker“ läse oder nach
Sekundärliteratur suchte und am nächsten Tag im Unterricht seine
Scharte von heute auswetzte. Er dachte nicht daran. Solange Papa zahlte,
würden die hier alle Pfötchen machen wie Mamas Pudel seligen
Angedenkens.
Er hatte das dämliche Vieh sogar gemocht. Obwohl es
nichts anderes tat, als dumm mit seinem kupierten Schwanz durch die Wohnung zu
stolzieren und ‚Pfötchen zu machen‘. Dafür hatte Mama es
immer gestreichelt. Manchmal hatte er sich gewünscht, der Pudel zu sein.
Das war lange her. Mama war weg. Mama war in Papas Leben
schon Mama Nummer zwei gewesen, und nach ihr kam Mama Nummer drei. Mit der war
er noch halbwegs ausgekommen. Als aber auch Mama Nummer drei verschwand und von
Mama Nummer vier abgelöst wurde, war er ausgetickt. Diese sogenannte
Journalistin! Bloß weil sie für eine bescheuerte Boulevardzeitung
eine Kolumne schreiben durfte, hielt sie sich für intellektuell und
meinte, ihn erziehen zu müssen! Zugegeben, er war nicht charmant zu ihr
gewesen. Daß er ihr Salz statt Zucker in den Kaffee getan hatte, hatte
Papa ihm noch verziehen. Aber bei der Sache mit dem Modellkleid war es vorbei.
Ihr neuester Fummel. Vermutlich sündhaft teuer. Er hatte ihn zerschnitten
und mit in die Schule genommen, als Putzlappen für den Kunstunterricht.
Zwei Tage später war er in Scheeßel.
SCHEIßE.
Er rollte sich auf die Seite und versuchte zu schlafen.
Es klopfte.
„Verpißt euch, ich will schlafen!“
„Peter!?“
Auch das noch. Seufzend rollte er sich vom Bett und
öffnete die Tür. Er wußte, wer davorstand.
„Ja?“
„Ich wollte nach der Stunde mit Ihnen reden, habe
ich gesagt. Aber wenn der Prophet nicht zum Berg kommt...“ Offensichtlich
erwartete sie, daß er mit diesem Halbsatz etwas anfangen konnte. Er
konnte nicht und zuckte die Schultern. Gleichzeitig hob sie die ihren. Wohin
nur driftete diese Gesellschaft, wenn die Jugend nicht einmal mehr die
einfachsten...Sie nahm sich zusammen.
„Darf ich reinkommen?“
Er zuckte die Schultern und gab den Weg frei. Reste von
Erziehungsbemühungen zeigten Wirkung: „Setzen Sie sich doch!“
Er räumte einen Haufen Krimskrams von dem einzigen Sessel des Zimmers und
setzte sich selbst aufs Bett.
„Was kann ich für Sie tun?“ Es klang
nicht so großartig, wie er gehofft hatte.
„Ich möchte eigentlich nur wissen, was mit
Ihnen los ist.“ Sie hatte sich in den Sessel fallen lassen und die Beine
übereinandergeschlagen. Dabei war ihr Rock zurückgerutscht, und sie
machte keine Anstalten, ihn zurechtzuziehen. Ganz ordentliches Fahrgestell,
stellte er überrascht fest. Wenn sie vor der Klasse stand, fiel das
überhaupt nicht auf.
„Was soll schon mit mir los sein?“
Zwar paßte er normalerweise in der Schule nicht
auf, aber immerhin hatte er mitbekommen, daß es eine geschickte Strategie
war, in unangenehmen Auseinandersetzungen mit Gegenfragen zu antworten. Schade
nur, daß er es mit seiner Deutschlehrerin zu tun hatte - der Trick
verfing nicht.
„Daß sie verknallt sind, sehe ich. Ines'
rote Locken haben es Ihnen ersichtlich angetan. Dagegen habe ich nichts - das
ist in Ihrem Alter ganz normal. Aber etwas anderes ist nicht normal. Warum
versucht ein junger intelligenter Mann wie Sie, seine Denkfähigkeit so
völlig zu verstecken?“
„Sie halten mich also für intelligent?“
Seine Augen konnten sich nicht von ihren Beinen lösen.
„Nun lassen Sie doch die blöden
Spielchen!“ sagte sie ärgerlich. „Auch Deutschlehrerinnen
dürfen hübsche Beine haben, ob Sie‘s glauben oder nicht.“
Damit brachte sie ihn zum Erröten. „Ihre Taktik mit den Gegenfragen
sollten Sie gegenüber jemandem anwenden, der keinen Rhetorikunterricht
erteilt. Ich möchte eine ernsthafte Antwort von Ihnen: Was ist so schlimm
daran zu lernen?“
Zu seinem Entsetzen stellte er fest, daß ihm auf
diese Frage keine elegante Floskel einfiel. Er fühlte sich ertappt, denn
natürlich machte es ihm Spaß, etwas zu wissen, mitreden zu
können. Er war verunsichert und überlegte sich seine Antwort nicht.
„Nichts ist schlimm daran. Aber wozu ist es
gut?“
Diesmal rügte sie seine Gegenfragen-Taktik nicht.
Es wäre ihr zu billig erschienen. Obwohl sie keine überzeugende
Antwort fand, wußte sie, daß sie eine Pause jetzt nicht zulassen
durfte. Das hätte er zu Recht als Unsicherheit gedeutet.
Also begann sie und merkte mit jedem Satz, wie hohl das
alles klingen mußte, was sie ihm antwortete:
„Bildung ist zunächst einmal etwas sehr
Egoistisches, etwas für jeden selbst. Es macht den Menschen reif, wenn er
auf der Basis von Kenntnissen Urteilsfähigkeit erwirbt. Wie wollen Sie
verantwortungsvoll handeln, wenn Sie sich der Tragweite eventueller
Entscheidungen nicht bewußt sind? Sie sind hier auf einem Gymnasium, hier
wachsen künftige Studenten heran. Sie werden einmal zu den Entscheidungsträgern
unseres Landes gehören. Sie...“
„Hören Sie doch auf!“ unterbrach er
sie. „Ich kann das Gesülze nicht mehr hören! Soll ich Ihnen mal
erzählen, wie meine Zukunft aussieht? Ich habe da ein hervorragendes
Vorbild: meinen Vater. Der verkauft Autos. Und wenn er keine Autos mehr
verkauft, ist er weg vom Fenster. Also schert es ihn einen feuchten Dreck, ob Autos gut oder schlecht sind. Er
verkauft sie. Basta. Und so machen das alle Leute, die Sie die
Entscheidungsträger unseres Landes nennen. Sie verkaufen etwas an die
zwanzig Prozent der Menschen, die es sich noch leisten können, etwas zu
kaufen. Die anderen achtzig Prozent kümmern sie überhaupt nicht. Und
Sie erwarten ernsthaft, daß ich mich mit den „Physikern“
auseinandersetze und mir Gedanken über die Verantwortung des Wissenschaftlers
mache, um einmal so etwas werden zu können?“
Lange lastete das Schweigen nach diesem Ausbruch. Er
hatte hinreichend Zeit, ihre Beine zu studieren.
„Nein“, versuchte sie es schließlich.
„Aber...“
„Sie gehen jetzt besser“, meinte er.
„Ich habe heute Nachmittag noch nichts gearbeitet. Vielleicht
beschäftige ich mich ja doch noch ein wenig mit Möbius.“
Sie war dankbar für die Brücke, die er ihr
gebaut hatte, und verabschiedete sich. Er lauschte ihren Schritten auf dem
Flur. Nette Beine in netten High Heels, dachte er. Und: Im 19. Jahrhundert
wäre sie gut aufgehoben. Andererseits, fiel ihm ein, wurde damals noch den
Frauen die Denkfähigkeit abgesprochen.
Er schob den Gedanken an sie weg und begann zu kramen.
Er suchte seinen Rucksack.
8
Es ist verblüffend, daß der Sitz der
Vereinten Nationen sich immer noch in New York befindet. Er ist eine kleine
Insel der Sicherheit in gepflegten Gebäuden inmitten einer Umgebung, die
stetig weiter verslumt.
Nach einem Seifenblasenboom in den letzten Jahren des
20. Jahrhunderts hatte die Stadt rasch zu verfallen begonnen. Die
Bürotürme Manhattans verwaisten - die Arbeit der Clerks erledigten
jetzt Jobsklaven in Indien, Indonesien und anderen Billiglohnländern,
online verbunden mit den Zentralen ihrer multinationalen Konzerne. Die Lofts
und Appartements an der Eastside leerten sich - zu hoch waren die Mieten, zu
horrend die Kosten für die passive Sicherheit. Die Bewohner von Harlem und
Spanisch Harlem sahen dort eine Chance, das Problem ihrer lokalen Überbevölkerung
zu lösen. Kein Frühstück mehr bei Tiffany.
Der Zerfall des kommunistischen Blocks hatte in der
US-Regierung schnell zu der Meinung geführt, daß eine
Weltorganisation überflüssig sei. Die Vereinigten Staaten selbst
wollten aufgrund ihrer militärischen Stärke die Welt kontrollieren.
Niemand schien sie daran hindern zu können - eine ernstzunehmende
Atommacht, wie sie die Sowjetunion dargestellt hatte, gab es nicht mehr.
Kurzerhand beschloß der US-Präsident, den United Nations endgültig
den Geldhahn zuzudrehen. Das war ein vielversprechendes Konzept, finanzierten
die USA doch ein Fünftel des Etats der Organisation.
Überraschenderweise aber trugen die meisten
Länder der Welt, selbst die ärmsten, dazu bei, daß die einzige
halbwegs demokratische internationale Organisation der Welt überleben
konnte. Mit einem neuen Finanzierungskonzept hatten sie auch eine
Strukturreform durchgesetzt. Der Weltsicherheitsrat war abgeschafft worden,
allein entscheidendes Gremium war jetzt die Vollversammlung. Die absolute Mehrheit
der gegenwärtig 540
Mitgliedsstaaten entschied über Annahme oder Ablehnung eines Antrages.
UN-Beschlüsse wurden, anders als früher, sogar durchgesetzt: Zwar
hatte die Weltorganisation keine Armee, aber sie arbeitete konsequent mit dem
Mittel des Wirtschaftsembargos. In einer ökonomisch völlig vernetzten
Welt war die wirtschaftliche Isolierung eines Staates ebenso schwerwiegend und
nachteilig wie ein Militärschlag.
Zähneknirschend hatten die USA ihre Mitgliedschaft
aufrechterhalten. Aber gegen den Willen der US-Regierung hatten die UN ihren
Gebäudekomplex behalten und erhalten. Ein aufwendiger privater
Sicherheitsdienst sorgte für Ruhe im Hochhaus und auf dem Gelände.
Im Plenarsaal herrschte heute allerdings keine Ruhe. Auf
der Tagesordnung stand die einhundertste Sitzung zur Agenda 21.
„Meine Damen und Herren, das Refenzdatum, auf das
wir alle uns hier beziehen, ist 1992. Was ist seit dem ersten Umweltgipfel in
Rio de Janeiro geschehen? Viel, mögen manche von Ihnen sagen. Zu wenig,
rufe ich zurück! Die Vertreter Australiens und Feuerlands werden sicher
dankbar vermerken, daß die Produktion und Verwendung von FCKW seit Jahren
eingestellt worden ist. Das Ozonloch über der Antarktis wächst
deshalb kaum noch. Selbstverständlich begrüße ich das
ebenfalls. Es gibt Erfolge. Aber es gibt zu wenig Erfolge!
Bis zum heutigen Tage ist es der Weltgemeinschaft nicht
gelungen, ein schlüssiges Konzept gegen die Treibhausgase zu finden. Wir
Menschen aus den Staaten, die ehemals die „Dritte Welt“ genannt
wurden, wissen inzwischen, daß wir vergeblich gegen den Fleischkonsum
anrennen. Mögen also die Reichen weiterhin ihr Steak essen, mögen die
dafür notwendigen Kühe weiterhin Methan produzieren. Wir hoffen hier
auf den Langzeiteffekt einer umfassenden Informationspolitik. Bis sie greift,
werden aber wohl noch Jahrzehnte vergehen.
Ich stehe also nicht hier, um das Verbot von Kühen
zu fordern. (Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit.) Aber ich fordere als
Vertreter der Gruppe 185 etwas anderes. (Gemurmel) Sie wundern sich über die
Zahl, meine Damen und Herren? Ich darf Ihnen mitteilen, daß seit der
letzten Vollversammlung Dänemark, Belgien, die Niederlande, Deutschland,
Florida, der Irak und Südaustralien der Gruppe 178 beigetreten sind.
(Unruhe im Saal)
Ich bin autorisiert, folgenden Antrag zu stellen:
Die Vollversammlung der Vereinten Nationen möge
beschließen, die Produktion, Instandhaltung und Reparatur von privat
nutzbaren bzw. genutzten Autos zu verbieten.“
Trotz des Tumultes, der sich daraufhin erhob, sprach der
Botschafter Osttimors unbeirrt weiter und verschaffte sich allmählich auch
Gehör.
„Ich begründe diesen Antrag wie folgt: Wir,
die Antragsteller, leiden unter dem steigenden Meeresspiegel bzw. unter
zunehmenden Sturmfluten, die Folge der von Menschen induzierten globalen
Erwärmung sind. Wir haben bereits Landverluste hinnehmen müssen oder
haben sie zu befürchten, weil die vorhandenen Wasserschutzanlagen
unzureichend sind. Maßgeblich verantwortlich für die
Klimaveränderung ist der private Kraftverkehr. Zwar ist er nicht allein
verantwortlich, aber seine Rückführung schafft vergleichsweise
geringe Friktionen. Eine Einstellung des Betriebs von Kraftwerken, die fossile
Brennstoffe benutzen, wäre ungleich schwerwiegender.
Meine Damen und Herren, wie Sie bemerkt haben werden,
beinhaltet unser Antrag nicht das Verbot der Nutzung von Automobilen. Darauf
haben wir bewußt verzichtet, obwohl eine solche Forderung die von uns
gewünschten Effekte wohl früher eintreten lassen würde. Wir
haben aber davon absehen wollen, so weitreichend in private Eigentumsrechte
einzugreifen.
Ich bitte Sie darum, bei Ihrem Votum sowohl das
Lebensrecht der Menschen in den antragstellenden Staaten als auch diese
Zurückhaltung zu berücksichtigen.
Ich danke Ihnen.“
Der Botschafter hatte befürchtet, daß seine
Rede in Beifall und wüsten Beschimpfungen untergehen würde. Er hatte
sich getäuscht.
Als er das Rednerpult verließ, herrschte
lähmende Stille.
Die Generalsekretärin der UN, die Tibeterin
Unchadse, hatte durchaus theatralisches Gespür. Sie ließ wirkungsvolle
Sekunden verstreichen, bis sie scheinbar beiläufig sagte: „Die
Debatte über den Antrag ist eröffnet.“
Der Coup der Gruppe 185 war wirklich gut vorbereitet,
denn er hatte alle überrascht. Wunderbarerweise war es gelungen, in den
Vereinten Nationen etwas geheimzuhalten. Das galt allgemein als unmöglich.
Statt der Meldung eines oder mehrerer Debattenredner
begannen heftige informelle Kontakte zwischen einzelnen Delegationen. Unchadse
beobachtete, wie der US-Botschafter Cave aufgeregt auf seine deutsche Kollegin
Keller einredete. Beaucaire aus Frankreich gesellte sich dazu. Er schien sein
südfranzösisches Temperament nur schwer beherrschen zu können.
Als Unchadse ihn „Vous êtes cochons“ schreien hörte,
griff sie zum Hammer. Sie wollte zumindest versuchen, die Würde des Hauses
zu wahren.
„Die Sitzung ist für zwei Stunden
unterbrochen“, sagte sie.
Das war nicht nur eine formale Entscheidung, sondern
eindeutige Politik. Natürlich wäre es viel einfacher gewesen, die
Sitzung zu vertagen. Dann wären Tage, vielleicht Wochen bis zum
nächsten Plenum vergangen. Die Lobbyisten hätten Zeit gehabt, ihre
Arbeit zu tun, riesige Geldsummen wären geflossen, Pfründe verteilt
worden. Das wollte sie verhindern. Eigentlich waren zwei Stunden immer noch zu
lang: Die Einschüchterungs- und Beeinflussungsmaschine würde
zumindest in Gang gesetzt werden. Aber weniger Zeit hätte sie nicht
vertreten können. So, hoffte sie, würde die Gruppe 185 ihre Chance
haben.
Sie war selbst von dem Antrag überrascht worden,
vor allem davon, daß Deutschland, das bedeutende Industrieland, diesen
Vorstoß stützte. Die Staaten der Europäischen Union hatten sich
noch immer nicht auf eine gemeinsame Außenpolitik einigen können,
was die Auseinandersetzung zwischen dem deutschen und dem französischen
Gesandten nur allzu deutlich illustrierte. Aber nun ja: Seit Sylt vor ein paar
Monaten von einer Sturmflut weggespült wurde und Holstein „Land
unter“ melden mußte, hatten wohl selbst die Deutschen begriffen,
daß man Geld nicht essen kann...
„Meine Damen und Herren, die Sitzung ist wieder
eröffnet. Mir liegen zwanzig Wortmeldungen vor. Das dürfte
ausreichen, den verschiedenen Positionen zum Antrag der Gruppe 185 Gehör
zu verschaffen. In Anbetracht der uns zur Verfügung stehenden Zeit schließe
ich damit die Rednerliste.“
Vielleicht war ihre Ankündigung in den immer noch
lebhaften Gesprächen im Plenarsaal untergegangen, jedenfalls regte sich zu
ihrer Erleichterung kein Widerspruch.
„Ich erteile dem Botschafter der Republik Georgien
das Wort!“
Grigorij Ordshonikidse verwies auf die ökonomische
Lage seines Landes, das in den letzten Jahren allein durch den Aufbau seiner
Autoproduktion eine wirtschaftliche Erholung erreichen konnte.
„...dem Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika!“ „...notwendige Mobilität...kein öffentliches
Transportsystem...riesige Entfernungen...“
„...Mikronesien!“ „...90 Prozent
Landverlust in den letzten 30 Jahren...Flüchtlinge...ökonomischer
Ruin...“
„...Deutschland!“ „...bisher kein
rationales Kostenkonzept aufgestellt...Kosten einer falschen Industriepolitik
sind höher als die ökologischen Folgekosten...späte, aber
richtige Erkenntnis...“
„...Schweiz!“ „...bereits seit
Jahrzehnten ein Alternativkonzept zum Individualverkehr entwickelt...das
empfindliche Ökosystem der Alpen...nachgewiesen, daß ein effizientes
System des öffentlichen Personennahverkehrs auch in kompliziert
strukturierten geographischen Räumen möglich ist...“
...
Irgendwann war die Rednerliste abgearbeitet. Sie
ließ abstimmen. 540 Finger drückten auf 540 Knöpfe. Jeder
Botschafter hatte auf seinem Pult zwei vor sich: „Ja“ oder
„Nein“. Das riesige Display hinter dem Pult der Präsidentin
leuchtete auf, Zahlen huschten darüber. Als sie zum Stillstand kamen,
lasen die Delegierten „272“ und „268“. Die Zahl
„272“ stand unter den Buchstaben „Ja“. Der Antrag war
angenommen.
9
Auf der Heimfahrt von Wolfsburg nach Hannover lehnte
Meinhard Schrader sich in die dicken Polster zurück und schloß die
Augen. Er wußte, daß er sich auf seinen Chauffeur verlassen konnte,
und auch auf seinen Wagen. Natürlich fuhr er einen Rolls. Er setzte sich
die Kopfhörer auf und gab sich nur der Musik hin. Beethovens Fünfte.
„So klopft das Schicksal an die Pforte...“ Heute hatte kein
Schicksal angeklopft. Er war mit sich zufrieden. Mit der einzigen kritischen
Nachfrage in der Hauptversammlung war er gut fertig geworden. Er hatte da nicht
nur Polemik geliefert. Er glaubte auch daran. Die Autoproduktion auf dieser
Welt verbieten? Lächerlich!
„Wulfert, drehen Sie doch die Nachrichten
leiser!“ sagte er ärgerlich zu seinem Fahrer. Da er immer noch die
Kopfhörer aufhatte, sagte er es ziemlich laut. Wortfetzen hatten sich
zwischen die Symphonie gemogelt. Erschrocken drehte der Chauffeur sich zu ihm
um.
„Leiser!“ rief Schrader noch einmal.
Wulfert zuckte die Schultern und drehte am Regler. Er
sah wieder nach vorn. Die Angst in seinen Augen blieb, und seine Hände
zitterten. Er hatte nichts gelernt als Autofahren. Aber er brachte seinen Chef
heil nach Hause.
Schrader wollte den Schlüssel gerade ins
Schloß zur Tür seiner Villa stecken, als die Tür geöffnet
wurde. Seine Frau! Sie mußte auf ihn gewartet haben. Halb bewundernd,
halb lüstern sah er sie an. Das hellblaue, weich fließende
Seidenkleid paßte hervorragend zu ihren blonden Haaren und betonte ihre
mädchenhafte Figur, die sich sich bewahrt hatte. Aber schließlich
war sie noch jung - noch nicht einmal Fünfunddreißig. Manchmal
spürte er die Last der zwanzig zusätzlichen Jahre, die er mit sich herumschleppte, wenn er sich
gemeinsam mit ihr im Spiegel betrachtete. Jetzt aber genoß er nur ihren
Anblick.
„Hallo, Karen!“ sagte er schmunzelnd.
„Du siehst aus, als hättest du den Champagner schon kaltgestellt.
Gut so - es gibt etwas zu feiern. Dich und mich und eine gelungene
Aktionärsversammlung.“
Er machte einen Schritt auf sie zu, um sie zu
küssen. Erst jetzt sah er ihr ins Gesicht. Sie lächelte nicht. Nein,
falsch, sie versuchte wohl zu lächeln. Aber ihre Gesichtsmuskeln waren zu
einer verzerrten Maske gefroren.
Er stockte mitten in der Bewegung, blieb auf einem Bein
stehen, ohne sich der Lächerlichkeit dieser Pose bewußt zu sein.
„Karen, was ist los?“
„Komm doch erst mal rein.“ Seltsam steif
drehte sie sich um und ging ins Wohnzimmer. Er folgte ihr. Sein Blick schweifte
durch den Raum. Auf dem Beistelltisch neben der Couch stand der
Sektkühler, daneben funkelten die schlanken hohen Kristallkelche. War doch
alles in Ordnung?
„Feiern wir also!“ sagte Karen. Sie griff
Flasche und Damastserviette, nestelte am Verschluß, und mit einem kaum
hörbaren Plopp schoß der Korken aus dem Flaschenhals. Wer sie dabei
genau beobachtet hätte, hätte das Zittern ihrer Hände nicht
übersehen können.
Meinhard aber schaute gar nicht hin. Er hatte sich auf
das Sofa fallen lassen und die Schuhe von den Füßen gestreift. Erst
mal einen Schluck Champagner - Karen würde er danach schon wieder
zurechtrücken. Oh ja, ganz bestimmt!
„Bitte!“ Sie hielt ihm ein gefülltes
Glas hin. „Willkommen zu Hause! Worauf trinken wir?“
„Auf uns, mein Schatz, auf uns“, murmelte er
gedankenlos. „Und auf VW. Das war heute....“
Ihr Glas zersprang nicht klirrend auf steinernen
Fliesen, nachdem es ihr aus der Hand geglitten war, sondern es fiel mit dumpfem
Ton auf den dicken Teppich, der die aufschäumende Flüssigkeit lautlos
aufsog. Dennoch meinte er es klirren zu hören, als seine Augen den Vorgang
registrierten. Verdammt, hier stimmte wirklich etwas nicht!
„Karen, bitte, was ist los?“
„Entschuldige“, murmelte sie,
„daß ich so unbeherrscht bin. Wahrscheinlich hast du recht.
Laß uns auf uns trinken. Wir beide werden es schon schaffen. Und auch auf
VW. Es war für dich bestimmt eine schöne Zeit. Ich...ich bewundere
deine Beherrschung.“
Er setzte sich kerzengerade auf: „Karen, wovon
redest du?“
„Aber...aber...“ stammelte sie. „Ich
dachte, du wüßtest es. Es kam vor einer halben Stunde in den
Nachrichten!“
„Was“, fragte er, mühsam beherrscht,
„kam vor einer halben Stunde in den Nachrichten?“
Sie versuchte, ihn in den Arm zu nehmen, aber er war
jetzt nicht in Schmusestimmung.
„Was?“
„Bitte, Meinhard, reg dich nicht auf...“
“Was?“
„Sie haben gesagt, die UNO-Vollversammlung hat
weltweit die Autoproduktion verboten.“
Zuerst starrte er sie verblüfft an. Danach
schüttelte er den Kopf. Dann begann er zu lachen. Aus Kichern und Glucksen
wurde hemmungsloses Gelächter, das lauter und lauter anschwoll. Atemlos
kippte er zwischendurch den Inhalt seines Glases in die Kehle.
Japsen mischte sich in das Lachen. Schrader stand auf,
hielt sich mühsam an der viel zu niedrigen Sofalehne fest. Er schwankte.
Ein zweiter Sektkelch landete auf dem Teppich. Schrader rang nach Luft,
verzweifelt, mit weit geöffnetem Mund, Er röchelte, versuchte zu
sprechen.
„Karen...“
Sie war längst beim Telefon und wählte drei
Ziffern. Am anderen Ende nahm sofort jemand ab.
„Kommen Sie schnell. Mein Mann hat einen schweren
Herzanfall!“
10
Es ist leicht, von Scheeßel nach Hamburg zu
kommen. Man braucht sich nur an die Bundesstraße zu stellen, die die
Nummer 75 trägt, und den Daumen in der richtigen Richtung zu halten. Wenn
man ein sauber gekleideter, adrett aussehender junger Mann ist, dauert es nicht
lange, bis man einen Lift bekommt.
Peter Schrader murmelte etwas von
„Tantenbesuch“, nachdem er in dem kleinen roten PeuVol einer
mittelalten Dame platzgenommen hatte, und blieb dann für den Rest der
Fahrt unbehelligt. Sie wollte nach Ottensen.
„Das ist prima“, sagte er und gab sich den
Anschein von Begeisterung. „Meine Tante wohnt in Altona, also gleich
nebenan.“
Als sie ihn in der Behringstraße absetzte, wandte
er sich folgerichtig nach Osten. Zwar zog ihn eigentlich nichts nach Altona,
aber Altona war so gut oder so schlecht wie alles andere auch.
Er kannte Hamburg gut - Karen, die vierte Frau seines
Herrn Vaters, war Hamburgerin. Hannover war ihr viel zu provinziell. Einkaufen,
so fand sie, konnte man dort überhaupt nicht. Schicke Boutiquen gab es nur
in Hamburg. Der Fummel, den er ihr kaputtgeschnitten hatte, stammte aus der
Gänsemarktpassage. Selbstverständlich hatte er nie Lust gehabt, sie
auf ihren öden Einkaufsbummeln zu begleiten, aber er hatte sich gerne in
die große Stadt kutschieren lassen und war dann dort auf eigene Faust
losgezogen.
Sorgfältig suchte er sich seinen Weg aus.
Großstädte waren heutzutage keineswegs mehr sicher, auch nicht an
einem strahlend hellen Septembertag. Er orientierte sich an äußeren
Merkmalen: Waren die Straßen halbwegs sauber, gab es Schilder, die
warnend darauf hinwiesen, daß hier eine freiwillige Bürgerwehr
patrouillierte, war gar ab und zu die Uniform eines eindrucksvoll bewaffneten
privaten Wachmannes zu sehen, dann konnte man gefahrlos passieren.
Er genoß seine Freiheit, bis sich nach einiger
Zeit ein dumpf-unangenehmes Gefühl in ihm meldete. Hunger - kein Wunder.
Er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Dagegen gab es ein Mittel. Aber
leider verflog mit dem Hunger auch seine Euphorie.
Was wollte er jetzt anfangen? Jenseits seiner Flucht
hatte er nichts geplant. Die vorhin erwähnte Tante existierte nur in
seiner Phantasie. Sonstige Verwandtschaft? Nein, danke. Von seinen sogenannten
Müttern und seinem Vater hatte er die Nase voll. Ines war in
Scheeßel, und sie lächelte nicht für ihn.
Vor hundert Jahren hätte ich vermutlich geplant,
mich auf einem großen Pott als blinder Passagier einzuschmuggeln,
schoß es ihm durch den Kopf. Ziel New York. Oder Afrika. Oder die
Südsee. Und dann Millionär werden oder leben wie Huck Finn oder wie
Robinson.
Quatsch. Träume und Romantik von vorgestern. Jetzt
mußte er zur Abwechslung mal nüchtern werden.
Also: Er war auf dem Weg nach Altona. Altona hatte einen
schönen großen Bahnhof. Er hatte Geld. Blieb nur eine Frage: Wo
wollte er hinfahren?
Plötzlich schoß es ihm durch den Kopf:
Christiania! Warum war er darauf nicht schon früher gekommen?
Im Fach „Zukunftsperspektiven“ hatten sie in
Scheeßel über Christiania gesprochen. Es war eines der wenigen
Themen gewesen, bei denen er aufgepaßt hatte. Der alte Albert wollte
seinen Schülern die Kommune als abschreckendes Beispiel verkaufen, aber
zumindest bei ihm hatte er sein pädagogisches Ziel verfehlt. Dropouts,
gesellschaftliche Versager, Anarchie - das war der Tenor des Unterrichts
gewesen. Ihn hatte das fasziniert. Ein paar tausend Leute versorgten sich
selbst - natürlich bei relativ niedrigem Lebensstandard - und verwalteten
sich autonom. Sie gaben sich ihre eigenen Gesetze. Wer sich denen nicht
unterwarf, wurde ausgeschlossen.
Entschlossen lenkte er seine Schritte zum Bahnhof. Der
Hunger war vergessen. Essen konnte er später.
Natürlich ging er zum rechten Bahnhofseingang. Er
wußte warum.
Nach der Privatisierung der Deutschen Bundesbahn in den
achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Deutsche Bahn AG sich am
Shareholder Value orientiert und folgerichtig auf die zahlungskräftige
Kundschaft im komfortabel gestalteten Fernverkehr gesetzt. Reisen im ICE und
seinem Nachfolger, dem ICE-F („F“ für Future) war angenehm,
denn eine große Zahl gut ausgebildeter Zugbegleiter kümmerte sich um
das Wohlbefinden der Reisenden. Köche, Kellner, Masseure und Friseure gab
es, und pädagogisch geschulte Teamer nahmen sich der Kinder an. Das
Flugzeug stellte schon lange keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr dar. Die
zeitraubende Fahrt vom Flughafen in die City, die immer häufiger in
stundenlangem Stau endete, machte den möglichen Zeitvorteil des Fliegens
mehr als wett. Das alles hatte ohne Frage seinen Preis.
Am defizitären öffentlichen
Personen-Nahverkehr hatte die Bahn AG dagegen keinerlei Interesse. Sie legte
eine Strecke nach der anderen still. Die Berufspendler mit den schlecht
bezahlten Jobs, die darauf angewiesen waren, nahmen das jedoch nicht klaglos
hin. Es kam zu Demonstrationen und schließlich zu zwei spektakulären
Anschlägen auf ICE-Züge. Beide entgleisten bei Tempo 300. Die
Unfälle forderten mehrere hundert Tote.
Daraufhin änderte die Bahn AG ihre Politik. Sie
entwickelte Commuter-Züge, deren Ausstattung an der deutscher Autobahntoiletten
orientiert war. Das hauptsächlich verwendete Material war Aluminium. Die
Einzelteile waren so verarbeitet, daß keine Schraube von außen
zugänglich war. Spiegel in den Toiletten waren aus poliertem Stahl,
Fenster aus bruch- und kratzfestem Plastik. Vandalismus hatte so kaum noch eine
Chance. Nur den Sprayern war man nicht beigekommen. Nach wie vor
verschönerten sie die Waggons innen wie außen.
Man ließ sie agieren. Überhaupt kümmerte
sich die Bahn kaum um diese Züge. Sie verkehrten vollautomatisch, der
Zugang zu ihnen war durch ein maschinell perfekt organisiertes System geregelt.
Darüber hinaus waren die Passagiere sich selbst überlassen. Sie
wurden transportiert - sonst nichts.
Um Unruhen und Übergriffe zu vermeiden, waren alle
Bahnhöfe, die sowohl den Fern- als auch den Nahverkehr bedienten, in zwei
Teile geteilt worden.
Durch den Kopfbahnhof von Altona zog sich eine hohe
Mauer. Sie trennte zwei Welten.
Auf der einen Seite wartete eine große, zugige
Halle. An den beschmierten Wänden hockten Reisende auf dem kalten
Fliesenboden. Es schien sie nicht zu stören, daß sie sich in den
Dreck gesetzt hatten. Vieles schien sie nicht zu stören. Betrunkene, die
durch den Saal torkelten, Drogensüchtige, die hier all das machten, was
Drogensüchtige nun einmal tun - rauchen, fixen, mit dem Turkey
kämpfen, schlafen, unkontrolliert defäkieren - über all das
wurde hinweggesehen. Auch diese Menschen hatten eine Fahrkarte irgendwohin,
sonst wären sie hier nicht hereingekommen. Am besten war es, nicht
aufzufallen und keine Aggressionen zu provozieren. Es galt zu überleben,
bis der Zug kam, den man brauchte.
Auf der anderen Seite sorgte eine Klimaanlage für
angenehme Temperaturen. Sitzgruppen mit großzügigen
Pflanzenarrangements luden dazu ein, eventuelle Wartezeiten zu verkürzen.
Dezente Musik, kaum wahrnehmbar, aber nervenberuhigend, dudelte im Hintergrund.
An vielen Stellen lockten kleine Snacks - gratis selbstverständlich. Wer
mehr konsumieren wollte, den lud das „Buffet de la Gare“ herzlich
ein. Dienstbare Geister hielten sich diskret im Hintergrund, waren aber
jederzeit verfügbar.
Hierhin steuerte Peter Schrader.
Der betuchte Reisende mußte sich logischerweise
legitimieren, bevor er Zugang zum Paradies erhielt. Zu diesem Zweck war neben
allen dreißig schmalen Eingängen zum luxuriösen Teil des
Bahnhofs Altona ein Schlitz angebracht, in den man seine persönliche
Kreditkarte einführen mußte, wenn man Zugang erhalten wollte.
Auf den letzten Metern vor einer der Pforten griff Peter
in die Gesäßtasche seiner Hose. Seine Finger fanden keinen
Widerstand.
Scheiße.
Er bleib stehen und sah sich suchend um. Hatte er die
Karte verloren? Oder vielleicht gar nicht an die gewohnte Stelle gesteckt? Das
konnte sein - im Internat hatte er kein Geld gebraucht. Vielleicht im Rucksack?
Er streifte sein Gepäck von den Schultern und durchsuchte es so
systematisch, wie das mitten auf einer belebten Straße vor einem Bahnhof
möglich war.
Nichts, soweit er sehen konnte. Er mußte die Karte
verloren haben. Oder vergessen. Gestohlen worden war sie vermutlich nicht.
Niemand konnte ein Interesse daran haben, das
Plastikding zu klauen. Zumindest war ihm nicht bekannt, daß es
möglich war, die Karte unautorisiert zu benutzen.
Den guten alten Magnetstreifen seligen Angedenkens hatte
längst der Augen-ID ersetzt.
Der war nach wie vor einmalig.
Weil die Kreditkarte nur individuell gültig war, war sie auch bei
Verlust jederzeit ersetzbar. Man brauchte nur seinen Iris-Scan machen zu lassen
und damit seine Identität nachzuweisen. Zumindest theoretisch.
Peter begriff sofort, daß er keine Chance hatte,
eine neue Karte ausgestellt zu bekommen. Natürlich brauchte er nur zur
nächsten Servicestation zu gehen und seinen Verlust zu melden. Der
Angestellte würde ihn bitten, auf einen bestimmten Punkt zu blicken - und
dann wäre es passiert. Das PIS, das Personeninformationssystem, würde
alle Daten auf dem Bildschirm anzeigen, die über ihn existierten. Mit
großer Wahrscheinlichkeit war die letzte Meldung in diesem Datenbrei eine
Suchanzeige aus Scheeßel. Es mußte inzwischen aufgefallen sein,
daß er nicht brav bei seinen abendlichen Hausaufgaben saß.
Er hatte kein Geld mehr. Den Traum von Kopenhagen konnte
er erstmal begraben. Und Hunger hatte er immer noch. Jetzt mehr denn je.
Er packte seine Habseligkeiten wieder zusammen und
schulterte den Rucksack. Zehn Minuten würde er bestimmt brauchen bis zum
linken Bahnhofseingang. Warum er dahin ging, wußte er allerdings auch
nicht so recht.
11
In der Dunkelheit waren sie kaum zu sehen. Schwarz waren
die Jeans, schwarz die Jacken oder T-Shirts, schwarz die Haut. Nur das
Weiße der Augen funkelte, und ab und zu reflektierte Streulicht auf
dunklem Metall. Sie bewegten sich nahezu lautlos. Nicht leise genug für
ihren Anführer. Während sie vorwärts schlichen, kommentierten
seine Blicke ihre Bewegungen.
Du da, links - deine Schuhsohle quietscht!
Stop! Ihr rennt gleich in eine Mülltonne!
Allmählich gewöhnten ihre Augen sich an das
diffuse Licht vor ihnen. Fette Beute lachte. Er sondierte die Lage, verteilte
die Aufgaben. Er wollte Paco, Marco und Tonio. Also die drei Großen. Der
Rest war uninteressant.
Er gab das Kommando. Sie stürzten sich auf ihre
Beute.
12
Die Frau, der man den grünen Kittel
übergezogen hatte, fühlte sich fremd in sich selbst. Sie hatte nur
noch wenig mit der verführerischen Karen Schrader gemein, die ihr Mann vor
wenigen Stunden genießerisch angesehen hatte. Tiefe Falten zogen sich
jetzt von der Nase zu den Mundwinkeln. Salzspuren unter den Augen hatten das
perfekte Make-up zerstört.
Sie hatte unbedingt in dieses kleine Zimmer gewollt.
Jetzt war sie da - in grellem Neonlicht, umgeben von
Apparaten, die unverständliche Kurven und Digitalanzeigen zeigten, die mit
Schläuchen und Kabeln verbunden waren, die von ihm ausgingen. Zu ihm hatte
sie gewollt - und war doch nicht bei ihm. Er war der Impulsgeber für all
diese Technik - aber er war nicht er. In dem penibel sauberen Krankenhausbett
lag eine menschliche Hülle, die eine entfernte Ähnlichkeit mit
Meinhard Schrader hatte.
Es kostete sie Überwindung, sich auf die Bettkante
zu setzen, mit der verkabelten Gestalt Kontakt aufzunehmen. Sie ekelte sich vor
der Infusionsnadel in seiner Armbeuge, vor den Schläuchen in seiner Nase.
„Meinhard!“ Sie hatte rufen wollen, aber es
war ein Flüstern daraus geworden.
Er reagierte nicht.
Er hätte nicht reagiert, selbst wenn sie
gebrüllt hätte. Er lag in tiefer Bewußtlosigkeit. Seine Lungen
tankten Luft, sein Herz pumpte Blut, und deshalb arbeitete sein Hirn - aber das
verdankte er allein den medizinischen Maschinen, die für ihn die
Schwerarbeit verrichteten.
„Meinhard!“
Nichts.
Sie hatte das Gefühl, genug getan zu haben.
Zumindest hier.
Sie verließ das Zimmer und verlangte von der
Schwester, die die Szene die ganze Zeit aus vom Flur her beobachtet hatte, den
Arzt zu sprechen. Selbstverständlich
war der für die Gattin des Privatpatienten Schrader sofort verfügbar
- sie mußte nicht warten.
„Herr Doktor, was ist mit meinem Mann?“
Der Arzt taxierte die Frau. Sie sah nach Geld aus. Angst
hatte sie auch. Aber von Panik war sie weit entfernt.
„Gnädige Frau, Sie hatten gerade Gelegenheit,
Ihren Gatten zu sehen. Es wäre übertrieben zu sagen, daß es ihm
gutgeht. Aber wir konnten seinen Zustand stabilisieren. Er hatte einen
Herzinfarkt. Bitte regen Sie sich nicht auf - das ist heilbar.
Bei einem halbwegs intakten Herzen und gesunder
Lebensweise ist nach einer Rehabilitation von - sagen wir - sechs Monaten fast
alles vergessen. Allerdings haben unsere Untersuchungen ergeben - nun
ja...“
„Was haben Ihre Untersuchungen ergeben?“
Karen Schrader war sich selbst nicht klar, warum sie so
forsch fragte.
„Das Herz Ihres Mannes, gnädige Frau, ist
nicht so gut, wie wir es uns wüschen würden. Am besten für ihn
wäre eine Transplantation.“
Transplantation. Sie wußte: Meinhard hatte da
einen Vertrag mit der Relief AG.
Kein Problem - er würde also leben. Trotzdem - eine Sekunde lang
hatte sie gehofft, daß der Arzt sagen würde: Hoffnungslos.
Kein Problem“, sagte sie. „Mein Mann hat
einen Vertrag mit der Relief AG.“
„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf“, sagte
der Arzt, „dann sollten Sie sich mit Relief in Verbindung setzten.“
Karen nickte. Mechanisch streifte sie den
Krankenhauskittel ab und drückte ihn dem Arzt einfach in die Hand.
„Können Sie mir ein Taxi rufen?“
„Taxen stehen vor der Tür, Frau Schrader.
Normalerweise ist der Stand immer besetzt. Aber wenn Sie ganz sicher sein
wollen, kann ich selbstverständlich...“
Karen winkte ab.
„Schon gut. Danke, Herr Doktor. Ich werde mich
gleich mit Relief in Verbindung setzen.“
Zu Hause musterte sie das Wohnzimmer. Zwei Sektkelche
lagen auf dem Boden, ein chinesischer Teppich war leicht verschoben. Nach einer
Tragödie sah das nicht gerade aus. Es war ja auch keine. Ein Anruf, und
das ekelerregende Kabelbündel würde sich in Meinhard Schrader
zurückverwandeln, ihren etwas zu alten, aber charmanten und spendablen und
ab und zu immer noch potenten Ehemann.
Das Eis im Kühler war geschmolzen, der Champagner
in der Flasche warm. Trotzdem trank sie ein Glas, bevor sie in Meinhards
Notizbuch nach der Nummer der Relief AG zu suchen begann.
Während sie das Verzeichnis durchblätterte,
meldete sich das Telefon. Das Krankenhaus?
„Schrader.“
„Guten Abend, Frau Schrader. Hier ist das
Internatsgymnasium Scheeßel. Bitte erschrecken Sie nicht, dies ist ein
reiner Routineanruf. Ihr Sohn Peter hat die Schule verlassen, ohne sich
abzumelden. Wir gehen davon aus, daß er bald zurückkommt. Die
meisten Schüler, die uns unautorisiert verlassen, sind nach ein paar
Stunden wieder da. Aber wir sind selbstverständlich verpflichtet, die
Eltern über solche Vorkommnisse zu informieren.“
Karen reagierte nicht.
„Frau Schrader?“
Dieses Mistbiest. Ihretwegen konnte er zur Hölle
fahren. Als sie Meinhard heiratete, hatte sie die Absicht, auf ihren
großen ‚Sohn‘ stolz zu sein. Der gute Wille war schnell
verflogen - der Junge hatte sich als unausstehlich erwiesen.
„Ja“, sagte sie lahm.
„Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu
machen. Wir melden uns bei Ihnen, sobald Peter wieder da ist.“
Plötzlich mußte Karen lachen.
„Schon gut“, erklärte sie. „Ich
mache mir keine Sorgen, jedenfalls nicht um Peter. Wissen Sie, mein Mann hatte
gerade einen Herzinfarkt. Er liegt auf der Intensivstation. Das ist im
Augenblick das größere Problem.“
“Das tut mir leid“, sagte die Stimme aus der
Ferne betreten. „Ich wünsche jedenfalls gute Besserung. Und wie
gesagt...“
„Sie melden sich, ich weiß. Danke.“
Karen legte auf. Sie griff nach der Flasche und
prüfte den Inhalt. Ein gutes Glas war noch drin - das würde sie
brauchen können nach all der Aufregung.
Sie sah auf die Uhr. Es war zwei Uhr morgens. Der Anruf
bei Relief in Frankfurt mußte warten. Morgen würde sie alles
Notwendige erledigen.
13
Marco hatte gut daran getan, sie vor allzu großen
Exzessen zu bewahren. So hatten sie ihre Reaktionsschnelligkeit bewahrt. Zwar
kamen die schwarzen Schatten über sie, aber sie rollten sich darunter
hinweg. Blitzschnell war Tonio, Ben Johnson, verschwunden. Auch Pablo und der
Rest der Gang lösten sich in Nichts auf. Es blieben Paco und Marco.
Leichte Beute, glaubten die Schwarzen.
Paco huschte nach links, in die Nähe einer
Feuertonne. Er stemmte sich daran hoch und bewarf die Angreifer mit
Brandsätzen. Hinter seinen Rücken ragte eine Hausmauer empor - es war
nicht an ihn heranzukommen. Er versuchte, Marcos Angreifer mit den schwelenden
Gummigeschossen zu vertreiben.
Marco war wirklich überrascht worden. Zwei
Männer hielten ihn am Boden fest. Einer saß auf seinen Beinen, der
andere hielt seinen rechten Arm und hatte seinen Hintern in sein Gesicht
gerammt. Gleichzeitig versuchte er, Marcos linken Arm zu fixieren.
Paco warf mit brennenden Gummiresten, so schnell er
konnte. Er achtete nicht auf die Brandblasen, die sich an seinen Fingern
bildeten. Er traf. Der Schwarze, der auf Marcos Gesicht saß, heulte auf
und rutschte zur Seite. Die linke, tastende Hand Marcos hatte jetzt Erfolg. Er
fand sein Messer und stach zu. Der Schwarze, der gekippt war, rutschte jetzt,
schlug zu Boden.
Der Schwarze auf seinen Beinen griff in den Hosenbund.
Kein Klicken - der Revolver war bereits entsichert. Der Schuß fiel sofort
und traf Marco mitten ins Herz. Sein Körper erschlaffte.
„Scheiße“, murmelte Paco
unhörbar. Er schlich sich von der brennenden Mülltonne fort und
verschwand im Dunkeln.
„Scheiße“, sagte auch der schwarze
Schütze laut vor sich hin. Ihm war klar, daß er einiges würde
erklären müssen.
14
„Na, Kleiner!?“
Er wußte, was die Stimmlage zwischen Frage und
Aufforderung bedeutete, hier, vor dem Eingang zur schlechten Seite des Bahnhofs
Altona. Jetzt hätte er gern mit seiner Deutschlehrerin diskutiert:
„Die Bedeutung der Bildung und der Verantwortung des Wissenschaftlers in
einer Situation, in der der Mensch kein Geld hat und nur durch Prostitution
hoffen kann, sich zumindest temporär aus seiner Lage zu befreien.“
Schöne Formulierung.
„Na, Großer!“ sagte er. Er musterte
sein Gegenüber.
Der Mann war um die fünfundvierzig Jahre alt und
ein paar Zentimeter kleiner als er. Ein kleines, aber unübersehbares
Bäuchlein, Brille und Halbglatze paßten zum Alter. Der Pullover aus
Naturfasern und die Wildlederjacke, die er offen darüber trug, stammten
erkennbar nicht aus einem
Geschäft mit Massenware. Die Hose war gut geschnitten; so konnte er nichts
von den Körperteilen erkennen, derentwegen ihn der Mann offensichtlich angesprochen
hatte.
Der Typ lächelte ihn jetzt an und zeigte dabei eine
Reihe makelloser Zähne. Selbstverständlich ein Gebiß - die
eigenen Zähne hielten heutzutage bestenfalls, bis man dreißig war.
Ein teures Gebiß, so wie es aussah. Das Lächeln war echt - es lag
nicht nur um den Mund, sondern spielte auch um die Augen.
Es sah so aus, als sollte seine Entjungferung unter
halbwegs erträglichen Umständen vonstatten gehen.
„Ich heiße Jan“, sagte der Mann.
„Du gefällst mir. Hübsch und sauber. Bist gepflegt. Das ist
selten hier. Aber wem sage ich das - du kennst dich hier bestimmt besser aus
als ich. Ich komme nur manchmal hierher. Meistens gucke ich nur und gehe
wieder. Kein Angebot. Ich bin negativ und will es bleiben. Und wenn, dann will
ich eine ordentliche Nummer und keinen bekifften Beschiß.“
In Peters Kopf keimte Hoffnung. Er gestand sich nicht
ein, daß sie irrational war. Niemand würde ihm glauben, auch nicht
dieser Jan. Jeder würde es für seinen Trick halten, immer und immer
wieder abgezogen. Er versuchte es trotzdem.
„Ich bin Peter. Und ich bin zum ersten Mal hier,
ob Sie...ob du es glaubst oder nicht. Eigentlich wollte ich von der anderen
Seite aus nach Kopenhagen fahren, aber meine Creditcard ist weg. Ich muß
sie verloren haben. Eine neue besorgen kann ich mir nicht, weil ich aus der
Schule abgehauen bin. Man sucht mich bestimmt schon. Mir ist nichts Besseres
eingefallen, als hierher zu gehen. Aber...“
Er brach ab, weil er merkte, wie unglaubwürdig
seine Story klang. Und weil er spürte, daß er gleich heulen
würde, wenn er weiterredete. Der Hunger bohrte in ihm und machte ihn zum
kleinen Jungen.
„Deshalb also!“ Jan schien beinahe
erleichtert. „Ich hatte gleich das Gefühl, daß du kein
Stricher bist. Paßt nicht zu dir. Schade eigentlich - es hätte nett
werden können. Na gut - lassen wir das. Mal sehen, ob ich dir helfen kann.
Hast du Hunger?“
Dieser Jan schien vom Himmel gefallen zu sein.
„Und wie!“ sagte Peter. Unendliche
Erleichterung erfüllte ihn.
Eine Viertelstunde später saßen der Mann und
der Junge im Buffet de la Gare - Peter war wieder auf der richtigen Seite. Nur
wenige Gäste waren anwesend, und die Bedienung war fix, so daß Peter
seine gesamte Aufmerksamkeit bald auf den Salat des Hauses konzentrieren
konnte. Als Hauptgang hatte er Magret de Canard bestellt und zum Abschluß
das Dessert von weißer und brauner Schokoladenmousse. Er war
glücklich.
Jan beobachtete ihn schmunzelnd. Welch gesunder
jugendlicher Appetit! Er selbst begnügte sich mit einem leichten
Käsesoufflé und wies, als Peters Augen eine Frage formulierten,
erklärend auf seinen Bauch.
„Gut!“ meinte er, als Peter die Entenbrust
besiegt hatte. „Dieses Problem wäre also erledigt. Aber was machen
wir jetzt mit dir?“
Peters Wohlbehagen brach schlagartig in sich zusammen.
Fast hätte sein Magen gegen das Entenfett revoltiert, das ihm eben noch so
gut geschmeckt hatte. Hastig trank er einen Schluck Mineralwasser. Was sollte
jetzt werden? Er konnte Jan schließlich schlecht bitten, ihm eine
Fahrkarte nach Kopenhagen zu kaufen...
„Eine Fahrkarte nach Kopenhagen kaufe ich dir
nicht“, sagte Jan, als hätte er Peters Gedanken gelesen. „Dann
stehst du da am Bahnhof, hast kein Geld und landest wieder auf der falschen
Seite. Kannst du denn nicht zurück in deine Schule?“
Eigentlich gar keine so dumme Idee, zuckte es durch
Peters Kopf. Passieren würde ihm wenig. Vielleicht könnte er Ines
doch noch für sich interessieren. So schlimm war Scheeßel nun auch
nicht. Eigentlich war die Deutschlehrerin sogar ziemlich in Ordnung...Abi
machen, hinterher Karriere machen, Geld machen, zum Beispiel Autos verkaufen...
„Nein!“ Das klang so entschieden, daß
Jan nicht nachfragte, sondern die Schultern zuckte.
„Na gut!“ meinte er. „Dann kommst du
erstmal mit zu mir. Aber erst nach dem Dessert.“ Als Peter mit
Genuß die Mousse zwischen Zunge und Gaumen zerdrückt hatte, suchten
Jans Augen den Kellner und fanden ihn. „Ich möchte zahlen!“
Nachdem er die Rechnung beglichen hatte, lächelte
er Peter aufmunternd an. Wieder kräuselten sich die Lachfältchen in
den Augenwinkeln. „Gehen wir!“
Peter fühlte sich geborgen.
15
Mühsam gelang es John Pupfish, das Lenkrad
festzuhalten. Seine Finger waren schweißnaß. Gut nur, daß der
Verkehr in Pahrump sich in deutlichen Grenzen hielt.
Zum Lunch mit den Lions hatte er ein 18-Unzen-Steak
bestellt und gegessen - obwohl der Arzt in Vegas ihm zu Zurückhaltung und
zu leichter Kost geraten hatte. Aber alle hatten das Steak bestellt, und er
wollte nicht als Schwächling dastehen. Außerdem war das Wetter
umgeschlagen - über den Spring Mountains im Osten kündigte eine
pechschwarze Wolke eines der seltenen Herbstgewitter an. Es war schwül,
zumindest nach den Maßstäben der Mojave-Wüste.
Ihm war übel, und er hatte Schmerzen in der rechten
Brust.
Eigentlich hatte er nach dem Lunch noch einmal ins
Büro fahren wollen, um endlich den Ärger mit dem Finanzamt zu
klären. Seine Steuererklärung vom April war aus irgendwelchen
Gründen angezweifelt worden. Er hatte es immer wieder vor sich
hergeschoben, sich damit zu beschäftigen, und auch heute würde es
nichts werden. Er wollte jetzt ins Bett gehen.
Gott, laß Gesa nicht zu Hause sein! betete er
stumm. Laß sie nichts merken. Laß mich einfach nur ganz allein in
mein Bett gehen. Mach, daß es mir besser geht.
Der dunkle Wirbel, der sich rasend schnell von rechts
näherte, ließ ihn das Lenkrad instinktiv nach links reißen.
Fast wäre er von der Straße abgekommen. Gerade noch rechtzeitig
konnte er seinen Kurs korrigieren. Er blieb auf dem Asphalt, aber der Wirbel
erwischte ihn. Hart prallte er gegen die Seitenscheibe, hüpfte zurück
und scharrte über das Dach davon. Ein Tumbleweed. Kein brennender
Dornbusch. Keine göttliche Botschaft. Das Gewitter hatte nur seinen Sturm
vorangeschickt.
Immerhin war sein Stoßgebet zum Teil erhört
worden. Als er zu Hause vorfuhr, war die Doppelgarage leer, das automatische
Tor hochgeklappt. Lautlos verfluchte er den Leichtsinn seiner Frau.
Schließlich hatte er für teures Geld eine Alarmanlage installieren
lassen, um seinen Besitz vor unerwünschten Eindringlingen zu
schützen. Was früher Luxus gewesen sein mochte, war heute
Notwendigkeit. Das Ding funktionierte allerdings nur, wenn alle Eingänge
geschlossen waren.
Aber wie auch immer: Gesa war fort. Er hatte nie den
Ehrgeiz gehabt, alle ihre Verpflichtungen und Ehrenämter zu durchschauen,
aber er war froh, daß sie sie wahrnahm. Ein Städtchen wie Pahrump
mit inzwischen 40 000 Einwohnern konnte nur mit dem Engagement seiner
Bürger funktionieren. Jetzt interessierte ihn das alles allerdings nicht -
er wollte ins Bett.
Er parkte den Desert Blaster in der Garage und war
selbst erstaunt darüber, daß er es ohne Unfall schaffte. Er stieg
aus, schloß das Garagentor und ging durch die Seitentür direkt ins
Haus.
Flüchtig glitt sein Blick durch das Wohnzimmer und
die Küche, die er durch die Durchreiche immerhin zum Teil sehen konnte.
Alles tadellos aufgeräumt.
Eine Perle, seine Gesa. Trotz seiner Benommenheit registrierte er die liebevoll
arrangierte Obstschale neben dem Telefon: kleine Melonen aus dem eigenen Tal,
ergänzt durch Zitrusfrüchte aus Kalifornien und Äpfel aus
Oregon.
Die Obstschale klingelte. Jetzt ist es passiert,
schoß es ihm durch den Kopf. Ich werde verrückt vor Schmerzen und
Verzweiflung.
Die Schale klingelte wieder. Und noch einmal.
Ihm wurde bewußt, daß das Telefon
läutete. Er schüttelte den Kopf, um die Dummheit darin zu vertreiben.
Klingelnde Obstkörbe - was für ein Unsinn! Aber wer könnte jetzt
etwas von ihm wollen? Geschäftliches lief übers Büro. Gesa? Die
saß jetzt vermutlich glücklich in einer Sitzung der kommunalen
Schulverwaltung oder strickte in der Kirchengemeinde Strümpfe für
irgendeinen guten Zweck. Das Finanzamt? Die konnten ihn mal...
Die Gewohnheit siegte. Er nahm den Hörer ab.
„Hallo?“
„Hallo, spreche ich mit John Pupfish?“
„Das bin ich.“
„Entschuldigen Sie, wenn ich mich vorerst nicht
vorstelle. Ich habe Ihnen ein Angebot zu machen, an dem Sie interessiert sein
dürften. Wir haben erfahren, daß Sie gesundheitliche Probleme haben.
Wir könnten Ihnen eventuell helfen.“
John hatte den Impuls, den Hörer aufzulegen.
Dubiose Werbung per Telefon war in den letzten Jahren zu einer regelrechten
Landplage geworden. Andererseits paßte es nicht ins Bild, daß der
Anrufer anonym bleiben wollte. Was hatte Bill vorhin gesagt? ‚Vielleicht
riechen sie potentielle Kunden und nehmen ihrerseits Kontakt auf.‘
„Und wie?“ fragte er knapp.
„Wir könnten Ihnen ein neues Herz zur
Verfügung stellen“, sagte die Stimme. „Und wir haben
niedrigere Preise als Relief.“
Die zentrale Pumpe, der Lebensmuskel, das kranke Organ
meldete sich, pulste spürbar und unregelmäßig. Jetzt ganz ruhig
bleiben. Ruhig. Ruhig. Ruhig.
Die Selbsthypnose gelang.
„Es könnte richtig sein, daß ich ein
neues Herz brauche. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Preise von Relief
kann ich bezahlen. Auf Relief kann ich mich verlassen. Warum also sollte ich an
Ihrem Angebot interessiert sein?“
„Wir haben uns erlaubt, uns über Ihre
Vermögensverhältnisse zu erkundigen, Sir. Sie können sich ein
Relief-Herz frühestens in vier Wochen leisten, und wenn Sie es tun, werden
Sie finanziell ruiniert sein. Bei uns kostet es die Hälfte - und wir
bieten die Ware sofort. Bei gleichem medizinischem Standard, versteht
sich!“
John ärgerte sich über sich selbst, aber er
konnte die Fragen nicht zurückhalten: „Wer sind Sie? Woher wissen
Sie etwas über mich?“
„Sie wissen genau, für wen ich
spreche“, sagte die Stimme. „Der Rest ist Geschäftsgeheimnis.
Überlegen Sie sich, ob Sie interessiert sind. Ich werde mich wieder
melden.“ Die Verbindung wurde unterbrochen.
John keuchte, taumelte. Wenn diese Stimme recht hatte,
war er auf Gedeih und Verderb auf die Organmafia angewiesen. Dabei wußte er
noch nicht einmal, wie er mit ihr Kontakt aufnehmen konnte. Obstkorb, Telefon
und Wohnzimmer verschwammen vor seinen Augen. Langsam knickten seine Knie ein.
Er wurde ohnmächtig.
16
Am nächsten Morgen schmuste Karen Schrader mit
ihrem Kater Lelo. Sie kraulte ihn wie gewohnt an der Kehle, und er schnurrte
als Reaktion wie üblich. Sie liebte dieses Geräusch, animalisch und
beruhigend zugleich. Sie konnte sich dabei entspannen und ihre Gedanken
sammeln.
Was war jetzt zu tun?
Erst einmal mußte sie diesen Anblick aus der
Intensivstation vergessen. Und dann alles dafür tun, daß er auf
immer vergessen blieb. Relief anrufen. Reine Routine. Sanft setzte sie Lelo zu
Boden und wollte zum Hörer greifen.
Da klingelte es an der Wohnungstür.
Sie zuckte die Schultern und ging zur Gegensprechanlage.
Nur eine kleine Verzögerung. Nichts Gravierendes.
Nachdem sie den Monitor eingeschaltet hatte, sah sie das
Gesicht von Manfred Wernowski. Es sah sorgenvoll aus. Bestimmt hatte er von
Meinhards Zusammenbruch gehört.
„Hallo, Manfred“, sagte Karen, während
sie auf den Knopf drückte, der den Türöffnungsmechanismus
auslöste. „Komm doch rein!“
Wernowski war privat Meinhards Freund und
geschäftlich sein Finanzberater. Er sah in seinem Dreiteiler, auf dem er
unbeirrt beharrte, untadelig aus wie immer. Dunkelgraues Kammgarn, hellblaues
Hemd mit Button-down-Kragen, dezente hellgraue Krawatte. Er sieht aus wie aus
einem Modejournal vor zwanzig Jahren, ging es Karen zum wiederholten Mal durch
den Kopf. Alle Welt lächelte über Wernowskis modischen
Konservativismus. Abgesehen davon hatte man allgemein nur Bewunderung für
ihn übrig. Er galt als einer der besten Kenner der internationalen
Finanzmärkte in Deutschland.
„Karen, ich grüße dich!“
Schwungvoll betrat er das Wohnzimmer und hauchte Karen einen Kuß auf die
Stirn. Er war so jung wie sie, und die Andeutung eines Flirts, aus dem
vermutlich nie etwas werden würde, begleitete jede ihrer Begegnungen.
Seine Bewegungen waren zu schwungvoll, fand sie heute.
Sie paßten nicht zu dem Gesicht, das sie gesehen hatte, als er vor der
Tür stand und sich wahrscheinlich unbeobachtet glaubte.
„Schön, daß du kommst“, sagte sie
und meinte es ehrlich. Ausnahmsweise.
Wernowski war Meinhards Freund, nicht ihrer. Sie hatte ihn nie gemocht,
diesen Mann in der Mode von gestern, der immer wieder versuchte, sich ihr
aufzudrängen. Aber jetzt einen Menschen zu haben, mit dem sie reden
konnte, und nicht nur einen schnurrenden Kater, würde ihr guttun. Den
Anruf bei Relief würde sie eben ein wenig später erledigen.
„Möchtest du etwas trinken?“
„Ja, gern“, antwortete er, ohne zu
zögern. „Einen Malt, bitte. Glenfiddich, wenn du einen hast.“
Natürlich stand eine Flasche Glenfiddich in der
Bar, schließlich war das Meinhards Lieblingswhisky. Es war also kein
Problem, den Wunsch Manfreds zu befriedigen. Aber sie war verwirrt: Immer, wenn
er bei ihnen gewesen war, hatte er tagsüber nie etwas anderes getrunken
als Orangensaft oder Mineralwasser.
„Bitte!“ Sie stellte das Glas vor ihn hin.
„Gerührt und nicht geschüttelt.“
Noch während sie sprach, wurde ihr der Fehler
bewußt. Man macht einen alten James-Bond-Martini-Spruch bei einem
Martini, aber nicht bei einem Whisky.
„Entschuldige. Ich bin ein bißchen
durcheinander.“
Er nahm das Glas, nickte ihr zu und trank. Als er es
behutsam wieder auf den Tisch stellte, war es leer.
„Wir sind alle ein bißchen durcheinander.
Kein Wunder. Wie geht es Meinhard?“
Plötzlich hatte sie das Gefühl, zwei Personen
zu sein: Eine Gegenwartsfrau schüttelte sich vor Entsetzen und Ekel
angesichts eines Fleischpaketes zwischen Schläuchen und Kabeln; die andere, die Zukunftsfrau, sah
Meinhard und sich selbst gesund im nächsten Sommerurlaub auf Martinique.
„Alles wird gut werden. Im Moment geht es ihm
schlecht. Er braucht bald ein neues Herz. Aber das ist ja kein Problem. Du
kennst doch seinen Vertrag mit Relief.“
Die Zukunftsfrau hatte die Antwort übernommen.
„Schön.“
Jetzt wurde ihr definitiv klar, daß mit Manfred
etwas nicht stimmte. Dieses „Schön“ war eine Mischung aus
Nichtbeteiligung und Sarkasmus gewesen. Wernowski wollte ihr vermutlich etwas
sagen, traute sich aber nicht. Sie beschloß, zum Angriff
überzugehen. Vorher aber lockte sie Lelo, und sofort sprang der Kater in
ihren Schoß. Oh nein! dachte sie. Katzen lassen sich nie etwas befehlen.
Wenn Lelo sich jetzt herbeizitieren ließ, dann war wirklich etwas falsch.
„Manfred, was ist los?“
„Gibst du mir noch einen Whisky?“
Sie gab ihm den Glenfiddich. Sie sah zu, wie er sich mit
dem Glas vor ihr auf den Teppich setzte und in den Fußboden hineinredete.
Sie hörte, daß Meinhard all sein Vermögen verloren hatte, denn
er hatte es in VW-Aktien angelegt. Die Aktien waren jetzt praktisch wertlos.
Danach stürzte Wernowski den zweiten Whisky ebenso schnell hinunter wie
den ersten.
„Das kann nicht sein“, flüsterte Karen.
Ihre Hände verkrampften sich in Lelos Fell, und der
Kater flüchtete erschrocken mit einem großen Satz.
„Manfred, du bist Meinhards Finanzberater! Wie
konntest du zulassen, daß er alles auf eine Karte setzt?“
Wernowski zuckte die Schultern. „Er wollte es so.
Ich habe ihm immer und immer wieder abgeraten. Er hat sich allen meinen
Argumenten verschlossen. ‚Ich bin ein Automann‘, hat er gesagt. Das
war seine Standardantwort. ‚Du bist ein Glücksspieler!‘ habe
ich ihm erklärt. Und seine Antwort war: ‚Vielleicht will ich genau
das sein.‘“
Er drehte sich um, stützte den rechten Arm auf
Karens Oberschenkel. „Verstehst du? Ihr seid pleite! Ihr könnt kein
neues Herz bezahlen!“
Seine Augen glänzten feucht. Die Rührung hielt
ihn jedoch nicht davon ab, Karens Hüfte zu streicheln.
„Karen...“
„Du gehst jetzt besser“, sagte sie.
“Karen!“ Seine Hand glitt höher.
„Laß das!“
Manfred
grinste und ließ sich durch ihren scharfen Ton nicht stören. Lelo
erhob sich majestätisch und lasziv, streckte sich genüßlich -
und sprang, ohne daß auch nur der Ansatz einer Bewegung zu sehen gewesen
wäre, Wernowski mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht.
Zwei Minuten später sah Karen Schrader sich um. Sie
war allein. Nein, Lelo war bei ihr. Manfred Wernowski war geflüchtet. Nur
ein Blutstropfen auf der Glasplatte des Tisches und ein umgestoßenes
Whiskyglas zeugten davon, daß er dagewesen war.
Sie fühlte sich gut.
Der Kampf war gewonnen.
Das war einen Glenfiddich wert - diesmal für sie.
Sie genoß den ersten Schluck des Drinks und auch
den zweiten. Vor dem dritten aber wurde es hell in ihrem Kopf: Sie waren
arm. Sie war arm. Es war kein Geld
da, um Meinhard ein neues Herz zu
bezahlen. Meinhard würde sterben. Sie würde Witwe sein. Eine arme
Witwe. Scheiße.
Zeit, den Glenfiddich zu beenden, solange es ihn noch
gab.
Sie leerte das Glas.
17
Little Italy war immer noch sehr italienisch. Zwar war
der negative Einfluß der sogenannten amerikanischen Küche nicht ganz
spurlos an den zahlreichen Pizzerias und Ristorantes vorbeigegangen, aber sie
hatten überlebt. In dem meisten Küchen führte Mamma das Regime
und entschied, wann die Spaghetti al dente und damit fertig waren.
Natürlich hatte jedes Lokal seinen Clubraum - wo sonst sollten sich die
italienischen Großfamilien treffen, wenn es eine Geburt, eine Taufe, eine
Hochzeit oder eine Beerdigung zu feiern galt?
Die Familie, die jetzt im Hinterzimmer des
„Roma“ zusammentraf, war von besonderer Natur. Was sie
zusammenhielt, waren keine verwandtschaftlichen Beziehungen. Sie verbanden
Geschäfte. Dennoch war ihr Zusammenhalt enger als der mancher
Blutsverwandter. Jeder, der ihr angehörte, wußte, womit ein Verrat
an den Familienidealen bestraft werden konnte: mit dem Tode.
An der Stirnseite der Tische, die zu einer langen Tafel
zusammengerückt worden waren, saß ein soignierter Herr von etwa 60
Jahren. Er trug einen dunkelbraunen Rollkragenpullover und eine gleichfarbige
Kordhose. Seine Augen waren hinter einer großen Sonnenbrille mit
ebenfalls dunkelbraunen Gläsern versteckt.
Er sah aus wie ein Pate.
Er war einer.
Rechts und links von ihm hatten an den Schmalseiten
sieben Männer Platz genommen. Auch sie waren mittleren Alters und dezent
gekleidet. Ihre Augen waren dem Chef zugewandt. Ihre Münder waren
respektvoll geschlossen.
Ein kaum wahrnehmbarer Schweißgeruch lag im
Zimmer. Es war schwer, das Ergebnis solcher Sitzungen vorherzusehen. Jeder
brachte seine Angst dazu mit.
„Die Bilanz!“
Der Dicke zu seiner Linken straffte sich, blieb aber
sitzen. Er griff sich ein Blatt Papier, das er vor sich hingelegt hatte, und
las während seines Vortrages ab und zu Zahlen davon ab.
„Unsere Arbeit in den letzten fünf Wochen
zeigt zwei Seiten: Erfolg und Mißerfolg. Wir hatten gute
Lagerbestände, und wir haben gut verkauft. Wir verlangen im Schnitt halb
so viel wie Relief. Aufgrund unserer Preise war die Nachfrage rege. Sie ist auch aktuell vorhanden. Sie
scheint sogar zu steigen, weil sich die Meinung durchsetzt, daß unsere
Produkte nicht schlechter sind als die von Relief. Aber wir haben
Nachschubprobleme. Im Moment verfügen wir in der Region Nordamerika
über 400 Nieren, 380 Lebern und 684 Lungenflügel. Das reicht zur
Befriedigung des Bedarfs des nächsten Monats. Bei Milzen und
Bauchspeicheldrüsen haben wir sogar einen Überhang. Aber es gibt ein
zentrales Problem: Wir haben kein Herz. Wir haben nur eins weltweit,
nämlich in Europa.“
Aus dem Mund unter den Augen, die sich hinter der
Sonnenbrille versteckten, kam nur
ein Wort: „Warum?“
„Das Hauptproblem ist der Abusus von ‚Sweet
Dreams‘, einer Designerdroge, die auf der Basis von Phenobarbital
entwickelt worden ist. Schon seit langem ist bekannt, daß Phenobarbital,
auch als Luminal bekannt, bei Mäusen Lebervergrößerung und eine
Vervielfachung des Chromosomensatzes hervorruft. Sweet Dreams bewirkt beim
Menschen eine entsprechende Veränderung am Herzen. Das Herz arbeitet zwar
noch korrekt, ist aber so vergrößert, daß es nicht mehr
transplantierbar ist. Dazu kommen die aktuellen politischen, sozialen und
medizinischen Probleme...“
Ein Nicken und eine Handbewegung unterbrachen ihn:
„Rapport!“
Jetzt wechselten sich die Sprecher ab, je nach
regionaler Zuständigkeit.
„In Afrika ist die Situation für uns momentan
aussichtslos. Zwar ist es kein Problem, an Material heranzukommen, aber die
Infrastruktur ist durch die anhaltenden Kriege und Bürgerkriege
völlig zerstört. Wir können nicht ausfliegen und auch nicht
operieren oder konservieren.“
Unmerklich nickte die dunkle Sonnenbrille.
„Die Dürre in Nordamerika und die daraus
folgenden Wanderungsbewegungen sollten eigentlich ideale Voraussetzungen
für uns sein. Aber die meisten Menschen sind so ausgemergelt und krank,
daß sie für uns uninteressant sind. Außerdem kontrolliert die
US-Bundespolizei alles, weil sie möglichen Revolten vorbeugen will. Handel
mit Organbanken oder Organen ist deshalb praktisch unmöglich.“
Ein weiteres Nicken.
„Europa ist sozial inzwischen völlig
gespalten und zerfällt immer mehr. Insofern ist es leicht, hier Material
zu finden. Es ist sogar sehr leicht, weil viele Angehörige der reichen
Schicht gar nicht begreifen, in welcher Gefahr sie schweben. Aber die
europäischen Staaten haben sich zu reinen Polizeistaaten entwickelt, denn
sie haben Angst vor inneren Unruhen und vor Einwanderung. Deshalb ist es sehr
schwer, Material zu konservieren und zu behandeln. Und es ist fast unmöglich,
es aus Europa herauszuschmuggeln.“
Die Brille nickte.
„Australien kann man, fürchte ich, als
Materialquelle langfristig vergessen. Trotz des FCKW-Verbots wächst das
Ozonloch immer noch. Obwohl die Menschen sich in der Regel vorsichtig
verhalten, nimmt Hautkrebs zu. Und wer Hautkrebs hat, ist für uns
uninteressant. Wir haben in den letzten Wochen einige Exemplare geprüft,
aber sie waren alle ungeeignet. Wir haben sie wieder laufen lassen - mit allen
guten Wünschen.“
Unter der nickenden Brille zeigte sich ein
flüchtiges Lächeln.
„Die Massenepidemie in Asien weitet sich aus. Die
Bakteriologen meinen jetzt, daß es sich bei der Krankheit um eine
Zwischenform von Aids und dem Ebola-Virus handelt. Vielleicht kommen sie morgen
zu einer anderen Erklärung, aber sicher ist, daß das dort
verfügbare Material unseren Qualitätskriterien nicht
entspricht.“
Nicken.
„Auch in Südamerika werden die Bedingungen
immer schlechter. Unser potentielles Material, die Straßenkinder,
verliert zusehends an Qualität. Wir haben keinen Einfluß auf das Suchtverhalten, und das
Klebstoffschnüffeln schädigt die inneren Organe. Ich muß
zugeben, daß gestern eine Aktion schiefgelaufen ist. Ein Anschlag auf
eine noch halbwegs intakte Straßengang ist mißlungen. Einer meiner
Männer ist tot, der andere hat seine Strafe erhalten.“
Der Schweißgeruch in dem Hinterzimmer hatte sich
verstärkt.
Die dunkle Brille nickte nicht.
Der Beauftragte für Lateinamerika sank in sich
zusammen.
„Woher stammt das Herz?“
Der Europäer grinste. „Bestes Material. Ein
gut gepflegtes Bürgersöhnchen. Im Moment ist er noch in der
Untersuchungsroutine, aber es sieht so aus, als könnte er uns mehr liefern
als sein Herz.“
„Gut!“ sagte der Pate zu ihm. Und zu dem
Lateinamerikaner: „Ich möchte mit dir sprechen.“
Die Sitzung war beendet. Zwei Männer blieben
zurück. Nein, drei. Eine Silhouette löste sich aus einem dunklen
Winkel, in den sie sich bisher zurückgezogen hatte. Ein junger, gut
durchtrainierter Mann wurde sichtbar. Er stellte sich hinter den Paten und
wippte erwartungsvoll auf den Fußballen vor und zurück.
Jetzt war die Luft zum Schneiden dick.
18
Karen Schrader hatte viel Sorgfalt auf ihre Garderobe
und ihr Make-up verwendet. Zu einem lichtgrauen Herbstkostüm aus
Schurwolle trug sie eine dunkelrote Seidenbluse. Das Haar ließ sie nicht
wie gewohnt locker fallen, sondern hatte es hochgesteckt. Sie wußte,
daß ihr Gesicht dadurch einen sanft leidenden Zug erhielt. Der wurde
dadurch unterstützt, daß sie sich blaß geschminkt hatte.
Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, den
Wernowskis Eröffnung über ihre finanzielle Situation verursacht
hatte, wollte sie zum Angriff übergehen. Meinhard hatte einen Vertrag mit
der Relief. Sie hatte sich bisher nie um dessen Inhalt gekümmert. Jetzt
war es Zeit, einiges in Erfahrung zu bringen. Meinhard hatte einen Vertrag -
also bestanden vermutlich auch irgendwelche Ansprüche. Nach Wernowskis
abruptem Abgang hatte sie telefonisch einen Termin mit der Relief-Zentrale
für Deutschland vereinbahrt. Jetzt war sie in Frankfurt.
Als sie über den weiten, leeren Vorplatz auf das
Verwaltungsgebäude zuging, das ihr seine Marmor- und Glasfronten zeigte,
spürte sie sich klein werden. Sie unterdrückte das Gefühl.
Zumindest versuchte sie es.
Fünf Minuten später saß sie einer Frau
gegenüber, die fast genauso gekleidet und geschminkt war wie sie. Mist,
dachte sie. Es war ihr nicht so richtig klar, warum das ‚Mist‘ war.
Aber sie hatte recht.
Dia andere musterte sie kühl.
„Frau Schrader? Ich bin Siobhan McGregor. Nehmen
Sie bitte Platz. Was kann ich für Sie tun?“
Irisch oder schottisch, dachte Karen. Deshalb die
grünen Augen. Sie versuchte sich zu konzentrieren.
„Mein Mann heißt Meinhard Schrader. Er hat
einen Vertrag mit Ihnen, falls er einmal Ersatzorgane benötigen sollte. Im
Moment geht es ihm nicht gut. Ich möchte gerne Genaueres über den
Vertrag wissen. Es könnte sein, daß ich ...wir...bald handeln
müssen.“
„Moment!“
Routiniert drehte Siobhan sich ein wenig zur Seite und widmete sich ihrem Computer.
„Ja, ich hab‘s. Was möchten Sie
wissen?“
„Hat mein Mann bereits irgendwelche Anzahlungen
geleistet?“
„Nein. Zur Deckung eventueller Kosten hat Herr
Schrader der Relief AG den Zugriff auf 120 VW-Aktien vertraglich zugesichert,
die sich in seinem Besitz befinden. Beziehungsweise auf den geldwerten Gegenwert,
den die Aktien am 1. 1. 2003 dargestellt haben. Damit wären entweder die
Kosten eines Herzens oder zweier beliebiger anderer Organe abgegolten, und zwar
zur kürzest möglichen Lieferfrist.“
Sie wandte sich Karen wieder zu: „Konnte ich Ihnen
mit dieser Auskunft helfen?“
Karen schüttelte den gesenkten Kopf. Sie
beherrschte sich nur mühsam.
„Leider nicht.“ Sie schluckte.
„Mein Mann hat sein gesamtes Vermögen in
VW-Aktien angelegt. Und die sind seit gestern wertlos.“
„Oh!“ sagte Siobhan. Sie verstand nicht,
warum das so war. Sie interessierte sich nicht für Politik. Aber sie
glaubte es. Wer so traurig aussah wie Karen, der log nicht.
„Sie sind also mittellos?“
Karen zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht.
Noch nicht. Dazu ging alles viel zu schnell. Wir haben ein Haus, es gibt
Antiquitäten, Schmuck... Ich muß das alles schätzen
lassen.“
„Tun Sie das!“ sagte Siobhan. Sie
verspürte kein Mitgefühl. Sie wünschte lediglich, daß die
Frau, die auf den ersten Blick aussah wie sie, ihr Büro so schnell wie
möglich verließ. Keine Sekunde dachte sie deshalb darüber nach,
ob sie ihr vielleicht helfen konnte. Dennoch sagte sie: „Ich drücke
Ihnen die Daumen.“ In Karens Ohren klang es echt, denn sie brauchte
Sympathie.
„Danke. Eine Frage noch: Was kostet ein neues
Herz?“
„Bald?“
„Lieber heute als morgen!“
Wieder arbeitete der Computer.
„1,5 Millionen $, sagt mir die Zentrale in
Chicago. Bereits morgen, alles inklusive. Je mehr Zeit Sie haben, desto
billiger wird es.“
„Ich habe ganz bestimmt keine 1,5 Millionen
$.“ Karen Schrader war aufgestanden. „Und schon gar keine
Zeit.“
Sie ging grußlos und drehte sich nicht um. Irgend
etwas in ihr fand den Ausgang aus dem großen Haus. Erst als sie im
Herbstwind den Vorplatz überquerte, schoß wieder ein Gedanke durch
ihren Kopf: Schade, daß ich den Glenfiddich gestern völlig
ausgetrunken habe!
19
I can get noho satisfaction, I can get noho...
Der alte Song durchpulste seinen Kopf und seinen
Körper. Nicht nur seinen. Auch ihren. Eng aneinander geschmiegt bewegten
sie sich im Rhythmus der Musik, die nicht von irgendwoher kam, sondern direkt
in ihnen war. Alles zwischen ihnen stimmte. Sie saß mit weit gespreizten
Beinen auf seinem Becken und hatte ihn ganz in sich aufgenommen. Ihre
Hände stützten sich auf seine Schultern. Jetzt beugte sie die Arme
und näherte ihren Mund dem seinen. Der Kuß weckte Nerven in seinen
Lippen, von denen er bisher nichts geahnt hatte. Das Prickeln wanderte durch
seinen Hinterkopf in die Brustwarzen und von da aus in seinen Schwanz. Er
spürte, wie er noch härter wurde. Gleich, gleich...
Ach, Ines! Ihn liebte sie und nicht Felix, den
Musterschüler. Sie waren füreinander geschaffen, das hatte er
eigentlich immer gewußt. Ines, Liebste! Er konnte sich nicht erinnern,
sich jemals so wohlgefühlt zu haben.
Er wälzte sich im Bett von einer Seite auf die
andere und murmelte vor sich hin.
Der Pfleger war beunruhigt und holte den Arzt. Der
untersuchte den Patienten flüchtig und grinste.
„Kein Grund zur Aufregung. Wir haben ihm nach dem
Ende der Untersuchungen ein paar synthetische Endorphine gespritzt, damit er
sich erholen kann. Jetzt hat er süße Träume.“
Er schlug die Bettdecke zurück. „Sehen Sie -
eine eindrucksvolle Erektion. Er ist glücklich. Lassen Sie ihn ausschlafen
- das böse Erwachen kommt für ihn früh genug. Er ist für
unsere Zwecke übrigens hervorragend geeignet. Pech für ihn!“
„Ines!“ Peter räkelte sich und
blinzelte. Seine rechte Hand suchte seine Freundin, fand sie aber nicht.
Merkwürdig - sie hielt doch sein linkes Handgelenk fest...
„Ines, laß das Versteckspiel. Komm zu
mir“, murmelte er, drehte sich auf die Seite und tastete weiter nach ihr.
Er fand ein verkrumpeltes Bettlaken. Und danach das Ende des Bettes.
Spielkind, dachte er und grinste. Bestimmt war sie
heimlich aufgestanden und beobachtete ihn jetzt. Sicher wollte sie nur sehen,
was für ein dummes Gesicht er machte, wenn er aufwachte und sie nicht da
war. Aber dann, ging es ihm langsam durch den Kopf, hätte sie seine Hand
nicht halten dürfen. Frauen...logisches Denken war eben doch nicht ihre
Stärke. Allerdings war jetzt kaum der Zeitpunkt, ihr das zu sagen.
„Ines!“ er vewandelte das Grinsen in ein
Lächeln und schlug die Augen auf.
Er sah nur verschwommenes Hell und Dunkel. Hatte er so
fest geschlafen, daß seine Augen völlig verklebt waren? Daran konnte
er sich gar nicht erinnern. Aber möglich war es schon - er war
schließlich gerade eben entjungfert worden und wußte nicht, wie man
sich danach fühlt.
Ganz langsam gewann das Helldunkel Konturen. Er sah ein
quergestreiftes Rechteck - ein Fenster mit heruntergelassenem Lamellenvorhang.
Die Lamellen waren senkrecht gestellt, so daß es keine Aussicht gab. Aber
draußen mußte es hell sein, denn Licht drang herein. Dennoch gab es
auch eine Lichtquelle im Zimmer, direkt über seinem Kopf. Er identifizierte
eine eingeschaltete Wandlampe mit greller Leuchtstoffröhre direkt
über ihm. Sie war so ausgerichtet, daß sie die weißgestrichene
Decke anstrahlte. Die Decke war nicht groß, vielleicht drei mal vier
Meter. Ein kleines Zimmer also. Er hob den Kopf ein wenig und konnte einen
weiteren Gegenstand ausmachen: Das weißlackierte hohe Fußteil eines
Bettes. Es sah aus wie ein Krankenhausbett.
Ein Krankenhausbett? Ein Krankenhaus? Wie war er hier
hergekommen? Und wo war Ines, die immer noch seine Hand hielt?
Peter schickte seine rechte Hand auf die Suche nach
seiner linken. Die Augen hatte er wieder geschlossen. Sie schmerzten ihn, und
auch der Kopf hatte angefangen wehzutun. So verließ er sich erstmal auf
den Tastsinn.
Er fand, was er suchte. Seine Finger fühlten
kühles Metall und Schaumstoff. Ein Ring, außen hart und innen weich.
Er umschloß sein Handgelenk.
Trotz seiner Benommenheit versuchte er ruckartig, sich
aufzusetzen. Es mißlang, denn der Metallring war mit einer kurzen Kette
und einem soliden Schloß am Kopfende seines Bettes befestigt.
Ines war eine Handschelle.
Er begann zu schreien und an seiner Fessel zu
reißen. Niemand störte ihn dabei.
Als er merkte, daß seine Kehle und sein Handgelenk
wund zu werden drohten, hörte er von selbst auf. Die Kopfschmerzen wurden
dadurch auch nicht besser. Etwas zu trinken könnte er jetzt gut
gebrauchen.
Er öffnete seine Augen nach langer Zeit wieder und
sah sich um. Die Umgebung erschien deutlicher als zuvor. Er entdeckte ein
Möbelstück, das er bisher übersehen hatte. Neben seinem Bett stand
der übliche Krankenhausnachttisch. Er langte hin und öffnete die
untere Klappe. Fast dankbar nickte er, als er die Ente sah. Falls hier
längere Zeit niemand auftauchen sollte, würde er sie brauchen. Oben
auf der Platte stand eine Fahrradflasche aus Aluminium. Er hob sie hoch und
fühlte die Schwere. Voll. Immerhin wollte man nicht, daß er
verdurstete. Und man wollte nicht, daß er sich etwas antat. Eine
Wasserflasche konnte man zerschlagen und erhielt scharfe Scherben. Mit
Aluminium und Plastik konnte man nichts anfangen, erst recht nicht, wenn man
ans Bett gefesselt war.
Er griff sich die Flasche und trank. Schlechter
dünner Krankenhaustee rann durch seinen Hals, aber er tat der wunden Kehle
gut. Er lehnte die Flasche an seine
Hüfte und rückte mühsam das Kissen mit seiner freien Hand
höher. Genug geschlafen, genug geträumt.
Genug geschrien. Zeit zu denken.
Als er die Hand unter die Bettdecke steckte und die
klebrige Feuchte spürte, wurde ihm klar, daß er nie mit Ines
geschlafen hatte. Schade eigentlich. Aber es gab jetzt Wichtigeres als
Bedauern.
Wie war er hierher gekommen?
Er quälte seinen schmerzenden Kopf, aber der blieb
leer. Höchstens produzierte er wunderschöne Bilder von Ines.
Woher kannte er Ines?
Nichts.
Ines...
Er sah ihre roten Locken vor seinen Augen wippen, und
plötzlich war die Erinnerung da.
Scheeßel. Die Flucht. Die Fahrt nach Hamburg. Die
verlorene Creditcard. Jan, sein Retter...
Jan! Das mußte es sein. Der mußte es sein.
Aber Peter verstand immer noch nichts. Jan hätte doch in Altona mit ihm
schlafen können, wenn er gewollt hätte. Er hatte ausdrücklich
darauf verzichtet.
Aber jetzt war er hier, und er war hilflos. Ein Schauer kroch Peters Rücken
hinunter: Ob Jan pervers war?
Die Tür wurde geöffnet, als hätte Jan die
Frage gehört. Mit drei energischen Schritten stand er mitten im Zimmer und
lächelte sein herzliches Lächeln. Peter konnte das allerdings nur an
den Augen erkennen, denn Jan trug einen Mundschutz. Auch sonst war er ziemlich
verkleidet: Sein schütteres Haar
verschwand unter einer Chirurgenkappe, und sein dicklicher Körper
steckte in einem grünen Kittel.
„Hallo, Peter“, sagte er, als sei es das
Selbstverständlichste der Welt. „Geht es dir wieder gut?“
Hoffnung keimte auf. Vielleicht war er umgekippt, und
Jan hatte ihn ins Krankenhaus gebracht. Vielleicht...
„Du...du bist Arzt?“ fragte er zögernd.
Immer noch lächelnd schüttelte der Mann namens
Jan den Kopf. „Wegen der Kleidung? Die ist hier Vorschrift. Nein, ich bin
kein Arzt.“
Wer bist du dann? Peter unterdrückte die Frage, die
ihm schon auf der Zunge gelegen hatte. Möglicherweise wollte er die
Antwort darauf lieber nicht wissen.
„Wie komme ich hierher?“ erkundigte er sich
stattdessen. „Und wo bin ich?“
„Gleich zwei Fragen auf einmal“, schmunzelte
Jan. „Du solltest dich lieber ausruhen, anstatt dir den Kopf zu
zerbrechen. Du hast doch bestimmt Kopfschmerzen, oder?“
Peter nickte.
„Siehst du. Aber ich antworte dir trotzdem.
Hergekommen bis du mit dem Krankenwagen. Richtig stilvoll mit Blaulicht und
Martinshorn. Auf dem Weg vom Restaurant zu meiner Wohnung bist du einfach auf
der Straße zusammengeklappt, erinnerst du dich nicht? Und jetzt bist du
im Klinikum Eppendorf. Abteilung forensische Psychiatrie.“
Peter verstand nur Psychiatrie. „Du hast mich in
die Klapsmühle gebracht?“ Er schrie fast.
Jan kam näher und setzte sich auf die Bettkante.
„Nein, das habe ich nicht. Aber in den anderen Abteilungen ist nichts
mehr frei, noch nicht mal eine Liege auf dem Flur. Herbstgrippe. Eine neue Virusmutante, gegen die es noch
keinen Impfstoff gibt. Deshalb hat man dich hierher verfrachtet.“
„Aber warum bin ich angekettet?“ Noch immer
war Peter voller Mißtrauen.
„Das ist hier Vorschrift. Ich habe versucht, den
Pflegern zu erklären, daß du eigentlich nicht hierher gehörst,
aber sie meinen, sie müßten sich an die Vorschriften halten.
Weißt du nicht, was ‚forensisch‘ heißt?“
Peter schüttelte den Kopf.
„Medizinische Forschung und Behandlung im
Zusammenhang mit Straftaten. Hier liegen nur schwere Jungs. Ich habe dich
unfreiwillig zum Verbrecher befördert. Tut mir leid. Aber es wird nicht
lange dauern.“
Er lachte, und Peter lachte mit.
„Mit dir ist nichts Ernstes. Ich habe dich
durchchecken lassen. Die Ärzte sagen, es ist alles in Ordnung. Sie wollen
nur noch zur Sicherheit ein paar Untersuchungsergebnisse abwarten, dann kannst
du entlassen werden. Ich hole dich also bald ab. Bis es soweit ist, darfst du
dein Gefängnisleben genießen.“
Er stand auf.
„Alles in Ordnung?“
„Alles in Ordnung!“ Peter atmete tief durch.
„Weißt du, ich dachte schon...“
„Was?“
„Ach, nichts. Du kommst wirklich wieder,
ja?“
„Ich komme wirklich wieder“, versprach Jan
feierlich und verließ das Zimmer.
Draußen streifte er Mundschutz und Haarnetz ab und
sagte zu dem Pfleger, der vor der Tür wartete: „Er hat‘s
geschluckt. Aber ich glaube nicht, daß es lange anhält.“
Der Pfleger zuckte die Schultern. „Dann soll er
eben wieder schreien. Hier stört das keinen. Und vielleicht dauert es ja
auch nicht lange.“
„Ich hoffe es“, meinte der Mann, der sich
Peter gegenüber Jan genannt hatte. Er gönnte dem hübschen Jungen
ein schnelles Ende.
20
Die Angelegenheit mit dem Glenfiddich war keineswegs
tragisch. Kaum hatte Karen den rechten, den richtigen Teil des Frankfurter
Hauptbahnhofs betreten, als sie auch schon die Boutique ansteuerte, die in
altmodisch verschnörkelten Buchstaben ‚Reisebedarf‘ anbot.
Angesichts der überhöhten Bahnhofspreise zuckte sie nicht mit der
Wimper. Ungerührt entschied sie sich für fünfundzwanzig Jahre
alten edlen Stoff. Den Gedanken ans Sparen hatte sie in den hintersten Winkel
ihres Gehirns verdrängt. Stattdessen spukte ein kleines Teufelchen ab und
zu durch ihren Geist und flüsterte: Wenn du nicht willst, mußt du
gar nicht sparen! Wenn du nicht willst,...
Sie verscheuchte den Kerl und konzentrierte sich auf den
Fahrplan. Der nächste ICE(F) nach Hannover sollte sich in zwei Minuten in
Bewegung setzen. Wenn sie sich beeilte, würde sie ihn gerade noch
erreichen. Aber sie hatte keine Lust, jetzt durch die Hallen und Gänge zu
hetzen. Wozu auch? Zu Hause erwartete sie wenig Aufregendes. Jedenfalls fand
sie es gerade nicht aufregend, neue Nachrichten über Meinhards
Gesundheitszustand zu hören. Lieber wollte sie eine Stunde warten und es
sich bei einem halben Dutzend Fines de claires und einem Glas Chablis in der
gemütlichen Bar dort hinten bequem machen.
Sie spürte, wie ihr das Wasser im Mund
zusammenlief. Sie liebte Austern über alles. Aber es war kaum noch
möglich, diese seltene Delikatesse zu ergattern. Der Preis war in
astronomische Höhen gestiegen, seit die Meeresverschmutzung die Zucht zu
einer wirklich teuren Angelegenheit machte. Außerdem hatte Meinhard immer
versucht, ihr die Muscheln zu
vermiesen. „Widerliches Glibberzeug!“ nannte er sie. Jetzt hatte er
zum Glück keine Chance, ihr den Appetit zu verderben.
Sie suchte sich ein etwas abseits stehendes Tischchen
neben einem großen Ficus, um das drei Stühle gruppiert waren, und
bestellte. Zwei Minuten später stand der Chablis im schlanken Glas vor
ihr. Sie nippte daran und beobachtete, wie das Lokal sich füllte. Bald war kein Stuhl mehr frei,
außer den beiden an ihrem Tisch.
Zwei Männer standen zögernd am Eingang und
beratschlagten. Offensichtlich hätten sie sich gerne hier niedergelassen,
hatten aber Hemmungen, sich zu ihr zu setzen. Gut sahen die beiden aus. Karen
seufzte. Wie schön, daß es in diesen verrohten Zeiten noch
Männer mit Manieren gab! Sie lächelte.
Das Signal kam an. Die Männer näherten sich
und fragten formvollendet, ob sie an ihrem Tisch Platz nehmen dürften.
Sie nickte und hob ihr Glas: „Willkommen!“
Sofort ärgerte sie sich. Das war nun wirklich zu
einladend. Sie hatte sich hinreißen lassen von zwei Kerlen, nach der
neuesten Mode in hervorragend sitzende Einteiler gekleidet, Mitte
dreißig, schlank und sonnengebräunt - es war schwer zu widerstehen.
Aber die Ankömmlinge sahen über die
ungeschickte Geste hinweg.
„Danke für die Gastfreundschaft“, sagte
der, der sich rechts von ihr niederließ. Der Linke nickte
bestätigend.
Sie lächelte wieder. Der Kellner, der ihre Austern
servierte, ersparte ihr eine verbale Erwiderung.
„Guten Appetit!“ sagte der Rechte.
„Jean, ist das nicht fantastisch - hier gibt es Austern! Ich möchte
welche und auch einen Chablis - das ist doch Chablis, nicht wahr?“ fragte
er mit einem Blick auf Karens Glas.
Sie nickte.
„Entschuldigen Sie die dumme Frage. Ich habe nicht
daran gezweifelt. Selbstverständlich wissen Sie, daß Austern und
Chablis Zwillinge sind.“
So sicher war Karen sich da nicht. Bisher hatte sie
gefunden, daß Austern und Champagner auch hervorragend zueinander
paßten. Aber sie fühlte sich geschmeichelt.
Auch Jean erklärte, Austern essen zu wollen. So
saßen sie nach kurzer Zeit alle drei um den kleinen Tisch, lösten
Muskelfleisch mit kleiner Gabel vom Muschelfuß, träufelten
Zitronensaft darüber und schlürften hörbar.
Nach getaner Arbeit faltete der Rechte sorgfältig
seine Serviette zusammen und legte sie neben seinen Teller.
„Danke, daß Sie uns diesen Genuß
ermöglicht haben“, sagte er und lächelte Karen an. Jean
lächelte ebenfalls. Er begnügte sich mit der stummen Rolle.
„Und jetzt müssen wir gehen, fürchte
ich. Schade. Aber wir dürfen unseren Zug nicht verpassen.“
Karen warf einen Blick auf die kleine Analoguhr, die in
die Tischplatte eingelassen war. Fast eine Stunde hatte sie hier verbracht.
„Für mich wird es auch Zeit“, sagte sie
deshalb und stand auf. „Gute Reise noch!“
Man fand einander im Bordrestaurant wieder. Karen war zu
dem Schluß gekommen, daß ein Glas Chablis nicht allein bleiben
wollte. Und die beiden Herren nahmen einen Espresso nach dem kleinen
Imbiß.
„Welch ein Zufall!“ sagte der, der der
Rechte gewesen war. „Sie fahren nach Hamburg?“
„Schön wär‘s!“ seufzte
Karen. „Nein, ich muß leider in Hannover ausssteigen.“
„Immerhin haben wir dann ein gutes Stück
gemeinsamer Reise. Sie mögen Hannover nicht?“
Es tat Karen wohl, sich alles von der Seele zu reden.
Die beiden Männer hörten ihr voller Anteilnahme zu, als sie
erzählte. Der Chablis war wundervoll und löste ihre Hemmungen.
„Ihr armer Mann!“ Der Sprecher sah sie aus
großen warmen Augen an. „Wir müssen ihm helfen!“
Der letzte Satz erkämpfte sich einen Weg durch ihr
Selbstmitleid. Sie spürte: Das war nicht nur eine Floskel.
„Ihm helfen?“ fragte sie resigniert. Und mit
Galgenhumor: „Dann müßten Sie schon ein neues Herz
haben!“
„Vielleicht haben wir eins.“ Der Rechte
schien sich ganz auf seinen Espresso zu konzentrieren, in dem er
herumrührte.
Karen spürte, daß sie ärgerlich wurde.
Der zunächst entspannend wirkende Alkohol begünstigte jetzt
Aggressionen. Sie griff nach ihrer Handtasche und stand auf.
„Entschuldigung, aber ich bin wirklich nicht in
der Stimmung für schlechte Witze. Gute Reise noch!“
„Bleiben Sie!“
Mit festem Griff hatte der stille Jean ihr Handgelenk
umfaßt. Das Reden überließ er immer noch dem anderen.
„Bleiben Sie! Wir meinen es ernst.“
Karen schaute sich um. Der Speisewagen war gut besetzt.
Vor den Fenstern erkannte sie in der späten Abenddämmerung die
Kasseler Berge - der Zug würde gleich in Wilhelmshöhe halten.
Passieren konnte ihr hier nichts. Sie unterdrückte deshalb den Impuls, sich
gewaltsam zu befreien, und zischte stattdessen: „Lassen Sie los, oder ich
mache eine Szene!“
„Schon gut“, sagte der Rechte beruhigend und
nickte Jean zu. Karens Handgelenk war wieder frei.
„Wir meinen es wirklich ernst. Wir vertreten eine
Organisation, die Ihrem Mann helfen kann. Hören Sie jetzt gut zu und
bleiben Sie ruhig. Wir haben uns über Sie informiert. Wir kennen Ihre
wirtschaftliche Lage und wissen, daß der Vertrag Ihres Mannes mit Relief
ihm nichts mehr nützt, weil er wegen des UNO-Beschlusses zum Individualverkehr
sein Anlagekapital verloren hat. Wir wissen aber auch, daß Sie deshalb
keineswegs mittellos sind. Wir können Ihnen umgehend ein Herz für
Ihren Mann anbieten, und zwar zu Konditionen, die Ihren finanziellen
Möglichkeiten entsprechen.“
Karen schwieg. Weg mit dem verkabelten Körper, der
Infusionsnadel, den Meßgeräten. Wieder über Wiesen laufen, Sex
haben. Einkaufen in Hamburg. Nein, wohl nicht. Wieder arbeiten. Klein anfangen.
Ein neues Leben mit Meinhard.
Minuten waren verstrichen. Der ICE hatte in Kassel
gehalten und sich wieder in Bewegung gesetzt.
“Ich würde gerne noch einen Chablis
trinken“, sagte Karen sehr langsam.
Nachdem der Kellner serviert hatte - auch die Herren
tranken jetzt noch ein Glas Wein - fragte sie: „Wie soll das konkret
funktionieren?“
„Wir übernehmen für Sie sowohl die
medizinische Betreuung Ihres Mannes als auch die Verwaltung Ihres
Vermögens“, erklärte der Rechte. „Falls unsere Gutachter
feststellen, daß Ihre Sicherheiten ausreichen - und nach allem, was wir bisher
recherchiert haben, wird das in kürzester Zeit der Fall sein - erhält
Ihr Mann eine Herztransplatation.“
„Welche Garantien habe ich?“
„Wenn die Operation mißlingt - was
äußerst unwahrscheinlich ist - verzichtet unsere Organisation auf
jegliche Forderung. Das ist ein faires Angebot, denke ich!“
„Ja.“ Karen nickte und schwieg wieder.
„Ich muß darüber nachdenken. Wie kann ich Sie
erreichen?“
„Wir stehen nicht im Telefonbuch“, sagte der
Rechte und grinste, als hätte er einen gängigen Witz gemacht. Er
kritzelte ein paar Zahlen auf eine Serviette. „Aber bei dieser Nummer
weiß man, wie wir zu erreichen sind.“
Karen nickte und wandte sich ab. Bis der Zug in Hannover
einlief und sie ausstieg, schaute sie starr aus dem Fenster.
„Was wird die Kleine machen?“ Der stumme
Jean hatte seine Sprache wiedergefunden. Er starrte voller Abscheu auf den
mißlungenen Hainhölzer Bahnhof aus blauen Glaskacheln, als sie ohne
Karen nach Hamburg weiterfuhren. „Scheußliches Ding!“
„Ich fand sie ganz niedlich ... ach so!“ Der
Rechte hatte Jeans Blick verfolgt. „Fehlanzeige, denke ich. Die junge
Frau wird eine realistische Bilanz aufmachen: Macht sie nichts, stirbt ihr
Mann, und sie hat immerhin ihr Restvermögen. Heuert sie uns an und wir
versagen, ist das Ergebnis das gleiche. Sind wir erfolgreich, hat sie einen
Mann mit einem zwanzigjährigen Herzen in einem fünfzigjährigen
Körper - und sonst gar nichts. Sie hat nicht den Eindruck gemacht,
daß sie ihn sonderlich liebt...“
„Recht hast du. Wir werden uns an Schrader selbst
ranmachen müssen. Leider. Die Knaben, die ein neues Herz brauchen, regen
sich immer so schnell auf.“
„Hör auf zu lamentieren. Du hast die
Arztnummer schon oft genug abgezogen.“
Karen betrat beschwingt ihr Haus und trällerte eine
Melodie. Dazu sang sie einen Text, den sie selbst erfunden hatte: Wenn du nicht
willst...
21
Dreihundertfünfundsiebzigtausend Dollar.
Dreihundertfünfundsiebzigtausend Dollar. Wir machen es für die
Hälfte, hatte die Stimme gesagt. Und sofort.
Dreihundertfünfundsiebzigtausend Dollar waren die Hälfte von
siebenhundertfünfzigtausend Dollar. Die Hälfte seines Vermögens.
John Pupfish zwang sich, noch liegenzubleiben. Wie lange
mochte er ohnmächtig gewesen sein? Kurz genug, wie es schien: Gesa war
noch nicht zu Hause. Draußen war es noch hell, die Sonne stand aber schon
recht tief. Sie schien jetzt voll auf die Obstschale. Die Obstschale, die
geklingelt hatte... Er lächelte schief.
Was sollte er jetzt tun? Wenn er sich auf das Angebot
einlassen wollte, mußte er Gesa reinen Wein einschenken.
Schließlich ging es um die Hälfte ihres gemeinsamen Besitzes. Und,
ganz nebenbei, um sein Leben. Er seufzte. Lieber hätte er das Ganze unter
Männern geregelt, zum Beispiel mit Bill Faulkner darüber gesprochen.
Aber das ging wohl nicht. Er mußte ihr alles sanft beibringen. Seine Gesa
regte sich immer so schnell auf.
Die Sonne sank weiter. Jetzt kitzelten ihre Strahlen ihn
in der Nase. Er nieste kräftig und legte sich danach wieder zurück.
Eigentlich war es ganz gemütlich hier unten auf dem Teppich. Er würde
noch ein bißchen liegenbleiben und sich eine Strategie überlegen.
„John!“
Er mußte eingeschlafen sein, denn er hatte weder
das Auto in der Auffahrt noch den Schlüssel im Schloß gehört.
Jetzt war Gesa da. Sie kniete neben ihm und tat genau das, was er hatte
vermeiden wollen: Sie regte sich auf.
„John! Geht es dir nicht gut?“
„Doch.“ Er stützte seinen
Oberkörper auf die Ellenbogen. „Doch. Kein Grund zur Beunruhigung.
Ich bin nur ein bißchen eingeschlafen.“
„Auf dem Teppich?“ Die Panik in ihrer Stimme
war unüberhörbar.
Er erkannte, daß jetzt keine Zeit für eine
wohlüberlegte Strategie war. Abgesehen davon hatte er keine. Er versuchte,
das Beste aus der Situation zu machen.
„Ich hatte einen Anruf, bei dem mir ein wenig
schwach in den Knien geworden ist. Danach habe ich mich erstmal hingelegt. Die
Sonne hat hereingeschienen, und ich muß wohl eingeschlafen sein.“
Natürlich klang das schrecklich lahm und verfehlte
seine Wirkung. Gesa kam sofort auf den Punkt.
„Was für ein Anruf?“
Er druckste. „Na ja... Du weißt ja,
daß es mir in letzter Zeit gesundheitlich manchmal nicht so gut geht. Der
alte John verschleißt. Aber es gibt da Ersatzteillager...“
Er wollte Zeit schinden, Zeit zum Überlegen
gewinnen, indem er sich so ungewiß ausdrückte. Mit ihrer Reaktion
hatte er nicht gerechnet.
„Relief hat angerufen?“
Er war perplex: „Wieso Relief?“
„Wer sonst? Du brauchst doch ein neues
Herz!“
„Du weißt...?“
„Natürlich. Das Gutachten von dem Arzt aus
Las Vegas habe ich in deiner Westentasche gefunden. Aber das hätte ich gar
nicht gebraucht. Ich lebe mit dir, weißt du!“ Obwohl sie sich zu
beherrschen versuchte, waren die erstickten Tränen in ihrer Stimme zu
hören. „Mich kannst du nicht täuschen. Ich weiß, wie
schlecht es dir geht.“ Sie schluckte. „Relief hat also ein neues
Herz für dich?“
„Nicht Relief. Relief können wir nicht
bezahlen.“
Doch, wir können, dachte sie. Wenn du noch vier
Wochen Zeit hast. Sie sagte ihm nicht, daß sie sich erkundigt hatte.
„Wer dann?“
„Es gibt da ein Konkurrenzunternehmen. Illegal.
Aber die arbeiten mit hoher Qualität. Und der Preis ist deutlich
niedriger. Sie haben mir ein Herz für 375000 $ angeboten. Sofort.“
Ein Gefühlsgemisch von Mißtrauen, Angst und
Hoffnung drohte sie zu überwältigen. Sie sagte John nichts davon. Es
war nicht die Zeit für lange skrupulöse Überlegungen. Sie
stellte nur eine Frage: „Meinst du, man kann ihnen vertrauen?“
Er zuckte die Schultern. „Ich denke schon. Sie
sind eine Verbrecherorganisation, das weiß jeder. Ihre einzige Reputation
ist ihre saubere Arbeit.“
„Dann machen wir es“, sagte sie und
drückte seine Hand.
Er gab den Druck zurück.
„Möge Gott uns helfen!“ sagte der
Baptist John Pupfish.
„Amen.“ vervollständigte Gesa. Und,
Gott im Himmel, nimm mir die bösen Gedanken. Laß mich nicht daran
denken, woher dieses Herz stammt. Und vergib uns unsere Schuld.
Aber das sagte sie nicht laut.
22
In gewisser Weise war es langweilig, die grüne
oszillierende Kurve zu verfolgen. Aber es war auch beruhigend, den eigenen
regelmäßigen Herzschlag zu beobachten.
Mit der für ihn typischen Hartnäckigkeit hatte
Meinhard Schrader durchgesetzt, daß er die Anzeigen der
Kontrollinstrumente, an die sein Körper immer noch angeschlossen war,
sehen konnte.
Als er vor wenigen Minuten ein Gespräch mit dem
behandelnden Arzt geführt hatte, hatten sich die Graphen auf den Monitoren
kaum verändert. Er war die Ruhe selbst geblieben. Ein neues Herz also -
kein Grund zur Panik. Die Transplantationstechnik gab es seit fast einem halben
Jahrhundert. Irgend ein Chirurg in Südafrika hatte damals damit
Schlagzeilen gemacht. Wie hieß der doch noch? Egal. Ihm stand eine
Routineoperation bevor, und das Ersatzteil würde tadellos sein.
Er griff zum Telefon auf seinem Nachttisch und verzog
dabei schmerzhaft das Gesicht. Die Infusionsnadel in seiner Armbeuge
störte. Er zuckte die Schultern. Das würde bald vorbei sein. Er
tippte die Nummer ein, die er im Kopf hatte.
„Relief AG Deutschland, guten Tag. Mein Name ist
Gudrun Schöne. Was kann ich für Sie tun?“
„Verbinden Sie mich bitte mit Frau Dr.
Sanne.“
„Gerne. Wen darf ich anmelden?“
„Schrader. Meinhard Schrader.“
„Ein Gespräch für Sie, Frau Sanne. Ein
Herr Meinhard Schrader.“
Sagen Sie, ich bin in einer Sitzung, war ihr erster
Impuls.
Sie sagte es nicht. Stattdessen drückte sie auf die
große Taste, die die Bildleitung inaktivierte. Wenn dieses Treffen denn
schon stattfinden mußte, dann wenigstens nur akustisch.
„Danke.“ sagte sie. „Stellen Sie bitte
durch!“
„Sanne.“
„Elena!“
Sie wußte, wie er jetzt aussah:
verlegen-amüsiertes Lächeln um den Mund, der sich nicht für das
eine oder das andere entscheiden konnte, und den weichen Schimmer in den Augen,
der sie einmal zum Schmelzen gebracht hatte. Das war vorbei.
„Guten Tag, Meinhard“, sagte sie. Sie
wollte, daß es so steif klang, wie es gemeint war.
„Elena, mein Schatz, wie geht es dir?“
„Mir geht es gut, danke. Aber ich bin nicht mehr
dein Schatz, Meinhard. Die Zeiten sind vorbei, und du weißt es. Ich nehme
an, du rufst aus geschäftlichen Gründen an?“
„Schade, Schätzchen, schade...“
murmelte er vor sich hin.
Elena schmunzelte. Gestern Abend vor dem Einschlafen
hatte sie einen alten Krimi im Fernsehen gesehen. Der Held hieß
Schimansky. ‚Schade, Schätzchen, schade‘ hätte zu ihm
gepaßt. Aber nicht zu Meinhard Schrader. Dessen Tricks kannte sie nur
allzu gut.
„Was kann ich für dich tun?“
„Na gut.“
Es hatte sie schon immer beeindruckt, daß
Schraders Stimme von einer Sekunde
zur anderen eiskalt werden konnte. Jetzt war es wieder einmal soweit.
„Ich rufe wegen meines Vertrags an. Es ist Zeit,
ihn zu aktualisieren.“
„Eine Sekunde!“
Sie holte sich den Vorgang auf den Monitor. Sofort
grellte ihr die rote Flagge entgegen. Notleidend.
Meinhard Schraders Vertrag notleidend?
„Moment noch!“ murmelte sie ins Telefon. Zum
Glück konnte Meinhard sie ja nicht sehen. Er mochte glauben, daß sie
noch nach den Unterlagen suchte.
Unterdessen besorgte sie sich Hintergrundinformationen.
Na klar - Auto-Aktien. Und sie erfuhr, daß Karen mit Siobhan McGregor
gesprochen hatte.
„Ich habe die Unterlagen“, sagte sie. Und
schluckte das hinunter, was sie sonst noch hätte sagen können.
„Also - wann macht ihr es? Ich brauche ein
Herz!“
„ Es gibt da ein Problem bei der
Finanzierung.“ Sie sagte es leidenschaftslos.
„Was heißt das?“ Aus den Augenwinkeln
beobachtete er, daß sich die grünen Kurven verschoben. Der
regelmäßige Rhythmus zerbrach.
„Ich sehe hier, daß die von dir geltend
gemachte Sicherheit aus VW-Aktien besteht. Die sind aber seit gestern so gut
wie wertlos.“
Sie wartete eine Weile, um ihm Zeit für eine
Reaktion zu geben. Er nutzte die Chance nicht.
„Kann ich sonst noch etwas tun?“ erkundigte
sie sich geschäftsmäßig.
Nach einer weiteren Pause fragte er: „Mit deinem
Mitleid kann ich wohl nicht rechnen?“
Sie hörte, wie schwer ihm die Frage fiel. Sie
hätte sich genau vorstellen können, wie die herabgepreßten
Mundwinkel sein Gesicht verzerrten, als er sich diesen Satz abquälte.
Meinhard Schrader und Mitleid - das waren zwei unvereinbare Größen.
Aber sie wollte sich das nicht vorstellen.
„Das würde dir auch nichts nützen. Ich
kann die Geschäftsbedingungen von Relief nicht ändern. Und ich habe
kein Vermögen, mit dem ich dir ein neues Herz finanzieren könnte -
selbst wenn ich es wollte.“
„Danke.“ Ein Klicken.
Die Leitung war tot. Meinhard Schrader würde es
auch bald sein, dachte sie. Der flotte Meinhard, der nicht nur ihr den Kopf
verdreht hatte, damals, als sie kurz nach ihrer Promotion ihre ersten
beruflichen Sporen als Consulting Manager bei VW verdient hatte. Der Mann, der
erst einen Riesenstrauß roter Rosen in ihr winziges Büro rammte und
dann sich selbst nachschob, die Hand wie immer in der Hosentasche, das
unvermeidliche Siegerlächeln auf den Lippen. Der Mann, der jede haben
konnte, auf den jede hereinfiel. Natürlich hatte er auch Elena Sanne
herumgekriegt. Mit dem gleichen blöden Trick, auf den Frauen immer
hereinfallen, weil sie glauben wollen, was sie hören: ‚Wir werden
heiraten‘. Meinhard hatte sich damals gerade von seiner zweiten Frau
getrennt. Er hatte wieder geheiratet - allerdings nicht sie.
Der monotone Dauerton aus der Leitung, die jetzt auf
‚Besetzt‘ geschaltet hatte, riß sie aus ihren Gedanken.
Irgendwelche Gefühle? Wenn ja, dann tatsächlich Mitleid. Sie zuckte
die Schultern. Wem nützte das schon?
Sie legte den Hörer zurück und aktivierte die
Bildverbindung wieder. Frau Dr. Sanne war bereit, ihre Arbeit für die
Relief AG fortzusetzen.
Meinhard Schrader dagegen war zu gar nichts bereit.
Apathisch hatte er sich auf das für den Herzkranken hochgestellte Kopfteil
des Bettes zurücksinken lassen. Den grünen Kurven ging es noch
längst nicht wieder gut, aber schon wieder besser als noch vor wenigen
Minuten.
Das war‘s dann also, dachte er und regte sich zu
seiner eigenen Überraschung nicht sonderlich darüber auf. Die kleine
Karen würde einen anderen finden. Jemanden, der keine Autos verkaufte,
sondern vielleicht Kühlschränke oder Flugzeuge oder sonst irgendeinen
Schrott, mit dem die Menschen sich ihre Welt vollmüllten. Und wenn nicht -
mit dem Haus und dem, was in ihm steckte, würde sie sich eine Weile
über Wasser halten können, bis sie wieder einen Job fand.
Er würde sie nicht einweihen. Weinende Frauen waren
zum Kotzen. Egal, ob sie ehrlich
trauerten oder nicht.
Aber mit Peter war noch eine Rechnung offen. Eigentlich
war der Junge in Ordnung. Hatte sich doch nur an ihm abgearbeitet. Er dagegen
hatte nie Zeit gehabt. Vermutlich hatte er ihm tatsächlich zu viel
zugemutet - wechselnde Mütter zum Beispiel. Aller Misere zum Trotz
mußte er grinsen: Daß Peter Karen ihr Kleid zerschnitten hatte, war
eine echt schradersche Aktion!
Sein Entschluß war gefaßt: Er würde in
Scheeßel anrufen und für den Jungen um Urlaub bitten. Er sollte
herkommen. Es war Zeit für ein Männergespräch.
Schrader kam nicht dazu, den Hörer abzunehmen, um
seine Absicht sofort in die Tat umzusetzen. Mit Schwung wurde die Tür zu
seinem Zimmer geöffnet. Der übliche dunkelgrüne Kittel trat ein.
Ein dynamischer junger Mann, soweit er das unter der Vermummung erkennen
konnte. Er hatte ihn bisher hier noch nicht wahrgenommen, zumindest nicht
bewußt. Aber das war nicht verwunderlich: Wahre Heerscharen mehr oder
weniger hoffnungsvoller junger Mediziner liefen hier durch die Gegend und
versuchten, einen wichtigen Eindruck zu machen.
„Na, Herr Schrader, wie geht es uns?“
Angewidert verzog Schrader das Gesicht. Er haßte
diese Ansprache, die den Patienten zur Nichtperson erklärte. Nur noch das
‚Du‘ gegenüber hilflosen alten Menschen war schlimmer.
Vielleicht kannte der Junge den abgegriffenen Patientenscherz tatsächlich
noch nicht, den Schrader jetzt benutzte, um sich zu wehren: „Wie es Ihnen
geht, weiß ich nicht. Mir geht es so lala.“
Hinter dem Mundschutz lachte es.
Tatsächlich - es gab noch Mediziner, die man mit
Witzen aus Großvaters Zeiten überraschen konnte. Das mußte ein
merkwürdiger Mediziner sein...
Plötzlich machte es Schrader Spaß, die Rollen
umzudrehen. Betont lässig fragte er: „Was kann ich für Sie
tun?“
Der Grüne setzte sich auf die Bettkante und ergriff
sein Handgelenk. „Ich denke eher, Herr Schrader, daß ich etwas
für Sie tun kann.“ Währenddessen drückte er seinen Daumen
auf die Innenseite des Gelenks. Er erfühlte den Handwurzelknochen, nickte
und schaute bedeutungsvoll auf seine Armbanduhr.
Dieser sogenannte Mediziner hatte keine Ahnung davon, an
welcher Stelle des menschlichen Körpers man den Puls fühlt. Schrader
lächelte scheinbar ergeben, während seine freie Hand nach dem
Klingelknopf tastete.
Sein Besucher beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und
sagte leichthin: „Ich würde das nicht tun, Herr Schrader. Nun gut,
ich bin kein Mediziner, das war nicht schwer zu erkennen. Aber es gab keine
andere Tarnung, um sich Ihnen in Ihrer gegenwärtigen Verfassung zu nähern. Wir haben Ihnen ein
Angebot zu machen.“
Schrader versuchte die Situation zu überblicken.
Unmittelbare Gefahr schien ihm nicht zu drohen. Wahrscheinlich war der Junge
ein Reporter auf der Suche nach einem Exklusivinterview: Wie fühlt sich
der Spitzenmanager, der gerade seinen Job verloren hat? Er hielt seinen Daumen
einen Zentimeter vom Klingelknopf entfernt in Warteposition und fragte:
„Wer ist ‚wir‘?“
„Wir verkaufen Leben. Wir haben dieselben
Qualitätsstandards wie Relief, sind aber wesentlich billiger. Für Sie
hätten wir zum Beispiel ein neues Herz.“
Das alte Herz hüpfte, sprang hoch und schlug
schließlich einen Salto. Die grünen Kurven spielten verrückt.
„Wieso?“
Ihm war klar, wie blöd die Frage war, aber er hatte
sie nicht unterdrücken können.
„Wieso ‚wieso‘? Wir verkaufen Herzen
und andere Organe, wie Sie bisher Autos verkauft haben. Irgend jemand liefert,
man verkauft. Wozu? Man will Geld verdienen! Das wissen Sie doch alles!“
Natürlich wußte Meinhard Schrader das alles.
Im Prinzip. Allerdings hatte er immer gewußt, woher die Autos stammten,
von deren Verkauf er gelebt hatte. Das würde bei dem offerierten Herzen
wohl anders sein. Die Sache mit dem Geldverdienen verstand er hervorragend.
Jetzt schien es, als ob er zahlen müßte. Er legte die Klingel
beiseite. Er wußte nun, was sie boten. Aber was würden sie
fordern?“
„Sie werden wissen, daß ich seit gestern -
oder vorgestern - kein Vermögen mehr habe.“
„Selbstverständlich wissen wir das!“
Das gemeine Lächeln war selbst unter dem Mundschutz zu erahnen. „Wir
wissen aber auch, daß Sie eine nette Villa besitzen! Beste Lage direkt am
Stadtwald, Jahrhundertwende. Mit Parkett, Marmor, Stuck und alten Holztreppen.
Ein wahres Liebhaberstück.“
Schrader zuckte die Schultern. „Schon richtig,
aber kaum verkäuflich. Seit die EXPO zu Ende ist, sind die
Immobilienpreise in Hannover in den Keller gerutscht.“
„Vielleicht nicht zu dem Preis verkäuflich,
den Sie sich wünschen. Aber zu einem Preis, der uns ausreichen
würde.“
Meinhard Schrader hatte nie gezögert, wenn es um
wichtige Entschlüsse ging. Aber jetzt wollte er sich nochmals
vergewissern: „Ich bekomme ein Herz, wenn ich für meine Immobilie
einen halbwegs akzeptablen Preis erziele?“
Der junge Mann nickte: „Umgehend.“
„Gut!“ sagte Schrader. „Ich
kümmere mich darum.“
Die Tür wurde geöffnet, und eine
Krankenschwester trat ein. Der junge Mann ließ sein Handgelenk los.
„Danke, Doktor“, sagte Schrader. Der
Besucher nickte und verließ das Zimmer.
Die Schwester blickte ihm irritiert nach, bevor sie sich
auf die Bettkante setzte, um dem schwerkranken Patienten den Puls zu messen.
„Beeilen Sie sich gefälligst“, raunzte
Schrader sie ungeduldig an. „Ich muß dringend telefonieren.“
Er mußte Manfred Wernowski erreichen. Daß er
Peter anrufen wollte, hatte er vergessen.
23
Viermal hatte er zu essen bekommen, und einmal war es
dunkel und wieder hell geworden, seit er hier war. Nach dem zweiten Essen und
vor der Dunkelheit war ein Mann aufgetaucht. Peter hatte geschlafen und zu
spät registriert, was er mit ihm machte: Er fesselte auch sein rechtes
Handgelenk ans Bettgestell. Hilflos hatte er sich aufgebäumt, aber der
Mann im weißen Kittel verpaßte ihm nur amüsiert eine sanfte
Ohrfeige: „Nicht aufregen, Kleiner. Ist nur eine Ausgleichsmaßnahme.
Alles nach Vorschrift!“ Während er das sagte, befreite er ihn von
der Handschelle an seiner linken Hand.
Regelrecht erleichtert hatte Peter sich danach zur Seite
gedreht und eine neue Lage gesucht. Aber die Möglichkeiten, die sie bot,
waren jetzt auch schon wieder qualvoll. Soweit er das beurteilen konnte, waren
seitdem weit mehr als zwölf Stunden vergangen. Es mußte inzwischen
Nachmittag sein.
Er hatte wenig geschlafen und sich stattdessen
ununterbrochen den Kopf zermartert. Alles kreiste nur um einen Gedanken: Hatte
Jan die Wahrheit gesagt? Peter machte sich keine Illusionen. Er konnte soviel
darüber nachdenken, wie er wollte, er verfügte über keinerlei
Kriterien, die Frage angemessen zu beantworten. Bisher jedenfalls nicht.
Er wälzte sich hin und her, soweit es seine begrenzten
Möglichkeiten erlaubten.
In der Tür, die sich geöffnet hatte, erschien
ein Tablett.
„Abendessen, Kleiner!“ sagte die Stimme, die
er schon kannte. Sie gehörte dem Mann, der seine Handschellen gewechselt
hatte. Er schob sich hinter dem Tablett ins Zimmer.
Peter wandte den Kopf ab. Er hatte genug. Er wollte kein
Abendessen. Er wollte hier weg. Aber das sagte er nicht. Er hatte das
Gefühl, daß eine solche Äußerung seine Lage nur
verschlechtern würde. Alles, was seinen Widerwillen ausdrückte,
würde seine Lage vermutlich verschlechtern. Aber er verfügte nicht
über genug Selbstbeherrschung, um jetzt Begeisterung oder zumindest
Zustimmung zu heucheln.
„Schlechte Laune, was?“
Der Mann stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab, dem
Peter den Rücken zuwandte. Geschirr klapperte.
„Dazu hast du wirklich keinen Grund. Landbrot aus
ökologischem Anbau, Bayonner Schinken, ein ordentlicher Chèvre.
Obst und Salat vom Land. Hier der Beweis - eine Blattlaus!“
Er hielt Peter den Finger vor die Augen, an dem
vermutlich eine tote Blattlaus klebte, aber Peter hielt die Augen geschlossen.
Alles ziemlich teures Zeug, ging es ihm durch den Kopf.
Wahrscheinlich zahlte Jan viel zum üblichen Fraß zu. Aber er hatte
keinen Hunger. Er wollte nur hier weg.
„Ich mag nicht“, sagte Peter und
schüttelte den Kopf. Er machte die Augen nicht auf.
„Bürschchen!“ Die Stimme hatte alle Verbindlichkeit
verloren.
Unsanft wurde er im Nacken gepackt.
„Mach die Augen auf und genieß deine
Vorspeise!“
Verständnislos gehorchte Peter unter dem schmerzhaften
Griff. Der Penis, der nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht emporragte, war
eindrucksvoll. Der Druck auf seinen Hals verstärkte sich.
„Los, leck mich!“
Ein brutaler Ruck. Sein Kopf wurde gegen den Schwanz
gedrückt.
„Leck mich!“
Peter preßte die Lippen fest aufeinander und
versuchte einen Angriff mit seiner freien Hand. Er hatte keine Chance. Die
Bewegung wurde noch im Ansatz abgefangen. Der Kerl hielt seinen Kopf mit einer
Hand weiter fest und benutzte die andere, um seinen Arm zu fixieren. Hilflos
lag er jetzt auf dem Rücken. Der Pfleger - oder was immer dieser Typ sein
mochte - schwang sich auf seine Brust. Er bog Peters Kopf nach vorn. Die Eichel
tanzte genau vor seinem Mund.
„Leck mich!“
Peter gehorchte dem Befehl. Er wußte zwar nicht
genau, was von ihm erwartet wurde, aber er hatte sich oft genug ausgemalt, was
Ines Nettes mit seinem Schwanz anstellen könnte. Er ließ seine Zunge
um die Eichel gleiten, mit der Vorhaut spielen und einige Vorstöße
in das Loch unternehmen. Ganz schlecht schien er nicht zu sein, denn er bekam
ein wohliges Grunzen als Reaktion zu hören. Das allerdings dauerte nicht
lange.
„Ganz nett für den Anfang. Aber jetzt kommen
wir mal zur Sache. Mach den Mund auf!“ Die Aufforderung wurde durch einen
Griff unterstützt, der bewirkte, daß Peters Kiefer
auseinanderklafften.
Der Kerl rammte seinen Apparat in ihn hinein. Peter
kämpfte mit dem Brechreiz. Die Eichel berührte sein Zäpfchen,
immer und immer wieder. Er hustete, verschluckte sich. Dafür bekam er
Ohrfeigen.
„Reiß dich zusammen! Grund zum Klagen hast
du erst, wenn ich nachher deinen jungfräulichen Arsch teste!“
Die Welt spaltete sich auf. Neben Peter, der auf dem
Bett lag und vergewaltigt wurde, stand jetzt Peter, der die Lage analysierte.
Dieser zweite Peter wußte, daß der erste Peter fliehen mußte.
Er beobachtete alles genau, während der andere litt. Er hörte das rhythmische Klingeln. Er sah
die Schlüssel am Karabinerhaken tanzen, am Karabinerhaken, der in einer
Gürtelschlaufe eingehängt war. Aber auch der analysierende Peter
konnte nicht verhindern, daß der leibliche Peter seinen Brechreiz nicht
länger beherrschen konnte.
Er würgte das, was wohl sein Mittagessen gewesen
war, hoch. Der säuerlich riechende Brei füllte zuerst seinen Mund und
quoll dann heraus. Rosa-grau dekorierte das Zeug den Penis, der ihm den Ausgang
versperrte. In der Angst zu ersticken hustete Peter verzweifelt. Angeekelt zog
sich sein Besatzer abrupt zurück, während er ihm eine schallende
Ohrfeige verpaßte.
„Du Sau!“
Die Ohrfeige war gut: Peter bekam Luft und konnte so
seinen Mageninhalt in einem Schwall entleeren. Die ehemals
blütenweiße Hose des Pflegers bekam Gebirge von Erbrochenem in
dezenten Farben aufgesetzt. Nicht nur die Hose, auch das Bettlaken mußte
daran glauben.
Peter hustete, würgte und keuchte. Vor seinen Augen
begannen bunte Kringel zu tanzen. Und plötzlich erschien da eine
Wasserflasche aus Aluminium. Die Flasche von seinem Nachttisch. Der Kerl hielt
sie ihm hin; er beugte sich sogar besorgt über ihn. Er schien Angst um ihn
zu haben.
Gut so, schoß es Peter durch den Kopf. Er griff
nach der Flasche, aber er trank nicht daraus. Zu seiner Überraschung
brauchte er gar nicht viel Kraft, um den Pfleger mit einer kurzen Bewegung aus
dem Ellenbogen heraus außer Gefecht zu setzen. Ein Liter Wasser wiegt ein
Kilo - das hatte er in Physik gelernt -, und das reichte für eine kurze
Bewußtlosigkeit, wenn man es unvermittelt an den Kopf geschlagen bekam.
Stöhnend sank der Mann an der Bettkante zusammen.
Ohne nachzudenken schloß Peter die Augen und schlug ein zweites Mal zu.
Er hörte ein Knirschen, das Stöhnen verstummte. Stille summte im
Zimmer.
Als Peter die Augen wieder öffnete, hätte er
am liebsten ein zweites Mal gekotzt. Aber es reichte nur zu einem Würgen,
sein Magen war leer. Zu dem rosa-grau Erbrochenen hatte sich graue Gehirnmasse
gesellt. Er hatte seinem Peiniger den Schädel zertrümmert.
Trotz der widerlichen Szene ging es Peter plötzlich
besser. Er griff nach der Flasche, streifte einen Klumpen Irgend-etwas davon ab
und trank einen Schluck Wasser. Seine Augen untersuchten den Toten: Wo waren
die Schlüssel? In Reichweite, stellte er fest, fast. Der Mann lag auf der
rechten Seite des Bettes. Er war auf den Bauch gefallen. Mit seiner freien
linken Hand zerrte Peter so lange an der ehemals weißen Hose, bis die
Leiche ein wenig seitwärts in Richtung Bett gedreht wurde. Jetzt konnte er
das Schlüsselbund erreichen. Er löste den Karabinerhaken vom
Hosenbund des Toten und fing an, an seiner Handschelle herumzuprobieren. Der
dritte von drei möglichen Schlüsseln paßte. Er war frei.
Frei? Na ja - er war nicht mehr ans Bett gefesselt. Aber
er trug nicht mehr als ein Krankenhaushemd - nicht mehr als ein Tuch vor dem
Körper, mit Ärmeln, hinten im Nacken und in der Taille mit zu
Schleifen gebundenen Schnüren fixiert, ehemals weiß, jetzt
vollgekotzt. Und er war, falls Jan die Wahrheit gesagt hatte, in der
forensischen Psychiatrie des Klinikums Eppendorf - selbst voll bekleidet
würde man ihn da vermutlich nicht so ohne weiteres herausspazieren lassen.
Peter versuchte, die wilde Szenerie rings um ihn herum
zu ignorieren. Das gelang. Dann wollte er sich mit gewohntem Elan aus dem Bett
schwingen. Das gelang nicht. Seine Beine knickten ein. Zwei Tage Zwangshaltung
und die Aufregung der letzten halben Stunde forderten ihren Preis.
„Immer mit der Ruhe!“ murmelte er vor sich
hin. Wenn er jetzt durchdrehte, war alles vorbei. Langsam stand er auf und
machte ein paar vorsichtige Schritte zum Wandschrank. Die Tür war nicht
abgeschlossen, aber warum hätte sie das auch sein sollen? Der Schrank war
leer.
„Mist!“ fluchte Peter. Suchend sah er sich
im Zimmer um, und wider Willen fiel sein Blick auf den Toten. Natürlich -
das war‘s. Der Mann war zwar größer als er und auch kompakter
gebaut, aber Krankenhausschutzkleidung mußte schließlich nicht
maßgeschneidert sitzen. Allerdings waren die Klamotten ziemlich
mitgenommen. Aber selbst das könnte er zu seinem Vorteil ausnutzen, wenn
er es geschickt anstellte.
Er griff sich einige Papierhandtücher vom
Nachttisch und begann sein Opfer notdürftig zu säubern. Er atmete
flach und durch den Mund, und das half ihm, diese Prozedur zu überstehen.
Danach zog er dem Mann Hose und Hemd aus, ebenso befreite er ihn von seinem
Mundschutz. Die Kopfhaube wollte er aus naheliegenden Gründen lieber nicht
anfassen - die Verkleidung mußte auch ohne sie reichen. Schuhe allerdings
würde er brauchen. Der Pfleger trug Socken und darüber Sandalen. Das
war gut - mit Hilfe der Schnallen konnte Peter sie seinen Füßen
halbwegs anpassen. Und das wichtigste brauchte er natürlich - das
Schlüsselbund.
Nachdem er sich umgezogen hatte, ging Peter zur Tür
und lauschte. Auf dem Gang schien es ruhig zu sein. Als er die Tür
aufgeschlossen hatte und vorsichtig hinausspähte, bestätigte sich die
Vermutung: Niemand war zu sehen. Scheinbar ruhig steuerte er auf die
doppelflügelige Glastür zu, die den Flur am rechten Ende begrenzte.
Vermutlich war das der Ausgang der Station. Während er ging, studierte er
die Schlüssel, die er in der Hand hielt. Er konnte sich nicht leisten,
lange herumzuprobieren. Er hoffte, daß der Schlüssel, der am
kompliziertesten aussah, der richtige sein würde.
Peter hatte richtig vermutet. Wie
selbstverständlich öffnete sich die Tür, und er stand in einem
geräumigen Treppenhaus. Auch Lifttüren waren zu sehen, neben denen
eine große „4“ prangte. Als hätte er nie etwas anderes
gemacht, rannte Peter nach unten. Acht Treppen, und er würde draußen
sein - was war das schon? Überall sah es gleich aus: Glastür,
Treppenhaus. Er begegnete niemandem. Zumindest nicht auf den ersten sechs
Treppen. Als er aber an der Station in der ersten Etage vorbeiflitzen wollte,
wurde die Tür geöffnet. Eine Krankenschwester trat heraus und
stutzte, sagte aber nichts.
„Kollegin, gut, daß Sie kommen!“
japste Peter. Zumindest die Atemlosigkeit war nicht gespielt. „Ich habe
einen Notfall - Zimmer 323. Ich versuche einen Arzt aufzutreiben, aber ich kann
keinen finden. Jetzt hole ich jemanden aus der Ambulanz. Ich brauche einen
Kardiologen. Haben Sie vielleicht jemanden auf der Station? Zwei sind bestimmt
besser als einer!“
Die Schwester hatte sich schon umgedreht. „Dr.
Schöller,“ sagte sie. „Ich sage ihm Bescheid.“
„Danke!“ rief Peter, während er weiter
die Treppe heruntereilte.
Die Schwester blickte ihm nach. Der Kollege konnte noch
nicht lange hier sein. So viel Aufregung wegen einer Herzattacke! Und daß
er nicht daran gedacht hatte, den Hausfunk zu benutzen!
Sekunden später schallte es durchs Klinikum:
„Dr. Schöller, Dr. Schöller, bitte ins Zimmer 323. Zimmer 323!
Ein Notfall!“
Währenddessen stand Peter Schrader bereits vor dem
Krankenhaus. Das Zimmer, in dem er sein Martyrium erlitten hatte, hatte die
Nummer 432. Er hoffte, daß der Kranke einen Stock tiefer das Eppendorfer
Personal so lange beschäftigen würde, daß er genug Zeit zur
Flucht hatte.
24
Der Kellner hatte es sich zum Hobby gemacht, seine
Gäste zu taxieren. Sonst wäre sein Job zu langweilig gewesen, fand
er. Zwar machte es ihm Spaß, formvollendet zu servieren, aber letztlich
hieß das auch nur, Weinflaschen zu entkorken und Inhalt und Etikett
begutachten zu lassen, silberne Hauben von kunstvoll arrangierten Gerichten zu
heben, dabei zu murmeln, was auf dem Teller lag - falls der dumme Gast
vergessen haben sollte, was auf der Speisekarte stand - und guten Appetit zu
wünschen.
Die Einschätzung der beiden Männer, die er
gerade bediente, fiel ihm jedoch trotz langjähriger Berufserfahrung
schwer.
Ihr Tisch war bestellt worden. Der Ältere der
beiden war pünktlich um 19 Uhr eingetroffen und hatte als Apéritif
einen Kir Royal geordert - kein ganz billiges Getränk, um es vorsichtig zu
sagen, eins für einen feierlichen Anlaß. Der Jüngere traf 15
Minuten zu spät ein und wurde ärgerlich empfangen - das paßte
nicht zum Kir. Die Verstimmung schien den Jungen aber überhaupt nicht zu
stören. Vertraulich faßt er den Älteren an der Schulter, lachte
und bestellte für sich ebenfalls Champagner. Den demonstrativen Blick des
anderen auf seine Uhr ignorierte er.
Der aber wollte sich nicht länger beherrschen.
Leise, wie es dem dezenten Umgangston in einem Edelrestaurant
entsprach, zischte er: „Verdammt noch mal, Jean, was soll das? Wieso hast
du mich hier herbestellt?“
„ Geschäftsabschlüsse müssen
gefeiert werden“, grinste Jean. „Unser Herz ist verkauft, und gar
nicht mal schlecht.“
„Du warst also im Krankenhaus?“ wollte der
Ältere wissen. „Und Schrader hat angebissen?“
„Er hat. Er verkauft seine Villa an der
Walderseestraße, und wir streichen den Erlös ein. Das dürfte
ein hübsches Sümmchen bringen. Der Boß hat schon zugestimmt.
Ich habe es zwar im Hintergrund knirschen hören - Harry aus Amerika hat
gezetert, daß er einen bombensicheren Kandidaten hat und daß dem
die Pumpe unseres jungen Gastes zusteht, aber er hatte keine Chance. Zu hohe
Kosten und zu große Risiken beim Transport. Harry wird selber was
auftreiben müssen. Wir haben den Deal. Prost, Kevin!“
Kevin, der für Karen Schrader immer nur ‚der Rechte‘ gewesen war,
hob sein Glas. „Zum Wohl. Gut gemacht. Ich nehme an, Du lädst
ein?“
„Selbstverständlich.“ Jean sah sich in
dem schwach besetzten Restaurant um. Befriedigt registrierte er die dezente
Beleuchtung, die festliche Tischdekoration, die gemütlichen
chintzbezogenen Armstühle und die stoffbespannten Wände - alles
altrosa, Ton in Ton. Sogar die Blumengestecke auf den Tischen waren altrosa.
Echte Blumen übrigens. „Ist es nicht gemütlich hier?“
„Na ja.“ Kevin zuckte die Schultern.
„Ist mir eigentlich zu plüschig. Zu altmodisch. Und zu leer. Solche
Schuppen kann sich heutzutage doch keiner mehr leisten.“
„Außer uns!“ Wieder grinste Jean.
„Das Essen ist übrigens wirklich ausgezeichnet. Wollen wir
bestellen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er den Kopf zum
Kellner um. Der reagierte sofort, präsentierte die Speisekarte und
informierte kompetent über das Angebot des Tages.
Nach der Auswahl des Menüs ging es ans Studium der
Weinkarte. In Erinnerung an eine hübsche, jetzt aber leider mittellose
junge Ehefrau schlug Jean einen Chablis zum Fischschaum vor, und Kevin
akzeptierte.
Dankend zog sich der Kellner zurück. Er war sich
immer noch nicht schlüssig, was er von den beiden zu halten hatte. Er
entschied sich für ‚schwules Paar in der Anfangsphase der
Beziehung‘.
Er konnte zwar perfekt servieren, aber er mußte
noch viel lernen.
25
Harry war ärgerlich, und wenn er ärgerlich
war, tobte er. Der Flug von New York JFK nach Las Vegas hatte wegen etlicher
Turbulenzen seinen Magen fast umgedreht. An der Entscheidung des Bosses, ihm
das Herz nicht zu geben, kaute er schwer. Daß ihm die Stewardeß
‚Veuve Cliquot“ anstatt ‚Piper Heidsieck‘ zu servieren
versucht hatte, obwohl sein Geschmack bekannt war, brachte das Faß zum
Überlaufen.
Jetzt tigerte er im Penthouse des ‚Mirage‘
knurrend umher und versetzte allem, was ihm in den Weg kam, grimmige
Fußtritte. Da er nicht in der Stimmung war, um irgend etwas einen Bogen
zu schlagen, kam ihm viel in den Weg. Platz genug zum Austoben hatte er
trotzdem. Die Suite in der gläsernen Spitze der Hotelpyramide maß
150 Quadratmeter. Die Aussicht auf Vegas und die umliegende Wüste war
übrigens hinreißend, aber dafür hatte er jetzt keinen Blick. Seine
Laune bewirkte, daß sich seinen beiden Begleiter möglichst
unsichtbar zu machen versuchten. Aber das half ihnen wenig, denn Harry redete, und wenn Harry redete,
erwartete er Antworten. Es war besser, wenn man welche gab.
„Wie heißt der Kerl?“
Die jungen Männer sahen einander unsicher an. Sie
waren Ende zwanzig, erkennbar gut durchtrainiert und vermutlich bewaffnet,
obwohl das nicht sichtbar war. Aber sie hatten Angst vor dem kleinen,
gedrungenen Mittfünfziger, der gerade eine vermutlich nicht ganz billige
Vase mit einem Blumenarrangement zu Fall gebracht hatte. Welchen Kerl meinte
Harry bloß?
„Wie heißt der Kerl, für den das Herz
vorgesehen war?“
Aufatmen. Auf klare Fragen konnte man klare Antworten
geben.
„John Pupfish. Mobilhomehändler in Pahrump. Der
Mann ist gut für 375000 $, vielleicht auch mehr.“
„Mehr?“
„Wir haben ihm das Organ für diese Summe
angeboten. Sie entspricht unseren Standardbedingungen. Aber wenn das Angebot
knapp ist, läßt sich vielleicht nachverhandeln...“
Harry schnaufte verächtlich. „Er
müßte das Doppelte zahlen, wenn ich einen Chance haben soll, den
Boß davon zu überzeugen, daß er das kostbare europäische
Herz bekommt. Vergeßt es. Besorgt ein anderes Herz!“
„Woher, Harry?“ Die Frage kam wie aus einem
Mund. Kläglich setzte einer der beiden hinzu: „Du weißt doch
selbst, wie es draußen aussieht...“
„Ich weiß“, sagte Harry. Er hatte
seinen zerstörerischen Rundgang durch das Appartement beendet und begann
sich auszuziehen, während er aus dem Fenster sah. Die Sonne tauchte gerade
hinter die Berge im Westen, und die bunte Beleuchtung der Stadt begann
aufzustrahlen. Harry ließ seine
Kleider einfach auf den Boden fallen und stieg dann nackt in den
Whirlpool direkt vor seinen Füßen. Er drückte den Knopf, und
das angenehm temperierte Wasser begann zu sprudeln. Er seufzte wohlig,
während die beiden jungen Männer erleichtert aufatmeten. Der Sturm
schien vorüber zu sein.
„Draußen ist nichts zu holen, ich
weiß. Jedenfalls nur wenig Gesundes. Aber drinnen!“
Der Sturm war nicht vorüber.
Drinnen, das war Las Vegas. Die absolut sichere Stadt,
denn sie gehörte der Mafia.
Wer nach Las Vegas reiste, mußte seine
Bonität beweisen, wenn er Einlaß erhalten wollte. Dafür
garantierte man ihm die Abwesenheit jeglicher Kriminalität. Es gab keine
Verbrechen in Vegas, auch nicht den kleinsten Taschendiebstahl. Wer beim
Blackjack, beim Bakkarat oder beim Roulette Glück gehabt hatte, konnte
seinen Gewinn unbesorgt und unbehelligt zu jeder Tages- und Nachtzeit nach
Hause tragen. Offiziell gehörte Las Vegas nach wie vor zu Nevada, und
Nevada war Teil der Vereinigten Staaten von Amerika geblieben. Tatsächlich
aber gab es keinen Staats- oder Bundesbeamten in der Stadt. Für die
Sicherheit sorgte die Mafia. Der Ruf der Stadt garantierte ihr den Gewinn.
„Harry, das kann nicht dein Ernst sein!“
Vorsichtig näherte sich eines der beiden
Muskelpakete dem Whirlpool, erkennbar erschrocken über seinen eigenen Mut.
Er wußte, daß er das Gesetz Nummer Eins verletzt hatte: Widersprich
nie dem Boß!
Aber Harry grinste nur gemütlich.
„Außergewöhnliche Umstände
erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, hat meine
Großmutter immer gesagt. Selbstverständlich bleibt Vegas die einzig
sichere Stadt der Welt. Zumindest wird unsere Buchführung das weiterhin so
ausweisen.“
Er blinzelte den beiden zu, sah aber nur
Unverständnis in ihren Mienen. Er seufzte. Den jungen Leuten von heute
mußte man aber auch alles erklären!
„Ich stelle mir das so vor: Einer der jungen
reichen Singles, von denen unsere schöne Stadt nur so wimmelt, gerät
in unsere Obhut. Offiziell wird der junge Mann oder die junge Frau Vegas
natürlich nie betreten haben, sondern kurz vor Erreichen des Ziels leider
einen Unfall mit tödlichem Ausgang erleiden. Mit offiziellem
Polizeiprotokoll und allem Pipapo. Dazu braucht man nur ein bißchen
Überlegung und genügend Schmiergeld. Ist das denn so schwer zu
begreifen?“
Er suchte sich eine Düse im Pool, die seine
verspannte Schultermuskulatur massieren sollte, und fand sie.
Betreten schüttelten die jungen Männer den
Kopf. Nein, schwer zu begreifen war das nicht. Aber leicht zu machen auch
nicht. Und sie wußten, wer seinen Kopf würde hinhalten müssen,
wenn es schiefging.
„Macht euch an die Arbeit!“ sagte Harry.
Alle Aggressivität war aus seiner Stimme verschwunden. Er würde gut
schlafen können, trotz der Aufregungen des Tages. Ein Schlummertrunk
konnte trotzdem nicht schaden.
„Viel Glück, Jungs. Bestellt mir doch beim
Etagenkellner noch eine Flasche Champagner. Piper Heidsieck. Morgen früh
erwarte ich euch wieder.“
Die Jungmafiosi sahen einander an. Synchron zuckten sie
die Schultern, drehten sich um und verließen die Suite.
Sie gehorchten dem Befehl des Bosses. Sie hatten noch
keine Ahnung, wie sie ihn ausführen sollten. Aber ihnen war klar,
daß sie heute Nacht bestimmt nicht schlafen würden.
26
Rasselnd ging der Atem. Mühsam suchte die Lunge
nach Luft, behalf sich mit Husten. Das machte alles nur schlimmer. Die Atemnot
wuchs. Er röchelte. Der Schleim in der Luftröhre versperrte dem
rettenden Sauerstoff den Weg. Aufbäumen, zur Seite beugen, Schleim abhusten.
Zumindest eine kurze Erleichterung.
Im Zimmer stank es. Der Körper verriet seine Angst
und seine Anstrengung. Die Laken waren schweißgetränkt.
Gesa schwitzte mit. Ihr Vorrat an Tröstungen war
erschöpft.
„John, wie lange müssen wir noch
warten?“
Hilflos zuckte er die Schultern, bevor er mit dem
nächsten Hustenanfall kämpfen mußte.
27
Sie trug den schönen Namen Young, und sie war stolz
darauf. Sie war nämlich jung und attraktiv dazu: rein weiß, schlank,
blond, blauäugig und langbeinig. Ihre Mutter sagte oft, daß sie wie
eine Fleisch gewordene Barbie aussah, aber das empfand sie nicht als
Kompliment. Sie hatte diese Puppe immer langweilig gefunden. In den
vierundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte sie nie auf etwas verzichten
müssen - abgesehen von sexuellen Erfahrungen. Sie war der Ansicht,
daß es dringend Zeit war, dieses Defizit zu beheben.
In Utah führte die Nennung des Namens in der Regel
zu gehobenen Augenbrauen: „Der“ Young?
In der Tat führte ihre Familie ihren
sorgfältig protokollierten Stammbaum auf Brigham Young zurück, den
Gründer von Salt Lake City. In einer Situation, in der seine gehorsame
Mormonengefolgschaft weder vorwärts noch zurück gekonnt hatte, hatte
er mitten in der Wüste erklärt: ‚This is the place‘.
Eigentlich aber war sie nicht stolz auf die Pioniere,
die offiziell überall verherrlicht wurden. Die Stories, die sich damit
verknüpften, fand sie eher lächerlich. Möwen sollten den
Vorvätern gegen eine Heuschreckenplage geholfen haben, als Zeichen, daß
Gott diesen Platz für sie bestimmt hatte! Möwen in Zentralamerika,
mitten zwischen Saguaros und Kandelaberkakteen, in einer Wüste ohne
Wasser. Kindermärchen waren das, nichts sonst! Und überhaupt Young:
Selbst die offizielle Propaganda verschwieg nicht, daß ihr Ur-
Urgroßvater sein Geschlechtsteil bei jeder passenden und unpassenden
Gelegenheit in jede erreichbare Vagina hineingesteckt haben mußte. Wie
sonst konnte man sich seine unzähligen Nachfahren erklären?
Allerdings hatte sie sich immer gehütet, jemandem
etwas von ihrer Verachtung zu erzählen. Warum hätte sie sich auch
selbst schaden sollen? ‚Young‘ - der Name öffnete in Utah alle
Türen. Sie hatte die beste Schule in SLC besucht, anschließend
studiert, und ihr Job war sicher. Aber daran wollte sie jetzt gerade nicht
denken. Für ihr Leben als Justitiarin im Tabernakel blieb ihr noch Zeit
genug.
Jetzt hatte sie Ferien, und sie hatte vor, sie zu
genießen. „Was wirst du tun, Kind?“ Die besorgten Fragen der
zahllosen weiblichen Verwandtschaft hatte sie stereotyp beantwortet: „Ich
will mir endlich mal unser schönes Utah ansehen!“ Wenn das nicht
reichte, hatte sie angefangen, von Bryce Canyon und Zion zu schwärmen, von
Arches und Canyonlands. Das hatte dazu geführt, daß sie wohlversehen
war mit Adressen von Motels und Campingplätzen und Tips für die
angeblich schönsten Wanderungen.
Die Zettel, auf denen das alles notiert war, stopfte sie
entschlossen ins Handschuhfach mit dem festen Vorsatz, es so bald nicht wieder
zu öffnen. Campen und Wandern - was für absurde Ideen! Und Utah -
nein danke!
Möglicherweise war es wirklich schön in dieser
Wüste, die ihr Religionsclan so erfolgreich ausbeutete. Aber ihr stand
nicht der Sinn danach, das nachzuprüfen. Gleich nebenan lag Nevada, die
große weite Welt! Die Welt mit Freiheiten, in der alles das erlaubt war,
was in Utah verboten war. Nur zehn Autostunden trennten sie von Las Vegas!
Natürlich war ihr klar, daß das, was sie
vorhatte, nicht ganz ungefährlich war. Utah selbst war sicher, dafür
sorgten die Brüder und Schwestern, aber in anderen Staaten der
geschrumpften USA waren hungernde Menschen unterwegs, die nicht allzu viele
Skrupel hatten, wenn sie einer einsamen jungen Frau in einem Kabriolett
begegneten. Aber sie wußte, was zu tun war.
Kathrin Young setzte sich am frühen Morgen eines
sonnigen Septembertages in ihren zwanzig Jahre alten, gut gepflegten Chrysler
LeBaron, drückte den Knopf für das Zurückschwingen des Verdecks
und ignorierte die Heerschar ihrer winkenden Tanten, als sie startete. Sie
verließ Salt Lake City Richtung Westen. Als erstes fuhr sie eine
Tankstelle an, obwohl ihre Benzinanzeige auf „voll“ wies. Der
Tankstellencomputer, ermuntert durch 50 $, schlug ihr einen für die
nächsten beiden Tage sicheren Weg zu ihrem Ziel vor. Sie akzeptierte.
Nachdem sie den stinkenden Salzsee passiert hatte, der
der Stadt den Namen gab,
führten zuerst der Interstate und dann ein Highway sie die durch
Wüste. Die empfand sie nur als langweilig und bedrohlich. Noch nicht
einmal die Spiele, die viele Autofahrer vor ihr gespielt hatten, machten ihr
Spaß: Wie viele Meilen sind es bis zur nächsten Kurve? Wie weit
werde ich fahren, bis mir das nächste Auto begegnet? Sie konnte die
Einsamkeit nicht genießen, sie jagte ihr nur Furcht ein. Woher sollte sie
wissen, ob es hier wirklich keine marodierenden Flüchtlinge gab? Aber auch
ohne menschliche Bedrohung war diese Wüste beängstigend. Sie
überprüfte ihre Wasser- und Benzinvorräte, als sie ein Schild
las: Next Gas - 120 Miles.
Sie setzte ihre Hoffnung auf Ely, den einzigen
größeren Ort, der auf ihrer Route nach Vegas lag. Ely, Nevada. Da
mußte sich doch schon das wahre Leben spüren lassen!
Sie wurde bitter enttäuscht. Das kleine
verträumte Städtchen präsentierte an seiner Zentralkreuzung eine
Meßstation für Radioaktivität - ob das die Hauptattraktion sein
sollte? Das Eisenbahnmuseum war geschlossen - aber dafür hätte sie
sich sowieso nicht interessiert. Der Stadtpark ging malerisch in den Friedhof
über. Mc Donald‘s war offen, aber ein akzeptabel erscheinender
Mexikaner: cerrado. Einige Motels priesen ihre Zimmer an. Warum eigentlich? Wer
wollte hier schon Station machen? Das große Casino, von dem sie
geträumt hatte, gab es jedenfalls nicht.
Na gut, sagte sie sich, ich wollte sowieso weiter.
Im Supermarkt besorgte sie sich Snacks und
Getränke, tankte an der Ecke daneben und trat dann wieder aufs Gas.
Während der folgenden fünf Stunden hätte
sie am liebsten die Augen zugemacht. Leider aber ging das nicht,
schließlich mußte sie das Cabrio auf der Straße halten.
Wüste, nichts als Wüste. Immerhin: Es bedrohte sie niemand.
Allmählich glaubte sie nicht mehr, daß ihre Traumstadt mitten in
einer solchen Einöde liegen konnte. Dennoch fuhr sie weiter, denn sie
wußte nicht, was sie sonst machen sollte.
Ihre Traumstadt existierte. Genährt vom
gequälten Colorado, der Strom und Wasser liefern muß, strahlt Las
Vegas mitten in der Wüste von Nevada und gibt sich so selbstsicher, als
könne nichts es gefährden.
Die Sonne war gerade untergegangen, und es wurde rasch
dunkel, als sie vor sich den Lichtdom der Wüstenmetropole sah. Dann
schälten Stratosphere Tower und der jüngst fertiggestellte noch
höhere Moon Tower sich aus dem Dunst. Sie begann, Farben zu unterscheiden.
Gehorsam folgte sie den Befehlen der Schilder am Straßenrand und
verlangsamte ihr Tempo. Sie hatte die Kontrollstation am Stadtrand erreicht.
Ihre Kreditkarte wurde in einen Computer eingeführt, der offensichtlich
ein zufriedenstellendes Ergebnis meldete. Sie durfte weiterfahren.
Plötzlich war sie auf dem Strip. Farben umnebelten
sie. Da war das Weiß der endlosen Front von Caesar‘s Palace, das
Rosa des Flamingo, die verwirrende Vielfalt von New York, New York. Als Piraten
irgendwo am Straßenrand ein britische Fregatte zu entern drohten,
hätte sie fast einen Auffahrunfall verursacht. Wegen des Schreckens übersah
sie, daß gleich daneben aus einem Wasserfall heraus ein Vulkan ausbrach.
Ruhe, befahl sie sich. Jetzt nicht die Nerven verlieren!
Das war nicht leicht, nicht nur wegen der Überraschungen, mit denen die
Stadt aufwartete. Sie war nicht die einzige, die in einem offenen Wagen den
Strip entlangfuhr. Offenbar war Cruising hier ein Hobby junger
Leute,vornehmlich junger Männer. Alle paar Minuten lehnte sich jemand aus
dem fahrenden Auto oder vor einer roten Ampel zu ihr hinüber und machte
ihr mehr oder weniger deutliche Angebote. Für jemanden, der aus Salt Lake
City kam, war das ziemlich ungewöhnlich und aufregend.
Nervös zerrte sie am Saum ihres Minirocks und
versuchte, ihn zumindest ein wenig weiter über die Oberschenkel
herunterzuziehen. Der Stoff widerstand ihren Bemühungen. Ärgerlich
gab sie auf. Na gut - sollte sie doch jeder hier für eine Nutte halten!
Sie beschloß, sich zuerst in aller Ruhe ein Hotel
zu suchen. Aber welches? Natürlich mußte es ein großes sein,
mit einem riesigen Casino, nicht nur eine Bleibe für die Nacht.
Caesar‘s Palace vielleicht? Aber sie wußte nichts vom alten Rom,
und das verunsicherte sie. Das Excalibur? Die bunten Türmchen verlockten
sie zwar, aber vom Mittelalter hatte sie ebensowenig Ahnung wie von der Antike.
Also New York, New York? Nein - Amerika, das war zu wenig exotisch.
Unschlüssig fuhr sie zum zweiten Mal den Strip
entlang und versuchte ohne Ergebnis, zu einer Entscheidung zu kommen. Sie war
schon am Stadtrand angelangt, als sie ihren Traum entdeckte. Ja, das war es:
Lost World!
Auf den ersten Blick sah man gar kein Gebäude,
sondern einen Urwald. Das Wasser, das Vegas verschwendete, wurde hier benutzt,
um Pflanzen zum Wachsen zu bringen, Pflanzen des tropischen Regenwaldes, mitten
in der knochentrockenen Wüste. Fast unsichtbare Versorgungsleitungen
versprühten einen feinen Permanebel aus Wasserdunst über dem
grünen Dickicht. Kleine grüne Tierchen, die aussahen wie Krokodile,
die Eichhörnchen imitierten, turnten durch das Dickicht.
Als Kathrin verzaubert bremste und anhielt, kamen zwei
der hühnergroßen Minidrachen sofort zu ihrem Auto gehüpft.
„Wie schön, daß du da bist!“
„Wirst du bei uns wohnen?“ „Ja, bitte, bitte, wir können
bestimmt prima zusammen spielen!“
Sie zwitscherten mit hohen Stimmchen durcheinander.
Kathrin verdrängte den Gedanken, daß sie von
sorgfältig programmierten Computern angesprochen wurde. Süß
waren die Kleinen, einfach süß! Ob sie einen davon mit ins Zimmer
nehmen durfte? Bestimmt! antwortete sie sich. Sie lächelte und streckte
eine Hand aus. Sofort kam einer der Kleinen zu ihr gehüpft und schmiegte
seinen Kopf in ihre Handfläche. Wahrscheinlich konnte er Gedanken lesen.
„Da hinten ist der Parkplatz!“ zirpte er.
Sie nickte und lenkte das Cabrio in die angegebene Richtung.
Die beiden Computer in der Hülle von Procompsognaten
sahen ihr hinterher. An die Rezeption übermittelten sie die Nachricht,
daß ein neuer Gast eingetroffen sei. Dann schalteten sie wieder auf ihr
Normalprogramm.
Kathrin hatte Recht gehabt: Das hier war ihr Paradies!
Der tropische Urwald beherrschte das Hotel auch im Inneren. Eine junge Frau
hinter einer üppig blühenden Hibiskushecke überreichte ihr den
Zimmerschlüssel und sorgte für den Transport ihres Gepäcks. Aber
Kathrin hatte gar keine Lust, sich sofort zurückzuziehen. Zuerst
mußt sie die Hotelhalle in Augenschein nehmen.
Halle? Welch unpassende Bezeichnung! Ein Urwaldsee nahm
den größten Teil des Raumes ein, ein weithin begehbarer See, den
Halbinseln und Brückchen zugänglich machten. Mitten im flachen Wasser
stand ein riesiger Saurier, den Kopf unter Wasser. Allmählich tauchte sein
Kopf auf. Im Maul hielt das Tier ein grünes Pflanzenbüschel, das es
gemütlich zwischen den Kiefern zermahlte. Es schien zu spüren,
daß es beobachtet wurde, denn es wandte Kathrin den Kopf zu. Und dann -
grinste es. Es lächelte ihr zu! Sein Hals streckte sich lang und
länger, der Kopf kam immer näher. Zu ihrer eigenen
Überraschung verspürte
sie nicht die geringste Angst. Der riesige Kopf war jetzt nur wenige Zentimeter
vor ihr und schwang unmerklich hin und her. Zögernd streckte sie die Hand
aus und streichelte ihn. Ein tiefes Grunzen, das sie mehr im Zwerchfell
spürte als hörte, war die Antwort. Dem Tier gefiel die
Berührung.
„Das ist unser Apatosaurus“, sagte eine
Stimme neben ihr. Sie gehörte zu einem Mann, der eine Expeditionsausrüstung
trug. Offenbar ein Hotelangestellter.
„Sie haben Recht, daß Sie keine Angst haben.
Er ist ein nettes Tier - ein harmloser Pflanzenfresser. Alle unsere Tiere sind
nett. Sie wollen nur eins - daß Sie sich wohlfühlen. Willkommen in
Lost World!“
„Danke!“ sagte sie. Sie war leicht verwirrt.
Nun gut - ein Angestellter hatte seine Pflicht erfüllt und einen neu
angekommenen Gast beruhigt, der vielleicht in Panik verfallen könnte. Aber
dieser Mann sah ungemein gut aus. Nein, das war entschieden zu schwach
formuliert. Ihr Traummann stand unvermittelt vor ihr. Die lebendige Ausgabe von
Ken, mit dem sie als kleines Mädchen viel lieber gespielt hatte als mit
Barbie.
Hervorragend. Sie war in Vegas, nicht in der Wüste
von Utah, und sie hatte ihren Traummann getroffen. Leider aber hatte das Ganze
einen Schönheitsfehler: Sie war gut zahlender Gast und hatte kein ganz
billiges Zimmer gebucht, und er war ein kleiner Angestellter. Wie sollte sie
mit ihm in Kontakt kommen? Sie konnten doch nicht einfach einen Drink zusammen
nehmen!
Wieso konnten sie das eigentlich nicht? schoß es
ihr plötzlich durch den Kopf. Das hier war Vegas, nicht das spießige
SLC. Sie war in der Stadt der Spieler - und warum sollte der Gast hier nur mit
Geld spielen können?
„Er ist süß“, sagte sie und
deutete auf den Apatosaurus. Genau genommen bezog sich ihre Aussage nicht nur
auf das Tier. „Aber Sie haben meinen Mut ein wenig zu hoch
eingeschätzt. Ganz wohl ist mir denn doch nicht.“
Sie mimte einen leichten Schauder, der ihr gut gelang.
In zwanzig Jahren im Zentrum des Mormonentums lernte man die Schauspielerei
leicht.
„Ich bin direkt ein bißchen schwach in den
Knien. Ein Drink würde mir jetzt guttun. Wo versteckt sich denn hier die
Bar?“
„Da hinten!“ Er streckte den Arm aus und
zeigte direkt auf undurchdringlich scheinenden Dschungel. Er bemerkte ihr
Zögern und bot ihr seine Hilfe an: „Kommen Sie, ich zeige Ihnen den
Weg.“
Genau das hatte Kathrin sich gewünscht. Trotz ihrer
Faszination registrierte sie, daß er sie nicht direkt zu dem Urwalddickicht
lotste, auf das seine Hand gewiesen hatte, sondern sie darum herumführte.
Es sah ganz so aus, als sei auch er an ihr nicht ganz uninteressiert. Um so
besser!
Sie sah die Bar erst, als sie unmittelbar davorstand.
Die Tischchen und gemütlichen Sessel in den Grün- und Brauntönen
des Waldes fielen kaum auf. Ein Summen lag in der Luft, das an- und abschwoll.
Kolibris schossen blitzschnell über ihrem Kopf dahin oder verharrten vor
bunten, großblättrigen Blüten, während ihr langer Schnabel
tief in sie hineintauchte.
„Bezaubernd!“ murmelte sie. Aber sie
erschrak doch, als einer der Vögel ganz dicht an ihrem Ohr vorbeischwirrte
und sie das tiefe Brummen des schnellen Flügelschlags hörte, das von
einer riesigen Hummel zu stammen schien. Hilfesuchend faßte sie den Arm
ihres Führers.
„Bezaubernd, aber auch ziemlich aufregend. Leisten
Sie mir noch ein wenig Gesellschaft und beschützen mich? Natürlich
nur, wenn Sie Zeit und Lust haben. Ich würde Sie gerne zu einem Drink
einladen.“
Zu ihrer Enttäuschung schüttelte er den Kopf.
„Unmöglich.“
Na gut, Kathrin, das war‘s also. Er kann nicht
oder will nicht oder was auch immer. Es wäre ja auch zu schön
gewesen. Also verabschiede ihn jetzt nach allen Regeln der Höflichkeit,
geh dann auf dein Zimmer, mach dich frisch und freu dich aufs Casino.
„Es verstößt gegen meine wenigen
Prinzipien, mich von einer schönen jungen Frau einladen zu lassen. Aber
wenn Sie einverstanden sind, trinken wir etwas auf meine Rechnung.“
In einem Rückfall in kindlichen Glauben dankte sie
dem Engel Moroni für seine Güte. Laut sagte sie: „Ich habe
nichts gegen Männer mit altmodischen Grundsätzen.“
Sie ließ sich von ihm beraten und bestellte, wie
er auch, den Spezial Dino-Cocktail.
Als die Drinks serviert wurden, wußte sie bereits
einiges über ihn. Er hieß Ken (wirklich Ken!), und er war zwar
Hotelangestellter, aber der Chef der Logistikingenieure, die für das
Funktionieren der komplizierten Hotelanimation sorgten. Fachleute wie ihn gab
es höchstens ein Dutzend, weltweit. Aber er spielte sich nicht auf, und
das bewunderte sie. Er tat, als sei es das Normalste überhaupt, ein hochbezahlter, gesuchter Spezialist zu
sein.
Der Dino-Cocktail mundete ihr hervorragend. Während
sie trank, schwärmte ihr Ken etwas von der Ausstattung ihres Zimmers vor.
Schmetterlinge würden sie umschweben, bunte Admirale, ihr aber,
ferngehalten durch eine Lichtschranke, keineswegs zu nahe kommen.
Selbstverständlich konnte sie, wenn sie wollte, auch einen Procompsognatus
als Kuscheltier mieten.
„Als Kuscheltier hätte ich gern jemand
anderen“, murmelte sie, kaum noch verständlich. Der Dino-Cocktail
enthielt anscheinend mehr Alkohol, als sie gewohnt war.
„Noch einen Drink?“ fragte er.
Sie hörte die Frage schon nicht mehr. Sie kippte
zur Seite.
„Okay, sie ist soweit“, sagte der Mann, der
sich Ken genannt hatte, weiterhin im Plauderton. Inzwischen aber hatte er ein
Funktelefon eingeschaltet. „Fertig zum Abholen.“
Er stand auf. Ein zweiter junger, gut aussehender Mann
erschien. Sie griffen sich Kathrin und zerrten sie in den Dschungel. Es schien
ihnen zu gelingen, Harrys Auftrag zu erfüllen.
„Ken“ fühlte Kathrins Puls und hob ihr
Augenlid. „Vorschriftsmäßig bewußtlos“,
konstatierte er. „Fertig für den Abtransport.“
Wieder aktivierte er sein Telefon. „Aktion
Ausnahme kann gelöscht werden.“ Er beendete die Verbindung, ohne
eine Antwort abzuwarten.
Die junge Frau hinter der Hibiskusrezeption drückte
eine Taste.
Der junge Mann an der Stadtgrenze von Las Vegas gab eine
Zahlenkombination in seinen Computer ein.
Kathrin Young hatte danach nie existiert, jedenfalls
nicht in Vegas. Nur ihr Auto stand noch in der Garage von ‚Lost
World‘. Aber auch das würde sich schnell ändern.
28
Keine gute Situation, wenn man Ende September im Regen
in dünner, zudem beschmutzter Krankenpflegerkleidung vor dem Klinikum Hamburg Eppendorf
steht, ohne Geld, und nur einen Wunsch hat: Weg! Peter Schrader war das sehr
klar. Zum Glück war es bereits ziemlich dunkel, und er hoffte, dadurch
eine Chance zu haben. Er wollte so schnell wie möglich weg aus der Stadt,
aber bestimmt nicht von Altona aus - an diesen Bahnhof hatte er zu schlechte
Erinnerungen. Inzwischen waren seine Illusionen verflogen: Jan hatte ihn diesem
Krankenpfleger ausgeliefert zu irgendeinem Zweck, der vermutlich noch schlimmer
war als die beabsichtigte Vergewaltigung.
Also mußte er den Hauptbahnhof ansteuern. Die
Richtung war ihm klar: Klosterstern, Rothenbaumchaussee, Alsterglacis,
Kennedybrücke - und schon war er da, nämlich im Norden, an der
‚schlechten‘ Seite. In einer guten Stunde sollte er das schaffen.
Aber vielleicht waren die großen Straßen zu belebt, vielleicht
würde er dort auffallen. Möglicherweise waren Umwege nötig. Was er tun würde, wenn er am
Bahnhof ankäme, wußte er auch noch nicht. Er würde sich auf dem
Weg etwas überlegen müssen.
Seine Sorge aufzufallen war unbegründet. Schon vor
Jahren waren im ehemals so ordentlichen Deutschland alle Gesetze über
Ladenöffnungszeiten aufgehoben worden.
Die Politiker hatten damit versucht, der schwindenden
Kauflust zu begegnen. Allerdings hatten sie nicht bedacht, daß Menschen nur das Geld ausgeben
können, über das sie verfügen. Da die Massenarbeitslosigkeit
sich seit nunmehr drei Jahrzehnten ständig vergrößerte, hatten immer
mehr Menschen immer weniger Geld. Um an diese schrumpfenden Gelder heranzukommen,
waren die Ladeninhaber gezwungen, ihre Geschäfte praktisch rund um die Uhr
offenzuhalten.
Die von Geschäften gesäumten Straßen,
durch die Peter eilte, waren belebt. Viele Passanten beschäftigten sich
mit ‚Window Shopping‘ - sie sahen sich die Waren an, für die
sie kein Geld hatten. Hier fiel er kaum auf.
Ab und zu zeigte sich ein Polizist. Die Polizei, dein
Freund und Helfer - manchmal hatte sein Vater diesen Spruch zitiert.
Wahrscheinlich kannte er ihn von seinem Großvater. Peter überlegte,
ob er sich an sie wenden sollte, verwarf den Gedanken aber schnell.
Möglicherweise hatten die Bullen bereits eine Vermißtenmeldung der
Eppendorfer Klinik: Patient aus der forensischen Psychiatrie entflohen! Wie
sollte er ihnen dann erklären, daß er zwar entflohen, aber kein
Patient und erst recht kein Verbrecher war? Und selbst wenn sie ihm glaubten -
er konnte ihr Vertrauen nicht bezahlen. Heutzutage war jeder Beamte korrupt,
was angesichts der kläglichen Staatsgehälter auch kein Wunder war.
Eine Gefahr bedeutete die Polizei für ihn hier
nicht. Sie scherte sich nicht um einen leichtbekleideten und verdreckten jungen
Mann, sondern jagte Straßenhändler. Schier endlos war der Saum von
Plastikplanen und Strohmatten am Straßenrand, auf dem billiger Schund
aller Art ausgebreitet war. Restposten - „Jedes Teil 50 Cent“ -,
Imitate - „Echt Adidas - nur 15 Euro“ - und Hehlerware wechselten
einander ab. Aber die Logistik der fliegenden Händler funktionierte gut.
Sie spielten mit der Polizei Hase und Igel. Wenn die Kontrolle kam, waren sie
schon weg, dafür aber kurze Zeit später wieder da.
Außer Polizei, illegalen Händlern und
Windowshoppern gab es natürlich diejenigen, die hier zu Hause waren, auf
der Straße nämlich. Die meisten Obdachlosen versuchten, sich in
regengeschützte Nischen und Hauseingänge zurückzuziehen.
Allerdings gelang das nur wenigen, denn fast alle Eingänge waren durch
schwere Gitter geschützt. So begnügten sich viele mit schmalen
Dachüberständen und hofften auf Windstille, um trocken zu bleiben.
Bei dem schlechten Herbstwetter hatte der Kampf um den
Schlafplatz für die Nacht früh begonnen, und der Platz, einmal
erworben, mußte verteidigt werden. So lagen die meisten auf ihren
Zeitungen, Matten oder Decken, wärmten sich an der Flasche oder suchten
Vergessen mit Drogen und warteten auf den einzig erträglichen Zustand
für sie - den Schlaf.
Peter war überrascht, als er plötzlich
angesprochen wurde.
„Haste mal nen Euro?“
Es gab also doch noch Penner, die unterwegs waren,
anstatt Platte zu machen. Der Typ, der ihn angesprochen hatte, mußte
ziemlich daneben sein: Sah er etwa so aus, als ob er auch nur einen Cent in der
Tasche hatte?
Seine Reflexe aber waren schneller als seine Gedanken.
Gewohnheitsmäßig faßte er als Reaktion auf die Frage nach
seiner Gesäßtasche, in der der ‚normale‘ Peter Schrader
Kleingeld aufzubewahren pflegte.
Kleingeld ertasteten seine Finger nicht, wohl aber ein
dünnes, rechteckiges Viereck. Er zog die Karte aus der Hose. Ein
Monatsticket für die Commuterzüge. Halleluja! Sein Vergewaltiger
hatte seinen Fahrschein in die Hosentasche gesteckt. Jetzt wußte er, was
er am Hamburger Hauptbahnhof tun würde: einfach wegfahren!
„Haste mal nen Euro?“
Die Frage wurde wiederholt, keineswegs aggressiv,
anscheinend mit unendlicher Geduld.
Peter sah das junge Mädchen jetzt erst an. Siebzehn
vielleicht, vielleicht auch sechzehn. So alt wie Ines. Vielleicht auch genauso
hübsch. Das würde er aber erst beurteilen können, nachdem sie
sich gründlich gewaschen hatte.
Sie bemerkte, daß er sie musterte. „Wir
können auch, wenn du willst...“
Nein, er wollte nicht.
„Tut mir leid“, murmelte er. „Bin
selbst abgebrannt. Ehrlich. Hab nur das. Guck mal.“
Er zeigte ihr die Karte, aber vorsichtig, so daß
sie sie ihm nicht entreißen konnte.
Sie nickte ergeben.
„Tut mir leid“, sagte er nochmals.
Wieder nickte sie.
Peter wünschte sich, daß sie weggehen
würde, aber sie tat es nicht. Sie blieb einfach stehen.
„Ich habe wirklich...“
Sie nickte.
Er riß sich los und drehte sich abrupt um. In
einer Viertelstunde konnte er am Hauptbahnhof sein.
Er erreichte sein Ziel ohne weitere Schwierigkeiten.
29
„Erfolg!“
Wernowski stürmte ins Krankenzimmer. Er mußte
nicht mehr in die Intensivstation, um Meinhard Schrader zu sehen, sondern in
die Internistische. Schrader ging es besser, was aber keineswegs hieß,
daß er außer Gefahr war.
„Erfolg!“ Wernowski ließ die Tür
laut hinter sich zufallen und plumpste auf die Bettkante.
„Wieviel?“
Viel ging Schrader bei dieser Frage durch den Kopf. Er
dachte an die alte Holztreppe vom Erdgeschoß in den ersten Stock, die der
Restaurateur exakt nach seinen Anweisungen gestaltet hatte. An den Kachelofen
im Wohnzimmer. Er hatte dem Ofensetzer bei seiner Arbeit zugesehen. An das alte
Bett im Schlafzimmer, das der Tischler nach seinen Anweisungen jeweils um zwanzig
Zentimeter verbreitert und verlängert hatte. Vorbei. Weg damit.
Er wiederholte seine Frage: „Wieviel?“
„Siebenhunderttausend.“ Wernowski war
inzwischen zu Atem gekommen. „Ohne bewegliches Inventar.“
Das Bett also würde er behalten können.
„Reicht das?“ Schrader murmelte nur und sah,
daß Wernowski die Frage nicht verstand. Das machte aber nichts - nicht er
hatte darüber zu entscheiden.
„Ich danke dir“, sagte er laut. „Wann
habe ich das Geld?“
„Nicht gleich morgen. Zuerst müßt ihr
unterschreiben, Karen und du. Ich habe Dr. Trost für heute Nachmittag hierherbestellt. Deine Frau habe
ich angerufen, sie wird auch kommen. Und dann muß das Geld über
Notaranderkonto laufen, darum kommen wir nicht herum. Ich habe allerdings ein
bißchen daran gedreht - in drei Tagen solltest du ein stolzes
Sümmchen auf dem Konto haben.“
Und zum Ausgleich kein Zuhause mehr, schoß es
Schrader durch den Kopf. Aber er würde leben. Vermutlich jedenfalls.
„Nochmals danke. Hast du Karen gesagt, worum es
geht?“
„Nein, das ging nicht. Als ich anrief, war nur ihr
Anrufbeantworter zu Hause, und später hat sie meinem Büro nur kurz
mitgeteilt, daß sie kommen werde. Ich habe danach noch ein paarmal
versucht, sie zu erreichen, aber ohne Erfolg.“
„Scheiße. Ich hätte die Klärung
der Lage liebend gerne dir überlassen. Begeistert wird Karen nicht sein.
Da hat sie nun mich alten Knacker geheiratet, bestimmt nicht ohne
Hintergedanken. Ich mache mir da keine Illusionen - sie hat dabei auch ans Geld
gedacht. Und jetzt mache ich sie zum Aschenputtel, ohne sie vorher gefragt zu
haben. Falsches Bild - ein Prinz, der sich in sie verliebt und sie heiratet,
ist nicht in Sicht.“
Wernowski grinste. Es war das erste Mal, daß
Schrader sich in seiner Gegenwart unsachlich ausdrückte. Schien ihm alles
ziemlich an die Nieren zu gehen. Nun ja - kein Wunder. Er verkniff sich eine
Bemerkung und sagte stattdessen: „Quatsch, Meinhard. Karen liebt
dich.“
Er sagte es überzeugt und überzeugend. Er zog
den Umkehrschluß aus Karens Abwehr gegenüber seinen
Annäherungsversuchen.
Schrader glaubte ihm, weil er ihm glauben wollte, und
verdröselte nach Wernowskis Weggang entspannt die drei Stunden bis zum
angekündigten Termin. Karen sollte eine halbe Stunde eher eintreffen als
Dr. Trost, damit er ihr die Sachlage unter vier Augen erklären konnte.
Sie sollte eher eintreffen, aber sie kam nicht. Rasend
schnell verstrichen die Sekunden für Schrader. Fünfundzwanzig Minuten
war sie überfällig, als sich die Tür zu seinem Zimmer nach einem
flüchtigen Klopfen endlich öffnete. Atemlos stürmte Karen herein
und blieb vor seinem Bett stehen.
„Entschuldige, Meinhard, aber der Verkehr... Ich
habe im Stau gesteckt. Geht es dir besser?“
Sie musterte ihn. Ja, es geht ihm besser, antwortete sie
sich selbst. Zumindest waren die ekelhaften Schläuche in seiner Nase
verschwunden. Er hing nur noch am Tropf.
„Viel besser.“ Scheinbar gelassen klopfte er
einladend auf die Bettkante, aber sein wild pochendes Herz strafte ihn
Lügen.
„Setz dich. Und gib mir einen Kuß. Ich
muß dir was erklären.“
Sie nickte und kam zögernd näher. Ihre Sinne
sträubten sich gegen den Geruch von Krankheit, der von ihm ausging. Aber
sie tat, was er wollte. Sie hielt den Atem an und deutete einen Kuß auf
seine Stirn an.
„Was ist los?“
Ein leises, aber bestimmtes Klopfen an der Tür
ließ Schrader nicht zur Antwort kommen.
„Herein!“ sagte er stattdessen reflexartig.
Dr. Trost betrat das Zimmer.
„Guten Tag, Herr Schrader. Frau Schrader!“
Der alte wohlbeleibte Herr zeigte ihr in einer formvollendeten Verbeugung seine
Vollglatze. „Schön, daß Sie auch schon da sind. Dann
können wir ja gleich anfangen. Ich habe selbstverständlich alles
vorbereitet.“
„Womit anfangen?“ Das war Karen. Hysterie
schwang in ihrer Frage mit.
„Schön.“ Das war Meinhard. Nur ein
unsicheres Murmeln.
Beide äußerten sich gleichzeitig.
Irritiert sah Dr. Trost von einem zum anderen.
„Nun ja, mit der Vertragsunterzeichnung. Ich darf mich doch
setzen?“
Er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich vorsichtig
darauf, als sei er mißtrauisch, ob das Möbel seinen Pfunden auch
würde standhalten können, öffnete seine mitgebrachte Aktenmappe
und förderte einige geheftete DIN-A-4-Blätter zutage.
„Was ist das für ein Vertrag?“ Jetzt
klang Karens Stimme schrill.
Trost öffnete gerade den Mund, um ihr zu antworten,
schloß ihn aber wieder, als er Meinhard Schraders abwehrende Geste
wahrnahm.
„Karen, ich wollte dir ja vorher alles
erklären, aber du bist nicht gekommen. Ich brauche ein neues Herz.
Daß ich in absehbarer Zeit kein Einkommen haben werde, weißt du.
Also habe ich unser Haus verkauft, um es bezahlen zu können. Es gibt einen
Käufer für die Villa, und er zahlt gutes Geld. Jetzt brauchen wir
deine Unterschrift als Miteigentümerin.“ Er machte eine Pause und
rang nach Luft. „Karen, ich liebe dich, und ich brauche dich!“
Im ersten Moment war ihr nach Lachen zumute.
Natürlich brauchst du mich. Nein, nicht mich, meine Unterschrift. Wenn du
wüßtest, daß ich weiß, daß du ein neues Herz gar
nicht bezahlen kannst! Oder warst du etwa bei der Relief und hast dich nach deinem
Vertrag erkundigt, mit all deinen Versorgungsschläuchen im Körper?
Was soll das alles? Was für Illusionen machst du dir und setzt dabei ganz
selbstverständlich meine Existenz aufs Spiel? Du kannst mir doch nicht
ernsthaft erzählen, daß dir zwei gutaussehende Männer
erschienen sind und dir ein Herz zu Sonderkonditionen angeboten haben...
Ihr Gedankenfluß stoppte. Warum eigentlich nicht?
Wenn Jean und sein namenloser Kumpan sie gefunden hatten, mitten auf der Reise,
warum sollte es ihnen nicht gelungen sein, ihr Angebot auch Meinhard zu unterbreiten?
„Woher willst du ein Herz bekommen?“
Schrader wand sich. Natürlich konnte er ihr diese
Frage nicht in Gegenwart eines Notars beantworten.
„Das klären wir später. Karen, bitte
vertrau mir!“
Zunehmend unruhiger rutschte Dr. Trost auf seinem Stuhl
hin und her. Der Stuhl knackte gefährlich.
„Ich glaube, ich bin denn doch etwas zu früh
gekommen, Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich Sie jetzt allein, und wir
verabreden einen neuen Termin.“
Er schien sich völlig sicher zu sein, daß
sein Vorschlag angenommen werden würde, denn er begann seine Papiere
einzupacken und machte Anstalten aufzustehen.
„Nein, bleiben Sie!“
Karen hatte sich gefaßt. In ihr war eine
destruktive Wut, die sie völlig kalt werden ließ. Sie wandte sich
ausschließlich an den Notar.
„Nein, bleiben Sie bitte. Herzlich willkommen zum
Showdown. Ich habe diesen Mann“ - sie zeigte auf Schrader -
„letztlich wegen seines Geldes geheiratet. Ich habe dafür viel
ertragen, das muß ich hier und jetzt nicht erklären. Er hat seinen
Job verloren - das kann passieren. Ich wollte trotzdem zu ihm halten. Aber
jetzt erpreßt er mich. Er hat das Letzte verkauft, was wir hatten. Ohne
mich zu fragen. Aber er weiß, daß ich meine Zustimmung nicht
verweigern kann, denn das wäre sein Todesurteil. Er soll meine Unterschrift
haben. Aber das ist auch alles, was er noch von mir bekommt.“
Zu ihrer Überraschung war sie erleichtert. Sie
wußte, daß dieses Gefühl verfliegen würde und daß
sie dann Glenfiddich, Chablis und anderes brauchen würde, um über die
Runden zu kommen. Aber im Augenblick fand sie, daß Freiheit ohne Meinhard
Schrader und sein Geld besser war als die Alternative als Ehefrau. Sie
fühlte sich jung und unternehmungslustig.
„Also geben Sie Ihren Vertrag schon her“,
sagte sie fast heiter.
Sie überflog das Dokument und entdeckte die
Verkaufssumme. Nicht genug für Relief. Also tatsächlich die Mafia.
Sie wünschte Schrader aufrichtig, daß auch diese Organisation
ordentliche Arbeit leistete.
„Haben Sie einen Stift?“
Sie unterschrieb, gab die Papiere an den Anwalt
zurück und verließ das Zimmer, ohne Meinhard Schrader noch einen
Blick zuzuwerfen.
Der Kranke klingelte nach der Schwester, die sofort km.
Er brauchte ihr nicht zu sagen, daß es ihm nicht gutging. Sofort holte
sie den behandelnden Arzt.
Schrader biß die Lippen zuammen und befahl sich
durchzuhalten.
Karen war fort. Aber es gab da noch Peter.
30
Als die Stunde vor Sonnenaufgang nahte und es
draußen und auch im Haus endlich kühler wurde, schlief John
schließlich ein. Gesa bewachte seine immer noch rasselnden Atemzüge,
die zu ihrer Beruhigung allmählich regelmäßiger und langsamer
wurden. Wahrscheinlich hätte sie jetzt auch ins Bett gehen können,
aber dazu fühlte sie sich viel zu unruhig.
Sie löschte die Lampe an dem breiten Bett, das sie
nun schon seit mehr als 25 Jahren mit John teilte, öffnete die
zweiflügelige Schiebetür
zum Wohnzimmer und setzte sich in den großgeblümten Sessel direkt
neben der Tür. Hier würde sie jede Regung Johns registrieren
können.
Neben dem Sessel stand ein Beistelltischchen, beladen mit
Zeitschriften und einem dicken Buch. The Holy Bible. Zögernd sah sie das
Buch an. Sie hatte es lange nicht mehr in der Hand gehabt. Aber vielleicht war
jetzt die richtige Zeit dafür. Sie griff zu und fühlte das Gewicht
der Heiligen Schrift schwer in ihrer Hand.
„Herr, hilf mir!“ sagte sie. Sie
schloß die Augen und ließ ihre Finger eine Stelle finden, um die
Bibel zu öffnen. Das war ein Spiel aus längst vergessen geglaubten
frommen Kindertagen: Gottes Wort als Orakel. Die aufgeschlagene Seite, der
Vers, auf den sich der Finger bei geschlossenen Augen legte, würde ihr
ganz persönlich die Wahrheit sagen.
Sie gestand sich nicht ein, daß sie das Spiel
manipulierte. Selbstverständlich schlug sie die Heilige Schrift im letzten
Zehntel auf, aber auch nicht zu weit hinten. Sie wußte, wo sie am ehesten
Tröstung finden würde. Aber auch angesichts dieses Wissens war das
Spiel noch gefährlich genug, auch die Frohe Botschaft war voll von
Drohungen der Verdammnis.
„Herr, ich vertraue auf Dich!“ Nach dem
Stoßgebet öffnete sie die Augen, wagte aber zunächst nicht, den
Blick auf das Buch zu senken. Sie schaute John an und sah, daß er
schlief. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Das
mußte ein gutes Omen sein! Sie las: „Kommt her zu mir alle, die ihr
mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“
„Herr, ich danke Dir!“ In ihr jubelte es.
Alles würde gut werden. Doch sie spürte, daß sie es nicht mit
dem Heilsspruch bewenden lassen durfte. Gott war voller Gnade, aber er war auch
ein eifersüchtiger Gott. Er wollte angebetet werden.
Andächtig legte sie die Heilige Schrift zur Seite
und faltete die Hände. Sie würde Gott danken. Und er würde
dankbar sein für ihre Gebete. Alles würde gut werden.
Als John aufwachte, stand die Sonne schon hoch am
Himmel. Gesa saß im Sessel und schnarchte leise vor sich hin. Sie sah
glücklich aus.
John fühlte sich erstaunlich frisch und ausgeruht.
Mit einem Anflug von seltener Zärtlichkeit musterte er seine Frau.
Taufrisch war sie gerade nicht mehr, sein altes Mädchen. Ohne ihr
Morgenmake-up, das sie stets sorgfältig und unter Ausschluß der
Öffentlichkeit zelebrierte, triumphierten die Falten. Er wußte,
daß es um sein Gesicht nicht anders bestellt war - mit oder ohne Make-up.
Früher hatte er ein wenig einem leicht zerknautschten Boxerwelpen
geähnelt, jetzt glich er eher einem grimmigen Bullenbeißer.
Trotz der kritischen Bestandsaufnahme fühlte er
sich leicht und jung. Leise schlug er die Bettdecke zur Seite und schwang die
Beine aus dem Bett. Barfuß tappte er an Gesa vorbei in die Küche. Er
würde sie mit einem ordentlichen Frühstück überraschen. Sie
hatte es mehr als verdient.
„John!“ Gesa blinzelte voller Unglauben auf
die Küchenbar, die in vollem Sonnenschein lag. Kaffee dampfte in der
Glaskanne, und neben jedem Gedeck stand ein großes Glas mit frisch
gepreßtem Grapefruitsaft. Es duftete nach Toast, und in einer Pfanne auf
dem Herd brutzelten Rühreier.
„Guten Morgen, Lady!“ Die Falten in Johns
Gesicht suchten sich jene Lage, die Gesa als Lächeln kannte. „Das
Frühstück ist fertig!“
Unglauben und Erleichterung kämpften in ihr. War
das der Mann, der noch vor wenigen Stunden mit dem Tod gerungen hatte? Nein,
das war ihr alter John, und doch nicht - er hatte noch nie für sie
Frühstück gemacht. Gott der Allmächtige mußte wahrhaft ein
Wunder vollbracht haben. Ein
perfektes Wunder. Geschirr, Gläser, Besteck - alles lag an der Stelle, die
ihrer Meinung nach die allein richtige war.
„Setz dich doch“, sagte John. „Du hast
es verdient, auch mal verwöhnt zu werden, nach all den Sorgen, die du mit
mir hattest. Mir geht es blendend. Und falls du schimpfen möchtest: Der
Kaffee ist selbstverständlich ohne Koffein.“
Und dann servierte er Toast und Eier, als hätte er
Zeit seines Lebens nichts anderes gemacht.
Nach dem Frühstück wollte Gesa ihn davon
abhalten, ins Geschäft zu fahren, aber er wehrte ab. Schon lange habe er sich nicht besser
gefühlt als heute, wandte er ein, und sie wußte, daß es die
Wahrheit war. Nun gut, so sollte er gehen. Sie hatte nur Sorge, daß der
geschäftliche Mißerfolg, mit dem er ohne Zweifel konfrontiert werden
würde, seinen Zustand wieder verschlechterte. Aber davon sagte sie
selbstverständlich nichts.
Gesas Angst war unbegründet. Zwar schimpfte John
mit seinem Geschäftsführer, nachdem er dreißig Minuten lang die
magere Bilanz der letzten Tage überprüft hatte, aber er schimpfte pro
forma. Er wußte aus jahrzehntelanger Erfahrung, daß Pahrump kein
Dorado war.
„Herr, erbarme dich!“ seufzte er, nachdem er
den Mann entlassen hatte, und widmete sich der Zeitungslektüre.
Der Herr war heute wahrhaft gnädig - nicht nur
Gesa, auch John erlebte ein Wunder.
Kurz vor Mittag betrat ein junger Mann energisch das
Büro. Er hatte kurz angeklopft, ein „Herein“ aber nicht
abgewartet.
„Mr. Pupfish?“ fragte er kurz.
John nickte, und sein Besucher ließ sich unaufgefordert
in einem Sessel nieder.
„Gut. Ich wollte mit Ihnen persönlich
sprechen. Es geht um eine ziemlich große Sache. Sun City ist Ihnen
selbstverständlich ein Begriff: die Rentnerstadt am Rand von Phoenix,
Arizona. Insgesamt eine ziemlich luxuriöse Anlage - die alten Herrschaften
bezahlen viel Geld für eine großzügig angelegte bewachte
Wohnsiedlung mit dem Krankenhaus für den Notfall gleich nebenan. Viele
Senioren möchten so leben in einem Klima, in dem es keinen Winter gibt,
aber sie haben nicht das Geld dafür. Für diese Klientel habe ich ein
Programm entwickelt: Weniger luxuriöses Wohnen, nämlich in
Mobilhomes, aber ebenso gut bewacht. Das Krankenhaus ist auch gleich nebenan.
Das alles wird fünf Meilen südlich von Las Vegas liegen. Was halten
Sie davon?“
Als Privatmann hielt John Pupfish davon gar nichts. Eine
Gesellschaft, die Städte für Greise baute, anstatt Familien
füreinander sorgen zu lassen, war zum Untergang verurteilt, davon war er
fest überzeugt. Als Geschäftsmann war er dagegen begeistert.
„Sie sind also an einigen Mobilhomes
interessiert?“ fragte er. Tatsächlich gelang es ihm,
gleichgültig zu erscheinen. Sein Besucher registrierte es mit einem
Schmunzeln.
„An einigen Hundert“, sagte er leichthin,
ohne die Korrektur allzu sehr herauszustreichen. „Und wir würden es
vorziehen, nur mit einem Geschäftspartner zu verhandeln. Wir haben Sie in
die engere Wahl gezogen. Machen Sie uns ein Angebot. Sagen wir, für
vierhundert Heime. Je zur Hälfte zwei und drei Zimmer. Alles in allem
innerhalb von achtzehn Monaten, Lieferung natürlich sukzessive. Falls wir
Ihr Angebot akzeptieren, erhalten Sie 50 % der Vertragssumme bei Beginn, den
Rest am Ende des vereinbarten Zeitraums.“
Es kostete John große Mühe, nicht völlig
überrumpelt zu erscheinen, aber er schaffte es.
„Vierhundert?“ fragte er scheinbar
leichthin. „Jeweils zwei und drei Zimmer? Lassen Sie mich sehen...“
John machte sich an seinem Computer zu schaffen, dessen
Monitor nichts zeigte außer einer
nach vielen Versuchen verloren gegebenen Partie Solitaire, aber das
entzog sich zum Glück den Blicken seines Besuchers.
„Hm...innerhalb von achtzehn Monaten? Das
könnte eng werden...“ Wahllos schob er mit der Maus ein paar Karten
hin und her und war völlig überrascht, als das Programm einen
Jubellaut ertönen ließ - er hatte das Spiel gewonnen.
„Wie schön“, sagte er
geistesgegenwärtig. „Ich sehe gerade, daß es theoretisch
möglich wäre, obwohl wir ziemlich ausgelastet sind. Ich werde Ihnen
ein Angebot machen - sagen wir, innerhalb von fünf Tagen?“
Der junge Mann nickte.
„Gut. Ich lasse dann von mir hören.“
Er machte Anstalten aufzustehen. John versuchte
vergeblich, ihn zu halten. Nein, er wollte keine Prospekte sehen, keine
Grundrisse studieren. Er behauptete, alles über Pupfishs Bauten zu wissen.
Und natürlich war kein Sterbenswörtchen über Konkurrenten aus
ihm herauszulocken. Er ging einfach und sagte nochmals: „Ich lasse dann
von mir hören.“
Erst als er weg war und John sich daran machte, den
ersten wirklichen Großauftrag seines Lebens zu kalkulieren, fiel ihm auf,
daß er nichts von dem jungen Mann wußte, noch nicht einmal seinen
Namen. Aber das störte ihn nur eine Sekunde lang. Vermutlich war das so
bei großen Geschäften - er hatte da zu wenig Erfahrung. Jedenfalls
ging es ihm jetzt blendend, aber er wußte, wie schnell sich das
ändern konnte. Wenn dieser Auftrag klappte, dann...dann konnte er sein
neues Herz von Relief beziehen, dann würde er nicht mehr auf dubiose
telefonische Angebote der
Mafia angewiesen sein. Nur noch ein paar Tage
durchhalten...
Der junge Mann, der seinen richtigen und auch seinen
für den Notfall bereitgehaltenen falschen Namen verschwiegen hatte, setzte
sich zufrieden lächelnd in seinen Jeep Cherokee und gab Gas. Er steuerte
nach Las Vegas. Er hatte dort kein Land, weder für eine Seniorensiedlung
noch für sonst etwas. Aber dort wartete sein Boss. Er würde ihm
berichten können, daß der Empfänger sich in guter Verfassung
befand. Die Mafia gab sich nie damit zufrieden, ihre Vertragspartner nur
telefonisch zu kontaktieren.
31
Obwohl er schnell gelaufen war, war Peter bis auf die
Knochen durchgefroren, als er den Hamburger Hauptbahnhof erreichte. Inzwischen
war es völlig dunkel geworden. Ein kalter Nieselregen fiel aus der
Schwärze über ihm, ein böiger Wind fauchte durch die
Straßen. Dagegen bot seine dünne Kleidung keinen Schutz.
Noch nie in seinem Leben hatte Peter ernsthaft versucht,
in die schlechte Seite eines Bahnhofs zu gelangen. Er wußte deshalb
nicht, was ihn erwartete, aber er vertraute auf die Karte in seiner
Hosentasche. Vermutlich würde sie als Sesam-öffne-dich funktionieren.
Hoffentlich.
Er täuschte sich nicht. Hier gab es weniger
Eingänge als an der guten Bahnhofsseite, und deshalb hatten sich
Warteschlangen gebildet. Aber das Prinzip war dasselbe: Jeder steckte seine
Karte in den Schlitz neben der Tür. Nach wenigen Sekunden wurde die Karte
wieder ausgespuckt, und die Tür öffnete sich gerade so lange,
daß ihr Besitzer hindurchschlüpfen konnte. Danach begann die
Prozedur von neuem.
Langsam rückte die Schlange vor. Ungeduldig trat Peter
von einem Fuß auf den anderen. Jetzt, zum Stehen verurteilt, spürte
er die Kälte mehr denn je. Nur noch eine Frau war vor ihm - gleich
würde er im Warmen sein.
Die Schultern des schäbigen Mantels vor ihm waren
mit kleinen grauen Flecken gesprenkelt. Schuppen, dachte Peter angeekelt. Die
Haare darüber waren grau, strähnig und schütter. Das Gesicht
konnte er nicht sehen. Nur die Hand, die die Karte in den Schlitz schob. Die
Hand zitterte.
Die Karte verschwand. Peter zählte die Sekunden.
Inzwischen kannte er den Takt. Jetzt mußte sie wieder herauskommen.
Jetzt. Nichts geschah. Aber jetzt war es endgültig Zeit.
Die Karte erschien nicht. Stattdessen leuchtete ein
Display auf. „Ihre Karte ist ungültig und wurde vernichtet. Bitte
erwerben Sie einen neuen Fahrausweis.“
Die Frau heulte auf und trommelte mit ihren Fäusten
in ohnmächtiger Wut gegen das Glas des Monitors. „Ihr Schweine, gebt
mir meine Karte wieder! Ich muß zu meiner Tochter! Sie braucht mich! Ich
habe doch kein Geld! Habt doch Erbarmen!“
Die Schrift auf dem Display blinkte dreimal und
verwandelte sich dann. „Der Nächste“ sagte sie jetzt.
Die Frau rührte sich nicht von der Stelle, und
Peter wagte nicht, sie anzusprechen. Scheu vor fremdem Elend und Angst
beherrschten ihn. Was sollte er machen, wenn auch seine Karte ungültig
wäre?
Der Mann hinter ihm rempelte ihn an, griff an ihm vorbei
und faßte die Frau vor Peter grob am Arm. „Nun verschwinde
endlich!“ raunzte er. „Ich habe nämlich eine gültige
Fahrkarte und will nach Hause. Und der junge Mann vor mir vermutlich
auch.“
Peter drehte sich nicht um. Er sah starr nach vorn, auf
die Frau, die dem Befehl gehorchte und aus seinem Gesichtskreis verschwand. Als
sie weg war, blieb der Schlitz. „Der Nächste“ sagte die
Schrift über ihm. Er steckte die Karte des Pflegers hinein. Und
zählte.
Im vorschriftsmäßigen Takt wurde die Karte
wieder ausgespuckt, und beinahe gleichzeitig öffnete sich die Tür.
Gerade noch konnte Peter hindurchschlüpfen, bevor sich die Pforte
schmatzend wieder schloß.
Die Erleichterung, die er verspürte, tröstete
ihn darüber hinweg, daß eine seiner Hoffnungen nicht in
Erfüllung gegangen war: Warm war es hier nicht. Überhaupt erinnerte
nur eine Installation ihn an die Bahnhofshallen, die er kannte: Eine große
Tafel zeigte eine Übersicht über Ankünfte und Abfahrten von
Zügen und eventuelle Veränderungen gegenüber dem
ursprünglichen Fahrplan. Er suchte Abfahrten.
Der Zug nach Scheeßel war gerade weg, der
nächste ging in drei Stunden. Zu lange. Außerdem wurde ihm klar,
daß er nicht nach Scheeßel wollte. Er würde dort zu vielen
pädagogischen Arschlöchern Dinge erklären müssen, die sie
nicht verstehen konnten. Er würde nach Hannover fahren. Sein Vater war
zwar auch ein Arschloch und heiratete dauernd die falschen Frauen, aber Peter
hatte noch nie erlebt, daß er mit einer Situation nicht fertig wurde. Er
würde wissen, wie man mit Jan und der forensischen Psychiatrie verfahren
mußte.
Hannover - 19.45 Uhr. Noch fünfzehn Minuten. Das
klang gut. Gleis acht. Zeit, sich auf den Weg zu machen, den die Piktogramme
wiesen. Die Piktogramme waren hoch oben angebracht. Das war gut so. Wenn man
sich nur auf sie konzentrierte, mußte man nicht nach unten sehen,
mußte keine Menschen sehen. Peter konzentrierte sich auf die Piktogramme.
Gleis acht. Keine Rolltreppe, kein Lift führte
hinauf. Damit hatte er hier auch nicht gerechnet. Aber die Treppe war
vergittert. Eine schmale Tür war in das Gitter eingelassen. In der Wand
daneben ein Schlitz. Die Schrift über ihm sagte: „Bitte Karte
einführen“.
Peter tat, was die Schrift verlangte. Er erhielt die
Antwort, die er befürchtet hatte: „Ihre Karte ist hier
ungültig“.
Offenbar war die Karte, die er gefunden hatte, nur
für eine bestimmte Commuterverbindung gültig. Aber für welche?
Hier half nur Trial and error. Peter ging zu Gleis neun und danach immer weiter
bis zu Gleis zweiundzwanzig. Jedesmal sagte ihm die Schrift dasselbe:
„Ihre Karte ist hier ungültig“. Danach versuchte er es bei
Gleis sieben. Ohne Erfolg. Die Pforte zu Gleis drei öffnete sich schließlich.
Höflich war sie auch. Die Schrift teilte ihm mit: „Ihr Zug nach
Soltau geht fahrplanmäßig in einer Stunde und dreiundvierzig
Minuten.“
Bis dahin würde er vermutlich erfroren sein. Und:
Was sollte er in Soltau?
Als kleines Kind hatte er in der Schule noch
aufgepaßt, und deshalb fiel ihm nach einer Weile ein, daß Soltau
besser war als gar nichts. Immerhin lag die Stadt auf halber Strecke nach
Hannover. Irgendwie würde er von dort aus schon weiterkommen. So einen
komfortablen Lift wie den von Scheeßel nach Hamburg würde er zwar bestimmt
nicht erwischen, dazu sah er viel zu abgerissen und schmutzig aus. Wenn er nur
Meinhard erreichen könnte!
Zum vierten Mal durchwühlte er die Taschen seiner
Hose und steckte zum vierten Mal angeekelt das gebrauchte Taschentuch
zurück, das neben der Plastikkarte alles war, was sie enthielt. Keine
Münzen. Er konnte noch nicht einmal ein R-Gespräch führen.
Für solche Verbindungen hatte die Telekom seit kurzem eine Codenummer
eingeführt, um sich gegen zunehmenden Mißbrauch abzusichern.
Selbstverständlich hatte er eine solche Nummer, aber die stand auf seiner
eigenen Plastikkarte, und die war futsch.
Moment mal - vielleicht gab es eine solche Nummer ja
auch auf der Karte des Pflegers? Mit kältesteifen Fingern zerrte er das
Stück Plastik hervor. Im Prinzip sah es ähnlich aus wie sein eigener
Ausweis: Unten in der Mitte war das T-Zeichen eingeprägt, und darunter
fand er eine Zahlenkombination. Es gab allerdings eine geringfügige
Abweichung: „maximale Reichweite 100 km“ stand da zusätzlich
in Klammern.
Hamburg - Hannover: Das waren etwa 160 Kilometer. Soltau
- Hannover etwa die Hälfte. Es sollte reichen. Er würde sich
allerdings noch ein wenig gedulden müssen.
Peter versorgte die Karte so tief wie möglich und versuchte, einen
windgeschützten Platz auf dem zugigen Bahnsteig zu finden. Obwohl er nach
wie vor fror, hatte er das Gefühl, es sei ein wenig wärmer geworden.
Er sah wieder eine Chance.
32
Vom Highway 50 wird behauptet, er sei der einsamste der
Welt, und er ist es in der Regel vielleicht wirklich, aber mitunter gibt es
Ausnahmen. Im Monitor Valley, auf halber Strecke zwischen Austin und Eureka,
beides Nevada, hatte der Sheriff
von Eureka County alle seine Kräfte versammelt. Auch die Feuerwehr
war mit Krankenwagen und Notarzt vor Ort. Ungefähr 50 Männer und zehn
Frauen gaben sich geschäftig, aber eigentlich hatten sie wenig zu tun. Sie
konnten nur eine Bestandsaufnahme machen.
Das kleine Cabrio lag auf dem Dach, einige Meter von der
Straße entfernt. In der Richtung, aus der es gekommen sein mußte,
ragten noch immer Stahlspitzen aus dem Asphalt, unauffällig grau, kaum vom
Belag zu unterscheiden. Die perfekte Straßenfalle. Das Auto mußte
mit hoher Geschwindigkeit hineingerast sein, die Reifen waren geplatzt, und die
Fahrerin hatte die Gewalt über ihr Fahrzeug verloren. Es war eine Frau
gewesen, die den Wagen gelenkt hatte, das wußten sie inzwischen, auch
wenn nur wenig von ihr übrig war. Die verkohlten Überreste der Leiche
lagen neben dem Auto.
Sie lagen nicht so, wie sie hätten liegen sollen,
wenn die Frau aufgrund einer Explosion bei dem Unfall herausgeschleudert worden
wäre. Die Knochen waren fein säuberlich sortiert: Unterhalb des
Schädels waren die Rippen arrangiert, dann folgte ein perfekter Kreis aus
Wirbeln, und darunter lag ein wirrer Haufen aus Knochen aller
Extremitäten. Das künstlerische Arrangement qualmte nicht mehr, roch
aber noch.
Sheriff Quayle hatte schon so viel in dieser Preislage
gesehen, daß er nicht einmal mehr kotzen konnte.
„Das übliche?“ fragte er den Coroner.
Die Frage war rein rhetorisch. Er bekam die
Bestätigung, die er erwartete.
„Das übliche. Straßenfalle und
Kannibalismus. Anschließend Verbrennen der Überbleibsel. Diesmal
müssen sie viel Hunger gehabt haben - an den Knochen kann ich noch nicht
einmal Reste von Fleisch erkennen. Selbst die Innereien sind
verschwunden.“
Jetzt war Quayle doch froh, daß er noch nicht
gefrühstückt hatte.
„Wann war das?“ wollte er wissen.
Der Coroner zuckte die Schultern. „Schwer zu
sagen. Die Asche ist noch warm. Drei,vier, höchstens fünf
Stunden.“
„Jedenfalls zu lange“, stellte der Sheriff
deprimiert fest. „Sie sind
wie immer über alle Berge.“
Er verzichtete darauf, sich von seinem Deputy eine
Zusammenfassung der bisherigen Untersuchungsergebnisse geben zu lassen. Er
wußte, was er sehen würde, wenn er hinter die Felsen schaute, die
nur wenig entfernt wahllos in der Wüste verstreut waren.
Er ging auf die Steinbrocken zu und fand, was er
erwartet hatte. Reifenspuren. Zwei oder drei Autos hatten hier geparkt,
unsichtbar von der Straße aus. Geländegängige Fahrzeuge,
schloß er aus dem Reifenstand. Aber das war auch alles, was er
schließen konnte. Die Reifen waren so abgefahren, daß nicht mehr
auch nur die Spur eines Profils zu erkennen war.
Quayle seufzte und trat den Rückzug an. Hier war
nichts mehr zu tun. In seinem Büro würde er einen Bericht über
den Vorfall schreiben, der in der Ablage zahlreicher Computer nutzlosen
Elektronikmüll darstellen würde. Wollte er eine Suche nach Fahrern
von Autos mit Vierradantrieb und gänzlich abgefahrenen Reifen starten, müßte
er 90 Prozent der Bürger der Vereinigten Staaten überprüfen.
Alles, was er tun konnte, war, die Identität der Leiche festzustellen. Der
Schädel war intakt - merkwürdig eigentlich. Normalerweise pflegten
die Kannibalen Kleinholz aus ihren Opfern zu machen. Aber so würde eine
Gebißidentifikation möglich sein. Wenn sie keine arme Frau war - und
arme Frauen fahren nun mal keine Cabrios -, dann war sie bestimmt schon mal
beim Zahnarzt gewesen. Aber das war‘s dann wohl.
Der Sheriff öffnete die Tür seines Autos und
griff zum Mikro. Er wollte zum Rückzug blasen. Als er sah, daß der
Deputy auf ihn zueilte, ließ er die schon gedrückte
Lautsprechertaste wieder los.
„Was ist?“
„Sheriff, wir haben Fingerabdrücke am Auto
gefunden.“
Der Daumen drückte wieder die Taste.
„Na und?“ fragte Quayle.
„Fingerabdrücke von diesen Schweinen haben wir wie Sand am
Meer.“
Seine Stimme hallte über den Platz.
„Diesmal sind es richtige Schweine. Sie sind in
der Kartei. Die Mafia!“
Der Sheriff nahm sich nicht die Zeit, schamrot zu werden.
Plötzlich fühlte er sich blendend. Er hatte sogar Hunger, Appetit auf
ein großes amerikanisches Frühstück. Am liebsten ein Denver
Omelett.
Er nickte dem Deputy zu.
„Gut gemacht!“ sagte er. „Die kriegen
wir.“
Dynamisch schwang er sich auf den Fahrersitz und fuhr
mit quietschenden Reifen und gellender Sirene über den völlig leeren
Highway davon, Richtung Eureka.
33
„Und warum erfahre ich das erst jetzt?“ Die
Stimme zischte.
Zwei Stunden nach der Vertragsunterzeichnung hatte
Schrader sich erholt und zum Telefon gegriffen. Er bemühte sich um
Beherrschung; er wußte, daß er sich schonen mußte. Er durfte
sich nicht aufregen. Er regte sich aber auf. Ein wütender Stier, der am
Beginn einer Corrida merkte, wie alle Feinde sich gegen ihn verbündeten,
hätte nicht zorniger sein können.
„Warum erfahre ich das erst jetzt?“
„Ich bin Peters Deutschlehrerin“, sagte die
Stimme am anderen Ende der Leitung.
Als ob das irgend etwas erklärte.
„Ja, und?“ Schrader grub seine
Fingernägel in die Handflächen, um wenigstens ein bißchen
Aggression abzuleiten.
„Peter...Peter war ein wenig schwierig in der
letzten Zeit. Ich habe mit ihm geredet. Ich hatte den Eindruck, daß er
Ruhe brauchte. Zum Nachdenken, verstehen Sie. Daß er allein sein wollte.
Deshalb...deshalb habe ich mir zunächst keine Gedanken gemacht, als er
verschwunden ist. Junge Leute brauchen manchmal Freiräume, verstehen
Sie...“
„Verstehen Sie, verstehen Sie!“ höhnte
Schrader. „Ich verstehe,
daß mein Sohn Ihnen durchgebrannt ist. Ich verstehe, daß er
verschwunden ist. Und ich verstehe, daß Sie mich nicht benachrichtigt
haben.“
„Herr Schrader, als Peter am Morgen nach seiner
Flucht noch nicht wieder da war, haben wir selbstverständlich bei Ihnen zu
Hause angerufen. Ihre Frau weiß Bescheid. Sie hat uns ausdrücklich
gebeten, uns nicht an Sie zu wenden, weil Sie einen schweren Herzanfall
erlitten haben.“
Pause.
Dann zögernd: „Das ist jetzt zwei Tage her.
Es tut mir leid. Ich war fest davon überzeugt, daß Ihre Frau Sie
inzwischen informiert hat.“
Kalter Haß ballte sich in Schrader zusammen. Aber
der richtete sich nicht mehr gegen diese Lehrerin, mit der er gerade sprach. Er
hielt nichts von Lehrern, aber er glaubte ihnen, daß sie meistens das
Beste wollten, obwohl sie meistens das Falsche taten. Er haßte Karen. Sie
hatte ihm nichts gesagt. Achtundvierzig wertvolle Stunden waren verloren.
„Haben Sie die Polizei benachrichtigt?“
„Selbstverständlich. Die Fahndung läuft.
Eine Frau hat sich gemeldet, die einen jungen Mann von Scheeßel nach
Hamburg-Ottensen mitgenommen hat. Vermutlich war es Peter. Er hat ihr
erzählt, daß er in Altona eine Tante besuchen wolle. Sie hat ihn
abgesetzt, und danach gibt es keine Spur mehr.“
Schrader schwieg. Er kannte Hamburg gut - nicht nur von
den exklusiven Shoppingausflügen mit seinen Frauen. Früher hatte er
dort häufig das getan, was man altmodisch ‚die Hörner
abstoßen‘ nannte. Er wußte, was diese Stadt alles zu bieten
hatte.
„Was...?“ Schrader kämpfte mit
ungewohnter Hilflosigkeit.
„Was soll ich tun?“
Er konnte seine Gesprächspartnerin nicht sehen,
aber er spürte ihr hilfloses Schulterzucken.
„Herr Schrader, Ihr Sohn ist ein ziemlich
erwachsener junger Mann. Soweit ich weiß, kennt er Hamburg. Er hat seine
Kreditkarte mitgenommen. Er wird sich bestimmt durchschlagen. Er will eben nur
eine Weile seine Ruhe haben.“
Schrader wußte, daß sie ihn zu trösten
versuchte. Aber er wollte ihr glauben. Bestimmt ging es Peter gut. Sicher. Er
wollte nur eine Weile seine Ruhe haben.
„Ich danke Ihnen“, sagte er mühsam.
„Bitte entschuldigen Sie. Sie halten mich auf dem Laufenden?“
„Natürlich. Sobald ich etwas Neues
weiß, rufe ich Sie an. Aber wahrscheinlich meldet Peter sich vorher bei
Ihnen.“
Schrader
legte den Hörer auf und starrte das Telefon an, als könnte er es
hypnotisieren.
Was habe ich bloß falsch gemacht? fragte er sich.
Es war ihm nicht bewußt, daß er sich diese
Frage zum ersten Mal in seinem Leben stellte.
34
Harry hatte schlecht geschlafen. Nach der Flasche
Champagner hatte er Unternehmungslust verspürt und war ins Casino
gegangen. Ein teuer Entschluß. Ob er es mit Blackjack oder Roulette
versuchte - etwas anderes spielte er prinzipiell nicht - eine Pechsträne
folgte der anderen. Immerhin, sagte er sich säuerlich, blieb das Geld ja
in der Familie. Trotzdem wälzte er sich danach ärgerlich im Bett
herum. Die meiste Zeit konnte er nicht schlafen, und wenn er doch
wegdämmerte, quälte ihn ein Alptraum, der sich einfach nicht
verscheuchen ließ und wie ein Fortsetzungsroman immer weiterging. Riesige
dunkle Gestalten versuchten, ihm sein Herz aus der Brust zu operieren, und
fuchtelten dabei mit Messern von der Größe eines Samurai-Schwertes.
Zum Frühstück bestellte er deshalb nur
Tomatensaft, Eier im Glas und vier Aspirin. Eine appetitliche Blonde in knapper
Bekleidung servierte ihm zusammen mit seiner Bestellung auch die Zeitung.
Nur eine hatte überlebt. Überregionale
anspruchsvolle Blätter wie die Washington Post, die New York Times oder
der San Francisco Cronicle waren
ebenso verschwunden wie die früher existierenden Lokalblätter. Den
einen fehlte das Leserpublikum, den anderen Berichtenswertes. Es gab seit
langem keine Wohltätigkeitsbasare oder Baseballspiele mehr. Kaum noch jemand hatte etwas
übrig, das er bereit war zu geben, und Massenveranstaltungen waren aus
Sicherheitsgründen verboten. Niemand wollte eine Analyse der
gesellschaftlichen Verhältnisse oder einen Bericht über die
Entwicklung multilateraler Beziehungen lesen - wer sich früher dafür
interessiert hatte, war heute in der Regel damit ausgelastet, sich um die
Nahrungsbeschaffung für den nächsten Tag zu kümmern. Die
Berichterstattung über spektakuläre Verbrechen, die die Auflagen eine
Zeitlang gesteigert hatte, führte mittelfristig zu sinkendem
Leserinteresse. Zum einen war selbst in diesem Bereich eine Steigerung der
Scheußlichkeiten nicht mehr möglich, zum anderen wollten die
Menschen zunehmend weniger wissen, wie die Welt um sie herum wirklich
beschaffen war.
Harry hielt also „USA Today“ in der Hand.
Der Name war geblieben, obwohl das Blatt sich gewandelt hatte. Zum einen war
natürlich die Auflage geschrumpft. Nicht, weil viele Menschen weniger Geld
zur Verfügung hatten - dem hatte der Verlag durch eine deutliche Senkung
des Verkaufspreises Rechnung getragen. Nicht Profit war das Ziel, auch nicht
Information, sondern Meinungsbildung. Trotzdem wurden weniger Exemplare
gedruckt als früher. Denn die USA waren kleiner geworden, und viele
Staaten, die sich von der Union trennten, verboten das Blatt.
Zum anderen waren alle kritischen Töne aus der
Zeitung verschwunden. Noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts
veröffentlichte sie zum Beispiel regelmäßig zu strittigen
Themen kontroverse Kommentare, damit die Leser Argumente gegeneinander
abwägen konnten. Dergleichen war heute selbstverständlich eliminiert.
„USA Today - an independent Newspaper.“
Harry grinste, als er den Untertitel las. Er wußte, wer diese Zeitung
finanzierte. Letztlich waren das alle wichtigen Wirtschaftsunternehmen der USA.
Also auch die kleine, bescheidene Organisation, der er selbst angehörte.
„USA Today“ war schnell und aktuell. Kein
Wunder: Die Journalisten wußten im Zweifelsfall auch, was sie über
ein Ereignis schreiben sollten, bevor es stattfand.
Die Zeitungslektüre beruhigte, weil sie eine
Botschaft transportierte. Sie sang unverdrossen das Loblied auf den american way
of life, die Hymne auf America, the beautiful, GOD‘s own country. Und
weil Amerika Gottes eigenes, sein ureigenstes Land ist, ist alles, was Amerika
macht, also das, was die amerikanische Wirtschaft macht, Gottes reinster,
ureigenster Wille.
Harry trank Tomatensaft und Aspirin und begann danach
seine Zeitungslektüre wie immer links unten auf der ersten Seite. Die
Grafik, die dort regelmäßig plaziert war, gab heute Aufschluß
über den Prozentsatz der Besucher sonntäglicher Gottesdienste. Harry
erfuhr, daß 95% der Katholiken, 99 % der Heiligen der letzten Tage und
immerhin noch 65 % der Lutheraner regelmäßig in die Kirche gingen.
Er grinste. Die Statistiker, die dergleichen behaupteten, mußten Vegas
vergessen haben. Hier gab es, das wußte er definitiv, zwar viele
Heiratskapellen, aber keine einzige reguläre Kirche. Aber natürlich
ging es nicht um Statistik, sondern darum, ein bestimmtes Verhalten zu
fördern.
Er ließ seine Augen zur Schlagzeile gleiten und
seufzte unwillkürlich. Heute beruhigte die Headline keineswegs, und das
war auch kaum anders möglich.
„Autos verboten!“
In fetten Lettern.
Darunter, kaum weniger groß:
„Welcher Bus wird unsere Kinder morgen noch zur
Schule bringen?“
Das gute alte Schulbussystem. Früher hatte es wohl
einmal funktioniert, hatte dazu beigetragen, daß auch Kinder aus
abgelegenen Gegenden die Schule erreichen konnten, die sie besuchen wollten.
Oder von denen ihre Eltern wollten, daß sie sie besuchten. Heutzutage
waren vermutlich 70 % aller Kinder Analphabeten, Oder 80%? Oder 90? Er hatte
keine Ahnung, denn solche Statistiken wurden nicht veröffentlicht, falls
sie überhaupt existierten. Außerhalb teurer Privatschulen, so
vermutete er jedenfalls, fand Bildung praktisch nicht mehr statt. Trotzdem
würden die Leute die Schlagzeile schlucken. Sie träumten ihren Traum
und wollten sie schlucken.
Der UNO-Beschluß, der Autos letztlich verbot, war
allerdings ein Problem. Nicht nur PKWs waren davon betroffen. Auch die
sprachlich geschulten Delegierten der UNO-Vollversammlung hatten wohl nur zum
Teil begriffen, worüber sie da abgestimmt hatten. Ein Verbot von privaten
und privat nutzbaren Autos! Welch clevere Formulierung! Gab es ein Auto, das
nicht privat nutzbar war? Schulbusse, Krankenwagen, Polizeiautos - für sie
alle bedeutete dieser Beschluß
das Aus.
Harry kannte die Resolution bereits. Vermutlich hatte
das Wissen darum auch zu seiner schlechten Nacht beigetragen. Er besaß
ein paar Aktien von General Motors, aber das war nicht bedrohlich. Er hatte
sein Vermögen gut diversifiziert. Allerdings steckte viel Firmengeld in
der Autoindustrie. Er grinste. Schon häufig hatte Firmengeld in
Wirtschaftszweigen gesteckt, die von der Prohibition bedroht waren. Die Firma
hatte langfristig immer gewonnen.
Er legte die Zeitung beiseite und rieb sich die Stirn.
Die Kopfschmerzen waren verflogen. Er war mit sich zufrieden, denn er hatte
einen Plan in bezug auf das Autoproblem. Er hoffte nur, daß er der erste
war, der ihn dem Boß mitteilen wollte.
Gerade, als er zum Telefon greifen wollte, piepte es. Er
drückte die Taste, die die Verbindung aktivierte, und brummte ein
„Ja?“ in die Muschel.
„Sir, Ihr Paket ist angekommen. Wir haben es wie
immer an der Hotelrezeption abgegeben, um Sie nicht zu stören. Wir
würden uns freuen, wenn Sie die Dienste von United Parcel bald wieder in
Anspruch nehmen würden. Vielen Dank und auf Wiedersehen.“
Harry grinste. Natürlich war die Botschaft viel zu
höflich und formell, selbst für ein Dienstleistungsunternehmen, das
in harter Konkurrenz mit anderen Zustelldiensten lag. Eben deshalb hatte er
diese Worte gewählt. Unverfänglich, aber unverwechselbar. Das
Codewort.
Selbstverständlich lag kein Paket für ihn an
der Rezeption. Aber irgendwo pulste ein künstlich durchblutetes Herz und
wartete auf seinen Empfänger.
„Danke“, sagte er. „Ich werde mich
sofort darum kümmern.“
Er beendete die Verbindung und warf dabei einen
flüchtigen Blick auf die Zeitung. Seine Idee würde warten
müssen, denn das Herz konnte nicht allzu lange warten. Der Empfänger
mußte jetzt den Vertrag unterschreiben und dann schnellstmöglich in
die Klinik. Schade eigentlich - hoffentlich kam ihm niemand in bezug auf seine
Autoidee zuvor.
Er seufzte und griff wieder zum Telefon. Er wählte
nach einem kurzen Blick in die gut gesicherte Geheimabteilung seines
elektronischen Notizbuches.
„Hello, Mr. Pupfish“, grüßte er,
nachdem sich am anderen Ende der Leitung jemand gemeldet hatte.
„Sie sind es doch, nicht wahr? Gut. Mr. Pupfish,
wir haben, was Sie brauchen. Sie sollten sich für ein paar Tage freimachen
und nach Vegas kommen. Wer ich bin? Mr. Pupfish, ich bitte Sie. Sie wissen
genau, wer ich bin, und mein Name tut nichts zur Sache. Passen Sie auf: Vor
kurzer Zeit war ein junger Mann bei Ihnen und hat Ihnen einen Großauftrag
avisiert. Eine Seniorensiedlung im Süden der Stadt. Wie bitte? Nein,
dieser junge Mann bin ich nicht.“
Harry grinste. Wie konnte dieser Mensch nur so naiv
sein?
„Aber ich weiß eben von dem Angebot.
Schützen Sie es gegenüber Ihrer Frau vor. Sagen Sie ihr, Sie
müßten das Terrain sondieren. Das braucht ein paar Tage. Sie wird
sich keine Sorgen machen. Nach der erfolgreichen...na ja, sagen wir:
Transaktion...werden wir sie dann benachrichtigen, so daß sie Sie
besuchen kann. Im Prinzip weiß sie doch Bescheid?“
„Im Prinzip ja.“
„Hervorragend. Also ist das klar. Sie bringen
bitte zu unserem ersten Treffen alle notwendigen geschäftlichen Unterlagen
mit. Für den Rechtsanwalt sorgen wir. Aber wenn Sie wollen, können
Sie selbstverständlich Ihren eigenen juristischen Berater mitbringen. Wir
sind eine korrekte Organisation.“
Harry wartete auf die in seinen Augen angemessene
Reaktion und hatte Erfolg.
„Das wird wohl nicht nötig sein“,
murmelte Pupfish.
Natürlich gab es weder in Pahrump noch in seinem
sonstigen Bekanntenkreis irgend jemanden, dem er die Kenntnis über ein
Geschäft mit der Mafia anvertrauen wollte oder konnte.
„Gut. Dann ist das auch geklärt. Können
Sie noch heute nachmittag hier sein?“
„Wenn es sein muß...“
John fühlte sich unwohl. Er hätte Gesa gern
behutsam auf all das vorbereitet, was nun kommen würde.
„Gar nichts muß sein, Mr. Pupfish. Gar
nichts. Alles ist Ihre Entscheidung.“
Harry dachte an „sein“ Herz. Und John dachte
an sein Herz.
„Okay“, sagte John.
„Schön. Gegen vier Uhr? Sie treffen mich im
„Lost World“, im Casino. Gehen Sie zu einem der Roulettetische und
spielen Sie einfache Chancen: pair oder impair, rouge oder noir. Ich werde Sie
dort finden.“
„Ich verstehe“, sagte John. „Soll ich
dort auch ein Zimmer nehmen?“
„Nein. Wenn wir uns einig werden - und davon gehe
ich aus -, dann sind Sie heute abend schon am Ort der Transaktion.“
„Kann ich Ihnen vertrauen?“
John war klar, wie unsinnig diese Frage war. Eine
Verbrecherorganisation mied man,
schlimmstenfalls machte man Geschäfte mit ihr, aber ihr vertrauen?
Trotzdem mußte er sie stellen. Er brauchte jetzt emotionale
Unterstützung, und es gab niemanden außer dem Unbekannten am
Telefon, von dem er sie erhoffen konnte.
„Wir werden unseren Teil des Vertrages korrekt
erfüllen, falls Sie das meinen, Mr. Pupfish.“
John Pupfish hatte mehr gemeint, viel mehr. Aber er mußte
sich mit dieser Antwort zufriedengeben.
Er beendete das Gespräch und wendete sich dem
kleinen Tresor zu, in dem er die Unterlagen über seinen Besitz verwahrte.
35
Harry lehnte sich zufrieden zurück, schaute aus dem
Fenster und genoß den Blick über Vegas. Er ließ seine Gedanken
schweifen. Die Boys hatten eine Belohnung verdient. Sie sollten sich etwas
wünschen dürfen. Vermutlich würden sie das Übliche wollen:
eine der flotten Miezen, garantiert gesund, die gute Hotels für besondere
Kunden bereithielten. Die Gesundheit der Kunden war nicht garantiert, aber die
Mädchen machten‘s trotzdem ohne. Sie wurden großzügig
bezahlt.
Während er an die kleine zierliche Asiatin dachte,
der er selbst es vor einigen Tagen ordentlich besorgt hatte, wurde sein Schwanz
steif. Er öffnete Hosenknopf
und Reißverschluß und spielte ein bißchen mit Vorhaut und
Eichel. Eigentlich, ging es ihm dabei durch den Kopf, hatte er ebenfalls eine
Belohnung verdient. Abwechslung tat gut. Seine Phantasie sagte ihm, daß
er heute keinen Appetit auf einen mädchenhaften Körper, schwarze
Haare und Mandelaugen hatte. Ihm stand der Sinn nach groß, blond und
üppig. Das würde kein Problem sein - das „Mirage“ hatte
alle seine Bedürfnisse immer vollständig befriedigt.
Gerade wollte er wieder zum Telefon greifen, um dem
Roomservice sein Begehren mitzuteilen, als das Ding schon wieder piepte. Harry
verzog das Gesicht. Heute schien das Gesetz zu sein: Wenn er telefonieren
wollte, wurde er selbst angerufen.
„Ja?“
„Ich hab‘s gefunden. Es gehört Ihnen.
Ich kann es Ihnen aber noch nicht
zurückgeben, denn das FBI will es erst untersuchen.“
Pause.
„Haben Sie verstanden?“
„Ja“, sagte Harry lahm. „Danke.“
Seine gute Laune war ebenso verschwunden wie seine
Erektion. Keine Belohnung also. Aber die Jungs würden auch keine bekommen.
Ganz sicher nicht.
36
Er erfror nicht und wurde auch nicht verhaftet, obwohl
er wiederholt den gesamten Bahnsteig entlangspurtete. Niemand widmete ihm mehr
als die nötige Aufmerksamkeit. Das heißt, man ging ihm aus dem Weg,
um nicht überrannt zu werden.
Peter begann, sich schnell zu bewegen, als eine
emotionslose Lautsprecherstimme die Wartenden darüber informierte,
daß der Zug nach Soltau sich verspäten werde. Keine Anrede, keine
Entschuldigung, kein Bedauern, keine Zeitangabe. Keine weitere Durchsage.
Seit er gekommen war, behaupteten alle Uhren in diesem
Teil des Bahnhofs, es sei 00.00 Uhr. Sollte er jemanden fragen, wie spät
es war? Er entschloß sich dagegen. Soweit er beobachten konnte, nahm hier
kein Mensch mit einem anderen Kontakt auf. Die meisten verharrten in stoischer
Ruhe. Also würde der Zug vermutlich kommen. Irgendwann.
Peter rannte ab und zu, um sich warmzuhalten.
Irgendwann kam der Zug tatsächlich. Eine klapprige
Diesellok zog zwei heruntergekommene Wagen hinter sich her, die scheinbar nur
durch die Farbe von unzähligen übereinandergesprühten Graffiti
zusammengehalten wurden. Darunter blühte der Rost.
Als unerfahrenem Passagier gelang es Peter
natürlich nicht, einen Sitzplatz zu ergattern. Als er schließlich,
zwischen nicht sonderlich gut riechenden Leibern eingezwängt, in einem
Gang stand, war er dennoch beinahe dankbar. Er hatte zwar keine
Möglichkeit, sich festzuhalten, aber was immer auch geschah: Umfallen
konnte er hier nicht. Seine Nase registrierte den sauren Geruch von Erbrochenem,
der in seinen eigenen Kleidern hing und über den sich niemand beschwerte.
Und es wurde endlich warm.
Als der Zug nach einer langen Fahrt auf schlecht
gepflegten Gleisen in den Bahnhof von Soltau kroch, schwitzte Peter. Er
wußte jetzt, was animalische Wärme war.
Er vergaß es sofort wieder, als er den Fuß
auf das schadhafte Pflaster des Bahnsteigs setzte. Ein kalter Wind, der einen
kräftigen Nieselregen fast waagerecht vor sich herblies, jagte einen
Schauer durch seinen Körper.
Peter ging dahin, wohin alle gingen. Das war vermutlich
der Ausgang. Am Ausgang eines Bahnhofs standen Telefonzellen. Sie mußten
einfach da stehen. Auch in Soltau, auch mitten in der Nacht. Er malte sich den
Anblick der hell beleuchteten Glaskabine aus. Der Apparat wartete nur darauf,
daß sein Hörer abgenommen wurde. Er würde die Karte des
Pflegers in den dafür vorgesehenen Schlitz stecken und die Nummer seines
Vaters wählen. Es war mitten in der Nacht, Meinhard würde also zu
Hause sein. Irgendwann würde er abnehmen, wenn das Telefon lange genug
klingelte. Peter würde ihm sagen, wo er war, und dann konnte er ihn
abholen. Alles ganz einfach.
Eines stimmte an Peters Phantasien: Der Menschenstrom
führte ihn zum Ausgang des Bahnhofs. Alle drängelten durch die engen
Türen. Draußen wurde das, was eben noch Menge gewesen war, zu
einzelnen hastenden Menschen, die beinahe sofort in der rabenschwarzen Nacht
verschwanden.
Die Straßenbeleuchtung war ausgefallen. Vielleicht
gab es hier auch keine. Manche Städte und Gemeinden waren seit Jahren so
hoch verschuldet, daß sie sich die Rechnungen der
Energieversorgungsunternehmen nicht mehr leisten konnten. Keine freundliche
Telefonzelle lockte mit ihrem hellen Schein Kunden.
Peter blieb stehen, bis sich seine Augen
einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er zitterte, aber er
beachtete das nicht. Er brauchte ein Telefon! Wo in dieser verdammten Suppe war
ein Telefon?
Endlich schälten sich Konturen aus der
Schwärze heraus. Ein Autowrack. Nein, zwei. Daneben ein offenbar intakter
Kombi. Dahinter ein Haus. Und dazwischen: etwas Hohes, Viereckiges,
Durchsichtiges.
„Heureka!“
Ein alter Grieche hatte damals irgendwas mit Mathe oder
Physik entdeckt und begeistert gerufen: „Ich hab‘s gefunden“.
Angeblich. Was das war, hatte Peter vergessen. Aber den Spruch hatte er sich
gemerkt, und er verwendete ihn häufig. Man konnte gut damit angeben.
Peter ging auf die Zelle zu und öffnete die
Tür. Uringestank schlug ihm entgegen. Er unterdrückte seinen Ekel,
trat ein und tastete nach dem Apparat. Seine Finger fanden einen Schlitz. Er
ließ sie dort, während er mit der anderen Hand nach der Karte in
seiner Hosentasche suchte. Er führte die Karte in die Öffnung ein.
Mit einem schmatzenden Geräusch wurde sie eingezogen. Eigentlich hätte
jetzt das Display des Apparats aufleuchten sollen, aber alles blieb schwarz.
Peter hoffte, daß das nicht am Apparat lag, sondern an der mangelhaften
Versorgung Soltaus mit Elektrizität. Er nahm den Hörer ab. Das
vertraute Tuten ertönte in regelmäßigen Intervallen. Alles
schien in Ordnung. Natürlich war es schwierig, in der völligen
Dunkelheit eine Nummer einzutippen, aber er schaffte es. Erste Reihe: 1 - 2 -
3. Zweite Reihe: 4 - 5 - 6. Dritte: 7 - 8 - 9. Und die Null in der Mitte
darunter. Man mußte nur richtig zählen.
Eine kurze Melodie erklang - seine Eingabe wurde
akustisch umgesetzt -, und dann hörte er das Telefon in Hannover klingeln.
Zumindest bildete er sich das ein. Er wußte, was da wo tatsächlich
altmodisch klingelte und nicht jaulte oder dudelte. Sein Vater hatte sich die
Nachbildung eines VW-Käfers auf den Nachttisch gestellt. Nahm man die
Haube ab, hatte man den Hörer in der Hand.
Sechsmal. Achtmal. Kein Grund zur Beunruhigung. Meinhard
Schrader hatte einen festen Schlaf. Zehnmal. Jetzt sollte er aber
allmählich wachwerden. Zwölfmal. Nichts. Vierzehn, sechzehn,
achtzehn, zwanzig. Ob er in Karens Schlafzimmer war und erst herüberkommen
mußte? Sechsundzwanzig. Dreißig. Vierzig.
Die Zelle, von der aus Peter anzurufen versuchte, war
alt. Alt war auch ihre technische Ausstattung. Moderne öffentliche
Telefone unterbrachen eine nicht zustande kommende Verbindung automatisch nach
dem zwölften Rufzeichen. So konnte Peter seine Illusion, daß er
seinen Vater erreichen und der ihn retten werde, noch einige Sekunden hinüberretten.
Länger aber auch nicht.
Die Tür zur Kabine wurde aufgerissen. Ehe Peter,
der fasziniert und beschwörend dem immer gleichen Laut lauschte, sich
umdrehen konnte, erhielt er einen harten Schlag auf den Hinterkopf, der ihm
augenblicklich das Bewußtsein raubte. Der Mann, der den Hieb mit einem
kleinen bleigefüllten Lederbeutel geführt hatte, trat ein paar
Schritte zurück, um Peters zu Boden gleitendem Körper Platz zu
machen. Er lächelte und zeigte dabei tadellose Zähne. Er war klein und
gedrungen und hatte einen deutlichen Bauch. Er hatte eine Halbglatze, trug eine
Brille.
Vor nur wenigen Tagen hatte er sich Peter am Hamburger
Hauptbahnhof als „Jan“ vorgestellt.
Jetzt bückte er sich und fühlte nach Peters
Halsschlagader. Es gab einen Puls, wenn auch einen langsamen. Er nickte
zufrieden. Der Kleine würde für eine Weile schlafen, ohne weitere
Nachhilfe. Zu gegebener Zeit würde die Spritze, die er bei sich trug,
für weitere süße Träume sorgen. Aufwachen würde der
Junge jedenfalls nicht mehr, dazu war er zu gefährlich einfallsreich.
Außerdem wurde das, was an ihm einzig interessant war, bald gebraucht.
„Ab mit ihm!“ kommandierte er.
Zwei Männer tauchten aus der nächtlichen
Schwärze auf und faßten Peter an Schultern und Kniegelenken. Sie
trugen ihn zum Kombi, dessen hintere Tür Jan inzwischen geöffnet
hatte, und luden ihn ein. Dann setzten sie sich auf die beiden Vordersitze.
Jan krabbelte neben Peter auf die enge Ladefläche.
Er kauerte sich nieder und schob fast zärtlich ein kleines Kissen unter
den Kopf seines Opfers. Bequem machen konnte er es sich hier hinten kaum, aber
das war ihm gleichgültig. Er wollte den Jungen im Auge behalten. Noch
einmal sollte er ihm nicht entkommen.
„Los!“
Der Mann hinter dem Steuer drehte den
Zündschlüssel. Der Motor sprang an, und der Wagen fuhr ab.
37
Trotz der Schlaftablette, die er mitten in der Nacht
halb gegen seinen Willen von der Wachschwester akzeptiert hatte, erinnerte sich
Meinhard Schrader sofort an alles, als er wieder aufwachte. Er sah auf die Uhr
auf seinem Nachttisch: halb elf. So spät schon! Seit seinem Anruf in
Scheeßel gestern am späten Nachmittag war mehr als ein halber Tag
vergangen.
Er klingelte. Die Pflegerin, die kurz darauf das Zimmer
betrat, begrüßte ihn mit professioneller Munterkeit, bevor er auch
nur den Mund auftun konnte.
„Guten Morgen, Herr Schrader. Sie haben ja
geschlafen wie ein Murmeltier. Ich konnte es gar nicht übers Herz bringen,
Sie zum Fiebermessen zu wecken, so friedlich sahen Sie aus. Das müssen wir
aber jetzt dringend nachholen. Wie geht es uns denn? Bestimmt haben Sie Hunger.
Hier ist das Thermometer. Ich sehe mich inzwischen um, ob ich noch etwas
für Sie zum Frühstück auftreiben kann.“
Während ihres Redeschwalls ging sie zum Fenster und
zog die Vorhänge beiseite, legte das Fieberthermometer auf die Bettdecke,
ohne den Patienten dabei anzusehen, entdeckte ein gebrauchtes Kleenex und warf
es in den Abfalleimer. Dabei achtete sie nicht auf Schraders Versuche, ihr
Geplapper zu unterbrechen. Als sie meinte, alles Wichtige gesagt zu haben, war
sie beinahe schon wieder aus der Tür.
„So warten Sie doch!“
Unwillig blieb sie stehen, ohne den Kopf zu wenden.
„Ja?“
Alles an ihr signalisierte: Laß mich meine Arbeit
tun, laß mich in Ruhe. Ich weiß, daß du Privatpatient bist
und gut zahlst. Deshalb muß ich nett und höflich zu dir sein. Aber
ich bin Schwester auf dieser Station, auf der außer mir noch fünf
andere Schwestern sein sollten, und nur zwei sind da. Kostensenkung nennen sie
das. Wenn ich die Arbeit nicht schaffe, werden sie mich entlassen. Es gibt
genug draußen vor der Tür, für die meine Arbeit das Paradies
bedeutet.
Sie wartete. Aber dem Befehl folgte nichts. Zu ihrer
eigenen Verwunderung zuckte sie nicht die Schultern und ging einfach weiter,
sondern drehte sich um. Der Mann, der sie da aus den noch nicht aufgeschüttelten
Kissen ansah, war ein einziges Häufchen Elend. Ein Gefühl rührte
sie, das sie sich in den langen Jahren im Krankenhaus eigentlich abgewöhnt
hatte: Mitleid.
Spontan ging sie zurück ans Bett. Unberührt
lag dort noch immer das Fieberthermometer. Sie griff es sich und schob es
routiniert unter seine Achsel. Währenddessen fragte sie nochmals:
„Ja, Herr Schrader?“
„Gibt es eine Nachricht für mich?“
Er lächelte sie bittend an und besiegte sie damit.
Sie sagte nicht: Nein, wenn es eine gäbe, wüßte ich es.
Sie sagte: „Ich weiß nicht. Aber ich werde
mich sofort erkundigen.“
Sie tat es wirklich. Außerdem brachte sie das
versprochene Frühstück. Es gab keine Nachricht für Schrader.
Er verfluchte seine Hilflosigkeit, die ihn an das Bett
fesselte. Jedoch ganz ohnmächtig war er nicht, noch gab es da das Telefon
auf seinem Tischchen. Er rief Manfred Wernowskis Büro an und erfuhr, der
Chef sei in einer wichtigen Besprechung und dürfe nicht gestört
werden. Schrader wußte, daß sich hinter dieser Auskunft tatsächlich
eine wichtige Besprechung, ebensogut aber auch Manfreds Vormittagsnickerchen
verbergen konnte. Aber wie auch immer - zunächst mußte er abwarten.
Er bat um baldigen Rückruf; wenn möglich, um Wernowskis Besuch, und
verabschiedete sich. Immerhin wußte Wernowskis Sekretärin, wer er
war, sie würde sich also um seinen Wunsch kümmern.
Nochmals in Scheeßel anrufen? Er verwarf den
Gedanken. Wenn das Internat etwas von Peter erfahren hätte, hätte es
ihm das bestimmt umgehend mitgeteilt.
Also die Polizei. Er fragte die Auskunft nach der Nummer
der Hamburger Kriminalpolizei und ließ sich mit dem
Vermißtendezernat verbinden.
„Falke“, meldete sich eine Frauenstimme.
„Was kann ich für Sie tun?“
Er schilderte sein Problem und beantwortete geduldig
Fragen nach Einzelheiten. Während des Frage- und Antwortspiels hörte
er das leise Klappern einer Computertastatur.
„Ich habe den Vorgang vor mir“, sagte die
Frau endlich. „Peter Schrader, seit gut zwei Tagen aus dem
Internatsgymnasium Scheeßel verschwunden. Die Schule hat Vermißtenanzeige
erstattet, allerdings mit deutlicher Verspätung. Aber das ist in solchen
Fällen normal. Man rechnet damit, daß die jungen Leute bald von
allein wiederkommen.“
Das wußte Schrader bereits alles, und deshalb
trommelten seine Finger ungeduldig auf die Bettdecke. Sobald die Stimme eine
Atempause einlegte, fragte er: „Und?“
„Was und?“
Leichte Irritation schwang in den beiden kurzen Worten
mit.
„Ergebnisse haben wir noch nicht, falls Sie das
meinen.“
Die Aussage war höflich formuliert, aber den wirklichen
Tenor der Antwort hörte Schrader sehr wohl: Selbstverständlich haben
wir noch keine Ergebnisse, du dummer Kerl. Frau Falke hatte zwar ihre Worte,
nicht aber ihre Stimme unter Kontrolle.
„Und wann...?“
Er brach ab, weil er selbst bemerkte, welche idiotische
Frage er stellen wollte. Er sah nicht, daß die Frau in Hamburg
lächelte. In bezug auf das Ende einer ohne Komplikationen verlaufenden
Schwangerschaft ließ sich diese Frage mit ziemlicher Sicherheit
beantworten. Sie strich sich über ihren prallen Leib. Noch zwei Monate.
Aber bei verschwundenen Jugendlichen? Plötzlich verspürte sie eine
geheime Verbindung mit dem ihr völlig fremden Mann am anderen Ende der
Leitung, der sich um seinen Sohn sorgte. Auch sie hatte in den letzten Wochen
erfahren, was es bedeutet, Angst um ein Kind zu haben. Auch wenn sie von dem
kleinen Wesen in ihr bisher nichts bekommen hatte als Püffe und Tritte.
Sie vergaß ihre Routine. Sie würde diesen Mann nicht einfach mit ein
paar Floskeln abspeisen.
„Herr Schrader, das kann ich Ihnen nicht sagen.
Manche dieser Fälle werden erst nach Wochen aufgeklärt.“ Und
manche gar nicht, dachte sie. Aber das dachte sie nur. „Wenn ihr Sohn im
Hamburg geblieben ist, gibt es Tausende von Möglichkeiten für ihn unterzuschlüpfen.
Er hat Geld. Er wird zurechtkommen und sich wieder melden, wenn er will. Sie
müssen einfach Geduld haben.“
“Und wenn ihm etwas passiert ist?“
„Wir haben alle hilflos aufgefundenen Personen,
alle Opfer von Verbrechen und alle Patienten überprüft, die ohne
Papiere in Krankenhäuser eingeliefert worden sind. Ihr Sohn war nicht
dabei.“ Aber es gibt jede Menge Gewaltopfer, die wir bestimmt nicht
gefunden haben und vielleicht auch nie finden werden. Auch diesen Gedanken
behielt sie für sich.
„Kann er entführt worden sein?“
Allmählich verflog der karitative Impuls.
„Selbstverständlich kann er entführt
worden sein. Nichts auf dieser Welt ist unmöglich“, erklärte
sie, jetzt wieder leicht gereizt. „Aber wahrscheinlich ist das nicht.
Normalerweise melden sich Entführer binnen vierundzwanzig Stunden bei der
Familie des Opfers und stellen ihre Forderungen.“
Meinhard Schrader merkte, daß er so nicht
weiterkam. Mehr als Vertröstungen hatte der weibliche Falke in Hamburg ihm
nicht zu bieten. Wie sollte es auch anders sein? Er bedankte sich, legte das
Telefon beiseite und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Was nun?
Ihm fiel nichts ein. Hoffentlich, dachte er, meldet Manfred sich bald.
Als sich die Tür öffnete, kam aber nicht
Manfred herein, sondern die Schwester mit dem Mittagessen. Schrader rührte
es nicht an und entschuldigte sich mit dem späten Frühstück, als
sie ihn deshalb wie einen kleinen Jungen ausschimpfte. Grummelnd ging sie,
nachdem sie ihm zur Erholung einen Mittagsschlaf empfohlen hatte.
Nichts lag ihm ferner als Schlaf. Er wartete: auf
Wernowski oder auf ein Klingeln des Telefons. Aber Manfred erschien nicht, und
niemand rief ihn an. Stattdessen öffnete sich die Tür, und der Mann
in grünem Kittel und Mundschutz trat ein, der ihn schon einmal
überraschend besucht hatte. Der Arzt, der nicht wußte, wie man den
Puls fühlt. Der Mann von der Mafia.
Der Fremde legte den Finger auf den Mund. Rasch
schloß er die Tür hinter sich und kam mit schnellen Schritten
näher, bis er neben dem Bett stehenblieb.
„Guten Tag, Herr Schrader“, sagte er leise.
„Wir haben nicht viel Zeit. Deshalb hören Sie mir jetzt bitte gut
zu, und stellen Sie keine überflüssigen Fragen. Ein neues Leben
wartet auf Sie, aber das können Sie nicht hier bekommen. Wir holen Sie
heute abend um halb sieben ab. Sie werden nicht zu laufen brauchen - wir haben
einen Rollstuhl dabei und einen Krankenwagen vor der Tür. Das
Stationspersonal wird durch einen simulierten Notfall abgelenkt, niemand wird
uns also stören. Sind Sie bereit?“
Natürlich war er nicht bereit. Wohin wollten sie
ihn bringen? Was für ein Herz war das, das ihm implantiert werden sollte?
Wie sollte er sich weiterhin um Peter kümmern, wenn er nach der schweren
Operation für Tage auf der Intensivstation lag?
„Ja, ich bin bereit!“ sagte Meinhard
Schrader.
„Gut!“ Der Besucher lächelte hinter
seinem Mundschutz. „Wir sehen uns dann. Und keine Sorge: Nicht ich
führe die Operation aus.“
Schrader war zur Höflichkeit erzogen worden und
bemühte sich deshalb um ein Lächeln als Reaktion auf den schwachen
Scherz. Aber es wurde nur eine verzerrte Grimasse.
Nachdem der falsche Arzt verschwunden war, wälzte
Schrader sich unruhig im Bett umher. Er hatte zugestimmt, nun gut. Aber wenn er
rechtzeitig Alarm gab, konnte er seine Entführung ohne Zweifel noch
verhindern. Angst um sich selbst und seinen Sohn katapultierte seinen
Herzschlag wieder in ungesunde Höhen. Und doch wollte er die Operation,
wenn auch mit schlechtem Gewissen. Die Gier nach Leben war
übermächtig.
Nach zwei von Angst beherrschten Stunden war er
schweißgebadet. Einen Entschluß hatte er nicht fassen können.
Endlich kam Wernowski.
Schrader berichtete ausführlich.
Manfred, der einzige Mensch, dem er jetzt noch vertrauen
konnte, stand von dem Besucherstuhl auf, auf dem er gesessen und Schrader
zugehört hatte, ging zum Fenster und sah hinaus. Lange. Draußen war
nichts als Septemberregen.
Endlich wandte er sich ins Zimmer zurück und sagte:
„Mach es. Es gibt Chancen, die man nicht verpassen sollte. Um Peter
kümmere ich mich. Du kannst dich auf mich verlassen. Alles wird
gut.“
Der letzte Satz, die Floskel, der Allgemeinplatz klang
so lahm, wie er klingen mußte, aber Schrader wollte ihm glauben. Auch
sein Körper glaubte ihm, er hörte auf zu schwitzen. Tatsächlich
entspannt lehnte er sich zurück und streckte die Hand aus.
„Ich vertraue dir“, sagte er.
Wernowski kam näher und nahm die dargebotene Hand.
„Danke. Ich werde alles tun, was mir möglich
ist.“
Seine Stimme klang gepreßt, aber sofort hatte er
sich wieder im Griff.
„Was Peter angeht, mußt du mir
Handlungsvollmacht erteilen!“
Er setzte sich, zog Papier und Stift aus der Tasche und
begann schnell zu schreiben. Schrader unterschrieb, ohne die wenigen Sätze
auch nur gelesen zu haben. Wernowski steckte den Block ein. Alles war damit
erledigt, er konnte gehen. Aber wie? Er suchte nach den passenden
Abschiedsworten. Er fand sie nicht.
„Nun hau schon ab, Manfred!“
Schrader hatte zumindest für den Moment seine
Kaltschnäuzigkeit wiedergewonnen. Bloß jetzt keine
Sentimentalität, keine Literaturzitate von Licht und Dunkelheit, Leben
oder Tod.
„Irgendwie und irgendwo werden die mich mit meinem
neuen Herzen schon wieder abladen, und dann feiern wir: du, Peter und ich. Und
jetzt geh.“ Und noch einmal nachdrücklich: „Hau endlich
ab!“
Wernowski tat ohne ein weiteres Wort, wie ihm
geheißen.
Schrader wartete auf den Rollstuhl und den Krankenwagen.
Er verbot sich, auf die Uhr zu sehen, obwohl die Zeit sich ihm endlos dehnte.
Vielleicht waren das seine letzten Stunden. Er hatte Wichtigeres zu tun, als
dem ruhelosen Sekundenzeiger zuzusehen. Er wollte nachdenken. Über sich.
Zum ersten Mal seit langen Jahren.
Nachdenken, gar über sich selbst, erfordert
Übung, und die hatte Meinhard Schrader nicht. Wider Erwarten schlief er
ein.
38
„Donnerwetter!“ murmelte Quayle vor sich
hin, als er seinen ramponierten Dienstwagen auf den Parkplatz von Blue Lake
lenkte. Die Sonnenstrahlen wurden so stark von dem überall blitzenden
Chrom reflektiert, daß er für eine Sekunde glaubte, er habe seine
dunkle Brille nicht aufgesetzt.
Er war beeindruckt. Natürlich nicht von den Stretchlimousinen,
die behäbig vorfuhren, Menschen ausspuckten oder einluden, ein Vorgang,
bei dem jedes Mal ein uniformierter Chauffeur beflissen assistierte, als
könnten die ausnahmslos erwachsenen Passagiere nicht selbstständig
eine Autotür bedienen. Das waren nichts anderes als Taxen, kostenlos als
Shuttle von den Casinos für ihre allerbesten Kunden zur Verfügung
gestellt, imposant aussehend, aber im Inneren ziemlich unbequem. Imponierend
war dagegen die Ansammlung von Rolls-Royce- und Jaguarfabrikaten, die auf ihre
Besitzer warteten, während die sich im Inneren der Anlage auf dem
gepflegten Green vergnügten.
„Wie wollen die wohl in Zukunft hier
herkommen?“ Auf den langen Patrouillenfahrten durch sein dünn
besiedeltes County hatte Quayle sich an Selbstgespräche gewöhnt. Aber
die Mobilität der Reichen war eigentlich nicht sein Problem. Seit er die
Nachricht vom künftigen Autoverbot gehört hatte, dachte er fast
ununterbrochen darüber nach, wie er selbst künftig seinen Job
erledigen konnte.
Er stieg aus und verriegelte den Wagen mit der
Fernbedienung. Lächerlich, dachte er. Vermutlich steht meine alte Lady auf
dem bestbewachten Parkplatz der Welt. Aber die Gewohnheit siegte - und die
Vorsicht. Autos waren praktisch über Nacht kostbar geworden.
„Jetzt bin ich mal gespannt, ob sie mich hier
überhaupt reinlassen.“
Verdammt, wieder dieses unkontrollierte Murmeln. Er
mußte sich das dringend abgewöhnen, sonst konnte er sich gleich
abschreiben. Wer wählt schon einen Sheriff, der Selbstgespräche
führt?
Sie ließen ihn hinein, obwohl er nicht zu der Art
von Besuchern gehörte, die hier normalerweise Zutritt erhielten. Aber sie
hatten ihre Anweisungen.
Der Golfclub Blue Lake war eine private Anlage, die dem
Besitzer der Kasinos von halb Las Vegas gehörte. Sie stand seinen privaten
Freunden offen und den großen Spielern, den Wales. Man mußte also
schon pro Besuch in der Stadt ein paar hunderttausend Dollar am Spieltisch
setzen, um hier - natürlich kostenlos - putten zu dürfen.
„Sheriff Quayle?“
Die charmante Empfangshostess hatte ihn an der Uniform
erkannt, und auch die kräftigen Wachmänner, die den Eingangsbereich
mit Argusaugen bewachten, waren offenbar über ihn instruiert, denn sie
hielten sich weiterhin unauffällig im Hintergrund.
Quayle nickte und erntete ein Lächeln, das eigentlich
für Milliardäre reserviert war.
„Mr. Harry erwartet Sie. Darf ich Ihnen den Weg
zeigen?“
Auch hier, registrierte Quayle, hatte Harry nichts als
einen Vornamen.
Sie ging voran, und der Sheriff teilte seine
Aufmerksamkeit zwischen der Betrachtung ihrer wiegenden Hüften und des
eleganten Gebäudes im Stil eines römischen Palazzos, während er
ihr folgte.
Sie brachte ihn in eine Bar, in der Harry an einem
kleinen Tischchen saß, die unvermeidliche Flasche Piper Heidsieck im
beschlagenen Silberkübel an seiner Seite.
„Hallo, Sheriff!“ grüßte er
aufgeräumt. „Auch ein Gläschen?“
Quayle lehnte höflich ab und bat stattdessen um
einen Malt. Er hatte nie verstanden, was manche Menschen an diesem
Prickelwasser, dessen Geruch ihn manchmal an Urin erinnerte, finden konnten. Er
jedenfalls zog das herzhafte Gebräu seiner schottischen Vorfahren vor.
Als der Whisky vor ihm stand und er zum ersten Mal daran
genippt hatte, blickte er Harry erwartungsvoll an. Zu gern hätte er
gewußt, wieso er so schnell seine gute Laune wiedergewonnen hatte.
Harry schien Gedanken lesen zu können, denn er
sagte: „Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, Sheriff. Die Geschäfte
gehen gut, nicht zuletzt dank Ihrer Information. Ihre Freunde von der
Bundespolizei werden vergeblich suchen. Mehr brauchen Sie nicht zu
wissen.“
Er hob sein Glas und prostete Quayle zu. Nein, mehr
mußte der Countysheriff wirklich nicht wissen. Was ging es ihn auch an,
daß John Pupfish wie verabredet im Lost World erschien und nach drei
Roulettespielen - die er übrigens alle gewann, in solchen Fällen
ließ die Firma sich nicht lumpen - in einen Nebenraum gebeten wurde, wo
sie das Geschäftliche schnell erledigten? Danach wurde er sofort ins
Krankenhaus gefahren, und jetzt gerade lag er unter dem Messer. Die Operation
verlief unproblematisch, soeben hatte man ihm das mitgeteilt.
Was ging es den Sheriff an, daß die beiden jungen
Männer, die so ungeschickt gewesen waren, bei der Beseitigung von Karens
Leiche Spuren zu hinterlassen, sich längst außerhalb der Reichweite
des FBI befanden, der eine in Almaty, der andere in Nairobi? Harry war zwar
wütend auf sie, aber er hielt nichts von den drastischen Methoden des
Chefs. Die Jungs sollten ruhig noch eine Chance erhalten.Im übrigen war
ihr Leben in Kasachstan und Kenia keineswegs sicher: Es gab da einheimische
Konkurrenz, die sich ungern ins Handwerk pfuschen ließ.
Und wozu mußte Quayle wissen, daß
unmittelbar nach seinem verschlüsselten Anruf bei Harry fünf Hacker
daran gegangen waren, alle Informationen über die beiden aus dem Polizeicomputer
zu löschen?
Der Sheriff unterdrückte eine bittere Grimasse,
während Harry diese Gedanken durch den Kopf gingen. Natürlich
hätte er gerne mehr gewußt, schon von Berufs wegen. Aber ihm war
auch klar, daß das Nichtwissen ihn schützen würde, falls jemals
etwas über ihn aufgedeckt würde.
Quayle nickte und trank seinen Malt aus.
„Freut mich zu hören, Harry. Vielleicht kann
ich mal wieder was für Sie tun.“
Er schien aufstehen zu wollen, aber als Harry nur leicht
den Kopf schüttelte, blieb er sitzen. Ein neutraler, nicht ganz
dünner Umschlag wurde ihm zugeschoben.
„Machen Sie sich einen schönen Tag, Sheriff.
Gehen Sie ins Casino. Oder genießen Sie die schönsten Mädchen
der Welt. Ach ja - selbstverständlich sind Sie heute auch eingeladen, auf
dem schönsten Golfplatz der Welt Ihr Handicap zu verbessern.“
„Danke.“
Der Sheriff schüttelte den Kopf, während er
den Umschlag tief in der Innentasche seiner Uniformjacke verwahrte.
„Das da“ - er klopfte sich auf die Brust
-“werde ich anderweitig verwenden. Sie wissen bestimmt von dem neuesten
UNO-Beschluß - keine Autos mehr. Ohne Autos gibt es aber keinen Sheriff
in Eureka County. Soll ich demnächst mit dem Bus fahren, den es nicht
gibt, und Verbrecher fangen? Oder mit der Schnellbahn, die genausowenig existiert?
Ich werde wohl ein paar Eigenmittel einsetzen müssen. Mein Dodge ist nicht
mehr der Jüngste.“
Harry hörte es mit Freude. Er hatte Recht gehabt,
der lebende Beweis saß vor ihm. Prohibitionszeiten waren gute Zeiten
für die Firma. Dennoch nickte er und gab sich besorgt. Gleichzeitig winkte
er dem Kellner - es gab etwas zu feiern, und sein leeres Glas verlangte nach
Champagner.
„Ja, Sheriff“, seufze er, „es sind
harte Zeiten. Vielleicht kann ich Ihnen bei Ihrem Problem behilflich
sein.“
Er verkniff sich den Nachsatz: ‚Eine Hand
wäscht die andere‘. Quayle war schließlich nicht blöd. Er
wußte genau, daß das Geld, das er soeben erhalten hatte, bald
wieder da sein würde, wo es hergekommen war: bei der Mafia.
39
Trotz der frühen Stunde - es war drei Uhr nachts -
war das oberste Stockwerk des Bürogebäudes hell erleuchtet. Hier
lagen nicht irgend welche Büros: Das hier war die Chefetage des Staates
Utah. Offiziell wurde in diesen Räumen die Verwaltungsarbeit für die
Kirche der Heiligen der letzten Tage erledigt. Tatsächlich aber wurde hier
nicht nur eine Kirche regiert, sondern auch ein Staat, und es wurden gute
Geschäfte gemacht. Sehr gute sogar.
Zwölf Männer waren anwesend, elf davon
nachlässig nur in Hemd und Hose gekleidet. Die elf hatten sich auf die
Sofas und Sessel verteilt, die in lockerer Anordnung die eine Hälfte des
riesigen Raumes füllten. Der Konferenztisch auf der anderen Seite, der
ebenfalls genug Platz für sie geboten hätte, war leer. Die sitzenden
Männer balancierten Styroporbecher mit schlechtem, aber heißem Kaffee
in den Fingern, nippten ab und zu daran und versuchten. wach zu werden. Sie
waren erst vor wenigen Minuten aus ihren Betten geholt worden.
Dafür war der zwölfte Mann verantwortlich. Im
Gegensatz zu den anderen war er untadelig angezogen und hellwach. Wie ein
gefangener Silberlöwe ging er mit raschen geschmeidigen Schritten im Raum
umher, immer auf dem gleichen Kurs um den Konferenztisch herum. Ungeduldig
wartete er dabei darauf, daß die anderen wach wurden. Und daß ihm
eine Idee kam.
Nach ein paar Minuten hielt er in seiner ruhelosen
Wanderung inne und baute sich vor den anderen auf.
„Können wir jetzt endlich anfangen?“
Ärger schwang in seiner Stimme. Obwohl die
Verzögerung nicht ihre Schuld war, äußerte keiner der Sitzenden
Protest.
Stattdessen sagte einer nur: „Klar, Boss!“
So redeten die Kirchenältesten den Propheten nur
an, wenn sie völlig sicher sein konnten, daß sie allein waren.
Offiziell war Clarence Young das Oberhaupt der Mormonen, mit Gottes besonderer
Güte und Gnade gesegnet und wie seine Vorfahren Kelch für Gottes
Offenbarungen.
„Gut. Ihr wißt einiges nicht, was in den
letzten zwei Tagen geschehen ist. Meine Tochter ist ermordet worden.“
Ihm wurde bewußt, daß er offiziell fünf
Töchter hatte. Von seiner offiziellen Frau. Von seinen Kebsweibern
wußte selbst der Ältestenrat nichts, das hoffte er zumindest.
„Ich meine Kathrin.“
Mit einer knappen Handbewegung unterband er die Unruhe,
die aufgrund dieser Eröffnung entstand. Er konnte jetzt keine Emotionen
gebrauchen.
„Es war Gottes Wille, meine Brüder. Man hat
sie in Nevada gefunden, ausgeweidet und danach verbrannt. Das Ganze sollte wie
Kannibalismus aussehen. Unsere Freunde vom FBI waren aber schnell vor Ort und
haben Fingerabdrücke der Mafia entdeckt. Deshalb haben sie die Asche genauer
untersucht. Kathrins Organe sind nicht einfach...verzehrt worden. Die Augen,
die die Menschenfresser in der Regel nicht beachten, sind zum Beispiel nicht
mit verbrannt worden. Dafür wurden Reste der Zunge gefunden, die als
Leckerbissen gilt. Die Vermutung liegt also nahe, daß die Mafia Kathrins
Körper zur Organentnahme benutzt hat. Sie haben ihr den Schädel nicht
zertrümmert, deshalb war eine Identifizierung leicht. Wir sollten die
Kannibalismustheorie glauben und uns trauernd zufriedengeben. Ohne die
Anwesenheit der Boys vom FBI hätte das auch geklappt. Der Sheriff des
Countys, in dem die Leiche gefunden wurde, ist korrupt und arbeitet mit der
Mafia zusammen.“ Und das FBI ist korrupt und arbeitet mit uns zusammen,
setzte er in Gedanken hinzu. Das brauchte er nicht laut zu sagen,
schließlich wußten das alle Anwesenden.
„An die unmittelbar Schuldigen kommen wir im
Moment nicht heran. Sie sind vermutlich nach Vegas zurück und haben ihre
Spur danach verwischt. Ihre Computerdaten sind gelöscht. Aber Gottes Rache
wird sie ereilen - irgendwann.“
„Amen!“ bekräftigten die elf
Männer reflexhaft im Chor.
Wieder winkte der Prophet ungehalten ab, obwohl er die
Reaktion verstehen konnte. Er wußte selbst, wie schwer, ja wie
unmöglich es war, Geschäft und Pose voneinander zu trennen. Eben
hatte er ja schließlich selbst beides durcheinandergebracht.
„Schon gut. Wir sind hier unter uns. Also: Die
Mörder kriegen wir im Moment nicht, aber die Firma wird mir
allmählich zu frech. Mit ihren Billigangeboten, die, im Vertrauen gesagt,
qualitativ ordentlich sind, bedroht sie unsere Geschäftsbilanz. Ich hoffe,
ihr seid meiner Meinung.“
Elf Köpfe nickten. Sobald die Ältesten etwas
von ‚Bedrohung der Geschäftsbilanz‘ hörten, waren sie
immer mit Gegenmaßnahmen einverstanden.
Damit war dem offiziellen Statut der Kirche Genüge
getan: Der Ältestenrat hatte beschlossen, und damit hatte der Prophet
Handlungsfreiheit. Er brauchte dem Rat noch nicht einmal zu sagen, was er tun
würde. Dennoch tat er es, denn während er redete, war ihm eine Idee
gekommen, die er gar nicht schlecht fand.
„Wir werden hundert Missionare nach Vegas
schicken. Spezialmissionare.“
Er grinste, und die anderen grinsten ebenfalls. Jedes
junge männliche Kirchenmitglied wurde dazu ausgebildet, Proselyten zu
machen. Einige von ihnen waren daneben noch hervorragende Detektive und Killer.
„Sie sollen sich überall umhören,
schwerpunktmäßig in den Krankenhäusern. In ein paar Tagen
dürften wir wissen, wo die Organe meiner Tochter geblieben sind.“
Der Rat nickte mit gesenkten Köpfen. Keiner der
Männer wagte es, den Vorsitzenden anzublicken, der seine Schultern unter
der schweren Last der Trauer beugte.
Aber Young lachte. Er sah die Chance, der lästigen
Konkurrenz einen empfindlichen Hieb zu versetzen.
„Ist das nicht ein guter Plan?“ fragte er.
Die elf Männer nickten.
„Amen“, sagten sie im Chor.
40
„Nicht nach Hamburg, du Idiot!“ zischte der
Mann, der sich Jan nannte.
Im letzten Moment hatte er mit einem Blick aus dem
schmalen Fensterschlitz des Kombis registriert, daß der Fahrer auf die
Autobahn nach Norden einbiegen wollte. „Nimm die andere Spur! Wir fahren
nach Hannover.“
„Davon hast du nichts gesagt“, kommentierte
der Chauffeur ärgerlich, während er dem Befehl gehorchte.
Jan wollte auffahren, besann sich aber anders.
Möglicherweise hatte er seine Helfer tatsächlich nicht informiert. Er
hatte Angst gehabt, daß etwas mit der Beschaffung dieses Jungen
schiefgehen könnte, verdammte Angst sogar. Gut möglich, daß er
darüber notwendige Instruktionen vergessen hatte.
„Schon gut“, meinte er deshalb versöhnlich.
„Hat ja gerade noch geklappt. Wir fahren zur Medizinischen Hochschule.
Zum Hintereingang, bitte. Wir werden dort erwartet.“
Und ich hoffe, dachte er, daß jemand durch den
Vordereingang in die MHH gelangt sein wird, wenn wir dort eintreffen. Jemand,
der gut für eine Herztransplantation vorbereitet ist. Er wird nicht lange
zu warten brauchen.
Der Fahrer nickte, und Jan wandte sich wieder seinem
Patienten zu. Peter atmete flach und regelmäßig. Mit ein wenig
Glück würde er keine Spritze brauchen. Das wäre besser für
seine Organe.
Peter brauchte tatsächlich keine Spritze. Nach
einer knappen Stunde bog der Kombi in den schlecht beleuchteten Stadtfelddamm
ein. Rechts lagen Schrebergärten in der Schwärze, links schlecht
beleuchtete Wirtschaftsgebäude der Hochschule. Der Fahrer verlangsamte und
bog auf Jans Befehl in die dritte Zufahrt ein. Er ließ die Seitenscheibe
herunter, als sich eine Gestalt im weißen Kittel näherte. Der Geruch
von reifen Äpfeln und von Fäulnis drang aus den Gärten
herüber.
„Immer ruhig“, brummte der Fahrer. Er hatte
die Pistole bemerkt, die sein Kollege neben ihm schußbereit zwischen den
Schenkeln hielt. In seinem zweiten Rückspiegel, den er so eingestellt
hatte, daß er seine Ladung kontrollieren konnte, sah er nichts
außer einer relativ glatt gezogenen Decke, unter der sich nichts bewegte.
Die weißbekleidete Gestalt trat jetzt in den
Lichtschein einer Halogendampfdrucklampe, der sie in einen schwarz-orangenen
Zombie verwandelte, und kam näher.
„Ihr kommt spät, Kollegen. Wenn der Professor
mir nicht dreimal gesagt hätte, daß er die Präparate morgen
früh auf dem Labortisch haben will, wäre ich längst im Bett.
Jetzt beeilt euch aber!“
Die Stimme gehörte einer nicht mehr jungen Frau,
vermutete der Fahrer. Als die Sprecherin sich durch das offene Fenster ins Auto
beugte, sah er, daß er recht hatte.
„Kann ich die Papiere sehen?“ fragte sie
laut, und dann flüsterte sie kaum vernehmlich ins Innere: „Ihr
transportiert Affenlebern, falls ihr das noch nicht wissen solltet. Hier im
Außenbereich sind überall Kameras und Abhörgeräte. Also
kein falsches Wort!“
Der Fahrer nickte und fingerte ein paar schlecht
gefaltete DIN-A-4-Blätter aus dem Handschuhfach.
„Hier. Alles wie bestellt.“
Er sagte es laut zu den neugierigen Mikrophonen.
Sie gab sich den Anschein, wichtige Dokumente zu
prüfen, und nickte nach einer Weile.
„Gut. Fahrt rein. Ich öffne das Tor.“
Ein solides Stahlrolltor öffnete sich und
verschluckte den Kombi. Langsam und unaufhaltsam schloß es sich wieder.
Der Duft von reifen Äpfeln blieb draußen.
41
Es gab Dinge, die Harry prinzipiell delegierte, aber,
sah er seufzend ein: Nicht immer ließen sich Prinzipien einhalten. Da er
seine Jungs in die Wüste schicken mußte, um sie dem Zorn des Alten
und dem Zugriff des FBI zu entziehen, blieb ihm diesmal wohl nichts anderes
übrig, als selbst den Witwentröster zu spielen. Schließlich
gehörte es zum Service der Firma, das gelungene Produkt wieder der
offiziellen Welt zuzuführen.
Er fügte sich in sein Schicksal und wählte
Pupfishs Nummer.
Unmittelbar nach dem Wählton wurde die Verbindung
hergestellt.
„Oh Reverend, gut, daß Sie anrufen. Ich habe
die ganze halbe Stunde seit unserem letzten Gespräch auf den Knien zum
Herrn gebetet, er möge mich erhören und John gnädig sein. Haben
Sie etwas herausbekommen? Sie haben John doch gefunden, nicht wahr? Geht es ihm
gut?“
Unter dem stoßweisen Schluchzen war Gesas Stimme
kaum zu verstehen.
Harry seufzte. Bedauernd blickte er sich um. Welch
idyllische Oase Blue Lake doch war! Und diesen Ort des Friedens sollte er jetzt
verlassen, um eine verheulte alte Frau in einem gottverlassenen Nest abzuholen
und nach Vegas zu kutschieren! Er
riß sich zusammen und konzentrierte sich aufs Geschäft.
„Mrs. Pupfish? Ich bin nicht Ihr Reverend. Aber
ich weiß, wo Ihr Mann ist. Es geht ihm gut.“
Das war die Wahrheit. Nach einer gemütlichen Runde
um den Golfcourse hatte Harry die Nachricht bekommen, daß John mit einem
neuen Herzen versehen war. Und wohlauf.
„Wer sind Sie?“
Gesa schien plötzlich ernüchtert, von Schmerz
und Sentimentalität befreit.
„Wo ist John?“
Mrs. Pupfish, ich nehme an, Sie wissen, daß Ihr
Mann wegen seiner ... gesundheitlichen Beschwerden mit uns verhandelt hat.
Diese Beschwerden sind jetzt behoben. Leider war das bei Ihnen zu Hause nicht
möglich, deshalb mußte Ihr Mann kurzfristig verreisen. Ich kann Sie
jetzt zu ihm bringen.“
„John hat ein neues Herz?“
Harry seufzte. Frauen wußten einfach nicht, was
man wann und wo sagen durfte und was nicht.
„Ich würde das gern persönlich mit Ihnen
besprechen. Darf ich Sie in einer Stunde abholen?“
Er durfte und machte sich auf den Weg. Je weiter er sich
von Las Vegas entfernte, desto häufiger schüttelte er den Kopf. Er
war noch nie hier gewesen, und er stellte fest, daß das kein Fehler war.
Wie konnte man hier nur leben?
Am Ortseingang von Pahrump bekam er so etwas wie eine Antwort auf seine Frage. Eine