Ingrid Lange

HERZ(ch)EN


1

 

Nur wenige Zentimeter vor seinen Augen wippten die roten Locken. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber er kannte es genau. Seine Erinnerung projizierte blaue Augen unter blonden Brauen, eine ein wenig zu breite, von Sommersprossen überpuderte Nase. Auch der Mund war zu breit - nun ja, ein wenig nur -, aber wie verführerisch  lockten die Lippen!

Er träumte seinen Lieblingstraum: Er lief mit ihr durch die Wiesen und Wäldchen vor der Tür, er hielt ihre Hand, sie lächelte ihn an, lehnte sich an einen Baum, wartete, lächelte. Er kam näher, näher, näher. Er streichelte ihre Arme, ihre Brust, küßte sie. Ihre weit ausgeschnittene Bluse ließ sich leicht von den Schultern streifen. Er...

„Peter!“

Er fand sich in der Wirklichkeit wieder. Zusammen mit achtzehn anderen Schülerinnen und Schülern hockte er in der elften Klasse des Internatsgymnasiums Scheeßel in der Deutschstunde. Seine Angebetete saß immer noch vor ihm, war aber in unerreichbare Fernen gerückt.

„Warum bleibt Möbius freiwillig im Irrenhaus?“

Ja, warum nur? Möbius - das war einer der drei Physiker in Dürrenmatts Komödie. Soviel immerhin hatte er mitbekommen, obwohl er das Stück natürlich nicht gelesen hatte. Er hatte noch nie eine Deutschlektüre gelesen, das wäre gegen seine Ehre gegangen. Warum blieb jemand freiwillig im Irrenhaus? Warum blieb er in diesem Internat? Papa hatte es sich leicht gemacht: Sohn versagt auf einem „ordentlichen“ Gymnasium, ist zu Hause etwas schwierig - schon wird er ins teure ferne Internat abgeschoben. Luxusknast. Was sollte er hier? Warum blieb er freiwillig im Irrenhaus? Um darüber nachzudenken, warum ein anderer, den er nicht kannte und der ihn nicht interessierte, freiwillig im Irrenhaus blieb? Das war ja eine Geschichte aus dem Irrenhaus...

Unwillkürlich mußte er lachen.

„Peter!“ In der ärgerlichen  Anrede schwang kaum hörbar ein besorgter Unterton mit. „Lustig finde ich das überhaupt nicht. Weder kann ich darüber lachen, daß Sie wieder einmal Ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, noch sind Möbius‘ Motive komischer Natur. Ich möchte nach der Stunde mit Ihnen reden. Und jetzt“ - die Lehrerinnenstimme machte eine Pause, die Lehrerinnenaugen suchten einen guten Schüler, mit dessen Hilfe der Stunde noch zum Erfolg verholfen werden konnte -“kann uns hoffentlich Sark weiterhelfen: Warum bleibt Möbius freiwillig im Irrenhaus?“

Felix Sark, der Musterschüler, wußte natürlich alles: „Möbius ist der beste Physiker der Welt. Er hat Naturgesetze entdeckt, mit deren Hilfe die Welt völlig revolutioniert werden könnte. Möbius befürchtet, daß seine Entdeckungen mißbraucht werden, wenn er sie veröffentlicht. Er denkt, die Menschheit sei noch nicht so weit, mit neuen, riesigen Machtmitteln verantwortungsvoll umzugehen. Deshalb will er, wie er sagt, ‚sein Denken zurücknehmen‘, und zieht sich als scheinbar Irrer aus der Welt zurück.“

„Sehr gut!“ sagte die Lehrerin.

„Arschloch!“ dachte  Peter Schrader. Zweifellos meinte er Felix Sark, zum Teil aber auch Möbius und die Lehrerin. Der rote Lockenschopf vor ihm schwenkte zur Seite, ihr Profil erschien. Ihr wunderschönes Profil! Ihr Gesicht, so fand er, war am schönsten, wenn sie lächelte. Jetzt lächelte sie. Sie lächelte an ihm vorbei. Ihr strahlender Blick traf Felix Sark.

„Arschloch!“ dachte Peter Schrader zum zweiten Mal. Und noch etwas schoß ihm durch den Kopf: „Ich muß hier weg!“

2

Meinhard Schrader fürchtete sich. Er haßte dieses Gefühl. Glücklicherweise brauchte er es nur selten zu ertragen. Angst war eine Reaktion auf bevorstehende Situationen, bei denen er möglicherweise nicht alles unter Kontrolle haben würde. Bei der Hauptversammlung der Volkswagen AG bestand diese Möglichkeit, das wußte er nur allzu gut.

Der Name ‚Volkswagen AG‘ war ein Anachronismus. Korrekt hätte der Konzern ‚Volkswagen-Audi-Porsche-Rolls Royce-Nissan-KIA AG‘ heißen müssen, aber dieses Namensmonstrum hatte sich nie durchgesetzt. In anderer Beziehung war alles beim alten geblieben: Der Firmensitz war nach wie vor in Wolfsburg, und immer noch wurden die Autos von Verbrennungsmotoren angetrieben.

Schrader lehnte sich zurück und versuchte sich zu entspannen. Er machte es auf seine Weise. Seine zweite Frau hatte versucht, ihn zu autogenem Training zu überreden, und seine dritte hatte ihn gar für Yoga begeistern wollen. Da er damals verliebt gewesen war, hatte er sich darauf eingelassen; bald aber fand er es lächerlich. Alle Wärme und Energie im Solarplexus zu versammeln oder gar wie in der Turnhalle die Beine ineinander zu verwickeln beziehungsweise auf dem Kopf zu stehen war unter seiner Würde.

Er atmete tief ein und stoßweise wieder aus. Das entspannte und fiel nicht weiter auf - noch nicht einmal Wulfert vorne am Steuer würde es bemerken können. Dabei ging er im Kopf sein selbstgebasteltes Drei-Punkte-Programm durch. Drei positive Aspekte pflegte er sich vor brenzligen Situationen deutlich zu machen, möglichst der jeweiligen Lage angemessen. Er hatte damit gute Erfahrungen gemacht.

Punkt eins: Das Humankapital Meinhard Schrader. Nicht umsonst stand er immer noch täglich vor dem Spiegel und übte Gestik und Mimik für große Auftritte. Das hatte er auf dem Personality-Beratungskurs gelernt, den er vor mehr als zwanzig Jahren besucht hatte. Gutes Geld hatte das gekostet; es hatte sich aber auch gelohnt. Er wußte jetzt, wie er sich am besten verkaufte, und er machte es sich immer wieder bewußt. Offener, direkter Blick. Langsame, aber durchaus raumgreifende Bewegungen.  Aufrechte und zugleich entspannt wirkende Haltung. Und einen Vorrat von Reaktionsmustern, mit deren Hilfe er immer den Eindruck erwecken konnte, Herr der Situation zu sein, weil er durch sie Zeit zum Überlegen gewann.

Punkt zwei: Die wirkliche Selbstsicherheit. Vor ein paar Jahren, nach seiner zweiten Scheidung, hatte er sich in Bad Soden durch die Checkmühle drehen lassen. Es war ein anstrengendes verlängertes Wochenende gewesen: Basisdiagnostik, EEG, Belastungs-EKG, Ultraschall überall und ein komplettes Laborscreening. Danach wußte er Bescheid: Das Ergebnis war gar nicht so schlecht für einen Mann seines Alters - und seiner Lebensweise. Aber das Herz war der Schwachpunkt.

Zuerst war er erschrocken, als er die Resultate hörte und auch gesagt bekam, was das vermutlich für seine Zukunft bedeutete. Bald aber lernte er das Lachen wieder. Er erfuhr eine Menge über die Relief AG und deren Service. Er schloß einen Vertrag ab und fühlte sich seitdem sicher.

Punkt drei: Das akute Problem. Trotz aller Schwierigkeiten hatte die Autoindustrie die Qualitäten eines Stehaufmännchens. Natürlich wußte jeder, daß es zur Normalität gehörte, auf den Straßen zu stehen, anstatt zu fahren. Daß der CO2-Ausstoß des Individualverkehrs den Treibhauseffekt beschleunigte, lernte zu seinem Leidwesen jedes Kind in der Schule. Trotzdem: Der Absatz stieg weiterhin und hielt sich im Rahmen normaler konjunktureller  Schwankungen.

Seine eigentliche Sorge galt nicht dem durchschnittlichen Autofahrer, sondern den Politikern. Ständig lebte die Autoproduktion unter dem Damoklesschwert irgendwelcher Einschränkungen, schlimmstenfalls eines Verbots. Mit Schaudern erinnerte er sich an das Schicksal der Tabakindustrie vor einigen Jahren. Erst Einschränkung der Werbung, dann Werbeverbot, dann zunehmende Rauchverbote bis zur völligen Prohibition.

Vor vier Wochen hatte ihn ein Gespräch mit Innenminister Hinkel jedoch beruhigt. Natürlich hatte er dabei für das passende Ambiente gesorgt.  Hinkel war Feinschmecker wie Schrader auch, und er hatte sich in Paris im „Tour d‘argent“ nicht lumpen lassen. Hummer, Lamm und und ein 2000er Beaujolais hatten sie schnell eine gemeinsame Basis finden lassen. Die Bundesregierung steht fest hinter der deutschen Autoindustrie. Sie wird irgendwelche Einschränkungen nicht zulassen. Das hatte er zwar nicht schwarz auf weiß, aber Hinkel hatte am Ende dieses erfolgreichen Abends einen Scheck eingesteckt, der zumindest eine gewisse Sicherheit garantierte.

Schrader war zufrieden. Den Gedanken, daß letztlich nicht die Bundesregierung über das Schicksal der Autoindustrie entschied, ließ er jetzt nicht aufkommen. Er hatte Selbstzensur gelernt.

Es konnte losgehen.

 

„Es ist offensichtlich, meine Damen und Herren, daß die Ertragslage unseres Unternehmens sich sehen lassen kann. Die Absatzflaute und der Gewinneinbruch der letzten beiden Jahre sind überwunden. Dazu haben unsere Modellneuentwicklungen zweifelsfrei beigetragen. Der „More“ verkauft sich auf den europäischen wie auf den internationalen Märkten blendend. Mit diesem Modell haben wir bewiesen, daß unser Werbeslogan „More is less“ keine leere Versprechung enthält: Dieses Auto bietet bei weniger Verbrauch mehr passive Sicherheit, mehr Platz, mehr Komfort. Wir sind damit der internationalen Konkurrenz, auch der chinesischen, die uns in den letzten Jahren den größten Kummer bereitet hat, wieder eine wichtige Nasenlänge voraus.“

Beifall rauschte auf. Meinhard Schrader nutzte die Gelegenheit für einen Schluck Wasser, bevor er weitersprach.

„Auch für die Zukunft macht sich die Volkswagen AG keine Sorgen. Die fünfte Runde des Lopez-Memorial-Rationalisierungsprogramms, an dem sich die Belegschaft aktiv beteiligt, ist vor wenigen Tagen eingeläutet worden. An ihrem Ende werden wir in der Lage sein, 15 000, vielleicht auch 20 000 Arbeitskräfte freizusetzen. Das wird die Gewinnentwicklung weiter verbessern.“

Der Beifall, der jetzt aufbrandete, hätte Zeit genug gegeben, mindestens zwei Gläser Wasser zu leeren, aber Schrader begnügte sich damit, im Applaus zu baden. Gleichzeitig bereitete er sich auf die schwierige Passage vor, die er jetzt bewältigen mußte.

„Meine Damen und Herren, wie Sie wissen, ist unser Konzern auch in bezug auf die Rahmenbedingungen des Individualverkehrs innovativ. Ein gesamteuropäisches Verkehrsleitsystem, das wir in Zusammenarbeit mit Siemens-IBM entwickeln, ist der Laborphase entwachsen und kann demnächst regional erprobt werden. Dieser Regionaltest dürfte beweisen, daß die sich in letzter Zeit häufenden Störfälle im Reise- und Transportverkehr beherrschbar sind. Wir gehen davon aus, daß nach der Installation der neuen Technologie jeder Verkehrsteilnehmer sein Ziel wieder im Rahmen der Parameter erreichen kann, die das inzwischen Jahrzehnte alte, aber dennoch immer noch bewährte Programm ‚Route 66‘ vorgibt.

Ich danke Ihnen. Für Fragen stehe ich Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.“

Oh nein. Keineswegs stand er selbstverständlich zur Verfügung. Am liebsten wäre er weggelaufen. Am zweitliebsten hätte er gewünscht, beten zu können: ‚Oh Gott, laß niemanden Fragen stellen.‘ Aber beten konnte er schon lange nicht mehr.

„Herr Schrader, ich habe eine Frage. Ich würde gerne wissen, welches Gewicht die Volkswagen AG der Initiative der Gruppe 178 in der UNO beimißt.“

Nun war es also passiert.

„Wie Sie alle wissen, stellt die Gruppe 178 nur etwa ein  Drittel der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Ich möchte keine Wertung vornehmen, erlaube mir aber doch die Bemerkung, daß die Mitglieder dieses übrigens äußerst losen Zusammenschlusses nicht gerade zu den entwickelten Staaten dieser Erde gehören. Wenn die Malediven, Bangladesh und ähnlich unbedeutende Staaten ein weltweites Verbot des individuellen Autoverkehrs fordern, messe ich dem keine Bedeutung bei. Ich frage Sie: Wer in diesen Staaten fährt denn schon Auto?“

Selbst für das dünne Gelächter, das sich aufgrund dieses mageren Scherzes erhob, war er dankbar.

„Es gibt keinen Grund für die UNO, am Status der Volkswagen AG und anderer Autoproduzenten auch nur das Geringste zu ändern. Nicht die Autofahrer ändern das Weltklima, im Gegenteil. Denken Sie daran: ‚More is less‘! Wir leisten unseren Beitrag dazu, daß die Welt lebenswert bleibt - für Bangladeshis wie für deutsche Autofahrer!“

Jetzt war der Beifall wieder dicker. Der Frager gab auf. Niemand wollte mehr wissen. Alle hatten zu hören bekommen, was sie hören wollten. Der Geruch von heißen Würstchen zog durch den Raum. Es war die Zeit für Hot Dogs und Diskussionen über die beste Kapitalanlage.

„Meine Damen und Herren, das Buffet wartet auf Sie!“

Der Saal leerte sich. Schrader klammerte sich ans Rednerpult und spürte sein Herz.

 

3

Gesa Pupfishs Finger zitterten. Das normalerweise sorgfältig frisierte silberne Haar mit dem in Amerika immer noch beliebten Blaustich hing ihr in die Stirn, in die sich die Altersfalten tiefer als sonst einkerbten. Quasi zum Ausgleich traten die Tränensäcke unter ihren Augen, die sie sonst sorgfältig wegschminkte, deutlich hervor.  Gesa Pupfish war 55 Jahre alt, und die schlaflose Nacht steckte ihr in den Knochen. Und die Angst. Daran hatte auch der Whisky nichts ändern können, den sie entgegen ihrer Gewohnheit schon am Vormittag getrunken hatte.

Seit einer halben Stunde starrte sie auf das Telefon. Sie hatte keinen Mut. Aber es mußte sein.

1-800-800-800.

Die Verbindung kam sofort zustande.

„Relief AG, guten Tag. Mein Name ist Jill Klein. Wir machen alles für Sie möglich. Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Ich...ja...guten Tag. Ich...ich rufe wegen meines Mannes an. Ich habe hier Ihren...Ihren Katalog vor mir. Das klingt ja alles ganz schön und gut, was Sie da schreiben, aber es stehen keine Preise drin.“

Die Stimme versagte ihr.

„Wir behandeln unsere Klienten ganz individuell. Preisangaben wären deshalb nutzlos. Am besten sagen Sie mir einfach, woran Sie interessiert sind.“

„Ihr Produkt Nr. 1 - mein Mann hätte Interesse daran. Er ist 59 Jahre alt, fast 60. Und er bräuchte es bald.“

„Ein Dringlichkeitsfall - kein Problem. Relief hat immer frische Ware, aber natürlich erhöhen sich unsere Kosten, wenn wir die Lieferung eines Produktes nicht mit den anderen Waren verbinden können, die sich jeweils zusammen in einer Funktionseinheit befinden. Warten Sie - ich schaue gerade im Computer nach. Produkt Nr. 1 - morgen geliefert - das wären 1.5 Millionen $. In drei Tagen kommt Sie die Angelegenheit günstiger: Nur noch 1.2 Millionen $. Ach ja, und hier sehe ich etwas ganz Interessantes: Wenn Sie vier Wochen warten können, wird Relief Sie für 750000 $ bedienen. Selbstverständlich sind das Komplettpreise: Stationäre Behandlung, Transplantation und Nachsorge eingeschlossen.“

Die freundliche Telefonstimme verstummte. Auch Gesa schwieg. Die Summen, die sie gerade gehört hatte, verschlugen ihr den Atem. Sie übertrafen ihre schlimmsten Befürchtungen.

„Hallo, sind Sie noch da?“ Jill Klein.

„Ja...nein“, stammelte sie. „Das ist ziemlich viel Geld. Geht es denn nicht billiger?“

„Relief“, flötete Jill, „orientiert sich an höchsten Qualitätsstandards. Wir garantieren Ihnen absolute Organverträglichkeit ohne jegliche Abstoßungsprobleme. Bei angemessener Lebensweise des Klienten garantieren wir eine Produkthaltbarkeit von fünfzehn Jahren. Hunderttausende von zufriedenen Klienten bestätigen uns, daß das seinen Preis wert ist.“

„Vielleicht haben Sie recht“, sagte Gesa. „Aber darüber muß ich denn doch noch einmal nachdenken. Erstmal vielen Dank.“

Sie beendete die Verbindung und schloß die Augen. Eine sechsstellige Zahl tanzte in ihrem Kopf. 750000 $. Das war alles, was sie hatten. Die Ersparnis eines langen gemeinsamen Lebens. John und sie hatten das Geld ihren beiden Töchtern vererben wollen. Und selbst wenn - wenn sie das Geld für John ausgaben, um ihn zu retten: Hatten sie noch vier Wochen Zeit?

„Gesa?“ Schwach drang die Stimme aus dem Nebenzimmer. Sie riß sich zusammen und ging hinüber zu ihm. Er saß aufrecht im Bett, gestützt von drei Kissen, die sich hinter seinem Rücken bauschten. Auf seiner Stirn glänzte ein Schweißfilm.

„Ja, John?“

„Mit wem hast du telefoniert?“

Er durfte sich auf keinen Fall aufregen. „Mit der Werkstatt“, antwortete sie. Ihre Stimme klang ganz ruhig. „Die nächste Inspektion ist überfällig. Ich habe gefragt, was es kosten wird. Unverschämte Preise haben die.“

„Mach dir nichts draus“, sagte er. „Alles wird eben teurer. Und Geld haben wir schließlich.“

Für ein Auto schon, schoß es ihr durch den Kopf. Aber nicht für ein Herz.

„Recht hast du!“ bestätigte sie und streichelte seine Hand. „Wie wär‘s - möchtest du jetzt etwas essen?“

 

 

4

 

Jill Klein in der Hauptniederlassung des Konzerns in Chicago ließ sich ihre gute Laune nicht dadurch verderben, daß ihr letztes Verkaufsgespräch nicht zum Erfolg geführt hatte. Die meisten Kunden waren zunächst verschreckt von den Summen, die sie ihnen nannte, aber ungefähr jeder vierte meldete sich wieder und schloß einen Vertrag mit der Relief AG ab. Jill interessierte nicht, woher sie das Geld hatten. Wichtig war nur, daß für sie jedesmal eine dicke Provision abfiel.

Jetzt wollte sie ihre Mittagspause genießen. Natürlich nutzte sie dafür die Angebote der Firma. Warum sollte sie auch die riesigen Unternehmensgebäude verlassen und sich der schlechten Außenluft aussetzen, wenn sie drinnen alles an Komfort und Unterhaltung haben konnte, wonach sie begehrte?

Nach einem leichten Lunch - sie hatte den Salade Niçoise gewählt, alles treibhausgewachsen aus garantiert genmanipuliertem Anbau - schwankte sie einen Augenblick.

Sollte sie ein halbes Stündchen im Naturcenter auf der Herbstwiese unter der Septembersonne relaxen? Natürlich war auch in der Realität September. Relief paßte die firmeneigenen Erlebnislandschaften immer der jeweiligen Jahreszeit an. Aber draußen jagte eine Staffel nicht enden wollender Tiefs Regenschauer durch die Straßen. Relief machte die Wirklichkeit einfach schöner.

Sie entschied sich gegen diese Möglichkeit. Obwohl sie schon zwei Jahre bei Relief arbeitete, faszinierte sie das PR-Programm noch immer. ‚See and live Relief‘. Verglaste Korridore führten durch alle Bereiche - nun ja, durch fast alle Bereiche - des riesigen Gebäudekomplexes. Jedermann und jedefrau konnten sie zu jeder Zeit betreten (nach einem kurzen Body- und Psychocheck, versteht sich) und sich ein Bild von der Arbeit der Firma machen.

Immer wieder hatte Jill Spaß am Bummel durch die Guckkastengänge. Zunächst passierte sie verständnislos wie stets die Bronzetafel, die am Eingang des Besucherparcours hing:

‚Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen,

 ein Bild, das uns gleich sei,

die da herrschen über die Fische im Meer

und über die Vögel unter dem Himmel

und über das Vieh

und über die ganze Erde

und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.‘

Ebensowenig würde sie die Tafel am Ende des Rundgangs verstehen:

‚Und Gott sah an alles,

was er gemacht hatte,

und siehe da,

es war sehr gut.‘

Wer war Gott? Aber eigentlich war ihr das egal - wichtig war, der Produktion von Menschen zuzusehen. Niemand konnte das besser als Relief, fand sie.

Durch die Brutsäle ging sie schnellen Schrittes. Als sie sie zum ersten Mal gesehen hatte, war sie enttäuscht gewesen. Das purpurrote Licht, die Feten in ihren langsam rotierenden Flaschen, die Laborassistentinnen, die hier und da Injektionen verabreichten - das alles kannte sie. Sie hatte davon schon in der Schule gelesen. Wäre jetzt noch der Brut- und Normdirektor mit einem Schwarm von Erstsemestern im Schlepptau erschienen, der den wißbegierigen Studenten das Einmaleins der Menschenzucht erklärte, hätte sie wirklich geglaubt, in Huxleys Roman von der schönen neuen Welt gelandet zu sein.

In ihren Tagträumen versetzte sie sich manchmal in die Rolle des Guide-girls.

„Meine Damen und Herren! Vielleicht kommt Ihnen das Ambiente hier bekannt vor. Embryonen in Flaschen hat Huxley schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben. Aber der äußere Schein trügt: Hier ist alles ganz anders! Huxley hat sich das Bokanovskyverfahren ausgedacht - welch abstruse Idee! Welche Unvollkommenheit! Eine befruchtete Eizelle sollte zur Spontanteilung veranlaßt werden, damit bis zu 96 identische Mehrlinge entstehen konnten. Schön und gut. Aber Huxleys Mehrlinge waren immer noch das Produkt des evolutionären Spiels, des Zufalls. Erst nach der Befruchtung der Eizelle konnten Huxleys Brutingenieure versuchen, die Natur zu beeinflussen. Sie gaben Alkohol ins Blutsurrogat zur Senkung der Intelligenz, oder sie organisierten ein Hitze- oder Kältetraining.

Relief dagegen garantiert Reinheit: Beim Kloning kommt nur raus, was auch drin ist. Jede Erbinformation ist vor der Produktion bekannt und wird bei Bedarf den gewünschten Eigenschaften angepaßt.

Relief produziert Perfektion, keine Gammas, Deltas oder gar Epsilons. Jede Relief-Einheit beherbergt perfekte Produkte: Herzen, Lebern, Nieren, Gallenblasen, Lungen, Hüftgelenke, Oberschenkelknochen, Ellen, Speichen, Augen, Innenohrorgane, Knie und und und. Jedes menschliche Organ, das Sie wünschen.“

Das war ihr Einführungsvortrag bei der Geburtsstation. Den nächsten Stop würde sie bei den Dreijährigen machen.

„Diese Kinder sind gerade drei Jahre alt geworden. Sie brauchen nicht zu zählen: Es sind genau 1000. Es gibt noch neunzehn weitere Säle. Relief verfügt also über 20000 Dreijährige - das wird nach den Berechnungen unserer Firmencomputer den US-Bedarf in siebzehn Jahren decken.

Fällt Ihnen auf, daß jedes Kind einen großen Gummiball bei sich hat? Ja? Dieser Ball ist seine Mutter. Um der psychischen Verkümmerung vorzubeugen, hat Relief dem menschlichen Genom ein Hühnergen hinzugefügt. Die Kleinen reagieren deshalb wie Vögel: Das erste, was sie bewußt wahrnehmen, wird zu ihrer Bezugsperson. Jedes Kind hat also seine Mutter und ist deshalb glücklich.

 Wie bitte? Sie meinen, die Mutter sei stumm? Ja, natürlich ist sie das. Aber unsere Produktionseinheiten müssen schließlich auch nicht sprechen lernen. Sie müssen ihre Muskeln trainieren, damit sie funktionsfähig sind. Im weiteren Verlauf unseres Rundganges werden sie bemerken, daß Relief viel in die körperliche Fitneß seiner Produkte investiert. Unsere Sportprogramme sind vorbildlich. Lassen Sie uns weitergehen - wir haben noch viel zu sehen!“

Jill als Fremdenführerin sah ebenso auf die Uhr wie Jill als Jill. Die echte Jill entdeckte, daß ihre Mittagspause vorbei war.

Schade - also kein Stop bei den Zehnjährigen, die um diese Tageszeit Volleyball spielten, oder bei den Siebzehnjährigen, die ihr Masturbationstraining erhielten. Die Relief-Psychophysiologen hatten festgestellt, daß dieses Training sowohl den Allgemeinzustand der Probanden verbesserte als auch deren Neigung zu Widerstand deutlich reduzierte.

Weiter hätte sie leider sowieso nicht führen können, selbst wenn sie Zeit gehabt hätte. Die ältesten der massenhaft produzierten Funktionseinheiten von Relief waren 17 Jahre alt, also noch drei Jahre von der Organreife entfernt. Jill seufzte. Im Moment mußte die Firma bei ihren Lieferungen noch auf aufwendig produzierte Einzelexemplare zurückgreifen, die ihren Preis hatten.

Sie kehrte um und wanderte wieder in Richtung ihres Telefons. Macht nichts, tröstete sie sich. Als Fremdenführer bei Relief bekommt man keine fette Provision, sondern höchstens ein mageres Trinkgeld.

 

 

5

 

John Pupfish lenkte seinen Chrysler Benz Desert Blaster durch Pahrump. Das Thermometer zeigte am späten Vormittag  78° Fahrenheit, und eine aus der Wüste kommende frische Brise ließ Tumbleweeds über die breiten, leeren Straßen tanzen. Für September war die Temperatur kühl und nach dem vergangenen Sommer ein wahres Labsal. Seit Jahren wurde es kontinuierlich wärmer, und in den letzten Monaten hatte die Sonne aus dem Süden Nevadas einen glühenden Backofen gemacht.

Trotz der angstbesetzten Nacht fühlte er sich gut. Die Herzbeschwerden waren wie weggeblasen. Er konnte wieder an etwas anderes denken als an sich und sein kostbares Leben. Er führte sogar ein kindisches Selbstgespräch:

„Warum heißt du Pupfish, Pupfish? Weil Pupfische im Death Valley überleben können in einer Lake, die zehnmal salzhaltiger ist als der Ozean. Ein Pupfish ist nicht umzubringen!“

Er warf einen Blick in den Rückspiegel und grinste sich zu. Wie ein Fisch sah er gerade nicht aus. Fische mit Halbglatze gab es nicht, soweit er wußte. Wohl aber Fische mit kantigem Schädel und faltigen Hängebacken - das paßte wieder. Aber existierten Fische mit Übergewicht?

Er gab das Spiel auf und konzentrierte sich auf die Umgebung. Er liebte Pahrump. Er war hier aufgewachsen, hatte immer hier gelebt. In seiner Kindheit war die Stadt natürlich viel kleiner gewesen, und auch die Selbstschußanlagen zur Abwehr unerwünschter Eindringlinge waren noch nicht installiert. Kurz nachdem er sein Geschäft gegründet hatte, erlebte der Ort einen Boom, der Pupfish zu Wohlstand verhalf, leider aber nicht lange anhielt. Danach versank die Stadt wieder in Schlummer.

In keiner Stadt der Welt, dachte er beim Fahren, kann man so billig Reklame machen wie hier. Riesige Stelltafeln für Werbung säumten die Straßen. Die meisten warben dafür, daß man auf ihnen werben konnte.

Pahrump war groß. Natürlich war es nicht Los Angeles, aber seine Häuser bedeckten eine beeindruckende  Fläche. Die meisten davon standen leer. Es waren Mobilhomes, die verkauft werden wollten.

In Pahrump, so scherzte er gerne, kann jeder zwei Häuser bewohnen. Und es ist verdammt unwahrscheinlich, daß er je aus einem hinausgeworfen wird, fluchte er heimlich weiter. Denn die großen Straßen schlugen einen weiten Bogen um Pahrump, in dem sich aus unerfindlichen Gründen Dutzende von Mobilhomeverkäufern angesiedelt hatten. Ähnlich zahlreich waren die Kirchen in dem Ort.

Es hätte dem Ansehen des Baptisten und Mobilhomehändlers John Pupfish entschieden geschadet, wenn man ihn öffentlich hätte fluchen hören. Auch für das Ansehen des Mitglieds des Lions Clubs John Pupfish wäre ein solches Verhalten sehr rufschädigend gewesen.

Nach einer kurzen Visite in seinem Büro - natürlich war niemand dagewesen, der sich für den Erwerb eines Mobilhomes interessierte -  steuerte er das Saddle West Hotel and Casino an. Auch gastronomisch hatte Pahrump wenig zu bieten. Der Lions Club hatte sich zusammen mit den Rotariern das erste Haus am Platze - insgesamt gab es drei Restaurants - für seine wöchentlichen Zusammenkünfte auserkoren. Die Lions trafen sich jeden Dienstag um 11.45 a. m. Die Rotarier mittwochs um 1.15 p.m. Heute war Dienstag.

Er parkte, stieg aus und betrat den Clubraum. Bis auf Bill Faulkner war noch niemand da. Kein Wunder - er war zu früh gekommen. Aber das störte ihn nicht. Er mochte Bill.

„Hallo, alter Junge, schön, dich zu sehen! Leistest du mir Gesellschaft?“ Einladend schwenkte Bill sein Whiskyglas.

Bedauernd verzog John sein Bulldoggengesicht. Die Tränensäcke über den schlaffen Wangen hatten in den letzten Monaten zugenommen und gaben ihm mehr denn je das Aussehen eines sowohl beißwütigen als auch traurigen Hundes.

„Danke, nein!“ sagte er. „Laß es dir schmecken. Ich vertrage das Zeug nicht mehr so gut wie früher. Vor allem nicht tagsüber. Mein Herz meldet sich manchmal. Ich hole mir ein Mineralwasser.“

Als er von der Bar zurückkam, war Bill noch immer allein. John setzte sich zu ihm und prostete ihm zu, aber Bill erwiderte die Geste nicht. Stattdessen sah er John nachdenklich an.

„John, alter Junge“, begann er. „Wir kennen uns schon lange. Deshalb, denke ich, kann ich offen zu dir sein. Du siehst nicht gut aus, wenn ich das mal vorsichtig formulieren darf. Was ist los mir dir?“

John zuckte die Schultern. „Die Pumpe muckt halt ab und zu. Ich schlafe dann schlecht, habe manchmal Atemnot. Das macht mir wohl zu schaffen.“

John war ein echter amerikanischer Mann. Er hatte also gelernt, daß Männer ihre Gefühle nicht zeigen und schon gar nicht weinen. Aber jetzt war ihm zum Heulen zumute. Die gute Laune war verflogen. Gesa konnte er seine Schmerzen und seine Angst nicht gestehen. Er wußte, welche Sorgen sie sich um ihn machte, obwohl er so viel wie möglich von seinem Zustand vor ihr zu verbergen versuchte. Am liebsten hätte er sich Bill anvertraut, aber er hatte noch nie einem Menschen wirklich von sich erzählt und wußte gar nicht, wie er das anstellen sollte.

In unbewußter Verzweiflung krallten sich seine Finger um sein Wasserglas. Scheinbar beiläufig streifte Bills Blick seine Hand.

„Warst du schon beim Doc?“ fragte er im Plauderton.

Vor einem halben Jahr hatte John Pupfish wegen seiner Beschwerden einen Arzt konsultiert, allerdings nicht in Pahrump. Er kannte dieses Nest und wollte allem Gerede vorbeugen - ärztliche Schweigepflicht hin oder her. Er war die 70 Meilen nach Las Vegas gefahren und hatte sich durchchecken lassen - mit deprimierendem Ergebnis.

Am liebsten hätte ihn der Arzt, der ihn für dringend behandlungsbedürftig erklärt hatte, gleich dabehalten. Bettruhe hatte er ihm verordnen wollen, und keine Aufregung. Das sei die zweitbeste Lösung und für John billig - seine private Krankenversicherung würde die Kosten übernehmen. Die beste Lösung aber sei eindeutig ein neues Herz.

John hatte den Kopf geschüttelt, aber der Arzt hatte ihm trotzdem einen Werbeprospekt der Relief AG in die Hand gedrückt. Ungelesen landete die Reklame im erstbesten Papierkorb, den John nach dem Verlassen des Sprechzimmers erblickte. Zwar wußte er nichts Genaues, aber er hatte schon viel von den Preisen der Relief gehört. Wenn er Gesa den Lebensabend sichern und seinen Kindern etwas vererben wollte, konnte er sich die nicht leisten.

Mechanisch antwortete er: „Klar. Ich soll mich schonen, hat der Doc gesagt. Nicht so viel arbeiten. Also werde ich in Zukunft nicht mehr zwanzig Mobilhomes am Tag in der prosperierenden Geschäftsstadt Pahrump verkaufen.“ Selbst der müde Scherz kostete ihn Mühe und verursachte in seiner Brust einen sanften, aber spürbaren Stich.

Kaum merklich schüttelte Bill den Kopf. Er fühlte die Lüge, aber er war ebenso gefühlsfeindlich erzogen worden wie John.

„Das dürfte also kein Problem sein“, meinte er betont heiter. „Du wirst dich hier bestimmt nicht überarbeiten. Gut, daß du keine neue Pumpe brauchst“, fuhr er beiläufig fort. „Das könnte teuer werden!“

„Ja?“ Auch John bemühte sich, gleichgültig zu erscheinen. „Wie teuer denn?“

„Ich weiß nichts Genaues.“ Bill räkelte und streckte sich. Unter dem T-Shirt zeichnete sich sein durchtrainierter Oberkörper ab.

Kein Wunder, dachte John. Der braucht kein neues Herz. Warum sollte er sich um die Preise dafür kümmern?

„Aber die Mafia macht es erheblich billiger als Relief.“

John hatte Mühe, weiterhin uninteressiert zu tun.

„Die Mafia?“

„Ja, die Organmafia. Hast du noch nie davon gehört? Na, du bist aber naiv! Glaubst du,  Camorra und Cosa Nostra haben sich aufgelöst, bloß weil seit zwanzig Jahren alle Drogen legalisiert sind? Die verdienen weiterhin ihr Geld! Jetzt verkaufen sie eben Ersatzteile. Sie züchten keine Organbanken, weil das viele Investitionen erfordert. Sie stehlen sie und brauchen sie danach nur noch zu verwerten. Das senkt die Kosten - auch für die Käufer.“

„Gut, ich bin naiv. Davon wußte ich wirklich nichts. Und - stehen die im Telefonbuch?“

„Alter Junge, ich habe den Whisky getrunken, nicht du. Wie stellst du dir das vor? Mafia Inc., Pahrump, als Eintrag?“

„Wie kommt man dann an sie ran?“

„Keine Ahnung. Vielleicht riechen sie potentielle Kunden und nehmen ihrerseits Kontakt auf. Ich habe jedenfalls mit denen noch nichts zu tun gehabt.“

Du Glücklicher, dachte John. „Ich brauche sie auch nicht“, sagte er laut.

Lüge, Lüge, Lüge, gellte sein Hirn.

Die Tür öffnete sich, die übrigen Lions strömten geschlossen herein.

Es war Zeit zum Lunch.

6

In den angerosteten Öltonnen glosten die Feuer, genährt von abgelaufenen Schuhsohlen, die ehemals Autoreifen gewesen waren und jetzt endgültig zu nichts mehr taugten. Das stank zwar, aber sie hatten sich ohne Probleme daran gewöhnt. Schließlich entließen die Müllkippe und der Slum gleich daneben, aus dem die meisten von ihnen stammten, auch nicht gerade Wohlgerüche. Die anderen waren noch nicht dahinter gekommen, daß sie sich abends bei den Gummifeuern trafen. Die dachten wohl, sie würden den Gestank nicht aushalten.

Aber sie hielten viel aus. Sehr viel.

Vor drei Tagen hatte Pablo festgestellt, daß der Gummigestank die Wirkung des Leims verstärkte. Sie schnüffelten Klebstoff, wann immer sie sich ihn leisten konnten. Seit Pablos Entdeckung hockten sie sich mitten in den Rauch.

Pablo war der Jüngste in der Bande. Für seine acht Jahre war er viel zu klein. Er sah aus wie fünf oder sechs, und seine großen grünen Augen schienen die Hälfte seines Gesichts auszufüllen. Das verlieh ihm den Anschein völliger Hilflosigkeit.

Vielleicht hatte Marco deshalb beschlossen, ihn zu adoptieren.

Marco war der Chef der Gang. Niemand wagte es, ihm zu widersprechen. Hier draußen auf der Straße war kein Platz für Demokratie. Also hatte es auch in Pablos Fall keine Widerworte gegeben, obwohl der Kleine wirklich nicht zu ihnen zu passen schien. Zehn Große waren sie, alle zwischen vierzehn und siebzehn Jahren alt. Sie waren stark, denn Körperkraft war eine notwendige Bedingung ihres Überlebens. Manchmal klappte es auch mit List, aber das war weniger sicher. Am besten war beides.

Pablo war nicht kräftig, das war klar, und listig, so wie sie es verstanden, war er auch nicht. Er war nicht einfach nur schlau. Der Kleine konnte sich nicht nur aus brenzligen Situationen herauswinden, er konnte auch Situationen so vorplanen, daß sie erst gar nicht brenzlig werden konnten. Zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Pablo war wirklich intelligent, und das machte ihn zu einem wertvollen Mitglied der Gang. Die Großen hatten gelernt, ihn als Gleichberechtigten zu akzeptieren.

Heute Abend war es beinahe gemütlich. Sie nannten das: „Es ist okay.“ Die Streifzüge des Tages hatten dafür gesorgt. Es gab ein Abendessen aus Joghurt, Bananen und Bratenresten, alles frisch aus dem „Mülltonnensupermarkt“, wie sie das nannten. Tonio, genannt Ben Johnson, weil er so schnell rennen konnte, hatte zwei gar nicht schlecht gefüllte Geldbörsen abgegriffen und mit deren Inhalt Leim, Zigaretten und Tequila gekauft.

Alle hockten sich um den reich gedeckten Tisch und schlangen ihren Anteil hinunter. Auch wenn sie sich hier und heute abend relativ sicher fühlten und wußten, daß sie einander vertrauen konnten - sie hatten es nie gelernt, etwas zu genießen. Gefahren lauerten überall: in Gestalt der blutrünstigen Wachhunde, die sich die reichen Villenbesitzer hielten, oder in Gestalt der Polizei, von der sie Verhaftung, Prügel und Vergewaltigung  zu befürchten hatten. Dabei war es gleichgültig, ob sie ins Gefängnis oder ins sogenannte Erziehungsheim transportiert wurden - beides war gleich schlimm.  Die größte Gefahr aber drohte von den Todesschwadronen. Das waren  Mörderbanden, die Straßenkinder jagten. Alle zusammen waren sie „die anderen“.

Es war besser, etwas im Magen zu haben vor der nächsten Überraschung.

Nachdem Marco seine Verdauungszigarette gepafft hatte, streckte er seine langen Beine wohlig von sich und griff nach einer der bereitstehenden Tüten. Die anderen taten es ihm nach. Sie hatten nur auf sein Signal gewartet.

„Leute, dröhnt euch nicht völlig zu!“ mahnte Marco. „Sniffen oder saufen - entscheidet euch! Die anderen schlafen nicht, die warten nur auf leichte Beute.“

Paco stellte daraufhin seine Tüte wieder zurück. Er hatte auf einen Vollrausch gehofft, aber wenn er sich entscheiden mußte, nahm er den Tequila. Der Lösungsmittelrausch verflog zu schnell. Heute nacht wollte er vergessen. Der Typ, dem er nur angeboten hatte, ihm den Schwanz zu lutschen, hatte Dinge von ihm verlangt...Er hätte immer noch kotzen können. Bevor Marco ihm die Tequilaflasche aus der Hand schlagen konnte, war sie halb leer.

„Du sollst dich nicht volldröhnen, habe ich gesagt!“ fauchte er. Paco duckte sich, als erwarte er Schläge. Aber Marco hatte sich schon wieder beruhigt.

„Was war denn los?“ fragte er.

„Ach, nichts.“ Paco schluckte. „Nur so ein Typ...“

Marco legte den Arm um ihn. „Ist schon gut. Komm, schlaf heute bei mir. Wir sollten jetzt alle schlafen,“ fuhr er lauter fort. „Morgen wartet ein neuer wunderschöner Tag in der Stadt der guten Lüfte auf uns. Dafür müssen wir fit sein!“

Der Kreis zerfiel in Gruppen von zweien, dreien oder vieren. Aus obskuren Winkeln wurden Pappkartonreste gezerrt, die den Dienst von Matratzen tun sollten. Sie kuschelten sich aneinander. In der warmen Subtropennacht bestand nicht die Gefahr zu frieren, aber es war gut, die Tröstung der anderen Körper zu spüren.

Als sie die Augen geschlossen hatten, sahen sie aus wie verletzliche Kinder.

 

 

7

 

Er war stolz darauf, sich nicht zum Affen gemacht zu haben. ‚Ich möchte nach der Stunde mit Ihnen reden!‘ Was bildete diese Ziege sich eigentlich ein? Es war sein gutes Recht, ein schlechter Schüler zu sein. Schließlich zahlte sein Vater ziemlich viel Geld an Scheeßel. Wovon wurde die Tussi denn bezahlt, wenn nicht davon?

Zusammen mit den anderen hatte er den Klassenraum nach der Stunde verlassen und war in sein Zimmer gegangen. „Eigenarbeit“ war nach dem Internatsplan zu dieser frühen Nachmittagsstunde vorgesehen. Das hätten die wohl gerne - wenn er jetzt in der Bibliothek säße, „Die Physiker“ läse oder nach Sekundärliteratur suchte und am nächsten Tag im Unterricht seine Scharte von heute auswetzte. Er dachte nicht daran. Solange Papa zahlte, würden die hier alle Pfötchen machen wie Mamas Pudel seligen Angedenkens.

Er hatte das dämliche Vieh sogar gemocht. Obwohl es nichts anderes tat, als dumm mit seinem kupierten Schwanz durch die Wohnung zu stolzieren und ‚Pfötchen zu machen‘. Dafür hatte Mama es immer gestreichelt. Manchmal hatte er sich gewünscht, der Pudel zu sein.

Das war lange her. Mama war weg. Mama war in Papas Leben schon Mama Nummer zwei gewesen, und nach ihr kam Mama Nummer drei. Mit der war er noch halbwegs ausgekommen. Als aber auch Mama Nummer drei verschwand und von Mama Nummer vier abgelöst wurde, war er ausgetickt. Diese sogenannte Journalistin! Bloß weil sie für eine bescheuerte Boulevardzeitung eine Kolumne schreiben durfte, hielt sie sich für intellektuell und meinte, ihn erziehen zu müssen! Zugegeben, er war nicht charmant zu ihr gewesen. Daß er ihr Salz statt Zucker in den Kaffee getan hatte, hatte Papa ihm noch verziehen. Aber bei der Sache mit dem Modellkleid war es vorbei. Ihr neuester Fummel. Vermutlich sündhaft teuer. Er hatte ihn zerschnitten und mit in die Schule genommen, als Putzlappen für den Kunstunterricht.

Zwei Tage später war er in Scheeßel.

SCHEIßE.

Er rollte sich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Es klopfte.

„Verpißt euch, ich will schlafen!“

„Peter!?“

Auch das noch. Seufzend rollte er sich vom Bett und öffnete die Tür. Er wußte, wer davorstand.

„Ja?“

„Ich wollte nach der Stunde mit Ihnen reden, habe ich gesagt. Aber wenn der Prophet nicht zum Berg kommt...“ Offensichtlich erwartete sie, daß er mit diesem Halbsatz etwas anfangen konnte. Er konnte nicht und zuckte die Schultern. Gleichzeitig hob sie die ihren. Wohin nur driftete diese Gesellschaft, wenn die Jugend nicht einmal mehr die einfachsten...Sie nahm sich zusammen.

„Darf ich reinkommen?“

Er zuckte die Schultern und gab den Weg frei. Reste von Erziehungsbemühungen zeigten Wirkung: „Setzen Sie sich doch!“ Er räumte einen Haufen Krimskrams von dem einzigen Sessel des Zimmers und setzte sich selbst aufs Bett.

„Was kann ich für Sie tun?“ Es klang nicht so großartig, wie er gehofft hatte.

„Ich möchte eigentlich nur wissen, was mit Ihnen los ist.“ Sie hatte sich in den Sessel fallen lassen und die Beine übereinandergeschlagen. Dabei war ihr Rock zurückgerutscht, und sie machte keine Anstalten, ihn zurechtzuziehen. Ganz ordentliches Fahrgestell, stellte er überrascht fest. Wenn sie vor der Klasse stand, fiel das überhaupt nicht auf.

„Was soll schon mit mir los sein?“

Zwar paßte er normalerweise in der Schule nicht auf, aber immerhin hatte er mitbekommen, daß es eine geschickte Strategie war, in unangenehmen Auseinandersetzungen mit Gegenfragen zu antworten. Schade nur, daß er es mit seiner Deutschlehrerin zu tun hatte - der Trick verfing nicht.

„Daß sie verknallt sind, sehe ich. Ines' rote Locken haben es Ihnen ersichtlich angetan. Dagegen habe ich nichts - das ist in Ihrem Alter ganz normal. Aber etwas anderes ist nicht normal. Warum versucht ein junger intelligenter Mann wie Sie, seine Denkfähigkeit so völlig zu verstecken?“

„Sie halten mich also für intelligent?“ Seine Augen konnten sich nicht von ihren Beinen lösen.

„Nun lassen Sie doch die blöden Spielchen!“ sagte sie ärgerlich. „Auch Deutschlehrerinnen dürfen hübsche Beine haben, ob Sie‘s glauben oder nicht.“ Damit brachte sie ihn zum Erröten. „Ihre Taktik mit den Gegenfragen sollten Sie gegenüber jemandem anwenden, der keinen Rhetorikunterricht erteilt. Ich möchte eine ernsthafte Antwort von Ihnen: Was ist so schlimm daran zu lernen?“

Zu seinem Entsetzen stellte er fest, daß ihm auf diese Frage keine elegante Floskel einfiel. Er fühlte sich ertappt, denn natürlich machte es ihm Spaß, etwas zu wissen, mitreden zu können. Er war verunsichert und überlegte sich seine Antwort nicht.

„Nichts ist schlimm daran. Aber wozu ist es gut?“

Diesmal rügte sie seine Gegenfragen-Taktik nicht. Es wäre ihr zu billig erschienen. Obwohl sie keine überzeugende Antwort fand, wußte sie, daß sie eine Pause jetzt nicht zulassen durfte. Das hätte er zu Recht als Unsicherheit gedeutet.

Also begann sie und merkte mit jedem Satz, wie hohl das alles klingen mußte, was sie ihm antwortete:

„Bildung ist zunächst einmal etwas sehr Egoistisches, etwas für jeden selbst. Es macht den Menschen reif, wenn er auf der Basis von Kenntnissen Urteilsfähigkeit erwirbt. Wie wollen Sie verantwortungsvoll handeln, wenn Sie sich der Tragweite eventueller Entscheidungen nicht bewußt sind? Sie sind hier auf einem Gymnasium, hier wachsen künftige Studenten heran. Sie werden einmal zu den Entscheidungsträgern unseres Landes gehören. Sie...“

„Hören Sie doch auf!“ unterbrach er sie. „Ich kann das Gesülze nicht mehr hören! Soll ich Ihnen mal erzählen, wie meine Zukunft aussieht? Ich habe da ein hervorragendes Vorbild: meinen Vater. Der verkauft Autos. Und wenn er keine Autos mehr verkauft, ist er weg vom Fenster. Also schert es ihn  einen feuchten Dreck, ob Autos gut oder schlecht sind. Er verkauft sie. Basta. Und so machen das alle Leute, die Sie die Entscheidungsträger unseres Landes nennen. Sie verkaufen etwas an die zwanzig Prozent der Menschen, die es sich noch leisten können, etwas zu kaufen. Die anderen achtzig Prozent kümmern sie überhaupt nicht. Und Sie erwarten ernsthaft, daß ich mich mit den „Physikern“ auseinandersetze und mir Gedanken über die Verantwortung des Wissenschaftlers mache, um einmal so etwas werden zu können?“

Lange lastete das Schweigen nach diesem Ausbruch. Er hatte hinreichend Zeit, ihre Beine zu studieren.

„Nein“, versuchte sie es schließlich. „Aber...“

„Sie gehen jetzt besser“, meinte er. „Ich habe heute Nachmittag noch nichts gearbeitet. Vielleicht beschäftige ich mich ja doch noch ein wenig mit Möbius.“

Sie war dankbar für die Brücke, die er ihr gebaut hatte, und verabschiedete sich. Er lauschte ihren Schritten auf dem Flur. Nette Beine in netten High Heels, dachte er. Und: Im 19. Jahrhundert wäre sie gut aufgehoben. Andererseits, fiel ihm ein, wurde damals noch den Frauen die Denkfähigkeit abgesprochen.

Er schob den Gedanken an sie weg und begann zu kramen. Er suchte seinen Rucksack.

 

 

8 

 

Es ist verblüffend, daß der Sitz der Vereinten Nationen sich immer noch in New York befindet. Er ist eine kleine Insel der Sicherheit in gepflegten Gebäuden inmitten einer Umgebung, die stetig weiter verslumt.

Nach einem Seifenblasenboom in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt rasch zu verfallen begonnen. Die Bürotürme Manhattans verwaisten - die Arbeit der Clerks erledigten jetzt Jobsklaven in Indien, Indonesien und anderen Billiglohnländern, online verbunden mit den Zentralen ihrer multinationalen Konzerne. Die Lofts und Appartements an der Eastside leerten sich - zu hoch waren die Mieten, zu horrend die Kosten für die passive Sicherheit. Die Bewohner von Harlem und Spanisch Harlem sahen dort eine Chance, das Problem ihrer lokalen Überbevölkerung zu lösen. Kein Frühstück mehr bei Tiffany.

Der Zerfall des kommunistischen Blocks hatte in der US-Regierung schnell zu der Meinung geführt, daß eine Weltorganisation überflüssig sei. Die Vereinigten Staaten selbst wollten aufgrund ihrer militärischen Stärke die Welt kontrollieren. Niemand schien sie daran hindern zu können - eine ernstzunehmende Atommacht, wie sie die Sowjetunion dargestellt hatte, gab es nicht mehr. Kurzerhand beschloß der US-Präsident, den United Nations endgültig den Geldhahn zuzudrehen. Das war ein vielversprechendes Konzept, finanzierten die USA doch ein Fünftel des Etats der Organisation.

Überraschenderweise aber trugen die meisten Länder der Welt, selbst die ärmsten, dazu bei, daß die einzige halbwegs demokratische internationale Organisation der Welt überleben konnte. Mit einem neuen Finanzierungskonzept hatten sie auch eine Strukturreform durchgesetzt. Der Weltsicherheitsrat war abgeschafft worden, allein entscheidendes Gremium war jetzt die Vollversammlung. Die absolute Mehrheit der gegenwärtig  540 Mitgliedsstaaten entschied über Annahme oder Ablehnung eines Antrages. UN-Beschlüsse wurden, anders als früher, sogar durchgesetzt: Zwar hatte die Weltorganisation keine Armee, aber sie arbeitete konsequent mit dem Mittel des Wirtschaftsembargos. In einer ökonomisch völlig vernetzten Welt war die wirtschaftliche Isolierung eines Staates ebenso schwerwiegend und nachteilig wie ein Militärschlag.

Zähneknirschend hatten die USA ihre Mitgliedschaft aufrechterhalten. Aber gegen den Willen der US-Regierung hatten die UN ihren Gebäudekomplex behalten und erhalten. Ein aufwendiger privater Sicherheitsdienst sorgte für Ruhe im Hochhaus und auf dem Gelände.

Im Plenarsaal herrschte heute allerdings keine Ruhe. Auf der Tagesordnung stand die einhundertste Sitzung zur Agenda 21.

 

„Meine Damen und Herren, das Refenzdatum, auf das wir alle uns hier beziehen, ist 1992. Was ist seit dem ersten Umweltgipfel in Rio de Janeiro geschehen? Viel, mögen manche von Ihnen sagen. Zu wenig, rufe ich zurück! Die Vertreter Australiens und Feuerlands werden sicher dankbar vermerken, daß die Produktion und Verwendung von FCKW seit Jahren eingestellt worden ist. Das Ozonloch über der Antarktis wächst deshalb kaum noch. Selbstverständlich begrüße ich das ebenfalls. Es gibt Erfolge. Aber es gibt zu wenig Erfolge!

Bis zum heutigen Tage ist es der Weltgemeinschaft nicht gelungen, ein schlüssiges Konzept gegen die Treibhausgase zu finden. Wir Menschen aus den Staaten, die ehemals die „Dritte Welt“ genannt wurden, wissen inzwischen, daß wir vergeblich gegen den Fleischkonsum anrennen. Mögen also die Reichen weiterhin ihr Steak essen, mögen die dafür notwendigen Kühe weiterhin Methan produzieren. Wir hoffen hier auf den Langzeiteffekt einer umfassenden Informationspolitik. Bis sie greift, werden aber wohl noch Jahrzehnte vergehen.

Ich stehe also nicht hier, um das Verbot von Kühen zu fordern. (Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit.) Aber ich fordere als Vertreter der Gruppe 185 etwas anderes. (Gemurmel) Sie wundern sich über die Zahl, meine Damen und Herren? Ich darf Ihnen mitteilen, daß seit der letzten Vollversammlung Dänemark, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Florida, der Irak und Südaustralien der Gruppe 178 beigetreten sind. (Unruhe im Saal)

Ich bin autorisiert, folgenden Antrag zu stellen:

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen möge beschließen, die Produktion, Instandhaltung und Reparatur von privat nutzbaren bzw. genutzten Autos zu verbieten.“

Trotz des Tumultes, der sich daraufhin erhob, sprach der Botschafter Osttimors unbeirrt weiter und verschaffte sich allmählich auch Gehör.

„Ich begründe diesen Antrag wie folgt: Wir, die Antragsteller, leiden unter dem steigenden Meeresspiegel bzw. unter zunehmenden Sturmfluten, die Folge der von Menschen induzierten globalen Erwärmung sind. Wir haben bereits Landverluste hinnehmen müssen oder haben sie zu befürchten, weil die vorhandenen Wasserschutzanlagen unzureichend sind. Maßgeblich verantwortlich für die Klimaveränderung ist der private Kraftverkehr. Zwar ist er nicht allein verantwortlich, aber seine Rückführung schafft vergleichsweise geringe Friktionen. Eine Einstellung des Betriebs von Kraftwerken, die fossile Brennstoffe benutzen, wäre ungleich schwerwiegender.

Meine Damen und Herren, wie Sie bemerkt haben werden, beinhaltet unser Antrag nicht das Verbot der Nutzung von Automobilen. Darauf haben wir bewußt verzichtet, obwohl eine solche Forderung die von uns gewünschten Effekte wohl früher eintreten lassen würde. Wir haben aber davon absehen wollen, so weitreichend in private Eigentumsrechte einzugreifen.

Ich bitte Sie darum, bei Ihrem Votum sowohl das Lebensrecht der Menschen in den antragstellenden Staaten als auch diese Zurückhaltung zu berücksichtigen.

Ich danke Ihnen.“

Der Botschafter hatte befürchtet, daß seine Rede in Beifall und wüsten Beschimpfungen untergehen würde. Er hatte sich getäuscht.

Als er das Rednerpult verließ, herrschte lähmende Stille.

 

Die Generalsekretärin der UN, die Tibeterin Unchadse, hatte durchaus theatralisches Gespür. Sie ließ wirkungsvolle Sekunden verstreichen, bis sie scheinbar beiläufig sagte: „Die Debatte über den Antrag ist eröffnet.“

Der Coup der Gruppe 185 war wirklich gut vorbereitet, denn er hatte alle überrascht. Wunderbarerweise war es gelungen, in den Vereinten Nationen etwas geheimzuhalten. Das galt allgemein als unmöglich.

Statt der Meldung eines oder mehrerer Debattenredner begannen heftige informelle Kontakte zwischen einzelnen Delegationen. Unchadse beobachtete, wie der US-Botschafter Cave aufgeregt auf seine deutsche Kollegin Keller einredete. Beaucaire aus Frankreich gesellte sich dazu. Er schien sein südfranzösisches Temperament nur schwer beherrschen zu können. Als Unchadse ihn „Vous êtes cochons“ schreien hörte, griff sie zum Hammer. Sie wollte zumindest versuchen, die Würde des Hauses zu wahren.

„Die Sitzung ist für zwei Stunden unterbrochen“, sagte sie.

 

Das war nicht nur eine formale Entscheidung, sondern eindeutige Politik. Natürlich wäre es viel einfacher gewesen, die Sitzung zu vertagen. Dann wären Tage, vielleicht Wochen bis zum nächsten Plenum vergangen. Die Lobbyisten hätten Zeit gehabt, ihre Arbeit zu tun, riesige Geldsummen wären geflossen, Pfründe verteilt worden. Das wollte sie verhindern. Eigentlich waren zwei Stunden immer noch zu lang: Die Einschüchterungs- und Beeinflussungsmaschine würde zumindest in Gang gesetzt werden. Aber weniger Zeit hätte sie nicht vertreten können. So, hoffte sie, würde die Gruppe 185 ihre Chance haben.

Sie war selbst von dem Antrag überrascht worden, vor allem davon, daß Deutschland, das bedeutende Industrieland, diesen Vorstoß stützte. Die Staaten der Europäischen Union hatten sich noch immer nicht auf eine gemeinsame Außenpolitik einigen können, was die Auseinandersetzung zwischen dem deutschen und dem französischen Gesandten nur allzu deutlich illustrierte. Aber nun ja: Seit Sylt vor ein paar Monaten von einer Sturmflut weggespült wurde und Holstein „Land unter“ melden mußte, hatten wohl selbst die Deutschen begriffen, daß man Geld nicht essen kann...

 

„Meine Damen und Herren, die Sitzung ist wieder eröffnet. Mir liegen zwanzig Wortmeldungen vor. Das dürfte ausreichen, den verschiedenen Positionen zum Antrag der Gruppe 185 Gehör zu verschaffen. In Anbetracht der uns zur Verfügung stehenden Zeit schließe ich damit die Rednerliste.“

Vielleicht war ihre Ankündigung in den immer noch lebhaften Gesprächen im Plenarsaal untergegangen, jedenfalls regte sich zu ihrer Erleichterung kein Widerspruch.

„Ich erteile dem Botschafter der Republik Georgien das Wort!“

Grigorij Ordshonikidse verwies auf die ökonomische Lage seines Landes, das in den letzten Jahren allein durch den Aufbau seiner Autoproduktion eine wirtschaftliche Erholung erreichen konnte.

„...dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika!“ „...notwendige Mobilität...kein öffentliches Transportsystem...riesige Entfernungen...“

„...Mikronesien!“ „...90 Prozent Landverlust in den letzten 30 Jahren...Flüchtlinge...ökonomischer Ruin...“

„...Deutschland!“ „...bisher kein rationales Kostenkonzept aufgestellt...Kosten einer falschen Industriepolitik sind höher als die ökologischen Folgekosten...späte, aber richtige Erkenntnis...“

„...Schweiz!“ „...bereits seit Jahrzehnten ein Alternativkonzept zum Individualverkehr entwickelt...das empfindliche Ökosystem der Alpen...nachgewiesen, daß ein effizientes System des öffentlichen Personennahverkehrs auch in kompliziert strukturierten geographischen Räumen möglich ist...“

...

Irgendwann war die Rednerliste abgearbeitet. Sie ließ abstimmen. 540 Finger drückten auf 540 Knöpfe. Jeder Botschafter hatte auf seinem Pult zwei vor sich: „Ja“ oder „Nein“. Das riesige Display hinter dem Pult der Präsidentin leuchtete auf, Zahlen huschten darüber. Als sie zum Stillstand kamen, lasen die Delegierten „272“ und „268“. Die Zahl „272“ stand unter den Buchstaben „Ja“. Der Antrag war angenommen.

 

 

 

9

 

Auf der Heimfahrt von Wolfsburg nach Hannover lehnte Meinhard Schrader sich in die dicken Polster zurück und schloß die Augen. Er wußte, daß er sich auf seinen Chauffeur verlassen konnte, und auch auf seinen Wagen. Natürlich fuhr er einen Rolls. Er setzte sich die Kopfhörer auf und gab sich nur der Musik hin. Beethovens Fünfte. „So klopft das Schicksal an die Pforte...“ Heute hatte kein Schicksal angeklopft. Er war mit sich zufrieden. Mit der einzigen kritischen Nachfrage in der Hauptversammlung war er gut fertig geworden. Er hatte da nicht nur Polemik geliefert. Er glaubte auch daran. Die Autoproduktion auf dieser Welt verbieten? Lächerlich!

„Wulfert, drehen Sie doch die Nachrichten leiser!“ sagte er ärgerlich zu seinem Fahrer. Da er immer noch die Kopfhörer aufhatte, sagte er es ziemlich laut. Wortfetzen hatten sich zwischen die Symphonie gemogelt. Erschrocken drehte der Chauffeur sich zu ihm um.

„Leiser!“ rief Schrader noch einmal.

Wulfert zuckte die Schultern und drehte am Regler. Er sah wieder nach vorn. Die Angst in seinen Augen blieb, und seine Hände zitterten. Er hatte nichts gelernt als Autofahren. Aber er brachte seinen Chef heil nach Hause.

 

Schrader wollte den Schlüssel gerade ins Schloß zur Tür seiner Villa stecken, als die Tür geöffnet wurde. Seine Frau! Sie mußte auf ihn gewartet haben. Halb bewundernd, halb lüstern sah er sie an. Das hellblaue, weich fließende Seidenkleid paßte hervorragend zu ihren blonden Haaren und betonte ihre mädchenhafte Figur, die sich sich bewahrt hatte. Aber schließlich war sie noch jung - noch nicht einmal Fünfunddreißig. Manchmal spürte er die Last der zwanzig zusätzlichen  Jahre, die er mit sich herumschleppte, wenn er sich gemeinsam mit ihr im Spiegel betrachtete. Jetzt aber genoß er nur ihren Anblick.

„Hallo, Karen!“ sagte er schmunzelnd. „Du siehst aus, als hättest du den Champagner schon kaltgestellt. Gut so - es gibt etwas zu feiern. Dich und mich und eine gelungene Aktionärsversammlung.“

Er machte einen Schritt auf sie zu, um sie zu küssen. Erst jetzt sah er ihr ins Gesicht. Sie lächelte nicht. Nein, falsch, sie versuchte wohl zu lächeln. Aber ihre Gesichtsmuskeln waren zu einer verzerrten Maske gefroren.

Er stockte mitten in der Bewegung, blieb auf einem Bein stehen, ohne sich der Lächerlichkeit dieser Pose bewußt zu sein.

„Karen, was ist los?“

„Komm doch erst mal rein.“ Seltsam steif drehte sie sich um und ging ins Wohnzimmer. Er folgte ihr. Sein Blick schweifte durch den Raum. Auf dem Beistelltisch neben der Couch stand der Sektkühler, daneben funkelten die schlanken hohen Kristallkelche. War doch alles in Ordnung?

„Feiern wir also!“ sagte Karen. Sie griff Flasche und Damastserviette, nestelte am Verschluß, und mit einem kaum hörbaren Plopp schoß der Korken aus dem Flaschenhals. Wer sie dabei genau beobachtet hätte, hätte das Zittern ihrer Hände nicht übersehen können.

Meinhard aber schaute gar nicht hin. Er hatte sich auf das Sofa fallen lassen und die Schuhe von den Füßen gestreift. Erst mal einen Schluck Champagner - Karen würde er danach schon wieder zurechtrücken. Oh ja, ganz bestimmt!

„Bitte!“ Sie hielt ihm ein gefülltes Glas hin. „Willkommen zu Hause! Worauf trinken wir?“

„Auf uns, mein Schatz, auf uns“, murmelte er gedankenlos. „Und auf VW. Das war heute....“

Ihr Glas zersprang nicht klirrend auf steinernen Fliesen, nachdem es ihr aus der Hand geglitten war, sondern es fiel mit dumpfem Ton auf den dicken Teppich, der die aufschäumende Flüssigkeit lautlos aufsog. Dennoch meinte er es klirren zu hören, als seine Augen den Vorgang registrierten. Verdammt, hier stimmte wirklich etwas nicht!

„Karen, bitte, was ist los?“

„Entschuldige“, murmelte sie, „daß ich so unbeherrscht bin. Wahrscheinlich hast du recht. Laß uns auf uns trinken. Wir beide werden es schon schaffen. Und auch auf VW. Es war für dich bestimmt eine schöne Zeit. Ich...ich bewundere deine Beherrschung.“

Er setzte sich kerzengerade auf: „Karen, wovon redest du?“

„Aber...aber...“ stammelte sie. „Ich dachte, du wüßtest es. Es kam vor einer halben Stunde in den Nachrichten!“

„Was“, fragte er, mühsam beherrscht, „kam vor einer halben Stunde in den Nachrichten?“

Sie versuchte, ihn in den Arm zu nehmen, aber er war jetzt nicht in Schmusestimmung.

„Was?“

„Bitte, Meinhard, reg dich nicht auf...“

“Was?“

„Sie haben gesagt, die UNO-Vollversammlung hat weltweit die Autoproduktion verboten.“

Zuerst starrte er sie verblüfft an. Danach schüttelte er den Kopf. Dann begann er zu lachen. Aus Kichern und Glucksen wurde hemmungsloses Gelächter, das lauter und lauter anschwoll. Atemlos kippte er zwischendurch den Inhalt seines Glases in die Kehle.

Japsen mischte sich in das Lachen. Schrader stand auf, hielt sich mühsam an der viel zu niedrigen Sofalehne fest. Er schwankte. Ein zweiter Sektkelch landete auf dem Teppich. Schrader rang nach Luft, verzweifelt, mit weit geöffnetem Mund, Er röchelte, versuchte zu sprechen.

„Karen...“

Sie war längst beim Telefon und wählte drei Ziffern. Am anderen Ende nahm sofort jemand ab.

„Kommen Sie schnell. Mein Mann hat einen schweren Herzanfall!“

 

 

10

 

Es ist leicht, von Scheeßel nach Hamburg zu kommen. Man braucht sich nur an die Bundesstraße zu stellen, die die Nummer 75 trägt, und den Daumen in der richtigen Richtung zu halten. Wenn man ein sauber gekleideter, adrett aussehender junger Mann ist, dauert es nicht lange, bis man einen Lift bekommt.

Peter Schrader murmelte etwas von „Tantenbesuch“, nachdem er in dem kleinen roten PeuVol einer mittelalten Dame platzgenommen hatte, und blieb dann für den Rest der Fahrt unbehelligt. Sie wollte nach Ottensen.

„Das ist prima“, sagte er und gab sich den Anschein von Begeisterung. „Meine Tante wohnt in Altona, also gleich nebenan.“

Als sie ihn in der Behringstraße absetzte, wandte er sich folgerichtig nach Osten. Zwar zog ihn eigentlich nichts nach Altona, aber Altona war so gut oder so schlecht wie alles andere auch.

Er kannte Hamburg gut - Karen, die vierte Frau seines Herrn Vaters, war Hamburgerin. Hannover war ihr viel zu provinziell. Einkaufen, so fand sie, konnte man dort überhaupt nicht. Schicke Boutiquen gab es nur in Hamburg. Der Fummel, den er ihr kaputtgeschnitten hatte, stammte aus der Gänsemarktpassage. Selbstverständlich hatte er nie Lust gehabt, sie auf ihren öden Einkaufsbummeln zu begleiten, aber er hatte sich gerne in die große Stadt kutschieren lassen und war dann dort auf eigene Faust losgezogen.

Sorgfältig suchte er sich seinen Weg aus. Großstädte waren heutzutage keineswegs mehr sicher, auch nicht an einem strahlend hellen Septembertag. Er orientierte sich an äußeren Merkmalen: Waren die Straßen halbwegs sauber, gab es Schilder, die warnend darauf hinwiesen, daß hier eine freiwillige Bürgerwehr patrouillierte, war gar ab und zu die Uniform eines eindrucksvoll bewaffneten privaten Wachmannes zu sehen, dann konnte man gefahrlos passieren.

Er genoß seine Freiheit, bis sich nach einiger Zeit ein dumpf-unangenehmes Gefühl in ihm meldete. Hunger - kein Wunder. Er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Dagegen gab es ein Mittel. Aber leider verflog mit dem Hunger auch seine Euphorie.

Was wollte er jetzt anfangen? Jenseits seiner Flucht hatte er nichts geplant. Die vorhin erwähnte Tante existierte nur in seiner Phantasie. Sonstige Verwandtschaft? Nein, danke. Von seinen sogenannten Müttern und seinem Vater hatte er die Nase voll. Ines war in Scheeßel, und sie lächelte nicht für ihn.

Vor hundert Jahren hätte ich vermutlich geplant, mich auf einem großen Pott als blinder Passagier einzuschmuggeln, schoß es ihm durch den Kopf. Ziel New York. Oder Afrika. Oder die Südsee. Und dann Millionär werden oder leben wie Huck Finn oder wie Robinson.

Quatsch. Träume und Romantik von vorgestern. Jetzt mußte er zur Abwechslung mal nüchtern werden.

Also: Er war auf dem Weg nach Altona. Altona hatte einen schönen großen Bahnhof. Er hatte Geld. Blieb nur eine Frage: Wo wollte er hinfahren?

Plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: Christiania! Warum war er darauf nicht schon früher gekommen?

Im Fach „Zukunftsperspektiven“ hatten sie in Scheeßel über Christiania gesprochen. Es war eines der wenigen Themen gewesen, bei denen er aufgepaßt hatte. Der alte Albert wollte seinen Schülern die Kommune als abschreckendes Beispiel verkaufen, aber zumindest bei ihm hatte er sein pädagogisches Ziel verfehlt. Dropouts, gesellschaftliche Versager, Anarchie - das war der Tenor des Unterrichts gewesen. Ihn hatte das fasziniert. Ein paar tausend Leute versorgten sich selbst - natürlich bei relativ niedrigem Lebensstandard - und verwalteten sich autonom. Sie gaben sich ihre eigenen Gesetze. Wer sich denen nicht unterwarf, wurde ausgeschlossen.

Entschlossen lenkte er seine Schritte zum Bahnhof. Der Hunger war vergessen. Essen konnte er später.

Natürlich ging er zum rechten Bahnhofseingang. Er wußte warum.

 

Nach der Privatisierung der Deutschen Bundesbahn in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Deutsche Bahn AG sich am Shareholder Value orientiert und folgerichtig auf die zahlungskräftige Kundschaft im komfortabel gestalteten Fernverkehr gesetzt. Reisen im ICE und seinem Nachfolger, dem ICE-F („F“ für Future) war angenehm, denn eine große Zahl gut ausgebildeter Zugbegleiter kümmerte sich um das Wohlbefinden der Reisenden. Köche, Kellner, Masseure und Friseure gab es, und pädagogisch geschulte Teamer nahmen sich der Kinder an. Das Flugzeug stellte schon lange keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr dar. Die zeitraubende Fahrt vom Flughafen in die City, die immer häufiger in stundenlangem Stau endete, machte den möglichen Zeitvorteil des Fliegens mehr als wett. Das alles hatte ohne Frage seinen Preis.

Am defizitären öffentlichen Personen-Nahverkehr hatte die Bahn AG dagegen keinerlei Interesse. Sie legte eine Strecke nach der anderen still. Die Berufspendler mit den schlecht bezahlten Jobs, die darauf angewiesen waren, nahmen das jedoch nicht klaglos hin. Es kam zu Demonstrationen und schließlich zu zwei spektakulären Anschlägen auf ICE-Züge. Beide entgleisten bei Tempo 300. Die Unfälle forderten mehrere hundert Tote.

Daraufhin änderte die Bahn AG ihre Politik. Sie entwickelte Commuter-Züge, deren Ausstattung an der deutscher Autobahntoiletten orientiert war. Das hauptsächlich verwendete Material war Aluminium. Die Einzelteile waren so verarbeitet, daß keine Schraube von außen zugänglich war. Spiegel in den Toiletten waren aus poliertem Stahl, Fenster aus bruch- und kratzfestem Plastik. Vandalismus hatte so kaum noch eine Chance. Nur den Sprayern war man nicht beigekommen. Nach wie vor verschönerten sie die Waggons innen wie außen.

Man ließ sie agieren. Überhaupt kümmerte sich die Bahn kaum um diese Züge. Sie verkehrten vollautomatisch, der Zugang zu ihnen war durch ein maschinell perfekt organisiertes System geregelt. Darüber hinaus waren die Passagiere sich selbst überlassen. Sie wurden transportiert - sonst nichts.

Um Unruhen und Übergriffe zu vermeiden, waren alle Bahnhöfe, die sowohl den Fern- als auch den Nahverkehr bedienten, in zwei Teile geteilt worden.

Durch den Kopfbahnhof von Altona zog sich eine hohe Mauer. Sie trennte zwei Welten.

Auf der einen Seite wartete eine große, zugige Halle. An den beschmierten Wänden hockten Reisende auf dem kalten Fliesenboden. Es schien sie nicht zu stören, daß sie sich in den Dreck gesetzt hatten. Vieles schien sie nicht zu stören. Betrunkene, die durch den Saal torkelten, Drogensüchtige, die hier all das machten, was Drogensüchtige nun einmal tun - rauchen, fixen, mit dem Turkey kämpfen, schlafen, unkontrolliert defäkieren - über all das wurde hinweggesehen. Auch diese Menschen hatten eine Fahrkarte irgendwohin, sonst wären sie hier nicht hereingekommen. Am besten war es, nicht aufzufallen und keine Aggressionen zu provozieren. Es galt zu überleben, bis der Zug kam, den man brauchte. 

Auf der anderen Seite sorgte eine Klimaanlage für angenehme Temperaturen. Sitzgruppen mit großzügigen Pflanzenarrangements luden dazu ein, eventuelle Wartezeiten zu verkürzen. Dezente Musik, kaum wahrnehmbar, aber nervenberuhigend, dudelte im Hintergrund. An vielen Stellen lockten kleine Snacks - gratis selbstverständlich. Wer mehr konsumieren wollte, den lud das „Buffet de la Gare“ herzlich ein. Dienstbare Geister hielten sich diskret im Hintergrund, waren aber jederzeit verfügbar.

 

Hierhin steuerte Peter Schrader.

Der betuchte Reisende mußte sich logischerweise legitimieren, bevor er Zugang zum Paradies erhielt. Zu diesem Zweck war neben allen dreißig schmalen Eingängen zum luxuriösen Teil des Bahnhofs Altona ein Schlitz angebracht, in den man seine persönliche Kreditkarte einführen mußte, wenn man Zugang erhalten wollte.

Auf den letzten Metern vor einer der Pforten griff Peter in die Gesäßtasche seiner Hose. Seine Finger fanden keinen Widerstand.

Scheiße.

Er bleib stehen und sah sich suchend um. Hatte er die Karte verloren? Oder vielleicht gar nicht an die gewohnte Stelle gesteckt? Das konnte sein - im Internat hatte er kein Geld gebraucht. Vielleicht im Rucksack? Er streifte sein Gepäck von den Schultern und durchsuchte es so systematisch, wie das mitten auf einer belebten Straße vor einem Bahnhof möglich war.

Nichts, soweit er sehen konnte. Er mußte die Karte verloren haben. Oder vergessen. Gestohlen worden war sie vermutlich nicht.

Niemand konnte ein Interesse daran haben, das Plastikding zu klauen. Zumindest war ihm nicht bekannt, daß es möglich war, die Karte unautorisiert zu benutzen.

Den guten alten Magnetstreifen seligen Angedenkens hatte längst der Augen-ID  ersetzt. Der war nach wie vor einmalig.  Weil die Kreditkarte nur individuell gültig war, war sie auch bei Verlust jederzeit ersetzbar. Man brauchte nur seinen Iris-Scan machen zu lassen und damit seine Identität nachzuweisen. Zumindest theoretisch.

Peter begriff sofort, daß er keine Chance hatte, eine neue Karte ausgestellt zu bekommen. Natürlich brauchte er nur zur nächsten Servicestation zu gehen und seinen Verlust zu melden. Der Angestellte würde ihn bitten, auf einen bestimmten Punkt zu blicken - und dann wäre es passiert. Das PIS, das Personeninformationssystem, würde alle Daten auf dem Bildschirm anzeigen, die über ihn existierten. Mit großer Wahrscheinlichkeit war die letzte Meldung in diesem Datenbrei eine Suchanzeige aus Scheeßel. Es mußte inzwischen aufgefallen sein, daß er nicht brav bei seinen abendlichen Hausaufgaben saß.

Er hatte kein Geld mehr. Den Traum von Kopenhagen konnte er erstmal begraben. Und Hunger hatte er immer noch. Jetzt mehr denn je.

Er packte seine Habseligkeiten wieder zusammen und schulterte den Rucksack. Zehn Minuten würde er bestimmt brauchen bis zum linken Bahnhofseingang. Warum er dahin ging, wußte er allerdings auch nicht so recht.

11

In der Dunkelheit waren sie kaum zu sehen. Schwarz waren die Jeans, schwarz die Jacken oder T-Shirts, schwarz die Haut. Nur das Weiße der Augen funkelte, und ab und zu reflektierte Streulicht auf dunklem Metall. Sie bewegten sich nahezu lautlos. Nicht leise genug für ihren Anführer. Während sie vorwärts schlichen, kommentierten seine Blicke ihre Bewegungen.

Du da, links - deine Schuhsohle quietscht!

Stop! Ihr rennt gleich in eine Mülltonne!

Allmählich gewöhnten ihre Augen sich an das diffuse Licht vor ihnen. Fette Beute lachte. Er sondierte die Lage, verteilte die Aufgaben. Er wollte Paco, Marco und Tonio. Also die drei Großen. Der Rest war uninteressant.

Er gab das Kommando. Sie stürzten sich auf ihre Beute.

 

 

12

 

Die Frau, der man den grünen Kittel übergezogen hatte, fühlte sich fremd in sich selbst. Sie hatte nur noch wenig mit der verführerischen Karen Schrader gemein, die ihr Mann vor wenigen Stunden genießerisch angesehen hatte. Tiefe Falten zogen sich jetzt von der Nase zu den Mundwinkeln. Salzspuren unter den Augen hatten das perfekte Make-up zerstört.

Sie hatte unbedingt in dieses kleine Zimmer gewollt.

Jetzt war sie da - in grellem Neonlicht, umgeben von Apparaten, die unverständliche Kurven und Digitalanzeigen zeigten, die mit Schläuchen und Kabeln verbunden waren, die von ihm ausgingen. Zu ihm hatte sie gewollt - und war doch nicht bei ihm. Er war der Impulsgeber für all diese Technik - aber er war nicht er. In dem penibel sauberen Krankenhausbett lag eine menschliche Hülle, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Meinhard Schrader hatte.

Es kostete sie Überwindung, sich auf die Bettkante zu setzen, mit der verkabelten Gestalt Kontakt aufzunehmen. Sie ekelte sich vor der Infusionsnadel in seiner Armbeuge, vor den Schläuchen in seiner Nase.

„Meinhard!“ Sie hatte rufen wollen, aber es war ein Flüstern daraus geworden.

Er reagierte nicht.

Er hätte nicht reagiert, selbst wenn sie gebrüllt hätte. Er lag in tiefer Bewußtlosigkeit. Seine Lungen tankten Luft, sein Herz pumpte Blut, und deshalb arbeitete sein Hirn - aber das verdankte er allein den medizinischen Maschinen, die für ihn die Schwerarbeit verrichteten.

„Meinhard!“

Nichts.

Sie hatte das Gefühl, genug getan zu haben. Zumindest hier.

Sie verließ das Zimmer und verlangte von der Schwester, die die Szene die ganze Zeit aus vom Flur her beobachtet hatte, den Arzt zu sprechen.  Selbstverständlich war der für die Gattin des Privatpatienten Schrader sofort verfügbar - sie mußte nicht warten.

„Herr Doktor, was ist mit meinem Mann?“

Der Arzt taxierte die Frau. Sie sah nach Geld aus. Angst hatte sie auch. Aber von Panik war sie weit entfernt.

„Gnädige Frau, Sie hatten gerade Gelegenheit, Ihren Gatten zu sehen. Es wäre übertrieben zu sagen, daß es ihm gutgeht. Aber wir konnten seinen Zustand stabilisieren. Er hatte einen Herzinfarkt. Bitte regen Sie sich nicht auf - das ist heilbar.

Bei einem halbwegs intakten Herzen und gesunder Lebensweise ist nach einer Rehabilitation von - sagen wir - sechs Monaten fast alles vergessen. Allerdings haben unsere Untersuchungen ergeben - nun ja...“

„Was haben Ihre Untersuchungen ergeben?“

Karen Schrader war sich selbst nicht klar, warum sie so forsch fragte.

„Das Herz Ihres Mannes, gnädige Frau, ist nicht so gut, wie wir es uns wüschen würden. Am besten für ihn wäre eine Transplantation.“

Transplantation. Sie wußte: Meinhard hatte da einen Vertrag mit der Relief AG.  Kein Problem - er würde also leben. Trotzdem - eine Sekunde lang hatte sie gehofft, daß der Arzt sagen würde: Hoffnungslos.

Kein Problem“, sagte sie. „Mein Mann hat einen Vertrag mit der Relief AG.“

„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf“, sagte der Arzt, „dann sollten Sie sich mit Relief in Verbindung setzten.“

Karen nickte. Mechanisch streifte sie den Krankenhauskittel ab und drückte ihn dem Arzt einfach in die Hand.

„Können Sie mir ein Taxi rufen?“

„Taxen stehen vor der Tür, Frau Schrader. Normalerweise ist der Stand immer besetzt. Aber wenn Sie ganz sicher sein wollen, kann ich selbstverständlich...“

Karen winkte ab.

„Schon gut. Danke, Herr Doktor. Ich werde mich gleich mit Relief in Verbindung setzen.“

Zu Hause musterte sie das Wohnzimmer. Zwei Sektkelche lagen auf dem Boden, ein chinesischer Teppich war leicht verschoben. Nach einer Tragödie sah das nicht gerade aus. Es war ja auch keine. Ein Anruf, und das ekelerregende Kabelbündel würde sich in Meinhard Schrader zurückverwandeln, ihren etwas zu alten, aber charmanten und spendablen und ab und zu immer noch potenten Ehemann.

Das Eis im Kühler war geschmolzen, der Champagner in der Flasche warm. Trotzdem trank sie ein Glas, bevor sie in Meinhards Notizbuch nach der Nummer der Relief AG zu suchen begann.

Während sie das Verzeichnis durchblätterte, meldete sich das Telefon. Das Krankenhaus?

„Schrader.“

„Guten Abend, Frau Schrader. Hier ist das Internatsgymnasium Scheeßel. Bitte erschrecken Sie nicht, dies ist ein reiner Routineanruf. Ihr Sohn Peter hat die Schule verlassen, ohne sich abzumelden. Wir gehen davon aus, daß er bald zurückkommt. Die meisten Schüler, die uns unautorisiert verlassen, sind nach ein paar Stunden wieder da. Aber wir sind selbstverständlich verpflichtet, die Eltern über solche Vorkommnisse zu informieren.“

Karen reagierte nicht.

„Frau Schrader?“

Dieses Mistbiest. Ihretwegen konnte er zur Hölle fahren. Als sie Meinhard heiratete, hatte sie die Absicht, auf ihren großen ‚Sohn‘ stolz zu sein. Der gute Wille war schnell verflogen - der Junge hatte sich als unausstehlich erwiesen.

„Ja“, sagte sie lahm.

„Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen. Wir melden uns bei Ihnen, sobald Peter wieder da ist.“

Plötzlich mußte Karen lachen.

„Schon gut“, erklärte sie. „Ich mache mir keine Sorgen, jedenfalls nicht um Peter. Wissen Sie, mein Mann hatte gerade einen Herzinfarkt. Er liegt auf der Intensivstation. Das ist im Augenblick das größere Problem.“

“Das tut mir leid“, sagte die Stimme aus der Ferne betreten. „Ich wünsche jedenfalls gute Besserung. Und wie gesagt...“

„Sie melden sich, ich weiß. Danke.“

Karen legte auf. Sie griff nach der Flasche und prüfte den Inhalt. Ein gutes Glas war noch drin - das würde sie brauchen können nach all der Aufregung.

Sie sah auf die Uhr. Es war zwei Uhr morgens. Der Anruf bei Relief in Frankfurt mußte warten. Morgen würde sie alles Notwendige erledigen.

13

Marco hatte gut daran getan, sie vor allzu großen Exzessen zu bewahren. So hatten sie ihre Reaktionsschnelligkeit bewahrt. Zwar kamen die schwarzen Schatten über sie, aber sie rollten sich darunter hinweg. Blitzschnell war Tonio, Ben Johnson, verschwunden. Auch Pablo und der Rest der Gang lösten sich in Nichts auf. Es blieben Paco und Marco.

Leichte Beute, glaubten die Schwarzen.

Paco huschte nach links, in die Nähe einer Feuertonne. Er stemmte sich daran hoch und bewarf die Angreifer mit Brandsätzen. Hinter seinen Rücken ragte eine Hausmauer empor - es war nicht an ihn heranzukommen. Er versuchte, Marcos Angreifer mit den schwelenden Gummigeschossen zu vertreiben.

Marco war wirklich überrascht worden. Zwei Männer hielten ihn am Boden fest. Einer saß auf seinen Beinen, der andere hielt seinen rechten Arm und hatte seinen Hintern in sein Gesicht gerammt. Gleichzeitig versuchte er, Marcos linken Arm zu fixieren.

Paco warf mit brennenden Gummiresten, so schnell er konnte. Er achtete nicht auf die Brandblasen, die sich an seinen Fingern bildeten. Er traf. Der Schwarze, der auf Marcos Gesicht saß, heulte auf und rutschte zur Seite. Die linke, tastende Hand Marcos hatte jetzt Erfolg. Er fand sein Messer und stach zu. Der Schwarze, der gekippt war, rutschte jetzt, schlug zu Boden.

Der Schwarze auf seinen Beinen griff in den Hosenbund. Kein Klicken - der Revolver war bereits entsichert. Der Schuß fiel sofort und traf Marco mitten ins Herz. Sein Körper erschlaffte.

„Scheiße“, murmelte Paco unhörbar. Er schlich sich von der brennenden Mülltonne fort und verschwand im Dunkeln.

„Scheiße“, sagte auch der schwarze Schütze laut vor sich hin. Ihm war klar, daß er einiges würde erklären müssen.

14

„Na, Kleiner!?“

Er wußte, was die Stimmlage zwischen Frage und Aufforderung bedeutete, hier, vor dem Eingang zur schlechten Seite des Bahnhofs Altona. Jetzt hätte er gern mit seiner Deutschlehrerin diskutiert: „Die Bedeutung der Bildung und der Verantwortung des Wissenschaftlers in einer Situation, in der der Mensch kein Geld hat und nur durch Prostitution hoffen kann, sich zumindest temporär aus seiner Lage zu befreien.“ Schöne Formulierung.

„Na, Großer!“ sagte er. Er musterte sein Gegenüber.

Der Mann war um die fünfundvierzig Jahre alt und ein paar Zentimeter kleiner als er. Ein kleines, aber unübersehbares Bäuchlein, Brille und Halbglatze paßten zum Alter. Der Pullover aus Naturfasern und die Wildlederjacke, die er offen darüber trug, stammten erkennbar nicht aus  einem Geschäft mit Massenware. Die Hose war gut geschnitten; so konnte er nichts von den Körperteilen erkennen, derentwegen ihn der Mann offensichtlich angesprochen hatte.

Der Typ lächelte ihn jetzt an und zeigte dabei eine Reihe makelloser Zähne. Selbstverständlich ein Gebiß - die eigenen Zähne hielten heutzutage bestenfalls, bis man dreißig war. Ein teures Gebiß, so wie es aussah. Das Lächeln war echt - es lag nicht nur um den Mund, sondern spielte auch um die Augen.

Es sah so aus, als sollte seine Entjungferung unter halbwegs erträglichen Umständen vonstatten gehen.

„Ich heiße Jan“, sagte der Mann. „Du gefällst mir. Hübsch und sauber. Bist gepflegt. Das ist selten hier. Aber wem sage ich das - du kennst dich hier bestimmt besser aus als ich. Ich komme nur manchmal hierher. Meistens gucke ich nur und gehe wieder. Kein Angebot. Ich bin negativ und will es bleiben. Und wenn, dann will ich eine ordentliche Nummer und keinen bekifften Beschiß.“

In Peters Kopf keimte Hoffnung. Er gestand sich nicht ein, daß sie irrational war. Niemand würde ihm glauben, auch nicht dieser Jan. Jeder würde es für seinen Trick halten, immer und immer wieder abgezogen. Er versuchte es trotzdem.

„Ich bin Peter. Und ich bin zum ersten Mal hier, ob Sie...ob du es glaubst oder nicht. Eigentlich wollte ich von der anderen Seite aus nach Kopenhagen fahren, aber meine Creditcard ist weg. Ich muß sie verloren haben. Eine neue besorgen kann ich mir nicht, weil ich aus der Schule abgehauen bin. Man sucht mich bestimmt schon. Mir ist nichts Besseres eingefallen, als hierher zu gehen. Aber...“

Er brach ab, weil er merkte, wie unglaubwürdig seine Story klang. Und weil er spürte, daß er gleich heulen würde, wenn er weiterredete. Der Hunger bohrte in ihm und machte ihn zum kleinen Jungen.

„Deshalb also!“ Jan schien beinahe erleichtert. „Ich hatte gleich das Gefühl, daß du kein Stricher bist. Paßt nicht zu dir. Schade eigentlich - es hätte nett werden können. Na gut - lassen wir das. Mal sehen, ob ich dir helfen kann. Hast du Hunger?“

Dieser Jan schien vom Himmel gefallen zu sein.

„Und wie!“ sagte Peter. Unendliche Erleichterung erfüllte ihn.

 

Eine Viertelstunde später saßen der Mann und der Junge im Buffet de la Gare - Peter war wieder auf der richtigen Seite. Nur wenige Gäste waren anwesend, und die Bedienung war fix, so daß Peter seine gesamte Aufmerksamkeit bald auf den Salat des Hauses konzentrieren konnte. Als Hauptgang hatte er Magret de Canard bestellt und zum Abschluß das Dessert von weißer und brauner Schokoladenmousse. Er war glücklich.

Jan beobachtete ihn schmunzelnd. Welch gesunder jugendlicher Appetit! Er selbst begnügte sich mit einem leichten Käsesoufflé und wies, als Peters Augen eine Frage formulierten, erklärend auf seinen Bauch.

„Gut!“ meinte er, als Peter die Entenbrust besiegt hatte. „Dieses Problem wäre also erledigt. Aber was machen wir jetzt mit dir?“

Peters Wohlbehagen brach schlagartig in sich zusammen. Fast hätte sein Magen gegen das Entenfett revoltiert, das ihm eben noch so gut geschmeckt hatte. Hastig trank er einen Schluck Mineralwasser. Was sollte jetzt werden? Er konnte Jan schließlich schlecht bitten, ihm eine Fahrkarte nach Kopenhagen zu kaufen...

„Eine Fahrkarte nach Kopenhagen kaufe ich dir nicht“, sagte Jan, als hätte er Peters Gedanken gelesen. „Dann stehst du da am Bahnhof, hast kein Geld und landest wieder auf der falschen Seite. Kannst du denn nicht zurück in deine Schule?“

Eigentlich gar keine so dumme Idee, zuckte es durch Peters Kopf. Passieren würde ihm wenig. Vielleicht könnte er Ines doch noch für sich interessieren. So schlimm war Scheeßel nun auch nicht. Eigentlich war die Deutschlehrerin sogar ziemlich in Ordnung...Abi machen, hinterher Karriere machen, Geld machen, zum Beispiel Autos verkaufen...

„Nein!“ Das klang so entschieden, daß Jan nicht nachfragte, sondern die Schultern zuckte.

„Na gut!“ meinte er. „Dann kommst du erstmal mit zu mir. Aber erst nach dem Dessert.“ Als Peter mit Genuß die Mousse zwischen Zunge und Gaumen zerdrückt hatte, suchten Jans Augen den Kellner und fanden ihn. „Ich möchte zahlen!“

Nachdem er die Rechnung beglichen hatte, lächelte er Peter aufmunternd an. Wieder kräuselten sich die Lachfältchen in den Augenwinkeln. „Gehen wir!“

Peter fühlte sich geborgen.

 

 

15

 

Mühsam gelang es John Pupfish, das Lenkrad festzuhalten. Seine Finger waren schweißnaß. Gut nur, daß der Verkehr in Pahrump sich in deutlichen Grenzen hielt.

Zum Lunch mit den Lions hatte er ein 18-Unzen-Steak bestellt und gegessen - obwohl der Arzt in Vegas ihm zu Zurückhaltung und zu leichter Kost geraten hatte. Aber alle hatten das Steak bestellt, und er wollte nicht als Schwächling dastehen. Außerdem war das Wetter umgeschlagen - über den Spring Mountains im Osten kündigte eine pechschwarze Wolke eines der seltenen Herbstgewitter an. Es war schwül, zumindest nach den Maßstäben der Mojave-Wüste.

Ihm war übel, und er hatte Schmerzen in der rechten Brust.

Eigentlich hatte er nach dem Lunch noch einmal ins Büro fahren wollen, um endlich den Ärger mit dem Finanzamt zu klären. Seine Steuererklärung vom April war aus irgendwelchen Gründen angezweifelt worden. Er hatte es immer wieder vor sich hergeschoben, sich damit zu beschäftigen, und auch heute würde es nichts werden. Er wollte jetzt ins Bett gehen.

Gott, laß Gesa nicht zu Hause sein! betete er stumm. Laß sie nichts merken. Laß mich einfach nur ganz allein in mein Bett gehen. Mach, daß es mir besser geht.

Der dunkle Wirbel, der sich rasend schnell von rechts näherte, ließ ihn das Lenkrad instinktiv nach links reißen. Fast wäre er von der Straße abgekommen. Gerade noch rechtzeitig konnte er seinen Kurs korrigieren. Er blieb auf dem Asphalt, aber der Wirbel erwischte ihn. Hart prallte er gegen die Seitenscheibe, hüpfte zurück und scharrte über das Dach davon. Ein Tumbleweed. Kein brennender Dornbusch. Keine göttliche Botschaft. Das Gewitter hatte nur seinen Sturm vorangeschickt.

 

Immerhin war sein Stoßgebet zum Teil erhört worden. Als er zu Hause vorfuhr, war die Doppelgarage leer, das automatische Tor hochgeklappt. Lautlos verfluchte er den Leichtsinn seiner Frau. Schließlich hatte er für teures Geld eine Alarmanlage installieren lassen, um seinen Besitz vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Was früher Luxus gewesen sein mochte, war heute Notwendigkeit. Das Ding funktionierte allerdings nur, wenn alle Eingänge geschlossen waren.

Aber wie auch immer: Gesa war fort. Er hatte nie den Ehrgeiz gehabt, alle ihre Verpflichtungen und Ehrenämter zu durchschauen, aber er war froh, daß sie sie wahrnahm. Ein Städtchen wie Pahrump mit inzwischen 40 000 Einwohnern konnte nur mit dem Engagement seiner Bürger funktionieren. Jetzt interessierte ihn das alles allerdings nicht - er wollte ins Bett.

Er parkte den Desert Blaster in der Garage und war selbst erstaunt darüber, daß er es ohne Unfall schaffte. Er stieg aus, schloß das Garagentor und ging durch die Seitentür direkt ins Haus.

Flüchtig glitt sein Blick durch das Wohnzimmer und die Küche, die er durch die Durchreiche immerhin zum Teil sehen konnte. Alles tadellos  aufgeräumt. Eine Perle, seine Gesa. Trotz seiner Benommenheit registrierte er die liebevoll arrangierte Obstschale neben dem Telefon: kleine Melonen aus dem eigenen Tal, ergänzt durch Zitrusfrüchte aus Kalifornien und Äpfel aus Oregon.

Die Obstschale klingelte. Jetzt ist es passiert, schoß es ihm durch den Kopf. Ich werde verrückt vor Schmerzen und Verzweiflung.

Die Schale klingelte wieder. Und noch einmal.

Ihm wurde bewußt, daß das Telefon läutete. Er schüttelte den Kopf, um die Dummheit darin zu vertreiben. Klingelnde Obstkörbe - was für ein Unsinn! Aber wer könnte jetzt etwas von ihm wollen? Geschäftliches lief übers Büro. Gesa? Die saß jetzt vermutlich glücklich in einer Sitzung der kommunalen Schulverwaltung oder strickte in der Kirchengemeinde Strümpfe für irgendeinen guten Zweck. Das Finanzamt? Die konnten ihn mal...

Die Gewohnheit siegte. Er nahm den Hörer ab.

„Hallo?“

„Hallo, spreche ich mit John Pupfish?“

„Das bin ich.“

„Entschuldigen Sie, wenn ich mich vorerst nicht vorstelle. Ich habe Ihnen ein Angebot zu machen, an dem Sie interessiert sein dürften. Wir haben erfahren, daß Sie gesundheitliche Probleme haben. Wir könnten Ihnen eventuell helfen.“

John hatte den Impuls, den Hörer aufzulegen. Dubiose Werbung per Telefon war in den letzten Jahren zu einer regelrechten Landplage geworden. Andererseits paßte es nicht ins Bild, daß der Anrufer anonym bleiben wollte. Was hatte Bill vorhin gesagt? ‚Vielleicht riechen sie potentielle Kunden und nehmen ihrerseits Kontakt auf.‘

„Und wie?“ fragte er knapp.

„Wir könnten Ihnen ein neues Herz zur Verfügung stellen“, sagte die Stimme. „Und wir haben niedrigere Preise als Relief.“

Die zentrale Pumpe, der Lebensmuskel, das kranke Organ meldete sich, pulste spürbar und unregelmäßig. Jetzt ganz ruhig bleiben. Ruhig. Ruhig. Ruhig.

Die Selbsthypnose gelang.

„Es könnte richtig sein, daß ich ein neues Herz brauche. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Preise von Relief kann ich bezahlen. Auf Relief kann ich mich verlassen. Warum also sollte ich an Ihrem Angebot interessiert sein?“

„Wir haben uns erlaubt, uns über Ihre Vermögensverhältnisse zu erkundigen, Sir. Sie können sich ein Relief-Herz frühestens in vier Wochen leisten, und wenn Sie es tun, werden Sie finanziell ruiniert sein. Bei uns kostet es die Hälfte - und wir bieten die Ware sofort. Bei gleichem medizinischem Standard, versteht sich!“

John ärgerte sich über sich selbst, aber er konnte die Fragen nicht zurückhalten: „Wer sind Sie? Woher wissen Sie etwas über mich?“

„Sie wissen genau, für wen ich spreche“, sagte die Stimme. „Der Rest ist Geschäftsgeheimnis. Überlegen Sie sich, ob Sie interessiert sind. Ich werde mich wieder melden.“ Die Verbindung wurde unterbrochen.

John keuchte, taumelte. Wenn diese Stimme recht hatte, war er auf Gedeih und Verderb auf die Organmafia angewiesen. Dabei wußte er noch nicht einmal, wie er mit ihr Kontakt aufnehmen konnte. Obstkorb, Telefon und Wohnzimmer verschwammen vor seinen Augen. Langsam knickten seine Knie ein. Er wurde ohnmächtig.

 

 

16

 

Am nächsten Morgen schmuste Karen Schrader mit ihrem Kater Lelo. Sie kraulte ihn wie gewohnt an der Kehle, und er schnurrte als Reaktion wie üblich. Sie liebte dieses Geräusch, animalisch und beruhigend zugleich. Sie konnte sich dabei entspannen und ihre Gedanken sammeln.

Was war jetzt zu tun?

Erst einmal mußte sie diesen Anblick aus der Intensivstation vergessen. Und dann alles dafür tun, daß er auf immer vergessen blieb. Relief anrufen. Reine Routine. Sanft setzte sie Lelo zu Boden und wollte zum Hörer greifen.

Da klingelte es an der Wohnungstür.

Sie zuckte die Schultern und ging zur Gegensprechanlage. Nur eine kleine Verzögerung. Nichts Gravierendes.

Nachdem sie den Monitor eingeschaltet hatte, sah sie das Gesicht von Manfred Wernowski. Es sah sorgenvoll aus. Bestimmt hatte er von Meinhards Zusammenbruch gehört.

„Hallo, Manfred“, sagte Karen, während sie auf den Knopf drückte, der den Türöffnungsmechanismus auslöste. „Komm doch rein!“

Wernowski war privat Meinhards Freund und geschäftlich sein Finanzberater. Er sah in seinem Dreiteiler, auf dem er unbeirrt beharrte, untadelig aus wie immer. Dunkelgraues Kammgarn, hellblaues Hemd mit Button-down-Kragen, dezente hellgraue Krawatte. Er sieht aus wie aus einem Modejournal vor zwanzig Jahren, ging es Karen zum wiederholten Mal durch den Kopf. Alle Welt lächelte über Wernowskis modischen Konservativismus. Abgesehen davon hatte man allgemein nur Bewunderung für ihn übrig. Er galt als einer der besten Kenner der internationalen Finanzmärkte in Deutschland.

„Karen, ich grüße dich!“ Schwungvoll betrat er das Wohnzimmer und hauchte Karen einen Kuß auf die Stirn. Er war so jung wie sie, und die Andeutung eines Flirts, aus dem vermutlich nie etwas werden würde, begleitete jede ihrer Begegnungen.

Seine Bewegungen waren zu schwungvoll, fand sie heute. Sie paßten nicht zu dem Gesicht, das sie gesehen hatte, als er vor der Tür stand und sich wahrscheinlich unbeobachtet glaubte.

„Schön, daß du kommst“, sagte sie und meinte es ehrlich. Ausnahmsweise.  Wernowski war Meinhards Freund, nicht ihrer. Sie hatte ihn nie gemocht, diesen Mann in der Mode von gestern, der immer wieder versuchte, sich ihr aufzudrängen. Aber jetzt einen Menschen zu haben, mit dem sie reden konnte, und nicht nur einen schnurrenden Kater, würde ihr guttun. Den Anruf bei Relief würde sie eben ein wenig später erledigen. „Möchtest du etwas trinken?“

„Ja, gern“, antwortete er, ohne zu zögern. „Einen Malt, bitte. Glenfiddich, wenn du einen hast.“

Natürlich stand eine Flasche Glenfiddich in der Bar, schließlich war das Meinhards Lieblingswhisky. Es war also kein Problem, den Wunsch Manfreds zu befriedigen. Aber sie war verwirrt: Immer, wenn er bei ihnen gewesen war, hatte er tagsüber nie etwas anderes getrunken als Orangensaft oder Mineralwasser.

„Bitte!“ Sie stellte das Glas vor ihn hin. „Gerührt und nicht geschüttelt.“

Noch während sie sprach, wurde ihr der Fehler bewußt. Man macht einen alten James-Bond-Martini-Spruch bei einem Martini, aber nicht bei einem Whisky.

„Entschuldige. Ich bin ein bißchen durcheinander.“

Er nahm das Glas, nickte ihr zu und trank. Als er es behutsam wieder auf den Tisch stellte, war es leer.

„Wir sind alle ein bißchen durcheinander. Kein Wunder. Wie geht es Meinhard?“

Plötzlich hatte sie das Gefühl, zwei Personen zu sein: Eine Gegenwartsfrau schüttelte sich vor Entsetzen und Ekel angesichts eines Fleischpaketes zwischen Schläuchen und Kabeln;  die andere, die Zukunftsfrau, sah Meinhard und sich selbst gesund im nächsten Sommerurlaub auf Martinique.

„Alles wird gut werden. Im Moment geht es ihm schlecht. Er braucht bald ein neues Herz. Aber das ist ja kein Problem. Du kennst doch seinen Vertrag mit Relief.“

Die Zukunftsfrau hatte die Antwort übernommen.

„Schön.“

Jetzt wurde ihr definitiv klar, daß mit Manfred etwas nicht stimmte. Dieses „Schön“ war eine Mischung aus Nichtbeteiligung und Sarkasmus gewesen. Wernowski wollte ihr vermutlich etwas sagen, traute sich aber nicht. Sie beschloß, zum Angriff überzugehen. Vorher aber lockte sie Lelo, und sofort sprang der Kater in ihren Schoß. Oh nein! dachte sie. Katzen lassen sich nie etwas befehlen. Wenn Lelo sich jetzt herbeizitieren ließ, dann war wirklich etwas falsch.

„Manfred, was ist los?“

„Gibst du mir noch einen Whisky?“

Sie gab ihm den Glenfiddich. Sie sah zu, wie er sich mit dem Glas vor ihr auf den Teppich setzte und in den Fußboden hineinredete. Sie hörte, daß Meinhard all sein Vermögen verloren hatte, denn er hatte es in VW-Aktien angelegt. Die Aktien waren jetzt praktisch wertlos. Danach stürzte Wernowski den zweiten Whisky ebenso schnell hinunter wie den ersten.

„Das kann nicht sein“, flüsterte Karen.

Ihre Hände verkrampften sich in Lelos Fell, und der Kater flüchtete erschrocken mit einem großen Satz.

„Manfred, du bist Meinhards Finanzberater! Wie konntest du zulassen, daß er alles auf eine Karte setzt?“

Wernowski zuckte die Schultern. „Er wollte es so. Ich habe ihm immer und immer wieder abgeraten. Er hat sich allen meinen Argumenten verschlossen. ‚Ich bin ein Automann‘, hat er gesagt. Das war seine Standardantwort. ‚Du bist ein Glücksspieler!‘ habe ich ihm erklärt. Und seine Antwort war: ‚Vielleicht will ich genau das sein.‘“

Er drehte sich um, stützte den rechten Arm auf Karens Oberschenkel. „Verstehst du? Ihr seid pleite! Ihr könnt kein neues Herz bezahlen!“

Seine Augen glänzten feucht. Die Rührung hielt ihn jedoch nicht davon ab, Karens Hüfte zu streicheln. „Karen...“

„Du gehst jetzt besser“, sagte sie.

“Karen!“ Seine Hand glitt höher.

„Laß das!“

 Manfred grinste und ließ sich durch ihren scharfen Ton nicht stören. Lelo erhob sich majestätisch und lasziv, streckte sich genüßlich - und sprang, ohne daß auch nur der Ansatz einer Bewegung zu sehen gewesen wäre, Wernowski mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht.

Zwei Minuten später sah Karen Schrader sich um. Sie war allein. Nein, Lelo war bei ihr. Manfred Wernowski war geflüchtet. Nur ein Blutstropfen auf der Glasplatte des Tisches und ein umgestoßenes Whiskyglas zeugten davon, daß er dagewesen war.

Sie fühlte sich gut.

Der Kampf war gewonnen.

Das war einen Glenfiddich wert - diesmal für sie.

Sie genoß den ersten Schluck des Drinks und auch den zweiten. Vor dem dritten aber wurde es hell in ihrem Kopf: Sie waren arm.  Sie war arm. Es war kein Geld da, um Meinhard ein  neues Herz zu bezahlen. Meinhard würde sterben. Sie würde Witwe sein. Eine arme Witwe. Scheiße.

Zeit, den Glenfiddich zu beenden, solange es ihn noch gab.

Sie leerte das Glas.

 

 

17

 

Little Italy war immer noch sehr italienisch. Zwar war der negative Einfluß der sogenannten amerikanischen Küche nicht ganz spurlos an den zahlreichen Pizzerias und Ristorantes vorbeigegangen, aber sie hatten überlebt. In dem meisten Küchen führte Mamma das Regime und entschied, wann die Spaghetti al dente und damit fertig waren. Natürlich hatte jedes Lokal seinen Clubraum - wo sonst sollten sich die italienischen Großfamilien treffen, wenn es eine Geburt, eine Taufe, eine Hochzeit oder eine Beerdigung zu feiern galt?

Die Familie, die jetzt im Hinterzimmer des „Roma“ zusammentraf, war von besonderer Natur. Was sie zusammenhielt, waren keine verwandtschaftlichen Beziehungen. Sie verbanden Geschäfte. Dennoch war ihr Zusammenhalt enger als der mancher Blutsverwandter. Jeder, der ihr angehörte, wußte, womit ein Verrat an den Familienidealen bestraft werden konnte: mit dem Tode.

An der Stirnseite der Tische, die zu einer langen Tafel zusammengerückt worden waren, saß ein soignierter Herr von etwa 60 Jahren. Er trug einen dunkelbraunen Rollkragenpullover und eine gleichfarbige Kordhose. Seine Augen waren hinter einer großen Sonnenbrille mit ebenfalls dunkelbraunen Gläsern versteckt.

Er sah aus wie ein Pate.

Er war einer.

Rechts und links von ihm hatten an den Schmalseiten sieben Männer Platz genommen. Auch sie waren mittleren Alters und dezent gekleidet. Ihre Augen waren dem Chef zugewandt. Ihre Münder waren respektvoll geschlossen.

Ein kaum wahrnehmbarer Schweißgeruch lag im Zimmer. Es war schwer, das Ergebnis solcher Sitzungen vorherzusehen. Jeder brachte seine Angst dazu mit.

„Die Bilanz!“

Der Dicke zu seiner Linken straffte sich, blieb aber sitzen. Er griff sich ein Blatt Papier, das er vor sich hingelegt hatte, und las während seines Vortrages ab und zu Zahlen davon ab.

„Unsere Arbeit in den letzten fünf Wochen zeigt zwei Seiten: Erfolg und Mißerfolg. Wir hatten gute Lagerbestände, und wir haben gut verkauft. Wir verlangen im Schnitt halb so viel wie Relief. Aufgrund unserer Preise  war die Nachfrage rege. Sie ist auch aktuell vorhanden. Sie scheint sogar zu steigen, weil sich die Meinung durchsetzt, daß unsere Produkte nicht schlechter sind als die von Relief. Aber wir haben Nachschubprobleme. Im Moment verfügen wir in der Region Nordamerika über 400 Nieren, 380 Lebern und 684 Lungenflügel. Das reicht zur Befriedigung des Bedarfs des nächsten Monats. Bei Milzen und Bauchspeicheldrüsen haben wir sogar einen Überhang. Aber es gibt ein zentrales Problem: Wir haben kein Herz. Wir haben nur eins weltweit, nämlich in Europa.“

Aus dem Mund unter den Augen, die sich hinter der Sonnenbrille  versteckten, kam nur ein Wort: „Warum?“

„Das Hauptproblem ist der Abusus von ‚Sweet Dreams‘, einer Designerdroge, die auf der Basis von Phenobarbital entwickelt worden ist. Schon seit langem ist bekannt, daß Phenobarbital, auch als Luminal bekannt, bei Mäusen Lebervergrößerung und eine Vervielfachung des Chromosomensatzes hervorruft. Sweet Dreams bewirkt beim Menschen eine entsprechende Veränderung am Herzen. Das Herz arbeitet zwar noch korrekt, ist aber so vergrößert, daß es nicht mehr transplantierbar ist. Dazu kommen die aktuellen politischen, sozialen und medizinischen Probleme...“

Ein Nicken und eine Handbewegung unterbrachen ihn: „Rapport!“

Jetzt wechselten sich die Sprecher ab, je nach regionaler Zuständigkeit.

„In Afrika ist die Situation für uns momentan aussichtslos. Zwar ist es kein Problem, an Material heranzukommen, aber die Infrastruktur ist durch die anhaltenden Kriege und Bürgerkriege völlig zerstört. Wir können nicht ausfliegen und auch nicht operieren oder konservieren.“

Unmerklich nickte die dunkle Sonnenbrille.

„Die Dürre in Nordamerika und die daraus folgenden Wanderungsbewegungen sollten eigentlich ideale Voraussetzungen für uns sein. Aber die meisten Menschen sind so ausgemergelt und krank, daß sie für uns uninteressant sind. Außerdem kontrolliert die US-Bundespolizei alles, weil sie möglichen Revolten vorbeugen will. Handel mit Organbanken oder Organen ist deshalb praktisch unmöglich.“

Ein weiteres Nicken.

„Europa ist sozial inzwischen völlig gespalten und zerfällt immer mehr. Insofern ist es leicht, hier Material zu finden. Es ist sogar sehr leicht, weil viele Angehörige der reichen Schicht gar nicht begreifen, in welcher Gefahr sie schweben. Aber die europäischen Staaten haben sich zu reinen Polizeistaaten entwickelt, denn sie haben Angst vor inneren Unruhen und vor Einwanderung. Deshalb ist es sehr schwer, Material zu konservieren und zu behandeln. Und es ist fast unmöglich, es aus Europa herauszuschmuggeln.“

Die Brille nickte.

„Australien kann man, fürchte ich, als Materialquelle langfristig vergessen. Trotz des FCKW-Verbots wächst das Ozonloch immer noch. Obwohl die Menschen sich in der Regel vorsichtig verhalten, nimmt Hautkrebs zu. Und wer Hautkrebs hat, ist für uns uninteressant. Wir haben in den letzten Wochen einige Exemplare geprüft, aber sie waren alle ungeeignet. Wir haben sie wieder laufen lassen - mit allen guten Wünschen.“

Unter der nickenden Brille zeigte sich ein flüchtiges Lächeln.

„Die Massenepidemie in Asien weitet sich aus. Die Bakteriologen meinen jetzt, daß es sich bei der Krankheit um eine Zwischenform von Aids und dem Ebola-Virus handelt. Vielleicht kommen sie morgen zu einer anderen Erklärung, aber sicher ist, daß das dort verfügbare Material unseren Qualitätskriterien nicht entspricht.“

Nicken.

„Auch in Südamerika werden die Bedingungen immer schlechter. Unser potentielles Material, die Straßenkinder, verliert zusehends an Qualität. Wir haben keinen  Einfluß auf das Suchtverhalten, und das Klebstoffschnüffeln schädigt die inneren Organe. Ich muß zugeben, daß gestern eine Aktion schiefgelaufen ist. Ein Anschlag auf eine noch halbwegs intakte Straßengang ist mißlungen. Einer meiner Männer ist tot, der andere hat seine Strafe erhalten.“

Der Schweißgeruch in dem Hinterzimmer hatte sich verstärkt.

Die dunkle Brille nickte nicht.

Der Beauftragte für Lateinamerika sank in sich zusammen.

„Woher stammt das Herz?“

Der Europäer grinste. „Bestes Material. Ein gut gepflegtes Bürgersöhnchen. Im Moment ist er noch in der Untersuchungsroutine, aber es sieht so aus, als könnte er uns mehr liefern als sein Herz.“

„Gut!“ sagte der Pate zu ihm. Und zu dem Lateinamerikaner: „Ich möchte mit dir sprechen.“

Die Sitzung war beendet. Zwei Männer blieben zurück. Nein, drei. Eine Silhouette löste sich aus einem dunklen Winkel, in den sie sich bisher zurückgezogen hatte. Ein junger, gut durchtrainierter Mann wurde sichtbar. Er stellte sich hinter den Paten und wippte erwartungsvoll auf den Fußballen vor und zurück.

Jetzt war die Luft zum Schneiden dick.

 

 

18

 

Karen Schrader hatte viel Sorgfalt auf ihre Garderobe und ihr Make-up verwendet. Zu einem lichtgrauen Herbstkostüm aus Schurwolle trug sie eine dunkelrote Seidenbluse. Das Haar ließ sie nicht wie gewohnt locker fallen, sondern hatte es hochgesteckt. Sie wußte, daß ihr Gesicht dadurch einen sanft leidenden Zug erhielt. Der wurde dadurch unterstützt, daß sie sich blaß geschminkt hatte.

Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, den Wernowskis Eröffnung über ihre finanzielle Situation verursacht hatte, wollte sie zum Angriff übergehen. Meinhard hatte einen Vertrag mit der Relief. Sie hatte sich bisher nie um dessen Inhalt gekümmert. Jetzt war es Zeit, einiges in Erfahrung zu bringen. Meinhard hatte einen Vertrag - also bestanden vermutlich auch irgendwelche Ansprüche. Nach Wernowskis abruptem Abgang hatte sie telefonisch einen Termin mit der Relief-Zentrale für Deutschland vereinbahrt. Jetzt war sie in Frankfurt.

Als sie über den weiten, leeren Vorplatz auf das Verwaltungsgebäude zuging, das ihr seine Marmor- und Glasfronten zeigte, spürte sie sich klein werden. Sie unterdrückte das Gefühl. Zumindest versuchte sie es.

Fünf Minuten später saß sie einer Frau gegenüber, die fast genauso gekleidet und geschminkt war wie sie. Mist, dachte sie. Es war ihr nicht so richtig klar, warum das ‚Mist‘ war. Aber sie hatte recht.

Dia andere musterte sie kühl.

„Frau Schrader? Ich bin Siobhan McGregor. Nehmen Sie bitte Platz. Was kann ich für Sie tun?“

Irisch oder schottisch, dachte Karen. Deshalb die grünen Augen. Sie versuchte sich zu konzentrieren.

„Mein Mann heißt Meinhard Schrader. Er hat einen Vertrag mit Ihnen, falls er einmal Ersatzorgane benötigen sollte. Im Moment geht es ihm nicht gut. Ich möchte gerne Genaueres über den Vertrag wissen. Es könnte sein, daß ich ...wir...bald handeln müssen.“

„Moment!“

Routiniert drehte Siobhan  sich ein wenig zur Seite und widmete sich ihrem Computer.

„Ja, ich hab‘s. Was möchten Sie wissen?“

„Hat mein Mann bereits irgendwelche Anzahlungen geleistet?“

„Nein. Zur Deckung eventueller Kosten hat Herr Schrader der Relief AG den Zugriff auf 120 VW-Aktien vertraglich zugesichert, die sich in seinem Besitz befinden. Beziehungsweise auf den geldwerten Gegenwert, den die Aktien am 1. 1. 2003 dargestellt haben. Damit wären entweder die Kosten eines Herzens oder zweier beliebiger anderer Organe abgegolten, und zwar zur kürzest möglichen Lieferfrist.“

Sie wandte sich Karen wieder zu: „Konnte ich Ihnen mit dieser Auskunft helfen?“

Karen schüttelte den gesenkten Kopf. Sie beherrschte sich nur mühsam.

„Leider nicht.“ Sie schluckte.

„Mein Mann hat sein gesamtes Vermögen in VW-Aktien angelegt. Und die sind seit gestern wertlos.“

„Oh!“ sagte Siobhan. Sie verstand nicht, warum das so war. Sie interessierte sich nicht für Politik. Aber sie glaubte es. Wer so traurig aussah wie Karen, der log nicht.

„Sie sind also mittellos?“

Karen zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Noch nicht. Dazu ging alles viel zu schnell. Wir haben ein Haus, es gibt Antiquitäten, Schmuck... Ich muß das alles schätzen lassen.“

„Tun Sie das!“ sagte Siobhan. Sie verspürte kein Mitgefühl. Sie wünschte lediglich, daß die Frau, die auf den ersten Blick aussah wie sie, ihr Büro so schnell wie möglich verließ. Keine Sekunde dachte sie deshalb darüber nach, ob sie ihr vielleicht helfen konnte. Dennoch sagte sie: „Ich drücke Ihnen die Daumen.“ In Karens Ohren klang es echt, denn sie brauchte Sympathie.

„Danke. Eine Frage noch: Was kostet ein neues Herz?“

„Bald?“

„Lieber heute als morgen!“

Wieder arbeitete der Computer.

„1,5 Millionen $, sagt mir die Zentrale in Chicago. Bereits morgen, alles inklusive. Je mehr Zeit Sie haben, desto billiger wird es.“

„Ich habe ganz bestimmt keine 1,5 Millionen $.“ Karen Schrader war aufgestanden. „Und schon gar keine Zeit.“

Sie ging grußlos und drehte sich nicht um. Irgend etwas in ihr fand den Ausgang aus dem großen Haus. Erst als sie im Herbstwind den Vorplatz überquerte, schoß wieder ein Gedanke durch ihren Kopf: Schade, daß ich den Glenfiddich gestern völlig ausgetrunken habe!

 

 

19

 

I can get noho satisfaction, I can get noho...

Der alte Song durchpulste seinen Kopf und seinen Körper. Nicht nur seinen. Auch ihren. Eng aneinander geschmiegt bewegten sie sich im Rhythmus der Musik, die nicht von irgendwoher kam, sondern direkt in ihnen war. Alles zwischen ihnen stimmte. Sie saß mit weit gespreizten Beinen auf seinem Becken und hatte ihn ganz in sich aufgenommen. Ihre Hände stützten sich auf seine Schultern. Jetzt beugte sie die Arme und näherte ihren Mund dem seinen. Der Kuß weckte Nerven in seinen Lippen, von denen er bisher nichts geahnt hatte. Das Prickeln wanderte durch seinen Hinterkopf in die Brustwarzen und von da aus in seinen Schwanz. Er spürte, wie er noch härter wurde. Gleich, gleich...

Ach, Ines! Ihn liebte sie und nicht Felix, den Musterschüler. Sie waren füreinander geschaffen, das hatte er eigentlich immer gewußt. Ines, Liebste! Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so wohlgefühlt zu haben.

 

Er wälzte sich im Bett von einer Seite auf die andere und murmelte vor sich hin.

Der Pfleger war beunruhigt und holte den Arzt. Der untersuchte den Patienten flüchtig und grinste.

„Kein Grund zur Aufregung. Wir haben ihm nach dem Ende der Untersuchungen ein paar synthetische Endorphine gespritzt, damit er sich erholen kann. Jetzt hat er süße Träume.“

Er schlug die Bettdecke zurück. „Sehen Sie - eine eindrucksvolle Erektion. Er ist glücklich. Lassen Sie ihn ausschlafen - das böse Erwachen kommt für ihn früh genug. Er ist für unsere Zwecke übrigens hervorragend geeignet. Pech für ihn!“

 

„Ines!“ Peter räkelte sich und blinzelte. Seine rechte Hand suchte seine Freundin, fand sie aber nicht. Merkwürdig - sie hielt doch sein linkes Handgelenk fest...

„Ines, laß das Versteckspiel. Komm zu mir“, murmelte er, drehte sich auf die Seite und tastete weiter nach ihr. Er fand ein verkrumpeltes Bettlaken. Und danach das Ende des Bettes.

Spielkind, dachte er und grinste. Bestimmt war sie heimlich aufgestanden und beobachtete ihn jetzt. Sicher wollte sie nur sehen, was für ein dummes Gesicht er machte, wenn er aufwachte und sie nicht da war. Aber dann, ging es ihm langsam durch den Kopf, hätte sie seine Hand nicht halten dürfen. Frauen...logisches Denken war eben doch nicht ihre Stärke. Allerdings war jetzt kaum der Zeitpunkt, ihr das zu sagen.

„Ines!“ er vewandelte das Grinsen in ein Lächeln und schlug die Augen auf.

Er sah nur verschwommenes Hell und Dunkel. Hatte er so fest geschlafen, daß seine Augen völlig verklebt waren? Daran konnte er sich gar nicht erinnern. Aber möglich war es schon - er war schließlich gerade eben entjungfert worden und wußte nicht, wie man sich danach fühlt.

Ganz langsam gewann das Helldunkel Konturen. Er sah ein quergestreiftes Rechteck - ein Fenster mit heruntergelassenem Lamellenvorhang. Die Lamellen waren senkrecht gestellt, so daß es keine Aussicht gab. Aber draußen mußte es hell sein, denn Licht drang herein. Dennoch gab es auch eine Lichtquelle im Zimmer, direkt über seinem Kopf. Er identifizierte eine eingeschaltete Wandlampe mit greller Leuchtstoffröhre direkt über ihm. Sie war so ausgerichtet, daß sie die weißgestrichene Decke anstrahlte. Die Decke war nicht groß, vielleicht drei mal vier Meter. Ein kleines Zimmer also. Er hob den Kopf ein wenig und konnte einen weiteren Gegenstand ausmachen: Das weißlackierte hohe Fußteil eines Bettes. Es sah aus wie ein Krankenhausbett.

Ein Krankenhausbett? Ein Krankenhaus? Wie war er hier hergekommen? Und wo war Ines, die immer noch seine Hand hielt?

Peter schickte seine rechte Hand auf die Suche nach seiner linken. Die Augen hatte er wieder geschlossen. Sie schmerzten ihn, und auch der Kopf hatte angefangen wehzutun. So verließ er sich erstmal auf den Tastsinn.

Er fand, was er suchte. Seine Finger fühlten kühles Metall und Schaumstoff. Ein Ring, außen hart und innen weich. Er umschloß sein Handgelenk.

Trotz seiner Benommenheit versuchte er ruckartig, sich aufzusetzen. Es mißlang, denn der Metallring war mit einer kurzen Kette und einem soliden Schloß am Kopfende seines Bettes befestigt.

Ines war eine Handschelle.

Er begann zu schreien und an seiner Fessel zu reißen. Niemand störte ihn dabei.

 

Als er merkte, daß seine Kehle und sein Handgelenk wund zu werden drohten, hörte er von selbst auf. Die Kopfschmerzen wurden dadurch auch nicht besser. Etwas zu trinken könnte er jetzt gut gebrauchen.

Er öffnete seine Augen nach langer Zeit wieder und sah sich um. Die Umgebung erschien deutlicher als zuvor. Er entdeckte ein Möbelstück, das er bisher übersehen hatte. Neben seinem Bett stand der übliche Krankenhausnachttisch. Er langte hin und öffnete die untere Klappe. Fast dankbar nickte er, als er die Ente sah. Falls hier längere Zeit niemand auftauchen sollte, würde er sie brauchen. Oben auf der Platte stand eine Fahrradflasche aus Aluminium. Er hob sie hoch und fühlte die Schwere. Voll. Immerhin wollte man nicht, daß er verdurstete. Und man wollte nicht, daß er sich etwas antat. Eine Wasserflasche konnte man zerschlagen und erhielt scharfe Scherben. Mit Aluminium und Plastik konnte man nichts anfangen, erst recht nicht, wenn man ans Bett gefesselt war.

Er griff sich die Flasche und trank. Schlechter dünner Krankenhaustee rann durch seinen Hals, aber er tat der wunden Kehle gut. Er lehnte die Flasche an seine  Hüfte und rückte mühsam das Kissen mit seiner freien Hand höher. Genug geschlafen, genug geträumt.

Genug geschrien. Zeit zu denken.

 

Als er die Hand unter die Bettdecke steckte und die klebrige Feuchte spürte, wurde ihm klar, daß er nie mit Ines geschlafen hatte. Schade eigentlich. Aber es gab jetzt Wichtigeres als Bedauern.

Wie war er hierher gekommen?

Er quälte seinen schmerzenden Kopf, aber der blieb leer. Höchstens produzierte er wunderschöne Bilder von Ines.

Woher kannte er Ines?

Nichts.

Ines...

Er sah ihre roten Locken vor seinen Augen wippen, und plötzlich war die Erinnerung da.

Scheeßel. Die Flucht. Die Fahrt nach Hamburg. Die verlorene Creditcard. Jan, sein Retter...

Jan! Das mußte es sein. Der mußte es sein. Aber Peter verstand immer noch nichts. Jan hätte doch in Altona mit ihm schlafen können, wenn er gewollt hätte. Er hatte ausdrücklich darauf verzichtet.

Aber jetzt war er hier, und er war hilflos.  Ein Schauer kroch Peters Rücken hinunter: Ob Jan pervers war?

 

Die Tür wurde geöffnet, als hätte Jan die Frage gehört. Mit drei energischen Schritten stand er mitten im Zimmer und lächelte sein herzliches Lächeln. Peter konnte das allerdings nur an den Augen erkennen, denn Jan trug einen Mundschutz. Auch sonst war er ziemlich verkleidet: Sein schütteres Haar  verschwand unter einer Chirurgenkappe, und sein dicklicher Körper steckte in einem grünen Kittel.

„Hallo, Peter“, sagte er, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. „Geht es dir wieder gut?“

Hoffnung keimte auf. Vielleicht war er umgekippt, und Jan hatte ihn ins Krankenhaus gebracht. Vielleicht...

„Du...du bist Arzt?“ fragte er zögernd.

Immer noch lächelnd schüttelte der Mann namens Jan den Kopf. „Wegen der Kleidung? Die ist hier Vorschrift. Nein, ich bin kein Arzt.“

Wer bist du dann? Peter unterdrückte die Frage, die ihm schon auf der Zunge gelegen hatte. Möglicherweise wollte er die Antwort darauf lieber nicht wissen.

„Wie komme ich hierher?“ erkundigte er sich stattdessen. „Und wo bin ich?“

„Gleich zwei Fragen auf einmal“, schmunzelte Jan. „Du solltest dich lieber ausruhen, anstatt dir den Kopf zu zerbrechen. Du hast doch bestimmt Kopfschmerzen, oder?“

Peter nickte.

„Siehst du. Aber ich antworte dir trotzdem. Hergekommen bis du mit dem Krankenwagen. Richtig stilvoll mit Blaulicht und Martinshorn. Auf dem Weg vom Restaurant zu meiner Wohnung bist du einfach auf der Straße zusammengeklappt, erinnerst du dich nicht? Und jetzt bist du im Klinikum Eppendorf. Abteilung forensische Psychiatrie.“

Peter verstand nur Psychiatrie. „Du hast mich in die Klapsmühle gebracht?“ Er schrie fast.

Jan kam näher und setzte sich auf die Bettkante. „Nein, das habe ich nicht. Aber in den anderen Abteilungen ist nichts mehr frei, noch nicht mal eine Liege auf dem Flur.  Herbstgrippe. Eine neue Virusmutante, gegen die es noch keinen Impfstoff gibt. Deshalb hat man dich hierher verfrachtet.“

„Aber warum bin ich angekettet?“ Noch immer war Peter voller Mißtrauen.

„Das ist hier Vorschrift. Ich habe versucht, den Pflegern zu erklären, daß du eigentlich nicht hierher gehörst, aber sie meinen, sie müßten sich an die Vorschriften halten. Weißt du nicht, was ‚forensisch‘ heißt?“

Peter schüttelte den Kopf.

„Medizinische Forschung und Behandlung im Zusammenhang mit Straftaten. Hier liegen nur schwere Jungs. Ich habe dich unfreiwillig zum Verbrecher befördert. Tut mir leid. Aber es wird nicht lange dauern.“

Er lachte, und Peter lachte mit.

„Mit dir ist nichts Ernstes. Ich habe dich durchchecken lassen. Die Ärzte sagen, es ist alles in Ordnung. Sie wollen nur noch zur Sicherheit ein paar Untersuchungsergebnisse abwarten, dann kannst du entlassen werden. Ich hole dich also bald ab. Bis es soweit ist, darfst du dein Gefängnisleben genießen.“

Er stand auf.

„Alles in Ordnung?“

„Alles in Ordnung!“ Peter atmete tief durch. „Weißt du, ich dachte schon...“

„Was?“

„Ach, nichts. Du kommst wirklich wieder, ja?“

„Ich komme wirklich wieder“, versprach Jan feierlich und verließ das Zimmer.

Draußen streifte er Mundschutz und Haarnetz ab und sagte zu dem Pfleger, der vor der Tür wartete: „Er hat‘s geschluckt. Aber ich glaube nicht, daß es lange anhält.“

Der Pfleger zuckte die Schultern. „Dann soll er eben wieder schreien. Hier stört das keinen. Und vielleicht dauert es ja auch nicht lange.“

„Ich hoffe es“, meinte der Mann, der sich Peter gegenüber Jan genannt hatte. Er gönnte dem hübschen Jungen ein schnelles Ende.

20

Die Angelegenheit mit dem Glenfiddich war keineswegs tragisch. Kaum hatte Karen den rechten, den richtigen Teil des Frankfurter Hauptbahnhofs betreten, als sie auch schon die Boutique ansteuerte, die in altmodisch verschnörkelten Buchstaben ‚Reisebedarf‘ anbot. Angesichts der überhöhten Bahnhofspreise zuckte sie nicht mit der Wimper. Ungerührt entschied sie sich für fünfundzwanzig Jahre alten edlen Stoff. Den Gedanken ans Sparen hatte sie in den hintersten Winkel ihres Gehirns verdrängt. Stattdessen spukte ein kleines Teufelchen ab und zu durch ihren Geist und flüsterte: Wenn du nicht willst, mußt du gar nicht sparen! Wenn du nicht willst,...

Sie verscheuchte den Kerl und konzentrierte sich auf den Fahrplan. Der nächste ICE(F) nach Hannover sollte sich in zwei Minuten in Bewegung setzen. Wenn sie sich beeilte, würde sie ihn gerade noch erreichen. Aber sie hatte keine Lust, jetzt durch die Hallen und Gänge zu hetzen. Wozu auch? Zu Hause erwartete sie wenig Aufregendes. Jedenfalls fand sie es gerade nicht aufregend, neue Nachrichten über Meinhards Gesundheitszustand zu hören. Lieber wollte sie eine Stunde warten und es sich bei einem halben Dutzend Fines de claires und einem Glas Chablis in der gemütlichen Bar dort hinten bequem machen.

Sie spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Sie liebte Austern über alles. Aber es war kaum noch möglich, diese seltene Delikatesse zu ergattern. Der Preis war in astronomische Höhen gestiegen, seit die Meeresverschmutzung die Zucht zu einer wirklich teuren Angelegenheit machte. Außerdem hatte Meinhard immer versucht, ihr  die Muscheln zu vermiesen. „Widerliches Glibberzeug!“ nannte er sie. Jetzt hatte er zum Glück keine Chance, ihr den Appetit zu verderben.

Sie suchte sich ein etwas abseits stehendes Tischchen neben einem großen Ficus, um das drei Stühle gruppiert waren, und bestellte. Zwei Minuten später stand der Chablis im schlanken Glas vor ihr. Sie nippte daran und beobachtete, wie das  Lokal sich füllte. Bald war kein Stuhl mehr frei, außer den beiden an ihrem Tisch.

Zwei Männer standen zögernd am Eingang und beratschlagten. Offensichtlich hätten sie sich gerne hier niedergelassen, hatten aber Hemmungen, sich zu ihr zu setzen. Gut sahen die beiden aus. Karen seufzte. Wie schön, daß es in diesen verrohten Zeiten noch Männer mit Manieren gab! Sie lächelte.

Das Signal kam an. Die Männer näherten sich und fragten formvollendet, ob sie an ihrem Tisch Platz nehmen dürften.

Sie nickte und hob ihr Glas: „Willkommen!“

Sofort ärgerte sie sich. Das war nun wirklich zu einladend. Sie hatte sich hinreißen lassen von zwei Kerlen, nach der neuesten Mode in hervorragend sitzende Einteiler gekleidet, Mitte dreißig, schlank und sonnengebräunt - es war schwer zu widerstehen.

Aber die Ankömmlinge sahen über die ungeschickte Geste hinweg.

„Danke für die Gastfreundschaft“, sagte der, der sich rechts von ihr niederließ. Der Linke nickte bestätigend.

Sie lächelte wieder. Der Kellner, der ihre Austern servierte, ersparte ihr eine verbale Erwiderung.

„Guten Appetit!“ sagte der Rechte. „Jean, ist das nicht fantastisch - hier gibt es Austern! Ich möchte welche und auch einen Chablis - das ist doch Chablis, nicht wahr?“ fragte er mit einem Blick auf Karens Glas.

Sie nickte.

„Entschuldigen Sie die dumme Frage. Ich habe nicht daran gezweifelt. Selbstverständlich wissen Sie, daß Austern und Chablis Zwillinge sind.“

So sicher war Karen sich da nicht. Bisher hatte sie gefunden, daß Austern und Champagner auch hervorragend zueinander paßten. Aber sie fühlte sich geschmeichelt.

Auch Jean erklärte, Austern essen zu wollen. So saßen sie nach kurzer Zeit alle drei um den kleinen Tisch, lösten Muskelfleisch mit kleiner Gabel vom Muschelfuß, träufelten Zitronensaft darüber und schlürften hörbar.

Nach getaner Arbeit faltete der Rechte sorgfältig seine Serviette zusammen und legte sie neben seinen Teller.

„Danke, daß Sie uns diesen Genuß ermöglicht haben“, sagte er und lächelte Karen an. Jean lächelte ebenfalls. Er begnügte sich mit der stummen Rolle.

„Und jetzt müssen wir gehen, fürchte ich. Schade. Aber wir dürfen unseren Zug nicht verpassen.“

Karen warf einen Blick auf die kleine Analoguhr, die in die Tischplatte eingelassen war. Fast eine Stunde hatte sie hier verbracht.

„Für mich wird es auch Zeit“, sagte sie deshalb und stand auf. „Gute Reise noch!“

Man fand einander im Bordrestaurant wieder. Karen war zu dem Schluß gekommen, daß ein Glas Chablis nicht allein bleiben wollte. Und die beiden Herren nahmen einen Espresso nach dem kleinen Imbiß.

„Welch ein Zufall!“ sagte der, der der Rechte gewesen war. „Sie fahren nach Hamburg?“

„Schön wär‘s!“ seufzte Karen. „Nein, ich muß leider in Hannover ausssteigen.“

„Immerhin haben wir dann ein gutes Stück gemeinsamer Reise. Sie mögen Hannover nicht?“

Es tat Karen wohl, sich alles von der Seele zu reden. Die beiden Männer hörten ihr voller Anteilnahme zu, als sie erzählte. Der Chablis war wundervoll und löste ihre Hemmungen.

„Ihr armer Mann!“ Der Sprecher sah sie aus großen warmen Augen an. „Wir müssen ihm helfen!“

Der letzte Satz erkämpfte sich einen Weg durch ihr Selbstmitleid. Sie spürte: Das war nicht nur eine Floskel.

„Ihm helfen?“ fragte sie resigniert. Und mit Galgenhumor: „Dann müßten Sie schon ein neues Herz haben!“

„Vielleicht haben wir eins.“ Der Rechte schien sich ganz auf seinen Espresso zu konzentrieren, in dem er herumrührte.

Karen spürte, daß sie ärgerlich wurde. Der zunächst entspannend wirkende Alkohol begünstigte jetzt Aggressionen. Sie griff nach ihrer Handtasche und stand auf.

„Entschuldigung, aber ich bin wirklich nicht in der Stimmung für schlechte Witze. Gute Reise noch!“

„Bleiben Sie!“

Mit festem Griff hatte der stille Jean ihr Handgelenk umfaßt. Das Reden überließ er immer noch dem anderen.

„Bleiben Sie! Wir meinen es ernst.“

Karen schaute sich um. Der Speisewagen war gut besetzt. Vor den Fenstern erkannte sie in der späten Abenddämmerung die Kasseler Berge - der Zug würde gleich in Wilhelmshöhe halten. Passieren konnte ihr hier nichts. Sie unterdrückte deshalb den Impuls, sich gewaltsam zu befreien, und zischte stattdessen: „Lassen Sie los, oder ich mache eine Szene!“

„Schon gut“, sagte der Rechte beruhigend und nickte Jean zu. Karens Handgelenk war wieder frei.

„Wir meinen es wirklich ernst. Wir vertreten eine Organisation, die Ihrem Mann helfen kann. Hören Sie jetzt gut zu und bleiben Sie ruhig. Wir haben uns über Sie informiert. Wir kennen Ihre wirtschaftliche Lage und wissen, daß der Vertrag Ihres Mannes mit Relief ihm nichts mehr nützt, weil er wegen des UNO-Beschlusses zum Individualverkehr sein Anlagekapital verloren hat. Wir wissen aber auch, daß Sie deshalb keineswegs mittellos sind. Wir können Ihnen umgehend ein Herz für Ihren Mann anbieten, und zwar zu Konditionen, die Ihren finanziellen Möglichkeiten entsprechen.“

Karen schwieg. Weg mit dem verkabelten Körper, der Infusionsnadel, den Meßgeräten. Wieder über Wiesen laufen, Sex haben. Einkaufen in Hamburg. Nein, wohl nicht. Wieder arbeiten. Klein anfangen. Ein neues Leben mit Meinhard.

Minuten waren verstrichen. Der ICE hatte in Kassel gehalten und sich wieder in Bewegung gesetzt.

“Ich würde gerne noch einen Chablis trinken“, sagte Karen sehr langsam.

Nachdem der Kellner serviert hatte - auch die Herren tranken jetzt noch ein Glas Wein - fragte sie: „Wie soll das konkret funktionieren?“

„Wir übernehmen für Sie sowohl die medizinische Betreuung Ihres Mannes als auch die Verwaltung Ihres Vermögens“, erklärte der Rechte. „Falls unsere Gutachter feststellen, daß Ihre Sicherheiten ausreichen - und nach allem, was wir bisher recherchiert haben, wird das in kürzester Zeit der Fall sein - erhält Ihr Mann eine Herztransplatation.“

„Welche Garantien habe ich?“

„Wenn die Operation mißlingt - was äußerst unwahrscheinlich ist - verzichtet unsere Organisation auf jegliche Forderung. Das ist ein faires Angebot, denke ich!“

„Ja.“ Karen nickte und schwieg wieder. „Ich muß darüber nachdenken. Wie kann ich Sie erreichen?“

„Wir stehen nicht im Telefonbuch“, sagte der Rechte und grinste, als hätte er einen gängigen Witz gemacht. Er kritzelte ein paar Zahlen auf eine Serviette. „Aber bei dieser Nummer weiß man, wie wir zu erreichen sind.“

Karen nickte und wandte sich ab. Bis der Zug in Hannover einlief und sie ausstieg, schaute sie starr aus dem Fenster.

„Was wird die Kleine machen?“ Der stumme Jean hatte seine Sprache wiedergefunden. Er starrte voller Abscheu auf den mißlungenen Hainhölzer Bahnhof aus blauen Glaskacheln, als sie ohne Karen nach Hamburg weiterfuhren. „Scheußliches Ding!“

„Ich fand sie ganz niedlich ... ach so!“ Der Rechte hatte Jeans Blick verfolgt. „Fehlanzeige, denke ich. Die junge Frau wird eine realistische Bilanz aufmachen: Macht sie nichts, stirbt ihr Mann, und sie hat immerhin ihr Restvermögen. Heuert sie uns an und wir versagen, ist das Ergebnis das gleiche. Sind wir erfolgreich, hat sie einen Mann mit einem zwanzigjährigen Herzen in einem fünfzigjährigen Körper - und sonst gar nichts. Sie hat nicht den Eindruck gemacht, daß sie ihn sonderlich liebt...“

„Recht hast du. Wir werden uns an Schrader selbst ranmachen müssen. Leider. Die Knaben, die ein neues Herz brauchen, regen sich immer so schnell auf.“

„Hör auf zu lamentieren. Du hast die Arztnummer schon oft genug abgezogen.“

 

Karen betrat beschwingt ihr Haus und trällerte eine Melodie. Dazu sang sie einen Text, den sie selbst erfunden hatte: Wenn du nicht willst...

 

 

21

 

Dreihundertfünfundsiebzigtausend Dollar. Dreihundertfünfundsiebzigtausend Dollar. Wir machen es für die Hälfte, hatte die Stimme gesagt. Und sofort. Dreihundertfünfundsiebzigtausend Dollar waren die Hälfte von siebenhundertfünfzigtausend Dollar. Die Hälfte seines Vermögens.

John Pupfish zwang sich, noch liegenzubleiben. Wie lange mochte er ohnmächtig gewesen sein? Kurz genug, wie es schien: Gesa war noch nicht zu Hause. Draußen war es noch hell, die Sonne stand aber schon recht tief. Sie schien jetzt voll auf die Obstschale. Die Obstschale, die geklingelt hatte... Er lächelte schief.

Was sollte er jetzt tun? Wenn er sich auf das Angebot einlassen wollte, mußte er Gesa reinen Wein einschenken. Schließlich ging es um die Hälfte ihres gemeinsamen Besitzes. Und, ganz nebenbei, um sein Leben. Er seufzte. Lieber hätte er das Ganze unter Männern geregelt, zum Beispiel mit Bill Faulkner darüber gesprochen. Aber das ging wohl nicht. Er mußte ihr alles sanft beibringen. Seine Gesa regte sich immer so schnell auf.

Die Sonne sank weiter. Jetzt kitzelten ihre Strahlen ihn in der Nase. Er nieste kräftig und legte sich danach wieder zurück. Eigentlich war es ganz gemütlich hier unten auf dem Teppich. Er würde noch ein bißchen liegenbleiben und sich eine Strategie überlegen.

„John!“

Er mußte eingeschlafen sein, denn er hatte weder das Auto in der Auffahrt noch den Schlüssel im Schloß gehört. Jetzt war Gesa da. Sie kniete neben ihm und tat genau das, was er hatte vermeiden wollen: Sie regte sich auf.

„John! Geht es dir nicht gut?“

„Doch.“ Er stützte seinen Oberkörper auf die Ellenbogen. „Doch. Kein Grund zur Beunruhigung. Ich bin nur ein bißchen eingeschlafen.“

„Auf dem Teppich?“ Die Panik in ihrer Stimme war unüberhörbar.

Er erkannte, daß jetzt keine Zeit für eine wohlüberlegte Strategie war. Abgesehen davon hatte er keine. Er versuchte, das Beste aus der Situation zu machen.

„Ich hatte einen Anruf, bei dem mir ein wenig schwach in den Knien geworden ist. Danach habe ich mich erstmal hingelegt. Die Sonne hat hereingeschienen, und ich muß wohl eingeschlafen sein.“

Natürlich klang das schrecklich lahm und verfehlte seine Wirkung. Gesa kam sofort auf den Punkt.

„Was für ein Anruf?“

Er druckste. „Na ja... Du weißt ja, daß es mir in letzter Zeit gesundheitlich manchmal nicht so gut geht. Der alte John verschleißt. Aber es gibt da Ersatzteillager...“

Er wollte Zeit schinden, Zeit zum Überlegen gewinnen, indem er sich so ungewiß ausdrückte. Mit ihrer Reaktion hatte er nicht gerechnet.

„Relief hat angerufen?“

Er war perplex: „Wieso Relief?“

„Wer sonst? Du brauchst doch ein neues Herz!“

„Du weißt...?“

„Natürlich. Das Gutachten von dem Arzt aus Las Vegas habe ich in deiner Westentasche gefunden. Aber das hätte ich gar nicht gebraucht. Ich lebe mit dir, weißt du!“ Obwohl sie sich zu beherrschen versuchte, waren die erstickten Tränen in ihrer Stimme zu hören. „Mich kannst du nicht täuschen. Ich weiß, wie schlecht es dir geht.“ Sie schluckte. „Relief hat also ein neues Herz für dich?“

„Nicht Relief. Relief können wir nicht bezahlen.“

Doch, wir können, dachte sie. Wenn du noch vier Wochen Zeit hast. Sie sagte ihm nicht, daß sie sich erkundigt hatte.

„Wer dann?“

„Es gibt da ein Konkurrenzunternehmen. Illegal. Aber die arbeiten mit hoher Qualität. Und der Preis ist deutlich niedriger. Sie haben mir ein Herz für 375000 $ angeboten. Sofort.“

Ein Gefühlsgemisch von Mißtrauen, Angst und Hoffnung drohte sie zu überwältigen. Sie sagte John nichts davon. Es war nicht die Zeit für lange skrupulöse Überlegungen. Sie stellte nur eine Frage: „Meinst du, man kann ihnen vertrauen?“

Er zuckte die Schultern. „Ich denke schon. Sie sind eine Verbrecherorganisation, das weiß jeder. Ihre einzige Reputation ist ihre saubere Arbeit.“

„Dann machen wir es“, sagte sie und drückte seine Hand.

Er gab den Druck zurück.

„Möge Gott uns helfen!“ sagte der Baptist John Pupfish.

„Amen.“ vervollständigte Gesa. Und, Gott im Himmel, nimm mir die bösen Gedanken. Laß mich nicht daran denken, woher dieses Herz stammt. Und vergib uns unsere Schuld.

Aber das sagte sie nicht laut.

 

22

 

In gewisser Weise war es langweilig, die grüne oszillierende Kurve zu verfolgen. Aber es war auch beruhigend, den eigenen regelmäßigen Herzschlag zu beobachten.

Mit der für ihn typischen Hartnäckigkeit hatte Meinhard Schrader durchgesetzt, daß er die Anzeigen der Kontrollinstrumente, an die sein Körper immer noch angeschlossen war, sehen konnte.

Als er vor wenigen Minuten ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt geführt hatte, hatten sich die Graphen auf den Monitoren kaum verändert. Er war die Ruhe selbst geblieben. Ein neues Herz also - kein Grund zur Panik. Die Transplantationstechnik gab es seit fast einem halben Jahrhundert. Irgend ein Chirurg in Südafrika hatte damals damit Schlagzeilen gemacht. Wie hieß der doch noch? Egal. Ihm stand eine Routineoperation bevor, und das Ersatzteil würde tadellos sein.

Er griff zum Telefon auf seinem Nachttisch und verzog dabei schmerzhaft das Gesicht. Die Infusionsnadel in seiner Armbeuge störte. Er zuckte die Schultern. Das würde bald vorbei sein. Er tippte die Nummer ein, die er im Kopf hatte.

„Relief AG Deutschland, guten Tag. Mein Name ist Gudrun Schöne. Was kann ich für Sie tun?“

„Verbinden Sie mich bitte mit Frau Dr. Sanne.“

„Gerne. Wen darf ich anmelden?“

„Schrader. Meinhard Schrader.“

 

„Ein Gespräch für Sie, Frau Sanne. Ein Herr Meinhard Schrader.“

Sagen Sie, ich bin in einer Sitzung, war ihr erster Impuls.

Sie sagte es nicht. Stattdessen drückte sie auf die große Taste, die die Bildleitung inaktivierte. Wenn dieses Treffen denn schon stattfinden mußte, dann wenigstens nur akustisch.

„Danke.“ sagte sie. „Stellen Sie bitte durch!“

„Sanne.“

„Elena!“

Sie wußte, wie er jetzt aussah: verlegen-amüsiertes Lächeln um den Mund, der sich nicht für das eine oder das andere entscheiden konnte, und den weichen Schimmer in den Augen, der sie einmal zum Schmelzen gebracht hatte. Das war vorbei.

„Guten Tag, Meinhard“, sagte sie. Sie wollte, daß es so steif klang, wie es gemeint war.

„Elena, mein Schatz, wie geht es dir?“

„Mir geht es gut, danke. Aber ich bin nicht mehr dein Schatz, Meinhard. Die Zeiten sind vorbei, und du weißt es. Ich nehme an, du rufst aus geschäftlichen Gründen an?“

„Schade, Schätzchen, schade...“ murmelte er vor sich hin.

Elena schmunzelte. Gestern Abend vor dem Einschlafen hatte sie einen alten Krimi im Fernsehen gesehen. Der Held hieß Schimansky. ‚Schade, Schätzchen, schade‘ hätte zu ihm gepaßt. Aber nicht zu Meinhard Schrader. Dessen Tricks kannte sie nur allzu gut.

„Was kann ich für dich tun?“

„Na gut.“

Es hatte sie schon immer beeindruckt, daß Schraders Stimme von einer Sekunde  zur anderen eiskalt werden konnte. Jetzt war es wieder einmal soweit.

„Ich rufe wegen meines Vertrags an. Es ist Zeit, ihn zu aktualisieren.“

„Eine Sekunde!“

Sie holte sich den Vorgang auf den Monitor. Sofort grellte ihr die rote Flagge entgegen. Notleidend.

Meinhard Schraders Vertrag notleidend?

„Moment noch!“ murmelte sie ins Telefon. Zum Glück konnte Meinhard sie ja nicht sehen. Er mochte glauben, daß sie noch nach den Unterlagen suchte.

Unterdessen besorgte sie sich Hintergrundinformationen. Na klar - Auto-Aktien. Und sie erfuhr, daß Karen mit Siobhan McGregor gesprochen hatte.

„Ich habe die Unterlagen“, sagte sie. Und schluckte das hinunter, was sie sonst noch hätte sagen können.

„Also - wann macht ihr es? Ich brauche ein Herz!“

„ Es gibt da ein Problem bei der Finanzierung.“ Sie sagte es leidenschaftslos.

„Was heißt das?“ Aus den Augenwinkeln beobachtete er, daß sich die grünen Kurven verschoben. Der regelmäßige Rhythmus zerbrach.

„Ich sehe hier, daß die von dir geltend gemachte Sicherheit aus VW-Aktien besteht. Die sind aber seit gestern so gut wie wertlos.“

Sie wartete eine Weile, um ihm Zeit für eine Reaktion zu geben. Er nutzte die Chance nicht.

„Kann ich sonst noch etwas tun?“ erkundigte sie sich geschäftsmäßig.

Nach einer weiteren Pause fragte er: „Mit deinem Mitleid kann ich wohl nicht rechnen?“

Sie hörte, wie schwer ihm die Frage fiel. Sie hätte sich genau vorstellen können, wie die herabgepreßten Mundwinkel sein Gesicht verzerrten, als er sich diesen Satz abquälte. Meinhard Schrader und Mitleid - das waren zwei unvereinbare Größen. Aber sie wollte sich das nicht vorstellen.

„Das würde dir auch nichts nützen. Ich kann die Geschäftsbedingungen von Relief nicht ändern. Und ich habe kein Vermögen, mit dem ich dir ein neues Herz finanzieren könnte - selbst wenn ich es wollte.“

„Danke.“ Ein Klicken.

Die Leitung war tot. Meinhard Schrader würde es auch bald sein, dachte sie. Der flotte Meinhard, der nicht nur ihr den Kopf verdreht hatte, damals, als sie kurz nach ihrer Promotion ihre ersten beruflichen Sporen als Consulting Manager bei VW verdient hatte. Der Mann, der erst einen Riesenstrauß roter Rosen in ihr winziges Büro rammte und dann sich selbst nachschob, die Hand wie immer in der Hosentasche, das unvermeidliche Siegerlächeln auf den Lippen. Der Mann, der jede haben konnte, auf den jede hereinfiel. Natürlich hatte er auch Elena Sanne herumgekriegt. Mit dem gleichen blöden Trick, auf den Frauen immer hereinfallen, weil sie glauben wollen, was sie hören: ‚Wir werden heiraten‘. Meinhard hatte sich damals gerade von seiner zweiten Frau getrennt. Er hatte wieder geheiratet - allerdings nicht sie.

Der monotone Dauerton aus der Leitung, die jetzt auf ‚Besetzt‘ geschaltet hatte, riß sie aus ihren Gedanken. Irgendwelche Gefühle? Wenn ja, dann tatsächlich Mitleid. Sie zuckte die Schultern. Wem nützte das schon?

Sie legte den Hörer zurück und aktivierte die Bildverbindung wieder. Frau Dr. Sanne war bereit, ihre Arbeit für die Relief AG fortzusetzen.

 

Meinhard Schrader dagegen war zu gar nichts bereit. Apathisch hatte er sich auf das für den Herzkranken hochgestellte Kopfteil des Bettes zurücksinken lassen. Den grünen Kurven ging es noch längst nicht wieder gut, aber schon wieder besser als noch vor wenigen Minuten.

Das war‘s dann also, dachte er und regte sich zu seiner eigenen Überraschung nicht sonderlich darüber auf. Die kleine Karen würde einen anderen finden. Jemanden, der keine Autos verkaufte, sondern vielleicht Kühlschränke oder Flugzeuge oder sonst irgendeinen Schrott, mit dem die Menschen sich ihre Welt vollmüllten. Und wenn nicht - mit dem Haus und dem, was in ihm steckte, würde sie sich eine Weile über Wasser halten können, bis sie wieder einen Job fand.

Er würde sie nicht einweihen. Weinende Frauen waren zum  Kotzen. Egal, ob sie ehrlich trauerten oder nicht.

Aber mit Peter war noch eine Rechnung offen. Eigentlich war der Junge in Ordnung. Hatte sich doch nur an ihm abgearbeitet. Er dagegen hatte nie Zeit gehabt. Vermutlich hatte er ihm tatsächlich zu viel zugemutet - wechselnde Mütter zum Beispiel. Aller Misere zum Trotz mußte er grinsen: Daß Peter Karen ihr Kleid zerschnitten hatte, war eine echt schradersche Aktion!

Sein Entschluß war gefaßt: Er würde in Scheeßel anrufen und für den Jungen um Urlaub bitten. Er sollte herkommen. Es war Zeit für ein Männergespräch.

 

Schrader kam nicht dazu, den Hörer abzunehmen, um seine Absicht sofort in die Tat umzusetzen. Mit Schwung wurde die Tür zu seinem Zimmer geöffnet. Der übliche dunkelgrüne Kittel trat ein. Ein dynamischer junger Mann, soweit er das unter der Vermummung erkennen konnte. Er hatte ihn bisher hier noch nicht wahrgenommen, zumindest nicht bewußt. Aber das war nicht verwunderlich: Wahre Heerscharen mehr oder weniger hoffnungsvoller junger Mediziner liefen hier durch die Gegend und versuchten, einen wichtigen Eindruck zu machen.

„Na, Herr Schrader, wie geht es uns?“

Angewidert verzog Schrader das Gesicht. Er haßte diese Ansprache, die den Patienten zur Nichtperson erklärte. Nur noch das ‚Du‘ gegenüber hilflosen alten Menschen war schlimmer. Vielleicht kannte der Junge den abgegriffenen Patientenscherz tatsächlich noch nicht, den Schrader jetzt benutzte, um sich zu wehren: „Wie es Ihnen geht, weiß ich nicht. Mir geht es so lala.“

Hinter dem Mundschutz lachte es.

Tatsächlich - es gab noch Mediziner, die man mit Witzen aus Großvaters Zeiten überraschen konnte. Das mußte ein merkwürdiger Mediziner sein...

Plötzlich machte es Schrader Spaß, die Rollen umzudrehen. Betont lässig fragte er: „Was kann ich für Sie tun?“

Der Grüne setzte sich auf die Bettkante und ergriff sein Handgelenk. „Ich denke eher, Herr Schrader, daß ich etwas für Sie tun kann.“ Währenddessen drückte er seinen Daumen auf die Innenseite des Gelenks. Er erfühlte den Handwurzelknochen, nickte und schaute bedeutungsvoll auf seine Armbanduhr.

Dieser sogenannte Mediziner hatte keine Ahnung davon, an welcher Stelle des menschlichen Körpers man den Puls fühlt. Schrader lächelte scheinbar ergeben, während seine freie Hand nach dem Klingelknopf tastete.

Sein Besucher beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und sagte leichthin: „Ich würde das nicht tun, Herr Schrader. Nun gut, ich bin kein Mediziner, das war nicht schwer zu erkennen. Aber es gab keine andere Tarnung, um sich Ihnen in Ihrer gegenwärtigen Verfassung zu  nähern. Wir haben Ihnen ein Angebot zu machen.“

Schrader versuchte die Situation zu überblicken. Unmittelbare Gefahr schien ihm nicht zu drohen. Wahrscheinlich war der Junge ein Reporter auf der Suche nach einem Exklusivinterview: Wie fühlt sich der Spitzenmanager, der gerade seinen Job verloren hat? Er hielt seinen Daumen einen Zentimeter vom Klingelknopf entfernt in Warteposition und fragte: „Wer ist ‚wir‘?“

„Wir verkaufen Leben. Wir haben dieselben Qualitätsstandards wie Relief, sind aber wesentlich billiger. Für Sie hätten wir zum Beispiel ein neues Herz.“

Das alte Herz hüpfte, sprang hoch und schlug schließlich einen Salto. Die grünen Kurven spielten verrückt.

„Wieso?“

Ihm war klar, wie blöd die Frage war, aber er hatte sie nicht unterdrücken können.

„Wieso ‚wieso‘? Wir verkaufen Herzen und andere Organe, wie Sie bisher Autos verkauft haben. Irgend jemand liefert, man verkauft. Wozu? Man will Geld verdienen! Das wissen Sie doch alles!“

Natürlich wußte Meinhard Schrader das alles. Im Prinzip. Allerdings hatte er immer gewußt, woher die Autos stammten, von deren Verkauf er gelebt hatte. Das würde bei dem offerierten Herzen wohl anders sein. Die Sache mit dem Geldverdienen verstand er hervorragend. Jetzt schien es, als ob er zahlen müßte. Er legte die Klingel beiseite. Er wußte nun, was sie boten. Aber was würden sie fordern?“

„Sie werden wissen, daß ich seit gestern - oder vorgestern - kein Vermögen mehr habe.“

„Selbstverständlich wissen wir das!“ Das gemeine Lächeln war selbst unter dem Mundschutz zu erahnen. „Wir wissen aber auch, daß Sie eine nette Villa besitzen! Beste Lage direkt am Stadtwald, Jahrhundertwende. Mit Parkett, Marmor, Stuck und alten Holztreppen. Ein wahres Liebhaberstück.“

Schrader zuckte die Schultern. „Schon richtig, aber kaum verkäuflich. Seit die EXPO zu Ende ist, sind die Immobilienpreise in Hannover in den Keller gerutscht.“

„Vielleicht nicht zu dem Preis verkäuflich, den Sie sich wünschen. Aber zu einem Preis, der uns ausreichen würde.“

Meinhard Schrader hatte nie gezögert, wenn es um wichtige Entschlüsse ging. Aber jetzt wollte er sich nochmals vergewissern: „Ich bekomme ein Herz, wenn ich für meine Immobilie einen halbwegs akzeptablen Preis erziele?“

Der junge Mann nickte: „Umgehend.“

„Gut!“ sagte Schrader. „Ich kümmere mich darum.“

Die Tür wurde geöffnet, und eine Krankenschwester trat ein. Der junge Mann ließ sein Handgelenk los.

„Danke, Doktor“, sagte Schrader. Der Besucher nickte und verließ das Zimmer.

Die Schwester blickte ihm irritiert nach, bevor sie sich auf die Bettkante setzte, um dem schwerkranken Patienten den Puls zu messen.

„Beeilen Sie sich gefälligst“, raunzte Schrader sie ungeduldig an. „Ich muß dringend telefonieren.“

Er mußte Manfred Wernowski erreichen. Daß er Peter anrufen wollte, hatte er vergessen.

 

 

23

 

Viermal hatte er zu essen bekommen, und einmal war es dunkel und wieder hell geworden, seit er hier war. Nach dem zweiten Essen und vor der Dunkelheit war ein Mann aufgetaucht. Peter hatte geschlafen und zu spät registriert, was er mit ihm machte: Er fesselte auch sein rechtes Handgelenk ans Bettgestell. Hilflos hatte er sich aufgebäumt, aber der Mann im weißen Kittel verpaßte ihm nur amüsiert eine sanfte Ohrfeige: „Nicht aufregen, Kleiner. Ist nur eine Ausgleichsmaßnahme. Alles nach Vorschrift!“ Während er das sagte, befreite er ihn von der Handschelle an seiner linken Hand.

Regelrecht erleichtert hatte Peter sich danach zur Seite gedreht und eine neue Lage gesucht. Aber die Möglichkeiten, die sie bot, waren jetzt auch schon wieder qualvoll. Soweit er das beurteilen konnte, waren seitdem weit mehr als zwölf Stunden vergangen. Es mußte inzwischen Nachmittag sein.

Er hatte wenig geschlafen und sich stattdessen ununterbrochen den Kopf zermartert. Alles kreiste nur um einen Gedanken: Hatte Jan die Wahrheit gesagt? Peter machte sich keine Illusionen. Er konnte soviel darüber nachdenken, wie er wollte, er verfügte über keinerlei Kriterien, die Frage angemessen zu beantworten. Bisher jedenfalls nicht.

Er wälzte sich hin und her, soweit es seine begrenzten Möglichkeiten erlaubten.

 

In der Tür, die sich geöffnet hatte, erschien ein Tablett.

„Abendessen, Kleiner!“ sagte die Stimme, die er schon kannte. Sie gehörte dem Mann, der seine Handschellen gewechselt hatte. Er schob sich hinter dem Tablett ins Zimmer.

Peter wandte den Kopf ab. Er hatte genug. Er wollte kein Abendessen. Er wollte hier weg. Aber das sagte er nicht. Er hatte das Gefühl, daß eine solche Äußerung seine Lage nur verschlechtern würde. Alles, was seinen Widerwillen ausdrückte, würde seine Lage vermutlich verschlechtern. Aber er verfügte nicht über genug Selbstbeherrschung, um jetzt Begeisterung oder zumindest Zustimmung zu heucheln.

„Schlechte Laune, was?“

Der Mann stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab, dem Peter den Rücken zuwandte. Geschirr klapperte.

„Dazu hast du wirklich keinen Grund. Landbrot aus ökologischem Anbau, Bayonner Schinken, ein ordentlicher Chèvre. Obst und Salat vom Land. Hier der Beweis - eine Blattlaus!“

Er hielt Peter den Finger vor die Augen, an dem vermutlich eine tote Blattlaus klebte, aber Peter hielt die Augen geschlossen.

Alles ziemlich teures Zeug, ging es ihm durch den Kopf. Wahrscheinlich zahlte Jan viel zum üblichen Fraß zu. Aber er hatte keinen Hunger. Er wollte nur hier weg.

„Ich mag nicht“, sagte Peter und schüttelte den Kopf. Er machte die Augen nicht auf.

„Bürschchen!“ Die  Stimme hatte alle Verbindlichkeit verloren.

Unsanft wurde er im Nacken gepackt.

„Mach die Augen auf und genieß deine Vorspeise!“

Verständnislos gehorchte Peter unter dem schmerzhaften Griff. Der Penis, der nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht emporragte, war eindrucksvoll. Der Druck auf seinen Hals verstärkte sich.

„Los, leck mich!“

Ein brutaler Ruck. Sein Kopf wurde gegen den Schwanz gedrückt.

„Leck mich!“

Peter preßte die Lippen fest aufeinander und versuchte einen Angriff mit seiner freien Hand. Er hatte keine Chance. Die Bewegung wurde noch im Ansatz abgefangen. Der Kerl hielt seinen Kopf mit einer Hand weiter fest und benutzte die andere, um seinen Arm zu fixieren. Hilflos lag er jetzt auf dem Rücken. Der Pfleger - oder was immer dieser Typ sein mochte - schwang sich auf seine Brust. Er bog Peters Kopf nach vorn. Die Eichel tanzte genau vor seinem Mund.

„Leck mich!“

Peter gehorchte dem Befehl. Er wußte zwar nicht genau, was von ihm erwartet wurde, aber er hatte sich oft genug ausgemalt, was Ines Nettes mit seinem Schwanz anstellen könnte. Er ließ seine Zunge um die Eichel gleiten, mit der Vorhaut spielen und einige Vorstöße in das Loch unternehmen. Ganz schlecht schien er nicht zu sein, denn er bekam ein wohliges Grunzen als Reaktion zu hören. Das allerdings dauerte nicht lange.

„Ganz nett für den Anfang. Aber jetzt kommen wir mal zur Sache. Mach den Mund auf!“ Die Aufforderung wurde durch einen Griff unterstützt, der bewirkte, daß Peters Kiefer auseinanderklafften.

Der Kerl rammte seinen Apparat in ihn hinein. Peter kämpfte mit dem Brechreiz. Die Eichel berührte sein Zäpfchen, immer und immer wieder. Er hustete, verschluckte sich. Dafür bekam er Ohrfeigen.

„Reiß dich zusammen! Grund zum Klagen hast du erst, wenn ich nachher deinen jungfräulichen Arsch teste!“

Die Welt spaltete sich auf. Neben Peter, der auf dem Bett lag und vergewaltigt wurde, stand jetzt Peter, der die Lage analysierte. Dieser zweite Peter wußte, daß der erste Peter fliehen mußte. Er beobachtete alles genau, während der  andere litt. Er hörte das rhythmische Klingeln. Er sah die Schlüssel am Karabinerhaken tanzen, am Karabinerhaken, der in einer Gürtelschlaufe eingehängt war. Aber auch der analysierende Peter konnte nicht verhindern, daß der leibliche Peter seinen Brechreiz nicht länger beherrschen konnte.

Er würgte das, was wohl sein Mittagessen gewesen war, hoch. Der säuerlich riechende Brei füllte zuerst seinen Mund und quoll dann heraus. Rosa-grau dekorierte das Zeug den Penis, der ihm den Ausgang versperrte. In der Angst zu ersticken hustete Peter verzweifelt. Angeekelt zog sich sein Besatzer abrupt zurück, während er ihm eine schallende Ohrfeige verpaßte.

„Du Sau!“

Die Ohrfeige war gut: Peter bekam Luft und konnte so seinen Mageninhalt in einem Schwall entleeren. Die ehemals blütenweiße Hose des Pflegers bekam Gebirge von Erbrochenem in dezenten Farben aufgesetzt. Nicht nur die Hose, auch das Bettlaken mußte daran glauben.

Peter hustete, würgte und keuchte. Vor seinen Augen begannen bunte Kringel zu tanzen. Und plötzlich erschien da eine Wasserflasche aus Aluminium. Die Flasche von seinem Nachttisch. Der Kerl hielt sie ihm hin; er beugte sich sogar besorgt über ihn. Er schien Angst um ihn zu haben.

Gut so, schoß es Peter durch den Kopf. Er griff nach der Flasche, aber er trank nicht daraus. Zu seiner Überraschung brauchte er gar nicht viel Kraft, um den Pfleger mit einer kurzen Bewegung aus dem Ellenbogen heraus außer Gefecht zu setzen. Ein Liter Wasser wiegt ein Kilo - das hatte er in Physik gelernt -, und das reichte für eine kurze Bewußtlosigkeit, wenn man es unvermittelt an den Kopf geschlagen bekam.

Stöhnend sank der Mann an der Bettkante zusammen. Ohne nachzudenken schloß Peter die Augen und schlug ein zweites Mal zu. Er hörte ein Knirschen, das Stöhnen verstummte. Stille summte im Zimmer.

Als Peter die Augen wieder öffnete, hätte er am liebsten ein zweites Mal gekotzt. Aber es reichte nur zu einem Würgen, sein Magen war leer. Zu dem rosa-grau Erbrochenen hatte sich graue Gehirnmasse gesellt. Er hatte seinem Peiniger den Schädel zertrümmert.

Trotz der widerlichen Szene ging es Peter plötzlich besser. Er griff nach der Flasche, streifte einen Klumpen Irgend-etwas davon ab und trank einen Schluck Wasser. Seine Augen untersuchten den Toten: Wo waren die Schlüssel? In Reichweite, stellte er fest, fast. Der Mann lag auf der rechten Seite des Bettes. Er war auf den Bauch gefallen. Mit seiner freien linken Hand zerrte Peter so lange an der ehemals weißen Hose, bis die Leiche ein wenig seitwärts in Richtung Bett gedreht wurde. Jetzt konnte er das Schlüsselbund erreichen. Er löste den Karabinerhaken vom Hosenbund des Toten und fing an, an seiner Handschelle herumzuprobieren. Der dritte von drei möglichen Schlüsseln paßte. Er war frei.

Frei? Na ja - er war nicht mehr ans Bett gefesselt. Aber er trug nicht mehr als ein Krankenhaushemd - nicht mehr als ein Tuch vor dem Körper, mit Ärmeln, hinten im Nacken und in der Taille mit zu Schleifen gebundenen Schnüren fixiert, ehemals weiß, jetzt vollgekotzt. Und er war, falls Jan die Wahrheit gesagt hatte, in der forensischen Psychiatrie des Klinikums Eppendorf - selbst voll bekleidet würde man ihn da vermutlich nicht so ohne weiteres herausspazieren lassen.

Peter versuchte, die wilde Szenerie rings um ihn herum zu ignorieren. Das gelang. Dann wollte er sich mit gewohntem Elan aus dem Bett schwingen. Das gelang nicht. Seine Beine knickten ein. Zwei Tage Zwangshaltung und die Aufregung der letzten halben Stunde forderten ihren Preis.

„Immer mit der Ruhe!“ murmelte er vor sich hin. Wenn er jetzt durchdrehte, war alles vorbei. Langsam stand er auf und machte ein paar vorsichtige Schritte zum Wandschrank. Die Tür war nicht abgeschlossen, aber warum hätte sie das auch sein sollen? Der Schrank war leer.

„Mist!“ fluchte Peter. Suchend sah er sich im Zimmer um, und wider Willen fiel sein Blick auf den Toten. Natürlich - das war‘s. Der Mann war zwar größer als er und auch kompakter gebaut, aber Krankenhausschutzkleidung mußte schließlich nicht maßgeschneidert sitzen. Allerdings waren die Klamotten ziemlich mitgenommen. Aber selbst das könnte er zu seinem Vorteil ausnutzen, wenn er es geschickt anstellte.

Er griff sich einige Papierhandtücher vom Nachttisch und begann sein Opfer notdürftig zu säubern. Er atmete flach und durch den Mund, und das half ihm, diese Prozedur zu überstehen. Danach zog er dem Mann Hose und Hemd aus, ebenso befreite er ihn von seinem Mundschutz. Die Kopfhaube wollte er aus naheliegenden Gründen lieber nicht anfassen - die Verkleidung mußte auch ohne sie reichen. Schuhe allerdings würde er brauchen. Der Pfleger trug Socken und darüber Sandalen. Das war gut - mit Hilfe der Schnallen konnte Peter sie seinen Füßen halbwegs anpassen. Und das wichtigste brauchte er natürlich - das Schlüsselbund.

Nachdem er sich umgezogen hatte, ging Peter zur Tür und lauschte. Auf dem Gang schien es ruhig zu sein. Als er die Tür aufgeschlossen hatte und vorsichtig hinausspähte, bestätigte sich die Vermutung: Niemand war zu sehen. Scheinbar ruhig steuerte er auf die doppelflügelige Glastür zu, die den Flur am rechten Ende begrenzte. Vermutlich war das der Ausgang der Station. Während er ging, studierte er die Schlüssel, die er in der Hand hielt. Er konnte sich nicht leisten, lange herumzuprobieren. Er hoffte, daß der Schlüssel, der am kompliziertesten aussah, der richtige sein würde.

Peter hatte richtig vermutet. Wie selbstverständlich öffnete sich die Tür, und er stand in einem geräumigen Treppenhaus. Auch Lifttüren waren zu sehen, neben denen eine große „4“ prangte. Als hätte er nie etwas anderes gemacht, rannte Peter nach unten. Acht Treppen, und er würde draußen sein - was war das schon? Überall sah es gleich aus: Glastür, Treppenhaus. Er begegnete niemandem. Zumindest nicht auf den ersten sechs Treppen. Als er aber an der Station in der ersten Etage vorbeiflitzen wollte, wurde die Tür geöffnet. Eine Krankenschwester trat heraus und stutzte, sagte aber nichts.

„Kollegin, gut, daß Sie kommen!“ japste Peter. Zumindest die Atemlosigkeit war nicht gespielt. „Ich habe einen Notfall - Zimmer 323. Ich versuche einen Arzt aufzutreiben, aber ich kann keinen finden. Jetzt hole ich jemanden aus der Ambulanz. Ich brauche einen Kardiologen. Haben Sie vielleicht jemanden auf der Station? Zwei sind bestimmt besser als einer!“

Die Schwester hatte sich schon umgedreht. „Dr. Schöller,“ sagte sie. „Ich sage ihm Bescheid.“

„Danke!“ rief Peter, während er weiter die Treppe heruntereilte.

Die Schwester blickte ihm nach. Der Kollege konnte noch nicht lange hier sein. So viel Aufregung wegen einer Herzattacke! Und daß er nicht daran gedacht hatte, den Hausfunk zu benutzen!

Sekunden später schallte es durchs Klinikum: „Dr. Schöller, Dr. Schöller, bitte ins Zimmer 323. Zimmer 323! Ein Notfall!“

Währenddessen stand Peter Schrader bereits vor dem Krankenhaus. Das Zimmer, in dem er sein Martyrium erlitten hatte, hatte die Nummer 432. Er hoffte, daß der Kranke einen Stock tiefer das Eppendorfer Personal so lange beschäftigen würde, daß er genug Zeit zur Flucht hatte.

 

 

24

 

Der Kellner hatte es sich zum Hobby gemacht, seine Gäste zu taxieren. Sonst wäre sein Job zu langweilig gewesen, fand er. Zwar machte es ihm Spaß, formvollendet zu servieren, aber letztlich hieß das auch nur, Weinflaschen zu entkorken und Inhalt und Etikett begutachten zu lassen, silberne Hauben von kunstvoll arrangierten Gerichten zu heben, dabei zu murmeln, was auf dem Teller lag - falls der dumme Gast vergessen haben sollte, was auf der Speisekarte stand - und guten Appetit zu wünschen.

Die Einschätzung der beiden Männer, die er gerade bediente, fiel ihm jedoch trotz langjähriger Berufserfahrung schwer.

Ihr Tisch war bestellt worden. Der Ältere der beiden war pünktlich um 19 Uhr eingetroffen und hatte als Apéritif einen Kir Royal geordert - kein ganz billiges Getränk, um es vorsichtig zu sagen, eins für einen feierlichen Anlaß. Der Jüngere traf 15 Minuten zu spät ein und wurde ärgerlich empfangen - das paßte nicht zum Kir. Die Verstimmung schien den Jungen aber überhaupt nicht zu stören. Vertraulich faßt er den Älteren an der Schulter, lachte und bestellte für sich ebenfalls Champagner. Den demonstrativen Blick des anderen auf seine Uhr ignorierte er.

Der aber wollte sich nicht länger beherrschen.

Leise, wie es dem dezenten Umgangston in einem Edelrestaurant entsprach, zischte er: „Verdammt noch mal, Jean, was soll das? Wieso hast du mich hier herbestellt?“

„ Geschäftsabschlüsse müssen gefeiert werden“, grinste Jean. „Unser Herz ist verkauft, und gar nicht mal schlecht.“

„Du warst also im Krankenhaus?“ wollte der Ältere wissen. „Und Schrader hat angebissen?“

„Er hat. Er verkauft seine Villa an der Walderseestraße, und wir streichen den Erlös ein. Das dürfte ein hübsches Sümmchen bringen. Der Boß hat schon zugestimmt. Ich habe es zwar im Hintergrund knirschen hören - Harry aus Amerika hat gezetert, daß er einen bombensicheren Kandidaten hat und daß dem die Pumpe unseres jungen Gastes zusteht, aber er hatte keine Chance. Zu hohe Kosten und zu große Risiken beim Transport. Harry wird selber was auftreiben müssen. Wir haben den Deal. Prost, Kevin!“

Kevin, der für Karen Schrader immer nur  ‚der Rechte‘ gewesen war, hob sein Glas. „Zum Wohl. Gut gemacht. Ich nehme an, Du lädst ein?“

„Selbstverständlich.“ Jean sah sich in dem schwach besetzten Restaurant um. Befriedigt registrierte er die dezente Beleuchtung, die festliche Tischdekoration, die gemütlichen chintzbezogenen Armstühle und die stoffbespannten Wände - alles altrosa, Ton in Ton. Sogar die Blumengestecke auf den Tischen waren altrosa. Echte Blumen übrigens. „Ist es nicht gemütlich hier?“

„Na ja.“ Kevin zuckte die Schultern. „Ist mir eigentlich zu plüschig. Zu altmodisch. Und zu leer. Solche Schuppen kann sich heutzutage doch keiner mehr leisten.“

„Außer uns!“ Wieder grinste Jean. „Das Essen ist übrigens wirklich ausgezeichnet. Wollen wir bestellen?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er den Kopf zum Kellner um. Der reagierte sofort, präsentierte die Speisekarte und informierte kompetent über das Angebot des Tages.

Nach der Auswahl des Menüs ging es ans Studium der Weinkarte. In Erinnerung an eine hübsche, jetzt aber leider mittellose junge Ehefrau schlug Jean einen Chablis zum Fischschaum vor, und Kevin akzeptierte.

Dankend zog sich der Kellner zurück. Er war sich immer noch nicht schlüssig, was er von den beiden zu halten hatte. Er entschied sich für ‚schwules Paar in der Anfangsphase der Beziehung‘.

Er konnte zwar perfekt servieren, aber er mußte noch viel lernen.

 

 

25

 

Harry war ärgerlich, und wenn er ärgerlich war, tobte er. Der Flug von New York JFK nach Las Vegas hatte wegen etlicher Turbulenzen seinen Magen fast umgedreht. An der Entscheidung des Bosses, ihm das Herz nicht zu geben, kaute er schwer. Daß ihm die Stewardeß ‚Veuve Cliquot“ anstatt ‚Piper Heidsieck‘ zu servieren versucht hatte, obwohl sein Geschmack bekannt war, brachte das Faß zum Überlaufen.

Jetzt tigerte er im Penthouse des ‚Mirage‘ knurrend umher und versetzte allem, was ihm in den Weg kam, grimmige Fußtritte. Da er nicht in der Stimmung war, um irgend etwas einen Bogen zu schlagen, kam ihm viel in den Weg. Platz genug zum Austoben hatte er trotzdem. Die Suite in der gläsernen Spitze der Hotelpyramide maß 150 Quadratmeter. Die Aussicht auf Vegas und die umliegende Wüste war übrigens hinreißend, aber dafür hatte er jetzt keinen Blick. Seine Laune bewirkte, daß sich seinen beiden Begleiter möglichst unsichtbar zu machen versuchten. Aber das half ihnen wenig, denn  Harry redete, und wenn Harry redete, erwartete er Antworten. Es war besser, wenn man welche gab.

„Wie heißt der Kerl?“

Die jungen Männer sahen einander unsicher an. Sie waren Ende zwanzig, erkennbar gut durchtrainiert und vermutlich bewaffnet, obwohl das nicht sichtbar war. Aber sie hatten Angst vor dem kleinen, gedrungenen Mittfünfziger, der gerade eine vermutlich nicht ganz billige Vase mit einem Blumenarrangement zu Fall gebracht hatte. Welchen Kerl meinte Harry bloß?

„Wie heißt der Kerl, für den das Herz vorgesehen war?“

Aufatmen. Auf klare Fragen konnte man klare Antworten geben.

„John Pupfish. Mobilhomehändler in Pahrump. Der Mann ist gut für 375000 $, vielleicht auch mehr.“

„Mehr?“

„Wir haben ihm das Organ für diese Summe angeboten. Sie entspricht unseren Standardbedingungen. Aber wenn das Angebot knapp ist, läßt sich vielleicht nachverhandeln...“

Harry schnaufte verächtlich. „Er müßte das Doppelte zahlen, wenn ich einen Chance haben soll, den Boß davon zu überzeugen, daß er das kostbare europäische Herz bekommt. Vergeßt es. Besorgt ein anderes Herz!“

„Woher, Harry?“ Die Frage kam wie aus einem Mund. Kläglich setzte einer der beiden hinzu: „Du weißt doch selbst, wie es draußen aussieht...“

„Ich weiß“, sagte Harry. Er hatte seinen zerstörerischen Rundgang durch das Appartement beendet und begann sich auszuziehen, während er aus dem Fenster sah. Die Sonne tauchte gerade hinter die Berge im Westen, und die bunte Beleuchtung der Stadt begann aufzustrahlen. Harry ließ seine  Kleider einfach auf den Boden fallen und stieg dann nackt in den Whirlpool direkt vor seinen Füßen. Er drückte den Knopf, und das angenehm temperierte Wasser begann zu sprudeln. Er seufzte wohlig, während die beiden jungen Männer erleichtert aufatmeten. Der Sturm schien vorüber zu sein.

„Draußen ist nichts zu holen, ich weiß. Jedenfalls nur wenig Gesundes. Aber drinnen!“

Der Sturm war nicht vorüber.

Drinnen, das war Las Vegas. Die absolut sichere Stadt, denn sie gehörte der Mafia.

Wer nach Las Vegas reiste, mußte seine Bonität beweisen, wenn er Einlaß erhalten wollte. Dafür garantierte man ihm die Abwesenheit jeglicher Kriminalität. Es gab keine Verbrechen in Vegas, auch nicht den kleinsten Taschendiebstahl. Wer beim Blackjack, beim Bakkarat oder beim Roulette Glück gehabt hatte, konnte seinen Gewinn unbesorgt und unbehelligt zu jeder Tages- und Nachtzeit nach Hause tragen. Offiziell gehörte Las Vegas nach wie vor zu Nevada, und Nevada war Teil der Vereinigten Staaten von Amerika geblieben. Tatsächlich aber gab es keinen Staats- oder Bundesbeamten in der Stadt. Für die Sicherheit sorgte die Mafia. Der Ruf der Stadt garantierte ihr den Gewinn.

„Harry, das kann nicht dein Ernst sein!“

Vorsichtig näherte sich eines der beiden Muskelpakete dem Whirlpool, erkennbar erschrocken über seinen eigenen Mut. Er wußte, daß er das Gesetz Nummer Eins verletzt hatte: Widersprich nie dem Boß!

Aber Harry grinste nur gemütlich.

„Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, hat meine Großmutter immer gesagt. Selbstverständlich bleibt Vegas die einzig sichere Stadt der Welt. Zumindest wird unsere Buchführung das weiterhin so ausweisen.“

Er blinzelte den beiden zu, sah aber nur Unverständnis in ihren Mienen. Er seufzte. Den jungen Leuten von heute mußte man aber auch alles erklären!

„Ich stelle mir das so vor: Einer der jungen reichen Singles, von denen unsere schöne Stadt nur so wimmelt, gerät in unsere Obhut. Offiziell wird der junge Mann oder die junge Frau Vegas natürlich nie betreten haben, sondern kurz vor Erreichen des Ziels leider einen Unfall mit tödlichem Ausgang erleiden. Mit offiziellem Polizeiprotokoll und allem Pipapo. Dazu braucht man nur ein bißchen Überlegung und genügend Schmiergeld. Ist das denn so schwer zu begreifen?“

Er suchte sich eine Düse im Pool, die seine verspannte Schultermuskulatur massieren sollte, und fand sie.

Betreten schüttelten die jungen Männer den Kopf. Nein, schwer zu begreifen war das nicht. Aber leicht zu machen auch nicht. Und sie wußten, wer seinen Kopf würde hinhalten müssen, wenn es schiefging.

„Macht euch an die Arbeit!“ sagte Harry. Alle Aggressivität war aus seiner Stimme verschwunden. Er würde gut schlafen können, trotz der Aufregungen des Tages. Ein Schlummertrunk konnte trotzdem nicht schaden.

„Viel Glück, Jungs. Bestellt mir doch beim Etagenkellner noch eine Flasche Champagner. Piper Heidsieck. Morgen früh erwarte ich euch wieder.“

Die Jungmafiosi sahen einander an. Synchron zuckten sie die Schultern, drehten sich um und verließen die Suite.

Sie gehorchten dem Befehl des Bosses. Sie hatten noch keine Ahnung, wie sie ihn ausführen sollten. Aber ihnen war klar, daß sie heute Nacht bestimmt nicht schlafen würden.

 

 

26

 

Rasselnd ging der Atem. Mühsam suchte die Lunge nach Luft, behalf sich mit Husten. Das machte alles nur schlimmer. Die Atemnot wuchs. Er röchelte. Der Schleim in der Luftröhre versperrte dem rettenden Sauerstoff den Weg. Aufbäumen, zur Seite beugen, Schleim abhusten. Zumindest eine kurze Erleichterung.

Im Zimmer stank es. Der Körper verriet seine Angst und seine Anstrengung. Die Laken waren schweißgetränkt.

Gesa schwitzte mit. Ihr Vorrat an Tröstungen war erschöpft.

„John, wie lange müssen wir noch warten?“

Hilflos zuckte er die Schultern, bevor er mit dem nächsten Hustenanfall kämpfen mußte.

 

 

27

 

Sie trug den schönen Namen Young, und sie war stolz darauf. Sie war nämlich jung und attraktiv dazu: rein weiß, schlank, blond, blauäugig und langbeinig. Ihre Mutter sagte oft, daß sie wie eine Fleisch gewordene Barbie aussah, aber das empfand sie nicht als Kompliment. Sie hatte diese Puppe immer langweilig gefunden. In den vierundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte sie nie auf etwas verzichten müssen - abgesehen von sexuellen Erfahrungen. Sie war der Ansicht, daß es dringend Zeit war, dieses Defizit zu beheben.

In Utah führte die Nennung des Namens in der Regel zu gehobenen Augenbrauen: „Der“ Young?

In der Tat führte ihre Familie ihren sorgfältig protokollierten Stammbaum auf Brigham Young zurück, den Gründer von Salt Lake City. In einer Situation, in der seine gehorsame Mormonengefolgschaft weder vorwärts noch zurück gekonnt hatte, hatte er mitten in der Wüste erklärt: ‚This is the place‘.

Eigentlich aber war sie nicht stolz auf die Pioniere, die offiziell überall verherrlicht wurden. Die Stories, die sich damit verknüpften, fand sie eher lächerlich. Möwen sollten den Vorvätern gegen eine Heuschreckenplage geholfen haben, als Zeichen, daß Gott diesen Platz für sie bestimmt hatte! Möwen in Zentralamerika, mitten zwischen Saguaros und Kandelaberkakteen, in einer Wüste ohne Wasser. Kindermärchen waren das, nichts sonst! Und überhaupt Young: Selbst die offizielle Propaganda verschwieg nicht, daß ihr Ur- Urgroßvater sein Geschlechtsteil bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in jede erreichbare Vagina hineingesteckt haben mußte. Wie sonst konnte man sich seine unzähligen Nachfahren erklären?

Allerdings hatte sie sich immer gehütet, jemandem etwas von ihrer Verachtung zu erzählen. Warum hätte sie sich auch selbst schaden sollen? ‚Young‘ - der Name öffnete in Utah alle Türen. Sie hatte die beste Schule in SLC besucht, anschließend studiert, und ihr Job war sicher. Aber daran wollte sie jetzt gerade nicht denken. Für ihr Leben als Justitiarin im Tabernakel blieb ihr noch Zeit genug.

Jetzt hatte sie Ferien, und sie hatte vor, sie zu genießen. „Was wirst du tun, Kind?“ Die besorgten Fragen der zahllosen weiblichen Verwandtschaft hatte sie stereotyp beantwortet: „Ich will mir endlich mal unser schönes Utah ansehen!“ Wenn das nicht reichte, hatte sie angefangen, von Bryce Canyon und Zion zu schwärmen, von Arches und Canyonlands. Das hatte dazu geführt, daß sie wohlversehen war mit Adressen von Motels und Campingplätzen und Tips für die angeblich schönsten Wanderungen.

Die Zettel, auf denen das alles notiert war, stopfte sie entschlossen ins Handschuhfach mit dem festen Vorsatz, es so bald nicht wieder zu öffnen. Campen und Wandern - was für absurde Ideen! Und Utah - nein danke!

Möglicherweise war es wirklich schön in dieser Wüste, die ihr Religionsclan so erfolgreich ausbeutete. Aber ihr stand nicht der Sinn danach, das nachzuprüfen. Gleich nebenan lag Nevada, die große weite Welt! Die Welt mit Freiheiten, in der alles das erlaubt war, was in Utah verboten war. Nur zehn Autostunden trennten sie von Las Vegas!

Natürlich war ihr klar, daß das, was sie vorhatte, nicht ganz ungefährlich war. Utah selbst war sicher, dafür sorgten die Brüder und Schwestern, aber in anderen Staaten der geschrumpften USA waren hungernde Menschen unterwegs, die nicht allzu viele Skrupel hatten, wenn sie einer einsamen jungen Frau in einem Kabriolett begegneten. Aber sie wußte, was zu tun war.

Kathrin Young setzte sich am frühen Morgen eines sonnigen Septembertages in ihren zwanzig Jahre alten, gut gepflegten Chrysler LeBaron, drückte den Knopf für das Zurückschwingen des Verdecks und ignorierte die Heerschar ihrer winkenden Tanten, als sie startete. Sie verließ Salt Lake City Richtung Westen. Als erstes fuhr sie eine Tankstelle an, obwohl ihre Benzinanzeige auf „voll“ wies. Der Tankstellencomputer, ermuntert durch 50 $, schlug ihr einen für die nächsten beiden Tage sicheren Weg zu ihrem Ziel vor. Sie akzeptierte.

Nachdem sie den stinkenden Salzsee passiert hatte, der der Stadt den Namen gab,  führten zuerst der Interstate und dann ein Highway sie die durch Wüste. Die empfand sie nur als langweilig und bedrohlich. Noch nicht einmal die Spiele, die viele Autofahrer vor ihr gespielt hatten, machten ihr Spaß: Wie viele Meilen sind es bis zur nächsten Kurve? Wie weit werde ich fahren, bis mir das nächste Auto begegnet? Sie konnte die Einsamkeit nicht genießen, sie jagte ihr nur Furcht ein. Woher sollte sie wissen, ob es hier wirklich keine marodierenden Flüchtlinge gab? Aber auch ohne menschliche Bedrohung war diese Wüste beängstigend. Sie überprüfte ihre Wasser- und Benzinvorräte, als sie ein Schild las: Next Gas - 120 Miles.

Sie setzte ihre Hoffnung auf Ely, den einzigen größeren Ort, der auf ihrer Route nach Vegas lag. Ely, Nevada. Da mußte sich doch schon das wahre Leben spüren lassen!

Sie wurde bitter enttäuscht. Das kleine verträumte Städtchen präsentierte an seiner Zentralkreuzung eine Meßstation für Radioaktivität - ob das die Hauptattraktion sein sollte? Das Eisenbahnmuseum war geschlossen - aber dafür hätte sie sich sowieso nicht interessiert. Der Stadtpark ging malerisch in den Friedhof über. Mc Donald‘s war offen, aber ein akzeptabel erscheinender Mexikaner: cerrado. Einige Motels priesen ihre Zimmer an. Warum eigentlich? Wer wollte hier schon Station machen? Das große Casino, von dem sie geträumt hatte, gab es jedenfalls nicht.

Na gut, sagte sie sich, ich wollte sowieso weiter.

Im Supermarkt besorgte sie sich Snacks und Getränke, tankte an der Ecke daneben und trat dann wieder aufs Gas.

Während der folgenden fünf Stunden hätte sie am liebsten die Augen zugemacht. Leider aber ging das nicht, schließlich mußte sie das Cabrio auf der Straße halten. Wüste, nichts als Wüste. Immerhin: Es bedrohte sie niemand. Allmählich glaubte sie nicht mehr, daß ihre Traumstadt mitten in einer solchen Einöde liegen konnte. Dennoch fuhr sie weiter, denn sie wußte nicht, was sie sonst machen sollte.

Ihre Traumstadt existierte. Genährt vom gequälten Colorado, der Strom und Wasser liefern muß, strahlt Las Vegas mitten in der Wüste von Nevada und gibt sich so selbstsicher, als könne nichts es gefährden.

Die Sonne war gerade untergegangen, und es wurde rasch dunkel, als sie vor sich den Lichtdom der Wüstenmetropole sah. Dann schälten Stratosphere Tower und der jüngst fertiggestellte noch höhere Moon Tower sich aus dem Dunst. Sie begann, Farben zu unterscheiden. Gehorsam folgte sie den Befehlen der Schilder am Straßenrand und verlangsamte ihr Tempo. Sie hatte die Kontrollstation am Stadtrand erreicht. Ihre Kreditkarte wurde in einen Computer eingeführt, der offensichtlich ein zufriedenstellendes Ergebnis meldete. Sie durfte weiterfahren.

Plötzlich war sie auf dem Strip. Farben umnebelten sie. Da war das Weiß der endlosen Front von Caesar‘s Palace, das Rosa des Flamingo, die verwirrende Vielfalt von New York, New York. Als Piraten irgendwo am Straßenrand ein britische Fregatte zu entern drohten, hätte sie fast einen Auffahrunfall verursacht. Wegen des Schreckens übersah sie, daß gleich daneben aus einem Wasserfall heraus ein Vulkan ausbrach.

Ruhe, befahl sie sich. Jetzt nicht die Nerven verlieren! Das war nicht leicht, nicht nur wegen der Überraschungen, mit denen die Stadt aufwartete. Sie war nicht die einzige, die in einem offenen Wagen den Strip entlangfuhr. Offenbar war Cruising hier ein Hobby junger Leute,vornehmlich junger Männer. Alle paar Minuten lehnte sich jemand aus dem fahrenden Auto oder vor einer roten Ampel zu ihr hinüber und machte ihr mehr oder weniger deutliche Angebote. Für jemanden, der aus Salt Lake City kam, war das ziemlich ungewöhnlich und aufregend.

Nervös zerrte sie am Saum ihres Minirocks und versuchte, ihn zumindest ein wenig weiter über die Oberschenkel herunterzuziehen. Der Stoff widerstand ihren Bemühungen. Ärgerlich gab sie auf. Na gut - sollte sie doch jeder hier für eine Nutte halten!

Sie beschloß, sich zuerst in aller Ruhe ein Hotel zu suchen. Aber welches? Natürlich mußte es ein großes sein, mit einem riesigen Casino, nicht nur eine Bleibe für die Nacht. Caesar‘s Palace vielleicht? Aber sie wußte nichts vom alten Rom, und das verunsicherte sie. Das Excalibur? Die bunten Türmchen verlockten sie zwar, aber vom Mittelalter hatte sie ebensowenig Ahnung wie von der Antike. Also New York, New York? Nein - Amerika, das war zu wenig exotisch.

Unschlüssig fuhr sie zum zweiten Mal den Strip entlang und versuchte ohne Ergebnis, zu einer Entscheidung zu kommen. Sie war schon am Stadtrand angelangt, als sie ihren Traum entdeckte. Ja, das war es: Lost World!

Auf den ersten Blick sah man gar kein Gebäude, sondern einen Urwald. Das Wasser, das Vegas verschwendete, wurde hier benutzt, um Pflanzen zum Wachsen zu bringen, Pflanzen des tropischen Regenwaldes, mitten in der knochentrockenen Wüste. Fast unsichtbare Versorgungsleitungen versprühten einen feinen Permanebel aus Wasserdunst über dem grünen Dickicht. Kleine grüne Tierchen, die aussahen wie Krokodile, die Eichhörnchen imitierten, turnten durch das Dickicht.

Als Kathrin verzaubert bremste und anhielt, kamen zwei der hühnergroßen Minidrachen sofort zu ihrem Auto gehüpft.

„Wie schön, daß du da bist!“ „Wirst du bei uns wohnen?“ „Ja, bitte, bitte, wir können bestimmt prima zusammen spielen!“

Sie zwitscherten mit hohen Stimmchen durcheinander.

Kathrin verdrängte den Gedanken, daß sie von sorgfältig programmierten Computern angesprochen wurde. Süß waren die Kleinen, einfach süß! Ob sie einen davon mit ins Zimmer nehmen durfte? Bestimmt! antwortete sie sich. Sie lächelte und streckte eine Hand aus. Sofort kam einer der Kleinen zu ihr gehüpft und schmiegte seinen Kopf in ihre Handfläche. Wahrscheinlich konnte er Gedanken lesen.

„Da hinten ist der Parkplatz!“ zirpte er. Sie nickte und lenkte das Cabrio in die angegebene Richtung.

Die beiden Computer in der Hülle von Procompsognaten sahen ihr hinterher. An die Rezeption übermittelten sie die Nachricht, daß ein neuer Gast eingetroffen sei. Dann schalteten sie wieder auf ihr Normalprogramm.

Kathrin hatte Recht gehabt: Das hier war ihr Paradies! Der tropische Urwald beherrschte das Hotel auch im Inneren. Eine junge Frau hinter einer üppig blühenden Hibiskushecke überreichte ihr den Zimmerschlüssel und sorgte für den Transport ihres Gepäcks. Aber Kathrin hatte gar keine Lust, sich sofort zurückzuziehen. Zuerst mußt sie die Hotelhalle in Augenschein nehmen.

Halle? Welch unpassende Bezeichnung! Ein Urwaldsee nahm den größten Teil des Raumes ein, ein weithin begehbarer See, den Halbinseln und Brückchen zugänglich machten. Mitten im flachen Wasser stand ein riesiger Saurier, den Kopf unter Wasser. Allmählich tauchte sein Kopf auf. Im Maul hielt das Tier ein grünes Pflanzenbüschel, das es gemütlich zwischen den Kiefern zermahlte. Es schien zu spüren, daß es beobachtet wurde, denn es wandte Kathrin den Kopf zu. Und dann - grinste es. Es lächelte ihr zu! Sein Hals streckte sich lang und länger, der Kopf kam immer näher. Zu ihrer eigenen Überraschung  verspürte sie nicht die geringste Angst. Der riesige Kopf war jetzt nur wenige Zentimeter vor ihr und schwang unmerklich hin und her. Zögernd streckte sie die Hand aus und streichelte ihn. Ein tiefes Grunzen, das sie mehr im Zwerchfell spürte als hörte, war die Antwort. Dem Tier gefiel die Berührung.

„Das ist unser Apatosaurus“, sagte eine Stimme neben ihr. Sie gehörte zu einem Mann, der eine Expeditionsausrüstung trug. Offenbar ein Hotelangestellter.

„Sie haben Recht, daß Sie keine Angst haben. Er ist ein nettes Tier - ein harmloser Pflanzenfresser. Alle unsere Tiere sind nett. Sie wollen nur eins - daß Sie sich wohlfühlen. Willkommen in Lost World!“

„Danke!“ sagte sie. Sie war leicht verwirrt. Nun gut - ein Angestellter hatte seine Pflicht erfüllt und einen neu angekommenen Gast beruhigt, der vielleicht in Panik verfallen könnte. Aber dieser Mann sah ungemein gut aus. Nein, das war entschieden zu schwach formuliert. Ihr Traummann stand unvermittelt vor ihr. Die lebendige Ausgabe von Ken, mit dem sie als kleines Mädchen viel lieber gespielt hatte als mit Barbie.

Hervorragend. Sie war in Vegas, nicht in der Wüste von Utah, und sie hatte ihren Traummann getroffen. Leider aber hatte das Ganze einen Schönheitsfehler: Sie war gut zahlender Gast und hatte kein ganz billiges Zimmer gebucht, und er war ein kleiner Angestellter. Wie sollte sie mit ihm in Kontakt kommen? Sie konnten doch nicht einfach einen Drink zusammen nehmen!

Wieso konnten sie das eigentlich nicht? schoß es ihr plötzlich durch den Kopf. Das hier war Vegas, nicht das spießige SLC. Sie war in der Stadt der Spieler - und warum sollte der Gast hier nur mit Geld spielen können?

„Er ist süß“, sagte sie und deutete auf den Apatosaurus. Genau genommen bezog sich ihre Aussage nicht nur auf das Tier. „Aber Sie haben meinen Mut ein wenig zu hoch eingeschätzt. Ganz wohl ist mir denn doch nicht.“

Sie mimte einen leichten Schauder, der ihr gut gelang. In zwanzig Jahren im Zentrum des Mormonentums lernte man die Schauspielerei leicht.

„Ich bin direkt ein bißchen schwach in den Knien. Ein Drink würde mir jetzt guttun. Wo versteckt sich denn hier die Bar?“

„Da hinten!“ Er streckte den Arm aus und zeigte direkt auf undurchdringlich scheinenden Dschungel. Er bemerkte ihr Zögern und bot ihr seine Hilfe an: „Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Weg.“

Genau das hatte Kathrin sich gewünscht. Trotz ihrer Faszination registrierte sie, daß er sie nicht direkt zu dem Urwalddickicht lotste, auf das seine Hand gewiesen hatte, sondern sie darum herumführte. Es sah ganz so aus, als sei auch er an ihr nicht ganz uninteressiert. Um so besser!

Sie sah die Bar erst, als sie unmittelbar davorstand. Die Tischchen und gemütlichen Sessel in den Grün- und Brauntönen des Waldes fielen kaum auf. Ein Summen lag in der Luft, das an- und abschwoll. Kolibris schossen blitzschnell über ihrem Kopf dahin oder verharrten vor bunten, großblättrigen Blüten, während ihr langer Schnabel tief in sie hineintauchte.

„Bezaubernd!“ murmelte sie. Aber sie erschrak doch, als einer der Vögel ganz dicht an ihrem Ohr vorbeischwirrte und sie das tiefe Brummen des schnellen Flügelschlags hörte, das von einer riesigen Hummel zu stammen schien. Hilfesuchend faßte sie den Arm ihres Führers.

„Bezaubernd, aber auch ziemlich aufregend. Leisten Sie mir noch ein wenig Gesellschaft und beschützen mich? Natürlich nur, wenn Sie Zeit und Lust haben. Ich würde Sie gerne zu einem Drink einladen.“

Zu ihrer Enttäuschung schüttelte er den Kopf. „Unmöglich.“

Na gut, Kathrin, das war‘s also. Er kann nicht oder will nicht oder was auch immer. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Also verabschiede ihn jetzt nach allen Regeln der Höflichkeit, geh dann auf dein Zimmer, mach dich frisch und freu dich aufs Casino.

„Es verstößt gegen meine wenigen Prinzipien, mich von einer schönen jungen Frau einladen zu lassen. Aber wenn Sie einverstanden sind, trinken wir etwas auf meine Rechnung.“

In einem Rückfall in kindlichen Glauben dankte sie dem Engel Moroni für seine Güte. Laut sagte sie: „Ich habe nichts gegen Männer mit altmodischen Grundsätzen.“

Sie ließ sich von ihm beraten und bestellte, wie er auch, den Spezial Dino-Cocktail.

Als die Drinks serviert wurden, wußte sie bereits einiges über ihn. Er hieß Ken (wirklich Ken!), und er war zwar Hotelangestellter, aber der Chef der Logistikingenieure, die für das Funktionieren der komplizierten Hotelanimation sorgten. Fachleute wie ihn gab es höchstens ein Dutzend, weltweit. Aber er spielte sich nicht auf, und das bewunderte sie. Er tat, als sei es das Normalste überhaupt, ein  hochbezahlter, gesuchter Spezialist zu sein.

Der Dino-Cocktail mundete ihr hervorragend. Während sie trank, schwärmte ihr Ken etwas von der Ausstattung ihres Zimmers vor. Schmetterlinge würden sie umschweben, bunte Admirale, ihr aber, ferngehalten durch eine Lichtschranke, keineswegs zu nahe kommen. Selbstverständlich konnte sie, wenn sie wollte, auch einen Procompsognatus als Kuscheltier mieten.

„Als Kuscheltier hätte ich gern jemand anderen“, murmelte sie, kaum noch verständlich. Der Dino-Cocktail enthielt anscheinend mehr Alkohol, als sie gewohnt war.

„Noch einen Drink?“ fragte er.

Sie hörte die Frage schon nicht mehr. Sie kippte zur Seite.

„Okay, sie ist soweit“, sagte der Mann, der sich Ken genannt hatte, weiterhin im Plauderton. Inzwischen aber hatte er ein Funktelefon eingeschaltet. „Fertig zum Abholen.“

Er stand auf. Ein zweiter junger, gut aussehender Mann erschien. Sie griffen sich Kathrin und zerrten sie in den Dschungel. Es schien ihnen zu gelingen, Harrys Auftrag zu erfüllen.

„Ken“ fühlte Kathrins Puls und hob ihr Augenlid. „Vorschriftsmäßig bewußtlos“, konstatierte er. „Fertig für den Abtransport.“

Wieder aktivierte er sein Telefon. „Aktion Ausnahme kann gelöscht werden.“ Er beendete die Verbindung, ohne eine Antwort abzuwarten.

Die junge Frau hinter der Hibiskusrezeption drückte eine Taste.

Der junge Mann an der Stadtgrenze von Las Vegas gab eine Zahlenkombination in seinen Computer ein.

Kathrin Young hatte danach nie existiert, jedenfalls nicht in Vegas. Nur ihr Auto stand noch in der Garage von ‚Lost World‘. Aber auch das würde sich schnell ändern.

 

 

28

 

Keine gute Situation, wenn man Ende September im Regen in dünner, zudem beschmutzter Krankenpflegerkleidung  vor dem Klinikum Hamburg Eppendorf steht, ohne Geld, und nur einen Wunsch hat: Weg! Peter Schrader war das sehr klar. Zum Glück war es bereits ziemlich dunkel, und er hoffte, dadurch eine Chance zu haben. Er wollte so schnell wie möglich weg aus der Stadt, aber bestimmt nicht von Altona aus - an diesen Bahnhof hatte er zu schlechte Erinnerungen. Inzwischen waren seine Illusionen verflogen: Jan hatte ihn diesem Krankenpfleger ausgeliefert zu irgendeinem Zweck, der vermutlich noch schlimmer war als die beabsichtigte Vergewaltigung.

Also mußte er den Hauptbahnhof ansteuern. Die Richtung war ihm klar: Klosterstern, Rothenbaumchaussee, Alsterglacis, Kennedybrücke - und schon war er da, nämlich im Norden, an der ‚schlechten‘ Seite. In einer guten Stunde sollte er das schaffen. Aber vielleicht waren die großen Straßen zu belebt, vielleicht würde er dort auffallen. Möglicherweise waren Umwege nötig.  Was er tun würde, wenn er am Bahnhof ankäme, wußte er auch noch nicht. Er würde sich auf dem Weg etwas überlegen müssen.

Seine Sorge aufzufallen war unbegründet. Schon vor Jahren waren im ehemals so ordentlichen Deutschland alle Gesetze über Ladenöffnungszeiten aufgehoben worden.

Die Politiker hatten damit versucht, der schwindenden Kauflust zu begegnen. Allerdings hatten sie nicht bedacht, daß  Menschen nur das Geld ausgeben können, über das sie verfügen. Da die Massenarbeitslosigkeit sich seit nunmehr drei Jahrzehnten ständig vergrößerte, hatten immer mehr Menschen immer weniger Geld. Um an diese schrumpfenden Gelder heranzukommen, waren die Ladeninhaber gezwungen, ihre Geschäfte praktisch rund um die Uhr offenzuhalten.

Die von Geschäften gesäumten Straßen, durch die Peter eilte, waren belebt. Viele Passanten beschäftigten sich mit ‚Window Shopping‘ - sie sahen sich die Waren an, für die sie kein Geld hatten. Hier fiel er kaum auf.

Ab und zu zeigte sich ein Polizist. Die Polizei, dein Freund und Helfer - manchmal hatte sein Vater diesen Spruch zitiert. Wahrscheinlich kannte er ihn von seinem Großvater. Peter überlegte, ob er sich an sie wenden sollte, verwarf den Gedanken aber schnell. Möglicherweise hatten die Bullen bereits eine Vermißtenmeldung der Eppendorfer Klinik: Patient aus der forensischen Psychiatrie entflohen! Wie sollte er ihnen dann erklären, daß er zwar entflohen, aber kein Patient und erst recht kein Verbrecher war? Und selbst wenn sie ihm glaubten - er konnte ihr Vertrauen nicht bezahlen. Heutzutage war jeder Beamte korrupt, was angesichts der kläglichen Staatsgehälter auch kein Wunder war.

Eine Gefahr bedeutete die Polizei für ihn hier nicht. Sie scherte sich nicht um einen leichtbekleideten und verdreckten jungen Mann, sondern jagte Straßenhändler. Schier endlos war der Saum von Plastikplanen und Strohmatten am Straßenrand, auf dem billiger Schund aller Art ausgebreitet war. Restposten - „Jedes Teil 50 Cent“ -, Imitate - „Echt Adidas - nur 15 Euro“ - und Hehlerware wechselten einander ab. Aber die Logistik der fliegenden Händler funktionierte gut. Sie spielten mit der Polizei Hase und Igel. Wenn die Kontrolle kam, waren sie schon weg, dafür aber kurze Zeit später wieder da.

Außer Polizei, illegalen Händlern und Windowshoppern gab es natürlich diejenigen, die hier zu Hause waren, auf der Straße nämlich. Die meisten Obdachlosen versuchten, sich in regengeschützte Nischen und Hauseingänge zurückzuziehen. Allerdings gelang das nur wenigen, denn fast alle Eingänge waren durch schwere Gitter geschützt. So begnügten sich viele mit schmalen Dachüberständen und hofften auf Windstille, um trocken zu bleiben.

Bei dem schlechten Herbstwetter hatte der Kampf um den Schlafplatz für die Nacht früh begonnen, und der Platz, einmal erworben, mußte verteidigt werden. So lagen die meisten auf ihren Zeitungen, Matten oder Decken, wärmten sich an der Flasche oder suchten Vergessen mit Drogen und warteten auf den einzig erträglichen Zustand für sie - den Schlaf.

Peter war überrascht, als er plötzlich angesprochen wurde.

„Haste mal nen Euro?“

Es gab also doch noch Penner, die unterwegs waren, anstatt Platte zu machen. Der Typ, der ihn angesprochen hatte, mußte ziemlich daneben sein: Sah er etwa so aus, als ob er auch nur einen Cent in der Tasche hatte?

Seine Reflexe aber waren schneller als seine Gedanken. Gewohnheitsmäßig faßte er als Reaktion auf die Frage nach seiner Gesäßtasche, in der der ‚normale‘ Peter Schrader Kleingeld aufzubewahren pflegte.

Kleingeld ertasteten seine Finger nicht, wohl aber ein dünnes, rechteckiges Viereck. Er zog die Karte aus der Hose. Ein Monatsticket für die Commuterzüge. Halleluja! Sein Vergewaltiger hatte seinen Fahrschein in die Hosentasche gesteckt. Jetzt wußte er, was er am Hamburger Hauptbahnhof tun würde: einfach wegfahren!

„Haste mal nen Euro?“

Die Frage wurde wiederholt, keineswegs aggressiv, anscheinend mit unendlicher Geduld.

Peter sah das junge Mädchen jetzt erst an. Siebzehn vielleicht, vielleicht auch sechzehn. So alt wie Ines. Vielleicht auch genauso hübsch. Das würde er aber erst beurteilen können, nachdem sie sich gründlich gewaschen hatte.

Sie bemerkte, daß er sie musterte. „Wir können auch, wenn du willst...“

Nein, er wollte nicht.

„Tut mir leid“, murmelte er. „Bin selbst abgebrannt. Ehrlich. Hab nur das. Guck mal.“ 

Er zeigte ihr die Karte, aber vorsichtig, so daß sie sie ihm nicht entreißen konnte.

Sie nickte ergeben.

„Tut mir leid“, sagte er nochmals.

Wieder nickte sie.

Peter wünschte sich, daß sie weggehen würde, aber sie tat es nicht. Sie blieb einfach stehen.

„Ich habe wirklich...“

Sie nickte.

Er riß sich los und drehte sich abrupt um. In einer Viertelstunde konnte er am Hauptbahnhof sein.

Er erreichte sein Ziel ohne weitere Schwierigkeiten.

 

 

29

 

„Erfolg!“

Wernowski stürmte ins Krankenzimmer. Er mußte nicht mehr in die Intensivstation, um Meinhard Schrader zu sehen, sondern in die Internistische. Schrader ging es besser, was aber keineswegs hieß, daß er außer Gefahr war.

„Erfolg!“ Wernowski ließ die Tür laut hinter sich zufallen und plumpste auf die Bettkante.

„Wieviel?“

Viel ging Schrader bei dieser Frage durch den Kopf. Er dachte an die alte Holztreppe vom Erdgeschoß in den ersten Stock, die der Restaurateur exakt nach seinen Anweisungen gestaltet hatte. An den Kachelofen im Wohnzimmer. Er hatte dem Ofensetzer bei seiner Arbeit zugesehen. An das alte Bett im Schlafzimmer, das der Tischler nach seinen Anweisungen jeweils um zwanzig Zentimeter verbreitert und verlängert hatte. Vorbei. Weg damit.

Er wiederholte seine Frage: „Wieviel?“

„Siebenhunderttausend.“ Wernowski war inzwischen zu Atem gekommen. „Ohne bewegliches Inventar.“

Das Bett also würde er behalten können.

„Reicht das?“ Schrader murmelte nur und sah, daß Wernowski die Frage nicht verstand. Das machte aber nichts - nicht er hatte darüber zu entscheiden.

„Ich danke dir“, sagte er laut. „Wann habe ich das Geld?“

„Nicht gleich morgen. Zuerst müßt ihr unterschreiben, Karen und du. Ich habe Dr. Trost  für heute Nachmittag hierherbestellt. Deine Frau habe ich angerufen, sie wird auch kommen. Und dann muß das Geld über Notaranderkonto laufen, darum kommen wir nicht herum. Ich habe allerdings ein bißchen daran gedreht - in drei Tagen solltest du ein stolzes Sümmchen auf dem Konto haben.“

Und zum Ausgleich kein Zuhause mehr, schoß es Schrader durch den Kopf. Aber er würde leben. Vermutlich jedenfalls.

„Nochmals danke. Hast du Karen gesagt, worum es geht?“

„Nein, das ging nicht. Als ich anrief, war nur ihr Anrufbeantworter zu Hause, und später hat sie meinem Büro nur kurz mitgeteilt, daß sie kommen werde. Ich habe danach noch ein paarmal versucht, sie zu erreichen, aber ohne Erfolg.“

„Scheiße. Ich hätte die Klärung der Lage liebend gerne dir überlassen. Begeistert wird Karen nicht sein. Da hat sie nun mich alten Knacker geheiratet, bestimmt nicht ohne Hintergedanken. Ich mache mir da keine Illusionen - sie hat dabei auch ans Geld gedacht. Und jetzt mache ich sie zum Aschenputtel, ohne sie vorher gefragt zu haben. Falsches Bild - ein Prinz, der sich in sie verliebt und sie heiratet, ist nicht in Sicht.“

Wernowski grinste. Es war das erste Mal, daß Schrader sich in seiner Gegenwart unsachlich ausdrückte. Schien ihm alles ziemlich an die Nieren zu gehen. Nun ja - kein Wunder. Er verkniff sich eine Bemerkung und sagte stattdessen: „Quatsch, Meinhard. Karen liebt dich.“

Er sagte es überzeugt und überzeugend. Er zog den Umkehrschluß aus Karens Abwehr gegenüber seinen Annäherungsversuchen.

 

Schrader glaubte ihm, weil er ihm glauben wollte, und verdröselte nach Wernowskis Weggang entspannt die drei Stunden bis zum angekündigten Termin. Karen sollte eine halbe Stunde eher eintreffen als Dr. Trost, damit er ihr die Sachlage unter vier Augen erklären konnte.

Sie sollte eher eintreffen, aber sie kam nicht. Rasend schnell verstrichen die Sekunden für Schrader. Fünfundzwanzig Minuten war sie überfällig, als sich die Tür zu seinem Zimmer nach einem flüchtigen Klopfen endlich öffnete. Atemlos stürmte Karen herein und blieb vor seinem Bett stehen.

„Entschuldige, Meinhard, aber der Verkehr... Ich habe im Stau gesteckt. Geht es dir besser?“

Sie musterte ihn. Ja, es geht ihm besser, antwortete sie sich selbst. Zumindest waren die ekelhaften Schläuche in seiner Nase verschwunden. Er hing nur noch am Tropf.

„Viel besser.“ Scheinbar gelassen klopfte er einladend auf die Bettkante, aber sein wild pochendes Herz strafte ihn Lügen.

„Setz dich. Und gib mir einen Kuß. Ich muß dir was erklären.“

Sie nickte und kam zögernd näher. Ihre Sinne sträubten sich gegen den Geruch von Krankheit, der von ihm ausging. Aber sie tat, was er wollte. Sie hielt den Atem an und deutete einen Kuß auf seine Stirn an.

„Was ist los?“

Ein leises, aber bestimmtes Klopfen an der Tür ließ Schrader nicht zur Antwort kommen.

„Herein!“ sagte er stattdessen reflexartig.

Dr. Trost betrat das Zimmer.

„Guten Tag, Herr Schrader. Frau Schrader!“ Der alte wohlbeleibte Herr zeigte ihr in einer formvollendeten Verbeugung seine Vollglatze. „Schön, daß Sie auch schon da sind. Dann können wir ja gleich anfangen. Ich habe selbstverständlich alles vorbereitet.“

„Womit anfangen?“ Das war Karen. Hysterie schwang in ihrer Frage mit.

„Schön.“ Das war Meinhard. Nur ein unsicheres Murmeln.

Beide äußerten sich gleichzeitig.

Irritiert sah Dr. Trost von einem zum anderen. „Nun ja, mit der Vertragsunterzeichnung. Ich darf mich doch setzen?“

Er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich vorsichtig darauf, als sei er mißtrauisch, ob das Möbel seinen Pfunden auch würde standhalten können, öffnete seine mitgebrachte Aktenmappe und förderte einige geheftete DIN-A-4-Blätter zutage.

„Was ist das für ein Vertrag?“ Jetzt klang Karens Stimme schrill.

Trost öffnete gerade den Mund, um ihr zu antworten, schloß ihn aber wieder, als er Meinhard Schraders abwehrende Geste wahrnahm.

„Karen, ich wollte dir ja vorher alles erklären, aber du bist nicht gekommen. Ich brauche ein neues Herz. Daß ich in absehbarer Zeit kein Einkommen haben werde, weißt du. Also habe ich unser Haus verkauft, um es bezahlen zu können. Es gibt einen Käufer für die Villa, und er zahlt gutes Geld. Jetzt brauchen wir deine Unterschrift als Miteigentümerin.“ Er machte eine Pause und rang nach Luft. „Karen, ich liebe dich, und ich brauche dich!“

Im ersten Moment war ihr nach Lachen zumute. Natürlich brauchst du mich. Nein, nicht mich, meine Unterschrift. Wenn du wüßtest, daß ich weiß, daß du ein neues Herz gar nicht bezahlen kannst! Oder warst du etwa bei der Relief und hast dich nach deinem Vertrag erkundigt, mit all deinen Versorgungsschläuchen im Körper? Was soll das alles? Was für Illusionen machst du dir und setzt dabei ganz selbstverständlich meine Existenz aufs Spiel? Du kannst mir doch nicht ernsthaft erzählen, daß dir zwei gutaussehende Männer erschienen sind und dir ein Herz zu Sonderkonditionen angeboten haben...

Ihr Gedankenfluß stoppte. Warum eigentlich nicht? Wenn Jean und sein namenloser Kumpan sie gefunden hatten, mitten auf der Reise, warum sollte es ihnen nicht gelungen sein, ihr Angebot auch Meinhard zu unterbreiten?

„Woher willst du ein Herz bekommen?“

Schrader wand sich. Natürlich konnte er ihr diese Frage nicht in Gegenwart eines Notars beantworten.

„Das klären wir später. Karen, bitte vertrau mir!“

Zunehmend unruhiger rutschte Dr. Trost auf seinem Stuhl hin und her. Der Stuhl knackte gefährlich.

„Ich glaube, ich bin denn doch etwas zu früh gekommen, Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich Sie jetzt allein, und wir verabreden einen neuen Termin.“

Er schien sich völlig sicher zu sein, daß sein Vorschlag angenommen werden würde, denn er begann seine Papiere einzupacken und machte Anstalten aufzustehen.

„Nein, bleiben Sie!“

Karen hatte sich gefaßt. In ihr war eine destruktive Wut, die sie völlig kalt werden ließ. Sie wandte sich ausschließlich an den Notar.

„Nein, bleiben Sie bitte. Herzlich willkommen zum Showdown. Ich habe diesen Mann“ - sie zeigte auf Schrader - „letztlich wegen seines Geldes geheiratet. Ich habe dafür viel ertragen, das muß ich hier und jetzt nicht erklären. Er hat seinen Job verloren - das kann passieren. Ich wollte trotzdem zu ihm halten. Aber jetzt erpreßt er mich. Er hat das Letzte verkauft, was wir hatten. Ohne mich zu fragen. Aber er weiß, daß ich meine Zustimmung nicht verweigern kann, denn das wäre sein Todesurteil. Er soll meine Unterschrift haben. Aber das ist auch alles, was er noch von mir bekommt.“

Zu ihrer Überraschung war sie erleichtert. Sie wußte, daß dieses Gefühl verfliegen würde und daß sie dann Glenfiddich, Chablis und anderes brauchen würde, um über die Runden zu kommen. Aber im Augenblick fand sie, daß Freiheit ohne Meinhard Schrader und sein Geld besser war als die Alternative als Ehefrau. Sie fühlte sich jung und unternehmungslustig.

„Also geben Sie Ihren Vertrag schon her“, sagte sie fast heiter.

Sie überflog das Dokument und entdeckte die Verkaufssumme. Nicht genug für Relief. Also tatsächlich die Mafia. Sie wünschte Schrader aufrichtig, daß auch diese Organisation ordentliche Arbeit leistete.

„Haben Sie einen Stift?“

Sie unterschrieb, gab die Papiere an den Anwalt zurück und verließ das Zimmer, ohne Meinhard Schrader noch einen Blick zuzuwerfen.

Der Kranke klingelte nach der Schwester, die sofort km. Er brauchte ihr nicht zu sagen, daß es ihm nicht gutging. Sofort holte sie den behandelnden Arzt.

Schrader biß die Lippen zuammen und befahl sich durchzuhalten.

Karen war fort. Aber es gab da noch Peter.

 

 

30

 

Als die Stunde vor Sonnenaufgang nahte und es draußen und auch im Haus endlich kühler wurde, schlief John schließlich ein. Gesa bewachte seine immer noch rasselnden Atemzüge, die zu ihrer Beruhigung allmählich regelmäßiger und langsamer wurden. Wahrscheinlich hätte sie jetzt auch ins Bett gehen können, aber dazu fühlte sie sich viel zu unruhig.

Sie löschte die Lampe an dem breiten Bett, das sie nun schon seit mehr als 25 Jahren mit John teilte, öffnete die zweiflügelige  Schiebetür zum Wohnzimmer und setzte sich in den großgeblümten Sessel direkt neben der Tür. Hier würde sie jede Regung Johns registrieren können.

Neben dem Sessel stand ein Beistelltischchen, beladen mit Zeitschriften und einem dicken Buch. The Holy Bible. Zögernd sah sie das Buch an. Sie hatte es lange nicht mehr in der Hand gehabt. Aber vielleicht war jetzt die richtige Zeit dafür. Sie griff zu und fühlte das Gewicht der Heiligen Schrift schwer in ihrer Hand.

„Herr, hilf mir!“ sagte sie. Sie schloß die Augen und ließ ihre Finger eine Stelle finden, um die Bibel zu öffnen. Das war ein Spiel aus längst vergessen geglaubten frommen Kindertagen: Gottes Wort als Orakel. Die aufgeschlagene Seite, der Vers, auf den sich der Finger bei geschlossenen Augen legte, würde ihr ganz persönlich die Wahrheit sagen.

Sie gestand sich nicht ein, daß sie das Spiel manipulierte. Selbstverständlich schlug sie die Heilige Schrift im letzten Zehntel auf, aber auch nicht zu weit hinten. Sie wußte, wo sie am ehesten Tröstung finden würde. Aber auch angesichts dieses Wissens war das Spiel noch gefährlich genug, auch die Frohe Botschaft war voll von Drohungen der Verdammnis.

„Herr, ich vertraue auf Dich!“ Nach dem Stoßgebet öffnete sie die Augen, wagte aber zunächst nicht, den Blick auf das Buch zu senken. Sie schaute John an und sah, daß er schlief. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Das mußte ein gutes Omen sein! Sie las: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

„Herr, ich danke Dir!“ In ihr jubelte es. Alles würde gut werden. Doch sie spürte, daß sie es nicht mit dem Heilsspruch bewenden lassen durfte. Gott war voller Gnade, aber er war auch ein eifersüchtiger Gott. Er wollte angebetet werden.

Andächtig legte sie die Heilige Schrift zur Seite und faltete die Hände. Sie würde Gott danken. Und er würde dankbar sein für ihre Gebete. Alles würde gut werden.

Als John aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Gesa saß im Sessel und schnarchte leise vor sich hin. Sie sah glücklich aus.

John fühlte sich erstaunlich frisch und ausgeruht. Mit einem Anflug von seltener Zärtlichkeit musterte er seine Frau. Taufrisch war sie gerade nicht mehr, sein altes Mädchen. Ohne ihr Morgenmake-up, das sie stets sorgfältig und unter Ausschluß der Öffentlichkeit zelebrierte, triumphierten die Falten. Er wußte, daß es um sein Gesicht nicht anders bestellt war - mit oder ohne Make-up. Früher hatte er ein wenig einem leicht zerknautschten Boxerwelpen geähnelt, jetzt glich er eher einem grimmigen Bullenbeißer.

Trotz der kritischen Bestandsaufnahme fühlte er sich leicht und jung. Leise schlug er die Bettdecke zur Seite und schwang die Beine aus dem Bett. Barfuß tappte er an Gesa vorbei in die Küche. Er würde sie mit einem ordentlichen Frühstück überraschen. Sie hatte es mehr als verdient.

„John!“ Gesa blinzelte voller Unglauben auf die Küchenbar, die in vollem Sonnenschein lag. Kaffee dampfte in der Glaskanne, und neben jedem Gedeck stand ein großes Glas mit frisch gepreßtem Grapefruitsaft. Es duftete nach Toast, und in einer Pfanne auf dem Herd brutzelten Rühreier.

„Guten Morgen, Lady!“ Die Falten in Johns Gesicht suchten sich jene Lage, die Gesa als Lächeln kannte. „Das Frühstück ist fertig!“

Unglauben und Erleichterung kämpften in ihr. War das der Mann, der noch vor wenigen Stunden mit dem Tod gerungen hatte? Nein, das war ihr alter John, und doch nicht - er hatte noch nie für sie Frühstück gemacht. Gott der Allmächtige mußte wahrhaft ein Wunder vollbracht haben.  Ein perfektes Wunder. Geschirr, Gläser, Besteck - alles lag an der Stelle, die ihrer Meinung nach die allein richtige war.

„Setz dich doch“, sagte John. „Du hast es verdient, auch mal verwöhnt zu werden, nach all den Sorgen, die du mit mir hattest. Mir geht es blendend. Und falls du schimpfen möchtest: Der Kaffee ist selbstverständlich ohne Koffein.“

Und dann servierte er Toast und Eier, als hätte er Zeit seines Lebens nichts anderes gemacht.

Nach dem Frühstück wollte Gesa ihn davon abhalten, ins Geschäft zu fahren, aber er wehrte ab.  Schon lange habe er sich nicht besser gefühlt als heute, wandte er ein, und sie wußte, daß es die Wahrheit war. Nun gut, so sollte er gehen. Sie hatte nur Sorge, daß der geschäftliche Mißerfolg, mit dem er ohne Zweifel konfrontiert werden würde, seinen Zustand wieder verschlechterte. Aber davon sagte sie selbstverständlich nichts.

Gesas Angst war unbegründet. Zwar schimpfte John mit seinem Geschäftsführer, nachdem er dreißig Minuten lang die magere Bilanz der letzten Tage überprüft hatte, aber er schimpfte pro forma. Er wußte aus jahrzehntelanger Erfahrung, daß Pahrump kein Dorado war.

„Herr, erbarme dich!“ seufzte er, nachdem er den Mann entlassen hatte, und widmete sich der Zeitungslektüre.

Der Herr war heute wahrhaft gnädig - nicht nur Gesa, auch John erlebte ein Wunder.

Kurz vor Mittag betrat ein junger Mann energisch das Büro. Er hatte kurz angeklopft, ein „Herein“ aber nicht abgewartet.

„Mr. Pupfish?“ fragte er kurz.

John nickte, und sein Besucher ließ sich unaufgefordert in einem Sessel nieder.

„Gut. Ich wollte mit Ihnen persönlich sprechen. Es geht um eine ziemlich große Sache. Sun City ist Ihnen selbstverständlich ein Begriff: die Rentnerstadt am Rand von Phoenix, Arizona. Insgesamt eine ziemlich luxuriöse Anlage - die alten Herrschaften bezahlen viel Geld für eine großzügig angelegte bewachte Wohnsiedlung mit dem Krankenhaus für den Notfall gleich nebenan. Viele Senioren möchten so leben in einem Klima, in dem es keinen Winter gibt, aber sie haben nicht das Geld dafür. Für diese Klientel habe ich ein Programm entwickelt: Weniger luxuriöses Wohnen, nämlich in Mobilhomes, aber ebenso gut bewacht. Das Krankenhaus ist auch gleich nebenan. Das alles wird fünf Meilen südlich von Las Vegas liegen. Was halten Sie davon?“

Als Privatmann hielt John Pupfish davon gar nichts. Eine Gesellschaft, die Städte für Greise baute, anstatt Familien füreinander sorgen zu lassen, war zum Untergang verurteilt, davon war er fest überzeugt. Als Geschäftsmann war er dagegen begeistert.

„Sie sind also an einigen Mobilhomes interessiert?“ fragte er. Tatsächlich gelang es ihm, gleichgültig zu erscheinen. Sein Besucher registrierte es mit einem Schmunzeln.

„An einigen Hundert“, sagte er leichthin, ohne die Korrektur allzu sehr herauszustreichen. „Und wir würden es vorziehen, nur mit einem Geschäftspartner zu verhandeln. Wir haben Sie in die engere Wahl gezogen. Machen Sie uns ein Angebot. Sagen wir, für vierhundert Heime. Je zur Hälfte zwei und drei Zimmer. Alles in allem innerhalb von achtzehn Monaten, Lieferung natürlich sukzessive. Falls wir Ihr Angebot akzeptieren, erhalten Sie 50 % der Vertragssumme bei Beginn, den Rest am Ende des vereinbarten Zeitraums.“

Es kostete John große Mühe, nicht völlig überrumpelt zu erscheinen, aber er schaffte es.

„Vierhundert?“ fragte er scheinbar leichthin. „Jeweils zwei und drei Zimmer? Lassen Sie mich sehen...“

John machte sich an seinem Computer zu schaffen, dessen Monitor nichts zeigte außer einer  nach vielen Versuchen verloren gegebenen Partie Solitaire, aber das entzog sich zum Glück den Blicken seines Besuchers.

„Hm...innerhalb von achtzehn Monaten? Das könnte eng werden...“ Wahllos schob er mit der Maus ein paar Karten hin und her und war völlig überrascht, als das Programm einen Jubellaut ertönen ließ - er hatte das Spiel gewonnen.

„Wie schön“, sagte er geistesgegenwärtig. „Ich sehe gerade, daß es theoretisch möglich wäre, obwohl wir ziemlich ausgelastet sind. Ich werde Ihnen ein Angebot machen - sagen wir, innerhalb von fünf Tagen?“

Der junge Mann nickte.

„Gut. Ich lasse dann von mir hören.“

Er machte Anstalten aufzustehen. John versuchte vergeblich, ihn zu halten. Nein, er wollte keine Prospekte sehen, keine Grundrisse studieren. Er behauptete, alles über Pupfishs Bauten zu wissen. Und natürlich war kein Sterbenswörtchen über Konkurrenten aus ihm herauszulocken. Er ging einfach und sagte nochmals: „Ich lasse dann von mir hören.“

Erst als er weg war und John sich daran machte, den ersten wirklichen Großauftrag seines Lebens zu kalkulieren, fiel ihm auf, daß er nichts von dem jungen Mann wußte, noch nicht einmal seinen Namen. Aber das störte ihn nur eine Sekunde lang. Vermutlich war das so bei großen Geschäften - er hatte da zu wenig Erfahrung. Jedenfalls ging es ihm jetzt blendend, aber er wußte, wie schnell sich das ändern konnte. Wenn dieser Auftrag klappte, dann...dann konnte er sein neues Herz von Relief beziehen, dann würde er nicht mehr auf dubiose telefonische Angebote der

Mafia angewiesen sein. Nur noch ein paar Tage durchhalten...

Der junge Mann, der seinen richtigen und auch seinen für den Notfall bereitgehaltenen falschen Namen verschwiegen hatte, setzte sich zufrieden lächelnd in seinen Jeep Cherokee und gab Gas. Er steuerte nach Las Vegas. Er hatte dort kein Land, weder für eine Seniorensiedlung noch für sonst etwas. Aber dort wartete sein Boss. Er würde ihm berichten können, daß der Empfänger sich in guter Verfassung befand. Die Mafia gab sich nie damit zufrieden, ihre Vertragspartner nur telefonisch zu kontaktieren.

 

 

31

 

Obwohl er schnell gelaufen war, war Peter bis auf die Knochen durchgefroren, als er den Hamburger Hauptbahnhof erreichte. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Ein kalter Nieselregen fiel aus der Schwärze über ihm, ein böiger Wind fauchte durch die Straßen. Dagegen bot seine dünne Kleidung keinen Schutz.

Noch nie in seinem Leben hatte Peter ernsthaft versucht, in die schlechte Seite eines Bahnhofs zu gelangen. Er wußte deshalb nicht, was ihn erwartete, aber er vertraute auf die Karte in seiner Hosentasche. Vermutlich würde sie als Sesam-öffne-dich funktionieren. Hoffentlich.

Er täuschte sich nicht. Hier gab es weniger Eingänge als an der guten Bahnhofsseite, und deshalb hatten sich Warteschlangen gebildet. Aber das Prinzip war dasselbe: Jeder steckte seine Karte in den Schlitz neben der Tür. Nach wenigen Sekunden wurde die Karte wieder ausgespuckt, und die Tür öffnete sich gerade so lange, daß ihr Besitzer hindurchschlüpfen konnte. Danach begann die Prozedur von neuem.

Langsam rückte die Schlange vor. Ungeduldig trat Peter von einem Fuß auf den anderen. Jetzt, zum Stehen verurteilt, spürte er die Kälte mehr denn je. Nur noch eine Frau war vor ihm - gleich würde er im Warmen sein.

Die Schultern des schäbigen Mantels vor ihm waren mit kleinen grauen Flecken gesprenkelt. Schuppen, dachte Peter angeekelt. Die Haare darüber waren grau, strähnig und schütter. Das Gesicht konnte er nicht sehen. Nur die Hand, die die Karte in den Schlitz schob. Die Hand zitterte.

Die Karte verschwand. Peter zählte die Sekunden. Inzwischen kannte er den Takt. Jetzt mußte sie wieder herauskommen. Jetzt. Nichts geschah. Aber jetzt war es endgültig Zeit.

Die Karte erschien nicht. Stattdessen leuchtete ein Display auf. „Ihre Karte ist ungültig und wurde vernichtet. Bitte erwerben Sie einen neuen Fahrausweis.“

Die Frau heulte auf und trommelte mit ihren Fäusten in ohnmächtiger Wut gegen das Glas des Monitors. „Ihr Schweine, gebt mir meine Karte wieder! Ich muß zu meiner Tochter! Sie braucht mich! Ich habe doch kein Geld! Habt doch Erbarmen!“

Die Schrift auf dem Display blinkte dreimal und verwandelte sich dann. „Der Nächste“ sagte sie jetzt.

Die Frau rührte sich nicht von der Stelle, und Peter wagte nicht, sie anzusprechen. Scheu vor fremdem Elend und Angst beherrschten ihn. Was sollte er machen, wenn auch seine Karte ungültig wäre?

Der Mann hinter ihm rempelte ihn an, griff an ihm vorbei und faßte die Frau vor Peter grob am Arm. „Nun verschwinde endlich!“ raunzte er. „Ich habe nämlich eine gültige Fahrkarte und will nach Hause. Und der junge Mann vor mir vermutlich auch.“

Peter drehte sich nicht um. Er sah starr nach vorn, auf die Frau, die dem Befehl gehorchte und aus seinem Gesichtskreis verschwand. Als sie weg war, blieb der Schlitz. „Der Nächste“ sagte die Schrift über ihm. Er steckte die Karte des Pflegers hinein. Und zählte.

Im vorschriftsmäßigen Takt wurde die Karte wieder ausgespuckt, und beinahe gleichzeitig öffnete sich die Tür. Gerade noch konnte Peter hindurchschlüpfen, bevor sich die Pforte schmatzend wieder schloß.

Die Erleichterung, die er verspürte, tröstete ihn darüber hinweg, daß eine seiner Hoffnungen nicht in Erfüllung gegangen war: Warm war es hier nicht. Überhaupt erinnerte nur eine Installation ihn an die Bahnhofshallen, die er kannte: Eine große Tafel zeigte eine Übersicht über Ankünfte und Abfahrten von Zügen und eventuelle Veränderungen gegenüber dem ursprünglichen Fahrplan. Er suchte Abfahrten.

Der Zug nach Scheeßel war gerade weg, der nächste ging in drei Stunden. Zu lange. Außerdem wurde ihm klar, daß er nicht nach Scheeßel wollte. Er würde dort zu vielen pädagogischen Arschlöchern Dinge erklären müssen, die sie nicht verstehen konnten. Er würde nach Hannover fahren. Sein Vater war zwar auch ein Arschloch und heiratete dauernd die falschen Frauen, aber Peter hatte noch nie erlebt, daß er mit einer Situation nicht fertig wurde. Er würde wissen, wie man mit Jan und der forensischen Psychiatrie verfahren mußte.

Hannover - 19.45 Uhr. Noch fünfzehn Minuten. Das klang gut. Gleis acht. Zeit, sich auf den Weg zu machen, den die Piktogramme wiesen. Die Piktogramme waren hoch oben angebracht. Das war gut so. Wenn man sich nur auf sie konzentrierte, mußte man nicht nach unten sehen, mußte keine Menschen sehen. Peter konzentrierte sich auf die Piktogramme.

Gleis acht. Keine Rolltreppe, kein Lift führte hinauf. Damit hatte er hier auch nicht gerechnet. Aber die Treppe war vergittert. Eine schmale Tür war in das Gitter eingelassen. In der Wand daneben ein Schlitz. Die Schrift über ihm sagte: „Bitte Karte einführen“.

Peter tat, was die Schrift verlangte. Er erhielt die Antwort, die er befürchtet hatte: „Ihre Karte ist hier ungültig“.

Offenbar war die Karte, die er gefunden hatte, nur für eine bestimmte Commuterverbindung gültig. Aber für welche? Hier half nur Trial and error. Peter ging zu Gleis neun und danach immer weiter bis zu Gleis zweiundzwanzig. Jedesmal sagte ihm die Schrift dasselbe: „Ihre Karte ist hier ungültig“. Danach versuchte er es bei Gleis sieben. Ohne Erfolg. Die Pforte zu Gleis drei öffnete sich schließlich. Höflich war sie auch. Die Schrift teilte ihm mit: „Ihr Zug nach Soltau geht fahrplanmäßig in einer Stunde und dreiundvierzig Minuten.“

Bis dahin würde er vermutlich erfroren sein. Und: Was sollte er in Soltau?

Als kleines Kind hatte er in der Schule noch aufgepaßt, und deshalb fiel ihm nach einer Weile ein, daß Soltau besser war als gar nichts. Immerhin lag die Stadt auf halber Strecke nach Hannover. Irgendwie würde er von dort aus schon weiterkommen. So einen komfortablen Lift wie den von Scheeßel nach Hamburg würde er zwar bestimmt nicht erwischen, dazu sah er viel zu abgerissen und schmutzig aus. Wenn er nur Meinhard erreichen könnte!

Zum vierten Mal durchwühlte er die Taschen seiner Hose und steckte zum vierten Mal angeekelt das gebrauchte Taschentuch zurück, das neben der Plastikkarte alles war, was sie enthielt. Keine Münzen. Er konnte noch nicht einmal ein R-Gespräch führen. Für solche Verbindungen hatte die Telekom seit kurzem eine Codenummer eingeführt, um sich gegen zunehmenden Mißbrauch abzusichern. Selbstverständlich hatte er eine solche Nummer, aber die stand auf seiner eigenen Plastikkarte, und die war futsch.

Moment mal - vielleicht gab es eine solche Nummer ja auch auf der Karte des Pflegers? Mit kältesteifen Fingern zerrte er das Stück Plastik hervor. Im Prinzip sah es ähnlich aus wie sein eigener Ausweis: Unten in der Mitte war das T-Zeichen eingeprägt, und darunter fand er eine Zahlenkombination. Es gab allerdings eine geringfügige Abweichung: „maximale Reichweite 100 km“ stand da zusätzlich in Klammern.

Hamburg - Hannover: Das waren etwa 160 Kilometer. Soltau - Hannover etwa die Hälfte. Es sollte reichen. Er würde sich allerdings noch ein wenig gedulden müssen.

Peter versorgte die Karte so tief wie möglich  und versuchte, einen windgeschützten Platz auf dem zugigen Bahnsteig zu finden. Obwohl er nach wie vor fror, hatte er das Gefühl, es sei ein wenig wärmer geworden. Er sah wieder eine Chance.

32

Vom Highway 50 wird behauptet, er sei der einsamste der Welt, und er ist es in der Regel vielleicht wirklich, aber mitunter gibt es Ausnahmen. Im Monitor Valley, auf halber Strecke zwischen Austin und Eureka, beides Nevada, hatte der Sheriff  von Eureka County alle seine Kräfte versammelt. Auch die Feuerwehr war mit Krankenwagen und Notarzt vor Ort. Ungefähr 50 Männer und zehn Frauen gaben sich geschäftig, aber eigentlich hatten sie wenig zu tun. Sie konnten nur eine Bestandsaufnahme machen.

Das kleine Cabrio lag auf dem Dach, einige Meter von der Straße entfernt. In der Richtung, aus der es gekommen sein mußte, ragten noch immer Stahlspitzen aus dem Asphalt, unauffällig grau, kaum vom Belag zu unterscheiden. Die perfekte Straßenfalle. Das Auto mußte mit hoher Geschwindigkeit hineingerast sein, die Reifen waren geplatzt, und die Fahrerin hatte die Gewalt über ihr Fahrzeug verloren. Es war eine Frau gewesen, die den Wagen gelenkt hatte, das wußten sie inzwischen, auch wenn nur wenig von ihr übrig war. Die verkohlten Überreste der Leiche lagen neben dem Auto.

Sie lagen nicht so, wie sie hätten liegen sollen, wenn die Frau aufgrund einer Explosion bei dem Unfall herausgeschleudert worden wäre. Die Knochen waren fein säuberlich sortiert: Unterhalb des Schädels waren die Rippen arrangiert, dann folgte ein perfekter Kreis aus Wirbeln, und darunter lag ein wirrer Haufen aus Knochen aller Extremitäten. Das künstlerische Arrangement qualmte nicht mehr, roch aber noch.

Sheriff Quayle hatte schon so viel in dieser Preislage gesehen, daß er nicht einmal mehr kotzen konnte.

„Das übliche?“ fragte er den Coroner.

Die Frage war rein rhetorisch. Er bekam die Bestätigung, die er erwartete.

„Das übliche. Straßenfalle und Kannibalismus. Anschließend Verbrennen der Überbleibsel. Diesmal müssen sie viel Hunger gehabt haben - an den Knochen kann ich noch nicht einmal Reste von Fleisch erkennen. Selbst die Innereien sind verschwunden.“

Jetzt war Quayle doch froh, daß er noch nicht gefrühstückt hatte.

„Wann war das?“ wollte er wissen.

Der Coroner zuckte die Schultern. „Schwer zu sagen. Die Asche ist noch warm. Drei,vier, höchstens fünf Stunden.“

„Jedenfalls zu lange“, stellte der Sheriff deprimiert fest.  „Sie sind wie immer über alle Berge.“

Er verzichtete darauf, sich von seinem Deputy eine Zusammenfassung der bisherigen Untersuchungsergebnisse geben zu lassen. Er wußte, was er sehen würde, wenn er hinter die Felsen schaute, die nur wenig entfernt wahllos in der Wüste verstreut waren.

Er ging auf die Steinbrocken zu und fand, was er erwartet hatte. Reifenspuren. Zwei oder drei Autos hatten hier geparkt, unsichtbar von der Straße aus. Geländegängige Fahrzeuge, schloß er aus dem Reifenstand. Aber das war auch alles, was er schließen konnte. Die Reifen waren so abgefahren, daß nicht mehr auch nur die Spur eines Profils zu erkennen war.

Quayle seufzte und trat den Rückzug an. Hier war nichts mehr zu tun. In seinem Büro würde er einen Bericht über den Vorfall schreiben, der in der Ablage zahlreicher Computer nutzlosen Elektronikmüll darstellen würde. Wollte er eine Suche nach Fahrern von Autos mit Vierradantrieb und gänzlich abgefahrenen Reifen starten, müßte er 90 Prozent der Bürger der Vereinigten Staaten überprüfen. Alles, was er tun konnte, war, die Identität der Leiche festzustellen. Der Schädel war intakt - merkwürdig eigentlich. Normalerweise pflegten die Kannibalen Kleinholz aus ihren Opfern zu machen. Aber so würde eine Gebißidentifikation möglich sein. Wenn sie keine arme Frau war - und arme Frauen fahren nun mal keine Cabrios -, dann war sie bestimmt schon mal beim Zahnarzt gewesen. Aber das war‘s dann wohl.

Der Sheriff öffnete die Tür seines Autos und griff zum Mikro. Er wollte zum Rückzug blasen. Als er sah, daß der Deputy auf ihn zueilte, ließ er die schon gedrückte Lautsprechertaste wieder los.

„Was ist?“

„Sheriff, wir haben Fingerabdrücke am Auto gefunden.“

Der Daumen drückte wieder die Taste.

„Na und?“ fragte Quayle. „Fingerabdrücke von diesen Schweinen haben wir wie Sand am Meer.“

Seine Stimme hallte über den Platz.

„Diesmal sind es richtige Schweine. Sie sind in der Kartei. Die Mafia!“

Der Sheriff nahm sich nicht die Zeit, schamrot zu werden. Plötzlich fühlte er sich blendend. Er hatte sogar Hunger, Appetit auf ein großes amerikanisches Frühstück. Am liebsten ein Denver Omelett.

Er nickte dem Deputy zu.

„Gut gemacht!“ sagte er. „Die kriegen wir.“

Dynamisch schwang er sich auf den Fahrersitz und fuhr mit quietschenden Reifen und gellender Sirene über den völlig leeren Highway davon, Richtung Eureka.

 

 

33

 

„Und warum erfahre ich das erst jetzt?“ Die Stimme zischte.

Zwei Stunden nach der Vertragsunterzeichnung hatte Schrader sich erholt und zum Telefon gegriffen. Er bemühte sich um Beherrschung; er wußte, daß er sich schonen mußte. Er durfte sich nicht aufregen. Er regte sich aber auf. Ein wütender Stier, der am Beginn einer Corrida merkte, wie alle Feinde sich gegen ihn verbündeten, hätte nicht zorniger sein können.

„Warum erfahre ich das erst jetzt?“

„Ich bin Peters Deutschlehrerin“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.  Als ob das irgend etwas erklärte.

„Ja, und?“ Schrader grub seine Fingernägel in die Handflächen, um wenigstens ein bißchen Aggression abzuleiten.

„Peter...Peter war ein wenig schwierig in der letzten Zeit. Ich habe mit ihm geredet. Ich hatte den Eindruck, daß er Ruhe brauchte. Zum Nachdenken, verstehen Sie. Daß er allein sein wollte. Deshalb...deshalb habe ich mir zunächst keine Gedanken gemacht, als er verschwunden ist. Junge Leute brauchen manchmal Freiräume, verstehen Sie...“

„Verstehen Sie, verstehen Sie!“ höhnte Schrader.  „Ich verstehe, daß mein Sohn Ihnen durchgebrannt ist. Ich verstehe, daß er verschwunden ist. Und ich verstehe, daß Sie mich nicht benachrichtigt haben.“

„Herr Schrader, als Peter am Morgen nach seiner Flucht noch nicht wieder da war, haben wir selbstverständlich bei Ihnen zu Hause angerufen. Ihre Frau weiß Bescheid. Sie hat uns ausdrücklich gebeten, uns nicht an Sie zu wenden, weil Sie einen schweren Herzanfall erlitten haben.“

Pause.

Dann zögernd: „Das ist jetzt zwei Tage her. Es tut mir leid. Ich war fest davon überzeugt, daß Ihre Frau Sie inzwischen informiert hat.“

Kalter Haß ballte sich in Schrader zusammen. Aber der richtete sich nicht mehr gegen diese Lehrerin, mit der er gerade sprach. Er hielt nichts von Lehrern, aber er glaubte ihnen, daß sie meistens das Beste wollten, obwohl sie meistens das Falsche taten. Er haßte Karen. Sie hatte ihm nichts gesagt. Achtundvierzig wertvolle Stunden waren verloren.

„Haben Sie die Polizei benachrichtigt?“

„Selbstverständlich. Die Fahndung läuft. Eine Frau hat sich gemeldet, die einen jungen Mann von Scheeßel nach Hamburg-Ottensen mitgenommen hat. Vermutlich war es Peter. Er hat ihr erzählt, daß er in Altona eine Tante besuchen wolle. Sie hat ihn abgesetzt, und danach gibt es keine Spur mehr.“

Schrader schwieg. Er kannte Hamburg gut - nicht nur von den exklusiven Shoppingausflügen mit seinen Frauen. Früher hatte er dort häufig das getan, was man altmodisch ‚die Hörner abstoßen‘ nannte. Er wußte, was diese Stadt alles zu bieten hatte.

„Was...?“ Schrader kämpfte mit ungewohnter Hilflosigkeit.

„Was soll ich tun?“

Er konnte seine Gesprächspartnerin nicht sehen, aber er spürte ihr hilfloses Schulterzucken.

„Herr Schrader, Ihr Sohn ist ein ziemlich erwachsener junger Mann. Soweit ich weiß, kennt er Hamburg. Er hat seine Kreditkarte mitgenommen. Er wird sich bestimmt durchschlagen. Er will eben nur eine Weile seine Ruhe haben.“

Schrader wußte, daß sie ihn zu trösten versuchte. Aber er wollte ihr glauben. Bestimmt ging es Peter gut. Sicher. Er wollte nur eine Weile seine Ruhe haben.

„Ich danke Ihnen“, sagte er mühsam. „Bitte entschuldigen Sie. Sie halten mich auf dem Laufenden?“

„Natürlich. Sobald ich etwas Neues weiß, rufe ich Sie an. Aber wahrscheinlich meldet Peter sich vorher bei Ihnen.“

 Schrader legte den Hörer auf und starrte das Telefon an, als könnte er es hypnotisieren.

Was habe ich bloß falsch gemacht? fragte er sich.

Es war ihm nicht bewußt, daß er sich diese Frage zum ersten Mal in seinem Leben stellte.

 

 

34

 

Harry hatte schlecht geschlafen. Nach der Flasche Champagner hatte er Unternehmungslust verspürt und war ins Casino gegangen. Ein teuer Entschluß. Ob er es mit Blackjack oder Roulette versuchte - etwas anderes spielte er prinzipiell nicht - eine Pechsträne folgte der anderen. Immerhin, sagte er sich säuerlich, blieb das Geld ja in der Familie. Trotzdem wälzte er sich danach ärgerlich im Bett herum. Die meiste Zeit konnte er nicht schlafen, und wenn er doch wegdämmerte, quälte ihn ein Alptraum, der sich einfach nicht verscheuchen ließ und wie ein Fortsetzungsroman immer weiterging. Riesige dunkle Gestalten versuchten, ihm sein Herz aus der Brust zu operieren, und fuchtelten dabei mit Messern von der Größe eines Samurai-Schwertes.

Zum Frühstück bestellte er deshalb nur Tomatensaft, Eier im Glas und vier Aspirin. Eine appetitliche Blonde in knapper Bekleidung servierte ihm zusammen mit seiner Bestellung auch die Zeitung.

Nur eine hatte überlebt. Überregionale anspruchsvolle Blätter wie die Washington Post, die New York Times oder der San Francisco Cronicle  waren ebenso verschwunden wie die früher existierenden Lokalblätter. Den einen fehlte das Leserpublikum, den anderen Berichtenswertes. Es gab seit langem keine Wohltätigkeitsbasare oder  Baseballspiele mehr. Kaum noch jemand hatte etwas übrig, das er bereit war zu geben, und Massenveranstaltungen waren aus Sicherheitsgründen verboten. Niemand wollte eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse oder einen Bericht über die Entwicklung multilateraler Beziehungen lesen - wer sich früher dafür interessiert hatte, war heute in der Regel damit ausgelastet, sich um die Nahrungsbeschaffung für den nächsten Tag zu kümmern. Die Berichterstattung über spektakuläre Verbrechen, die die Auflagen eine Zeitlang gesteigert hatte, führte mittelfristig zu sinkendem Leserinteresse. Zum einen war selbst in diesem Bereich eine Steigerung der Scheußlichkeiten nicht mehr möglich, zum anderen wollten die Menschen zunehmend weniger wissen, wie die Welt um sie herum wirklich beschaffen war.

Harry hielt also „USA Today“ in der Hand. Der Name war geblieben, obwohl das Blatt sich gewandelt hatte. Zum einen war natürlich die Auflage geschrumpft. Nicht, weil viele Menschen weniger Geld zur Verfügung hatten - dem hatte der Verlag durch eine deutliche Senkung des Verkaufspreises Rechnung getragen. Nicht Profit war das Ziel, auch nicht Information, sondern Meinungsbildung. Trotzdem wurden weniger Exemplare gedruckt als früher. Denn die USA waren kleiner geworden, und viele Staaten, die sich von der Union trennten, verboten das Blatt.

Zum anderen waren alle kritischen Töne aus der Zeitung verschwunden. Noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte sie zum Beispiel regelmäßig zu strittigen Themen kontroverse Kommentare, damit die Leser Argumente gegeneinander abwägen konnten. Dergleichen war heute selbstverständlich eliminiert.

„USA Today - an independent Newspaper.“ Harry grinste, als er den Untertitel las. Er wußte, wer diese Zeitung finanzierte. Letztlich waren das alle wichtigen Wirtschaftsunternehmen der USA. Also auch die kleine, bescheidene Organisation, der er selbst angehörte.

„USA Today“ war schnell und aktuell. Kein Wunder: Die Journalisten wußten im Zweifelsfall auch, was sie über ein Ereignis schreiben sollten, bevor es stattfand.

Die Zeitungslektüre beruhigte, weil sie eine Botschaft transportierte. Sie sang unverdrossen das Loblied auf den american way of life, die Hymne auf America, the beautiful, GOD‘s own country. Und weil Amerika Gottes eigenes, sein ureigenstes Land ist, ist alles, was Amerika macht, also das, was die amerikanische Wirtschaft macht, Gottes reinster, ureigenster Wille.

Harry trank Tomatensaft und Aspirin und begann danach seine Zeitungslektüre wie immer links unten auf der ersten Seite. Die Grafik, die dort regelmäßig plaziert war, gab heute Aufschluß über den Prozentsatz der Besucher sonntäglicher Gottesdienste. Harry erfuhr, daß 95% der Katholiken, 99 % der Heiligen der letzten Tage und immerhin noch 65 % der Lutheraner regelmäßig in die Kirche gingen. Er grinste. Die Statistiker, die dergleichen behaupteten, mußten Vegas vergessen haben. Hier gab es, das wußte er definitiv, zwar viele Heiratskapellen, aber keine einzige reguläre Kirche. Aber natürlich ging es nicht um Statistik, sondern darum, ein bestimmtes Verhalten zu fördern.

Er ließ seine Augen zur Schlagzeile gleiten und seufzte unwillkürlich. Heute beruhigte die Headline keineswegs, und das war auch kaum anders möglich.

„Autos verboten!“

In fetten Lettern.

Darunter, kaum weniger groß:

„Welcher Bus wird unsere Kinder morgen noch zur Schule bringen?“

Das gute alte Schulbussystem. Früher hatte es wohl einmal funktioniert, hatte dazu beigetragen, daß auch Kinder aus abgelegenen Gegenden die Schule erreichen konnten, die sie besuchen wollten. Oder von denen ihre Eltern wollten, daß sie sie besuchten. Heutzutage waren vermutlich 70 % aller Kinder Analphabeten, Oder 80%? Oder 90? Er hatte keine Ahnung, denn solche Statistiken wurden nicht veröffentlicht, falls sie überhaupt existierten. Außerhalb teurer Privatschulen, so vermutete er jedenfalls, fand Bildung praktisch nicht mehr statt. Trotzdem würden die Leute die Schlagzeile schlucken. Sie träumten ihren Traum und wollten sie schlucken.

Der UNO-Beschluß, der Autos letztlich verbot, war allerdings ein Problem. Nicht nur PKWs waren davon betroffen. Auch die sprachlich geschulten Delegierten der UNO-Vollversammlung hatten wohl nur zum Teil begriffen, worüber sie da abgestimmt hatten. Ein Verbot von privaten und privat nutzbaren Autos! Welch clevere Formulierung! Gab es ein Auto, das nicht privat nutzbar war? Schulbusse, Krankenwagen, Polizeiautos - für sie alle bedeutete dieser Beschluß  das Aus.

Harry kannte die Resolution bereits. Vermutlich hatte das Wissen darum auch zu seiner schlechten Nacht beigetragen. Er besaß ein paar Aktien von General Motors, aber das war nicht bedrohlich. Er hatte sein Vermögen gut diversifiziert. Allerdings steckte viel Firmengeld in der Autoindustrie. Er grinste. Schon häufig hatte Firmengeld in Wirtschaftszweigen gesteckt, die von der Prohibition bedroht waren. Die Firma hatte langfristig immer gewonnen.

Er legte die Zeitung beiseite und rieb sich die Stirn. Die Kopfschmerzen waren verflogen. Er war mit sich zufrieden, denn er hatte einen Plan in bezug auf das Autoproblem. Er hoffte nur, daß er der erste war, der ihn dem Boß mitteilen wollte.

Gerade, als er zum Telefon greifen wollte, piepte es. Er drückte die Taste, die die Verbindung aktivierte, und brummte ein „Ja?“ in die Muschel.

„Sir, Ihr Paket ist angekommen. Wir haben es wie immer an der Hotelrezeption abgegeben, um Sie nicht zu stören. Wir würden uns freuen, wenn Sie die Dienste von United Parcel bald wieder in Anspruch nehmen würden. Vielen Dank und auf Wiedersehen.“

Harry grinste. Natürlich war die Botschaft viel zu höflich und formell, selbst für ein Dienstleistungsunternehmen, das in harter Konkurrenz mit anderen Zustelldiensten lag. Eben deshalb hatte er diese Worte gewählt. Unverfänglich, aber unverwechselbar. Das Codewort.

Selbstverständlich lag kein Paket für ihn an der Rezeption. Aber irgendwo pulste ein künstlich durchblutetes Herz und wartete auf seinen Empfänger.

„Danke“, sagte er. „Ich werde mich sofort darum kümmern.“

Er beendete die Verbindung und warf dabei einen flüchtigen Blick auf die Zeitung. Seine Idee würde warten müssen, denn das Herz konnte nicht allzu lange warten. Der Empfänger mußte jetzt den Vertrag unterschreiben und dann schnellstmöglich in die Klinik. Schade eigentlich - hoffentlich kam ihm niemand in bezug auf seine Autoidee zuvor.

Er seufzte und griff wieder zum Telefon. Er wählte nach einem kurzen Blick in die gut gesicherte Geheimabteilung seines elektronischen Notizbuches.

„Hello, Mr. Pupfish“, grüßte er, nachdem sich am anderen Ende der Leitung jemand gemeldet hatte.

„Sie sind es doch, nicht wahr? Gut. Mr. Pupfish, wir haben, was Sie brauchen. Sie sollten sich für ein paar Tage freimachen und nach Vegas kommen. Wer ich bin? Mr. Pupfish, ich bitte Sie. Sie wissen genau, wer ich bin, und mein Name tut nichts zur Sache. Passen Sie auf: Vor kurzer Zeit war ein junger Mann bei Ihnen und hat Ihnen einen Großauftrag avisiert. Eine Seniorensiedlung im Süden der Stadt. Wie bitte? Nein, dieser junge Mann bin ich nicht.“

Harry grinste. Wie konnte dieser Mensch nur so naiv sein?

„Aber ich weiß eben von dem Angebot. Schützen Sie es gegenüber Ihrer Frau vor. Sagen Sie ihr, Sie müßten das Terrain sondieren. Das braucht ein paar Tage. Sie wird sich keine Sorgen machen. Nach der erfolgreichen...na ja, sagen wir: Transaktion...werden wir sie dann benachrichtigen, so daß sie Sie besuchen kann. Im Prinzip weiß sie doch Bescheid?“

„Im Prinzip ja.“

„Hervorragend. Also ist das klar. Sie bringen bitte zu unserem ersten Treffen alle notwendigen geschäftlichen Unterlagen mit. Für den Rechtsanwalt sorgen wir. Aber wenn Sie wollen, können Sie selbstverständlich Ihren eigenen juristischen Berater mitbringen. Wir sind eine korrekte Organisation.“

Harry wartete auf die in seinen Augen angemessene Reaktion und hatte Erfolg.

„Das wird wohl nicht nötig sein“, murmelte Pupfish.

Natürlich gab es weder in Pahrump noch in seinem sonstigen Bekanntenkreis irgend jemanden, dem er die Kenntnis über ein Geschäft mit der Mafia anvertrauen wollte oder konnte.

„Gut. Dann ist das auch geklärt. Können Sie noch heute nachmittag hier sein?“

„Wenn es sein muß...“

John fühlte sich unwohl. Er hätte Gesa gern behutsam auf all das vorbereitet, was nun kommen würde.

„Gar nichts muß sein, Mr. Pupfish. Gar nichts. Alles ist Ihre Entscheidung.“

Harry dachte an „sein“ Herz. Und John dachte an sein Herz.

„Okay“, sagte John.

„Schön. Gegen vier Uhr? Sie treffen mich im „Lost World“, im Casino. Gehen Sie zu einem der Roulettetische und spielen Sie einfache Chancen: pair oder impair, rouge oder noir. Ich werde Sie dort finden.“

„Ich verstehe“, sagte John. „Soll ich dort auch ein Zimmer nehmen?“

„Nein. Wenn wir uns einig werden - und davon gehe ich aus -, dann sind Sie heute abend schon am Ort der Transaktion.“

„Kann ich Ihnen vertrauen?“

John war klar, wie unsinnig diese Frage war. Eine Verbrecherorganisation  mied man, schlimmstenfalls machte man Geschäfte mit ihr, aber ihr vertrauen? Trotzdem mußte er sie stellen. Er brauchte jetzt emotionale Unterstützung, und es gab niemanden außer dem Unbekannten am Telefon, von dem er sie erhoffen konnte.

„Wir werden unseren Teil des Vertrages korrekt erfüllen, falls Sie das meinen, Mr. Pupfish.“

John Pupfish hatte mehr gemeint, viel mehr. Aber er mußte sich mit dieser Antwort zufriedengeben.

Er beendete das Gespräch und wendete sich dem kleinen Tresor zu, in dem er die Unterlagen über seinen Besitz verwahrte.

35

Harry lehnte sich zufrieden zurück, schaute aus dem Fenster und genoß den Blick über Vegas. Er ließ seine Gedanken schweifen. Die Boys hatten eine Belohnung verdient. Sie sollten sich etwas wünschen dürfen. Vermutlich würden sie das Übliche wollen: eine der flotten Miezen, garantiert gesund, die gute Hotels für besondere Kunden bereithielten. Die Gesundheit der Kunden war nicht garantiert, aber die Mädchen machten‘s trotzdem ohne. Sie wurden großzügig bezahlt.

Während er an die kleine zierliche Asiatin dachte, der er selbst es vor einigen Tagen ordentlich besorgt hatte, wurde sein Schwanz steif.  Er öffnete Hosenknopf und Reißverschluß und spielte ein bißchen mit Vorhaut und Eichel. Eigentlich, ging es ihm dabei durch den Kopf, hatte er ebenfalls eine Belohnung verdient. Abwechslung tat gut. Seine Phantasie sagte ihm, daß er heute keinen Appetit auf einen mädchenhaften Körper, schwarze Haare und Mandelaugen hatte. Ihm stand der Sinn nach groß, blond und üppig. Das würde kein Problem sein - das „Mirage“ hatte alle seine Bedürfnisse immer vollständig befriedigt.

Gerade wollte er wieder zum Telefon greifen, um dem Roomservice sein Begehren mitzuteilen, als das Ding schon wieder piepte. Harry verzog das Gesicht. Heute schien das Gesetz zu sein: Wenn er telefonieren wollte, wurde er selbst angerufen.

„Ja?“

„Ich hab‘s gefunden. Es gehört Ihnen. Ich kann es  Ihnen aber noch nicht zurückgeben, denn das FBI will es erst untersuchen.“

Pause.

„Haben Sie verstanden?“

„Ja“, sagte Harry lahm. „Danke.“

Seine gute Laune war ebenso verschwunden wie seine Erektion. Keine Belohnung also. Aber die Jungs würden auch keine bekommen. Ganz sicher nicht.

36

Er erfror nicht und wurde auch nicht verhaftet, obwohl er wiederholt den gesamten Bahnsteig entlangspurtete. Niemand widmete ihm mehr als die nötige Aufmerksamkeit. Das heißt, man ging ihm aus dem Weg, um nicht überrannt zu werden.

Peter begann, sich schnell zu bewegen, als eine emotionslose Lautsprecherstimme die Wartenden darüber informierte, daß der Zug nach Soltau sich verspäten werde. Keine Anrede, keine Entschuldigung, kein Bedauern, keine Zeitangabe. Keine weitere Durchsage.

Seit er gekommen war, behaupteten alle Uhren in diesem Teil des Bahnhofs, es sei 00.00 Uhr. Sollte er jemanden fragen, wie spät es war? Er entschloß sich dagegen. Soweit er beobachten konnte, nahm hier kein Mensch mit einem anderen Kontakt auf. Die meisten verharrten in stoischer Ruhe. Also würde der Zug vermutlich kommen. Irgendwann.

Peter rannte ab und zu, um sich warmzuhalten.

Irgendwann kam der Zug tatsächlich. Eine klapprige Diesellok zog zwei heruntergekommene Wagen hinter sich her, die scheinbar nur durch die Farbe von unzähligen übereinandergesprühten Graffiti zusammengehalten wurden. Darunter blühte der Rost.

Als unerfahrenem Passagier gelang es Peter natürlich nicht, einen Sitzplatz zu ergattern. Als er schließlich, zwischen nicht sonderlich gut riechenden Leibern eingezwängt, in einem Gang stand, war er dennoch beinahe dankbar. Er hatte zwar keine Möglichkeit, sich festzuhalten, aber was immer auch geschah: Umfallen konnte er hier nicht. Seine Nase registrierte den sauren Geruch von Erbrochenem, der in seinen eigenen Kleidern hing und über den sich niemand beschwerte. Und es wurde endlich warm.

Als der Zug nach einer langen Fahrt auf schlecht gepflegten Gleisen in den Bahnhof von Soltau kroch, schwitzte Peter. Er wußte jetzt, was animalische Wärme war.

Er vergaß es sofort wieder, als er den Fuß auf das schadhafte Pflaster des Bahnsteigs setzte. Ein kalter Wind, der einen kräftigen Nieselregen fast waagerecht vor sich herblies, jagte einen Schauer durch seinen Körper.

Peter ging dahin, wohin alle gingen. Das war vermutlich der Ausgang. Am Ausgang eines Bahnhofs standen Telefonzellen. Sie mußten einfach da stehen. Auch in Soltau, auch mitten in der Nacht. Er malte sich den Anblick der hell beleuchteten Glaskabine aus. Der Apparat wartete nur darauf, daß sein Hörer abgenommen wurde. Er würde die Karte des Pflegers in den dafür vorgesehenen Schlitz stecken und die Nummer seines Vaters wählen. Es war mitten in der Nacht, Meinhard würde also zu Hause sein. Irgendwann würde er abnehmen, wenn das Telefon lange genug klingelte. Peter würde ihm sagen, wo er war, und dann konnte er ihn abholen. Alles ganz einfach.

Eines stimmte an Peters Phantasien: Der Menschenstrom führte ihn zum Ausgang des Bahnhofs. Alle drängelten durch die engen Türen. Draußen wurde das, was eben noch Menge gewesen war, zu einzelnen hastenden Menschen, die beinahe sofort in der rabenschwarzen Nacht verschwanden.

Die Straßenbeleuchtung war ausgefallen. Vielleicht gab es hier auch keine. Manche Städte und Gemeinden waren seit Jahren so hoch verschuldet, daß sie sich die Rechnungen der Energieversorgungsunternehmen nicht mehr leisten konnten. Keine freundliche Telefonzelle lockte mit ihrem hellen Schein Kunden.

Peter blieb stehen, bis sich seine Augen einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er zitterte, aber er beachtete das nicht. Er brauchte ein Telefon! Wo in dieser verdammten Suppe war ein Telefon?

Endlich schälten sich Konturen aus der Schwärze heraus. Ein Autowrack. Nein, zwei. Daneben ein offenbar intakter Kombi. Dahinter ein Haus. Und dazwischen: etwas Hohes, Viereckiges, Durchsichtiges.

„Heureka!“

Ein alter Grieche hatte damals irgendwas mit Mathe oder Physik entdeckt und begeistert gerufen: „Ich hab‘s gefunden“. Angeblich. Was das war, hatte Peter vergessen. Aber den Spruch hatte er sich gemerkt, und er verwendete ihn häufig. Man konnte gut damit angeben.

Peter ging auf die Zelle zu und öffnete die Tür. Uringestank schlug ihm entgegen. Er unterdrückte seinen Ekel, trat ein und tastete nach dem Apparat. Seine Finger fanden einen Schlitz. Er ließ sie dort, während er mit der anderen Hand nach der Karte in seiner Hosentasche suchte. Er führte die Karte in die Öffnung ein. Mit einem schmatzenden Geräusch wurde sie eingezogen. Eigentlich hätte jetzt das Display des Apparats aufleuchten sollen, aber alles blieb schwarz. Peter hoffte, daß das nicht am Apparat lag, sondern an der mangelhaften Versorgung Soltaus mit Elektrizität. Er nahm den Hörer ab. Das vertraute Tuten ertönte in regelmäßigen Intervallen. Alles schien in Ordnung. Natürlich war es schwierig, in der völligen Dunkelheit eine Nummer einzutippen, aber er schaffte es. Erste Reihe: 1 - 2 - 3. Zweite Reihe: 4 - 5 - 6. Dritte: 7 - 8 - 9. Und die Null in der Mitte darunter. Man mußte nur richtig zählen.

Eine kurze Melodie erklang - seine Eingabe wurde akustisch umgesetzt -, und dann hörte er das Telefon in Hannover klingeln. Zumindest bildete er sich das ein. Er wußte, was da wo tatsächlich altmodisch klingelte und nicht jaulte oder dudelte. Sein Vater hatte sich die Nachbildung eines VW-Käfers auf den Nachttisch gestellt. Nahm man die Haube ab, hatte man den Hörer in der Hand.

Sechsmal. Achtmal. Kein Grund zur Beunruhigung. Meinhard Schrader hatte einen festen Schlaf. Zehnmal. Jetzt sollte er aber allmählich wachwerden. Zwölfmal. Nichts. Vierzehn, sechzehn, achtzehn, zwanzig. Ob er in Karens Schlafzimmer war und erst herüberkommen mußte? Sechsundzwanzig. Dreißig. Vierzig.

Die Zelle, von der aus Peter anzurufen versuchte, war alt. Alt war auch ihre technische Ausstattung. Moderne öffentliche Telefone unterbrachen eine nicht zustande kommende Verbindung automatisch nach dem zwölften Rufzeichen. So konnte Peter seine Illusion, daß er seinen Vater erreichen und der ihn retten werde, noch einige Sekunden hinüberretten. Länger aber auch nicht.

Die Tür zur Kabine wurde aufgerissen. Ehe Peter, der fasziniert und beschwörend dem immer gleichen Laut lauschte, sich umdrehen konnte, erhielt er einen harten Schlag auf den Hinterkopf, der ihm augenblicklich das Bewußtsein raubte. Der Mann, der den Hieb mit einem kleinen bleigefüllten Lederbeutel geführt hatte, trat ein paar Schritte zurück, um Peters zu Boden gleitendem Körper Platz zu machen. Er lächelte und zeigte dabei tadellose Zähne. Er war klein und gedrungen und hatte einen deutlichen Bauch. Er hatte eine Halbglatze, trug eine Brille.

Vor nur wenigen Tagen hatte er sich Peter am Hamburger Hauptbahnhof als „Jan“ vorgestellt.

Jetzt bückte er sich und fühlte nach Peters Halsschlagader. Es gab einen Puls, wenn auch einen langsamen. Er nickte zufrieden. Der Kleine würde für eine Weile schlafen, ohne weitere Nachhilfe. Zu gegebener Zeit würde die Spritze, die er bei sich trug, für weitere süße Träume sorgen. Aufwachen würde der Junge jedenfalls nicht mehr, dazu war er zu gefährlich einfallsreich. Außerdem wurde das, was an ihm einzig interessant war, bald gebraucht.

„Ab mit ihm!“ kommandierte er.

Zwei Männer tauchten aus der nächtlichen Schwärze auf und faßten Peter an Schultern und Kniegelenken. Sie trugen ihn zum Kombi, dessen hintere Tür Jan inzwischen geöffnet hatte, und luden ihn ein. Dann setzten sie sich auf die beiden Vordersitze.

Jan krabbelte neben Peter auf die enge Ladefläche. Er kauerte sich nieder und schob fast zärtlich ein kleines Kissen unter den Kopf seines Opfers. Bequem machen konnte er es sich hier hinten kaum, aber das war ihm gleichgültig. Er wollte den Jungen im Auge behalten. Noch einmal sollte er ihm nicht entkommen.

„Los!“

Der Mann hinter dem Steuer drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang an, und der Wagen fuhr ab.

 

 

37

 

Trotz der Schlaftablette, die er mitten in der Nacht halb gegen seinen Willen von der Wachschwester akzeptiert hatte, erinnerte sich Meinhard Schrader sofort an alles, als er wieder aufwachte. Er sah auf die Uhr auf seinem Nachttisch: halb elf. So spät schon! Seit seinem Anruf in Scheeßel gestern am späten Nachmittag war mehr als ein halber Tag vergangen.

Er klingelte. Die Pflegerin, die kurz darauf das Zimmer betrat, begrüßte ihn mit professioneller Munterkeit, bevor er auch nur den Mund auftun konnte.

„Guten Morgen, Herr Schrader. Sie haben ja geschlafen wie ein Murmeltier. Ich konnte es gar nicht übers Herz bringen, Sie zum Fiebermessen zu wecken, so friedlich sahen Sie aus. Das müssen wir aber jetzt dringend nachholen. Wie geht es uns denn? Bestimmt haben Sie Hunger. Hier ist das Thermometer. Ich sehe mich inzwischen um, ob ich noch etwas für Sie zum Frühstück auftreiben kann.“

Während ihres Redeschwalls ging sie zum Fenster und zog die Vorhänge beiseite, legte das Fieberthermometer auf die Bettdecke, ohne den Patienten dabei anzusehen, entdeckte ein gebrauchtes Kleenex und warf es in den Abfalleimer. Dabei achtete sie nicht auf Schraders Versuche, ihr Geplapper zu unterbrechen. Als sie meinte, alles Wichtige gesagt zu haben, war sie beinahe schon wieder aus der Tür.

„So warten Sie doch!“

Unwillig blieb sie stehen, ohne den Kopf zu wenden.

„Ja?“

Alles an ihr signalisierte: Laß mich meine Arbeit tun, laß mich in Ruhe. Ich weiß, daß du Privatpatient bist und gut zahlst. Deshalb muß ich nett und höflich zu dir sein. Aber ich bin Schwester auf dieser Station, auf der außer mir noch fünf andere Schwestern sein sollten, und nur zwei sind da. Kostensenkung nennen sie das. Wenn ich die Arbeit nicht schaffe, werden sie mich entlassen. Es gibt genug draußen vor der Tür, für die meine Arbeit das Paradies bedeutet.

Sie wartete. Aber dem Befehl folgte nichts. Zu ihrer eigenen Verwunderung zuckte sie nicht die Schultern und ging einfach weiter, sondern drehte sich um. Der Mann, der sie da aus den noch nicht aufgeschüttelten Kissen ansah, war ein einziges Häufchen Elend. Ein Gefühl rührte sie, das sie sich in den langen Jahren im Krankenhaus eigentlich abgewöhnt hatte: Mitleid.

Spontan ging sie zurück ans Bett. Unberührt lag dort noch immer das Fieberthermometer. Sie griff es sich und schob es routiniert unter seine Achsel. Währenddessen fragte sie nochmals: „Ja, Herr Schrader?“

„Gibt es eine Nachricht für mich?“

Er lächelte sie bittend an und besiegte sie damit. Sie sagte nicht: Nein, wenn es eine gäbe, wüßte ich es.

Sie sagte: „Ich weiß nicht. Aber ich werde mich sofort erkundigen.“

Sie tat es wirklich. Außerdem brachte sie das versprochene Frühstück. Es gab keine Nachricht für Schrader.

Er verfluchte seine Hilflosigkeit, die ihn an das Bett fesselte. Jedoch ganz ohnmächtig war er nicht, noch gab es da das Telefon auf seinem Tischchen. Er rief Manfred Wernowskis Büro an und erfuhr, der Chef sei in einer wichtigen Besprechung und dürfe nicht gestört werden. Schrader wußte, daß sich hinter dieser Auskunft tatsächlich eine wichtige Besprechung, ebensogut aber auch Manfreds Vormittagsnickerchen verbergen konnte. Aber wie auch immer - zunächst mußte er abwarten. Er bat um baldigen Rückruf; wenn möglich, um Wernowskis Besuch, und verabschiedete sich. Immerhin wußte Wernowskis Sekretärin, wer er war, sie würde sich also um seinen Wunsch kümmern.

Nochmals in Scheeßel anrufen? Er verwarf den Gedanken. Wenn das Internat etwas von Peter erfahren hätte, hätte es ihm das bestimmt umgehend mitgeteilt.

Also die Polizei. Er fragte die Auskunft nach der Nummer der Hamburger Kriminalpolizei und ließ sich mit dem Vermißtendezernat verbinden.

„Falke“, meldete sich eine Frauenstimme. „Was kann ich für Sie tun?“

Er schilderte sein Problem und beantwortete geduldig Fragen nach Einzelheiten. Während des Frage- und Antwortspiels hörte er das leise Klappern einer Computertastatur.

„Ich habe den Vorgang vor mir“, sagte die Frau endlich. „Peter Schrader, seit gut zwei Tagen aus dem Internatsgymnasium Scheeßel verschwunden. Die Schule hat Vermißtenanzeige erstattet, allerdings mit deutlicher Verspätung. Aber das ist in solchen Fällen normal. Man rechnet damit, daß die jungen Leute bald von allein wiederkommen.“

Das wußte Schrader bereits alles, und deshalb trommelten seine Finger ungeduldig auf die Bettdecke. Sobald die Stimme eine Atempause einlegte, fragte er: „Und?“

„Was und?“

Leichte Irritation schwang in den beiden kurzen Worten mit.

„Ergebnisse haben wir noch nicht, falls Sie das meinen.“

Die Aussage war höflich formuliert, aber den wirklichen Tenor der Antwort hörte Schrader sehr wohl: Selbstverständlich haben wir noch keine Ergebnisse, du dummer Kerl. Frau Falke hatte zwar ihre Worte, nicht aber ihre Stimme unter Kontrolle.

„Und wann...?“

Er brach ab, weil er selbst bemerkte, welche idiotische Frage er stellen wollte. Er sah nicht, daß die Frau in Hamburg lächelte. In bezug auf das Ende einer ohne Komplikationen verlaufenden Schwangerschaft ließ sich diese Frage mit ziemlicher Sicherheit beantworten. Sie strich sich über ihren prallen Leib. Noch zwei Monate. Aber bei verschwundenen Jugendlichen? Plötzlich verspürte sie eine geheime Verbindung mit dem ihr völlig fremden Mann am anderen Ende der Leitung, der sich um seinen Sohn sorgte. Auch sie hatte in den letzten Wochen erfahren, was es bedeutet, Angst um ein Kind zu haben. Auch wenn sie von dem kleinen Wesen in ihr bisher nichts bekommen hatte als Püffe und Tritte. Sie vergaß ihre Routine. Sie würde diesen Mann nicht einfach mit ein paar Floskeln abspeisen.

„Herr Schrader, das kann ich Ihnen nicht sagen. Manche dieser Fälle werden erst nach Wochen aufgeklärt.“ Und manche gar nicht, dachte sie. Aber das dachte sie nur. „Wenn ihr Sohn im Hamburg geblieben ist, gibt es Tausende von Möglichkeiten für ihn unterzuschlüpfen. Er hat Geld. Er wird zurechtkommen und sich wieder melden, wenn er will. Sie müssen einfach Geduld haben.“

“Und wenn ihm etwas passiert ist?“

„Wir haben alle hilflos aufgefundenen Personen, alle Opfer von Verbrechen und alle Patienten überprüft, die ohne Papiere in Krankenhäuser eingeliefert worden sind. Ihr Sohn war nicht dabei.“ Aber es gibt jede Menge Gewaltopfer, die wir bestimmt nicht gefunden haben und vielleicht auch nie finden werden. Auch diesen Gedanken behielt sie für sich.

„Kann er entführt worden sein?“

Allmählich verflog der karitative Impuls.

„Selbstverständlich kann er entführt worden sein. Nichts auf dieser Welt ist unmöglich“, erklärte sie, jetzt wieder leicht gereizt. „Aber wahrscheinlich ist das nicht. Normalerweise melden sich Entführer binnen vierundzwanzig Stunden bei der Familie des Opfers und stellen ihre Forderungen.“

Meinhard Schrader merkte, daß er so nicht weiterkam. Mehr als Vertröstungen hatte der weibliche Falke in Hamburg ihm nicht zu bieten. Wie sollte es auch anders sein? Er bedankte sich, legte das Telefon beiseite und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Was nun? Ihm fiel nichts ein. Hoffentlich, dachte er, meldet Manfred sich bald.

Als sich die Tür öffnete, kam aber nicht Manfred herein, sondern die Schwester mit dem Mittagessen. Schrader rührte es nicht an und entschuldigte sich mit dem späten Frühstück, als sie ihn deshalb wie einen kleinen Jungen ausschimpfte. Grummelnd ging sie, nachdem sie ihm zur Erholung einen Mittagsschlaf empfohlen hatte.

Nichts lag ihm ferner als Schlaf. Er wartete: auf Wernowski oder auf ein Klingeln des Telefons. Aber Manfred erschien nicht, und niemand rief ihn an. Stattdessen öffnete sich die Tür, und der Mann in grünem Kittel und Mundschutz trat ein, der ihn schon einmal überraschend besucht hatte. Der Arzt, der nicht wußte, wie man den Puls fühlt. Der Mann von der Mafia.

Der Fremde legte den Finger auf den Mund. Rasch schloß er die Tür hinter sich und kam mit schnellen Schritten näher, bis er neben dem Bett stehenblieb.

„Guten Tag, Herr Schrader“, sagte er leise. „Wir haben nicht viel Zeit. Deshalb hören Sie mir jetzt bitte gut zu, und stellen Sie keine überflüssigen Fragen. Ein neues Leben wartet auf Sie, aber das können Sie nicht hier bekommen. Wir holen Sie heute abend um halb sieben ab. Sie werden nicht zu laufen brauchen - wir haben einen Rollstuhl dabei und einen Krankenwagen vor der Tür. Das Stationspersonal wird durch einen simulierten Notfall abgelenkt, niemand wird uns also stören. Sind Sie bereit?“

Natürlich war er nicht bereit. Wohin wollten sie ihn bringen? Was für ein Herz war das, das ihm implantiert werden sollte? Wie sollte er sich weiterhin um Peter kümmern, wenn er nach der schweren Operation für Tage auf der Intensivstation lag?

„Ja, ich bin bereit!“ sagte Meinhard Schrader.

„Gut!“ Der Besucher lächelte hinter seinem Mundschutz. „Wir sehen uns dann. Und keine Sorge: Nicht ich führe die Operation aus.“

Schrader war zur Höflichkeit erzogen worden und bemühte sich deshalb um ein Lächeln als Reaktion auf den schwachen Scherz. Aber es wurde nur eine verzerrte Grimasse.

Nachdem der falsche Arzt verschwunden war, wälzte Schrader sich unruhig im Bett umher. Er hatte zugestimmt, nun gut. Aber wenn er rechtzeitig Alarm gab, konnte er seine Entführung ohne Zweifel noch verhindern. Angst um sich selbst und seinen Sohn katapultierte seinen Herzschlag wieder in ungesunde Höhen. Und doch wollte er die Operation, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Die Gier nach Leben war übermächtig.

Nach zwei von Angst beherrschten Stunden war er schweißgebadet. Einen Entschluß hatte er nicht fassen können.

Endlich kam Wernowski.

Schrader berichtete ausführlich.

Manfred, der einzige Mensch, dem er jetzt noch vertrauen konnte, stand von dem Besucherstuhl auf, auf dem er gesessen und Schrader zugehört hatte, ging zum Fenster und sah hinaus. Lange. Draußen war nichts als Septemberregen.

Endlich wandte er sich ins Zimmer zurück und sagte: „Mach es. Es gibt Chancen, die man nicht verpassen sollte. Um Peter kümmere ich mich. Du kannst dich auf mich verlassen. Alles wird gut.“

Der letzte Satz, die Floskel, der Allgemeinplatz klang so lahm, wie er klingen mußte, aber Schrader wollte ihm glauben. Auch sein Körper glaubte ihm, er hörte auf zu schwitzen. Tatsächlich entspannt lehnte er sich zurück und streckte die Hand aus.

„Ich vertraue dir“, sagte er.

Wernowski kam näher und nahm die dargebotene Hand.

„Danke. Ich werde alles tun, was mir möglich ist.“

Seine Stimme klang gepreßt, aber sofort hatte er sich wieder im Griff.

„Was Peter angeht, mußt du mir Handlungsvollmacht erteilen!“

Er setzte sich, zog Papier und Stift aus der Tasche und begann schnell zu schreiben. Schrader unterschrieb, ohne die wenigen Sätze auch nur gelesen zu haben. Wernowski steckte den Block ein. Alles war damit erledigt, er konnte gehen. Aber wie? Er suchte nach den passenden Abschiedsworten. Er fand sie nicht.

„Nun hau schon ab, Manfred!“

Schrader hatte zumindest für den Moment seine Kaltschnäuzigkeit wiedergewonnen. Bloß jetzt keine Sentimentalität, keine Literaturzitate von Licht und Dunkelheit, Leben oder Tod.

„Irgendwie und irgendwo werden die mich mit meinem neuen Herzen schon wieder abladen, und dann feiern wir: du, Peter und ich. Und jetzt geh.“ Und noch einmal nachdrücklich: „Hau endlich ab!“

Wernowski tat ohne ein weiteres Wort, wie ihm geheißen.

Schrader wartete auf den Rollstuhl und den Krankenwagen. Er verbot sich, auf die Uhr zu sehen, obwohl die Zeit sich ihm endlos dehnte. Vielleicht waren das seine letzten Stunden. Er hatte Wichtigeres zu tun, als dem ruhelosen Sekundenzeiger zuzusehen. Er wollte nachdenken. Über sich. Zum ersten Mal seit langen Jahren.

Nachdenken, gar über sich selbst, erfordert Übung, und die hatte Meinhard Schrader nicht. Wider Erwarten schlief er ein.

38

„Donnerwetter!“ murmelte Quayle vor sich hin, als er seinen ramponierten Dienstwagen auf den Parkplatz von Blue Lake lenkte. Die Sonnenstrahlen wurden so stark von dem überall blitzenden Chrom reflektiert, daß er für eine Sekunde glaubte, er habe seine dunkle Brille nicht aufgesetzt.

Er war beeindruckt. Natürlich nicht von den Stretchlimousinen, die behäbig vorfuhren, Menschen ausspuckten oder einluden, ein Vorgang, bei dem jedes Mal ein uniformierter Chauffeur beflissen assistierte, als könnten die ausnahmslos erwachsenen Passagiere nicht selbstständig eine Autotür bedienen. Das waren nichts anderes als Taxen, kostenlos als Shuttle von den Casinos für ihre allerbesten Kunden zur Verfügung gestellt, imposant aussehend, aber im Inneren ziemlich unbequem. Imponierend war dagegen die Ansammlung von Rolls-Royce- und Jaguarfabrikaten, die auf ihre Besitzer warteten, während die sich im Inneren der Anlage auf dem gepflegten Green vergnügten.

„Wie wollen die wohl in Zukunft hier herkommen?“ Auf den langen Patrouillenfahrten durch sein dünn besiedeltes County hatte Quayle sich an Selbstgespräche gewöhnt. Aber die Mobilität der Reichen war eigentlich nicht sein Problem. Seit er die Nachricht vom künftigen Autoverbot gehört hatte, dachte er fast ununterbrochen darüber nach, wie er selbst künftig seinen Job erledigen konnte.

Er stieg aus und verriegelte den Wagen mit der Fernbedienung. Lächerlich, dachte er. Vermutlich steht meine alte Lady auf dem bestbewachten Parkplatz der Welt. Aber die Gewohnheit siegte - und die Vorsicht. Autos waren praktisch über Nacht kostbar geworden.

„Jetzt bin ich mal gespannt, ob sie mich hier überhaupt reinlassen.“

Verdammt, wieder dieses unkontrollierte Murmeln. Er mußte sich das dringend abgewöhnen, sonst konnte er sich gleich abschreiben. Wer wählt schon einen Sheriff, der Selbstgespräche führt?

Sie ließen ihn hinein, obwohl er nicht zu der Art von Besuchern gehörte, die hier normalerweise Zutritt erhielten. Aber sie hatten ihre Anweisungen.

Der Golfclub Blue Lake war eine private Anlage, die dem Besitzer der Kasinos von halb Las Vegas gehörte. Sie stand seinen privaten Freunden offen und den großen Spielern, den Wales. Man mußte also schon pro Besuch in der Stadt ein paar hunderttausend Dollar am Spieltisch setzen, um hier - natürlich kostenlos - putten zu dürfen.

„Sheriff Quayle?“

Die charmante Empfangshostess hatte ihn an der Uniform erkannt, und auch die kräftigen Wachmänner, die den Eingangsbereich mit Argusaugen bewachten, waren offenbar über ihn instruiert, denn sie hielten sich weiterhin unauffällig im Hintergrund.

Quayle nickte und erntete ein Lächeln, das eigentlich für Milliardäre reserviert war.

„Mr. Harry erwartet Sie. Darf ich Ihnen den Weg zeigen?“

Auch hier, registrierte Quayle, hatte Harry nichts als einen Vornamen.

Sie ging voran, und der Sheriff teilte seine Aufmerksamkeit zwischen der Betrachtung ihrer wiegenden Hüften und des eleganten Gebäudes im Stil eines römischen Palazzos, während er ihr folgte.

Sie brachte ihn in eine Bar, in der Harry an einem kleinen Tischchen saß, die unvermeidliche Flasche Piper Heidsieck im beschlagenen Silberkübel an seiner Seite.

„Hallo, Sheriff!“ grüßte er aufgeräumt. „Auch ein Gläschen?“

Quayle lehnte höflich ab und bat stattdessen um einen Malt. Er hatte nie verstanden, was manche Menschen an diesem Prickelwasser, dessen Geruch ihn manchmal an Urin erinnerte, finden konnten. Er jedenfalls zog das herzhafte Gebräu seiner schottischen Vorfahren vor.

Als der Whisky vor ihm stand und er zum ersten Mal daran genippt hatte, blickte er Harry erwartungsvoll an. Zu gern hätte er gewußt, wieso er so schnell seine gute Laune wiedergewonnen hatte.

Harry schien Gedanken lesen zu können, denn er sagte: „Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, Sheriff. Die Geschäfte gehen gut, nicht zuletzt dank Ihrer Information. Ihre Freunde von der Bundespolizei werden vergeblich suchen. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen.“

Er hob sein Glas und prostete Quayle zu. Nein, mehr mußte der Countysheriff wirklich nicht wissen. Was ging es ihn auch an, daß John Pupfish wie verabredet im Lost World erschien und nach drei Roulettespielen - die er übrigens alle gewann, in solchen Fällen ließ die Firma sich nicht lumpen - in einen Nebenraum gebeten wurde, wo sie das Geschäftliche schnell erledigten? Danach wurde er sofort ins Krankenhaus gefahren, und jetzt gerade lag er unter dem Messer. Die Operation verlief unproblematisch, soeben hatte man ihm das mitgeteilt.

Was ging es den Sheriff an, daß die beiden jungen Männer, die so ungeschickt gewesen waren, bei der Beseitigung von Karens Leiche Spuren zu hinterlassen, sich längst außerhalb der Reichweite des FBI befanden, der eine in Almaty, der andere in Nairobi? Harry war zwar wütend auf sie, aber er hielt nichts von den drastischen Methoden des Chefs. Die Jungs sollten ruhig noch eine Chance erhalten.Im übrigen war ihr Leben in Kasachstan und Kenia keineswegs sicher: Es gab da einheimische Konkurrenz, die sich ungern ins Handwerk pfuschen ließ.

Und wozu mußte Quayle wissen, daß unmittelbar nach seinem verschlüsselten Anruf bei Harry fünf Hacker daran gegangen waren, alle Informationen über die beiden aus dem Polizeicomputer zu löschen?

Der Sheriff unterdrückte eine bittere Grimasse, während Harry diese Gedanken durch den Kopf gingen. Natürlich hätte er gerne mehr gewußt, schon von Berufs wegen. Aber ihm war auch klar, daß das Nichtwissen ihn schützen würde, falls jemals etwas über ihn aufgedeckt würde.

Quayle nickte und trank seinen Malt aus.

„Freut mich zu hören, Harry. Vielleicht kann ich mal wieder was für Sie tun.“

Er schien aufstehen zu wollen, aber als Harry nur leicht den Kopf schüttelte, blieb er sitzen. Ein neutraler, nicht ganz dünner Umschlag wurde ihm zugeschoben.

„Machen Sie sich einen schönen Tag, Sheriff. Gehen Sie ins Casino. Oder genießen Sie die schönsten Mädchen der Welt. Ach ja - selbstverständlich sind Sie heute auch eingeladen, auf dem schönsten Golfplatz der Welt Ihr Handicap zu verbessern.“

„Danke.“

Der Sheriff schüttelte den Kopf, während er den Umschlag tief in der Innentasche seiner Uniformjacke verwahrte.

„Das da“ - er klopfte sich auf die Brust -“werde ich anderweitig verwenden. Sie wissen bestimmt von dem neuesten UNO-Beschluß - keine Autos mehr. Ohne Autos gibt es aber keinen Sheriff in Eureka County. Soll ich demnächst mit dem Bus fahren, den es nicht gibt, und Verbrecher fangen? Oder mit der Schnellbahn, die genausowenig existiert? Ich werde wohl ein paar Eigenmittel einsetzen müssen. Mein Dodge ist nicht mehr der Jüngste.“

Harry hörte es mit Freude. Er hatte Recht gehabt, der lebende Beweis saß vor ihm. Prohibitionszeiten waren gute Zeiten für die Firma. Dennoch nickte er und gab sich besorgt. Gleichzeitig winkte er dem Kellner - es gab etwas zu feiern, und sein leeres Glas verlangte nach Champagner.

„Ja, Sheriff“, seufze er, „es sind harte Zeiten. Vielleicht kann ich Ihnen bei Ihrem Problem behilflich sein.“

Er verkniff sich den Nachsatz: ‚Eine Hand wäscht die andere‘. Quayle war schließlich nicht blöd. Er wußte genau, daß das Geld, das er soeben erhalten hatte, bald wieder da sein würde, wo es hergekommen war: bei der Mafia.

39

Trotz der frühen Stunde - es war drei Uhr nachts - war das oberste Stockwerk des Bürogebäudes hell erleuchtet. Hier lagen nicht irgend welche Büros: Das hier war die Chefetage des Staates Utah. Offiziell wurde in diesen Räumen die Verwaltungsarbeit für die Kirche der Heiligen der letzten Tage erledigt. Tatsächlich aber wurde hier nicht nur eine Kirche regiert, sondern auch ein Staat, und es wurden gute Geschäfte gemacht. Sehr gute sogar.

Zwölf Männer waren anwesend, elf davon nachlässig nur in Hemd und Hose gekleidet. Die elf hatten sich auf die Sofas und Sessel verteilt, die in lockerer Anordnung die eine Hälfte des riesigen Raumes füllten. Der Konferenztisch auf der anderen Seite, der ebenfalls genug Platz für sie geboten hätte, war leer. Die sitzenden Männer balancierten Styroporbecher mit schlechtem, aber heißem Kaffee in den Fingern, nippten ab und zu daran und versuchten. wach zu werden. Sie waren erst vor wenigen Minuten aus ihren Betten geholt worden.

Dafür war der zwölfte Mann verantwortlich. Im Gegensatz zu den anderen war er untadelig angezogen und hellwach. Wie ein gefangener Silberlöwe ging er mit raschen geschmeidigen Schritten im Raum umher, immer auf dem gleichen Kurs um den Konferenztisch herum. Ungeduldig wartete er dabei darauf, daß die anderen wach wurden. Und daß ihm eine Idee kam.

Nach ein paar Minuten hielt er in seiner ruhelosen Wanderung inne und baute sich vor den anderen auf.

„Können wir jetzt endlich anfangen?“

Ärger schwang in seiner Stimme. Obwohl die Verzögerung nicht ihre Schuld war, äußerte keiner der Sitzenden Protest.

Stattdessen sagte einer nur: „Klar, Boss!“

So redeten die Kirchenältesten den Propheten nur an, wenn sie völlig sicher sein konnten, daß sie allein waren. Offiziell war Clarence Young das Oberhaupt der Mormonen, mit Gottes besonderer Güte und Gnade gesegnet und wie seine Vorfahren Kelch für Gottes Offenbarungen.

„Gut. Ihr wißt einiges nicht, was in den letzten zwei Tagen geschehen ist. Meine Tochter ist ermordet worden.“

Ihm wurde bewußt, daß er offiziell fünf Töchter hatte. Von seiner offiziellen Frau. Von seinen Kebsweibern wußte selbst der Ältestenrat nichts, das hoffte er zumindest.

„Ich meine Kathrin.“

Mit einer knappen Handbewegung unterband er die Unruhe, die aufgrund dieser Eröffnung entstand. Er konnte jetzt keine Emotionen gebrauchen.

„Es war Gottes Wille, meine Brüder. Man hat sie in Nevada gefunden, ausgeweidet und danach verbrannt. Das Ganze sollte wie Kannibalismus aussehen. Unsere Freunde vom FBI waren aber schnell vor Ort und haben Fingerabdrücke der Mafia entdeckt. Deshalb haben sie die Asche genauer untersucht. Kathrins Organe sind nicht einfach...verzehrt worden. Die Augen, die die Menschenfresser in der Regel nicht beachten, sind zum Beispiel nicht mit verbrannt worden. Dafür wurden Reste der Zunge gefunden, die als Leckerbissen gilt. Die Vermutung liegt also nahe, daß die Mafia Kathrins Körper zur Organentnahme benutzt hat. Sie haben ihr den Schädel nicht zertrümmert, deshalb war eine Identifizierung leicht. Wir sollten die Kannibalismustheorie glauben und uns trauernd zufriedengeben. Ohne die Anwesenheit der Boys vom FBI hätte das auch geklappt. Der Sheriff des Countys, in dem die Leiche gefunden wurde, ist korrupt und arbeitet mit der Mafia zusammen.“ Und das FBI ist korrupt und arbeitet mit uns zusammen, setzte er in Gedanken hinzu. Das brauchte er nicht laut zu sagen, schließlich wußten das alle Anwesenden.

„An die unmittelbar Schuldigen kommen wir im Moment nicht heran. Sie sind vermutlich nach Vegas zurück und haben ihre Spur danach verwischt. Ihre Computerdaten sind gelöscht. Aber Gottes Rache wird sie ereilen - irgendwann.“

„Amen!“ bekräftigten die elf Männer reflexhaft im Chor.

Wieder winkte der Prophet ungehalten ab, obwohl er die Reaktion verstehen konnte. Er wußte selbst, wie schwer, ja wie unmöglich es war, Geschäft und Pose voneinander zu trennen. Eben hatte er ja schließlich selbst beides durcheinandergebracht.

„Schon gut. Wir sind hier unter uns. Also: Die Mörder kriegen wir im Moment nicht, aber die Firma wird mir allmählich zu frech. Mit ihren Billigangeboten, die, im Vertrauen gesagt, qualitativ ordentlich sind, bedroht sie unsere Geschäftsbilanz. Ich hoffe, ihr seid meiner Meinung.“

Elf Köpfe nickten. Sobald die Ältesten etwas von ‚Bedrohung der Geschäftsbilanz‘ hörten, waren sie immer mit Gegenmaßnahmen einverstanden.

Damit war dem offiziellen Statut der Kirche Genüge getan: Der Ältestenrat hatte beschlossen, und damit hatte der Prophet Handlungsfreiheit. Er brauchte dem Rat noch nicht einmal zu sagen, was er tun würde. Dennoch tat er es, denn während er redete, war ihm eine Idee gekommen, die er gar nicht schlecht fand.

„Wir werden hundert Missionare nach Vegas schicken. Spezialmissionare.“

Er grinste, und die anderen grinsten ebenfalls. Jedes junge männliche Kirchenmitglied wurde dazu ausgebildet, Proselyten zu machen. Einige von ihnen waren daneben noch hervorragende Detektive und Killer.

„Sie sollen sich überall umhören, schwerpunktmäßig in den Krankenhäusern. In ein paar Tagen dürften wir wissen, wo die Organe meiner Tochter geblieben sind.“

Der Rat nickte mit gesenkten Köpfen. Keiner der Männer wagte es, den Vorsitzenden anzublicken, der seine Schultern unter der schweren Last der Trauer beugte.

Aber Young lachte. Er sah die Chance, der lästigen Konkurrenz einen empfindlichen Hieb zu versetzen.

„Ist das nicht ein guter Plan?“ fragte er.

Die elf Männer nickten.

„Amen“, sagten sie im Chor.

 

 

40

 

„Nicht nach Hamburg, du Idiot!“ zischte der Mann, der sich Jan nannte.

Im letzten Moment hatte er mit einem Blick aus dem schmalen Fensterschlitz des Kombis registriert, daß der Fahrer auf die Autobahn nach Norden einbiegen wollte. „Nimm die andere Spur! Wir fahren nach Hannover.“

„Davon hast du nichts gesagt“, kommentierte der Chauffeur ärgerlich, während er dem Befehl gehorchte.

Jan wollte auffahren, besann sich aber anders. Möglicherweise hatte er seine Helfer tatsächlich nicht informiert. Er hatte Angst gehabt, daß etwas mit der Beschaffung dieses Jungen schiefgehen könnte, verdammte Angst sogar. Gut möglich, daß er darüber notwendige Instruktionen vergessen hatte.

„Schon gut“, meinte er deshalb versöhnlich. „Hat ja gerade noch geklappt. Wir fahren zur Medizinischen Hochschule. Zum Hintereingang, bitte. Wir werden dort erwartet.“

Und ich hoffe, dachte er, daß jemand durch den Vordereingang in die MHH gelangt sein wird, wenn wir dort eintreffen. Jemand, der gut für eine Herztransplantation vorbereitet ist. Er wird nicht lange zu warten brauchen.

Der Fahrer nickte, und Jan wandte sich wieder seinem Patienten zu. Peter atmete flach und regelmäßig. Mit ein wenig Glück würde er keine Spritze brauchen. Das wäre besser für seine Organe.

Peter brauchte tatsächlich keine Spritze. Nach einer knappen Stunde bog der Kombi in den schlecht beleuchteten Stadtfelddamm ein. Rechts lagen Schrebergärten in der Schwärze, links schlecht beleuchtete Wirtschaftsgebäude der Hochschule. Der Fahrer verlangsamte und bog auf Jans Befehl in die dritte Zufahrt ein. Er ließ die Seitenscheibe herunter, als sich eine Gestalt im weißen Kittel näherte. Der Geruch von reifen Äpfeln und von Fäulnis drang aus den Gärten herüber.

„Immer ruhig“, brummte der Fahrer. Er hatte die Pistole bemerkt, die sein Kollege neben ihm schußbereit zwischen den Schenkeln hielt. In seinem zweiten Rückspiegel, den er so eingestellt hatte, daß er seine Ladung kontrollieren konnte, sah er nichts außer einer relativ glatt gezogenen Decke, unter der sich nichts bewegte.

Die weißbekleidete Gestalt trat jetzt in den Lichtschein einer Halogendampfdrucklampe, der sie in einen schwarz-orangenen Zombie verwandelte, und kam näher.

„Ihr kommt spät, Kollegen. Wenn der Professor mir nicht dreimal gesagt hätte, daß er die Präparate morgen früh auf dem Labortisch haben will, wäre ich längst im Bett. Jetzt beeilt euch aber!“

Die Stimme gehörte einer nicht mehr jungen Frau, vermutete der Fahrer. Als die Sprecherin sich durch das offene Fenster ins Auto beugte, sah er, daß er recht hatte.

„Kann ich die Papiere sehen?“ fragte sie laut, und dann flüsterte sie kaum vernehmlich ins Innere: „Ihr transportiert Affenlebern, falls ihr das noch nicht wissen solltet. Hier im Außenbereich sind überall Kameras und Abhörgeräte. Also kein falsches Wort!“

Der Fahrer nickte und fingerte ein paar schlecht gefaltete DIN-A-4-Blätter aus dem Handschuhfach.

„Hier. Alles wie bestellt.“

Er sagte es laut zu den neugierigen Mikrophonen.

Sie gab sich den Anschein, wichtige Dokumente zu prüfen, und nickte nach einer Weile.

„Gut. Fahrt rein. Ich öffne das Tor.“

Ein solides Stahlrolltor öffnete sich und verschluckte den Kombi. Langsam und unaufhaltsam schloß es sich wieder. Der Duft von reifen Äpfeln blieb draußen.

 

 

41

 

Es gab Dinge, die Harry prinzipiell delegierte, aber, sah er seufzend ein: Nicht immer ließen sich Prinzipien einhalten. Da er seine Jungs in die Wüste schicken mußte, um sie dem Zorn des Alten und dem Zugriff des FBI zu entziehen, blieb ihm diesmal wohl nichts anderes übrig, als selbst den Witwentröster zu spielen. Schließlich gehörte es zum Service der Firma, das gelungene Produkt wieder der offiziellen Welt zuzuführen.

Er fügte sich in sein Schicksal und wählte Pupfishs Nummer.

Unmittelbar nach dem Wählton wurde die Verbindung hergestellt.

„Oh Reverend, gut, daß Sie anrufen. Ich habe die ganze halbe Stunde seit unserem letzten Gespräch auf den Knien zum Herrn gebetet, er möge mich erhören und John gnädig sein. Haben Sie etwas herausbekommen? Sie haben John doch gefunden, nicht wahr? Geht es ihm gut?“

Unter dem stoßweisen Schluchzen war Gesas Stimme kaum zu verstehen.

Harry seufzte. Bedauernd blickte er sich um. Welch idyllische Oase Blue Lake doch war! Und diesen Ort des Friedens sollte er jetzt verlassen, um eine verheulte alte Frau in einem gottverlassenen Nest abzuholen und nach Vegas  zu kutschieren! Er riß sich zusammen und konzentrierte sich aufs Geschäft.

„Mrs. Pupfish? Ich bin nicht Ihr Reverend. Aber ich weiß, wo Ihr Mann ist. Es geht ihm gut.“

Das war die Wahrheit. Nach einer gemütlichen Runde um den Golfcourse hatte Harry die Nachricht bekommen, daß John mit einem neuen Herzen versehen war. Und wohlauf.

„Wer sind Sie?“

Gesa schien plötzlich ernüchtert, von Schmerz und Sentimentalität befreit.

„Wo ist John?“

Mrs. Pupfish, ich nehme an, Sie wissen, daß Ihr Mann wegen seiner ... gesundheitlichen Beschwerden mit uns verhandelt hat. Diese Beschwerden sind jetzt behoben. Leider war das bei Ihnen zu Hause nicht möglich, deshalb mußte Ihr Mann kurzfristig verreisen. Ich kann Sie jetzt zu ihm bringen.“

„John hat ein neues Herz?“

Harry seufzte. Frauen wußten einfach nicht, was man wann und wo sagen durfte und was nicht.

„Ich würde das gern persönlich mit Ihnen besprechen. Darf ich Sie in einer Stunde abholen?“

Er durfte und machte sich auf den Weg. Je weiter er sich von Las Vegas entfernte, desto häufiger schüttelte er den Kopf. Er war noch nie hier gewesen, und er stellte fest, daß das kein Fehler war. Wie konnte man hier nur leben?

Am Ortseingang von Pahrump bekam er so etwas wie eine Antwort auf seine Frage. Eine