P. D. Kulle

Das Gesellschaftsleben der Schabe unter besonderer Berücksichtigung von Attentaten und Terrorismus


Ich finde, es ist an der Zeit, im Verhältnis Kakerlake – Mensch eine neue Offensive des Bewusstseins einzuläuten.(Don Pollock)


Inhalt:


PD Dr. Kulle
1. Vorwort
2. Schaben
3. Schaben und Attentate

a. Attentäter und Attentatsopfer

b. Die bevorzugten Waffen der Attentäter im historischen Wandel


Exkurs: Selbstverbrennungen

c. Die Ziele
4. Schaben und Terrorismus

a. Terror und Terroropfer

b. Die Ziele
5. Perspektiven
6. Nachwort


1.    Vorwort

    Das Phänomen des Terrorismus beschäftigt und fasziniert mich seit geraumer Zeit, ist es doch unter der Spezies, unter der die meine zu leiden hat, nämlich unter der der Menschen, seit langer Zeit verbreitet, und bei der Spezies, der ich das Glück habe angehören zu dürfen, nämlich unter der der Bären, völlig unbekannt. Alle Vorarbeiten für eine Untersuchung dieser merkwürdigen Art des gesellschaftlichen Umgangs miteinander sind zum jetzigen Zeitpunkt abgeschlossen, es bedürfte nur noch der Kompilation und des abschließenden Diktats – allein, auch bärische Wissenschaftler wie ich können sich dem Mitleid nicht entziehen.
    Da die Gefühle meiner menschlichen Leser – und ich weiß, es gibt deren viele – geschont werden sollen, werde ich ihnen, die seit einigen Jahren und täglich mehr verstärkt unter Terrorismus zu leiden haben, nicht zumuten, sich hautnah mit diesem Thema zu beschäftigen. Sie werden mir verzeihen, dass ich mein Sujet dennoch nicht verlasse. Aber ich werde es am Beispiel einer anderen Spezies illustrieren, nämlich an dem der Blattariae, vulgo Schaben oder auch Kakerlaken genannt.


2.    Schaben

    Schaben sind Insekten, Geradflügler, deren Körperlänge zwischen zwei und 100 Millimetern variiert; mindestens 3500 Arten sind bekannt. In Mitteleuropa leben jedoch nur 15 Arten. Die dort bekanntesten sind die Küchenschabe, Blatta orientalis, und die Deutsche Schabe, Blattella germanica. Wie sich zeigen wird, ist für meine Untersuchung außerdem die Amerikanische Großschabe, Periplaneta americana, von besonderem Interesse. Alle  drei stammen, wie die meisten Arten, aus den Tropen, was ihre Vorliebe für Wärme erklärt. Qua Schiffsreise fanden und finden sie ihren Weg in die ganze Welt und genießen in menschlichen Behausungen oft ideale Lebensbedingungen. Sie ernähren sich von unterschiedlichen Stoffen pflanzlicher und tierischer Herkunft, sind also, wie die Menschen(1), Allesfresser, auch wenn der menschliche und der schabensische Geschmackssinn keineswegs deckungsgleich sind. Aus menschlicher Sicht betrachtet, halten sich Schaben oft an unhygienischen Orten auf, was sie als Krankheitsüberträger prädisponiert.
    Schaben sind ausgesprochen vermehrungsfreudig, die Weibchen sind bereits mit sechs Wochen geschlechtsreif. Beide Geschlechter locken einander mit Hilfe von Pheromonen an. Nach einem oft komplizierten Paarungsspiel werden die männlichen Geschlechtsorgane in die weiblichen Entsprechungen eingeklinkt.
    So weit die von allen Entomologen unbestrittenen Tatsachen.
    Meine weiterführenden soziologischen Untersuchungen haben ergeben, dass Schaben ein für Insekten nicht repräsentatives Gesellschaftsleben praktizieren. Weder gehören sie zu den weit verbreiteten Einzelgängern, die ihr in der Regel recht kurzes adultes Leben allein fristen und sich nur zum Zweck der Fortpflanzung einen Partner bzw. eine Partnerin suchen, noch bilden sie ein Volk, das arbeitsteilig organisiert ist und in dem eine nicht in Frage gestellte Hierarchie existiert, in deren Zentrum ein für die Fortpflanzung des gesamten Stammes verantwortliches Weibchen, meist als Königin bezeichnet, steht. Stattdessen finden zwischen den gesellig lebenden Schaben permanent individuelle, aber auch in Gruppen organisierte Kämpfe um höherrangige gesellschaftliche Stellungen statt, die eine Zeit lang akzeptiert werden können, empirisch aber letztendlich immer in Frage gestellt werden. Diese Auseinandersetzungen gilt es genauer zu untersuchen.


3.    Schaben und Attentate

    Attentate definiere ich zunächst(2) als Angriffe eines oder mehrerer Individuen auf eine oder mehrere Personen, wobei sich der oder die Angreifer gegenüber dem, den oder der Angegriffenen in einer inferioren Position befinden, mit dem Ziel, die übergeordente(n) Person(en) aus eben dieser Position zu entfernen, in der Regel durch deren physische Eliminierung.
    Drei wesentliche Fragen gilt es zu untersuchen:
    Wer versucht wen zu eliminieren?
    Auf welche Weise?
    Und: Warum?


3a.    Attentäter und Attentatsopfer

    Bei Betrachtung der überlieferten Frühgeschichte der schabischen Attentate fällt ins Auge, dass Täter und Opfer in enger persönlicher Beziehung zueinander stehen, oft sogar eng miteinander verwandt sind. Eine besonders rege Täteraktivität lässt sich bei Blatta orientalis und ein wenig später bei Blatella germanica beobachten, während Periplaneta americana noch erstaunlich inaktiv ist. Wahrscheinlich ist dieses Phänomen darauf zurückzuführen, dass Periplaneta sein Aggressionspotential erst allmählich entwickelte, nachdem Blatta und Blatella auf dem amerikanischen Kontinent Fuß gefasst hatten. Noch ungeklärt ist die Frage, ob hierfür ein Gentransfer als Ergebnis sexueller Kontakte verantwortlich zu machen ist oder ob die wachsende Aggressivität als soziale Reaktion auf die Angriffslust der Einwanderer zu werten ist.
    Einige wenige Beispiele(3)  mögen das belegen. Dabei kommt uns in Hinblick auf die Nachvollziehbarkeit unserer Ausführungen entgegen, dass der schabische Kalender dem der Menschen aus noch immer ungeklärten Gründen kongruent ist.
    Bereits 681 v.u.Z.(4)  wird Sennacherib von Asselanien von seinen beiden Söhnen ermordet. Aber nicht nur der Vater-, auch der Sohnesmord ist verbürgt: Die Blatta Irene lässt ihren Sohn Konstantin VI., Herrscher im östlichen Mittelmeerraum, 797 umbringen. Ebenfalls ist es mit der Bruderliebe nicht weit her, weder bei Blatta noch bei Blattella: 1250 werden Erik IV. von Dänemark und 1369 Pedro der Grausame von Kasselanien und Leon Opfer ihrer eigenen Geschwister. Wen wundert es noch, dass Morde auch von angeblich Liebenden verübt werden: Commodus, mächtiger Beherrscher des mittelmeerischen Weltreichs, putzt sich  am 31. Dezember 192 gerade nichtsahnend die sensiblen Fühler, als er von dem im Kampfsport ausgebildeten Blatta Narcissus erwürgt wird, eine Gewalttat, die seine Geliebte Marcia eingefädelt hat.
    Es scheint zunächst, als resultierten schabische Attentate aus tragischen Familienzwistigkeiten und erotisch-sexuellen Unstimmigkeiten. Doch gemach! Wenn wir weiter in die Gegenwart fortschreiten, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Vor allem ergeben sich zahlreiche Fragen.
    Wie etwa lässt sich erklären, dass eine aggressionsarme Periplaneta americana namens Atahualpa am 29. August 1533 von Blattae auf Befehl ihres Anführers Francisco Pizarro erdrosselt wird und derselbe Pizarro acht Jahre später – übrigens eine erstaunlich lange Lebensspanne für eine Schabe – einem Mord durch Blattae zum Opfer fällt? Die Mörder Pizarros werden es dabei nicht bewenden lassen; 1544 töten sie eine weitere Periplaneta.
    Auch erscheint es verwirrend, dass Attentäter und Zielobjekt oft wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben, bevor sie einander als Täter bzw. Opfer begegnen. Was verbindet die Kakerlake Schan Paul Marat, die bei der Pariser Presse tätig ist, mit der jungen Schablotte Corday, die mit aller Kraft ein Küchenmesser zwischen ihre Mandibeln klemmt und ihn am 17.Juli 1793 ersticht? Wo ist das einigende Band zwischen August von Kotzebue, einem hochadeligen Blatellus, wie der Name deutlich verrät, auch er ein Schriftsteller, und Schab Ludwig Sand, dessen Name möglicherweise auf Obdachlosigkeit hinweist? Wir wissen zunächst nur, dass Sand Kotzebue 1819 in Mannheim erstochen hat. Warum verübt die orientalische Schabe Graf Felischab Orsini, Rudio und Pieri, ihrerseits hochadelig, 1858 ein Attentat auf die französische Kakerlake Napoleon III.?
    Wagen wir einen Sprung ins 20. Jahrhundert. Bei der Betrachtung von einigen für diesen Zeitraum typischen Attentaten fällt auf, dass Schaben übereinander herfallen, die, im Gegensatz zu den eben skizzierten Fällen, sehr viel miteinander zu tun haben, ja, einander politisch verbunden sind. Wie ist es zu erklären, dass die Deutsche Schabe Hitler ihren loyalen Gefolgsmann Erschab Röhm, mit dem sie sogar dieselbe braune Flügelfärbung verbindet, am 10. Juni 1934 erschießen lässt? War das Motiv Eifersucht wegen der eigenen wenig zureichenden Potenz, oder stecken dahinter andere Beweggründe? Warum muss fünf Monate und einen Tag später Schabgei Kirow in Leningrad fast dasselbe Schicksal erleiden, befohlen von Stalin(5), beide übrigens mit auffallend roten Flügeloberflächen? Wieso lässt derselbe Stalin einen langjährigen Kampfgefährten namens Trotzki(6)  – es wird nicht überraschen, dass auch dieser tiefrote Deckflügel zeigt – am 21. August 1940 im fernen Mexiko mit einem Eispickel erschlagen, wozu er als Mörder übrigens eine Blatta namens Ramon Kak Mercader beauftragt?
    Ein letztes Attentatsmuster bleibt zu benennen. Es kann durch folgende Beispiele charakterisiert werden:
Wir sehen, dass schwarze Schaben von „weißen“ Schaben umgebracht werden, und Kenner der schabischen Geschichte haben zweifellos erkannt, dass die Attentatsopfer nicht zu den Machtträgern in ihrer jeweiligen Gesellschaft gehörten, dass also diese Attentate nicht der Definition entsprechen, die wir oben zu geben versucht haben (vgl. 3). Diese scheinbare Unstimmigkeit wird erst weiter unten aufgelöst werden können.


3b.    Die bevorzugten Waffen der Attentäter im historischen Wandel

    So intim wie die Beziehungen zwischen Attentäter und Opfer sind zunächst auch die Mordmethoden – sie ermöglichen bzw. erzwingen es, einander in die Augen zu sehen. Verhältnisse privater Natur wie auch der Entwicklungsstand der Produktionsmittel(7)  lassen Gift, Dolch oder die Garotte als probate Mordwerkzeuge erscheinen.
    Erst als die Schaben entdeckt hatten, was sich mit einer fein geriebenen Mischung von 75% Kalisalpeter (KNO3), 15% Kohlepulver (C) und 10% Schwefel (S) anstellen lässt, wandelt sich die Mordmethode drastisch: Das Erschießen wird zum probaten Mittel.
Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts, am 29. März 1792, ist der Tod von Gustav III. von Schwebien dokumentiert, der von Jaschab Joschab Anckarström erschossen wird – Resultat einer Kontroverse unter Blatellae germanicae.
Vermehrt treten mit Schwarzpulver(8) verübte Attentate im 19. Jahrhundert auf: Es trifft(9) mehr oder weniger erfolgreich(10) die bevorzugt Teeblätter kauende Blattella Spencer Perceval (1812), die primär Oliven vertilgende Blatta Ioannis Kapodistrias (1831), die Periplaneta Abraschab Lincoln (1865), den deutschen Schabenkaiser Wilhelm I. (1878) und die spanische Blatta Antonio Cánovas del Castillo(11) (1897) .
Das 20.Jahrhundert erlebt dann eine wahre Schießorgie, bei der vor allem drei(12) lokale Schwerpunkte zu beobachten sind:
  1. Russland. Opfer sind unter anderen Pjotr Arkadjewitsch Stolschabpin (1911), Grigori Raspuschabtin (1916), Moissej Markowitsch Wolodarski, eigentlich Schabenstein (1918), Moissej Schabomonowitsch Uritzki (1918) und Wladimir Iljitschschab Lenin (1918).
  2. Deutschland. Hier fallen Kugeln zum Opfer: Kakerlak Eisner (1919), Guschab Landauer (1919), Hugo Haase von der Unabhängigen Schabenpartei (1919), Walther Rathenau(13) (1922), Franz Birnecker, Betriebsratsmitglied der Firma Schaberit (1923), Theodor Lessing, ein kämpferischer linker Schabsteller (1933)(14), Wilhelm Germanloff (1936), Rudi Dutschkschab (1968), Siegfried Buschab (1977), Jürgen Kak. Ponto (1977), Wolfgang Schäublschab (1990) und Karstschab Rohwedder (1991).
  3. USA. Neben zahlreichen Präsidenten von Periplaneta sind hier auch andere Opfer vertreten: William SchcKinley (1901), Theodore Schoobevelt (1912), Anton Schermak (1933)(15), Schabby S. Truman (1950), Medgar Evers in Schabson, Mississippi (1953)(16), John Fitzschab Kennedy und dazu passend – oder auch nicht – Lee Harvey Schoswald (1963), Robert Franschab Kennedy (1968), George Wallace, Gouverneuer von Schablabama (1972), John Lennon, der sich zu Lebzeiten nicht scheute, sich öffentlich als „Beetle“ zu bekennen (1980), und Ronald Reagan (1981)(17).

Schüsse, überwiegend aus Pistolen abgefeuert, sind insofern harmlos, als sie anderen Schaben als den Zielobjekten keinen Schaden zufügen, es sei denn, der Schütze verfehlt sein Ziel. Allerdings sind sie, eben wegen dieses Unsicherheitsfaktors, weniger zielgenau als die archaischen Mittel wie Vergiften, Erstechen, Erwürgen. Einen wesentlichen größeren Streubereich als Pistolenschüsse haben jedoch Waffen, die ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert von schabischen Attentätern benutzt werden – ich spreche von Bomben und Sprengstoff. Verwenden Attentäter diese Waffen, kalkulieren sie entweder nolens volens oder auch sehr bewusst ein, dass Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden – oder es gibt in ihren Augen keine Unschuldigen.
Zur Untermauerung dieser These beschränke ich mich auf nur wenige Beispiele. Die chinensische Schabe Schang Tso-Lin, Gouverneuer der Mandschabei, wird bei einem Bombenanschlag auf einen Zug von japanischen Kakerlaken getötet (1928), die großgermanische Führerschabe Adolf Hitler überlebt zwar einen Bombenanschlag durch Joschab Georg Elser, aber sieben zufällig anwesende Kakerlaken werden getötet (1939), das Auto von Christopher Eschab Biggs fliegt wegen einer von der Ischabisch Republikanischen Armee gelegten Landmine in die Luft (1976), die selbe Untergrundorganisation versenkt drei Jahre später das Segelschiff von Louis Mountbatten vor der ischabischen Küste, und auch Afrika bleibt von vergleichbaren Attacken nicht verschont: 1994 wird das Flugzeug von Juvenal Habyarimana und Cyprien Ntaryamira bei Kigali von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Auto, Schiff, Flugzeug – die Zielkäfer waren da gewiss nicht allein an Bord.
In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdecken schabische Attentäter zwar keine neue Waffe, wohl aber eine neue Waffenkombination: Kakerlaken sind bereit, sich selbst zusammen mit dem Sprengstoff, den sie für andere vorgesehen haben, in die Luft zu sprengen, sind bereit, ihre sensiblen Fühler und ihren wunderschönen Chitinpanzer zerreißen, in Flammen aufgehen, durch die Luft wirbeln und in stinkenden, blutig-grünen Fetzen zur Erde fallen zu lassen – wenn sie nur möglichst vielen anderen Schaben dasselbe Schicksal bereiten. Solche Selbstmordattentate haben die Insektenwelt am 11. September 2001 erschüttert, und täglich verbreitet die Schabendschau neue schreckliche Meldungen.

Exkurs: Selbstverbrennungen

    Legendär sind die Selbstverbrennungen von Thich Quang Duc in Schaigon (1965) und von Jansch Palach in Kakprag (1969) – aber sie haben mit Attentaten nichts zu tun und verdienen deshalb hier nur einen Seitenblick. Denn Attentate zielen, wie wir gesehen haben, darauf, anderen nach dem Leben zu trachten, wobei der Verlust des eigenen Lebens ein billigend in Kauf genommener Preis sein mag, aber nicht zwingend ist.  Bei Selbstverbrennungen liegt das Motiv klar auf der Tatze: Es handelt sich um einen demonstrativen, anklagenden Akt, der an das Bewusstsein anderer appelliert und diese durch den rückhaltlosen Einsatz des Besten, das der Demonstrant hat, zu einer Verhaltensänderung zu bewegen versucht. Mit den Motiven von Attentätern ist es komplizierter bestellt.


3c.    Die Ziele

    Ich kann mich zweifelsohne kurz fassen, lassen sich doch die Motive der Attentäter mühelos aus den angeführten Beispielen herausfiltern. Es geht – von wenigen, zu vernachlässigenden Ausnahmen abgesehen(18) - um Politik, also um die Wahrung von Interessen und die Sicherung bzw. Gewinnung von Herrschaft, sei es in personalen Strukturen, bei der Eroberung bzw. der Ausbeutung neuer Territorien, beim Kampf um als falsch oder richtig betrachtete gesellschaftliche Visionen und Strukturen, bei der Eliminierung von Rivalen, wobei es keine Rolle spielt, ob diese Rivalität in der Realität oder lediglich als Kopfgeburt existiert, und bei der Bekämpfung benachteiligter Minderheiten, deren marginalisierter Status erhalten bleiben soll. Im letzten Fall haben wir es gewissermaßen mit einem präventiven oder gar präemptiven Gewaltverhalten zu tun, das bei der obigen vorläufigen Definition von Attentaten noch nicht berücksichtigt werden konnte.
    Diese Analyse erfasst jedoch die moderne Form der Attentate, die Unschuldige ins Visier nimmt und häufig auch den Tod des Attentäters voraussetzt, nicht hinreichend. Deshalb ist eine weitere Differenzierung erforderlich.


4.    Schaben und Terrorismus

Der Terrorismus, ein Begriff, der vom französischen „terreur“, also „Schrecken“, abgeleitet ist, ist durch andere Motive gekennzeichnet. Um das zu erläutern, kann ich dem Leser einen kurzen Ausflug in die schabische Geschichte nicht ersparen.
Bereits seit Beginn der nachgewiesenen Existenz der Kakerlaken sind bei dieser Spezies religiöse Praktiken unterschiedlichster Form belegt(19), die nebeneinander koexistierten. In der neuesten Zeit treten vor allem zwei miteinander konkurrierende Religionen hervor: Die eine, deren Anhänger sich überwiegend aus Blattellae germanica rekrutiert, ist der Meinung, ihrem Gott am besten dadurch dienen zu können, dass sie sich in den ihm gewidmeten Gebäuden auf das hintere ihrer drei Beinpaare niederlässt, während die Verfechter der anderen Richtung, überwiegend Blattae orientalis, zu diesem Zweck auf dem Einknicken des vorderen Beinpaares beharren. Aufgrund der explosionsartig gewachsenen Mobilität in der Menschenwelt seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geraten die Kakerlaken beider Glaubensströmungen zunehmend miteinander in Kontakt, und beide versuchen, den jeweils anderen zu eliminieren. Während die Vertreter der „Hinterbeinpaar-Religion“ diesen Eliminierungsversuch mit erst auf den zweiten Blick erkennbaren Mitteln, nämlich wirtschaftlichen und politischen(20), vorantreiben, bedienen sich militante Verfechter der „Vorderbeinpaarreligion“ des Terrorismus und sehen in sogenannten Selbstmord“attentaten“ keinen Hinderungsgrund für ihr Tun, sondern eher einen Anreiz; glauben sie doch, aufgrund ihres Handelns gegen die „Ungläubigen“ einen bevorzugten Platz im Schabenparadies zu erlangen.



4a.    Terror und Terroropfer

    Wir haben oben(21) bereits kurz auf den 11. September 2001 verwiesen, und etliche Terroranschläge, die diesen spektakulären Flugkunststücken von Blatta orientalis gefolgt sind, entsprechen dem selben Muster, sei es in Madrid oder in London, um nur die prominentesten zu nennen. Über diesem Muster wird jedoch allzu oft vergessen, dass sich Terrorismus auch gegen Anhänger der eigenen Religion wendet, wobei der Vorwurf erhoben wird, die Opfer knickten beim Gebet ihr vorderes Beinpaar nicht weit genug oder zu weit ein.


4b.    Die Ziele

    Das Endziel(22) des Terrorismus wurde oben bereits genannt(23), die Strategie bedarf also keiner weiteren Erörterung. Wie aber sieht die Taktik aus? Welche unmittelbaren Reaktionen auf ihr Handeln erhoffen sich die Terroristen?
    Einige meiner geschätzten Kollegen Schabenforscher zitieren gerne aus dem sogenannten „Terroristenhandbuch“(24): „Sie werden rennen wie die Hasen.“(25) Sie sind damit allesamt einer falschen Übersetzung aufgesessen. Denn das Wort „krrchdk“ bedeutet im Dialekt der vorderasiatischen Blatta nicht „Hase“, sondern Lemming(26). „Sie werden rennen wie die Lemminge“ – das also ist die Hoffnung. Sie werden sich, anders als der Hase, der klug Haken schlägt, um dem Jäger zu entkommen, bewusstlos wie Lemminge in großer Schar in eine Schlucht stürzen, in der sie umkommen müssen.
    Schon bei flüchtiger Betrachtung der Reaktionen auf terroristische Aktionen zeigt sich, dass diese Erwartung nicht verifiziert werden konnte. Gleichgültig ob in New York, Madrid, London, in Ägypten, auf Bali, in Tunesien oder anderswo – die Schaben bleiben, wo sie sind. Selbst im Irak, einer Terrorismushochburg, ist keine nennenswerte Fluchtbewegung zu beobachten.
    Die Erklärung dafür ist nicht unbedingt darin zu finden, dass Kakerlaken über größere Intelligenz verfügen als Lemminge. Allerdings stehen entsprechende Untersuchungen noch aus. Unbestritten ist dagegen, dass Schaben über weniger Lebensraum verfügen als Lemminge, bezogen auf ein Individuum. Schaben sind überall, und Schaben ernähren sich von Dreck(27), Dreck ist nur begrenzt verfügbar und wird in anderen Regionen von anderen Kakerlaken beansprucht – kurz, Schaben haben in der modernen schabischen Massengesellschaft wenige Mobilitätsmöglichkeiten. Also kann das taktische Kalkül der Terroristen nicht aufgehen.

5.    Perspektiven

Da selbst ich nicht in die Zukunft sehen kann(28), will ich nur einige Möglichkeiten knapp skizzieren.

  1. Die Terroristen erkennen die Vergeblichkeit ihres Tuns und geben auf, was vermutlich einen weltweiten Sieg der Hinterbeinpaar-Religion und ihrer Vorstellung von Politik und Wirtschaft zur Folge hätte.
  2. Die Terroristen machen weiter und verbreiten so viel Terror, dass die Anhänger der Hinterbeinpaar-Religion sich ihnen ergeben und Politik und Wirtschaft der Religion unterordnen, nachdem sie ihre Frauen ins Haus eingesperrt haben.
  3. Keine Seite gibt nach, und Chitinpanzer fliegen für unabsehbare Zeit zerfetzt durch die Luft.


6.    Nachwort

Als Bär kann mir der gesamte Kakerlakenschmutz privat gleichgültig sein, er erweckt lediglich mein wissenschaftliches Interesse. Wäre ich allerdings ein Kerbtier, liefe mir ein permanentes Schaudern über die Flügeldecken, laufen doch alle drei oben genannten Möglichkeiten immer nur auf das eine hinaus:
Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.
Fußnoten:
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  1. Der Vollständigkeit halber muss ich den Chef hier ergänzen: Das gilt auch für Bären. Die Sekretärin
  2. Man beachte die Vorläufigkeit.
  3. Eine vollständige Darstellung würde die Geduld der Leser, vor allem der menschlichen, mit Sicherheit überstrapazieren.
  4. v.u.Z.: vor unserer Zeitrechnung. Gemeint ist selbstverständlich nicht der bärische, sondern der an der christlichen Religion orientierte menschliche Kalender.
  5. eigentlich Jossip Wissarionoschab Dschugaschwili
  6. eigentlich Lew Davidoschab Bronstein
  7. Der Begriff "Destruktionsmittel“ ist hier eigentlich besser angebracht.
  8. Es gilt noch immer als ungeklärt, ob das sogenannte "Schwarzpulver“ eine Erfindung der Blatella germanica Berthold Schwarz ist oder bereits von den Blatellae sinisiensis entwickelt wurde, deren frühes Vorkommen bisher allerdings noch nicht befriedigend bewiesen werden konnte.
  9. im wahrsten Sinn des Wortes
  10. erfolgreich aus der Sicht der Attentäter, versteht sich
  11. Diese Aufzählung erhebt, wie auch die folgende, keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
  12. Da mir nur unvollständiges historisches Material zugänglich ist, vermute ich, dass es wesentlich mehr Schwerpunkte gibt. Aber auch diese rudimentären Quellen sind äußerst aufschlussreich.
  13. In einem bekannten zeitgenössischen Spottvers wird gefordert, den Walther Rathenau, die "gottverdammte Schabensau“ zu erschlagen - der Attentäter hat also einen Weg gewählt, der ihm größere Distanz ermöglichte.
  14. Vielleicht vermisst der eine oder andere historisch gebildete schabische Leser mit braunen Deckflügeln hier das Datum 1930 und den Namen Kakerlak Wessel. Nun ja - wer meint, dass jemand, der aus Eifersucht vom Zuhälter seiner Verlobten angeschossen wird und einigen Wochen später seinen Verletzungen erliegt, ein Attentatsopfer ist, nur weil der Angeschossene SA-Führer und der Täter Mitglied des Rotfrontkämpfer-Bundes war, der möge den entsprechenden Vermerk hier einfügen und nicht vergessen, die Notiz hinzuzufügen, dass keine geringere als die wortbegabte hinkende deutsche Schabe Joschab Goebbels Kakerlak Wessel zum "nationalen Märtyrer“ erklärte.
  15. Die Kugel, die ihn traf, galt eigentlich Franklin D. Schoobevelt.
  16. Das war schon wieder einmal eine weiße gegen eine dunkel geflügelte Schabe. Vielleicht braucht der von so viel Gewalt gestresste Leser eine kleine Erholungspause? Dann möge er Bob Dylan hören: "Only a Pawn in their Game“; oder Nina Simone: "Mississippi Goddamn“. Beides passt exakt zum Thema.
  17. Es wäre für Reagan vielleicht besser gewesen, dieses Attentat nicht zu überleben - er hätte in diesem Fall nicht an der Schabheimerschen Krankheit zu sterben brauchen.
  18. So wurde zum Beispiel am 14. Mai 1610 Henri IV., genannt Le Cafard, aus religiösen Gründen ermordet.
  19. Seit kurzen wird wissenschaftlich diskutiert, ob dergleichen Verhalten möglicherweise auf eine genetische Grundlage zurückzuführen ist.
  20. Eine genauere Erläuterung dieser Strategie würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und bleibt einer künftigen Abhandlung vorbehalten.
  21. vgl. 3b
  22. Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass mir in diesem Fall wirklich nur ein faschistischer Begriff einfällt.
  23. vgl. 4.
  24. Das Buch wird der saudischen Blatta Bin Schabin zugeschrieben.
  25. vgl. S. 10024 (in Worten: zehntausendvierundzwanzig)
  26. vgl. dazu die umfassende Untersuchung von A. Blatter, Die Bezeichnung anderer Spezies durch Blatta und Blatella, Schmutzburg 2004, S. 45
  27. Ich habe den Chef zu überreden versucht, das wissenschaftlicher zu formulieren, aber er wollte einfach nicht. Die Sekretärin.
  28. Der Chef ist heute ungewöhnlich bescheiden. Die Sekretärin.

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