Doofer Name, schlaues Konzept

Seit heute ist ein neues Nachrichten-Portal online: zoomer.de. Betrieben und finanziert von der Holtzbrinck Digital GmbH arbeitet in Berlin eine – so die Eigenangaben – rund 40-köpfige (!) Redaktion. Die drei Herausgeber sind der Fernsehjournalist Ulrich Wickert sowie die Tagesspiegel-Cehfredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt. Adressiert werden primär die „unter 35“-Jährigen, Ziel ist ein „echtes Online-Nachrichten-Portal“, also keine gedruckten Vorlagen oder Nachlagen; und dazu ganz viel Web 2.0: Multimedia satt (Videoclips, Bilder, Audio, Interkativität) sowie massive Leserbeiteiligung und -mitbestimmung (allgegegenwärtige Kommentarfunktionen, Abstimmungsmöglichkeiten, Ranking-orientierte Content-Sortierung).

Zoomer Titel

Als Nachrichten-Seite betrachtet sieht zoomer.de auf die ersten Blicke und Klicke durchaus ansprechend aus. Das Giftgrün als Leitfarbe ist meine Sache nicht, aber ich bin ja auch schon über 35. Die Startseite macht einen aufgeräumten Eindruck, wobei die Feature-Bilder etwas zu werberisch wirken. Das Beliebtheits-Rating unter den Bildern ist zu groß und daher – verstärkt durch die knalligen Farben – zu aufdringlich. Die inhaltliche Mischung gefällt mir ganz gut, obwohl ich die Fünfteilung in Meinung, Fotos, Videos, Nachrichten und Netz zunächst als spröde wahrgenommen habe. Die Inhalte sind OK, pendeln gleichermaßen um „Gadgets“ und „Jobchancen“, Sport, Promis, Tagespolitik und Internet. Prima ist die Foto-Feature-Leiste im Mac OS X-Dock-Stil, so kann man sich flott durch's Angebot browsen.

Ulrich Wickert in Toni Mahoni-Manier vor dem PC sitzen und seinen Kommentar ablesen zu sehen, ist zunächst ein herber Bruch der Sehgewohnheiten. Wenn auch der Tagesthemen-Anzug durch den braunen Pulli und der Tagesthemen-Hintergrund durch Bücherregale ersetzt ist, die stimmliche Tonlage ist ganz die alte. Und inhaltlich gibt sich Wickert scharfzüngig, ja, fast kompromisslos: „Heuchler“, „Verbrecher“, sagt Wickert zum Thema Steuerhinterziehung, huihui. Wickert als grantelnder Grandseigneur des Videobloggens – das könnte gehen und macht durchaus Neugier auf mehr. Ein bisschen mehr Tempo und mehr Persönliches, Herr Wickert, machen Sie sich doch mal RICHTIG locker! (Dann bleiben auch die unter 35-Jährigen dran ;-)

Nur der Name „zoomer“ ist völlig unterirdisch. Wie immer, wenn irgendwelche Strategen verkrampft nach „Jugendlichkeit“ suchen, kommt so eine Kopfgeburt von Un-Name heraus. Mir fällt dazu ein, wie bescheuert ich damals die Neubenennung des Berliner Jugendradio-Senders „Radio 4 U“in „Radio Fritz“ fand. Doch schnell stellte sich „Fritz“ als die viel bessere Variante heraus: EIgenständiger, gewitzter, authentischer. „zoomer“ ist dämliches Marketing-Denglish. Bitte unbedingt nachbessern und für den ersten Relaunch einen neuen Namen wählen (lassen?).

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