Evangelisch-Lutherische Friedensgemeinde Kiel St. Jrgen
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Update: 08.08.2006

Das zweite Siegel

Hoffnung nach dem Feuersturm
Der schwebende Gekreuzigte in der glsernen Apsis der St. Jrgen Kirche von 1954

Erfahrungen aus Kriegs- und Nachkriegszeit
im architektonischen Programm der Kirche am Knigsweg

von Hanns - Johann Ehlen, Pastor an St. Jrgen Kiel, am Erntedankfest 2003
(Bilder mit Texte siehe unten)

Und als es das zweite Siegel auftat, hrte ich die zweite Gestalt sagen: Komm! Und es kam heraus ein zweites Pferd, das war feuerrot. Und dem, der darauf sa, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, da sie sich untereinander umbrchten, und ihm wurde ein groes Schwert gegeben. Offenbarung 6,3-4

Die St. Jrgen Kirche am Knigsweg liegt auf einer Anhhe gegenber der Eisenbahnbrcke am Ende der Kieler Frde. Die heute etwas versteckt gelegene Kirche ragt nur mit ihrem Kirchturm ber die seit 50 Jahren um sie herum gewachsenen hohen Bume. Eine Kirche aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur wenige Kieler kennen die Kirche mit dem groen vielfarbigen Apsisfenster, die die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht nur in ihrem Bau sondern auch in ihrem theologischen Programm widerspiegelt. Heute ist die St. Jrgen Kirche eine der wenigen baulichen Erinnerungen an diese Zeit, die man von innen heraus betrachten muss, um sich ihr Geheimnis zu erschlieen.

Die alte St. Jrgen Kirche, eigentlich St. Jrgens Kirche, trat 1904 anstelle der kurz nach der Grndung der Stadt Kiel seit 1267 dort stehenden, mittelalterlichen Pestkapelle gleichen Namens.

Auf dem St. Jrgens Friedhof ruhten die sterblichen berreste des Balladenkomponisten Carl Loewe, des Fruleins von Ellendsheim (Stifterin des Kieler Stadtklosters), des Arztes Dr. Berger (gest. in Kiel 1789, der den sog. Kaiserschnitt erstmals angewendet hat, Lotte Hegewisch (Stifterin der Kieler Kunsthalle), Sophie Baggesen (Tochter des Schweizer Dichters von Haller) Prof. Mller (Grnder des ersten Kieler Schullehrerseminars), Claus Harms (Hauptpastor an St. Nikolai) und vieler anderer berhmter Kieler, darunter viele Mediziner.

Der Baustil der von Kirchenbaumeister Voigt gebauten neoromanischen Kirche dokumentierte ein Bauprogramm, mit dem das wilhelminische Kaiserreich an die Tradition des Heiligen Rmischen Reiches Deutscher Nation anknpfen wollte. Diesem politisch rckwrts gewandten Leitziel hatte sich Vieles in der Kunst unterzuordnen, auch das kaiserliche Kirchenbauprogramm und die Theologie jener Zeit. St. Jrgen, der christliche Ritter gegen Krankheit und Seuchen, dem Namensgeber vieler frher Kapellen und Kirchen in Schleswig-Holstein, wurde auf den mittelalterlichen Kreuzzugssoldaten reduziert, der den Drachen als Symbol jedweden Bsens mit seinem Schwert ttet und unter seinen Fu tut, d.h. der sich das Bse unterwirft. Ein weit reichender Irrtum, wie sich zeigen sollte. Diese neue Sichtweise schlgt sich nieder auf der Einladung zur Kirchenweihe am 10.11.1904, dem St. Jrgen -Mosaik am Kirchturm und einem Buntglasfenster in der Kirche.

Das theolgische Schwergewicht im 19. Jahrhundert lag zunehmend auf einer individualisierenden Theologie des Auferstandenen (Theologische Real Enzyklopdie, Bd 4, S. 540, Z. 30ff.), die in bedenklicher Weise mit der wiedererstehenden Macht Deutschlands verschmolz. Die spter viel zitierte Allianz von Thron und Altar war gar nicht so gleichgewichtig, im tglichen Leben ging Kaiserreich vor Gottesreich. In der Akzentuierung eines kraftvollen, diesseitigen Glaubens an den auferstandenen Christus suchte vor allem die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts, den gewaltigen Vernderungen modern zu begegnen: der industriellen, technischen und medizinischen Revolution, der explosiven Entwicklung der Bevlkerung, des Verkehrs und der sozialen Verhltnisse. Auch die Fortschritte in Archologie und Religionsgeschichte mit der Entzifferung der altorientalischen Mythen (Bibel-Babel-Streit) stellte die Theologie jener Zeit vor groe Probleme, nicht zu vergessen die zunehmende Entchristlichung weiter Teile des Brgertums und der Arbeiter durch die sich beschleunigenden Vernderungen.

Die von dem dnischen Bildhauer Thorvaldsen entwickelte und ber ganz Skandinavien und Deutschland verbreitete klassizistsche Darstellung des auferstandenen Christus wurde von dem bekannten Heider Knstler Brtt aufgenommen und dem Frmmigkeitsstil angepat: ausdrucksstarke Kirchenkunst seiner Zeit. Dieser Christus beherrschte als lebensgroe Altarplastik den Kirchenraum. 1911 schenkte Brtt sie der St. Jrgen Kirche.

Das Kaiserreich endete katastrophal und neue Vernderungen kulminierten im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriegen mit entsetzlichen Folgen fr Millionen Menschen. Die St. Jrgen Kirche wurde durch die letzte Bombenangriffe auf Kiel im April 1945 zerstrt, der St. Jrgen Friedhof durch 35 Sprengbomben schwer verwstet. 400 Menschen , die im verstrkten Kellergewlbe unter der Kirche Schutz gesucht hatten, wurden gerettet.

Der Theologie der Auferstehung folgte nach den Erfahrungen sog. Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges eine Rckbesin-nung auf die Theologie des Kreuzes, die Lei-den und Sterben bis in die Auflsung und in die Abstraktion der Theologie nach dem Tode Gottes fhrte. Der theologische Streit zwischen der Theologie des Wortes Gottes und der Bewegung der Entmytholo-gisierung und Anthropologisierung der Theologie (mit Aufnahme pyschologischer, soziologischer und anderer akademischer Zeitstrmungen) brachte den Theologien beider Konfessionen eine Zeit vertiefter Selbstreflexion. Nur langsam fand die liberale Theologie zum Ausdruck der Balance zwischen der Theolgie des Kreuzes und der Theologie der Auferstehung (Birkner) zurck.

Klare Formen und Farben gaben den neuen Kirchen in der Zeit des Wiederaufbaus ihr knstlerisches Profil. In der St. Jrgen Kirche von 1954 von Ernst Mackh wurden jedoch viele Kirchenbnke, die alten eichenen Trfllungen und die seidenen Altarbehnge (bis auf das zerstrte Osterparament) aus der alten Kirche bernommen. Das schuf eine Atmosphre der Kontinuitt inmitten aller Vernderungen.

Das groe Fenster der Apsis der St. Jrgen Kirche ist eine bleibende Erinnerung an die Spreng- und Brandbomben des Zweiten Weltkrieges, die 1945 zur Zerstrung aller Kirchen in Kiel und auch der Kirche am Hauptbahnhof gefhrt hatten. Das vielfarbige, in lnglichen Farbtfelchen gehaltene Apsisfenster erinnert den Betrachter an die Feuer der Bombennchte, weist aber aber auch auf das verzehrende Feuer am Ende der Zeiten (Offb 8, 5ff.) voraus. ber der Glut des Feuers geht jedoch das alles berstrahlende Blau des Himmels am Beginn des ersten Tages der neuen Schpfung auf. Wie am ersten Ostermorgen ist jeder Sonntag das Fest der Auferstehung des Herrn, die Vormittagssonne bringt die Farben der Fenster zu Glanz und Ruhm des lebendigen Gottes, der seine Wrme und Zuneigung dem dafr empfnglichen, anbetendenden Herzen erschiet. Der Gesang der Gemeinde und der hervorragende Klang der Beckerath - Orgel bereiten den Beter vor zu einem alle Sinne und sein religises Empfinden tief berhrenden Son et Lumire - Event, zur Begegnung mit dem Heiligen.

In diesem lichtvollen Himmel schwebt der gekreuzigte Herr der Welt, Jesus Christus, alle zu retten, die an ihn glauben. Der spanische Knstler Salvatore Dali hat etwa zur gleichen Zeit das Bild des ber der Welt erscheinenden Gekreuzigten in Anlehnung an eine Zeichnung des spanischen Karmeliters und Mystikers Johannes vom Kreuz gemalt. Dieses Bild wurde das meist reproduzierte Christusbild des ausgehenden 20. Jahrhunderts (Der Christus des Heilgen Johannes vom Kreuz, 1951).

Der Krper des gekreuzigten Christus von St. Jrgen fhrt die Darstellung des Auferstandenen aus der alten Kirche fort, jedoch in seiner Tiefendimension grundlegend verndert. Auf den ersten Blick sieht es aus, als htten die leidvollen Kriegserfahrungen die Darstellung des Gekreuzigten wieder aktualisiert. Und doch entsteht im Gesamtkunstwerk wie bei Dali eine neue Schau im Sinne der Balance zwischen der Theologie des Kreuzes und der Theologie der Auferstehung: Der Auferstandene ist der Gekreuzigte! Jesus von Nazareth selbst ist der vom Himmel kommende Menschensohn, der die Welt richten wird (Joh 9,35). Dali: Meine Hauptsorge war, dass mein Christus so schn wrde wie der Gott, der er ist. (The Image of Christ, Katalog zur Ausstellung Seeing Salvation, London 2000, p. 198). Die berwindung des Todes und die Vollendung allen Lebens im Frieden Gottes finden sich auf dem heutigen Corpus vereint.

Die end-gltige Wahrheit dieser Botschaft wird durch die zehn Seitenfenster der St. Jrgen Kirche unterstrichen, die wie Ausrufezeichen die Gemeinde Gottes auf ihrem Weg an das Bleiben in seinen Geboten erinnern (so die Knstlerin Petra Bertram). Alle Linien in dieser Kirche laufen auf den am Kreuz schwebenden Christus zu und wieder zurck. Das letzte Ziel ist die himmlische Stadt, die neue Schpfung Gottes, die als Quadratur des Kreises mit dem Christuszeichen (X) als Mitte im Rundfenster ber der Westempore in kunstvoller Abstraktion dargestellt ist: mehr zu erahnende als erschaute Zukunft aus der Hand Gottes, des Schpfers des Himmels und der Erde.

Nie wieder! Nieder wieder soll die Welt von dem Weg abirren, den Jesus von Nazareth vorgezeichnet hat. Die Ambivalenz von Gottlosigkeit der Welt und Gottes unwandelbarer Liebe zu seiner Schpfung bilden das Grundthema des Kirchenbaus des Architekten Ernst Mackh. Der Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten und der Glaube an die alles berdauernde Treue des dreieinigen Gottes zu seiner Gemeinde bis zum Ende der Zeiten sind die Glaubenszeugnisse, die uns die Nachkriegsgeneration aus ihrer Lebenserfahrung in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Wort des lebendigen Gottes an die nachfolgenden Generationen bermittelt hat.

Als biblische Texte sind dazu ins Gedchtnis zu rufen: Der Prophet Jesaja 43, 1-3.10f.: Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Frchte dich nicht, denn ich habe dich erlst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, da dich die Strme nicht ersufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott. Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und mein Knecht, den ich erwhlt habe, damit ihr wit und mir glaubt und erkennt, da ich's bin. Ich, ich bin der HERR, und auer mir ist kein Heiland.

Aus dem neuen Testament Jesu Rede ber die Endzeit Matthus 24 par. Markus 13: Sogleich aber nach der Bedrngnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Krfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit groer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwhlten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. Darum wachet; denn ihr wit nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Mt 24, 29-31.35.42

Offenbarung 21, 10-21: Und er fhrte mich hin im Geist auf einen groen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen aus dem Himmel von Gott, sie hatte eine groe und hohe Mauer und hatte zwlf Tore und auf den Toren zwlf Engel und Namen darauf geschrieben, nmlich die Namen der zwlf Stmme der Israeliten: von Osten drei Tore, von Norden drei Tore, von Sden drei Tore, von Westen drei Tore. Und die Mauer der Stadt hatte zwlf Grundsteine und auf ihnen die zwlf Namen der zwlf Apostel des Lammes . Und die Stadt ist viereckig angelegt, und ihre Lnge ist so gro wie die Breite. Und er ma die Stadt mit dem Rohr: zwlftausend Stadien. Die Lnge und die Breite und die Hhe der Stadt sind gleich. Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmckt mit allerlei Edelsteinen. Der erste Grundstein war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, der fnfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwlfte ein Amethyst. Und die zwlf Tore waren zwlf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und der Marktplatz der Stadt war aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas.

Und schlielich eines der Menschensohnworte aus dem Anfang der Offenbarung des Johannes, 1,7f:

Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen. Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmchtige.

A + O

 

 

  


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