27.12.06
Vortrag auf einem Syposium der Fachgruppe 4.9.1 "Hypertextsysteme" der Gesellschaft für Informatik (GI) vom 28.-30. April 1992 auf Schloß Rauischholzhausen, Tagungsstätte der Universität Gießen, erschienen in: Informatik aktuell
U. Glowalla, E. Schoop (Hrsg.), Hypertext und Multimedia Neue Wege der computergestützten Aus- und Weiterbildung © Springer Verlag, Berlin Heidelberg 1992 S. 268 - 275.
(c) 16.10.1999
Der Bibeltext als Hypertext
Die Kurzfassung dieses Artikels ist als Hypertext - Demonstration für PCs erhältlich. Die mit einem Stern gekennzeichneten Worte markieren Hypertextverbindungen in der Datei. Auf diese Weise konnte der Anmerkungsteil hier auf das Nötigste beschränkt werden.
Eigentlich wollte ich mit den Textzitaten am Anfang nur auf die sprachlichen Wurzeln des Begriffes 'Hyper' hinweisen. Aber nachdem ich die so verschiedenen Übersetzungen zur "Kraft, die in uns wirkt" gelesen habe, ist dies ein schönes Beispiel für die Benutzung von Hypertext in der Bibel. Um zu einer eigenen Übersetzung zu kommen, muß ich an 9 verschiedenen Stellen nachschlagen und vergleichen. Wichtig an diesem Beispiel ist der Umstand, daß sich dieses Vorgehen erst während des Lesens ergeben hat und Hypertextaktivitäten auslöst, die vorher nicht zu planen gewesen sind.
Einige Arten von Hypertext* sind von Anfang an im Umgang mit den biblischen Texten in Gebrauch gewesen: (1) Verknüpfungen verschiedener Texte während der Niederschrift, (2) jüdische Schriftgelehrte haben sich auf die Schriften der Priester und Propheten bezogen, (3) die Autoren des Neuen Testaments auf die des Alten. (4) Durch die Sprachübergänge vom Aramäischen zur griechischen, syrischen koptischen und lateinischen Sprache hat es frühzeitig Übersetzungen gegeben, die neue Textvergleiche nötig gemacht haben. (5) Eusebius von Cäsarea schuf schon im 4. Jahrhundert nach Christus ein System zum Vergleich der synoptischen Evangelientexte, die Kanontafeln, die in ihrer Genauigkeit auch modernen Ansprüchen genügen würden. (6) Die Pentapla des Origenes legten 5 Textfassungen nebeneinander (Polyglotten). Dies alles sind frühe Versuche, Verbindungen über den Text hinaus zu schaffen - Hypertext*.
Anwendungsbereich und Zielgruppen
Elektronische Bibeltexte in hebräischer, griechischer, lateinischer, englischer und deutscher Sprache stehen erst seit wenigen Jahren durch einige in USA durchgeführte Erfassungsprojekte allgemein zur Verfügung (Pennsylvania Septuagint Studies, Thesaurus Linguae Graecae, Michigan-Claremont Projekt). Die Deutsche Bibelgesellschaft* ist weltweit für die Herausgabe dieser Texte verantwortlich. Die Studienbibel* auf CompactDisk* - Datenträgern ist z.Zt. ein Entwicklungsprojekt für den zukünftigen Markt der elektronischen Bücher. Folgende Vorteile werden gesehen: (1) Alle Texte sind auf einem Medium verfügbar, (2) Kartendarstellungen zu den Bibeltexten (Bibelatlas*), (3) Verbindung der Bibeltexte untereinander mit verschiedenen Hypertext* - Funktionen für Wort- und Versverbindungen. (4) Zukünftig können photographische Wiedergaben der Urtexte* berücksichtigt werden und (5) Photos, Grafiken und Lernprogramme aus dem Bereich der Religionspädagogik Verwendung finden. Unterschiedliche Leseinteressen haben die verschiedenen Benutzergruppen. Diese sind: (1) Bibelleser aller Alters- und Ausbildungsstufen, die einen PC mit einem CD-ROM Laufwerk besitzen und über zeitgemäße Informationskanäle verfügen möchten, (2) Studenten der Theologie, Geschichte, Archäologie, Literaturwissenschaft, der Orientalistik und der Altphilologie zum Studium und zur Arbeitsvorbereitung, (3) Wissenschaftler mit analytischen Interessen* in den angesprochenen Gebieten, (4) Pfarrer bei der Vorbereitung von Predigten und Veröffentlichungen und (5) publizistisch Tätige, die Referenztexte zum Abdruck in ihrer Veröffentlichung (Vortrag) suchen.
Lernmöglichkeiten*
Der Leser oder die Leserin kann aus einem großen Informationsangebot nach verschiedenen Prozeduren* gezielt auswählen. Leicht benutzbare Hypertext* - Verbindungen erweitern ihr Kontextwissen* und erhöhen ihr Problembewußtsein. Neben den offiziell gegebenen Verbindungen werden sie ermutigt, aktiv an der Wissenserweiterung teilzunehmen. Die jeweils erschlossenen Texte können die Benutzer selbst mit Hypertext*-Links verbinden oder sie in ihre eigene Arbeitsumgebung (Textverarbeitung* oder Datenbank) kopieren. So entstehen nach der Hypertext* - Entdeckungsphase* wieder neue, sequentiell zu lesende Texte.
Überlegungen zu den Lernzielen
Bedingt durch den Gegenstand und den heterogenen Adressatenkreis ich kann die Lernziele für den Umgang mit der Bibel nur sehr allgemein beschreiben:
1. Die Bibel soll sich durch sich selbst erklären.
2. Der Bibelleser soll das, was er gehört hat oder liest, besser verstehen lernen.
Das erste Lernziel klingt als solches etwas merkwürdig. Es ist am Beginn der Aufklärung durch Spinoza im Tractatus Theologicus-Politicus formuliert worden als Methode, " das Verständnis der Schrift aus ihr allein zu entnehmen". Daraus ist das wissenschaftliche Programm der historisch-kritischen Erforschung der Bibeltexte entstanden. Es will von seinem Ansatz her ausschließen, daß den Texten fremde Elemente aus der Überlieferungs- Kirchen- oder Zeitgeschichte beigeordnet werden, die das ursprünglich Geglaubte verfälschen.
Das zweite Lernziel bezieht sich auf die Einordnung eines Textes in einen größeren Kontext. Der kann durch den Abschnitt oder das Kapitel oder Buch gegeben sein, aber auch durch parallele Überlieferungen oder verwandte Aussagen an anderen Orten der Bibel. Mit Kontext ist oft nicht nur der schriftliche Kontext gemeint, sondern auch die Einordnung in den Lebenszusammenhang des Lesers. Der Text ist dann "verstanden", wenn er konkrete Auswirkungen auf das Handeln des Lesers hat, s.o. Eph 3,20: "der überschwenglich t u n kann über alles hinaus, was wir bitten ." M. Luther zu Eph 3,19: "Christus liebhaben ist besser als alles Wissen." - "Besser verstehen" deutet daher an, daß Leser oder Leserinnen das Ergebnis ihrer Arbeit am Bibeltext einer personal bestimmten Wertung unterziehen.
Umberto Eco hat vor ein paar Jahren über unterschiedliche Funktionen des Denkens nachgedacht und formuliert "The aim of structural thought is discovery, the aim of sequential thought is production". Als Theologe würde ich dem gern hinzufügen: "The aim of contextual thought is meaning." Das Ziel des Denkens in Zusammenhängen liegt in der Gewinnung von Sinn und Bedeutung. Die Bedeutung eines Textes soll aber so wenig wie möglich durch das Hypertext System selbst vorstrukturiert werden, sondern durch die individuelle Anwendung verschiedener Wege und Sichtweisen auch unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge erkennen lassen.
Sowohl der Herausgeber als auch der Leser oder die Leserin haben ihre eigenen Ziele im Umgang mit dem Text. Der Leser wird die Hypertextstrukur dazu einsetzen, Entdeckungen zu machen, die ihn in bisher nicht gedachte Zusammenhänge führen
Das hermeneutische Problemfeld
Die Auslegung, das Erklären und Verstehen von Bibeltexten, ist seit jeher von sehr verschiedenen Seiten betrachtet worden. Als Beispiel seien einige Modelle genannt:
(1) Modelle biblischer Exegese, die durch kerygmatische, historisch-kritische, soziologische, psychologische, linguistische Methodenwahl zu kennzeichnen sind.
(2) Modelle der systematischen Theologie, in denen die Bibelauslegung in einen speziell reflektierten Zusammenhang gestellt wird z.B. in der orthodoxen, liberalen oder dialektischen Theologie.
(3) Modelle der Religionspädagogik sind durch Problemorientierung oder Textorientierung gekennzeichnet
(4) Modelle der Literaturwissenschaft wirken sich prägend auf die Zielsetzung von Übersetzungen aus, einige wollen zeitgemäße Verständlichkeit, andere wissenschaftliche Überprüfbarkeit erreichen. Gegenwärtig ist die Textwiedergabe auf die am meisten verbreiteten Texte beschränkt.
Für die Arbeit mit elektronischen Bibeltexten sind ferner die bekannten Lesemethoden und Lesehilfen zu berücksichtigen. Einige dieser Methoden sind:
(1) Die Lectio continua*,
(2) Lesen von Texten nach dem Kirchenjahr*,
(3) Losungstexte* der Herrenhuter Brüdergemeinde,
(4) Lesen nach Themen und persönlichen Interessen*,
(5) Lesen nach einem theologischen Konzept (Thompsonbibel*),
(6) Lesen nach einem moralischen Konzept (Evangelikal*)
Ein vollständig ausgeführtes, leider etwas abgeschlossenes Konzept bildet zum Beispiel die "HyperBible", die die Methode der bekannten Thompson Bibel in das elektronische Medium umsetzt. Anhand eines Nummernschlüssels werden Bibeltexte hypertextartig mit ausführlichen Wort- und Sacherklärungen über die Bibel und den Glauben verbunden, die ihrerseits eng auf die biblischen Belegverse verweisen.
Pädagogische und technische Zielsetzungen
Neben diesen inhaltlichen Zielen gibt es einige Zielsetzungen, die ich als pädagogisch-technische zusammenfassen möchte. Die Ziele beim Entwurf der Benutzeroberfläche* für die verschiedenen Anwendungen der Bibeltexte waren folgende:
1) Behalte so viel wie möglich von dem, was der Bibelleser vom Buch her kennt und was sich als Benutzerhilfe bewährt hat. Gut an Büchern ist:
(1) Man kann direkt an eine bekannte Stelle (Seite) gelangen.
(2) Man kann im Index nachschlagen.
(3) Man kann Lesezeichen hineinlegen.
(4) Man kann Aufzeichnungen, die einen etwas anderen Charakter haben als der Text, an den selben Ort zwischen die Seiten legen.
(5) Man kann das Material nach dem Ort finden.
(6) Man kann etwas in den Text oder an den Rand schreiben
2) Lerne von den Bibellesern, wie sie die Bibel benutzen, und stelle die gleichen Fähigkeiten zu Verfügung. Zu nennen wären:
(1) Versverweise nachschlagen,
(2) Suchen von Worten und Versen in der Bibel oder einer Konkordanz,
(3) Aufschlagen der Sach- und Worterklärungen,
(4) Vergleichen verschiedener Urtextausgaben,
(5) Blättern im Inhaltsverzeichnis,
(6) Nachschlagen im Bibelstellenregister,
(7) Benutzung der Bibel zusätzlich zu einem theologischen Buch oder Kommentar mit Bibelstellenangaben.
3) Füge die besonderen Fähigkeiten des Computers hinzu. Computer können einige Dinge, die Papier nicht kann. Das sind:
(1) Die Volltextindizierung,
(2) automatisches Querverweisen,
(3) verschiedene Blicke auf die gleiche Information (Vergrößerung).
(4) Man kann herausfinden, ob es etwas nicht gibt, indem man eine "nicht gefunden" Antwort erhält.
4) Vermeide dem Leser unbekannte Computerkonzepte, aber mute ihm auch Neues zu, nämlich:
(1) Verwendung von Methaphern in der Gestaltung (Buch, Karte);
(2) Offenheit zu Programm, Betriebssystem und Netzwerk.
(3) Erlaube dem Leser, alle Programmbefehle einzusehen und seinen Bedürfnissen anzupassen.
Strategische Zielüberlegungen
Gegenwärtig wird in einigen Wissenschaftszweigen (BWL, Psychologie, Informatik) eine lebhafte Strategiedebatte geführt. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf das OASIS* - Konzept des PC - Herstellers Apple hinweisen, das als eine besondere Form der Technikphilosophie zur Zusammenarbeit zwischen Apple und IBM beigetragen hat. "Open Architecture System Integration Strategy" meint etwas, das wir aus der Ökumene - Diskussion der Kirchen kennen und was von den lutherischen Kirchen schon etwas länger als "Konzept der versöhnten Verschiedenheit" beschrieben wird. Ich erwarte, daß das Standardprogramm HyperCard auch für die herstellerübergreifenden Betriebssystem- und Rechnergenerationen der nächsten 15 Jahre zur Verfügung stehen wird und damit die Entwicklung eines universellen Tutorensystems zu den Bibeltexten für den Bildungsmarkt von Kirche und Theologie so kostengünstig verlaufen wird, daß auch der Einsatz von Spenden und Kirchensteuermitteln dafür verantwortet werden kann. Wie die gegenwärtige Entwicklung des Prototyps zur 'Biblia Hebraica Editio Quinta Funditus Renovata' zeigt, bringt die erstmalige Verwendung des gleichen Rechnertyps auf mehreren Ebenen den beteiligten Forschern, Druckerei und Verlag sowie den Testanwendern eine bisher nicht gekannte, neue Qualität der Kommunikation, deren Auswirkungen auf den Forschungs- und Editionsprozeß sich noch nicht abschätzen lassen.
Zusammenfassung
Entsprechend den sich ändernden Methoden der Informationsbeschaffung und -verarbeitung werden die elektronisch verfügbaren Bibeltexte in besonderen Ausgaben gesammelt veröffentlicht. Bekanntes Leseverhalten wird auf dem Bildschirm des PCs am einfachsten durch die Verwendung der Buch - Methapher übertragen. Fest installierte oder freie Verbindungen verknüpfen Verse, Stichworte, Erklärungen und Textausgaben auf verschiedene Arten und fügen den bekannten Lesegewohnheiten neue Möglichkeiten der Wisssenserweiterung und des Verstehens hinzu.
Das Programm "HyperCard*" ist für PC - ungewohnte Benutzer oder Benutzerinnen in Forschung und Anwendung wegen der graphischen Benutzeroberfläche* leicht zugänglich. Es ist als Standard auf allen Apple-Rechnern verfügbar und wird laufend dem aktuellen Stand der PC-Entwicklung angepaßt. Der Focus des ganzen Projektes liegt darauf, sowohl mit den Bibltexten als auch mit der Hard- und Software "Mainstream" - Entwicklung zu betreiben. Die Deutsche Bibelgesellschaft schätzt darüber hinaus den geringen Aufwand für den technischen Support der Studienbibel CD-ROM.
Dies ist der Prototyp der neuen, von Jan de Waard geleiteten, auf 10 Jahre projektierten Edition der Biblia Hebraica, die erstmalig den völlig überarbeiteten textkritischen Apparat für PCs zugänglich machen wird; hier als HyperCard Stapel gezeigt. Übersetzung von Habakkuk 1,3: Warum läßt du mich Bosheit sehen und siehst dem Jammer zu? Raub und Frevel sind vor mir; es geht Gewalt vor Recht.
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Anmerkungen und Literaturhinweise:
Hypertext Definition
"Hypertext" sind nicht aufeinander folgende verbundene Textstücke oder andere Informationen. Die Elemente, die verbunden werden können, werden Knoten genannt. Das ganze System bildet ein Netzwerk von Knoten. Verbindungen (Hypertext Links) können in ein oder zwei Richtungen angelegt sein. Der Leser erreicht die Information in den Knoten, indem er durch die Verbindungen navigiert. Diese Navigation soll durch einen Überblick auf die Struktur der Informationen erleichtert werden. (J.Nielsen, 1990)
Literaturhinweise*
DIE BIBEL für PC, Studienbibel* auf CD-ROM, Deutsche Bibelgesellschaft*,
Stuttgart 1990.
Nestle-Aland, Das Neue Testament, Griechisch und Deutsch; 26.
Auflage, Stuttgart 1986.
Benedictus de Spinoza, Werke: lat. und dt, hg v. Günter Gawlick
und Friedrich Niewöhner, Darmstadt 1979. Zitat: Bd. I, S.
249.
Jakob Nielsen, HyperTEXT* 87 Trip Report, HyperCard* Stapel; on
BMUG PD ROM Vol 2, 1990.
Hypertext Demonstration für Apple HyperCard v 2.1 auf
einer Macintosh Diskette gegen Voreinsendung von DM 10,- für
Kopieren und Porto:
Pastor Hanns-Johann Ehlen, e-mail
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