Ferdi.Glaremin - Ferdi's Tauchkurs

Stand 04.05.1998


Ferdis Tauchkurs

Münster, Stadtbad Süd, vom 4.3.-13.5.1996

Ferdi und die Nässe.

Ein Rückblick auf 44 Jahre.

(c) 1996-2001 - Autor: Ferdi Glaremin -
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Vorwort - Ferdis sportlicher Werdegang

Am 6.3.1952 wird Ferdinand als einziges Kind einer Nichtschwimmerin (mit Tauchreflex) und eines Nichtschwimmers, der aus gesundheitlichen Gründen Gewässer meiden muß, geboren. Ferdi ist 59cm lang und wiegt 9 Pfund. Er gedeiht prächtig. Mama und jeder, der zu Besuch kommt ist entzückt. Er ist Papas Schisser - was auch immer das heißen mag. Später, in der Kleinkindphase, entwickelt sich sein eigener Wille: Er spuckt immer wieder Spinat aus, vielleicht wegen der Übersättigung des Körpers mit dem Schwermetall Eisen, das, Gerüchten zu Folge, im Spinat in großen Mengen enthalten sein soll. Die Abstinenz über Jahre hinweg führt, bei ungebremsten Wachstum, zu einer relativen Gewichtsreduktion, die einer Unterernährung gleichkommt. Sport ist Mord, das galt auch bei dem Nichtschwimmerelternpaar - und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

In der Schule hatte das Kind Ferdinand nur beim Hochsprung eine Chance, bei den Bundesjugendspielen nicht den letzten Platz zu belegen. Wo andere richtig hoch springen mußten, hob Ferdi nur seine dürren Beinchen an. Schon war die Hochsprungstange überquert. Er verstand nicht, warum man jenseits der Stange dicke, blaue Mattenhaufen auftürmte, denn er fiel nie bei dieser Sportart. Das wäre zu anstrengend gewesen, dann hätte er ja wieder aufstehen müssen.

Es gab zwei weitere Kindsarten, genannt Mitschüler: 1. Die kleinen, Schlanken: Sie mußten sehr hoch springen, wenn sie nicht die Stange herniederreißen wollten. Und es gab 2. die kleinen Dicken. Sie taten, was sie konnten, um vom Boden ein paar Zentimeter abzuheben, aber sie waren gegrounded. Aus Verlegenheit schubsten sie dann doch noch die Stange um und ließen sich auf die weichen Matten fallen. Dadurch war der Sportlehrer wieder mit dem Aufhängen der Stange beschäftigt und die Stunde war alsbald vorbei.

Mit 14 Jahren sollten die pubertierenden Jugendlichen plötzlich ins Schwimmbad. Die erste Disziplin hieß offiziell Kraulen. Bei vielen Mitschülern sah es wie Freistil aus, bei Ferdi wie Tauchen. Hier im Wasser war Ferdi gegrounded und die dicken Kinder schwammen obenauf. Die unfreiwilligen Taucher warfen den Dicken vor, schlierenförmige Fettaugen auf der Wasseroberfläche zu hinterlassen.

Alle behaupteten, Schwimmen sei gesund, kräftigend. Ferdi fühlte sich nach jedem Badetag in diesem stinkenden Chlorwasser mit den an der Oberfläche schwimmenden Fettaugen geschafft und ermattet. Die körperliche Länge des jugendlichen Ferdinands ermöglichte das aufrechte Stehen im weiten Bereichen des Schwimmbeckens; hiervon konnten viele seiner Mitschüler nur träumen. Aber es gab auch einige tiefere Stellen im Becken, die zur Inhalation von H2O führten. Diese Stellen, unterhalb der Sprungbretter, mied Ferdi möglichst.

Mit 16 Jahren hatten die Sportlehrer aller Nationalitäten es aufgegeben, Ferdi zu einer Wasserratte zu machen. Nur Frau Marder, zu der das Biafrakind Ferdinand vom Schularzt bereits im 2. Schuljahr der Volksschule zum orthopädischen Turnen geschickt worden war, gab nicht auf. Sie nahm sich an vielen Tagen viele Stunden Zeit, um ihm Angst und Ungeschick abzutrainieren. Irgendwann war es dann so weit: Das Kind schwamm.

Bald darauf führte eine Klassenfahrt zum Edersee. Der begleitende Klassenlehrer Diez motivierte die Kinder zum Ablegen der Frei- und Fahrtenschwimmerprüfung. Ferdi schaffte es, knapp 30 Minuten das Ertrinken zu vermeiden. So bekam er ein blaues Heft als Fahrtenschwimmerzeugnis. Zu dieser Prüfung gehörte ein Sprung vom 3m-Brett. Mangels Brett mußte Ferdinand vom breiten, Rücken des Sportlehrers springen. So ist er Ausweisträger "Fahrtenschwimmer", obgleich er bis zum heutigen Tage ein 3m-Brett noch nicht bestiegen hat. Ein Sprung vom Rand, oder besser einen seichten Sandstrand zog Ferdi stets vor, wenn er seinen Körper ins Wasser bringen mußte. Ideal waren auch Leitern, Treppen oder betonierte, schiefe Ebenen.

Ab 17 Jahren meldete sich Ferdi von weiteren sportlichen Abenteuern per ärztlichem Attest ab. Sogleich stieg der Notendurchschnitt auf den Zeugnissen, denn die Sportnote (und die Religionsnote) fehlten bei der Durchschnittsbildung.

Dann begann eine schöne, Zeit. Ferdi wurde Student in Münster. Er erfuhr viel über die Naturwissenschaften, über mathematische Algorithmen und numerische Mathematik. Sport war nie ein Thema. Hin und wieder wechselte die Freundin, aber Sport war weiterhin kein Thema.

Die sportliche Anne trat in Ferdis Leben

Am 3. Oktober 1972, ein saukalter Tag, lernte Ferdi das Mädchen Annegret in Münsters Tenne kennen. Sie war groß und hübsch und trug einen kurzen Minirock über den langen Oberschenkeln. Ferdi war entzückt. Die ersten Jahre verliefen weiter ohne sportliche Relevanz. Dann wollte Annegret plötzlich mehr. Sie buchte eine Reise mit der Eisenbahn nach Innsbruck und mit dem Bus nach Sölden. Wieder sollte Ferdi eine Wassersportart erlernen: Skifahren. Ja, ohne Wasser läuft da gar nichts, man benutzt Wasser im festen Aggregatzustand als rutschige Unterlage unter geglätteten Brettern mit scharfen Stahlkanten. Oft genug mußte Annegret abends mit Nadel und Faden den schützenden Anzug ihres Geliebten nähen, damit er am Folgetag wieder die Skischule besuchen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Gefährdet war jeder, dessen Zeit-Weg-Kurve mit der von Ferdi zu kollidieren drohte. Ein Fotograf, der im Laufe der ersten Woche die Skigruppe auf Kodak ablichten wollte, mußte beispielsweise mit einem großen Satz in den Schnee Ferdis Fahrtroute freigeben, sonst wären beide vielleicht per Hubschrauber aus dem Skigebiet abtransportiert worden. Der Schrecken dieses Mannes beim Blick durch den Sucher muß angesichts des scheinbar immer größer werdenden Ferdinands so immens groß gewesen sein, daß er nicht mehr dazu kam, den Auslöser seiner Spiegelreflexkamera zu betätigen.

Es folgten weitere Sportarten, die Anne mit Ferdinand ausüben wollte. Die meisten fanden an Land statt, wie Speckbrettspielen und Tennis. Bei allen Sportarten mangelt es bei Ferdinand an Eleganz. Ferdi macht vieles anders als die Anderen. Bei der Haltung, bei der Stellung zum Ball, bei der Wucht des Schlages, usw.

Bis heute kann ich mit Anne nur Mixed spielen, ohne daß der Haussegen schief hängt. Steht sie mir gegenüber, so nimmt sie sehr bald meine Haltung zum Ball ein und spielt so beschissen, daß der Zorn selbst ihren niedrigen Blutdruck zum Hochschnellen bringt.

Im Laufe der Jahre gab es immer mal Gelegenheit, weitere Bekannte zum Hinabgleiten von Hängen und Pisten zu überreden. All' diese Anfänger, ohne gefestigte Persönlichkeit, die Ferdi nachgefahren sind, erkennt man heute und wahrscheinlich noch bis an ihr Lebensende, an dem typischen, versauten Fahrstil, den Ferdi so weit perfektioniert hat, daß er kaum noch stürzt - weil er zu faul ist, wieder aufzustehen.

Durch einen knatschgelben Skianzug hat Anne ihren Ferdi motivieren können, weitere Skiurlaube zu buchen. Er mag Skiurlaube aber auch selbst! Nicht wegen des sportlichen Skifahrens, sondern er genießt die Landschaft, die Berge, die Aussicht, das gibt den Kick.

Skilehrer bekommen jeweils eine Identitätskrise, wenn Ferdi an ihrem Kurs teilnimmt. Sie meinen nach einer Woche redlicher Mühe, versagt zu haben, wenn sie Ferdis Fahrstil abschließend betrachten.

All das zu den anderen Sportarten und vor allem den Sportarten, die irgendwie mit Wasser zu tun haben.

Viele schöne Urlaube verbringen Anne & Ferdi miteinander in allen Teilen der Welt. Sie verbringen sie an Land, oder höchstens in den ersten 50m vom Land entfernt. Die Hochzeitsreise geht nach Kenia. Mit dem Glasbodenboot hat man einen wundervollen Blick auf die farbenprächtigsten Fische tropischer Ozeane. Anläßlich des Jubiläums der 10-jährigen Hochzeitsreise besuchen wir 1995 wieder das schöne Land Kenia. Nach einer Safari durch das Hochland um den Kilimandscharo haben wir zwei Wochen Diani-Beach zur Erholung gebucht. Vor der Südküste Mombasas liegt ein Riff. Diesmal ergreifen Anne und Ferdi jedweden Mut und beginnen zu Schnorcheln. Phantastisch, wie schön die Korallen da lagen und die Vielfalt der bunten Fische im Meer, toll! Es sind längst nicht mehr so viele Fische wie zehn Jahre zuvor, aber es gibt trotzdem noch viel zu sehen.

Nach einer Woche am Swimmingpool will Anne mehr erleben. So nimmt sie eines Dienstags um 11 Uhr am Schnuppertauchen teil. Ferdi hat eine Entzündung am linken Ohr vom vielen Schnorcheln im Meer und im bakteriell angereicherten Swimmingpool. Gerd Wahlers ist jedoch ausreichend motiviert, den Dienstag Nachmittags beginnenden Tauchkurs mitzumachen. Nach einer Woche harter, teils ganztägiger Arbeit ist es dann so weit: Anne erhält ihr Zertifikat - sie ist nun "Open Water Diver". Gerd auch.

Die Zeit geht ins Land. Nach einigen Monaten hat Gerd Geburtstag. Es ist klar, daß er sich von seinen Freunden und geladenen Bekannten eine Taucherausrüstung schenken läßt. Das tollste, überraschendste Geschenk kommt jedoch von Annelie: Sie hatte heimlich einen Tauchkurs besucht und ist frisch zertifiziert.

Nun verdichteten sich die Fragen bei allen: Was wird mit Ferdi?

Wieder gehen Wochen und Monate ins Land. Im Oktober/November 1995 fliegen Anne & Ferdi nach Ägypten. Nach den pyramidalen und sakrophagen Sehenswürdigkeiten des Landes folgt eine Woche Aufenthalt am Roten Meer. Die submarine Lebensvielfalt dieses Gewässers, an dessen Gestaden Wüste herrscht, ist phänomenal. Steigt man vom Rand über eine Leiter ins Meer und steckt den Kopf ins Meerwasser, so meint man, man wäre im Aquarium. Anne nutzt auch hier wieder die Gelegenheit zum Tauchen, Ferdi zum Schnorcheln. Wunderbar.

Weihnachten steht vor der Tür; dann folgt ein schöner Skiurlaub im Montafon bei herrlichem Sonnenschein. Danach dauert es nicht mehr lang bis zu Ferdis Wiegenfest. Diesmal hat sich Anne eine ganz besondere Überraschung ausgedacht: Ferdis Anmeldung zu einem Tauchkurs. Sie läßt ihn aber nicht nackt ins Wasser, nein. Sie schenkt ihm auch gleich noch die fehlenden Requisiten zur obligatorischen ABC-Ausrüstung: Füßlinge und gelbe Flossen.

4.3.1996 19-21 Uhr - Lektion 1

Am 4.3.96 ist es dann so weit. Um 19 Uhr treffen sich 10 Menschen mit Alexander Xxxüler, einem Tauchlehrer des Tauchclubs "Triton Divers Monasteria e. V.". Alexander ist 26 Jahre alt, Medizinstudent. Drei der zehn Menschen sind weiblich, die anderen sieben männlich, vier sind erwachsen, sechs sind kindlich. Alle 10 haben sich im Foyer des Südbades aus freien Stücken versammelt, um Taucher zu werden. Doch vor dem Tauchen kommt die Schnorchelausbildung. Dies sollte für Ferdi ja kein Problem sein, hat er doch in Kenia und Ägypten diese Disziplin überraschend gut absolviert. Er lag dort immer ruhig an der Wasseroberfläche und schaute voller Interesse nach bunten Fischen und Korallen. Besonders die gelben Schmetterlingsfische haben ihn fasziniert.

Im Schwimmbad beginnt die Schnorchelei zunächst mit der wichtigen Übung, von innen auf die Gläser der Taucherbrille zu spucken. Super, kein Problem für Ferdi. Er trifft zielgenau. Die Spucke wird verrieben. Das Spucken soll nach einem Aberglauben, der bei Tauchern und Schauspielern oder Regisseuren weit verbreitet ist, einen problemlosen, erfolgreichen weiteren Tag bewirken. Konkret meinen die Taucher, die Brille würde beim folgenden Tauchgang nicht beschlagen. Dann ziehen alle ihre Flossen an. Alle haben bescheidene, schmale, dunkle Flossen, in die sie ihre unbekleideten Füße hineinstecken. Ferdi hat große, gelbe Flossen, die mit Neopren-Füßlingen betreten werden - zum Schutz vor Korallen, Steinfischen und scharfen Kanten an den Schwimmbadkacheln. Die zweite Aufgabe besteht darin vier Bahnen zu schwimmen. Von nun an geht's bergab. Wie von Turboschrauben angetrieben schießen 6 Taucher und 3 Taucherinnen durch das wohltemperierte Chlorwasser des Südbades. Ferdi fällt zurück. Zeit seines Lebens schnorchelte er langsam, unter Vermeidung heftiger Bewegungen der Extremitäten. Kaum ist Ferdi 10m vom Rand entfernt, kommen ihm die 9 anderen schon wieder vom gegenüberliegenden Ufer entgegen. Ferdi erhöht die Amplitude seines Beinschlages. Ohne Wirkung. Die anderen haben schon wieder gewendet und ziehen spritzend an ihm vorbei. Vorn bildet sich bei den meisten eine richtige Bugwelle. Man könnte meinen, der Tauchlehrer wolle Wasserski fahren. Ferdi erhöht die Frequenz seines Beinschlages. Wieder ist die Wirkung unbedeutend. Die Meute kommt ihm nach 2/3 der Bahn zum zweiten Mal entgegen. Dann versammeln sich alle um Alexander und lauschen seinen Worten. Ferdi braucht noch eine Weile, um nach ¾ der ersten Bahn zurückzuschnorcheln, bis er Alexanders Ausführungen lauschen kann. Alexander weiß auch nicht woran es liegt. Nichts deutet auf einen Fehler der Ausrüstung hin. Vielleicht sind die Füße zu sehr abgewinkelt. Wer weiß.

Die folgenden Übungen trainieren das Schwimmen mit und ohne Flossen auf der Seite, auf dem Rücken, auf dem Bauch. Dann wird die Maske auf- und abgesetzt, ausgeblasen und man schwimmt zeitweise zu zweit unter Wasser. Ferdi ist mit 44 Jahren minus 2 Tagen der Älteste. Das jüngste Kind ist 12 Jahre alt und mit Mother da. Mother heißt Barbara oder Brigitte und ist 36. Sie segeln oft und wollen demnächst auch mal ihr Boot von unten betrachten.

Die nächste Übung dient dazu, das Abtauchen zu lernen. Man schwimmt an der Wasseroberfläche oder knapp darunter und knickt dann plötzlich an der Hüfte nach unten ab. Das Gewicht der Beine, Füße und Flossen soll dann den Körper in die Tiefe drücken. Klingt gut und sieht auch bei Alexander gut aus. Ferdi kommt vielleicht einen Meter tief, verschluckt sich an dem durch den Schnorchel in den Rachenraum eindringenden Wasser und muß kräftig husten. Jedem Tauchsportinteressierten sei gesagt, daß es nicht ratsam ist, unter Wasser zu husten. Egal, weiter. Die anderen Mädchen heißen Marion und Raphaela. Sie sind 28 und miteinander befreundet. Marion will durch das Tauchen einfach 'mal eine neue Erfahrung machen und Raphaela hat einen Tauchgang mit Flasche schon mal im Urlaub absolviert. Sie will jetzt mehr darüber lernen. Die anderen Jungs sind schlecht auseinanderzuhalten. Sie sind schlank, pickelig und sehr aufmerksam. Zwei sind Brüder, der Älteste ist 19 Jahre alt. Sie surfen täglich im Internet. Compunet ist ihr Provider. Sie wollen schon eine Homepage für den Tauchclub anlegen. Alexander möchte aber nicht seine Telefonnummer auf der Page stehen haben. Er fürchtet, daß er dann zuviel e-Mail bekommt. Nach diesen Gesprächen in der Knabensammelkabine ist die 1. Lektion beendet. Ferdi ist geschafft. Wasser erfüllt die Gehörgänge und die mit dem Schnorcheln verbundene, körperliche Anstrengung schwächte ihn unerwartet heftig. Bisher dachte Ferdi, Tauchen sei eine Sportart, bei der man sich möglichst langsam bewegt, um Luft zu sparen. Mindestens bei der 1. Lektion war davon nichts zu spüren.

5.3.1996 19-2130 Uhr - Schlaun-Gymnasium

Die Theorie beginnt mit einem Diavortrag. Dias aus der Buddenkuhle, dem Speichersee des Lingener Kraftwerks, aus dem Mittelmeer, der Karibik und viele bunte Fische und Korallen aus dem Roten Meer. Alle sind begeistert. Ja das wollen sie auch sehen. Taucher wollen sie werden, das ist super. Das Licht geht wieder an und Alexander beginnt alsbald mit der Theorie: Physik. Die physikalischen Zusammenhänge, die beim Tauchen eine Rolle spielen werden der Reihe nach durchgesprochen. Alexander macht das sehr anschaulich, so daß auch 12-jährige und Hausfrauen seinen Ausführungen folgen können. Ferdi hat heute keinerlei Probleme, ein schönes Gefühl. Alexander erklärt, was Druck ist, in welchen Einheiten das Atemvolumen gemessen wird, das Archimedische Prinzip, den Auf- und Abtrieb, den Luft- und Wasserdruck und vor allem die Druckänderungen in Abhängigkeit von der Tiefe, die Zusammensetzung der Luft. John Dalton, den Alexander für einen Franzosen hält, fand seinerzeit heraus, daß der Gesamtdruck eines Gases sich aus der Summe der Partialdrücke der Anteile der Gase im Luftgemisch ergibt. Die Konsequenzen der Wirkung des Boyle-Mariotte'schen Gesetzes verdeutlicht Alexander besonders anschaulich: Wer ohne Atemgerät die Luft anhält und abtaucht, dessen Lunge wird von anfänglich 6l soweit zusammengequetscht, wie es eben geht, so auf etwa 1,2l. Danach tritt Blut und Zellflüssigkeit aus dem Lungengewebe aus (Lungenödem) und sammelt sich in der Lunge - klingt nicht gut, man nennt es auch das "Barotrauma der Lunge beim Abtauchen" oder "Lungenunterdruckbarotrauma". Wer dies noch überlebt, hat bei der nächsten Übung viel bessere Chancen für einen sicheren Exitus. Wer mit SCUBA abtaucht, in beispielsweise 30m Tiefe seine Lunge "normal" auf 6l (bei 4bar = 24barl) gefüllt hat und dann auftaucht, der hat an der Oberfläche (24barl/1bar=24l) ein Lungenvolumen von 24l. Da eine so weit aufgeblasene Lunge in noch so voluminösen Brustkörben keinen Platz findet, platzt sie: Es entsteht ein Lungenriß mit der Folge einer Embolie und inneren Blutungen. Der Exitus ist wahrscheinlich. Also lernen wir in eigenem Interesse von Boyle-Mariotte: Beim Auftauchen nie die Luft anhalten, sondern abblasen.

Boyle-Mariotte kennen auch verheiratete Ehemänner: p V=konstant bedeutet für den Gatten. Je größer der Druck der Gattin auf den Ehemann ist, desto kleiner ist sein Volumen - mit Hut.

Das Gesetz von Gay-Lussac bringt dagegen fast harmlose Konsequenzen. Es besagt: Bei konstantem Volumen wächst der Druck einer gegebenen Gasmenge im gleichen Verhältnis wie die absolute Temperatur. So erklärt sich, daß eine (wegen des Joule-Thomson-Effekts nach dem Füllen auf 45°C aufgeheizte) Gasflasche, die mit einem Druck von 210bar gefüllt wurde, später im kalten Wasser von 12°C nur noch einen Druck von 188bar aufweist. Taucher sind dann immer knatschig, weil sie meinen, die Tauchbasis hätte ihnen wieder nur halb gefüllte Flaschen mitgegeben. Wer Gay-Lussac kennt, weiß, daß die Tauchbasis unschuldig ist.

Henry wußte, daß bei konstanter Temperatur die Menge des in einer Flüssigkeit gelösten Gases im Sättigungszustand im direkten Verhältnis zum Druck des über der Flüssigkeit stehenden Gases steht. Hier geht es um Gase, die wegen des hohen Drucks in der Tiefe im Blut gelöst sind und beim Auftauchen wieder ausgasen, wie die Kohlensäure einer Sektflasche, bzw. für die unter 18-jährigen Jungtaucher, wie die Kohlensäure (CO2) einer Seltaswasserflasche nach dem Öffnen. Henry - Sekt oder Seltas.

Licht und Farben interessieren vor allem fotografierende Taucher. Wasser ist für lange Wellen besonders undurchsichtig. Rotes Licht legt nominell 5m im Wasser zurück. Energiereiches, blaues Licht schafft bis zu 60m Wasser. Alexanders Lieblingsfangfrage: Ein roter Fisch schwimmt in 3m Entfernung in 20m Tiefe. Welche Farbe hat der Fisch? Die Meinungen differieren. Die richtige Antwort ist: Schwarz, denn das rote Licht dringt von der Wasseroberfläche erst gar nicht bis auf 20m Tiefe, so daß der Fisch mehr oder weniger nur von gelbem, grünen und blauen Licht beleuchtet wird. Wenn der Fisch rot ist, reflektiert er diese Farben nicht (nur rot), daher erscheint er schwarz. O.K. Zusatzfrage: Ein Taucher fotografiert diesen roten Fisch in 3m Entfernung mit einem Blitzlicht. Welche Farbe hat der Fisch auf dem Foto? Die Meinungen differieren wieder. Die richtige Antwort ist: Schwarz. O.K. Noch Fragen? Das Blitzlicht legt 3m bis zum Fisch zurück und 3m zurück zum Fotoapparat. Das ist mehr als 5m, daher fehlt die Farbe Rot. Der Fisch kann aber nur rotes Licht reflektieren, also ist er auch auf dem Foto schwarz.

Brechung, Streuung und Absorption sind weitere Themen. Diese Effekte sorgen dafür daß es so schnell dunkel im Wasser wird. Wegen der Brechung (zwischen optisch dünneren Medium (Luft hinter der Maske) und Wasser (im Stadtbad Süd)) erscheinen alle Gegenstände unter Wasser 4/3 größer als in Wirklichkeit. Umgekehrt sind 1m lange Fische in Wirklichkeit nur 3/4m (=0,75m) lang.

Der Schall hat in der Luft eine Geschwindigkeit von 340m/s. Im Wasser ist die Schallgeschwindigkeit gut 4 Mal höher. Dies führt dazu, daß die Laufzeit einer Schallwelle zwischen dem linken Ohr und dem rechten Ohr so gering ist, daß man meint, die Schallwelle trifft gleichzeitig ein. Daher ist eine Ortung der Schallquelle fast unmöglich. Außerdem hört man weit entfernte Schallquellen noch sehr laut. Was lernt der Nachwuchstaucher fürs Leben: Wenn es laut ist, sollte man nicht auftauchen. Es könnte eine Schiffsschraube sein, die einem beim Auftauchen einen Scheitel zieht. Wenn man doch auftauchen muß, sollte man einen Arm hochstrecken, so daß man von Booten und Surfern alsbald gesehen wird.

Wärmeleitung, Wärmeströmung, Wärmestrahlung, sowie die Details zum Joule-Thomson-Effekt - sind erst für das silberne Abzeichen dran.

Nach der Stunde beglückwünsche ich Alex für seine anschauliche Darstellung der Physik. Er hat immer etwas Bammel davor, daß sich ein leibhaftiger Physiker unter den Hörern befindet. Heute war's mal wieder so weit, aber er hat sich wacker geschlagen. Die ganze Gruppe war mucksmäuschen still und hörte aufmerksam zu. Marion fehlte heute. Sie mußte arbeiten. Raphaela macht sich schon Sorgen um eine Nachfolgerin, die für Marion einsteigen könnte. Alex kann sich um die Koordination nicht kümmern. Er bereitschaftet derzeit im Ruhrpott und kommt jede Woche an 2 Tagen ins schöne Münster auf Visite.

11.3.1996 19-21 Uhr - Stadtbad Süd, Lektion Schnorcheln 2

Heute schnorchelt Ferdi schon energiesparender. Er ist so schnell, daß er sogar eine der Seniorinnen auf der abgesperrten Nachbarbahn überholt. Sie schwimmt ohne, Ferdi mit Flossen. Hieraus folgt, daß die wunderschön gelben Flossen für Ferdinand keine sehr große Behinderung mehr darstellen. Wie schön. Alexander bekommt heute von einer blondgelockten Maid Besuch am Beckenrand. Sie herzen sich mehrfach, während die Nachwuchstaucher das Aufwärmtraining absolvieren: 5 Minuten Rückenschnorcheln, 5 Minuten Brust, 5 Minuten auf einer Seite und 5 Minuten mit einer Flosse. Alexander motiviert uns mit der Perspektive, daß es gerade orientierungslosen Anfängern passieren kann, in größerer Entfernung vom Boot aufzutauchen. Dann muß man noch Mittelstreckenschwimmen und es sind ja nicht alle so im Training wie Franziska von Almsieck oder Albatros Michael Groß. Nach dieser Übung wässert sich Alex und läßt uns nach Ringen tauchen und er zeigt uns, wie man durch Ausatmen auf den Grund des Beckens sinken kann. Bei der Partnerübung, gemeinsam durchs Becken zu schnorcheln und den Schnorchel wechselweise zu benutzen, verweigert Mother wegen hygienischer Bedenken. Der Abend schließt mit dem Abschleppen von vermeintlich verletzten Tauchern, z.B. nach einem Lungenriß (wegen Mißachtung des Boyle-Mariotte'schen Gesetzes). Dann muß man den schwächelnden, röchelnden Verletzten anlanden. Leicht ist es am Sandstrand. Bei Leitern und Felsenküsten muß man sich den Verletzten auf die Schulter laden und an Land bringen. Wichtig ist auch beim Rufen nach Hilfe, daß man gleich darauf hinweist, daß der Verletzte unverzüglich (z.B. per Hubschrauber) in eine Dekompressionskammer kommt. Marion ist wieder dabei, vielleicht hat sie gekündigt. (Nein, stimmt gar nicht!)

12.3.1996 Theorie 2 - Medizin

Heute fehlt Raphaela unentschuldigt. Alle anderen lauschen mit wachsendem Entsetzen den Worten Alexanders. Er hat sein Heimspiel als Mediziner. Wir lernen zunächst alle luftgefüllten Körperhöhlen kennen und erfahren, wie sie be- und entgast werden. Dann lernen wir die Anatomie des Ohres kennen. Ohropax ist Tabu für Taucher und ein erkälteter Taucher hat unter Wasser nichts verloren, denn seine Schleimhäute sind geschwollen und dadurch werden die Ohrtube und die Verbindungskanäle zwischen Nasen-Rachenraum und den Kopfhöhlen verschlossen. Der Druckausgleich kann nicht stattfinden. Man empfindet starke, stechende Schmerzen beim Ab- und Auftauchen. Es entsteht ein Kompressionsbarotrauma. In der Körperhöhle tritt beim Abtauchen wegen des Unterdrucks Blut und Gewebeflüssigkeit aus. Die Schleimhäute werden verletzt. Es besteht, abgesehen von den Schmerzen, erhöhte Infektionsgefahr.

Zurück zum Ohr. Wer hier keinen Druckausgleich durch die Ohrtube zum Mittelohr erzielt, dem droht das Trommelfell auszubeulen und später irgendwann zu reißen. Danach ist zwar ein Druckausgleich erreicht, aber es schießt eventuell gleich Wasser bis vor die Fenster des Innenohres oder die kleinen Gehörknöchelchen Hammer, Amboß und Steigbügel werden verrenkt (Luxation). All dies hat Gehörschäden zur Folge, die mitunter irreparabel sind. Ein reißendes Trommelfell in der Tiefe kann u.U. auch zu Orientierungsproblemen und Schwindel führen, denn die Bogengänge des Innenohres beherbergen den Gleichgewichtssinn.

Danach betrachten wir das größte, mit Luft gefüllte menschliche Organ: Die Lunge. Wir lernen alles über die Physiologie der Atmung, wie der Sauerstoff in die kleinen Lungenbläschen (Alveolen) eindringt und dort an die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) chemisch andockt. Im Austausch wird CO2 frei. Beim Einatmen nimmt man Luft mit 21% Sauerstoff auf. Beim Ausatmen enthält die Luft noch 17% Sauerstoff und 4% Kohlendioxid. Der Rest, Stickstoff und Edelgase sind sogenannte Inertgase, die keine Reaktion mit den roten Blutkörperchen eingehen.

Der Rest der Stunde wird den sonst noch möglichen Verletzungsgefahren und deren Erkennung, Vermeidung bzw. "Erste Hilfe- und Rettungsmaßnahmen" gewidmet: Erfrierungen, Unterkühlung, Vergiftungen durch Fische und Quallen, Stiche von Seeigeln, Moränenbisse und der Kontakt mit dem Hai.

18.3.1996 Der 1. Tauchgang mit SCUBA

19 Uhr, Südbad. Alexanders Opel ist voll Flaschen und Körben mit Jackets und Lungenautomaten. Wir schleppen zunächst die Klamotten ins Bad. Nach dem Umziehen weist uns Alexander in die pflegliche Behandlung der auf 200bar gefüllten Flasche ein. Die Flasche wird stets hingelegt, es sei denn, man will sie gerade ans Jacket kletten, denn eine unbeabsichtigt, unkontrolliert umkippende Flasche könnte am Ventil beschädigt werden, wodurch die darin befindliche Luft explosionsartig entweichen kann. Wer dann den umherfliegenden Teilen im Wege steht, wird kaum Gelegenheit mehr haben, seine Erfahrungen dem Rest der Welt mitzuteilen. Nun erklärt Alexander die Weste, die Halterungen für die Flasche, den Inflatorschlauch, das Anschließen des Lungenautomaten, das Öffnen und Schließen des Ventils, den Gebrauch des Lungenautomates, usw. Danach legen wir das Jackett an. Ferdi bekommt Mother Barbara als Tauchpartnerin zugeteilt - die beiden Alten. Raphaela bleibt an Land. Sie hat Bronchitis und hustet, was das Zeug hält. Erwin wird Barbara und mir als Tauchneger zugeteilt. Alexander hat ihn und Ansgar als Tauchneger dabei. Erwin ist so Ende 40, er erinnert mich an meinen ehemaligen Sportlehrer Diez, von dessen breitem Kreuz ich 'mal den 3m-Sprung in den Edersee absolviert habe. Ansgar paßt zu den pickeligen Internet-Jungs. Ferdi kommt mit der Ausrüstung gut klar. Jeder baut hier seine Sachen selbst zusammen, das ist Ehrensache. Alexander steht aber für Fragen bereit. Ferdi bekommt die XL-Weste, ein schmächtiger junger Bursche von 13 Jahren bekommt S. Alle anderen Westen haben Größe M. Erwin bringt mir noch einen Bleigürtel. An Land mangelt es an Auftrieb - die Gravitation zieht unvermeidlich die Flasche und Gürtel Richtung Erdmittelpunkt. So angekleidet wollen wir alle baldigst ins Wasser; es ist ja auch schon 20 Uhr. Im Wasser sollen wir uns hinknien. Blei und Flasche lassen Ferdi stets um eine indifferente Körperachse rotieren. Danach hängt das Gesäß unten und Beine und Kopf schweben einen halben Meter höher im Wasser. Der Druckausgleich klappt einigermaßen und die Bedienung der Weste ist auch nicht übermäßig schwierig.

Die erste Übung unter Wasser: Die Weste muß über das Mundstück des Inflators aufgeblasen werden. Es klappt - wunderbar, aber der Arsch hängt wieder unten. Vielleicht mangelt es an Auftrieb verschaffenden Darmgasen. Nach 20 Minuten tauchen wir auf. Die Zeit ist schnell vergangen. Erwin kann sich meine indifferenten Rotationen auch nicht erklären. Er meint, ich müsse eben noch üben. Dann folgt der Ausstieg aus dem Swimmingpool über die Leiter. Der Rest der Zeit dient dem Zerlegen der Gerätschaften, dem Entwässern der Weste (alles Fremdworte für Anne, dafür gab es in Kenia die Tauchneger) und dem Abtransport in den Trockenbereich des Hallenbades. Nach dem Duschen wird dann alles in den Eingangsbereich des Südbads gestapelt und dann wieder im Kofferraum des Opels verstaut. Wunschgemäß fahre ich noch mit, um das Equipment in dem Keller eines in der Nähe der Friedrich-Ebert-Straße gelegenen Hauses zu deponieren.

Danach kann ich meiner Anne telefonisch von meinen submarinen Erfolgen und meiner neu kreierten Maikäferhaltung berichten, die niemand so gut beherrscht wie Ferdi. Anne ist entsetzt. Sie befürchtet, daß auch bei dieser Sportart meine B-Note zu wünschen übrig läßt.

19.3.1996 Tabellen, Tabellen, Tabellen

Nach der Wiederholung der Prüfungsfragen beginnen wir mit der Planung eines Tauchgangs. Dieser Vorgang wird überwiegend von dem Gesetz von Henry bestimmt. Je länger man tief taucht, desto mehr Stickstoff ist molekular im Blut gelöst, desto mehr ist das Blut und damit auch das ganze Körpergewebe mit Stickstoff gesättigt. Dann kann man in Tabellen nachschlagen, wie die Dekompression beim Auftauchen (Austauchen) durchzuführen ist, damit der im Blut und Gewebe gelöste Stickstoff wieder über den Kreislauf zur Lunge transportiert und ausgeatmet werden kann. Bei Nichtbeachten drohen Dekompressionsunfälle. Generell gilt zunächst, daß man nie schneller als mit 10m/min. aufsteigt, einen 3-minütigen Sicherheitsstop auf 3m Tiefe einlegt und ansonsten die schon erwähnten Tabellen beachtet. Man bestimmt die max. Tiefe und die Grundzeit, das ist die Zeit zwischen Abtauchen von der Oberfläche und Beginn des Aufstiegs, des Austauchens. Die Austauchzeit ist somit die Zeit, die man für den geregelten Wiederaufstieg zur Oberfläche benötigt. Austauchstufen (Deko-Stufen) sind Wassertiefen (3m, 6m, 9m), auf denen man Austauchpausen einlegt. Austauchpausen sind Zeiten, die man gemäß Tabelle in den Austauchstufen zu verbringen hat. Oberflächenpause ist die Zeit an der Wasseroberfläche zwischen zwei Tauchgängen. Bei einem Wiederholungstauchgang sind Zeitzuschläge zu ermitteln. Ebenso sind bei besonderer Anstrengung und Frieren in kaltem Wasser Zuschläge (bis zur Halben Grundzeit) zu berücksichtigen. Dies kann natürlich ein Tauchcomputer alles nicht wissen. Insofern kann man sich auf ein solches Gerät nur bedingt verlassen.

25.3.1996 Der 2. Tauchgang

Mit Routine montieren wir die Flasche ans Jacket. Mother & Child fehlen. Sie sind in den Osterferien verreist. Raphaela ist wieder genesen. Letzte Woche fieberte sie im Bett, heute fiebert sie am Beckenrand ihrem ersten Tauchgang im Südbad entgegen.

Vor dem Anlegen des Jackets wird ein Check durchgeführt. Jeder kontrolliert bei seinem Tauchpartner die Ausrüstung: Ist das Ventil der Flasche geöffnet? Ist der Inflatorschlauch angeschlossen? Funktioniert der Inflator? Funktioniert der Lungenautomat? Welcher Druck wird auf dem Manometer angezeigt? Dann hilft man seinem Tauchpartner beim Anlegen der Weste. Erwin hat eine ganz besondere Technik: Er stülpt sich die Weste mit der Flasche über den Kopf. Meine Flasche hängt gar nicht auf dem Rücken, sondern baumelt vorm Hintern. Erwin zeigt mir zwei Gurte, die man kürzer einstellen kann, schon hängt alles viel höher. Ferdi trägt schließlich das XL-Jacket, das ist auch noch für üppigere Tauchkörper geeignet. Dann wird das Wassern geübt. Mit einem "langen Schritt" vom Beckenrand geht's hinein. Eine Hand hält dabei die Brille und den Lungenautomat, die andere greift an den gerade verkürzten Jacketgurt an der linken Schulter und den Inflatorschlauch. Nach dem Wiederauftauchen wird dem an Land wartenden oder bereits vorgesprungenen Tauchpartner das OK-Zeichen signalisiert. Danach müssen alle wieder anlanden - über die Leiter. Aber zunächst sind dazu die Flossen auszuziehen, weil die Stufen nicht genug Platz lassen für Füße mit Flossen. Die nächste Form der Wässerung simuliert das rückwärtige Abrollen aus einem Schlauchboot. Hier läßt man sich vom 1m-Brett sitzend hinten über fallen. Wer auch diese Hürde unbeschadet genommen hat, signalisiert wieder das OK-Zeichen. Für den Tauchunkundigen sei erwähnt, daß es leichter geht, als man meint, schließlich trägt man ja eine Brille, in der Augen und Nase trocken bleiben und man benutzt den Lungenautomaten bereits an Land, so daß man während der Wasserung normal weiter atmen kann. Die Weste ist außerdem mit Luft gefüllt, wodurch man nach dem Eintauchen problemlos wieder an die Wasseroberfläche zurückgeholt wird. Die nächste Übung: 5 Minuten mit voller Tauchausrüstung mit dem Schnorchel schwimmen (Bauch nach unten), dann 5 Minuten Rückenschwimmen ohne Schnorchel. Diese Übung ist zwar nicht besonders erquickend, aber ich kann voller Stolz und eigener Verwunderung berichten, daß ich etwa genauso schnell war wie die pickeligen Jugendlichen. Diese Ausrüstung bremst die Kurzen doch einigermaßen.

Dann tauchen wir ab und tarieren uns aus: 5 Minuten Schweben. Ferdi erreicht schon viel besser eine stabile Bauchlage als letzte Woche, wo die Flasche und das am Gesäß montierte Blei ihn stets rotieren ließen, wodurch er in die "Maikäfer auf dem Rücken"-Haltung geriet. Die nächsten Übungen: Aufblasen des Jackets am Mundstück des Inflatorschlauchs, wozu man jeweils den Lungenautomat nach dem Einatmen herausnimmt, das Inflatormundstück in den Mund nimmt, die Taste fürs Aufblasen drückt und pustet. Etwas Luft braucht man dann noch für das Ausblasen des Lungenautomats. Klappt alles wunderbar. Dann schweben wir wieder und geben uns gegenseitig schwergewichtige Ringe. Der Abtrieb muß durch einen Luftstoß ins Jacket ausgeglichen werden. Umgekehrt muß man nach dem Weitergeben des Ringes an seinen Nebenmann oder seine Nebenfrau natürlich wieder Luft herauslassen, damit man nicht bis zur Wasseroberfläche durchstartet. Die letzte Übung besteht darin, am Beckenboden die Brille mit seinem Tauchpartner zu tauschen. Nachdem man die mit Wasser gefüllte Brille wieder aufgesetzt hat, bläst man sie - den Kopf in den Nacken zur Wasseroberfläche schauend - durch Ausatmen durch die Nase aus. Klappt wunderbar. Nun kann Ferdi seine Faust ballen, womit er seinem Tauchpartner Erwin und dem Tauchlehrer Alexander signalisiert, daß er auf Reserve ist und bald keine Luft mehr haben wird. Der Druck in der Flasche ist auf 50bar gesunken, also ist es Zeit zum Auftauchen. An Land wird alles wieder demontiert und das Jacket entwässert. Danach wird das Equipment in den Trockenbereich des Schwimmbades getragen. Nun werden die Blasen der Taucher auf der Toilette entwässert. Es folgt die warme Dusche. Als Taucher sieht man erst 'mal, was für Dreck in so einem Schwimmbad unterwegs ist: büschelweise Haare und sonstige trübsinnige Schwebstoffe, die das Wasser immer zwielichtiger machen. Wahrscheinlich macht man die Becken an einigen Stellen so tief, daß sich der Dreck dort sammeln kann - dann braucht man das Wasser nicht so oft zu wechseln.

Ferdi fährt noch mit zum Tauchkeller, wo die Flaschen und Jackets ruhen. Sie können gleich 3 Wochen ruhen, denn ab jetzt sind Tauchferien. Morgen fällt die Theoriestunde aus.

Für Ferdi beginnt's dann noch 'ne Woche später, denn Glaremins und Freeses werden mit Schwiegermutter Anneliese eine Woche Urlaub auf Mallorca verbringen. Um 2125 Uhr bin ich wieder zu Hause und kann meiner Anne von meinen Erfolgen berichten. Sie ruht auf dem Sofa und kann meinen Berichten folgen. Schließlich muß sie ja erfahren, was aus ihren Investitionen in diese sportliche Ausbildung wird. Es gibt ja schon genug Sportarten, bei denen Ferdi nicht viel von den Ausbildungen abgebracht hat. Noch kann Anne hoffen!

15.4.1996 Der 3. Tauchgang

Hier kann ich nicht mitreden, ich war auf Mallorca. Wie ich hörte wurden viele Dinge wiederholt und Austarieren durch Ein- und Ausatmen waren noch Thema.

16.4.1996 Theorie

Auch hier weiß ich nichts aus eigener Anschauung zu berichten. Ich hörte, es wurde die Ausrüstung besprochen, wie ein Lungenautomat und ein Tiefenmesser funktioniert.

22.4.1996 Der 4. Tauchgang

Alle sind wieder da, außer der Sohn von Barbara. Raphaela, Alexander und Marion erkundigen sich nach meinem Urlaub. Ob ich gar tauchen war. Ich muß sie enttäuschen. Ich berichte allerdings Mother Barbara von der Möglichkeit auf Mallorca ein Tauchzertifikat ohne Ausbildung zu erlangen. Man muß nur in das U-Boot Nemo steigen, taucht 45 Minuten lang auf bis zu 25m Tiefe und erhält sein Zertifikat. Barbara schüttelt den Kopf. Hier sind schließlich Sporttaucher oder Tauchsportler versammelt, U-Boot-Fahren kann jeder. OK, o.k.

Natürlich schaffen wir wieder die Flaschen und die Kisten mit den Jackets und Lungenautomaten ins Schwimmbad, duschen uns und bauen alles zusammen. Nach so langer Pause weiß ich meine Jacketnummer gar nicht mehr. Vielleicht ist sie auch gar nicht dabei. Alex weist mir ein rotes Jacket zu. Dieses Ding hat nur eine viel zu kleine Schnalle, wie mir scheint. Ich muß statt einer normalen Flasche eine Alu-Flasche nehmen. Sie ist gar nicht gelb, sondern alu-metallisch, viel dünner und länger. Das Jacket hat nur eine Schnalle für eine so lange Flasche. Alex ruft Georg herbei. Er ist der Eigentümer dieses Jackets. Er erklärt mir, man muß die Flasche möglichst oben angurten, damit sie einem nicht in den Nacken haut, wenn man ins Wasser springt. Gut gut. Außerdem solle ich beim Anlegen des Jackets mich bequem hinsetzen, das schont die Bandscheiben. Gut gut. Das Jacket hat zusätzliche Klettverschlüsse, z.B. für die Arretierung des Manometers. Gut gut, ein Luxus-Jacket. Barbara wird Ferdi wieder zugeteilt. O.k. Erwin soll uns nochmals zeigen, wie man ins Wasser kommt und wie man die Maske ausbläst und unter Wasser mit seinem Tauchpartner tauscht. Sie macht diese Übungen mit Erwin, derweil soll ich üben, mich auszutarieren. Geht klar, ich schwebe. Wenn ich nach dem Einatmen die Luft länger in der Lunge lasse steige ich, wenn ich schnell wieder ausatme, sinke ich. Gut, gut. Dann kommen die neuen Übungen, eigentlich alles Übungen für den Fall der Fälle, für den Notfall:

  1. Einer führt, wie ein Blindenhund, den anderen eine Runde durchs Becken. Der Geführte trägt dabei keine Brille. Barbara darf mich zuerst führen. Ich nehme die Brille ab und sehe alles nur noch unscharf, schemenhaft. Sie führt mich durchs Becken, klappt gut. Umgekehrt auch, obwohl wir schlecht wieder ins Tiefe zurückkommen. Danach muß natürlich jeweils die Brille wieder aufgesetzt und ausgeblasen werden, klaro.
  2. Aufstieg ohne LungenautomatAufstieg ohne Lungenautomat oder kontrollierter Notaufstieg. Am Boden knien wir wieder alle in einem mehr oder weniger ordentlichen Kreis. Dann entfernen wir den Lungenautomaten aus dem Mund und steigen (durch Fluten der Weste mit Luft) auf. Wichtig ist kontinuierlich auszuatmen, damit die Lunge nicht überdehnt wird.
  3. WechselatmungWechselatmung. Dann simulieren wir die Notsituation, daß einer der Tauchpartner keine Luft mehr hat und von seinem Partner per Lungenautomat versorgt wird. Eingeleitet wird diese Situation durch das Tauchzeichen "Flache Hand gegen den Kehlkopf". Der Partner weiß Bescheid, sagt o.k., fügt also Zeigefinger und Daumen zu einem "o" und spreizt die restlichen Finger ab. Danach krallt sich der spendende mit der linken Hand den Jacketschultergurt des Partners, vor allem hängt sich der Atembespendete mit der rechten Hand an dem Schultergurt seines Partners. Dann atmet man zweimal und führt den Lungenautomat seinem Partner zu. Dieser atmet auch zweimal, dann atmet man selbst weiter, usw. Wichtig ist, daß man zunächst nach Übernahme des Lungenautomaten erst ausatmet, damit der Automat kein Wasser mehr enthält, was man sonst einatmen würde (ungesund!). Super, alles klappt wunderbar. Ich benutze nur die falsche Hand, um Barbara am Jacket zu halten. Erwin erkennt dies gleich und korrigiert uns. Dann wird alles noch mal andersherum wiederholt und als besondere Attraktion tauchen wir eine Runde im Becken unter Wechselatmung.

Barbara hat inzwischen ihre Scheu vor dem Tausch der Mundstücke verloren. Schließlich ist es eh ein wildfremder Lungenautomat, den sie zwischen die Zähne klemmt, und nicht der eigene Schnorchel.

Als wir einmal herum sind, bemerken wir, daß sich alle anderen am Beckenrand tummeln. Auftauchen verschafft uns Klarheit:

Marion hat Kreislaufprobleme. Sie liegt flach an Land und man hält ihr die Füße hoch. Es war wohl etwas viel für sie, aber sie ist schnell wieder o.k., zwar noch etwas blaß aber es wird schon wieder. Es ist auch schon 2040 Uhr, Feierabend. Das heißt: Alle raus aus dem Wasser, abschnallen, Jacket entwässern und in die Kisten verpacken und alles heraustragen. Dann folgt die Dusche, der Föhn und als nächstes wird alles in Alexanders Opel-Vectra verstaut.

Heute kommt noch ein Absolvent mit Bronzezertifikat. Er braucht Alexanders Stempel. Alex hat alles dabei, das wandernde Büro, es fehlt nur noch das Notebook und das Handy. Wichtig ist in jedem Fall das Stempelkissen und (mindestens) ein Stempel. Danach fahre ich noch mit zum Keller, wo Alex, Ansgar und ich die gesamte Ausrüstung deponieren. Nun folgt wieder eine Tauch- und Theoriepause bis zum 6. Mai.

6.5.1996 Der 4. Tauchgang

Alle treffen sich in der Abendsonne vor dem Südbad. Die Gebrüder sind schon da. Marion aus BIT und Raphaela kommen im roten Polo. Es ist sonnig, aber frisch. Sie fragen mich, ob ich schon nervös bin und ob ich fit für die Prüfung bin. Welche Prüfung?

Sie behaupten lächelnd: "Morgen ist Prüfung."

André bestätigt mir, daß die Mädels mich nicht verarschen.

Morgen ist Prüfung. OK, o.k. Morgen. Heute tragen wir erst 'mal wieder die Flaschen und die Kästen mit den Westen ins Bad, ziehen uns um und duschen mehr oder weniger intensiv. Lukas braucht wieder 'ne Mark für die Spinttür. The same procedure than every...

Ferdi ist marklos, er läßt seine Börse üblicherweise im Auto. Irgendwer findet sich aber, der ihm 'ne Mark leiht für den Spind. Neptun sei Dank.

Im Bad transportieren wir das Equipment zum 3m-Brett. Dann montieren wir die Ausrüstung. Ferdi kennt wieder nicht die Nummer seiner Weste. Alle legen ihre Weste an. Die letzte Weste paßt auch nicht für Ferdi, eher für die zierliche Mother Barbara. Die rote Weste vom letzten Tauchgang fehlt, genauso wie sein Besitzer Georg. Nachdem alle bereits im Wasser herumdümpeln, meint Alex, ich solle einfach seine Weste nehmen, er käme dann später nach. Gut gut. Ich lege die Weste an, ein mühsames Unterfangen, wenn der Tauchpartner schon unter Wasser herumdümpelt und 'man alles (ohne Buddy oder Tauchneger) selbst anschnallen muß. Dann raffe ich mit der linken Hand den Inflator und den linken Gurt und halte mit der rechten Hand den Lungenautomat und die Maske, wie die Taucherbrille in diesen Kreisen genannt wird.

Alexis Lungenautomat verselbständigt sich gern, d.h. er prustet Luft heraus, wenn er sich nicht im Mund befindet. Ansgar drückt den Daumen auf den Auslaß, dann ist Ruhe. Gut, gut.

Auf Erwins Geheiß tauschen Barbara und ich wieder die Mundstücke - Wechselatmung. Diese Übung wird durch das internationale Tauchzeichen "Ich habe keine Luft mehr" eingeleitet. Wir klammern uns heute mit dem richtigen Händchen an die Bänderung des Partners und reichen uns gegenseitig den Lungenautomaten. Kein Problem - könnten wir stundenlang machen, wird nur langsam langweilig. Alex fahndet an Land nach einer Weste und einem Atemgerät. Georg muß wohl irgendwann erschienen sein, denn Alex kommt in seiner roten Weste mit der Alu-Flasche, die ich letztes Mal nutzen durfte, auf Grund.

Nun folgt wieder Programm: Wir sollen uns gegenseitig bewußtseinsgestört anlanden. Der stärkere Partner legt dazu die Hand unter den Arm des schwächelnden Tauchers und schiebt dessen Kopf nach hinten. Dann flutet man behutsam seine und die eigene Weste und versammelt sich an der Oberfläche. Barbara fühlt sich durch das Fluten der Weste fast erdrückt, aber sie soll ja auch nicht absinken, wenn sie schwächelt. Meine Weste, also Alexanders Weste, stottert, wenn sie viel Luft beherbergt. Ansgar kennt Alexis Westenprobleme offenbar. Mit sicherem Griff läßt er wieder Luft ab. Danach ist Ruhe.

Dann folgt dieselbe Übung mit bewußtlosem Tauchpartner, den wir hochholen und eine Runde an der Wasseroberfläche durchs Becken ziehen. Der Kopf wird nach hinten überstreckt, damit die Zunge nicht die Luftzufuhr versperrt. Es geht gemächlich voran. Mother fühlt sich wohl. Wenn sie nicht frieren würde, könnte sie glatt einschlafen. Als sie mich abschleppt geht es deutlich schneller voran. Irgendwie scheine ich reif für den Weltrekord im Langsamflossenschwimmen zu sein.

Die letzte Übung des Abends ist eine Geschicklichkeitsprüfung. Am Beckenboden knien, die Bänderung der Weste lösen, die Weste mit der Flasche über der Kopf stülpen und am Beckenboden deponieren. Danach das Ganze in umgekehrter Reihenfolge. Wichtig ist dabei, den Lungenautomat mit seinem Schlauch nicht zu blockieren und bis zu den Oberarmen in die Armlöcher der Weste schlüpfen, bevor die Flasche über den Kopf gestülpt wird. Bei mir klappt's auf Anhieb. Barbara liegt am Boden des Südbads auf der Weste wie ein Rochen auf dem Meeresgrund. Erwin hilft ihr. Schwierig sind die Verschlüsse zu finden, denn die Sicht nach unten ist durch die Brille eingeschränkt. Barbara zieht ihre Weste schon an der Leiter aus, denn sie hat sie nicht richtig geschlossen. Meine Flasche ist leer, mehr hätte ich sowieso nicht machen können. So ist jetzt auch Feierabend. Also alle die Leiter 'rauf, Weste abschnallen, Flasche zudrehen, Lungenautomaten leeratmen und abschrauben, Weste entwässern, alles in die Kisten verpacken und 'raustragen. Dann ein Gang zur Toilette - Wasser lassen. Danach die heiße Dusche. Alex, André und Georg schnorren wieder Shampoo. Als die Gerätschaften im Kofferraum des Vectra verstaut sind, wollen alle noch ein paar Tips von Alex, was denn morgen in der Prüfung gefragt wird. Alex erklärt, wann man durchfällt. Ansgar soll sagen, daß das alles gar nicht stimmt und nicht so schlimm ist. Ansgar meint schmunzelnd, es wäre eigentlich noch viel schlimmer. Natürlich könne man durchfallen. Alex würde die Situation verharmlosen. Dann fahre ich noch mit zum Tauchkeller, in dem die Gerätschaften deponiert werden.

Zu Hause habe ich ein abendfüllendes Literaturprogramm: Axel Stibbes offizielles Lehrbuch des Verbandes Deutscher Sporttaucher(VDST) - von Seite 21 bis Seite 263. Dann ist es 2 Uhr - Ferdi liest ja so langsam.

Zwischendurch ruft Anne aus Nürnberg an. Dort sind es über 22°C, hier nur 12°C. Ihr Interregio hatte zwischen Osnabrück und Hannover vor einer Baustelle gewartet. Der ICE von Hannover nach Nürnberg konnte nicht mehr warten, so blieb Anne, Norbert und Willi V. nur der nächste IC, der natürlich so langsam war, daß sie zu spät kamen. Anne drückt die Daumen für morgen und bekundet ihre Zufriedenheit über meine praktischen Fertigkeiten.

7.5.1996 Die Theorieprüfung

12 Uhr Roni muß heute ohne mich Geburtstag feiern, denn es ist nicht klar, wie lange die Theorieprüfung dauern wird. Sie zeigt Verständnis.

19 Uhr, Schlaungymnasium. Alle sind pünktlich. Alex kommt zu spät. Im Klassenzimmer stehen viele Tische und Stühle. Ganz zufällig sitzen heute alle lückenlos nebeneinander in den ersten 2 Reihen. Als Alexander und Ansgar erscheinen, müssen sie beim Anblick der Sitzordnung lachen.

Es gibt 3 unterschiedliche Prüfungsfragebögen und Alex verteilt sie natürlich so, daß die nebeneinander sitzenden unterschiedliche Fragebögen erhalten. Jeder Bogen besteht aus 4 Gruppen (Physik, Medizin, Praxis, Umwelt) zu je 10 Fragen. Jede Frage hat 4 bis 6 Antworten, von denen eine nur richtig ist. In einem Extrablatt kreuzt man die Antworten an. Eine Rechenaufgabe ist dabei: Eine Flasche von 12l hat einen Druck von 147 bar. Die maximale Tauchzeit eines Tauchers mit einem Atemvolumen von 25l/min. für einen Tauchgang in 15m Tiefe ist zu berechnen, ohne daß die Reserve verplant wird. Dann gibt es 7 Fragen zu den Austauchtabellen zu beantworten.

Um 20 Uhr sind die meisten bereits fertig. Ferdi auch. Die Mädchen lassen sich noch etwas mehr Zeit. Ansgar ordnet die Bögen; Alex wertet die ersten schon 'mal aus. Um 2030 Uhr sind alle Fragebögen ausgewertet. Alexander erklärt die Bewertung. Von 40 Fragen sind 32 richtig zu beantworten. Außerdem dürfen nur max. 3 falsche Antworten in einer Themengruppe von 10 Fragen sein. Andernfalls ist die Prüfung zu wiederholen.

Vier von uns haben 4 falsche Antworten in einer Themengruppe. Alex gewährt heute die Chance einer mündlichen Nachprüfung für den schlacksig langen, pickeligen Hajo in der Gruppe Medizin, für den präpubertären pickelfreien Stephan im Bereich Praxis, ein paar Fragen für Stephans älteren Bruder Wolfgang, der gerade seinen Stimmbruch absolviert, und für die dunkle Rapha. Barbara ist die beste weibliche Theoretikerin und Elektroazubi André ist mit 38 Punkten der beste Mann überhaupt. Die blonde Marion, der etwas dickliche, große, pickelige Sven, Barbaras 12-jähriger Lukas und der uralte Ferdi liegen im Mittelfeld. Ferdi hat 36 Punkte von 40 Punkten und 6 von 7 Fragen zur Tauchtabelle im Mittelfeld geschafft. Alex geht sämtliche Fragen durch und nennt die korrekten Antworten, bzw. läßt sie sich von den 4-fehlerigen beantworten. Dann gibt es Glückwünsche für alle und einige Seiten zum weiteren Vorgehen, die Ausbildung zum Bronze-Brevet und die Konditionen für eine Clubmitgliedschaft.

2130 Uhr, Raphaela & Marion haben Bierdurst. Sie wollen in den "Vogel". Außer Sven und den Gebrüdern kommen alle mit. Es ist voll. Hinten unten sitzen schon Marions Lover, Raphaelas Schwester und noch ein paar Bekannte, um den Mädchen zu gratulieren. Barbara sitzt Alex gegenüber. Sie kommuniziert sehr emsig mit ihm. Sie haben das Institut für Mikrobiologie als gemeinsames Thema. Dort arbeitet Barbara im Labor. Ich kenne dort den ehemaligen Institutsleiter Prof. vor dem Esche von der Impfsprechstunde. Alex kennt ihn auch und lacht sich schlapp, als ich die Anekdote veruntreue, als ihm, bzw. seinem Assi, das Tetanus-Serum ausgegangen war und er seine "Mutti" zu Hause anrief, um seiner Frau anzukündigen, das Herr Doktor Sowieso gleich vorbei kommt, um Nachschub aus seinem Kühlschrank zu holen.

André tauscht sich mit Ansgar über die Leistungsfähigkeit von Grafikkarten aus.

Lukas trinkt Cola, um sich einigermaßen wach zu halten. Ihm ist stinklangweilig.

Ansgar ist im Schillergymnasium in der 12. Er berichtet, wie er vor 2½ Jahren zum Tauchen gekommen ist. Er hat auch nur das Bronze-Brevet, aber er wird wohl noch nach Höherem streben. Er ist - als Hilfstauchlehrer - sehr zufrieden mit unserer Gruppe, weil sie so diszipliniert ist. Andere schmeißen schon 'mal die Flaschen oder Jackets vom Beckenrand oder geraten grundlos in Panik. Da ist ihm 'ne ruhige, disziplinierte Gruppe schon lieber.

Mit Raphaela tausche ich Reiseerfahrungen über Kenia und Hurghâda aus, wo sie auch schon 'mal Urlaub gemacht hat und einen Tauchgang hatte. Um 0 Uhr löst sich die Gesellschaft langsam auf.

Um 015 Uhr rufe ich Anne im Intercity-Hotel in Nürnberg an. Sie schläft schon und sitzt dann waagerecht im Bett. Sie freut sich über meine Erfolge, gratuliert und entschlummert zufrieden bei meinen Detailberichten.

10.5.96 Mannis Geburtstag

Anne leidet an Heuschnupfen mit gleichzeitigem Husten und Verdacht auf Erkältungserkrankung. Sie badet heiß und nutzt heimlich ein neues Haartönungsshampoo von Poly Terracotta ist der Name der Haarfarbe. Und wahrlich, so 'was rostiges hab' ich auf ihrem Haupt noch nicht gesehen. Als die Haare trocken sind soll ich 5cm abschneiden. Ich willige sofort ein. Terracotta. Ein weiterer Kommentar erübrigt sich.

Dieter verkauft seinen Audi 80 in türkischen Besitztum, Petra macht Selbstverteidigung mit dem Unterziel das Selbstbewußtsein zu stärken. Dem Feind in die Augen sehen, notfalls in ein imaginäres Auge (oder indisches Auge?), ist die Devise.

Egal. Petra bemerkt gegenüber Anne: "Was hast Du Deine Haare rot?". Annette fragt: "Ist das Henna?" Nein, Poly Terracotta. Bisher benutzte sie Cognac. Na ja.

Nun zum Sport. Manni hat sich im hohen Alter noch ein Fahrrad zugelegt. Wir schenken ihm ein unnützes Fahrradschloß, denn so eins hat er schon. Roni & Günter bleiben noch, bis sie die Karte unterschrieben haben, dann entfernen sie sich umgehend zum Wohle des Kindes. Es 2030 Uhr. Wäre Katharina in Griechenland zur Welt gekommen, könnte sie noch bis zum Ende der Fête bleiben; hier muß alles seine Ordnung haben - das Kind gehört ins Bett, basta. Sebastian ist vergnügt. Er küßt derzeit alle, die ihn auf den Arm nehmen. Mich auch. Annette kredenzt 5 kg Spargel. Zu spät für Familie Xxxnippe, gerade recht für uns. Es gibt Schinken und Kartoffeln dazu. Wir sind begeistert. Annette wird gelobt! Bei Langers gibt es kein konventionelles Mineralwasser mehr. Sie produzieren ihr Mineralwasser selbst, aus Leitungswasser und CO2. Es ist lau warm, wird in einer Plastikflasche, die wie eine Milchflasche aussieht, aufbereitet. Das CO2 kaufen sie in einer Nachfüllstahlflasche für 8,-DM pro Füllung. Sie haben nicht nur selbstgemachtes Mineralwasser, sie produzieren auch Fanta. Ein paar Tropfen einer Tinktur aus dem Hause Spinnrad und schon verfärbt sich das labberige Wasser zart gelb und schmeckt genauso scheußlich wie Fanta.

Danach trinke ich alkoholfreies Bier. Köstlich. Wohl gekühlt.

Bei Manni sind Themen mit Autos unvermeidlich. Meine Rostanne wird von Manni lobend aus der Menge gehoben, weil sie ein neues sportliches Mercedes-Cabrio mit versenkbarem Hardtop bereits kennt und schön findet. Wir diskutieren die Cabrios heute besonders intensiv, denn Ferstis träumen von einem Golf-Cabrio oder einem Astra-Cabrio oder einem 3-er BMW.

Werner fährt auch topless, er hat ein neues Mountain-Bike für 999,-DM. Dazu trägt er im Gelände besonders im Schritt gepolsterte Hosen. Heute ist er von Hiltrup nach Handorf mit dem Mountain-Bike gefahren, aber in konventionellen Jeans. Er macht sich Sorgen um seine Firma, dessen Umsatz er täglich bis in die Abendstunden steigert. Siemens will sich in eine GmbH verwandeln. Werner befürchtet gegen die Kosten der ganzen Umstrukturierungen nicht anarbeiten zu können. Siemens liegt voll im Trend der Privatisierung und Zersplitterung in kleine GmbHs. Eigentlich sind sie spät 'dran, die Post war schneller und Mannis Firma, Rheinelektra, hat den Schritt auch bereits getan. Firmen machen sich inzwischen einen Sport daraus, gegen die Interessen der Mitarbeiter zu handeln, Firmen in Gesellschaften mit beschränkter Haftung umzuwandeln, zu schließen oder mindestens unaufwändiger zu betreiben, damit der Profit steigt. Es lebe der Sport.

Kommen wir zurück zur Haarfarbe. Am Samstag erfährt Anne, daß blonde Frauen länger leben. Rothaarige und schwarze Lolas, die der Natur mit Tönungsmitteln nachhelfen, werden von der Industrie mit Substanzen wie Toluylendiamin versorgt, die Allergien verursachen und krebserregend sind. Henna (notfalls aus biologischem Anbau) gehört übrigens auch zu dieser Gattung Färbemittel mit Estern von Aminosäuren, die chemische Reaktionen mit dem Haar eingehen. Dagegen benutzen die Blonden simple, anorganische, oxidierende, bleichende Mittel, wie H2O2 (Wasserstoffperoxid), die schlimmstenfalls die Haare schädigen. Den Mädels wird durch Aufschriften wie "mit Pflegeplus Pro-Vitamin B5" suggeriert, sie täten sich 'was Gutes an, wenn sie "die beiliegende Balsam-Pflegelotion anwenden". Ja so ist das mit POLY Diadem aus dem Hause henkel cosmetic Düsseldorf+Wien. Ergänzen muß ich noch die Wirkung der Tönung auf das Gesicht. Wie bei allen Kunstrostis ist das Gesicht auch bei Anne rot verfärbt. Die Tönung tönt nicht nur die Haare, sondern auch den Rest des Gesichts. Je roter die Haare der Frauen, desto roter ist ihr Gesicht. Irgendwann verwäscht sich das zwar wieder, aber bis dahin sieht man ihnen die Tönung an. Erst meint man, es wäre nur die Reflexion der Haarfarbe auf dem fettigen Teint. Bei genauem Hinsehen wird einem jedoch bewußt, daß es Rostwasser ist, das durchs Gesicht lief und seine Spuren hinterlassen hat. Man legt den Packungen PVC-Handschuhe bei, damit den Händen nicht dieselbe unnatürliche Färbung widerfährt, denen Haare und Kopfhaut ausgesetzt sind.

12.5.1996 Michaels Geburtstagslunch

Michael, Annes kleiner Bruder, ist 40 Jahre alt geworden. Muttertag sind alle Verwandten im Wohnzimmer zum Spargelessen versammelt. Anne möchte, daß auch Michael sen. eine zweite Sportart erlernt. Seit 28 Jahren ist er Taubensportler im Grevener Taubenzüchterverein. Jetzt soll er Kanufahren erlernen. Unser Geschenk ist eine Wildwasser-Kanufahrt mit Frau und Kindern auf der Werse zwischen Angelmodde und Pleistermühle. Schon wieder ein paar Wassersportler mehr. Wenn man die ganze Familie durchzählt, sind es mit uns 6 frische Kanuten.

13.5.1996 Das Brevet - der Grundtauchschein

Anne ist auf Dienstreise nach Wiesbaden. Um 17 Uhr hat sie Doppel mit Heidi. Uschi kann sie nicht vertreten, Anne R. fährt noch im Wohnmobil durch Südfrankreich und Spanien. Ferdi vertritt Anne. Zur Überraschung von Heidi und mir verläuft das Spiel sehr ausgeglichen. 6:6, Tiebreak 8:6, 2. Satz 4:4.

19 Uhr, Stadtbad Süd. Alle sind da. Alexander, die Flasche fehlt. Um 1920 Uhr kommt der Vectra mit den Flaschen und den Westen. Georg ist auch da, aber ohne seine Weste. Hudel Hudel. Marion liegt im Krankenhaus. Röchelnden Omas verstellt sie die Neigung des Bettes. Ihr eigenes Anliegen ist das Kniegelenk, an dem die Chirurgen geschnippelt haben.

Georg bringt seine Weste und dann kann ich auch abtauchen. Zunächst werde ich Raphaela und Barbara zugeteilt. Später spielt Ansgar den Tauchpartner. Alex, Erwin und Ansgar tauchen umher und mimen den bewußtseinsgestörten Taucher, den es zu bergen gilt, sie haben keine Luft mehr und begehren nach Wechselatmung oder wollen die Blindenhundnummer durchziehen: Einer nimmt die Maske ab, der andere faßt ihn ans Händchen und geleitet ihn durchs Bad. Das Wasser ist heute wieder sehr trüb und büschelweise schweben Haarklumpen wie Quallen durchs Becken. Eine Grundreinigung wäre angebracht.

Bei der letzten Übung muß ich heute passen. Zunächst wird das Jacket am Beckenboden deponiert, dann taucht man auf. Soweit, so gut. Dann sollen wir wieder zu unserem Jacket hinabtauchen und es anlegen. Ich komme nicht hinab. Entweder habe ich zuviel Luft dabei, oder ich bekomme ohne Atemgerät nicht den gemächlichen Druckausgleich hin. Wahrscheinlich bin ich durch Annes Erkältung, an der sie mich teilhaben läßt, gehandikapt. Ansgar bemüht sich sehr um mich, reicht mir den Lungenautomaten an, aber Ferdi verweigert. Dann ist Feierabend. Das Equipment wird wieder 'rausgeschafft und im Vectra verladen. Alexander holt sein Büro 'raus und verteilt die Grundtauchschein-Brevets und für jeden ein leeres Logbuch. Wir diskutieren die Termine für die Freiwassertauchgänge, wann wer kann und wie das alles so ablaufen wird. Mit Raphaela tausche ich die Telefonnummern, damit wir uns abstimmen können, wenn wir den gleichen Termin im Juli bekommen. Alexander will sich rechtzeitig melden. Dann bringen wir die Ausrüstung in den Keller. Danach gibt's "Am Schlagbaum" noch 'n Bier. Hier versammeln sich die Vereinsmitglieder jeden Montag nach dem Training auf ein Getränk. Erwin fliegt nächstes Wochenende nach Ibiza. Er quengelt über die frühe Abflugzeit vom FMO. Ich rate ihm zu einem "Late Night Check In", dann braucht er am nächsten Morgen nur 'ne ¾ Stunde vor Abflug zu erscheinen.

Um 2215 Uhr fahre ich heim. Anne ist auch daheim. Sie ist hocherfreut, mein Zertifikat und mein Logbuch zu sehen. Sie lauscht meinen Berichten. Sie berichtet von ihrem Lauschen und Plauschen anläßlich ihrer Dienstreise nach Wiesbaden.

Nun warten wir auf den Termin der Freiwassertauchgänge.

6.7.1996 Die Freiwassertauchgänge in der Buddenkuhle in Ladbergen

Um 730 Uhr weckt mich WDR 2. Anne bereitet das Frühstück. Ferdi packt die ABC-Ausrüstung in die große Reisetasche. Vorgestern hatte Alex angerufen. Wir treffen uns um 9 Uhr am Sportgeschäft Schnorchel und fahren dann zur Buddenkuhle.

Um 9 Uhr herrscht heftige Betriebsamkeit am Schnorchel. Man trifft die Vorbereitungen für das diesjährige Sommerfest. Ein großer, rechteckiger Pavillon wird aufgebaut. Alex und André verladen bereits die Flaschen. Zwischendurch das geschäftliche: Schnorchel kassiert 359,-DM für das Bronze-Brevet inklusive kompletter Ausrüstung.

"Wo sind die Mädchen?" frage ich Alex. Sie kränkeln. Marion hat sich 'mal wieder operieren lassen, diesmal irgendwo am Kiefer. Aus Solidarität leidet Raphaela mit. Lukas und Mother sind kurzfristig erkrankt - vielleicht liegt's auch am Wetter. Die Mädchen wollten ja am liebsten den letzten der drei Termine, weil dann das Wasser ja wärmer ist. Heute sind es 13°C und es schauert gelegentlich. Es ist unwahrscheinlich, daß das Wasser in der Buddenkuhle wärmer ist, denn die Buddenkuhle ist ein Baggerloch - kein Geysir. Als die A1 gebaut wurde, hat man von hier den Füllsand geholt. Inzwischen ist ein Campingplatz am Ufer entstanden und es gibt einige Ferienwohnungen.

Statt der Mädchen ist Franz da. Er hat auf Mallorca seinen Grundtauchschein gemacht und will dieses Wochenende ebenfalls sein Bronze-Brevet erlangen. Ich fahre mit Franz, André mit Alexander. Franz ist Mitte 30, Verkaufsleiter eines englischen Chemiekonzerns, der sich auf den Pflanzenschutz spezialisiert hat. Er fährt 60.000 km im Jahr. Sein Audi ist sein Büro, mit C-Netz-Telefon und Klimaanlage.

Über die A1 erreichen wir im Nu Ladbergen. Die Buddenkuhle liegt an der Straße nach Tecklenburg. An der Rezeption des Campingplatzes steht schon ein Wagen mit Taucher. Es gibt eine einseitige Schreierei. Die Pächter wollen uns nicht zum See fahren lassen. Es sei Hauptsaison und außerdem sind Pflasterarbeiten im Gange, da ist kein Platz. Basta. Der Wagen vor uns lädt an Ort und Stelle aus; wir fahren noch ein paar Meter aufs Gelände. Der Pächter fährt Sand mit seinem Trecker spazieren. Er quengelt über Alexanders Wagen. Alex rafft's nicht. Die kriegen 'nen Tausender vom Tauchshop und stellen sich trotzdem noch so an. Die Wiese am See ist noch einigermaßen leer. Ringsherum stehen ein paar Holländer und Leute aus'm Ruhrpott mit Auto und Wohnwagen. Es herrscht verschlafene Ruhe. Am DLRG-Wohnwagen lassen wir uns nieder.

Alex macht ein kurzes Briefing. Es nieselt. Wir ziehen uns um. Alex und Franz tauchen als erste, 20 Minuten, vom Einstieg um den Bootssteg herum bis zu "dem Baum dahinten und zurück". Während die beiden unterwegs sind, ziehen sich André und ich um. Der Anzug, Größe 102, paßt gut. Der Bleigurt ist etwas kurz und löst sich gerne wieder. Als Franz wieder anlandet, steige ich ins Wasser. Der Einstieg ist glitschig, eine verrottete schiefe Ebene aus Beton und ein Stück altes Wasserrohr als Geländer. Mühsam befestige ich die Flossen an den Füßlingen. Mit Handschuhen ist alles noch viel mühsamer. Von der Schlepperei der schweren Klamotten haben wir schon überdehnte Arme. Dann schwimmen Alexander und ich etwas vom Einstieg weg und tauchen langsam ab. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Druckausgleich. Nach ein paar Metern muß ich wieder auftauchen. Ich bin schon fast außer Atem. Der zweite Versuch scheitert ebenfalls. Alex beschließt, mit mir nochmals zum Rand zu schwimmen. Dann wollen wir ganz langsam hinab. Diesmal klappt's. Unter 4 bis 5m wird das Wasser trübe und lausig kalt. Man merkt es vor allem im Gesicht. Nun schwimmen wir durch das trübe Naß. Franz und Alex sprachen von guter Sicht. Die wissen nicht, wie gut die Sicht woanders ist, in Ägypten, zum Beispiel. Beim Schnorcheln an der Oberfläche konnte ich 10 bis 15m tief schauen, farbenprächtige Fische beobachten und Korallen in allen Formen und Farben sehen. In der Buddenkuhle ist nach 2 bis 3m Schluß. Ein paar träge Fische langweilen sich im trüben Wasser. Ägyptische Fische quirlen dagegen vor Lebensfreude und Übermut, schwimmen in Formation, in riesigen Schwärmen, wechseln plötzlich gemeinsam die Richtung.

Während des Tauchgangs habe ich Probleme die Höhe zu halten. Mal bin ich so hoch, daß der Grund nicht mehr zu sehen ist, mal wirbeln die Flossen den Schlamm am Grund auf oder ich muß mich leicht mit den Handschuhen abstützen und mich von Baumwurzeln abstoßen. Der Luftvorrat reicht bei mir gerade 'mal für 20 Minuten, dann bin ich auf Reserve, was durch die geballte rechte Faust angezeigt wird. Alexander macht das OK-Zeichen, dann steigen wir wieder auf.

Als wir an Land sind, regnet es. Es ist kalt. Der Neopren-Anzug schützt zwar ganz gut gegen die Kälte, aber das kalte Wasser sammelt sich in den Füßlingen, wie man die Schuhe für Taucher nennt, so daß die darin befindlichen Füße erkalten. Auf der Toilette fällt mir auf, daß ich den Anzug ausziehen muß. Wenn der Anzug feucht ist, geht es noch schlechter als im trockenen Zustand, aber die Notdurft zwingt mich zu dieser Maßnahme. Besonders schwierig ist der erneute Einstieg in die Ärmel der Jacke.

Alexander trägt einen Trockenanzug. Er schließt wasserdicht ab. An den Händen wird dies durch ein Kunststoffband erzwungen, im Rücken befindet sich ein schwerer, wasserdichter Metallreißverschluß. Unter dem Trockenanzug zieht man ein Sweatshirt oder Unterwäsche. Für hiesige, trübe, kalte Gewässer ist dies sicher auch nicht schlecht.

Beim 2. Tauchgang stehen einige Übungen an: Ausblasen der Maske, Wechselatmung, langsamer Aufstieg vom Grund bis zur Oberfläche. Zum Abschluß muß ich entlang der Abtrennung vom Schwimmbereich mit voller Ausrüstung schnorcheln. Hin auf dem Rücken, zurück vorwärts. Alles ist sehr anstrengend.

Danach beginnt der Rückzug. Die gesamte Ausrüstung wird in den Außenwaschbecken an den Toiletten gewässert und entsandet. Alexander Xxxüler ist begeistert und lobt seine Schüler, denn sein Jacket war selten so sauber wie heute. Seine Schüler müssen wohl eine gute Ausbildung gehabt haben. Wir lachen.

Gegen 15 Uhr fahren wir zurück nach Münster. Am Schnorchel ist der Bär los. Die Sonne ist durch die Wolken gebrochen, Kinder reiten auf einer künstlichen Kuh, in einem Zelt werden Lose zugunsten der Krebshilfe verkauft, hinter dem Haus wird gegrillt und es gibt einen Bierstand.

Zunächst ordnen wir das Equipment. Die Anzüge werden gebügelt - nein, nicht mit dem Bügeleisen. Sie werden ordentlich auf Bügel zum Trocknen gehängt. Die Jackets, die Flossen, die Handschuhe werden aufgespießt, die Flaschen kommen in den Nachbarraum zum Befüllen, das Blei kommt in einen Kasten. Dann können wir zum gemütlichen Teil übergehen. Nach dem Tauchen ist ein Würstchen und ein Pils sehr angenehm. Da ich mit dem Wagen da bin, ist nach 2 Pils das Limit erreicht. Wir kaufen noch Lose. Franz erlost ein schwarzes T-Shirt. André und Ferdi ziehen die Nieten. Der Hauptgewinn ist eine Kreuzfahrt auf den Malediven; der 2. Preis ist eine Reise nach Ägypten und es gibt zahlreiche Sachpreise aus dem Tauchshop.

Zuhause erwartet mich meine Anne mit Mitleid wegen des Wetters, des trüben Wassers und des garstigen Pächters mit Kaffee und Kuchen. Es hagelt sogar etwas während eines kräftigen Gewitterschauers. Das ist der Sommer 1996.

SO 7.7.1996 2. Tag in der Buddenkuhle

Treffpunkt 9 Uhr am Schnorchel. Franz und Ferdi sind pünktlich da; André kommt auf die letzte Minute mit verschmierten Fingern. Viermal ist ihm die Kette vom Fahrrad abgesprungen. Im Schnorchel nächtigen einige Bierleichen. Andere beginnen ihren Dienst am Tag der offenen Tür ebenfalls um 9 Uhr. Alexander wirkt recht munter, falls man das überhaupt so von ihm sagen kann. Wir beladen die Kisten mit Tauchanzügen, ergreifen die Bleigurte, laden aufgefüllte Flaschen in meinen BMW und unbedeutende Mengen in Franzens Audi. Alexander rekapituliert, was er alles verpackt hat. Alles klar, wir können fahren. Um 915 Uhr starten wir zur Richtung Ladbergen, 945 Uhr sind wir an der geschlossenen Schranke des Campingplatzes. Der Pächter sitzt in der Morgensonne vor einem Stapel Bild am Sonntag, die er an den Mann bringen will. Von weitem gibt er schon lebhafte Zeichen der Umkehr. Franz parkt am Waldrand. Er hat ja relativ wenig Equipment im Wagen. Warum eigentlich? Ferdi entlädt an der Schranke die Kisten aus dem Wagen. Wir bilden eine Kette. Alsbald liegen alle Flaschen, Taschen und Kisten ordentlich aufgereiht am Wegesrand.

"Wo sind die Jackets und die Lungenautomaten?" fragt Alexander. Gute Frage. Wir wissen es auch nicht. In der sonntäglichen Frühe muß eine Kiste im Tauchshop stehengeblieben sein. Es lohnt nicht, lange darüber zu reden. Ferdi fährt zurück. Um 1020 Uhr sind die ersehnten Jackets und Lungenautomaten an der DLRG-Station. Alexander, Franz und André haben bereits ihre blickdichte Kleidung angelegt. Um 1030 Uhr machen sie ihren 1. Tauchgang. Ferdi kann sich in Ruhe umziehen und den Bleigurt mounten. Er machte gestern solche Probleme! Ständig hingen die Gewichte auf halb acht. Eines ging beim Nachspannen sogar verlustig. Heute soll das nicht wieder passieren. Mit besonderen Anweisungen von Alexander und sorgfältigem Bemühen aus eigenem Interesse schnallt sich Ferdi den Gurt um die konvexe Taille. Beim Anspannen der Bauchmuskulatur gibt die Plastikschnalle jedoch nach. So auch heute. Als Ferdi ins Wasser steigt, hängt der Gurt schon wieder locker. Alexander muß nachspannen. Dann tauchen wir ab. Ferdi problematisiert den Druckausgleich und steigt wieder an die Oberfläche. Wieder muß der Gurt nachgespannt werden. Alexander glaubt noch immer nicht an einen Materialfehler, sondern an einen User-Error. Egal. Beim 2. Abstieg in die trübe Tiefe gelingt der Druckausgleich sogleich.

Erste Übung: Alexander mimt den Bewußtlosen. Ferdi greift unter Alexanders rechten Arm durch und überstreckt seinen Kopf, damit die "hilflose Person" die Atmung nicht vergißt. Nur durch Überstrecken des Kopfes ist sichergestellt, daß die Zunge die Atemwege freigibt.

Die andere Hand greift das Flaschenventil. Wir haben das ja alles schon im Hallenbad praktiziert. Hier geht es genauso. Dann stößt Ferdi sich am Grund ab und steigt langsam auf, etwa so schnell, wie die kleinsten Luftblasen: 10 Meter pro Minute. An der Wasseroberfläche angekommen, werden die eigene Weste und die Weste des schwächelnden Tauchers belüftet. Dann schleppe ich Alex an den Einstieg, etwas im Zickzack, aber wir kommen an. Zur Prüfung der Bewußtlosigkeit bemerke ich, daß ich jetzt 'nen Zahn zulegen werde, damit der Tauchlehrer Wasserski fahren kann. Ein müdes Lächeln zeigt, daß Alex die Übung aus gesundheitlichen Gründen nicht abbrechen muß. Er ist gut 'drauf. Ja was tut man nicht alles, um als Tauchschüler mit Problemen beim Druckausgleich und mit der Bleigurtschnalle, seinen Tauchlehrer bei Laune zu halten. Er ist zufrieden. OK. Pause.

Nach einer kurzen Pause - Alex wechselt auch 'mal seine Flasche - folgt der letzte Streich. Während ich wieder auf die Rückkehr von Franz und André warte, steigt eine Gruppe Taucher aus Hamm ins trübe Naß. Sie kommen voll eingekleidet vom Parkplatz. Nur die Flossen müssen noch angelegt werden. Wahrscheinlich hat der Pächter ihnen nicht einmal das Ausladen an der Schranke gestattet. Diese Hammer Gruppe hat eine hübsche dunkelhaarige Tauchassistentin dabei, die den Tauchern die Handschuh überstülpt, mit fachkundigem Griff den Long John über die Füßlinge zieht und das Briefing des Tauchlehrers für einige etwas zurückgebliebene Xxxüler auszugsweise wiederholt. Als alle abgetaucht sind, macht sie mit den unsportlichen Ehefrauen der Taucher, die sich lebhaft über Qualität und Herkunft von Tupa-Brötchendosen verständigen, einen Spaziergang um den See herum.

André und Franz landen an. Ferdi übernimmt jetzt Andrés Bleigurt mit Edelstahlschnalle. Die Gegenprobe sozusagen, ein Experiment, das klären soll, ob es ein Material- oder ein Benutzerfehler war, mit dem Ferdi anderthalb Tage zu kämpfen hatte. Damit er betriebssicher abtauchen kann, hat Ferdi zuvor einzelne Bleistücke in der rechten und linken Jackettasche versteckt.

Welch angenehmes Gefühl. Der Bleigurt sitzt traumhaft. Nun folgt die neue Aufgabe des letzten Tauchganges. Ferdi führt den Tauchlehrer durchs Trübe. Wir tauchen am Ufer entlang, die übliche Strecke Richtung Baumwurzeln. Irgendwo liegt ein bunter Kugelschreiber im Wasser. Komisch. Es ist in Wirklichkeit der Schwimmer eines Anglers. Nichts wie weg hier. Angelhaken im Gesicht sind schmerzhaft.

Wenn Taucher auftauchen, fragen die Angler immer nach der Größe und Menge des gesichteten Fischbestandes. Zum Wohle der Fische verraten wir jedoch keine Betriebsgeheimnisse. Dann tauchen wir wieder ab. Ich führe Alex zurück. Zur Sicherheit weise ich mehrfach die beabsichtigte Richtung, mit der er grob einverstanden ist.

Unterwegs sehen wir zwei Hechte, untertunneln den Bootssteg, und - da wartet ein Hecht, etwa 30cm lang, auf uns. Alexander streckt ihm die Hand zum Gruße hin. Er ist bis auf 5cm 'dran. Dann komme ich ihm auch näher. Doch er schießt blitzschnell davon. Wer hätte gedacht, daß dieses Lebewesen eine solche Geschwindigkeit erreichen kann. Mein Anblick muß ihm einen heftigen Adrenalinstoß versetzt haben. Als wir auftauchen sind wir direkt am Einstieg. Alexander ist einigermaßen zufrieden. Er beherrscht das Erteilen von dosiertem Lob, das sich immer gut macht bei Schülern. Mein Bleigurt sitzt wie eine halbe Stunde zuvor, beim Einstieg. Das ist der Beweis: Es war ein Materialfehler. Ferdi ist rehabilitiert.

Alles klar, schöner Tag heute! Um 14 Uhr packen wir unsere Sachen zusammen, tragen sie zu den Reinigungsbecken und weiter hinter die Campingplatzschranke. Wir verstauen alle Kisten in Ferdis und Franzens Wagen, der diesmal einen größeren Anteil des Equipments zugeteilt bekommt.

Alex will 'mal BMW fahren. Warum nicht. Airbag, die Klimaanlage und das Lüftungssystem sind für ihn als Vectra-Fahrer neu. Ich erkläre es ihm so gut ich kann, schließlich ist dies der Gebrauchtwagen meiner Gattin - ich bin nur der Chauffeur. Dann fachsimpeln wir über die Themen seiner Doktorarbeit und meiner Diplomarbeit. Ich kann sein Thema hier nicht wiederholen. Entweder man kann es richtig hinschreiben, oder man läßt es. Es geht aber um den Verschleiß des Schultergelenks durch Knochenablagerungen, der an Ratten untersucht wird. Soviel hab' ich davon verstanden.

Mein Thema war seinerzeit Barkhausenrauschen an ferromagnetischen Proben bei unterschiedlichen, tiefen Temperaturen. Es handelte von der Ummagnetisierung von Blumendrähten in flüssigem Stickstoff und Helium -hat er auch verstanden.

Jetzt steht es 1:1.

Um 15 Uhr sind wir am Schnorchel. Der Feuerschlucker zieht wieder pünktlich seine Nummer durch. Es gibt noch mehr Zuschauer als gestern, weil alle den Hauptpreis gewinnen wollen und weil das Wetter heute viel besser ist.

Wieder ordnen wir zunächst das Equipment. Dann essen wir Würstchen zum Bier. Alexander breitet sein mobiles Büro auf einem Stehtisch aus. Er verteilt Kugelschreiber, neue Logbücher von BARAKUDA InternationalBARAKUDA International und diktiert die Eintragungen, wie Datum, Ort, Tauchtiefe, Dauer, usw. Er erklärt, wo Name und Anschrift einzutragen sind. Danach wird alles mehrfach gestempelt. Alex hat ein rotes und ein blaues Stempelkissen und mindestens zwei Stempel. Ich bin jetzt über 20 Jahre berufstätig und habe noch immer keinen Stempel. Ich habe allerdings auch noch keinen Stempel vermißt. Danach gratuliert Alex seinen Bronze-Schülern. Wir sind zertifiziert: CMAS/Bronze - das entspricht dem PADI - OPEN WATER DIVERPADI - OPEN WATER DIVER. Wir essen Würstchen, trinken 2 Bier und 1 Cola und sind zufrieden. Die Hauptgewinne werden gezogen und verfehlen Ferdis Losnummern. Such is life.

Wir Schüler bedanken uns bei unserem Lehrer Alexander Xxxüler. Dann fahren wir heim. Alex fährt noch bis zum Bahnhof mit, wo sein Fahrrad parkt. Er war heute per Bus angereist.

Anne hat daheim in freudiger Erwartung gekocht. Es gibt Penne al Pesto, mir zu Ehren. Sie ist stolz auf mich. Ihr Investment hat sich ausgezahlt.

Mein Fazit:

Tauchen ist gar nicht so schwer, wenn man von meinen Problemen mit dem Druckausgleich beim Abtauchen und dem Bleigürtel absieht.

Das schwerste am Tauchen ist das Schleppen der Ausrüstung!

Danke an Alexander - für seine Geduld mit mir.


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Weitere Stories demnächst!

Quizfrage: Wie heißt Alexander mit Nachnamen? (Xxx=?) Für eine e-Mail bedanke ich micht im Voraus.

Hat jemand noch einen Fehler bei den tauchspezifischen, medizinischen, naturwissenschaftlichen Anmerkungen gefunden? - e-Mail bitte nutzen!

Alles klar?
e-Mail: Ferdi.Glaremin


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