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23.11.2001
302 Uhr IR2830 verläßt
Münster Hauptbahnhof. Wir haben Vollmond, sternklaren, wolkenlosen
Himmel. Das 2. Klasse Abteil ist gut geheizt. Wir sind längst
nicht die Einzigen, die mit diesem Zug von Münster zum Flughafen
Düsseldorf fahren.
Wir hatten eine kurze Nacht von 23 Uhr bis 2 Uhr.
Nach kleiner Wäsche, Zähneputzen und einem Glas O-Saft
bringt uns ein vorbestelltes Taxi zum Hauptbahnhof Münster.
Vor vier Wochen hatte Anne Ägypten gebucht,
diesmal bei Weilke in Greven. Michael hat seine beste Kraft, Frau
Evers, eingespannt, um die Reise mit Anne, der besten Reiseplanerin,
die ich kenne, zu buchen. OFT-Reisen, der Spezialist für
Ägypten, hat den Zuschlag erhalten. Leider konnte der
1. November als Feiertag nicht mit einbezogen werden. Alle
Flüge waren ausgebucht. So fliegen wir jetzt am 6.11. von
Düsseldorf und werden am 23.11. nach Münster/Osnabrück
zurückkommen. Bei OFT-Reisen wird noch jedes
Hotel unserer 10-tägigen Rundreise handbestätigt, eine
Seltenheit in der heutigen, computerisierten und vernetzten Zeit.
Es gibt jedoch augenscheinlich noch Flecken auf dieser Erde, in
die das WWW, das Internet, das START-System oder AMADEUS-Buchungssystem
noch keinen Zugang gefunden haben. Nach 10 Tagen ist aber alles
perfekt. Weilke-Reisen hat einen Fuß in die Tür der
Glaremins bekommen. Michael bringt die Tickets sogar persönlich
vorbei - das ist Dienst am Kunden! Er will uns ggf. sogar am Flughafen
FMO abholen. Top-Service - super!
Anne hatte schon 2 Tage Urlaub. Im hohen Alter braucht man das. Sie weiß nicht, wo die Zeit geblieben ist. Sie hat in den letzten Tagen viel gewaschen, getrocknet und gebügelt. Miele sei Dank! Frau Tepe hat auch noch Hand angelegt. Ihr gelingt in letzter Zeit immer ein Kurzschluß mit dem Bügeleisen. Keiner weiß, wie sie das schafft, aber sie beherrscht unsere Elektroinstallation so gut inzwischen, daß sie nach Einstellen der Bügelei alles wieder in Gang setzt, mal abgesehen von der Zeitschaltuhr des Videorecorders und den zeitgesteuerten Rolladen.
Nun ist Frau Tepe auf ihrer Insel und Anne steht mit der Bügelei allein da. Ferdi darf schon mal das Bügelcenter aufbauen und die Behälter für destilliertes Wasser auffüllen. Das Bügeln ist dann Frauensache. Beim Zurechtlegen der mitzunehmenden Kleidungsstücke entdeckt Anne immer wieder ein Teil, das unrein ist. Ihr Zeitplan droht zu platzen. So muß sie noch bis tief in die Nacht knechten. Ferdi muß die Fototasche packen. Am Tage hat sich Anne noch Termine eingebaut, die zusätzlichen Streß aufkommen lassen. Zu erwähnen sind, neben einem Besuch in Schmedehausen und einem Tennismatch mit Petra, der Besuch des Handorfer Tauchshops "Der Schnorchel" am Freitag um 1402 Uhr. Nur der Insider weiß, daß dieser Laden zwischen 14 und 15 Uhr Mittagsruhe hat. Wir wollten dort Füßlinge kaufen, um Annes heißblütige Zehen vor den scharfkantigen Korallen zu schützen.
Wir beschließen, Ägyptens Außenhandelsbilanz
zu stützen und diese Ausrüstungsgegenstände vor
Ort zu kaufen. Die Koffer werden auch so voll zu kriegen sein,
wie ich Anne kenne, wenn erst mal alles rein ist, was jetzt vielleicht
noch unrein ist.
Über ÄgyptenÄgypten
haben wir schon einiges gehört in letzter Zeit. Petra
& Dieter waren 1989 dort. Sie haben eine ganz ähnliche
Nilkreuzfahrt gemacht, wie wir jetzt gebucht haben. Petra hat
vor zwei Wochen schön für uns gekocht und dann gab's
zum Nachtisch Buenos Dias. Abgesehen von einer nervigen
Zugfahrt (Luxor-Kairo-Luxor) waren sie gut zufrieden.
Schwer angeschlagen waren dagegen Birgit & Rolf,
unsere nettesten Mieter überhaupt. Zuerst konnte Rolf die
Klimaanlagen nicht vertragen; bei 41°C im Schatten ist das
eine unangenehme Unverträglichkeit. Dann schlug die Rache
der Pharaonen (das ist Montezumas
Rache in der spanisch sprechenden Welt) so heftig zu, daß
Rolf 20 Pfund und Birgit 10 Pfund verspielt hat.
Jawohl, abnehmen tut man in Pfund, zunehmen in Kilo. Aber die
beiden sind wirklich zu bedauern. Sie haben richtig wenig gesehen
auf der Rundreise und nicht einmal Hurghâda brachte die
gewünschte Erholung. Mit Durchfall begibt man sich ungern
weit von der stationären Toilette eines Hotelzimmers weg.
So entfielen die Bootstouren zum Riff verständlicherweise.
Birgit war nachher noch eine Woche krank; Rolf sogar noch drei
Wochen. Jetzt wollen sie auch nicht mehr nach Mexico, sondern
höchstens 'mal in die Toscana. Wegen des Durchfalls mußten
sie soviel Wasser trinken, daß dem Hotel schon die Literflaschen
ausgegangen waren. So mußten sie auf ½-Literflaschen
ausweichen. Für umgerechnet 250,-DM haben sie Wasser gekauft,
das sind etwa 166 Liter! Man kann sagen, sie haben eine Trinkkur
in Ägypten gemacht und sich entschlackt, die Armen. Wenn
wir wieder zurück sind will Anne sie auf ein warmes Süppchen
einladen und Ferdi Dias zeigen, damit sie ihre Defizite wettmachen
können.
Gestern Abend, nach dem Tennis, trafen wir noch einen
Betriebssportler an Ginos Theke, der im Mai in Ägypten war,
alles gegessen und null Probleme hatte. Begeisterung kommt in
seine Augen, als er hört, daß wir in Hurghâda
im Arabia Beach Hotel sind. Er war gegenüber in einem
islamischen Hotel und mußte sein Bier außerhäusig
trinken. Nun ja.
Um 418 Uhr erreicht IR2830
Duisburg Hauptbahnhof auf Gleis 4. Auf Gleis 5 soll SE4700
abfahren, aber der Stadtexpress hat 5 Minuten Verspätung.
Nicht nur Touristen sind im Zug, sondern auch Flughafenbedienstete.
Ein Typ, nennen wir ihn Axel, berichtet seinen Kumpels
von dem Abenteuer, einen VW-Golf in einem Airbus A330 "schwimmend"
auf 3 Paletten zu verladen und zu vertäuen. Der Co-Pilot
hatte Sorge, der Wagen könne beim Notbremsen nach vorn in
die Elektronik rutschen.
Um 455 Uhr sind wir im Bahnhof
unter dem Flughafen Rhein/Ruhr. Auf Rollbändern fährt
man bequem ins Obergeschoß. Es ist noch übersichtlich
leer, nur eine kleine Schlange hat sich am Schalter der Aero Lloyd
gebildet. Den Tauchern fehlt der nötige Auftrieb für
ihr Gepäck. Zu Hause hatten die vier Gepäckstücke
noch 45kg, jetzt zeigt die Waage 63kg, von denen 8kg zu je 9,-DM
bezahlt werden sollen - mehr als eine Stunde Tauchen kostet.
8,-DM Sicherheitsgebühr
sind auch wieder fällig, eine Marotte der Düsseldorfer,
die immer wieder negativ aufstößt.
Müdigkeit steckt bei allen in den Knochen. Auch
die Kassiererin im Duty-Free-Shop gähnt
noch. Anne bekommt Kenzo Body Lotion und Abdeckpuder, damit
die Nase nicht so glänzt. Ein Liter Osborne-Veterano und
½ Liter Ballentines dienen der Desinfektion in den nächsten
2½ Wochen.
Flug AEF1116 soll um 640 Uhr
starten. Wir sind die ersten bei der Paßkontrolle. Wir sitzen
in Reihe 14 A und C (Sitz B gibt es nicht
in der MD83 von McDonnell Douglas). Die Maschine faßt
167 Passagiere, fliegt in 10.000m Höhe 4h25' bis Sharm el-Sheik
und dann weiter nach Hurghâda.
Als wir gegen 7 Uhr in Düsseldorf
abheben, beginnt es zu dämmern. In einer großen Linkskurve
umfliegen wir Düsseldorf westlich. Man erkennt den Hafen,
den Fernsehturm, den Rhein und die Verkehrsstaus auf den Autobahnen.
The same procedure than every day.
Vor uns hat ein junges türkisches Paar Reihe
12 mit 13 verwechselt, was bei den Platzinhabern einen Moment
der Verwirrung stiftet.
Schon bald haben wir die leichte Bewölkung durchstoßen und über uns ist blauer Himmel. Die Stewardessen der Aero Lloyd sind lindgrün gekleidet. Als sie "Männchen machen", können sie schwerlich ernst bleiben.
Anne hat einen Fensterplatz in Reihe 14, noch vor der Tragfläche, schließt aber schnell die Augen, um zu nickern.
Wir heben mit 270km/h ab. In 8.500m ü.NN. sind
45°C. Wir fliegen über...
Frankfurt,
München,
Brenner Paß,
Garda-See,
Rimini,
Ancona,
Pescara,
Brindisi,
Kifalimia,
Peloponnes (Tripolis),
Kreta (Chania),
El Dhaba,
Oase El-Faiyûm,
Sharm el-Sheik.
Doch zuvor: Annes Frühstück an Bord mundet
wenig. Die Sitze sind so eng und primitiv wie bei einem Seat-Panda
und natürlich ist die Reihe 14 die Reihe mit den
geringsten Sitzabstand überhaupt. Süddeutschland ist
bedeckt, die Alpen sind wolkenlos und mit frischem Neuschnee überzogen.
Wir überfliegen den Brenner. Auf italienischer Seite ist
nur noch ein Hauch von Schnee zu sehen. Die Sicht ist gut. Man
erkennt den Sellastock, Langkofl und die Hochebene der Seiseralm.
Dann folgt die Maschine der Adriaküstenlinie. Weiter südlich
nimmt der Neuschnee wieder zu, ebenso die Bewölkung. Zeitweise
schütteln uns heftige Turbulenzen. Die Küstenlinie bei
Brindisi ist gut zu erkennen. Zur Beschäftigung der Passagiere
werden die Einreisekarten für Ägypten verteilt. Jeder
zweite kramt nun im Handgepäck nach einem Schreibgerät.
Anne liest ägyptische Literatur. Sie braucht niemals Einreisekarten
auszufüllen, das macht Ferdi. Anne kann sich auf das Wesentliche
konzentrieren.
Über dem Peloponnes, Kreta und dem südlichen
Mittelmeer herrscht dichte Bewölkung. Die nordafrikanische
Mittelmeerküste ist dann wieder gut zu erkennen.
In den vorderen Reihen der Maschine befinden sich zwei Kinder, so um die 3 Jahre. Der Junge legt sich immer aufs Maul und plärrt. Das Mädchen strahlt alle Passagiere an. Gut daß Annelie das nicht erleben muß; sie hätte den Plärrer sonst schon durchs Klo gespült, damit Ruhe ist.
Bei Rückenwind in 10km Höhe erreichen wir
Sharm el-Sheik um 1130 Uhr
MEZ, also 1230 Uhr OEZ, bei leichtem Nordwind
und Temperaturen um 29°C. Es gibt kaum Bewölkung.
OFT-Reisen und Phoenix-Reisen erwarten ihre Gäste lautstark. Die Reiseleitung klebt zwei Steuermarken in den Paß. Dann warten alle auf den Polizisten mit seinem Stempel.
Stempel sind auch in diesem Land sehr wichtig, das
merkt man gleich, aber ich will dieses Thema nicht weiter beleuchten.
(Nur so viel: Ich habe immer noch keinen Stempel im Büro
und Anne hat genauso viele Stempel wie vor der Privatisierung
ihres Postspar- und Darlehensvereins.)
Eine zweite Maschine mit Italienern ist inzwischen
auch eingetroffen. Alle Passagiere stellen sich bei Phoenix-Reisen
an, werden aber abgewiesen.
Als der stempelnde Polizist erscheint, hat er genug Kundschaft. Der OFT-Reiseleiter schnappt sich unsere Pässe und sucht einen anderen Stempelpolizisten in irgend einem Hinterzimmer. Alles o.k., weiter zum Gepäckband. Das Gepäckband sieht aus, wie die Bänder in Düsseldorf, Frankfurt oder München, aber es kann mehr: In jeder Kurve fällt ¼ der Koffer vom Band, mal nach innen, mal nach außen. Je ein weiteres Viertel fällt auf den langen Geraden herunter. Ein Viertel kommt durch und wird am Ende des Bandes von einem Gepäckträger in die Halle gestellt. Auch hier wieselt ein OFT-Reiseleiter herum und rangiert die Koffer.
Draußen warten noch andere OFTer. Einer stellt sich als unser Tour-Guide für die Cheops-Rundreise vor und meint: "Wir fahren gleich los."
Ein anderer OFTer erläutert jedoch, daß
es sinnvoller sei, drei weitere Maschinen abzuwarten und danach
loszufahren. Eigentlich tragen alle ihr Los mit landestypischer,
islamischer Gelassenheit, obwohl es noch leichter zu tragen wäre,
wäre nicht erst eine unverzügliche Abfahrt in Aussicht
gestellt worden. Wir wechseln den Bus, aber egal, der neue Mercedes-Bus
ist besser klimatisiert. Es gibt auch einen Fernseher, in dem
ein Brutalo-Video abgespielt wird. Wer nicht erschossen wird,
kriegt 'was mit 'ner Schaufel über die Rübe.
Anne liest und Ferdi schreibt das Tagebuch. Schon
kommen die Gäste aus Hamburg via Frankfurt. Die Gäste
zweier weiterer Maschinen seien auch schon in der Halle. Wir sollen
doch noch Geduld haben. Eigentlich sind alle zu müde, um
aufzubegehren, so kommentiert man diese gute Nachricht mit einem
leichten Raunen. Alle dösen vor sich hin.
Die frischen Hamburger futtern Kitkat und
sorgen sich über eventuell folgenden Durst. Sie müssen
Sabbelwasser getrunken haben, so kommt es zumindest der ruhigen
Stammannschaft des Busses vor.
Anne liest Ägyptisches und Ferdi schreibt von
der Invasion aus der Luft. Heute ist augenscheinlich Umschlagtag
für Deutsche per Aero Lloyd und für Italiener. Sonst
ist der Flughafen ja übersichtlich, aber die provinzielle
Enge ist jederzeit für ein kleines Chaos geeignet, zumindest,
wenn mehrere Maschinen in kurzer Zeit eintreffen.
Die sabbelnden Hamburger wägen ab, ob sie dann
später, wenn die sättigende Wirkung der Kitkat-Riegel
nachläßt, Nilgans oder Nilpferd in Burgundersauce essen
sollen. Die Ladies können ihre sabbelnden Männer auch
kaum noch an den Ohren haben. Dem Dialekt nach treffen um 1440 Uhr
OEZ Bayern ein. Niemand könnte das "r" schöner
rrrollen als unsere Süddeutschen.
Die Reiseleiter zählen ihre
Schäfchen. Als es nicht paßt, haken sie jeden Namen
einzeln ab. Trotzdem fehlen noch zwei Berliner. Irgendwann fahren
wir dann ohne Berliner mit 27 Personen über die Sinai-Halbinsel.
Die Landschaft ist karg. Karger Sandstein
in rot und dunkelgrau. Die Farbe kommt von Mineralien,
die im Gestein enthalten sind, und wechselt in kurzen
Abständen. Die Felsen ragen aus einer sandigen Ebene heraus,
die an manchen Stellen den Charakter eines ausgetrockneten Flußbetts
hat. Es gibt nur wenige, zwei bis drei Meter hohe Bäume,
die wie Akazien aussehen. Dazwischen das "Wüstengras",
braune Büschel, die bei Regen sehr schnell grün werden
sollen. In dieser lebensfeindlichen Landschaft tauchen immer wieder
Menschen auf, Beduinen, die hier in Zelten, einfachen
Holzhütten oder einfachsten Häusern wohnen. Sie lassen
sich von einem Dromedar, das in Ägypten unabhängig
von der Höckerzahl einfach Kamel genannt wird,
durch die Landschaft tragen.
Die Nähe der Ortschaft Dahab erkennt
man an den Mülltüten, Plastikfolien und Autowracks,
die in der Landschaft herumliegen.
Im vierten Anlauf findet der Busfahrer das Hotel Helnan Dahab. Als wir bei der Rezeption vorfahren, glaubt niemand, daß wir es sind, die hier aussteigen und übernachten sollen, denn die Reisebeschreibung verspricht das Novotel in Dahab. Das Novotel ist jedoch ausgebucht. Wir steigen wortlos und ohne Begeisterung aus dem Bus.
Wir haben Zimmer 619 im Erdgeschoß. Die Zimmer
sind groß, mit Bad, TV und Telefon und einer gepolsterten
Sitzgruppe. Beim Versuch, einen Polsterstuhl zu verrücken,
hält Anne die Lehne in der Hand - der Stuhl harrt unverrückt.
Um 1715 Uhr wird es schlagartig dunkel;
das geht hier ratzfatz. Wir legen uns nach dem Duschen aufs Bett.
Ferdi will noch einen Notgroschen ägyptischer
Pfunde (£) in der Hotelbank wechseln.
Dieses Abenteuer dauert eine Stunde. Der Banker wird von den aus
der Luft eingefallenen Aero-Lloyd-Touristen mit Travellerschecks
überschüttet. Für jede Zahlung füllt er Formulare
mit Durchschlag aus. Auf das Original, die Kopie und auf den Scheck
werden je drei bunte Wertmarken geklebt, der Paß
wird abgeschrieben und alles wird signiert. Dann kommt die Auszahlung
aus einem dicken Bündel 20£-Noten. Doch das Bündel
wird dünner und dünner. Vier Leute vor mir ist der Banker
blank. Die Devisen strömen ins Land, schneller als es die
Banken verkraften können. Irgendwann trifft
natürlich ein telefonisch georderter Bote mit einem neuen
Geldbündel ein, so daß ich nach einer guten Stunde
für meine 50,-DM 118£ in Händen halte.
Dann ist es höchste Zeit fürs Dinners.
Büfett mit Klopsen, Huhn, Fisch, Reis, Gemüse, Nudeln
und Kartoffeln. Anne nimmt ein Süppchen vorab und Ferdi zieht
sich Pudding 'rein.
Die Kellner lassen es langsam angehen. Auch sie sind einem Strom von so zahlreich eingefallenen Touristen nicht gewachsen. Aber hier verfällt deswegen niemand in Hektik - höchstens die Touristen, die befürchten, die einleitenden Worte des Reiseleiters auf der Terrasse zu verpassen. Nach dem Essen will er zum Volk sprechen. Unser Reiseleiter heißt Mohammed Hassan. Er sitzt bereits mit einigen Gästen draußen. Es sind 22°C, es ist windstill, trocken, sehr angenehm.
815 Uhr Frühstück.
Kurz nach 9 Uhr treffen wir Mohammed Hassan. Er will ein
Boot besorgen. Um 10 Uhr soll es vom Hotelanleger ablegen.
20£ will das Hotel. Er soll sie herunterhandeln, schließlich
wollen wir nur zwei Stunden lang schnorcheln. Das Boot erscheint
nicht, statt dessen taucht die Kunde auf, daß die Hotelzimmer
erst um 14 Uhr zu räumen sind. Gut!
Direkt 20m vom Strand entfernt ist das Riff schon sehenswert. Bunte, gestreifte Fische in allen Größen, lange, violett fluoreszierende Fische, Schwärme von ganz kleinen Fischen und alle Sorten von Korallen sind zu sehen. Gut daß wir unsere Schnorchelausrüstung dabei haben.
Anne ist auch ganz begeistert. Sie hat hier an einem
Vormittag schon mehr gesehen als in Kenia in 10m Tiefe in einer
Woche. Die Temperaturen sind angenehm. Es ist nahezu wolkenlos
und es weht eine milde Brise aus Südwest.
Der Golf von Aqaba (Akaba)
ist warm, aber wenn man lange schnorchelt, kühlt man doch
aus. Anne kommt nach jeweils 20 Minuten mit Gänsehaut, aber
ohne daß sich Schwimmhäute zwischen den heißblütigen
Zehen gebildet hätten, aus dem Meer.
Um 1230 Uhr nehmen wir noch
ein Bad im Swimmingpool. Dann ziehen wir uns in die Gemächer
zurück. Vor unserem Balkon blüht ein junger Sproß
Oleander. Überall hat man Pflanzen und Bäume gesetzt.
Rasen muß man auf den großflächigen Hängen
zum Meer nicht mähen. Hier wächst nicht einmal Unkraut.
Was könnte Anne hier pflegeleichte, unkrautfreie Terrassen
anlegen, aus Tausenden roten und schwarzen Steinen mit vielen
Fugen. Traumhaft! Die Wege werden in diesem Hotel jedoch betoniert
oder es liegt einfach Sand zwischen zwei Mauern.
Um 1345 Uhr checken wir aus.
Das nächste Chaos steht den Bargeldzahlern bevor. Sie haben
gestern in der Bank große Scheine (50£- oder 20£-Noten)
erhalten. Der Kassierer im Hotel hat kein Wechselgeld. Mit VISA
geht es deutlich schneller. Ritsch-ratsch, "die Freiheit
gönn' ich mir". Abfahrt soll um 1430 Uhr
sein. Gegen 1430 Uhr trudeln die ersten
Koffer ein, gegen 15 Uhr endlich die letzten. Um 1515 Uhr
verlassen wir Hotel Helnan Dahab. Die Menschen (nicht nur die
Beduinen) haben viel von der Mentalität von Dromedaren, die
beispielsweise unwillig die Straße räumen und sich
schon gar nicht durch lautes Hupen antreiben lassen.
Während der Busfahrt über die Sinai-Halbinsel erfahren wir einige Einzelheiten über Land und Leute:
Im Bus sitzen Anne und ich zusammen in einer Reihe.
Die Sitze scheinen hier weiter auseinander zu sein, als in anderen
Bussen, ein ganz ungewöhnliches Gefühl für uns.
Hinter uns sitzen die (gestern noch) fehlenden Berliner. Sie hatten
sich verflogen. Genauer gesagt hatten sie in Berlin den Flieger
(knapp) verpaßt, weil die Maschine zwei Stunden früher
startete, als in den Tickets stand. Das Reisebüro hatte sie
nicht erreicht und so kamen sie halt zu spät. Da standen
sie nun in Berlin Tegel. Nach Hause konnten sie nicht mehr, denn
sie hatten ihren Schlüssel ihrem Sohn gegeben und der war
nicht zu erreichen. So sind sie zu ihrem Reisebüro gefahren,
haben einen Linienflug nach Kairo gebucht, haben in Kairo übernachtet
und sind dann mit dem Bus von Kairo nach Dahab gefahren, damit
sie nun mit uns den Mosesberg besteigen und das Katharinenkloster
sehen können. Sie sitzen hinter uns und sinnieren über
die Unterschiede der Felsen des Atlasgebirges zum Sinai-Sandstein.
Unklar ist, wo die größere Ähnlichkeit ist oder
wo größere Variationen sind. Aber sie haben sich 'was
zu erzählen. Vor uns sitzt heute Frau Suermann aus Duisburg.
Oberhalb des Gazellentals machen
wir einen Fotostop. Beduinen bieten Steine und
Tücher zum Verkauf an. Die Beduinen sind klein, jung, schlank
und ausdauernd, geprägt von der kargen Landschaft, von der
Wüste.
Um 1740 Uhr erreichen wir
St. Katharina. Die Zimmerzuteilung geht rasend
schnell. Mohammed Hassan nennt die Zimmernummer
und jeder nimmt sich seinen Schlüssel. Lean Management! Im
Bazar des Hotels Daniela Village tausche
ich innerhalb einer Minute 100,-DM in 200£. St. Katharina
liegt auf 1500m ü.NN. und die Cola (0,2l statt 0,3l) kostet
4£ statt 2,75£. Zuschläge nach Höhenmetern
sind international üblich und keine Erfindung des räuberischen
Bergvolkes Österreichs. Mangels Kleingeld wechseln sogar
9£ den Besitzer für zwei Coca-Cola. Ägypter können
gern nicht herausgeben. Unsere Reisegruppe hat auf Anraten Mohammed
Hassans eine Bakschischkasse gegründet.
Doris Day aus Hamburg darf sammeln. Sie hat ein
großes Herz - heute trägt sie ein orangefarbenes T-Shirt
mit von einem Pfeil getroffenen Glitzerherz. Später erfahren
wir noch, daß sie von ihrem Hamburger Clan Mary genannt
wird, von Marlies. Bakschischkassen haben für
Gruppen den Vorteil, daß sich das Individuum nach Zahlung
von 50£ pro Person nicht mehr um Trinkgeld kümmern muß
und jeder Dienstleistende gerecht, aber nicht üppig, besoldet
wird. Nachteil ist natürlich, daß alles etwas unpersönlich
läuft und die Lust zu arbeiten oder besonders gut zu arbeiten
weiter schwindet. Zum Dinner haben wir Beef, Hühnchen, Erbsen,
Reis und frisches Fladenbrot (ein Grundnahrungsmittel
in Ägypten). Das Stella-Lager-Bier
schmeckt nach Chlor. Der Reiseleiter riecht daran und ordert ein
neues Bier für Anne und Gisela an unserem Tisch. Das neue
Bier schmeckt genauso nach Chlor. Stella-Lager wird vielleicht
aus Nilquellwasser gebraut. Da die Nilquellen so weit weg sind
(der Nil ist mit 6.690km der längste Fluß der Welt)
und unterwegs so viel Sachen hineinkommen, gibt man lieber vorsichtshalber
mehr oder weniger Chlor hinzu, aus Sicherheitsgründen.
Gisela und Gerhard (Gerd),
die an unserem Tisch sitzen, kommen aus München. Sie sind
"die Taucher" in unserer Gruppe. Sie haben
ihre ganze Ausrüstung in einem eigenen Rucksack verstaut.
Dies geschah so gut, daß sie sich heute morgen nicht trauten,
ihre Schnorchel und Masken auszupacken. So haben sie das Riff
vor dem Dahab Helnan Hotel gar nicht gesehen. Gisela hat einen
sensiblen Magen. Resorchin und Paludrine haben ihrem Magen Krämpfe
bereitet. Die Arme. Sie ist Körnerfresserin (Vegetarierin).
Hier im Urlaub verlangt ihr Körper aber auch 'mal nach Rindfleisch,
wegen der fehlenden Mineralien und sonstigen fehlenden Eiweißstoffe.
Anne berichtet von den guten Erfahrungen, die sie mit einer ausgewogenen
Ernährung gemacht hat. Ferdi berichtet von den guten Erfahrungen,
die er mit Annes Küche gemacht hat. Seit er sie kennt (seit
1972) ist sein Gewicht schon von 72kg auf 99kg gestiegen. Jetzt
ist es Anne schon fast zuviel. An unserem Tisch sitzen noch Traute
und Yvonne aus Hamburg. Wir diskutieren die Vornamen und die psychischen
Konsequenzen, die unsere Eltern durch eine möglicherweise
unüberlegte Wahl prädestiniert haben.
Heute zahlen wir bar und das ist die erste Gelegenheit, ein einzelnes ägyptisches Pfund kennenzulernen. Selten genug, da doch Ägypter sich so ungern vom eigenen Kleingeld trennen und lieber große Scheine ungewechselt akzeptieren. Araber, Beduinen und Ägypter wissen zu überleben, in der Wüste, ohne Wasser, ohne Alkohol und ohne Wechselgeld. Sie brauchen dazu nur ein paar eingeflogene Touristen, am liebsten die frischen mit den großen Scheinen. Inch Allah.
2 Uhr Early Morning Tea und eine Flasche Wasser.
215 Uhr Abfahrt zum Katharinenkloster.
Von 1500m ü.NN. steigen wir auf 2285m ü.NN., auf die
Spitze des Mosesberges. Der Aufstieg führt
über einen leichten Weg, der nur wegen des Höhenunterschiedes
mühsam wird. Mit uns sind noch Menschen aus 20 weiteren Reisebussen
unterwegs. Deutsche, Italiener, Amerikaner und zwei Russen finden
sich oben ein, suchen in winzigen Hütten Schutz vor Wind
und Kälte. Irgend jemand berichtet, es seien 3°C. Im
Januar und Februar sind es oft -5°C und es gibt Schnee. Die
Händler nehmen 1,50£ für ein Glas Tee oder Kaffee,
2£ Leihgebühr für eine Wolldecke
und 3,50£ für eine Rolle Schokoladenkekse. Wer nach
dem Preis fragt, bekommt Ärger und zahlt das Doppelte. Der
Abstieg geht über die kürzere, steilere Strecke. Die
Felsstufen führen durch ein wunderschönes Tal, mit vom
Sonnenlicht rot glühenden Felsenwänden, hinab zum Katharinenkloster.
Um kurz nach acht sind wir zurück am Bus. Fast alle sitzen
schon. Als letzte erscheinen unter allgemeinem Protest die Tauchbayern.
Keiner weiß, wo sie hier im Gebirge abgetaucht sind - sie
haben nur die schöne Aussicht beim Abstieg genossen.
Dann fahren wir zurück zum Hotel Daniela Village
zum Frühstück. Es gibt leckeres, frisch gebackenes Fladenbrot
und sehr schmackhaften, weichen Ziegenkäse
dazu.
Um 10 Uhr fahren wir wieder zum Katharinenkloster
hinauf. Hier leben 50 griechisch-orthodoxe Mönche.
Sie haben alle Tricks 'drauf, um sich hier oben zu halten: Sie
haben das Kloster mit meterdicken, 12m hohen Mauern umgeben. Innerhalb
der Klostermauern gibt es neben der Kirche auch eine Moschee,
in die sie sich bedarfsweise zurückziehen können, wenn
es brenzlig wird. Denn es gilt im arabischen Raum, daß man
eine Moschee nicht angreifen darf. Sie lassen die Beduinen
der Gegend für sich landwirtschaftlich arbeiten. Ansonsten
ernähren sie sich natürlich am liebsten von Touristen,
die bereitwillig in Scharen mit Bussen hergefahren kommen, um
Souvenirs und Ikonenpostkarten zu kaufen. Manche spenden sogar
bereitwillig ohne jeden materiellen Gegenwert. Wieder andere entzünden
Kerzen, für die sie einen Obolus hinterlassen, der den Materialwert
oftmals übersteigt. Große Probleme haben die griechischen
Mönche allerdings mit dem Nachwuchs, um nicht zu sagen mit
der Fortpflanzung. Biologisch sollen sie's nicht tun und wo bekommt
man hier sonst griechische Jungmönche her?
Um 12 Uhr fahren wir Richtung Suez und Kairo.
Am Dreiländereck auf Sinai erfolgt eine Paßkontrolle.
Zum Katharinenkloster können Israeli
und Jordanier ohne ägyptisches Visum
reisen und Touristen erhalten für den Sinai
ein verbilligtes Visum. Wer aber weiter zum ägyptischen Festland
reisen will, braucht das normale Ägypten-Visum.
Die Strecke bis zum Suez-Tunnel ist 300km lang, Zeit
genug für ein paar Informationen über Ägypten:
An der Oase Feirân halten wir zum Fotografieren
an. Der Fluß ist zwar derzeit ausgetrocknet, doch hunderte
Dattelpalmen bekunden feuchtere Zeiten.
An einer Kreuzung am Golf von Suez besuchen wir eine
Raststätte und essen Spaghetti Bolognaise. Die Tauchbayern
bekommen ihre zwei Portionen erst sehr spät. So sitzen schon
wieder alle im Bus und warten. Wir leisten den Tauchbayern noch
Gesellschaft, bis Gisela ihre Nudeln verspeist hat, damit nicht
wieder Gruppenunmut auf sie fällt. Dann biegen wir ab nach
Haman Faraun zu den heißen Quellen der Pharaonen. Ein weiteren
Fotostop ist kurz nach Sonnenuntergang am Tunnel von Suez. Auf
westlicher Seite des Suezkanals erkennt man einen hohen Sandwall,
der an einigen Stellen Lücken aufweist. Die Israeli haben
in der Länge des Suezkanals (170km) diesen Wall während
bzw. nach dem Sechstagekrieg aufgeschüttet, um die Ägypter
daran zu hindern, mit Panzern auf die Sinaihalbinsel überzusetzen
und zurückzuerobern. Doch der Wall war kein echtes Hindernis,
denn die Ägypter haben einfach mit Wasser (aus dem Suezkanal)
den Sand weggespült und dadurch die heute noch sichtbaren
Löcher und Durchbrüche geschaffen. Wir unterqueren den
Suezkanal und fahren auf vierspuriger Autobahn nach Kairo.
War bisher die Welt noch völlig in Ordnung,
folgt in Kairo das Chaos, das Verkehrschaos. Jeder fährt,
Allah fährt mit. Hier meint man jedoch, Allah fährt
selbst. Mit Hupen, Drängeln, Beweisen der Macht des Stärkeren
und mit viel Mut wird jedes Fahrzeug durch den quirligen Straßenverkehr
geleitet, aber auch mit einer Achtsamkeit und Umsicht, die uns
verblüfft. So bewegt sich die Verkehrslawine unter einer
Dunstglocke durch die Metropole. Bunte Lichter lieben die Ägypter,
auch die von Ampeln. Das heißt aber längst nicht, ihre
übliche Bedeutung im Straßenverkehr zu respektieren,
sich ihrem Rhythmus gar zu unterwerfen. Jeder hat hier die Freiheit,
sich zu entfalten, die Bedeutung der bunten Lichter zu respektieren
oder auch zu ignorieren.
Gegen 1930 Uhr treffen wir
im Hotel Siag Pyramids ein. Die Zimmer sind unrein, aber man hat
einen wunderschönen Blick auf die Pyramiden von Giseh.
Wir dinieren im Hotelrestaurant. Ein Mixed Grill Teller kostest 35£ und schmeckt gut. Das Bier ist hier auch in Ordnung. Gestern hatte die gleiche Marke (Stella Lager) einen intensiven Chlorgeschmack.
7 Uhr Wecken, 730 Uhr
Frühstück im Hotelrestaurant. 830 Uhr
Abfahrt zur Zitadelle. Der Verkehr ist chaotisch,
wie gestern Abend. Heute umgibt er sich mit einer noch viel dickeren,
dichteren Dunstglocke.
Von der Zitadelle hat man einen weiten
Blick auf die Skyline von Kairo und
Giseh, auf die Sultan-Hassan- und
El-Rifai-Moschee und auf die "Tote
Stadt": Ein riesiger Friedhof,
der zum Teil bewohnt ist; insbesondere Gräber
von Verstorbenen, die keine Angehörigen mehr haben, werden
gern bewohnt. Im Inneren der Zitadelle
liegt die Muhammad-Ali-Moschee (Alabastermoschee),
erbaut von 1824-1857. Von außen gleicht sie der "Blauen
Moschee" in Istanbul, denn sie hatte den selben Baumeister,
den Griechen Jusuf Boschna aus Istanbul.
Heute besuchen viele Schulklassen vom Lande diese Moschee.
Die Kinder sind vor allem von den Touristen beeindruckt, vor allem
von den blonden Frauen und Männern. Annes Cognac-Tönung
geht hier mühelos als blond durch. Viele Kinder wollen mit
uns zusammen aufs Foto. Mohammed Hassan
setzt sich mit uns auf die 100 Jahre alten Teppiche und erklärt
uns alles über den Islam, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten
zum Christentum und zur ägyptischen Religion. In dieser Moschee
gibt es zwei Mirhabs, die Richtung Mekka zeigen, eine aus Alabaster-Marmor,
die andere aus Zedernholz, grün und goldfarben.
Danach fahren wir zur Sultan-Hassan-Moschee.
Sie ist ganz leer. An 34m langen Ketten hängen die Lampen
von der Decke herab. Der Vorraum mit dem Brunnen
für die rituellen Waschungen und der Gebetsraum sind hier
nicht getrennt. Hinter dem Gebetsraum befindet sich ein Raum mit
dem Grab des Sultans. In diesem Raum steht auch ein großer,
breiter Stuhl, der sogenannte Lehrstuhl, auf dem der Lehrer, der
Gelehrte im Schneidersitz saß (daher ist er so breit) und
den vor ihm am Boden sitzenden Schülern das Wissen oder den
Glauben vermittelte.
Unser nächstes Ziel ist das Hilton-Hotel,
wo ich 600£ vom Automaten auf VISA-Karte bekomme.
Danach besichtigen wir das Ägyptische Museum. Mohammed Hassan hat hier sein Heimspiel. Er hat Ägyptologie und Religionswissenschaften studiert und weiß alles, nicht nur Dinge, die man auf den Schildern nachlesen kann. Er kann auch schöne Geschichten zu den Königen und über die Königinnen erzählen. Er gibt sich sehr viel Mühe, was durch ein hohes Maß an Interesse und Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe belohnt wird. Um 16 Uhr schließt das Museum. Wir sind noch fast eine halbe Stunde länger da. Danach fahren wir in ein Restaurant am Nil.
Gegen 17 Uhr versinkt die Sonne hinter der Skyline
von Giseh. Der Himmel ist rotviolett und dieses Licht spiegelt
sich auf dem Wasser des Nils. Man serviert ein Menü aus kleinen
Vorspeisen, Tacos, Kalbfleisch oder Fisch mit Gemüse, Pommes
Frites und Reis. Dazu trinken wir Bier und jeder einen Anisschnaps
für insgesamt 90£ für zwei Personen.
Dann fahren wir durch das Verkehrschaos
ins Zentrum von Kairo. 1 Stunde und 10 Minuten haben
wir Zeit für den großen Bazar Chan el-Chalili.
Es reicht, alles anzusehen, denn so groß ist der Bazar nun
auch wieder nicht, aber es ist zu knapp, wenn man etwas erhandeln
will. Für einen vierarmigen Leuchter aus Sterling-Silber
verlangt man 350,-DM. Wenn man Messing mit Silberauflage wählt,
kann man für 100,-DM schon verschnörkelte Exemplare
erstehen. Da wir nur noch 10 Minuten bis zur Abfahrt haben und
uns beide Leuchter nicht richtig gefallen, bleiben die Leuchter
im Laden. Wir kaufen zwei Dosen Cola und ½l Wasser für
8£ und fahren zurück zum Hotel.
In der Stadt sieht man vielfach Autos, die mit Blumenbouquets
geschmückt sind. Mohammed Hassan weiß,
daß es sich um Hochzeitsgesellschaften handelt. In Ägypten
heiratet man gerne Donnerstags oder Samstags, weil Freitag für
die Moslems und Sonntags für die Christen arbeitsfrei ist.
In unserer Hotelhalle findet auch eine Hochzeit
statt. Alle Gäste sind fein gekleidet, in Anzügen und
Abendkleidern. Das Brautpaar erscheint und eine hübsche Bauchtänzerin
zeigt, was der Bauch hält.
Eine Mitarbeiterin der Rezeption, der Housekeeping-Manager und ein Roomboy folgen mir heute aufs Zimmer, denn die Toilette ist nicht geputzt, Haare liegen im Bidet, der Boden ist nicht gesaugt und es wurde schon lange nicht mehr Staub geputzt. Während wir noch im Restaurant Spaghetti essen wird nachgeputzt. Danach blitzt die Toilette und der Boden ist gesaugt. Na bitte, es geht doch! Die Badewanne ist zwar noch in desolatem Zustand und man hat vergessen, Staub zu putzen, aber egal, was soll's, wir sind ja nicht hier hergekommen, um das Hotel umzuorganisieren.
630 Uhr Wecken, 7 Uhr
Frühstück, 730 Uhr Abfahrt zu
den Pyramiden von Giseh. Wir steigen
an der 146m hohen Cheops-Pyramide aus. Ein
mächtiges Bauwerk, das früher komplett mit einer Kalk(stein)schicht
überzogen war. An der zweiten Pyradmide, der Chephren-Pyramide,
kann man dies im oberen Bereich gut erkennen. Wir gehen über
einen niedrigen Gang in demütiger Haltung in die Tiefe der
kleinen, der dritten Pyramide, die den Namen Mykerinos-Pyramide
trägt. Es ist warm, die Schweißtropfen rinnen. Unten
sieht man die Grabkammer und weitere Nischen,
in denen Grabbeigaben (Features) für die Reise ins Leben
nach dem Tode, ins ewige Leben, untergebracht wurden. Von einer
Anhöhe aus hat man einen schönen Blick auf alle drei
Pyramiden, passend für die 35mm Weitwinkel
der Klickkameras.
Beeindruckend ist der unterhalb der Chephren-Pyramide
gelegene Sphinx, der Menschenkopf mit Löwenkörper.
Die Nase ist vor Jahrhunderten zerstört worden, sonst ist
der gewaltige Kopf noch ganz gut erhalten. Er war aber auch über
Jahrtausende unter einer Sandschicht begraben. Der Taltempel besteht
aus gewaltigen Rosengranitsäulen, die sehr
präzise aus dem Fels gehauen wurden. Die Säulen sind
ca. 4m hoch und haben eine quadratische Grundfläche von 1m
mal 1m. Die restliche Blöcke sind sehr präzise gehauen.
Fugen sind kaum zu erkennen. Wahrscheinlich ist der Tempel deshalb
noch auch so gut erhalten. Die Wände verjüngen sich
oben. Die Steine sind im Verbund gesetzt, teils mit mehreren Verzahnungen.
Über schiefe Ebenen wurden damals die Felsblöcke hochgezogen
und dann mit hoher Präzision abgesetzt.
Dann besichtigen wir einen Parfümladen
und einen Papyrusladen. Hier erhalten wir eine
Einweisung in die Papyrusherstellung: Die Stengel werden geschält,
der weiße Kern wird in Streifen geschnitten, mit einem Hammer
wird die Feuchtigkeit aus den Fasern ausgeklopft, dann wird 6
Tage gewässert. Die Streifen werden auf Filz im Kreuzverbund
ausgelegt und gepreßt. Danach ist ein strapazierfähiges,
knickbares Papyrusblatt fertig. Die Blätter werden mit ägyptischen
Motiven und Hieroglyphen bemalt und für
35£ bis 500£ zum Verkauf angeboten.
Am Nachmittag essen wir in einem Gartenrestaurant
außerhalb der Stadt Kairo, auf dem Weg nach Memphis: Rindfleisch
oder Fisch mit Reis und Pommes, sowie kleine Vorspeisen und Beilagen.
Zum Nachtisch gibt es Guave für alle. Mit einem Bier, einer
Cola und 1l Wasser sind wir mit 64£ dabei.
Unser nächstes Ziel ist fakultativ: Memphis.
Eine liegende Statue von Ramses II., um die man
ein Gebäude gebaut hat, und ein Alabastersphinx
sind die Hauptattraktion. Der Sphinx ist auf der
Nordseite noch sehr gut erhalten.
Weiter geht es nach Sakkara. Zunächst
sehen wir ein Grab mit wunderschönen Reliefbildern an den
Wänden. Bilder vom Leben des Königs, von der Ernte,
von Löwen, die sich paaren, von einem Kalb, das geboren wird.
Die Bilder erzählen auch von dem Besitz des Königs,
wieviel Tausend Gänse, wieviele Antilopen und Kraniche, unzählige
Frösche und ich weiß nicht was sonst noch. Beeindruckend
sind die Details der Bilder. Einige Bilder sind nur in den Konturen
vorhanden, also unvollendet, denn für diese Arbeiten hatte
man damals nur 70 Tage nach dem Tode des Königs
Zeit. Danach wurde der Sarkophag verschlossen
- für immer.
Immer heißt, bis Grabräuber oder Archäologen
kamen, um die Geheimnisse zu lüften.
Als nächstes sehen wir noch unter einer Pyramide
einen langen Gang mit Sarkophagen von "heiligen
Stieren". Ansonsten ist noch die Stufenpyramide
des Königs Djoser aus dem Jahre 2800
v. Chr. erwähnenswert, die stark an die Jahrtausende später
entstandenen Pyramiden von Mexico erinnert. Kameltreiber
bieten einen Ritt von der Grabanlage zum Bus an. Sie sind hartnäckig
und aufdringlich. Wenige aus unserer Gruppe nehmen "das Angebot"
an, für 10£ auf einem Kamel 100m durch den Wüstensand
getragen zu werden. Die anderen gehen zu Fuß - fast genau
so schnell. Ein malerisches Bild, die Dromedare
vor der untergehenden Sonne und der Pyramide und ringsherum Sanddünen.
In der Dämmerung besichtigen wir den Tempel
des Djoser, dessen Portal von weiten einem
modernen Betonbau gleicht. Die Mauern bestehen jedoch aus sehr
präzise geschnittenen Kalksteinquadern, die (ohne Mörtel)
fast fugenfrei aneinander gestapelt wurden. Man findet kaum eine
Ritze, in die man eine Rasierklinge quetschen könnte, so
präzise wurde dieser Tempel vor etwa 4800 Jahren gebaut.
Auch die Säulen bestehen aus einzelnen Schuhkarton großen
Steinen. Man hat damals seinem eigenen Baustil und den Materialien
noch nicht recht getraut, denn man hat keine freistehenden Säulen
benutzt, sondern die Säulen an die Wände "angelehnt".
Außerdem hat man die Wände sehr dick gebaut, um die
Stabilität zu erhöhen. Interessant sind auch die "virtuellen
Türen" und die "virtuellen Gräber". Bisher
kannte ich nur "virtuelle Speicher", "virtuelle
Maschinen" und "virtuelle Adreßräume",
jetzt kenne ich auch Räume mit "virtuellen Türen"
aus Stein. Man deutet sogar Scharniere an und stellt die Scheintür
um einige Zentimeter offen.
Sagenhaft, Mohammed Hassan,
der wie Chris Howland aussieht und spricht, muß schon mit
der Taschenlampe leuchten und mit den Wärtern verhandeln,
um noch alle Sehenswürdigkeiten zeigen zu können. In
einem weiteren unterirdischen Grab sehen wir wieder andere Zeichnungen
und fünfzackige Sterne an der Decke.
Geschafft sind wir um 1815 Uhr
im Hotel zurück. Das Zimmer wurde noch nicht richtig geputzt,
im Gegenteil. Die Staubschicht auf dem Lampenfuß ist gewachsen
und durch mein gestriges Duschbad ist die Zahl der angetrockneten
Wassertropfen am Spiegel weiter gestiegen. Sie wollen's wohl nicht
besser machen.
Um 20 Uhr essen wir im Hotelrestaurant: Pfeffersteak, Zwiebelsuppe, Spaghetti Bolognaise und drei Bier für 85£. Gestärkt muß Anne die Koffer packen und Ferdi die Fototasche. Jeder hat in unserer Beziehung seine Stärken und Schwächen und muß das machen, was er am besten kann.
420 Uhr, Anne wird wach. 425 Uhr
kommt der Wakeup-Call der Rezeption. 440 Uhr
Frühstück. 505 Uhr Abfahrt vom
Hotel. Der Busfahrer heizt durch Kairo. Die Verkehrsdichte
ist noch gering und wir kommen zügig voran. 535 Uhr
treffen wir zeitgleich mit der schon 15 Minuten früher
gestarteten Gruppe von Mohammeds Kollegen am Flugplatz
ein. Der Check-In verläuft sehr zügig. Das Gepäck
stellen wir gleich aufs Förderband. Flug Nummer 3339 der
Egypt Air nach Luxor (LXR), eine Boeing 737-500, die
von OFT-Reisen bzw. MISR-Travel
gechartert wurde, startet um 615 Uhr, bei
Sonnenaufgang. An Bord wird ein Stück Kuchen mit Kaffee gereicht.
Der Flug dauert 55 Minuten. Wir fliegen östlich vom
Nil. Man sieht Wüste, Wadis, Felsen. Um 715 Uhr
landen wir in Luxor. Im Landeanflug hat man einen
schönen Blick auf den Karnak- und Luxor-Tempel. Um 815 Uhr
sind wir an Bord der H/S Helio. Die Kabinen werden
verlost. Ferdi zieht das Los 207 und trägt damit die Verantwortung
für die Lage und Mängel der Kabine. 207 liegt im Mitteldeck.
Anne ist zufrieden, daß es nicht das Unterdeck, das Souterrain
des Schiffs ist. Die Kabine ist erstaunlich groß, zwei Betten,
Nachttisch, Schreibtisch, TV, Schrank und ein Bad mit normaler
Toilette (Farbe grün), Dusche und Waschbecken. Um 915 Uhr
kann Anne mit dem Auspacken der Koffer beginnen. Dadurch ist sie
beschäftigt, schafft 'was weg. Das macht die Menschen so
zufrieden. Viele von unserer Gruppe sind ja so unzufrieden, weil
ihre Kabine nicht auf dem Oberdeck liegt, weil man, das Fenster
nicht öffnen kann und weil es in der Kabine stinkt. Die einen
meinen nach Insektenvernichtungsmittel, die anderen nennen es
einfach Diesel.
Bald sitzt man an Deck und läßt die Landschaft vorüberziehen, Dörfer und Städte. Die Kinder kommen ans Ufer gelaufen und winken zu den Schiffen herüber. Fischer werfen ihre Netze aus, schlagen mit Holzstangen ins Wasser, Frauen in schwarzen Gewändern bringen ihre blanken Zinkeimer zum Fluß und spülen das Geschirr.
Unser Traumschiff "kreuzt" von links nach
rechts, so daß das jeweils interessantere Ufer möglichst
nahe vorbeizieht. Es wird viel Zuckerrohr auf den Feldern des
Niltals angebaut. Etwa 6 Jahre lang kann man diese Pflanzen zweimal
jährlich ernten.
Im Dunst der Ferne sieht man die Oberkante der Berge,
die die Nilebene begrenzen. Dahinter beginnt die Wüste. Gegen
Mittag kommen die Sonnendecker unters Dachdeck. Der Photonenregen
ist ihnen zu stark. Bis Mittag begegnen uns nur drei Nilkreuzer,
überraschend wenig, wenn man bedenkt, daß in Luxor
die Schiffe mehrreihig kilometerlang am Ufer angelegt hatten.
Das Nilwasser sieht gar nicht mal so dreckig aus, wie man bei
einem Fluß dieser Länge meinen würde. Mal reichen
die Berge direkt bis an den Nil, mal weichen sie kilometerweit
zurück.
Um 1220 Uhr gibt es Mittagessen.
Wir sitzen mit den Tauchbayern, Gisela & Gerhard,
Rostelse aus Rostock mit ihrer Freundin Jana,
Frau Suermann und Frau Droste aus Duisburg, die, außer dem
beinkranken Hamburger mit Frau, als einzige Oberdeckzimmer erlost
haben, und mit Traute (1,52m) und Tochter Yvonne
aus Hamburg zusammen. Als Vorspeise gibt es eine Teigrolle mit
Schafskäse-Kräuter-Mischung, als Hauptgericht Huhn mit
Gemüse, zum Nachtisch Milchreis, dazu Kaffee oder Tee.
Um 15 Uhr passieren wir die Schleusen von Isna
und eine Drehbrücke. Vor der Brücke haben sich
Nilpflanzen gestaut, die mit einem Bagger entfernt
werden. Die Pflanzen verdunsten viel Wasser über ihre Blätter.
Man sagt im ganzen Nilbereich ist es soviel Wasser, daß
man viele Tausend Quadratkilometer Ackerland damit bewässern
könnte. Diese Pflanzen sind nach der Regulierung des Wasserstandes
durch den Bau des Assuan-Staudamms zur Plage
geworden. Früher wurden sie mit jedem Hochwasser des Nils
mitgerissen, weggeschwemmt und dadurch dezimiert. Dies sind Folgen,
die man vor dem Bau des Staudamms nicht geahnt
hatte. Sehr angenehm sind heute die Temperaturen im spätsommerlichen
Ägypten. Man kann in Sommerkleidung im Halbschatten sitzen,
ohne zu frieren. Selbst Anne trennt sich heute vom wärmenden
Pullover.
Wer ist sonst noch in unserer Reisegruppe?
Die 6 Hamburger. Uschi, die unscheinbare,
graue Hausfrau mit Leo, dem "Türken",
klein, untersetzt, dunkelhaarig. Man hat ihn bei einem Türkeiurlaub
schon gefragt, woher er so gut deutsch spricht. Da ist Mary,
alias Doris Day, mit dem beinkranken Dieter,
dessen Kompaktheit wahrscheinlich beinkrank gemacht hat, und da
ist Karin mit Gregor. Karin ist die sportlich
Elegante. Heute trug sie anläßlich unserer Einschiffung
gleich einen marineblauen Blazer mit goldenen Admiralsknöpfen.
Gregor hütet die Trinkgeldkasse während
unserer Rundreise. Mary hat am 2. Tag das Geld eingesammelt; das
hat sie gut 'raus. Noch nie ist sie in so kurzer Zeit zu so viel
Geld gekommen. Karin fotografiert über ihre Verhältnisse,
d.h. mehr als ihr Filmvorrat zuläßt. Sie schreibt auch
Tagebuch und bringt mit rauchiger Stimme die Sprüche, die
auf anderen Reisen Annelie Wahlers parat hat. Auch ihre Dialoge
mit Gregor ähneln denen, die wir zwischen Annelie
& Gerd kennen. Viele Dialoge haben wir ganz öffentlich
mitbekommen; einige aber auch nichtöffentlich, weil die Wand
zwischen unseren Toiletten auf der H/S Helio eine
gute Sprachverständlichkeit gewährleistet. Die sechs
Hamburger, insbesondere Leo, haben/hat sich vor einigen Tagen
mit unseren Tauchbayern verfeindet. Irgendwie ging es zuerst ums
Zuspätkommen und später um die Plätze im Bus und
den daraus sich ergebenden Dialogen (Gezänk). Die Hamburger
sind so zwischen Mitte 40 und Mitte 50. Altersgemäß
brauchen sie zur Morgentoilette, also zum morgendlichen Style-up
mindestens eine Stunde. Demnach sind Anne und ich noch richtig
jung. Heute haben wir die Morgentoilette wegen zu späten
Weckens in unter 15 Minuten geschafft.
Um 17 Uhr gibt es den Sonnenuntergang hinter Nilufer mit Palmen und Moschee. Um 1730 Uhr ist es fast dunkel, am Himmel über dem Westufer zeigt sich ein schönes Abendrot. Weiter oben steht die Venus am Himmel. Ein Pullöverchen verhindert das Frösteln. Wir warten auf Mohammed Hassan, der nach dem five o'clock Tea noch zum Volk sprechen will. Dabei wird klar, daß wir bald sehr früh aufstehen werden: Um 4 Uhr für die Fahrt nach Abu Simbel - Flüge gibt's nicht mehr.
Der Videofilmer aus Stuttgart
mit seinem neuen Leihcamcorder. Er sieht auf dieser Rundreise
alles in schwarzweiß, schade. Es gibt nichts, was er nicht
filmt. Über die ganze Sinai-Halbinsel hat er die Busfahrt
gefilmt oder war zumindest in Filmbereitschaft. In Kairo hätte
er jeden Verkehrsunfall dokumentieren können, in den eines
der zahlreichen, den Bus umgebenden Fahrzeuge hätte gelangen
können. Dafür beeilte er sich stets, den Platz in der
ersten Reihe im Bus zu erlangen. Morgens trinkt er Ouzo, dann
filmt er weiter. Vielleicht hält er den Camcorder auch nur
in der Hand, weil die Fototasche voll Ouzo ist. Er hat sich den
Camcorder aus der Verwandtschaft geliehen - nun könnte er
zur Vollbeschäftigung werden. Seine Frau hat schon
tiefe Sorge, weil er kaum noch Fotos macht und sie zu Hause nichts
vorzuzeigen hat, bevor er nicht eine einigermaßen verkürzte
Zusammenfassung erstellt hat. Dann sind da Helen
und ihre Mutter aus Hamburg. Mama hat Urlaub von Papa und
jetzt schmachten beide Mohammed Hassan an.
Sie sind schon ganz traurig, daß sie fliegen müssen,
denn Mohammed Hassan begleitet die Abu Simbel Busfahrer. Sie kennen
sich überdurchschnittlich gut in ägyptischer Geschichte
und Mythologie aus. Das belohnt Mohammed Hassan, indem er Helen
mit zusätzlicher Fachliteratur versorgt. Aus Berlin kommen
der Botaniker und seine Jattin.
Sie reden gerne lange miteinander über unwichtige Dinge.
Als er einmal beim Mittagessen in einem Gartenrestaurant
von Karin Hamburger gefragt wird, was "dies" für
eine Pflanze sei, muß er passen. In ägyptischer Flora
kennt er sich nicht aus. Es gibt ja so viele Floren, "Heimische
Flora", "Mittelmeerflora", "Asiatische Flora",
da kann man nicht alles wissen. Sie haben auch kein Bestimmungsbuch
dabei, aber sie will ihm dann zu Weihnachten eines schenken, wenn
er nichts besseres weiß, oder sagen wir mal, nichts sinnvolleres
weiß. Dann ergänzt er nach 20 Minuten, völlig
aus dem Zusammenhang gerissen: "Arktische Flora" - gibt
es auch noch. Er weiß auch, daß die Pyramiden
ohne Knoblauch nie hätten gebaut werden können. Mohammed
Hassan bestätigt diese These. Unser Botaniker
ist dankbar, daß Mohammed Hassan seine Auffassung bestätigt
hat. Knoblauch soll nämlich eine antibiotische
Wirkung haben und die war nötig, um die Krankheiten der zahlreichen,
auf engem Raum lebenden Pyramidenarbeiter im Zaume zu halten.
Also: Ohne Knoblauch keine Pyramiden, ist doch
logisch. Dann sind da noch Anne Suermann und Helga Droste
aus Duisburg. Sie haben frei von ihren Männern. Frau Droste
begleitet Frau Suermann nur, weil Anne Suermann
sonst keine Reisebegleitung gehabt hätte. Frau Droste hat
ja gerade dieses Frühjahr erst 'ne Reise nach Jordanien gemacht
und nun ist sie schon wieder hier auf Sinai und in der Gegend.
Auch sie beginnen Mohammed Hassan anzubaggern. Frau Suermann klammert
etwas. Wenn Mohammed Hassan Erklärungen abgibt, steht sie
hinter Frau Droste, schiebt aber ihr dunkelhaariges, bebrilltes
Köpfchen über Frau Drostes Schulter nach vorn, um den
Worten Mohammed Hassans besser lauschen zu können. Es gibt
noch ein jüngeres Paar mit einem älteren Einzelreisenden
(ihr Vater glaube ich), über die ich nicht viel sagen kann,
denn sie saßen im Bus stets hinter uns in der letzten Reihe
und sind auch sonst einigermaßen ruhig und unauffällig.
Mohammed Hassan sieht
aus wie Chris Howland - sagte ich schon. Er hat einen Akzent wie
Chris Howland und ist schelmisch wie Chris Howland. Er kennt auch
viele Witze, von denen wir die wenigsten Pointen verstehen, aber
alle lachen mit. Doch es gibt genug komische Situationen, über
die es wirklich 'was zu lachen gibt, so daß es nicht langweilig
wird. Ernsthaft ist über ihn zu verzeichnen: Er ist wirklich
sehr gut in Ägyptologie und Religionswissenschaften und er
identifiziert sich mit der Aufgabe, uns so viel über Pharaonen
und Götter zu erzählen, wie er kann und wie wir wollen.
20 Uhr: Arbeitsessen für Touristen - Büfett.
"Welcome Helio" steht auf der Torte. Es fehlen nur die
Wunderkerzen, dann wäre die Illusion vom Traumschiff
fast perfekt. Das Essen ist schmackhaft und gut. Danach soll von
der Kellnerschaft (wegen des 11.11.) 'was aufgeführt werden
unter dem Motto: "Alles im Gelabah". Man drängt
uns, zügig das Dinner zu beenden, damit sie sich umziehen
können. Um 2115 Uhr verlassen wir
den Speisesaal. Um 2245 Uhr sind die Kellner
noch immer nicht aufgetreten, so verlassen wir mit einigen anderen
die Discobar - Chance vertan!
Um 130 Uhr legt die Helio
in Kom Ombo an.
SO 12.11.95 Kom Ombo - Assuan
7 Uhr Wecken, 720 Uhr
Frühstück, 8 Uhr Gang zum Doppeltempel des Suchos
und des Haroëris.
Man sieht sehr gut erhaltene Hoch-Tief-Reliefs, einen ägyptischen
Kalender, mumifizierte Krokodile, beeindruckende
Säulen. Einige Reliefs sind unvollendet. Man erkennt daran,
wie sie entstanden sind: Zunächst wurde der Stein (bevorzugt
Sandstein) grob vorbearbeitet, in 18 oder 26 Rechtecke
aufgeteilt, an denen dann die Feinarbeiten mit härteren Stein-
oder Eisenwerkzeugen herausgearbeitet wurden. Sehr naturgetreu
sind die Gesichter der Menschen und Tiere ausgearbeitet. Auch
in den Hieroglyphen erkennt man Feinstrukturen
der Gesichter, Tiere und Pflanzen.
Um 950 Uhr legt H/S Helio
ab Richtung Assuan. Heute melden sich die ersten M/D-Kranken bei
Mohammed Hassan, der eine antibiotische Tablette aus heimischer
Produktion verabreicht. Er wies in Kairo schon darauf hin, daß
viele auf dem Schiff ihre M/D-Probleme haben werden. Ihn selbst
träfe es auch oftmals. Frau Droste und Frau
Suermann, Mary aus Hamburg und Herr Fricke,
der sich als Lübecker mit seiner Frau gern auch zu den Hamburgern
gesellt, sind betroffen. Frau Droste hat die Probleme in beide
Richtungen.
Südlich von Kom Ombo sind viele Inseln im Nil,
auf denen Rinder weiden und zahlreiche Reihervögel im Schilf
nach Freßbarem Ausschau halten.
Ferdi und Anne schreiben Ansichtskarten. Es steht
5:1. Mittags gibt es Pfannkuchen mit Kräuterfüllung
und toten Fisch mit Reis, für Gerhard auch
Gräten. Obstsalat und die Zitronen am Fisch sollen uns vor
Skorbut bewahren, eine typische Seefahrerkrankheit, die man nicht
auf die leichte Schulter nehmen sollte.
Anne gerät in Entzücken, als sie Sit
Tut, ein Sheraton-Schiff sieht. Gern hätte
sie so ein Schiff gebucht, aber das ließ sich nicht mit
den anderen Anforderungen an den Reiseverlauf in Einklang bringen.
Wir sind jetzt aber auch gut zufrieden mit dem Schiff, der Besatzung
und der Kabine.
Wir legen in Assuan an. Mittags sind
- angesichts von Reissuppe und Tee - Frau Droste
und Frau Suermann wieder fit. Herr Fricke
erscheint auch zum Ausflug und Doris Day (Mary
Hamburger) erscheint im Augenblick des Ablegens unserer Feluke
gerade noch rechtzeitig. Wir segeln mit dem Boot über den
Nil zur Kitchener Insel. Auf der
Insel befindet sich ein schöner Botanischer Garten
mit allen Palmenarten dieser Welt und vielen anderen Bäumen.
Fikus Benjamini, bei uns als Topfblume im Wohnzimmer, sind hier
dicke, große Bäume. Es empfiehlt sich, im Zickzack
durch den Garten zu schlendern, dann sieht man viel und bemerkt
über den Nil segelnde Feluken als
lohnendes Fotomotiv.
Unser nächstes Ziel ist das Mausoleum
von Aga Khan. Es liegt imposant auf einer Anhöhe.
Man läßt die Besucher immer nur in Schüben ins
Innere. Der Andrang ist so groß, daß sich eine lange
Schlange bildet. Wir wollen sie nicht noch verlängern. Man
hat von hier aus einen sehr schönen Blick auf Assuan und
die Nilinseln Elephantine und
Kitchener Island.
Um 1630 Uhr sind wir mit dem
Segelboot zurück. Mohammed Hassan
will mit der Gruppe für 5£ pro Person mit dem Boot um
1730 Uhr bis zum Bazar fahren.
Wir verzichten auf den 17 Uhr-Tee und spazieren in die Stadt.
Nach 35 Minuten sind wir bis zum Old Cataract Hotel,
in dem der Roman "Tod auf dem Nil" von Agatha Christie
gedreht wurde. Dann gehen wir durch die Bazar-Straße zurück.
Die Geschäfte der Christen (Kopten) sind heute, am Sonntag,
geschlossen; die Läden der Moslem sind dagegen Freitags geschlossen.
Wir kaufen Gewürze (Malven-Blüten
für Veronika), grünen und schwarzen Pfeffer, Oregano,
Basilikum, Anis und Pfefferminze für 24£. Die nächste
Anschaffung fürs Leben sind zwei T-Shirts für Anne,
blaue Hieroglyphen auf weißem Grund und
goldene Hieroglyphen auf schwarzem Grund für zusammen 16£.
Dann bekommt Ankes Küchentisch nach hartem Handeln eine dunkelblaue
Tischdecke für 50£.
Um 20 Uhr sind wir zurück zum Dinner und
berichten von unseren Einkäufen im Bazar. Doris Day
hat auch ein schwarzes Shirt mit güldener Schrift. Gisela
(38) aus München konnte sich zu nichts entschließen
und Gerhard (fast 43) hat geschlafen. Er fühlt sich
M/D-krank. Rostelse verweigert inzwischen auch
die Nahrungsaufnahme. Die Bazar-Feluke mußte mangels Wind
von einem Motorboot abgeschleppt werden.
MO. 13.11.95 Assuan - Abu Simbel - Assuan - Kom
Ombo
330 Uhr Wecken. Herr Fricke
bemerkte gestern angesichts der allgemein frühen Wecktermine
während dieser Rundreise, er verstehe jetzt auch, warum das
hier Morgenland heiße. Early Morning Tea, 4 Uhr
Abfahrt mit einem Bus im Konvoi nach Abu Simbel. Auf der Hinfahrt
zwei Stops: 635 Uhr Sonnenaufgang über
der Wüste und 640 Uhr bei einer Karawane.
Gut 100 Kamele (Dromedare) werden zu den Kamel- und
Viehmärkten getrieben. Ein Bild, wie aus einem früheren
Jahrtausend. Mit flotter Fahrt (90km/h) erreicht unsere Autobuskarawane
um 745 Uhr die Tempel von Ramses II.
in Abu Simbel.
Vier mächtige Sandsteinkolosse
thronen vor dem Allerheiligsten, dem Sanktuarium. Der Mund der
Mammutstatuen ist 1,97m breit, der Abstand
der beiden Ohren beträgt 4,17m. Die beiden Tempel sind Ende
der 60er-Jahre zersägt und um 180m landeinwärts, 60m
bergauf gestellt worden - eine gewaltige Leistung. Wunderschön
sind die Räume im Inneren. Beim großen Tempel sind
innen noch größere Statuen aufgestellt. Viele detailreiche
Hoch-Tief-Reliefs, deren Farbgebung vielfach noch sehr gut erhalten
ist, beeindrucken den Besucher.
Der Nassersee hat derzeit den höchsten
Wasserstand seit 1965. Ein Schiff mit Besuchern hat in Abu Simbel
angelegt. Vier Mitreisende unserer Gruppe (Frau Droste und Frau
Suermann, sowie Helen & Mother) sind um 7 Uhr vom Boot
per Taxi abgeholt worden und um 9 Uhr ebenfalls in der Anlage.
Um 945 Uhr müssen wir wieder am Bus
sein. Wir gehen durch die Betonkonstruktion der Tempelanlage.
Eine gewaltige Halbkugel überspannt die Tempelanlage und
gibt dem darüber errichteten Berg Halt.
Auf der Rückfahrt durch die Sahara
sehen wir noch zwei Kamelkarawanen vorbeiziehen.
Einen Stop machen wir bei Kilometerstein 179. Dort ist die Fata
Morgana am schönsten zu sehen.
Die am Horizont gen Osten liegenden Berge scheinen im Wasser zu
liegen.
Um 1245 Uhr sind wir wieder
auf der H/S Helio, pünktlich zum Mittagessen. Es gibt Spaghetti
Bolognaise und ein Schnitzel mit Gemüse, das die Kauwerkzeuge
ernsthaft fordert. Zum Nachtisch werden grüne, unterkühlte
Bananen serviert, die sich am Platze der gesunden Rostockerin
Jana häufeln.
Um 1445 Uhr sitzen wir wieder
im Bus. Zunächst besichtigen wir den antiken Steinbruch
mit dem unvollendeten ObeliskenUnvollendeter Obelisk.
Er wurde nicht fertiggestellt, weil der Fels Fehlstellen aufwies.
Zweimal wurde noch eine Teilung versucht, um aus dem Felsblock
wenigstens noch einen Baby-Obelisken anzufertigen.
Doch auch das mißlang.
Dann fahren wir über den alten Staudamm zum
großen, neuen Hochdamm: Sadd el-Ali.
Es gehört zu einem Besuch von Assuan, den Damm
zu besichtigen, obwohl das Bauwerk Möhnetalsperre beeindruckender
ist. Allerdings ist der durch den Assuanstaudamm aufgestaute Nassersee,
der zweitgrößte Stausee der Welt. 12
Turbinen können je 175 MW Strom erzeugen. Seine wesentliche
Bedeutung hat der See als Regulator der Nilhochwasser.
Diese Wirkung und vor allem die Nebenwirkungen, wie die ausbleibenden
Nilschlämme und die zunehmende Bedeckung mit Nilwasserpflanzen,
lassen das Prestigeprojekt der 60er Jahre heute in zweifelhaftem
Licht erscheinen.
Das nächste Ziel ist der Philae-Tempel,
der auf der Nilinsel Philae lag. Wir fahren mit einer stinkenden
Fähre von MISR-Travel hinüber. Der
Tempel wird wunderschön von der Spätnachmittagssonne
beleuchtet. Viele Reliefs sind teilweise oder ganz weggemeißelt
worden - Zerstörung durch die Christen. Überall sind
stümperhaft "Malteserkreuze"
in die Wände und Säulen gehauen worden und ein Teil
der Tempelanlage hat 'mal als Kirche mit Altar dienen müssen.
Schade 'drum.
Dieser Tempel ist in den Jahren 1972-1980 von der
Nachbarinsel Philae auf die hochwassersichere Insel
Agilkia versetzt worden. Alle Steinbrocken haben
eine metallene Kennung erhalten, damit sie korrekt identifiziert
und an der selben Stelle wieder eingebaut werden konnten.
Dann fahren wir zurück zum Boot zur Teestunde.
Um 19 Uhr legt die Helio ab und um 2130 Uhr
in Kom Ombo an. Die Fahrt "bergab" geht
doch deutlich schneller (2½ Stunden statt 4 Stunden).
Beim Dinner und danach in der Bar sind die Themen
Berufsleben und Fernsehgewohnheiten 'dran. Mit Herrn Fricke
folgt ein Fachgespräch zum Thema Video und Nachvertonung.
Er hat einen Heimvideorekorder VR480 von Grundig. In diesem Urlaub
hat er seinen Camcorder aber mal daheim gelassen; er will nur
Urlaub machen. Herr Fricke arbeitet bei der Berufsgenossenschaft
in Hamburg. Yvonne ist bei der Hamburger Sparkasse
beschäftigt. Traute arbeitet beim Impfinstitut Hamburg. Gerhard
entwickelt neue Schaltungen der Kommunikationselektronik bei Siemens,
wenn er nicht von seiner Gisela unter Wasser geschickt
wird oder freiwillig Wände für die Altbauwohnung und
Möbel für sich und seine Gisela bastelt. Gisela arbeitet
auch bei Siemens.
Bei Assuan befindet sich das 1. Katarakt: Felsen im Nil, die eine weitere Schiffahrt unmöglich machen. Für den alten Damm gibt es eine Schleuse, um den Katarakt zu umfahren, für den Hochdamm nicht mehr.
Um 7 Uhr legt H/S Helio ab, 8 Uhr Frühstück.
Um 9 Uhr weht eine kühle Brise an Deck. Anne verhüllt
sich in ein Handtuch zur Lesestunde. Ferdi schreibt. Bis 11 Uhr
haben wir noch Zeit zur Muße. Dann steht Edfu
auf dem Programm.
Beim Frühstück sind alle M/D-Kranken heute
wieder fit. Yoghurt (Made in Denmark) ist sehr beliebt zur Regenerierung
der Darmflora. Punkt 11 Uhr legt H/S Helio in Edfu an. Pferdekutschen
bringen uns zum Horustempel. Der Tempel ist
gewaltig. 2000 Jahre alt sind die Reliefs. Die Christen (Kopten)
haben auch hier die Gesichter und Hände der eingemeißelten
Götter zerstört. An den Wänden werden ganze Geschichten
in Bilden und mit Hieroglyphen erzählt.
Mohammed Hassan zeigt uns beispielsweise
an fünf oder sechs Bildern an einer Wand die Grundsteinlegung,
den ersten Spatenstich, die Rohbauabnahme und die Schlüsselübergabe
des Tempels durch den König an den Gott Horus. Viele Räume
sind überdacht und man erkennt noch Reste der ursprünglichen
Bemalung, obwohl große Teile (wahrscheinlich durch Brandlegung)
geschwärzt sind. Da die Stadt Edfu gerade Stromausfall
hat, sind viele Einzelheiten nur schwer im Licht der Taschenlampe
zu erkennen. Mohammed Hassan versucht, was er kann mit seiner
Lampe, die er auf Blinkbetrieb stellt, wenn er in den nächsten
Raum vorangeht, daß uns ein Licht aufgeht. Eine Attraktion
des Tempels ist der Gott Horus in Gestalt eines Falken,
etwa 2,50m hoch, aus Granit. Karin Hamburger bekommt einen Fotoapparat
nach dem anderen in die Hand gedrückt und so fotografiert
sie auch uns. Mit dem ausgestrecktem Arm erreiche ich gerade mal
den Falkenschnabel von Horus. Kurz vor eins kommt der Strom wieder
und wir können noch mal alles bei Licht betrachten.
Gisela & Gerhard haben zwischenzeitlich eine
Granitfigur erstanden. Sie stammt vom selben Künstler (oder
derselben Fabrik) wie die, die sie in Assuan erhandelt hatten.
Die Figur aus Assuan hat 80£ gekostet, in Edfu zahlen sie
20£. Der Preis wird wohl gut sein, denn der Verkäufer
bezeichnet Gerhard einen Schlawiner und will noch ein paar Pfund
Nachschlag haben. Das ist nicht ungewöhnlich in Ägypten.
Die Kutsche bringt uns um 13 Uhr
zum Schiff zurück. Der Kutscher will gerne noch extra Bakschisch,
weil Anne seine Calèche fotografiert
hat und weil sein Pferd schwanger ist, wofür es jedoch keinerlei
äußeres Anzeichen gibt. In Edfu scheint
das Leben abseits der Hauptstraße vor 2000 Jahren stehen
geblieben zu sein: Schwarz gekleidete Frauen, Männer mit
einem Tuch, das zu einem Turban um den Kopf geschlungen ist. Einige
nehmen auch eine Strickjacke (es ist ja schon Spätherbst!),
die sie sich auf den Kopf legen. Eselskarren transportieren die
wenigen Güter, mit denen man handeln kann. Überall ist
es giddelig, wie man es aus moslemischen Ländern kennt. Natürlich
schmücken die Ägypter auch das Nilufer
mit allen bunten Kleinigkeiten, die sie nicht mehr zum Leben benötigen.
Sie verbrennen sie oder sie warten einfach, bis das Nilhochwasser
"klar Schiff" macht. Auch das klappt nicht mehr richtig
seitdem es den Assuan-Hochdamm gibt.
Ägypter sind Schelme, Schlawiner. Ihnen sitzt
der Schalk im Nacken und sie sind immer zu seinem Streich aufgelegt,
z.B. die Kellner unseres Schiffes zittern mit den Kaffee- oder
Teetassen wie ein Parkinson-Patient es täte oder sie packen
den Kugelschreiber oder die Brille beim Abräumen des Geschirrs
mit aufs Tablett oder sie schenken die Tasse nur halb voll Kaffee
oder Tee. Wenn sie sich begrüßen, küssen sie sich
und klopfen sich dabei auf den Rücken.
Um 1310 Uhr sind wir wieder
in der Neuzeit an Bord der H/S Helio, das Mittagessen wird serviert
und das Schiff legt ab Richtung Luxor.
Auch wenn man am Nilufer jemanden mit einem Esel
entlang ziehen sieht, wird man an die biblische Geschichte erinnert.
Kein Wunder, es geht ja auch auf Weihnachten zu.
Nachmittags ruhen wir an Deck und genießen
die wärmenden Sonnenstrahlen im November. Am Nilufer
stehen Palmen, auf den Feldern steht mannshohes Zuckerrohr,
im Hintergrund erheben sich die Geröll- und Sandberge
der Sahara. Die Häuser sind einstöckig mit Flachdach,
vielfach noch ganz oder teilweise mit Nilschlammziegeln gebaut.
Um 16 Uhr passieren wir eine Untiefe. Der Nil ist sehr breit und überall haben sich kleine Inseln mit Grünpflanzen gebildet. Das Schiff nimmt einen Kurs hart am Ostufer entlang und vermeidet den Kontakt zu den Nilpflanzen. Von Zeit zu Zeit geht der Kapitän oder der Steuermann würdevoll im braunen oder grauen Gelaber mit weißem Kopftuch vom Bug zum Heck übers Deck. Er trägt einen Schal, derzeit mehr zur Zierde, denn gegen die Kälte.
Die Touristen genießen heute alle das milde
Novemberwetter. Anne und Gerhard sitzen im Schatten
bei einem Buch oder sie betrachten das Ostufer. Gisela und Ferdi
haben die Füße Steuerbords auf einen Stuhl hochgelagert
und genießen die Sonnenstrahlen bis zum bald bevorstehenden
Sonnenuntergang. Anne kommt nur wenig voran in ihrer ägyptischen
Literatur, denn Gerhard outet sich: Gisela hat er
wegen ihrer blauen Augen auf dem Weg zur Arbeit bei Siemens annektiert
und mit seiner ersten Frau und den Kindern hat er nur noch wenig
Kontakt. Ferdi schreibt und Gisela liest ungestört. Ferdi
hat keine Probleme, die er Gisela zu offenbaren hätte und
Gisela schaut in die untergehende Sonne und den wolkenlosen Himmel,
passend zur Farbe ihrer Augen. Traute, die heute
Mittag die Nahrungsaufnahme verweigerte, und Yvonne, die ein Buch
von Helen liest, unterhalten sich mit der matronenhaft wirkenden
Frau aus Chemnitz, deren bescheidenen Gatten ich heute gar nicht
sehe. Davor sitzen die Hamburger: Der kompakte, dunkelhaarige
Türke (Leo) ohne Hemd, Gregor & Karin sind ebenfalls
auf Sonnenbaden eingestellt, Doris Day trägt
ein blaues Tuch um den zylinderförmigen Körper geschlungen,
wobei die Schultern wie bei den Frauen in der Südsee frei
bleiben, Herr Fricke hat eine Liege am Pool und liest und seine
First Lady trägt feine eine Bluse über der Badekleidung.
Anne Suermann hat sich in ihren Windschatten gelegt. Helga Droste
ist auch wieder gut 'drauf und hat ihren Drang, aufgenommene Nahrung
durch Körperöffnungen nach oben und unten auszuscheiden,
überwunden. Der Berliner Botaniker und seine
Jattin laufen aufgescheucht mit einer Zeitschrift in der Hand
übers Sonnendeck, setzen sich auf zwei Stühle gegenüber
und diskutieren das Gesehene und Gelesene. Sie diskutieren gern,
mal kontrovers, mal harmonisch, auf jeden Fall reden sie. Ruhiges
Genießen, das kennen sie nicht, sie müssen sich reiben,
müssen sich austauschen. Die restlichen Leute an Deck gehören
nicht zu unserer Gruppe. Der schlanke Oberkellner hat sein schwarzes
Sakko abgelegt, stolziert aufrecht übers Deck in weißem
Hemd und Krawatte, nimmt Bestellungen auf oder trägt den
Gästen liegengebliebene Zeitschriften nach. Bei Anne Suermann
verfolgt man mühelos und deutlich ihre Lesegeschwindigkeit.
Am Ende einer Zeile schnellt das bebrillte Köpfchen von rechts
nach links und senkt sich dabei jedes Mal geringfügig: Carriage
Return, Line Feed (CR-LF). Ein anderer Kellner bringt die bestellten
Getränke herum, räumt ab, schafft 'was weg. Er hat eine
rote Fliege über dem Hemdkragen.
Die Sonne steht tief und die Leute schauen nach Westen
mit Späherblick, wenn ein fremdartiges Geräusch das
monotone Tuckern des Schiffsdiesels übertönt oder unser
Schiff einem Ruderboot begegnet.
Anne bemerkt, heute Nachmittag noch gar kein Foto
gemacht zu haben; vielleicht macht sie noch eins bei Sonnenuntergang.
Jetzt liest sie weiter über die Abenteuer der "Herrin
vom Nil". Zwei Drittel hat sie schon geschafft, unklar ist,
ob sie bis Luxor noch durchkommt. Sicher ist, daß morgen
keine Zeit zum Lesen ist, da haben wir wieder volles Programm.
Um 1650 Uhr erreichen wir
Isna, die Stadt mit der Drehbrücke und der Schleuse.
An der Brücke warten Kinder darauf, daß die Touristen
ihnen Bonbons oder Kugelschreiber vom Schiff herunterwerfen. Ja,
sie sind bereit, sich zu "unterwerfen", bereit, sich
zu Bettlern zu machen und wir machen sie dazu - keine Frage.
17 Uhr, der Muezzin ruft zum Gebet und "Tea-Time"
an Bord. Schon bildet sich eine lange Schlange. Die Kellner sind
bemüht, die Schlange mit allen Kräften zu verkürzen
und es gelingt ihnen sogar, sie ganz abzubauen. Anne Suermann
raubt den Tauchbayern einen von drei Stühlen. Wahrscheinlich
ist das die Rache für die geraubten Einzelplätze am
zweiten Tag im Bus, an dem Gisela sich zu Helga und
Gerhard sich zu Anne Suermann setzte. Rache ist süß.
Um 1740 Uhr ist Märchenstunde
in der Bar mit Mohammed Hassan. Er erzählt
über Wirtschafts- und Handelsbilanzen, für die sich
der Berliner Botaniker brennend interessiert, über das Schulwesen,
die Bevölkerungsstruktur und seine persönlichen Abenteuer
mit Sandbanken oder vielmehr Sandbänken im Nil. Mohammed
Hassan erzählt die "schönsten Märchen"
überhaupt.
Unser Schiff hat eine leichte Berührung mit
einem Schlepper während der Fahrt. Mohammed Hassan glaubt
zunächst wiederum an eine Sandbank, aber es
soll ein leichtes Touchieren mit einem anderen Schiff gewesen
sein. Der Kapitän muß diesen Vorfall angeblich erst
der Polizei melden. Bei Schiffen scheint man pingeliger zu sein
als bei Bagatellunfällen mit Autos.
Wir erreichen um 2130 Uhr Luxor. Wir wollten gern noch einen Landgang machen, bleiben aber wegen der fortgeschrittenen Stunde an Bord. Helen und Helga Droste haben ihren Gackertag in der Bar. Sie amüsieren sich über das Wort "Pyramidenplantagen", weil sie in Kairo Pyramiden in unterschiedlichen Größen gesehen haben. So langsam überfordern die zahlreichen Eindrücke die Touristenhirne, die sich dann zu phantastischen Gedankengängen verirren.
445 Uhr Wecken, 515 Uhr
Frühstück, 545 Uhr Abfahrt mit
der Fähre zum Westufer und in einem modernen Reisebus zum
Ticketschalter. Dort warten wir von 6 Uhr bis 730 Uhr
auf das Eintreffen des Kartenverkäufers für das seit
dem 4.11.95 für Besucher geöffnete Grab der Nefertari.
Anne wird schon ungehalten, das Warten nervt. Heißluftballone
fliegen über die Wüste, über das Tal der Könige
und weiter hinaus nach Südwesten in die Sahara. Eine Touristengruppe
reitet auf Eseln ins Tal der Königinnen.
Wir warten zusammen mit einigen Einzelreisenden und Reiseleitern
kaum noch geduldig am Schalter. 150 Karten werden pro Tag
zum Preis von je 100£ verkauft. Nach der Kartenbeschaffung
fahren wir ins Tal der Könige zum Tempel der Königin
Hatschepsut, über die Anne schon so viel
Interessantes in der ägyptischen Literatur gelesen hat. Wir
sind die ersten Besucher der Tempelanlage. Teilweise sind die
Farben der 3500 Jahre alten Reliefs noch sehr schön zu erkennen,
vor allem an den innen liegenden Säulen. Leider haben wir
nicht die Möglichkeit und die Zeit, die Tempelanlage über
den Bergpfad zu erreichen, wie es Dieter Fersterra 1989 gelang.
Er hat phantastische Aufnahmen des Hatschepsut-Tempels von dieser
Bergwanderung mitgebracht. Hatschepsut war die Tante, Stiefmutter,
Schwiegermutter und Mitregentin Tutmosis III.,
der sie später verdrängte und den Namen und das Bild
seiner Mitregentin entfernen und nach ihrem Tod durch seinen Namen
ersetzen ließ. Der Tempel erhebt sich von der Ebene aus
in drei Terrassen, die durch Rampen verbunden wurde. Die Absätze
dieses Stufenbaus wurden aus dem Abhang des Gebirges herausgearbeitet
und die Außen- und Hinterwände durch Quadermauern aus
feinstem, fast weißen Kalkstein gestützt.
Nächster Tagesordnungspunkt ist der Pflichtbesuch
einer Alabasterfabrik. Alabaster ist kristallisierter Kalkstein,
der in gewissem Maße lichtdurchlässig ist. Man zeigt
diesen Effekt durch Eintauchen einer Glühbirne in die zu
begutachtende Vase. Es gibt wenig richtig schöne Sachen in
diesem Laden. Wir kaufen nichts.
Dann folgt der Höhepunkt des Tages:
Im Tal der Königinnen besichtigen wir das Grab der Nefertari,
das 1904 von dem Italiener Ernesto Schiaparelli entdeckt wurde.
Nefertari war die beliebteste Gattin des Pharaos
Ramses II. Das 27,5m lange Grab befindet sich 8m unter dem Erdboden.
Da es in eine spröde Felsschicht gegraben wurde, wurden die
Wände mit einem dicken, kalkhaltigen Putz verkleidet, auf
dem die malerische Verzierung wie ein Relief wirkt. Bei der Entdeckung
war das Grab geschändet; die gesamte Grabausstattung war
verschwunden. Erhalten blieben nur die wunderschönen Malereien,
die bezeugen, daß dieses Grab ohne Zweifel das schönste
und wichtigste im ganzen Tal war. Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten
wurde das Grab der Nefertari am 4. November 1995 für eingeschränkte
Besichtigungen freigegeben. Die Farben sind ganz frisch, leuchtend,
wunderschön. Lebendig wirken die Personen an den Wänden.
Transparent erscheint die weiße Kleidung der Königin.
Man gewinnt eine sehr gute Vorstellung von der ehemals kunstvollen
Arbeit in diesem Grab. Es ist wichtiger, dieses Grab zu sehen,
als zehn andere der 62 Gräber des Tals der Könige.
Wir besichtigen im Tal der Könige
drei Gräber auf Kosten von MISR-Travel und das Grab von Tutenchamun
auf eigene Kosten für 20£. Überhaupt ist es ein
Gewusel mit den Tickets. Nach einem Vormittag in Theben
hat man Tickets in allen Taschen der Hose und des Hemds. Fürs
Fotografieren ohne Blitz braucht man hier auch noch Tickets. Die
Kosten beginnen bei 5£ für einen Fotoapparat und enden
bei 100£ für einen Camcorder. Einige
Gräber dürfen offiziell gar nicht fotografiert oder
gefilmt werden, wie das von Tutenchamun oder Nefertari. De facto
ist das Fotografieren mit geeignetem Bakschisch an ruhigen Tageszeiten
sicher möglich. Geld regiert die Welt, vor allem in Ägypten!
Für jede Kleinigkeit kommt die typische Handbewegung nach
einem Trinkgeld. Selbst wenn man keine Dienstleistung
erbracht hat, scheut man sich nicht, ein Trinkgeld zu nehmen.
Bei der Rückkehr von Theben zur H/S Helio
spricht mich beispielsweise der erste Steuermann der Fähre
an, ob ich 'mal das Boot lenken will. Selbstverständlich
"helfe" ich gern. Er schnappt sich den Camcorder und
nach 1½ Minuten folgt die o.g. Handbewegung, die durch
ein Gemurmel, das wie Bakschisch klingt und Bakschisch
heißt, unterstützt wird. Nach Übergabe von 1£
ist das Leben schon schöner, aber gern hätten der Steuermann
und der Kapitän mehr gesehen.
Mittagessen ist heute von 13-14 Uhr, dann fahren
wir pünktlich zum Tempel von Karnak,
auf dem Ostufer von Luxor. Die Anlage beeindruckt
sehr, vor allem durch die zahlreichen Rundsäulen im Säulensaal
und die zwei Obelisken. Der linke, nördliche Obelisk
ist der zweitgrößte der Welt mit einer Länge von
29,50m und einem Gewicht von 323t. Um 1430 Uhr
wird Karnak schlagartig voll. Nach der Besichtigung von Karnak
steht der Luxor-Tempel auf dem Programm. Er liegt direkt in der
Innenstadt von Luxor, an der Niluferstraße. Beeindruckend
ist die Sphingenallee, die von liegenden Widderfiguren
mit dem Bild Aphenophis' III. gesäumt ist, sowie eine große
Statue von Ramses II. Am Ende dieser Führung
endet für Mohammed Hassan offiziell die Rundreise. Er bedankt
sich und wünscht uns alles Gute. Der Rest ist für ihn
nur das "Nachspiel".
Nachspiel 1: Wer will wird noch in Luxor in ein Goldlädchen geführt, damit sich jeder die fehlenden Klunkern zulegen kann.
Nachspiel 2: Wer kein Geld für Gold hat, kann sich eine Kartusche mit seinem Namen auf ein T-Shirt sticken lassen.
Nachspiel 3: Dann hecheln alle zurück zum Hotel. Es bleibt nur Zeit für ein "kleines Geschäft", denn um 1750 Uhr startet der Bus zur fakultativen (20,-DM/Person) Karnak Licht- und Tonschau. Der Schauspieler Schütterer, der Ben Cartwright synchronisiert hat und vor einigen Monaten verstorben ist, spricht postum mit sonorer Stimme die Kommentare über Götter und Könige des alten Theben. Wir sind uns einig: Es ist sehenswert, gut gemacht. Die Show dauert bis 1930 Uhr, also eine Stunde, 15 Minuten. Der Bus bringt uns zurück zum Schiff und nach Erledigung der "kleinen Geschäfte" wartet das Abendessen: Candle-Light-Dinner-Büfett.
Nachspiel 4: Nach dem
Essen beginnen die schönen Worte: Mohammed Hassan
bedankt sich bei dem Küchenchef und seinen Mitarbeitern für
die gute Bewirtung, beim Schiffsmanager für die gute Zusammenarbeit
im Hintergrund und für die Arbeit aller anderen Mitarbeiter
des Schiffs. Dann folgen die Torten: Desirée und Andreas
haben Geburtstag. Andreas ist der schwäbische Videofilmer.
Ich befürchtete schon, er wäre zur Tortenübergabe
nicht da, weil er von irgendwo seine eigene Beglückwünschung
filmen würde, aber so schlimm kam's denn doch nicht. Wir
singen artig "Happy Birthday" und "Hoch soll er
leben" und danach verteilt er seine Torte eigenhändig
an unseren Tischen. Die meisten sind schon satt, aber Anne gibt
ihm keinen Korb. Herr Fricke übergibt einen
Umschlag und eine auf Papyrus gefertigte Zeichnung von Helen
(30 Kamele und 1 Kameltreiber) an Mohammed Hassan mit den
Worten der Rührung und des Dankes. Er macht das richtig schön
und Mohammed Hassan ist auch ganz gerührt. Helen & Mother
ist es sehr warm ums Herz und sie schmachten derweil zu Mohammed
Hassan 'rüber.
Die Kellner im Speisesaal nerven uns damit, bar abkassieren
zu wollen, wo doch sonst immer alles nur unterschrieben werden
sollte. Mohammed Hassan hat das Trinkgeld bereits der Mannschaft
übergeben, aber nun wollen die Kellner doch wohl noch per
Barzahlung in den Genuß eines Nachschlages gelangen.
Letztes Nachspiel: Per Euroscheck zahlen wir 230,-DM bei Mohammed Hassan für die fakultativen Ausflüge nach Memphis/Sakkara, die Karnak Licht- und Tonschau und die Fahrt nach Abu Simbel. Die Schiffsrezeption will weder VISA noch Euroscheck, also tauschen wir 150,-DM für die Getränke an Bord. In der Bar tritt derweil eine Bauchtänzerin auf. Sie macht ihren Job einigermaßen lustlos und ist höchstens als drittklassig zu bezeichnen. Wir trinken noch ein Bier mit Rostelse & Jana, dann ziehen wir uns in unsere Gemächer zurück, denn Anne muß noch packen. Ferdi darf den Koffer schließen und die Fototasche packen und einen Osborne Veterano eingießen. Danach schlafen wir.
630 Uhr Wecken, 7 Uhr
Frühstück, 8 Uhr Abfahrt. Wieder stehen zig Busse
aufgereiht in Luxor. Die Fahrt durch die Wüste
nach Hurghâda wird im Konvoi mit Polizeibegleitung
durchgeführt.
Auf dem Sonnendeck von H/S Helio stehen Chemnitz
und Helen & Mother Achtermann. Sie winken, aber Mohammed Hassan
ist beschäftigt; er schaut nicht einmal auf, als sich der
Bus in Bewegung setzt. Seufz.
Zunächst geht die Fahrt durch Zuckerrohrfelder,
entlang an einem Kanal nach Norden. In Qena (Kena)
biegen wir um 915 Uhr nach Osten ab, in
die Wüste Richtung Safaga. Der Busfahrer ignoriert jegliche
Bodenwellen und schon nach wenigen Kilometern macht sich bei jeder
noch so kleinen Unebenheit ein lautes Klackern bemerkbar, 130km
vor Safaga. Die Reisenden sind einigermaßen beunruhigt.
Andere Busse, die wir gerade mühsam überholt haben,
ziehen ruhig vorbei. Bei jedem heftigen Geräusch leiden die
vorn sitzenden Gäste mit. Nach diesem Fingerzeig Allahs fährt
der Busfahrer schon viel sanfter. 77 Kilometer vor Safaga gibt
es ein neues Rasthaus. Drinnen läuft ein Fernseher mit MTV.
Man möchte hier gerne ganz schnell reich werden und kassiert
selbst für die beschissensten Toiletten £-Noten. Mit
großer Verachtung wird bestraft, wer nur 25 Piaster gibt.
Um 12 Uhr sind wir in Safaga am Roten Meer. Das Trinkwasser
für Safaga und Hurghâda wird über Wasserleitungen
vom Nil durch die Wüste gepumpt.
Gisela & Gerhard steigen
in Safaga im Lotus Bay Club Village
aus. Die Wüste reicht hier direkt bis ans Meer. Dann klappern
wir die weiteren Hotels von Hurghâda ab.
Die verflogenen Berliner steigen im Safir Hotel
aus. Nach einer Viertel Stunde steigen sie wieder ein. Das Hotel
ist überbucht. Bedenkt man die Schwierigkeiten bei Abreise
vor 10 Tagen in Berlin und seinen hibbeligen Charakter, so nehmen
sie's noch mit großer Gelassenheit.
Arabia Beach erreichen wir um
14 Uhr. Nach kurzer Wartezeit erhalten wir Zimmer A235. Anne
ist schon wegen der Zimmernummer zufrieden: A235 liegt im oberen
Stock. Die Hotels dürfen hier nur noch 2 bis 3-stöckig
gebaut werden. Das Zimmer liegt mit Blick auf die Lagune und die
Halbinsel mit dem Fischrestaurant "Marina".
Strand stellt man hier künstlich her, indem man Sand auf
die (abgestorbenen) Korallen kippt.
Mit uns reist ein Ehepaar aus Schwaben an. Sie waren
von Stuttgart aus direkt nach Luxor geflogen. Enttäuscht
ist sie, weil es auf dem Nilabschnitt Luxor-Assuan keine Pyramiden
gab. Sowas gehört doch zu einer Reise nach Ägypten dazu!
Im Fischrestaurant essen wir eine Mixed Fish Platte
für 40£. Gut! Bier kostet im Arabia Beach 7£, Cola
und Kaffee kosten 3£.
Gestärkt spazieren wir durch die Anlage und
informieren uns, wann die Sprechstunde mit der Reiseleitung stattfindet:
DO. 1830 Uhr. Für ein Bad im Roten
Meer ist es heute schon zu spät. Um 1430 Uhr
bestellten wir das Mittagessen und man hat den Eindruck, die Fische
müßten noch gefangen (oder aufgetaut) werden. Wie auch
immer, wir sind erst um 1530 Uhr fertig
und um 1640 Uhr ist Sonnenuntergang.
Wir sitzen auf unserem geräumigen Balkon und schauen über
die Lagune aufs Meer. Anne schaut in ihre ägyptische Literatur
und liest die Episoden der "Herrin vom Nil", deren Spuren
sie eine Woche lang besichtigt hat. Ferdi schaut über die
Lagune und in den Sternenhimmel.
Um 1830 Uhr soll MISR-Travel Sprechstunde haben, aber zwischen 1825 Uhr und 1845 Uhr erscheint niemand. Wir gehen zum Abendessen. Das Hotel hat einen ungemütlichen Speisesaal und es ist "Arbeitsessen" für Touristen: Büfett. Wirklich, in dieser Hinsicht ist das Hotel nicht zu empfehlen. Am Büfett bilden sich Schlangen, die Kellner räumen schneller ab, als man essen kann. Wir sitzen an einem 8er-Tisch mit einem verrenteten Ehepaar aus Schleswig, fast an der dänischen Grenze, zur linken, einem Ehepaar, so Ende Vierzig, aus dem Erzgebirge, fast an der tschechischen Grenze und einem jüngeren Paar, so um die 30, die, wie wir, von Düsseldorf geflogen sind. Sie sind schon eine Woche hier, schwärmen vom Schnorcheln und wollen morgen einen Anfängertauchkurs belegen. 560,-DM kostet hier die Ausbildung zum PADI-OWD. Nach dem Essen gehen wir zu Bett. Wir haben noch Schlaf nachzuholen, der uns wegen der frühen Weckzeiten während der Rundreise entgangen ist.
6 Uhr Sonnenaufgang. Einige
Mücken surren um unsere Köpfe. Anne wurde schon gestochen.
Einige Mücken erliegen der Last der "Herrin vom Nil",
andere überleben Ferdis schwungvoll auf die Wand geschlagene
Tagebuch nicht. Annes Schmarotzer hinterlassen einen roten Fleck
auf Cover und Wand. Das ist der archaische, mechanische Kampf
des Menschen gegen die Mücken. Die Roomboys führen den
Krieg gegen die Mücken mit chemischen Waffen. Zu ihrem Arsenal
gehört die Spraydose von Bayer.
830 Uhr Frühstück:
Büfett. Auf den Tischen stehen Thermoskannen mit heißem
Wasser, in das man Nescafé-Pulver streut oder Teebeutel
hineinhängt.
Nach dem Frühstück spazieren wir durch
die Hotelanlage. Im Süden verdoppelt sich das Hotel gerade.
Man baut das "Arabella". Es bekommt Zimmer
mit Halbkugeldächern und unterschiedlich breiten und hohen
Bögen für Fenster und Türen, ganz im arabischen
Stil. Es sieht hübsch aus. Anne schnuppert schon 'mal das
Flair der Tauchschule. Dann gehen wir zur Halbinsel und legen
uns in den Windschatten des Restaurants. Es ist zeitweise bewölkt
heute, vielleicht gar nicht so schlecht für unseren ersten
Tag am Strand.
Um 11 Uhr schnorchelt Anne, danach Ferdi. Das
Riff liegt direkt zu unseren Füßen. Keine
fünf Meter muß man schwimmen, dann sieht man schon
die Korallen und die Fische. Zahlreiche Fische in allen Farben
und Formen schwimmen um einen herum. Man meint, man wäre
in ein Aquarium gestiegen. Die See ist bewegt heute. Man kann
schlecht abschätzen, wie tief das Riff unter einem liegt.
Es sieht alles ganz nah aus. Große Fischschwärme
schwimmen auf mich zu, vor allem, wenn ein paar Brotkrumen vom
Ufer aus ins Wasser geworfen werden. Das Wasser hat um die 25°C,
nicht kalt zum Baden, aber wenn man länger schnorchelt, wird
einem doch kühl.
Mittags essen wir im Marina-Restaurant auf der Landzunge Beefburger für 12£ und trinken ein Bier dazu. Nach dem Essen ruhen wir. Um 1430 Uhr schnorcheln wir nochmals. Man sieht wieder zahlreiche Fische in allen Farben: orange, große, violette mit gelben Flossen, ganz lange, dünne, die mitunter pfeilschnell voranschießen, sonst aber ganz ruhig dastehen. Andere taumeln spielerisch, scheinbar vergnügt umher, umschwimmen ihre Artgenossen und artfremde, befreundete Arten.
Die Nachwuchstaucher, mit denen wir gestern Abend
am Tisch saßen, lesen emsig im PADI-Diver's Manual. Sie
haben sich bei der Tauchschule angemeldet. Die Ruhe und Muße
hat ein Ende.
Ruhig, müßig und geduldig liegt das Hotelkamel
vor dem Marina-Restaurant. Das Kamel ist eindeutig unterbeschäftigt.
Ich habe heute noch niemanden darauf reiten gesehen, außer
dem Kameltreiber selbst. Interessiert, geradezu hochnäsig
schaut es sich die Leute an, die an ihm vorbei ins Restaurant
oder zu den Leitern gehen, über die man bequem ins Rote Meer
steigen kann. Die Steine und Korallenreste am Ufer sind für
unbe-"Schuh"-te Füße hart und spitz. Da ist
die Eisenleiter angenehmer. Hochnäsig liegt es im Sand, mit
einigen Kamelhaardecken und Teppichen auf dem Rücken, mit
einem Sattel aus Holz, über den weitere Decken und ein rotes
Tuch geworfen sind. Von manchem läßt es sich ganz gern
am Kopf streicheln, bei anderen weicht es widerwillig mit dem
Kopf aus. Wenn der Kameltreiber kommt, beginnt es renitent zu
schreien und zu grunzen. Dabei reißt es das Maul weit auf
und zeigt die Zähne. Der Kameltreiber steigt auf und unter
lautem Protest erhebt es sich widerwillig, angeekelt, zunächst
mit den Hinterbeinen, dann mit den Knien. Schließlich schreitet
es dann erhabenen Hauptes zur Hotelanlage zurück. Der Treiber
sitzt oben auf dem Sattel. Bei diesem Team weiß man nicht
sicher, wer Chef ist.
Die Surfer haben heute Spaß hoch
drei. Bei der starken Brise, bei der sich auf offener See Schaumkronen
bilden, flitzen sie mit rasanter Fahrt in wenigen Sekunden durch
die Lagune. Mitunter fliegen sie über die Wellenberge und
Täler. Sie beherrschen die Sportart hervorragend. Um 1530 Uhr
ziehen wir uns aufs Zimmer zurück. Genug Sonne und Wind für
unsere ersten Tage am Strand. Anne meldet sich für
Samstag, 930 Uhr, für einen Check-Dive
in der Tauchschule an. Danach braucht sie erst
'mal ein Bier. Zurück im Zimmer checkt sie ihre Ausrüstung:
Maske und Schnorchel. Beim Gang von der Tauchschule zum Zimmer
und beim Bier wiederholen wir die wichtigsten Seezeichen - 'ne,
Tauchzeichen: "o" für o.k., V wie Victory für
"siegscht" oder "schau mir in die Augen, Kleines",
"" für keine Luft mehr und das "Hand
in den Mund Symbol" für "Gib mir Luft!" Tauchstreß
kommt auf bei Anne!
Um 17 Uhr ist die Sonne wieder hinter dem Horizont
verschwunden. Wir sitzen auf unserem geräumigen Balkon von
A235 und schauen über die Lagune auf die Landzunge und aufs
Rote Meer. Mittlere Bewölkung ist am Horizont aufgequollen,
der Wind hat nachgelassen, die Lagune ist türkisblau, der
Horizont ist klar abgegrenzt. Geruhsamer Tag heute, schöner
Tag heute.
Nach dem Abendessen sind wir in der Bar und lauschen den "Nile Boys".
740-810 Uhr
Frühstück. Wir sitzen an einem Tisch am Fenster und
blicken aufs Meer und auf die Chefin vom Speisesaal mit ihrem
Kollegen. Sie stehen selbstbewußt da und empfangen die Gäste.
Die Gäste präsentieren ihren Schlüssel, um ihre
Zimmernummer zu dokumentieren. Niemand hat sie danach gefragt,
aber fast jeder zeigt den Schlüssel vor oder nennt zumindest
die Zimmernummer. Wenn ihr Kollege Lust hat, hakt er die Zimmernummer
in einer Liste ab, sonst eben nicht. Lustig ist vor allem die
Art und Weise, die Gewissenhaftigkeit, mit der man sein Erscheinen
im Speisesaal legitimiert. Dann eine neue Situation: Ein Mann
hat einen Teller vollgeladen mit Brötchen, Butter, Marmelade
und süßen Teilchen. Er will damit den Speisesaal verlassen.
Wir sitzen zu weit weg und die Geräuschkulisse im Speisesaal
ist zu laut, um dem Gespräch akustisch folgen zu können,
aber er wird sicher sein Verhalten damit begründet haben,
daß er seiner kranken Frau das Frühstück ans Bett
bringen will. Die Chefin vom Speisesaal, eine
große, stämmige, gestandene Frau um die 30, erkundigt
sich besorgt um das Wohlergehen der abwesenden Gattin, weist auf
die im Hotel vorhandene "Clinic" hin, wünscht "Gute
Besserung", informiert auch über den Zimmerservice,
den sie in Anspruch nehmen kann und gewährt dann selbstverständlich
freie Passage.
850 Uhr, Anne ist startklar zur Tauchschule. Sie macht einen Check-Dive und einen Halbtagesausflug mit einem Tauchgang. Mittagessen gibt es an Bord. Gegen 1530 Uhr wird sie zurück erwartet. Ferdi liefert sie brav an der Tauchschule ab. Wir treffen auch die zwei Tauchneulinge, die sich gestern in der Tauchschule angemeldet hatten und nun auf ihre erste Lektion warten.
Ferdi wartet noch eine Weile bei seiner Anne und
betrachtet das Treiben auf der Tauchbasis. Dann
filmt er einige Einstellungen vom Hotel, vom Pool, der stets menschenleer
ist, und setzt sich auf den Balkon von A235. Hier ist es angenehm
sonnig und windstill. Von der offenen See her weht eine steife
Brise und es sind heute noch mehr Schaumkronen auf den Wellen
zu erkennen als gestern.
An der Rezeption liegt ein Gästebuch aus. Die
Kommentare schwanken zwischen höchstem Lob und größtem
Tadel. Häufig wird der Wassermangel gerügt
und Probleme mit dem Reiseveranstalter sind immer wieder erwähnenswert.
Gelobt wird die freundliche Hilfe des Personals, der Rezeption,
der Ägypter an sich. Das Büfett empfindet man allgemein
auch etwas eintönig. Segel- und Tauchschule
werden oft gelobt, nicht zuletzt wegen des nagelneuen Equipments.
Die windstille Lagune unter unserem Balkon wird vor
allem von Familien mit Kindern aufgesucht. Die Kinder können
hier am flachen Sandstrand gefahrlos ins Wasser gehen, sie spielen
mit Eimern und Schüppchen. Der Schwerlastverkehr transportiert
Sand in bunten Plastik-Lastwagen am Strand entlang. Kinder und
Eltern können unter Korbflechtschirmen im Schatten liegen
und es gibt genug Liegen, Auflagen und einen aufmerksamen Handtuchservice.
Hier sind die Kinder zufrieden. Sie zanken sich nicht, sie spielen
miteinander oder allein mit ihren Requisiten für den Strand.
Es sind vor allem Familien mit Kindern von 2 bis 5 Jahren. Etwa
die Hälfte der Kinder trägt bedarfsweise Pampers. Es
ist nicht zu heiß um diese Jahreszeit und es gibt sauberes,
klares, türkisfarbenes Meerwasser hier in der Lagune. Die
Familien haben überwiegend die Erdgeschoßzimmer bezogen.
So kann man direkt von der (abschließbaren) Terrasse an
den Strand und wieder zurück ins Zimmer. Auf Balkon und Terrasse
sind sogar Wäscheleinen angebracht. Vor jedem Zimmer blühen
einige Blumen.
Als die Sonne vom Balkon verschwindet, gehe ich auf die Landzunge. Dort ruhe ich auf einer Liege am Meer im Windschatten des Marina-Restaurants. Russinnen sind heute im halben Dutzend erschienen. Sowieso gibt es inzwischen erstaunlich viele Touristen aus Rußland hier in Ägypten (und auch in der Türkei, wie mir Helma Freese neulich berichtete). Die Russinnen ziehen sich das eine oder andere Bier 'rein und sonnen sich bei Musik von Julio Eglesias im Walkman. Mittags esse ich einen Beefburger und trinke ein Bier.
Die Surfer fetzen wieder high-speed über die Lagune. Ganz Geübte sind auch auf dem offenen Meer zu sehen.
15 Uhr. Ferdi schreibt ein paar Ansichtskarten.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens bekommen die
Nachwuchstaucher ihre ersten praktischen Lektionen verabreicht.
Rund um den Hafen ist Großbaustelle. Überall hört
man Picken, Bohren und Schleifen. Das Arabella-Hotel soll bis
Januar fertig werden. Es ist noch viel zu tun. Bisher steht meistens
nur der Rohbau und man mauert die Schächte für die Wasserleitungen
und die Kanalisation. Die Steine werden auf der Schulter getragen
und der Speis wird per Schüppe angemengt und in Eimern oder
auf Faßdeckeln zur Kelle des Maurers getragen. Einen Kran
sieht man nirgendwo, nur ein Bulldozer dient zum Transport von
Schutt und Baumaterial. Wenn alles fertig ist, kann es ganz nett
aussehen, hat man doch auf jedem Haus, auf jedem Zimmer kleine
Halbkugeln angebracht, den Fenstern und Türen Bögen
gegeben, also ganz im arabischen Stil gebaut. Im Vergleich zum
Baustil der typisch ägyptischen Häuser in den Ortschaften
(vier Wände mit Flachdach und einer Tür, eventuell mit
einem Fenster, quadratisch, klein) sieht dieses Bauwerk schon
super aus.
Ebbe und Flut haben eine Höhendifferenz
von etwa einem Meter am Roten Meer, sind also kaum merklich. Man
baut die Häuser nah ans Wasser und recht niedrig über
dem Meeresspiegel. Man rechnet wohl kaum mit
Sturmfluten in Hurghâda.
An der Baustelle vor mir fährt ein junger Bursche
Schutt mit einer Schubkarre aus dem halbfertigen Haus. Dabei imitiert
er die Geräusche eines Bulldozers oder Lastwagens täuschend
echt, die Bremsen, wenn er stoppt, die Hydraulik, wenn er den
Schutt abkippt, die Hupe beim Zurücksetzten könnte auch
von einer alpinen Pistenraupe stammen.
Nach Sonnenuntergang läuft Annes Tauchschiff
ein; es war das langsamste der Flotte; alle anderen haben Annes
Schiff überholt. Anne hatte wieder Probleme, am Grund zu
bleiben, obwohl sie schon mehr als in Kenia verbleit war. Sie
war 'ne halbe Stunde auf -10m, aber zwischendurch ist sie wieder
aufgetrieben. Anne entbehrt ihre kenianischen Tauchneger. Sie
mußte heute ihre Flasche selbst ans Jackett montieren und
damit Arbeiten verrichten, die ihr sonst ein Tauchneger (oder
Ferdi, wenn er dabei gewesen wäre) abzunehmen gehabt hatte.
Hier muß jeder selbst seine Ausrüstung checken und
zusammenbauen.
Unsere Nachwuchstaucher tauchen erst nach Sonnenuntergang wieder auf - der OWD-Streß hat begonnen.
645 Uhr Aufstehen, 715 Uhr
Frühstück, 820 Uhr Check-In bei
der Tauchbasis, 840 Uhr
Abfahrt mit der Sonia zum Darfa-el-Fanus-Riff
vor der Nordküste der Insel Giftun. 915 Uhr
Briefing mit Tauchlehrerin Sylvia. Sylvia erklärt
das Gelände - oder sagt man: Gestade? Sie teilt die Taucher
in Gruppen ein, die gemeinsam eine bestimmte Route unter Wasser
zurückzulegen haben. An Bord sind 9 Taucher und 2 Schnorchler,
Tauchlehrerin Sylvia, der Captain und sein Gehilfe. Während
alle tauchen wollen der Gehilfe und der Captain kochen. Es wird
abgestimmt, ob es zum Lunch Fisch oder Fleisch gibt: 4:4. Er kocht
beides. Es dauert nicht lange und Anne findet auch hier jemanden,
der ihre Ausrüstung zusammenschraubt: Der Captain. Der Captain
taucht selbst manchmal und checkt bei allen (hübschen Frauen),
ob alles o.k. ist. Um 10 Uhr geht Sylvia mit ihrer Gruppe
'runter. Nach 35 Minuten taucht einer nach dem anderen wieder
auf. Es bläst wieder ein frischer Wind an Bord und einige
Taucher spüren bereits im Wasser den frischen Wind von Sylvia,
weil sie ihr - außer Anne -, weder freiwillig, noch auf
Befragen, angezeigt haben, wieviel Bar noch in der Flasche sind.
Nur Anne hat unter Wasser die Handbewegung für 100 Bar
("T") gemacht. Einige kennen noch nicht 'mal das 100 Bar-Tauchzeichen,
das die Gruppe hat umkehren lassen. Sie droht ihnen beim nächsten
Mal mit Schnorcheln, eine entsetzliche Vorstellung für einen
Sporttaucher.
Zu Mittag philosophiert man über das Thema "Der
Auftrieb der Frauen" oder "Die Dichte der männlichen
Muskelmasse" oder "Die Osteoporese und ihre Kompensation
durch Bleigewichte". Anne ist mit 10kg Blei unterwegs gewesen
und sie soll für den Nachmittag noch auf 12kg erhöhen,
wenn sie sich weiterhin weigert, die Gesäßentlüftung
ihres Jackets zu benutzen. Zwischenzeitlich trifft auch die Moshira
mit den Halbtagestauchern ein. Sie ankern neben uns und machen
sich gleich fertig zum Tiefenrausch. Unsere Dreiergruppe hat eine
Begegnung mit einem Stachelrochen gehabt. Sylvia verdeutlicht
die Konsequenzen von Moränenbissen: Sie sind zweifelsfrei
ungiftig, da sie sich aber die Zähne nicht putzen, bekommt
man böse Entzündungen der Bißstellen. Was folgt
daraus? Solange die Mundhygiene der Moränen so im Argen liegt,
gilt: Finger weg! Nach dem Essen folgt die Mittagsruhe auf dem
Sonnendeck. Um 1210 Uhr werden die Anker
gelichtet, um am 10 Minuten entfernten Riff "Turtle
Bay" erneut zu ankern.
Von 1305 Uhr bis 1350 Uhr
sind die Taucher wieder in ihrem submarinen Element. Ferdi schnorchelt
ihnen nach. Er ist ohne Flossen fast genau so schnell. Das Riff
liegt links und rechts von einem 9m tiefen Kanal, fast direkt
unter der Wasseroberfläche. Es gibt viele Korallen
in allen Formen und Farben. Überall schwimmen Fische, nicht
so zahlreich wie am Hotel, aber auch sehr schön! Das Wasser
ist hier sehr sauber und man kann in 9m Tiefe noch alle Details
erkennen.
Anne hat ihre Brille verklümmelt. Als sie sie
aus fremder Tasche zurückerobert hat, geht sie nochmals Schnorcheln.
Sylvia schwimmt flott wie eine Delphinin zum Ende
des Seils und legt den Anker frei, der sich in einer Koralle verfangen
hat. Dann gibt's Tee und Kuchen für alle. Um 1445 Uhr
nimmt der Captain Kurs auf Arabia Beach. Um 1510 Uhr
sind wir zurück am Blue Water Dive Resort.
Schnorchler haben jetzt Feierabend, Taucher sind mit ihrem Equipment
beschäftigt. Sie müssen ihr Logbuch führen und
sich möglichst große Tiefe und maximale Tauchzeiten
bestätigen. Ferdi führt das Tagebuch.
Nach einem Bier an der Bar, dem Sundowner,
gehen wir aufs Zimmer. Unser Roomboy hat gestern 10£ Bakschisch
bekommen und heute Annes Nachtgewand und das Fernsehgerät
mit einer Hibiskusblüte geziert. Duschen muß mit Verspätung
erfolgen, denn es gibt derzeit kein Wasser. Das Wasser vom Nil
reicht nicht, wenn alle Duschen wollen und die Toilettenspülung
nach jedem kleinen Geschäft betätigen.
Beim Dinner sitzen wir mit einem Paar aus St. Petersburg/Rußland
zusammen. Er spricht ganz gut englisch. Sie latscht zum Büfett
und schaufelt Teller für Teller voll, erst für ihn,
dann für sich.
Für 20£ fahren wir dann nach "New
Hurghâda", hin und zurück.
Der Fahrer wartet. Wir suchen ein Schmuckgeschäft auf und
kaufen eine Goldkartusche mit dem Namen "Ferdi"
in Hieroglyphen für 85,-DM, einen Skarabäus
(für Petra) für 60,-DM und eine Kette für meine
liebe Anne für 390,-DM, alles zusammen also für
535,-DM auf Euroscheck in DM ausgestellt. Im
nächsten Geschäft kaufen wir noch 10 Ansichtskarten
für 5£, 10 Briefmarken à 80 Piaster für
10£ (tja, die Ägypter!) und ein rotes T-Shirt mit bunten
Fischen für 20£. Wir sind hier in Hurghâda,
nicht in Assuan oder Edfu, da sind die Preise höher. Anne
will noch einen Tutenchamun aus Granit für 30£. Genehmigt!
Dann fahren wir mit dem Taxi zurück zum Arabia Beach Hotel.
In der Amadeus-Bar trinken wir
noch ein Bier. Während ich auf Toilette bin erhält Anne
die schönsten Komplimente des Kellners. Als ich zurückkomme
strahlt sie innerlich und äußerlich. Viele Frauen erstrahlen
in der Amadeus-Bar. Für die Paare hat der Kellner ggf. noch
einen Geschicklichkeitstrick mit Korken oder Streichhölzern
auf Lager. Wenn das nicht hilft, stellt er gesalzene Erdnüsse
auf den Tisch. Die machen Durst auf ein neues Getränk. Das
hebt den Umsatz und den daraus erzielbaren Gewinn. Ägypter
sind Schlitzohren; sie haben immer einen Gag auf Lager und wissen,
wie man aus jeder Situation Geld einfahren kann.
Annes Ohren nässen. Sie sondern eine gelbbraune Flüssigkeit aus.
9 Uhr Aufstehen, 915 Uhr
Frühstück. Heute ist es windstill, wolkenlos, warm.
Es ist Ebbe. Das Wasser in der Lagune ist 2 bis 3m
zurückgewichen, etwa 1m Höhenunterschied. Wir liegen
heute am Hausriff, in der Nähe des Hafens.
Wegen ungebührlicher Ausflüsse aus den Ohren muß
Anne heute auf Tauchgänge verzichten. Wir schnorcheln am
Hausriff. Auch hier ist eine große Vielfalt an Fischen und
Korallen zu sehen. Große, grünviolette Papageifische
"grasen" an den Korallen.
Nachmittags essen wir italienisch. Heute fertigt
Ferdi weitere Ansichtskarten. Annelie & Gerd
versorgen wir mit submarinen Vorfreuden auf ihren Urlaub im Dezember.
Um 15 Uhr gehe ich noch mal Schnorcheln.
Wieder sind viele, viele Fische zu sehen. Anne hat sogar einen
Rochen am Boden liegen sehen, fast an der Hafenmauer.
Um 16 Uhr checkt Anne bei der Tauchschule
aus. Die Rechnung (222,-DM) wird per Euroscheck
in DM ohne Angabe von Ort und Datum bei Margret
beglichen. Mike von der Tauchschule untersucht Annes
Ohr. Es ist eine Entzündung. Er empfiehlt ihr, abzuwarten
mit dem Tauchen, bis alles wieder o.k. ist.
Bei einem Bier unterhalten wir uns noch mit Annes Buddy Klaus, der von einer Ganztagesfahrt zurück ist. Klaus und Anne komplettieren ihre Logbücher mit Unterschriften und diskutieren seine heutigen submarinen Erlebnisse an der Nordspitze von Giftun. Der Himmel ist im Westen glutrot nach Sonnenuntergang. Ein schöner Urlaubstag neigt sich dem Ende.
9 Uhr Frühstück, 945 Uhr
Fototermin vom Hoteldach. 1045 Uhr: Anne
schnorchelt um die Landzunge herum. Sie wäre gern nochmals
auf Ganztagesfahrt mit der Tauchschule gegangen, aber ihr linkes
Ohr produziert Eiter in größerem Umfang. Wir therapieren
mit "Aspirin plus C" von innen und Berberil-Augentropfen
von außen.
Unser Roomboy hat das Bett mit Blüten drapiert,
in der Mitte ein großes Herz darauf und am Kopfende sitzt
mein blaugrünes Badehandtuch in Gestalt eines Schwans. Selbstverständlich
zeigt er Präsenz als wir das Zimmer verlassen. Er bekommt
wieder 5£ Trinkgeld. Er kassiert das Bakschisch mit einem
indifferenten Gesichtsausdruck. Es ist ein Gemisch aus "Danke"
(das sagt er auch dazu) und "das reicht bis morgen"
(das sagt er nicht explizit). Aber man merkt doch, daß er
noch weit von der ersten Millionen entfernt ist, der Arme.
Anne schnorchelt nördlich der Landzunge.
Auch nicht schlecht, aber nicht so gut wie am Hausriff. Danach
braucht sie Sonne zum Aufwärmen und Ferdis zarte Hand beim
Verteilen der Sonnenmilch auf ihrem Astralkörper. Wir liegen
heute in der ersten Reihe, 3m vom Roten Meer. Mittags lunchen
wir im Marina-Restaurant: Fischfilet für Anne, Beefburger
für Ferdi, dazu einen ägyptischen Weißwein. Nachmittags
schnorcheln wir beide noch mal in der anderen Richtung und trinken
um 1635 Uhr ein Bier zum Sonnenuntergang
in der "East Bar" am Pool. Vom Balkon
aus haben wir einen friedlichen Blick auf die Lagune und das Rote
Meer. Die Lampen auf den Dächern sind schon eingeschaltet;
es dunkelt hier sehr schnell.
19 Uhr: CNN berichtet: Die Präsidenten
von Kroatien, Bosnien und Serbien haben in Dayton/Ohio
ein Friedensabkommen geschlossen. US-Präsident Clinton kündigt
das Ergebnis mit großem Stolz und Freude an. Seine Diplomaten
sind maßgeblich für diesen Erfolg verantwortlich. Hoffen
wir das Beste, daß sie sich daran halten und der Krieg in
Jugoslawien damit endlich ein Ende findet. Hoffen wir es zum Wohle
der Bevölkerung, der Zivilisten, der Menschen dieses Landes.
Am Tisch sitzen heute Abend die Saarländer.
Sie sieht aus wie Frau Margott, er taucht. Sie nujeln so, daß
man sie nur mühsam versteht. Er berichtet von seinen heutigen
Tauchgängen, weit draußen, vor Giftun.
Sie war übrigens, neben mir, die 2. Schnorchlerin bei der
gestrigen Ganztagesfahrt. Sie hat aber gar nicht geschnorchelt,
weil sie sich nicht allein (ohne ihren Mann) ins Rote Meer
traut. Sie heißt ja auch nicht Traute!
Am Nebentisch berichtet mit Händen und Füßen ein dunkelhäutiges Mädchen von ihren submarinen Lebenserfahrungen. Sie unterhält den ganzen Tisch, kaum jemand kommt sonst zu Wort. Taucher reden an Land so viel, weil sie unter Wasser Sprechpause haben. Ihre Mutter ist Österreicherin, ihr Vater Perser und sie sieht aus wie die Tochter von Hannelore Elsner mit einem Temperament und Wortschwall von Arabella Kiesbauer, aber noch viel österreichischer.
8 Uhr Frühstück. Annes Ohr eitert
noch. Das ist unangenehm, aber sie ist schmerzfrei, das ist angenehm.
Wir berichten unserem Roomboy von unserem Mißgeschick:
Beim gestrigen Lüften ist die Balkontür durch heftigen
Luftzug natürlichen Ursprungs kraftvoll zugeschlagen. Die
Wucht des Aufpralls der Tür gegen den Rahmen ließ die
Scheibe zerspringen und ins Zimmer stürzen. Nun haben'wa
die Bescher(b)ung.
"Kein Problem", meint er.
Als wir vom Frühstück zurückkommen,
werkelt er mit einem Handwerker oder Hausmeister an der Tür.
Die Tür wird ausgehängt, die Scheibe nach oben herausgeschoben,
die Tür wird wieder eingehängt - fertig. Roomboy und
Hausmeister erhalten je 5£ und ziehen von dannen. Der Hausmeister
ist zufrieden, der Roomboy vielleicht nicht so sehr, obwohl er
schon wieder 5£ näher an seiner ersten Million ist.
Doch nicht jeder schafft es mit der Karriere so schnell wie Henry
Ford oder Bill Gates. Virtuelle Fenster bringen heute mehr ein
als reale Fenster - so ist das Leben.
Beim Frühstück berichten uns unsere Tischnachbarn
von einem Erdbeben um ¼ nach fünf. Das Bett habe heftig
gewackelt. Sie wohnen im C-Block. Im A-Block haben wir davon nichts
bemerkt.
Nach der Morgentoilette legen wir uns ans Hausriff.
Mike, der Chef der Tauchschule, und Anne
plauschen über das Wetter, die Meerestemperaturen, die 8
Tauchlehrer, die jetzt langsam zu frieren beginnen, denn die Wassertemperatur
sinkt noch weiter von 25°C auf 21°C. Es geht auf den
Winter zu, auch in Ägypten!
Der Wind ist heute lebhaft am Hausriff.
Nach unserem Abschiedsschnorchelgang folgt das Mittagessen auf
der italienischen Terrasse. Pizza und eine Flasche Rotwein im
Windschatten und Halbschatten munden. Danach nehmen wir zwei freie
Liegen am Pool. Die Liegen sind mit stabilen Eisenständern
bestückt, auf denen ein Bastgeflecht ruht. Bei Wind werden
diese Sonnendächer gestürzt, wodurch das Bastdach als
Windschutz dienen kann - genau das Richtige für heute Nachmittag.
Anne döst schon nach wenigen Minuten.
Um 1530 Uhr frischt der Wind
auf. Wir gehen ins Zimmer und blicken vom Balkon auf die Lagune
und die Landzunge. Schaumkronen sind auf dem tiefdunkelblauen
Meer. Das flache Wasser der Lagune ist türkisblau, der Himmel
ist hellblau, scharf und klar die Linie des Horizonts. Giftun-Island
liegt hellbeige zwischen Himmel und Meer. Riffe bilden sich hier
im Meer, weil das Land Wüste ist, weil keine Flüsse
ins Meer münden, die Süßwasser oder Abwasser,
Düngemittel und Kloaken, Spuren der Besiedlung ins Meer befördern.
Hier gedeihen die Riffe ungestört von all diesen Einflüssen
der Zivilisation, fast ungestört. Alle 50 Kilometer folgt
ein mit Hotels besiedelter Küstenabschnitt: Erst Hurghâda,
dann Safaga, dieses Jahr hat Queseir sein erstes Hotel eröffnet.
Familie Fricke aus Lübeck ist dort in die Verlängerung
gegangen. Machen wir uns nichts vor, jeder Tourist hinterläßt
ein paar Spuren und manch einer nimmt Muscheln als Souvenir an
Land oder Korallen mit nach Hause. Man sieht das immer wieder.
Gegen 18 Uhr beginnen Bemühungen, MISR-Travel
durch Erscheinen zur Sprechstunde, durch Lesen der Info-Tafel
im Arabia Beach, durch Nachfragen an der Rezeption und durch 5
Telefongespräche zu kontaktieren. Ich nehme das Ergebnis
vorweg: Vergeblich!
Nach dem Abendessen hat MISR-Reiseleiter Ahmed Lofty
an der Info-Tafel heimlich hinterlassen, wann die Gäste nach
Düsseldorf fliegen. Für Rückflüge nach Frankfurt
oder Stuttgart gibt es keine Anhaltspunkte. Für die verrenteten,
älteren Herrschaften aus Stuttgart, die seit Beginn der Nilkreuzfahrt
zwischen Luxor und Assuan nach Pyramiden Ausschau halten und von
Durchfall geplagt sind, sich aber allabendlich aus gesundheitlichen
Gründen (wegen der Vitamine) mit großen Salatmengen
am Büfett abfüllen, ohne zu bedenken, daß der
Salat mit Nilwasser gewaschen sein könnte, das für die
Erzeugung von M/D-Problemen prädestiniert ist, fehlt jegliche
Information über den Rückflug auf die schäb'sche
Alb. An unserer Zimmertür hängt ein Zettel mit dem Flugtermin
nach Düsseldorf. Unsere Tickets sind für Frankfurt ausgestellt.
Die Rezeption ist ebenfalls überfordert, die MISR-Reiseleitung
zu erreichen. Kein Wunder, daß mäßig erholte
Touristen am Abreisetag stundenlang an der Rezeption herumlungern
und während der Wartezeit, bis zum Flughafentransfer, "kritische
Kommentare" im Gästebuch hinterlassen.
Die Disco Taboo ist menschenleer. Wir ziehen uns
daraufhin aufs Zimmer zurück.
Im Fernsehen erfahren wir, daß das Erdbeben etwa 150km südlich von Eilat im Golf von Akaba sein Epizentrum hatte und eine Stärke zwischen 5,7 und 7,2 auf der Richterskala erreichte. Es gibt ein knappes Dutzend Tote und zahlreiche Verletzte. 4 Tote starben wegen der Aufregung an Herzversagen; ein Student sprang aus dem 4. Stock und erlag seinen Verletzungen. Diese Konsequenzen blieben uns schon deshalb erspart, weil wir das Beben verschlafen haben - wie vor einem Jahr das Erdbeben in Deutschland auch schon. Wir haben wohl einen "gesunden" Schlaf.
830 Uhr Frühstück,
930 Uhr ein letztes Sonnenbad am Pool.
Es ist wieder sehr windig, kühler Nordwind. 1140 Uhr
Check-out im Hotel auf VISA. 12 Uhr Lunch auf
der Italian Terrasse. Pizzas und Bier für die letzten ägyptischen
Pfunde und Piaster. Um 1405 Uhr kommt MISR-Travel,
um uns und die alten Herrschaften aus Stuttgart abzuholen. Am
Flughafen verläuft der Check-In auf ägyptische Art:
Ein Mitarbeiter von MISR-Travel latscht an der Schlange vorbei
und macht einen VIP-Check-in. Innerhalb von 15 Minuten haben
wir das Gepäck aufgegeben (mit Cross-Check-in nach FMO!)
und haben die Paßkontrolle passiert. In der Wartehalle ist
es voll. Alle Maschinen sind an verschiedenen Gates ausgeschildert;
alle Passagiere für alle Flüge werden aber sequentiell
durch Gate 3 aufs Flugfeld gelassen, wo ein Bus einige 100m bis
zum Flieger fährt. Lange fehlen der Münchener Maschine
noch Passagiere. Wie sich später herausstellt sitzen sie
in der Frankfurter Maschine. Hier fällt es auf, denn Flug
AEF1437 ist voll ausgebucht. Ein Passagier sitzt sogar noch im
Cockpit.
Die Wartezeit bis zum Abflug ist schnell vergangen.
Beim Lunch im Hotel saßen wir mit einem (zugereisten) saarländischen
Taucher zusammen, am Flughafen trafen wir Rostelse
& Jana, mit denen wir über ihre Erlebnisse
im Hotel Megawish geplaudert haben. Dann
nahmen wir uns noch der in Oberägypten nach Pyramiden fahndenden
Stuttgarter an, die den Tieren Ägypten viel Grünfutter
weggefuttert haben.
Um 16 Uhr saßen wir dann in der Maschine.
Als die Bayern um 1625 Uhr zwangsgeräumt
waren, kann unser Flieger starten. Wegen der Vollbesetzung, des
vielen Tauchgepäcks, wegen Gegenwinds und wegen der zwei
schwächelnden Triebwerke stand der Captain vor der Alternative:
Der Kapitän entschied sich dafür, Kerosin
zurückzulassen und einen Tankstop in Istanbul einzulegen.
Um 1710 Uhr ist Sonnenuntergang
über Kairo. Hier herrscht bereits leichte Bewölkung.
Annes Ohr eitert. Große Höhen und Tiefen verkraftet
es derzeit nicht so gut. Wir fliegen auf 9.500m ü.NN. (-42°C).
In Istanbul ist es schon richtig kalt. Bei 0°C
gibt es Schneeschauer. Um 1835 Uhr OEZ
nehmen wir Anflug auf Istanbul. Um 1850 Uhr
teilt uns der Captain mit, daß wir wegen der hohen Verkehrsdichte
noch eine halbe Stunde zwischen Antalya und Istanbul in der Warteschleife
rotieren dürfen. Vielleicht hätte er doch besser eine
verträumte griechische Insel genommen. Ich schätze das
Kerosin ist in der Türkei billiger; die Konzerne sparen ja
heutzutage überall. Zur Aufhellung der Gesichter teilt uns
der Captain mit, der Anschlußflug FRA-FMO würde wohl
warten.
Um 1915 Uhr sind wir in Istanbul
gelandet. Auf der Landebahn liegt etwas Schnee. Anne will sogar
einen Schneepflug gesehen haben. Bis 20 Uhr warten wir auf
einen geeigneten Parkplatz zum Tanken. Während der Betankung
sind die Türen geöffnet und die Passagiere müssen
unangeschnallt, frierend (wegen der offenen Türen und der
abgeschalteten Triebwerke), hungernd und voll Urin, der die Blase
gern verlassen würde, die Gänge frei halten und auf
ihren Plätzen sitzen bleiben.
Um 2020 Uhr ist der Tankvorgang beendet. Nach der Betankung warten wir auf eine Starterlaubnis. Auf jedem anderen Airport wäre weniger Hudel gewesen als hier in Istanbul. Es ist, als führe man von Hamburg nach München und würde am "langen Donnerstag Abend" eine Tankstelle in der Innenstadt von Frankfurt aufsuchen; das bedeutet auch 1½ Stunden hin und zurück zur Autobahn. Traumhaft wäre ein Tankstop auf einer griechischen Insel oder, wenn's denn die Türkei sein muß, Izmir oder Antalya.
Um 2030 Uhr rollen wir wieder vom Parkplatz auf den Rollway. In Istanbul gibt es jede Spritmarke: "Petrol Ofisi", die einheimische Suppe, aber auch BP und Shell. Nur Aral habe ich vermißt und vielleicht hat unser Captain genau danach Ausschau gehalten ("I'm walkin'..."). So'n Tankstop kann glatt zwei Seiten Tagebuch füllen! Er zerstört auch Parfumflakons, wie den der jungen Frau mit den rehbraunen Augen und der getigerten Bluse. Wegen der offenen Türen holt jeder 'ne Jacke aus dem Gepäckfach und reißt dabei die Tüten mit den zollfreien Parfumflakons 1,80m mit in die Tiefe. Sie sind wohl für den Sturz von der Ladentheke ausreichend sicher verpackt, aber nicht für den Sturz aus dem Gepäckfach einer MD83.
Um 2040 Uhr hebt die Maschine
ab. Es schneit. 5 Minuten später durchstoßen wir die
Wolkendecke. Unter uns liegt Istanbul. In der Ferne ahnt man die
Brücke über den Bosporus. Wir haben 2 Stunden Verspätung.
Ab jetzt folgen alle Zeiten in MEZ: Um 1950 Uhr
sind die Anschnallzeichen erloschen. Es bilden sich gleich Schlangen
vor den Toiletten. Der Urin will 'raus, da kann Carmen Thomas
so viele Bücher schreiben, wie sie will, er muß erst
'mal 'raus. Anne wird mindestens einen Urlaub lang Flugzeuge meiden.
Eine MD83 ist der Seat-Panda unter den Fliegern: Kaum Foffo im
Triebwerk und geringe Reichweite mit einer Tankfüllung. Die
Dinger müssen für'n Appel und Ei zu haben gewesen sein.
Aero Lloyd, einige Österreicher und der Spantax-Rest
VIVA und Northern haben diese Kisten jeweils im
Dutzend gekauft. Wir fliegen von...
Istanbul über
Sofia,
Belgrad,
Plattensee,
Linz (A),
Würzburg nach
Frankfurt.
Dann zählt die Stewardeß die Passagiere für FMO. Über Sofia wird totes Curryhuhn an Reis und Buttererbsen serviert. Das Bier für 3,-DM und der Mumm-Sekt für 5,-DM sind lauwarm. Bulgarien ist wolkenlos, Jugoslawien hoffentlich bleifrei nach dem Friedensabkommen von Dayton von vorgestern. Die neuen Länder haben auf jeden Fall schon neue Fluglinien gegründet oder zumindest die alten Maschinen umgespritzt: Auf dem Istanbuler Flughafen stand eine Maschine der Fluggesellschaft "Croatia".
Um 2155 Uhr geht die Maschine
in den Sinkflug auf Frankfurt, wo wir um 2215 Uhr
landen und über Flugsteig B41 aussteigen. Um 2310 Uhr
werden wir (43 Passagiere für FMO) über Wartesaal
B4 (mit Ledersitzen und Computer-Platzreservierung) neu eingecheckt,
per Bus von B4 zurück nach B41 gebracht. Dann sitzen wir
wieder in derselben MD83. Um 2325 Uhr (statt
2145 Uhr) startet Flug AEF1483 nach FMO.
Man verteilt ein Frühstücksbeutelchen mit 0,2l O-Saft
in einer Pappschachtel mit Strohhalm, ein Stück Kuchen und
einen winzigen Betthupferl Zartbitter-Schokolade. "Zartbitter"
paßt ganz gut zu der Meinung der Passagiere über die
Fluggesellschaft. Einige Gäste sagen es drastischer: "Aero
Lloyd - nie wieder!" Dieses Urteil ist etwas
hart und man soll sowieso nie "nie" sagen! Die Gesellschaft
hat auf etwas klapprig, eng bestuhlte Maschinen gesetzt längere
Mittelstrecken, für die diese Dinger nicht konzipiert sind.
Dann fliegt man nicht "non-stop", sondern mit Zwischenlandungen
(Hamburg, Frankfurt, Luxor, Hurghâda, Istanbul, Frankfurt,
FMO). Das ist nicht gerade ICE-Tempo, eher Nahverkehrszug. Man
spart, wo es geht. Zum Abendessen kostet das Bier 3,-DM, aber
das Personal ist nicht mit ausreichend Kleingeld ausgestattet.
Viele Duty-Free-Artikel sind ausverkauft. Die Stewardessen bemühen
sich noch durch Tauschen und Nachfragen bei der Kollegin die Kundenwünsche
zu erfüllen, den Mangel umzuverteilen, was bei dem durch
Swatch-Uhren verwirrend groß gewordenen Sortiment richtig
arbeitsaufwendig ist. Sie wirken dadurch aber einigermaßen
gestreßt. Man läßt sie 16 Stunden an Bord am
Stück arbeiten - das ist zu viel! Um 2355 Uhr
landen wir auf FMO.
Anke und Johannes erwarten
uns schon auf der Aussichtsplattform des Flughafens. Johannes
winkt beidhändig. Als wir ins Flughafengebäude kommen,
überreicht Anke meiner Anne einen adventlichen Blumenstrauß
zur Begrüßung. Die Koffer sind alsbald auf dem Gepäckband
und im Passat von A&J verstaut. Um 040 Uhr
sind wir wieder zu Hause.
Alles ist geputzt und Nachbarin Renate hat einen Blumenstrauß auf den Tisch gestellt. Wir trinken ein chlorfrei schmeckendes Bier, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot, und einen Williams auf das Ende einer gelungenen Urlaubsreise.
Wir melden uns bei allen zurück. Meine Mutter
studiert den Atlas und erkundet, wo das Erdbeben war. Sie befürchtete
natürlich das Schlimmste - wie immer. Michael hatte auch
schon von dem Beben gehört und erkundigt sich, ob wir 'was
gemerkt hätten.
Anne macht die Wäsche. Vom HNO erfährt
sie, daß sie eine beidseitige Mittelohrentzündung
hat und sich künftig 'ne neue Sportart aussuchen sollte.
Elsa & Berni bereisten
Vietnam und erholten sich in Thailand in der Bucht von Krabi.
Berni hat wieder Haie im Chinesischen Meer gesichtet.
Die Termine für Dienstreisen, Weihnachtsbacken
und Weihnachtskegeln konkretisieren sich. In einem Monat ist Heiligabend.
| Land: | Arabische Republik Ägypten |
| Kennzeichen: | ET |
| Fläche: | 1.001.449 km2 |
| Einwohner: | 56,1 Mio. |
| Bev.-dichte: | 56 pro km2 |
| Hauptstadt: | Kairo |
| Staatsform: | Präsidiale Republik (seit 1971) |
| Amtssprache: | Arabisch |
| Religion: | 90% Moslems (Sunniten) |
| Währung: | Ägypt. Pfund (ägypt) |
| Mitglied: | Arabische Liga, OAPEC, OAU, UNO |
| Uhrzeit: | MEZ +1 |
Ägypten liegt im Nordosten des afrikanischen Kontinents am Rand der tropischen Zone. Der Nil, der das Land in Süd-Nord-Richtung durchfließt, ist mit 6670 km der längste Fluß der Erde. Er führt fast ausschließlich durch Wüstenlandschaften. Seine beiden Quellflüsse, der Weiße und der Blaue Nil, entspringen in Burundi bzw. in Äthiopien. Die fruchtbaren Landstriche entlang des Nils bilden eine der längsten Oasen der Welt. Im Deltagebiet weitet sich das bebaubare Land zu einem Dreieck mit 250 km Seitenlänge aus. Westlich des Nils erstreckt sich die Libysche, östlich die Arabische Wüste. Ihre 2000 m hohen Gebirgszüge reichen bis ans Rote Meer heran. Die Halbinsel Sinai, die nördlich des Roten Meeres zwischen Afrika und Asien liegt, besteht vorwiegend aus hohen Faltengebirgen und Wüsten.
Aufgrund der lokalen Windverhältnisse sinkt die Temperatur des Roten Meeres nie unter 200C. Dadurch bietet es Korallen Lebensraum, die sonst so weit nördlich des Äquators nicht gedeihen. Besonders im Golf von Akaba gibt es ausgedehnte Korallenriffe.
Das Klima in Ägypten ist das ganze Jahr hindurch heiß und trocken. Die heißesten Monate sind Juni, Juli und August. Dabei steigen die Temperaturen in Oberägypten um einiges höher (z.B. in Assuan bis 420C) als in Unterägypten, wo kühlende Winde vom Mittelmeer wehen. In den Wintermonaten, Dezember bis Februar, können die Temperaturen nachts bis auf 80C sinken. Im Frühjahr treten häufig Sandstürme (Chamsin) auf. Der Monsunregen, der in Äthiopien zwischen Juli und Oktober niedergeht, läßt den Wasserspiegel des Nils um etwa 6 m ansteigen. Seit dem Bau des Nassersee-Staudamms bei Assuan (1971) bleiben Überschwemmungen aus.
Der am weitesten verbreitete Baum in Ägypten ist die Dattelpalme. Entlang des Nils und an Kanälen wachsen Akazien und Eukalyptusbäume. Die Wappenpflanze der Pharaonen, die Papyruspflanze, kommt kaum mehr vor. Die Wildtiere Ägyptens (Gazelle, Wüstenfuchs, Schakal, Hyäne) sind durch den Eingriff des Menschen in ihrem Bestand gefährdet. Durch die zunehmende Motorisierung verliert das Kamel seine einstige Funktion als Lastenträger.
Die meisten der 56,1 Mio. Einwohner sind ägyptischer Abstammung. Nur wenige andere Volksgruppen wie Palästinenser, Beduinen und Nubier leben in Ägypten. Der Lebensraum der nomadischen Beduinen beschränkt sich auf die Libysche Wüste und den Sinai.
Seit 1952 hat sich die Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt. Die Bevölkerungsexplosion stellt für Ägypten ein großes Problem dar, da die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht beliebig ausdehnbar ist. Noch immer leben 20 bis 25% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.
90% der Bevölkerung bekennen sich zum Islam (Sunniten). Kopten, Anhänger der griechisch-orthodoxen Kirche, Katholiken, Protestanten und Juden spielen eine untergeordnete Rolle.
Amtssprache ist Arabisch; es wird von 99% der Bevölkerung gesprochen. Der Schulbesuch ist obligatorisch. Die Bildungseinrichtungen können jedoch bei weitem nicht alle Jugendlichen aufnehmen. So erklärt sich die hohe Analphabetenrate von 51,6%.
Bereits in vorgeschichtlicher Zeit, etwa seit 5000 v.Chr., bildeten sich in Ägypten erste Königreiche. Um 3000 v.Chr. vereinigte Pharao Menes das oberägyptische mit dem unterägyptischen Reich. Mit der Reichseinigung beginnt Ägyptens Frühgeschichte, die in die Abschnitte Altes, Mittleres und Neues Reich eingeteilt wird. Im Alten Reich (2670-2195 v.Chr.) erlebte die altägyptische Kultur eine erste Blütezeit. Innere Unruhen beendeten diese Phase herausragender politischer und kultureller Leistungen. Erst mit dem Mittleren Reich (1994-1650 v.Chr.) knüpfte Ägypten an das Alte Reich an. Zur Zeit des Neuen Reiches (seit 1550 v.Chr.) errang Ägypten die Vorherrschaft über große Teile Kleinasiens. 323 v.Chr. eroberte Alexander der Große Ägypten. Sein Nachfolger begründete die Herrschaft der Ptolemäer. Diese regierten bis zum Jahr 30 v.Chr. Danach verleibten die Römer Ägypten ihrem Reich ein.
Nach der Eroberung durch die Araber 639 n.Chr. blieb Ägypten viele Jahrhunderte Provinz des Kalifenreichs. Die Osmanen gliederten 1516/17 Ägypten ihrem Reich an. Von 1798 bis 1801 stand das Land unter französischer Herrschaft. Nach einer politisch instabilen Periode übernahm 1805 Mohammed Ali die Macht. 1869 wurde der Suezkanal eröffnet. In den Jahren 1892 bis 1922 war Äypten englisches Protektorat, von 1922 bis 1952 ein von England abhängiges Königreich.
Nach einem Staatsstreich unter General M. Nagib (1952) wurde Ägypten 1953 unabhängige Republik. 1954 setzte General A. Nasser Nagib ab. Im Sechs-Tage-Krieg (1967) verlor Ägypten den Sinai an Israel. Der Suezkanal wurde für die Schiffahrt gesperrt. Im Oktoberkrieg (1973) konnte ein Teil des Sinai zurückerobert werden. Seit 1975 steht der Suezkanal dem internationalen Seeverkehr wieder offen.
1979 schlossen Ägypten und Israel einen Friedensvertrag (Camp-David-Abkommen). Die Verständigung mit Israel isolierte Ägypten in der arabischen Welt. Präsident Sadat fiel 1981 einem Attentat der islamischen Terrorgruppe El-Jihad zum Opfer. Israel gab 1982 den Sinai an Ägypten zurück.
In der Arabischen Republik Ägypten nimmt der Präsident eine sehr starke Stellung ein. Die Verfassung von 1971 bestimmt ihn zum Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Armee. Amtsinhaber ist seit 1981 M.H. Mubarak. Er strebt die Annäherung an die übrigen arabischen Staaten an. Seit 1989 nimmt Ägypten wieder an der arabischen Gipfelkonferenz teil.
Das Abgeordnetenhaus hat gegenüber dem Präsidenten eine untergeordnete Position. Präsident und Parlament werden alle sechs Jahre vom Volk gewählt. Bei den letzten Wahlen (1990) erhielten die regierenden Nationaldemokraten wiederum die absolute Mehrheit. Die Entscheidung über die Gültigkeit des erneuten Sieges der Nationaldemokratischen Partei (NDP) bei den Wahlen 1995 liegt beim Obersten Verwaltungsgerichtshof. Staatsdiener und Polizei hatten die Wahl beeinflußt. Ägypten ist in 26 Gouvernements (Verwaltungsbezirke) aufgeteilt .
Im Golfkrieg (1990/91) stand Ägypten auf der Seite einer internationalen Koalition gegen den Irak unter amerikanischer Führung. Die Zusammenarbeit mit den USA brachte verstärkt die islamische Opposition auf den Plan. Islamische Fundamentalisten haben seither ihre Anstrengungen vermehrt, den Staat und seine Stellung gegenüber den westlichen Staaten durch Terroranschläge, v.a. auf Touristen, zu schwächen.
Den Angaben der Weltbank zufolge ist Ägypten ein halb industrialisiertes Land. Dennoch gehört es zu den zehn meistverschuldeten Staaten der Dritten Welt. Als Gegenleistung für die Beteiligung am Golfkrieg erließen die USA, die Golfstaaten und die wichtigsten Industrienationen Ägypten 24 Mrd. Dollar Schulden. Die momentan günstige wirtschaftliche Entwicklung mit einem Wachstum von etwa 4% wird durch eine hohe Inflationsrate (rund13%) beeinträchtigt.
35,6% der Beschäftigten sind im Agrarsektor tätig. Zur landwirtschaftlichen Nutzung eignet sich allerdings nur ein geringer Teil des Bodens. Zwei Drittel des Agrarlandes liegen im Nildelta. Angebaut werden insbesondere Zuckerrohr und Baumwolle.
Ägypten verfügt über bescheidene Erdölvorkommen. Sie konzentrieren sich zu 80% im Golf von Suez. Ein weiterer wichtiger Energielieferant ist der Nassersee (Elektrizität).
In den 1950er Jahren setzte der ägyptische Staat vermehrt auf Industrialisierung. Er förderte und steuerte die industrielle Entwicklung durch Produktionsvorgaben nach planwirtschaftlichem Vorbild. Trotz einer marktwirtschaftlichen Umorientierung seit den 70er Jahren unterliegt ein Großteil der Industrie noch immer staatlicher Lenkung. Führend sind Metall-, Nahrungsmittel- und Textilindustrie sowie der Bausektor.
Der Dienstleistungssektor beschäftigt 36,4% der Erwerbstätigen. Von großer Bedeutung für Ägypten sind die Einnahmen durch den Tourismus. Infolge der Terroranschläge islamischer Fundamentalisten erleidet das Land auf diesem Sektor starke Einbußen. Ein weiterer wichtiger Devisenbringer ist der Suezkanal.
Über 3 Mio. Ägypter arbeiten in den Nachbarländern, v.a. in der Golfregion. Mit ihren Devisenüberweisungen tragen sie erheblich zur Entlastung des Staatshaushaltes bei. Allerdings ist damit die Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften verbunden.
Wichtigste Exportgüter sind Erdöl (43%), Baumwolle, Aluminium und Textilien. Importiert werden hauptsächlich Maschinen, Weizen und Holz.
Bereits in der Frühzeit erlangte Ägypten eine kulturelle Blüte. Beeindruckende Reste haben sich bis in die heutige Zeit erhalten. Das Alte Reich (2670-2195 v.Chr.) war die Zeit des Pyramidenbaus. Die Pharaonen errichteten die Pyramiden als Grabstätten für ihre mumifizierten Körper. Cheops, Chephren und Mykerinos schufen bei Giseh die eindruckvollsten dieser Monumentalbauten.
Im Neuen Reich (1550-1291 v.Chr.) entstand der Tempel von Karnak. Pharao Ramses II. ließ überall in Ägypten Denkmäler errichten. (Luxor, Abu Simbel, Abydos). Zahllose Inschriften und Papyrusrollen in ägyptischer Hieroglyphenschrift sowie Wandmalereien ermöglichen weitreichende Erkenntnisse über die altägyptische Zivilisation.
Heute bestimmt der Islam die ägyptische Kultur. Die Gesellschaftsstruktur ist streng patriarchalisch. Allerdings gehen mittlerweile bereits 10 bis 15% der Frauen einem Beruf außer Haus nach. In der Oberschicht ist eine gute Ausbildung auch für Töchter üblich geworden.
In den Städten setzt sich ein moderner Lebensstil durch. Die Ägypter haben den Ruf nach den Indern das filmbesessenste Volk der Welt zu sein. Fußball ist der Lieblingssport der ganzen Nation.
Im Gegensatz zur städtischen Aufgeschlossenheit hat sich die Lebensweise der ländlichen Bevölkerung und der Beduinen im Laufe der Jahrtausende nur wenig verändert.
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